"O God of Earth and Altar
Bow down and hear our cry
Our earthly rulers falter
Our people drift and die
The walls of Gold entomb u
The Swords of Scorn divide
Take not thy Thunder from u
But take away our Pride "
IRON MAIDEN
,,Revelations,,
( G. K. Chesterton , English Hymnal )
Dr. Ritsuko Akagi runzelte die Stirn, als sie sich den Computer-Ausdruck näher besah. - Was in aller Welt ist das? - sie deutete auf eine Stelle des Blattes. - Doch nicht etwa...? -
Ritsukos Assistentin Maya Ibuki beugte sich zu ihr herüber. - Was ist denn? -
- Sieh dir das an. - sie reichte Maya den Ausdruck.
- Was ist das? -
- Eine Aufnahme des Gehirns des Fourth Children. -
- Nein, ich meine was ist das hier? Dieser dunkle Punkt neben dem Großhirn? -
- Wenn ich ehrlich bin... . Ich habe keine Ahnung. -
- Vielleicht ein Tumor? - Maya gab Ritsuko die Aufnahme zurück.
Nein, das glaube ich nicht. Ein Tumor wäre sicher bei den Untersuchungen in
Deutschland schon aufgefallen. -
- Aber was könnte es dann sein? -
Ritsuko zuckte mit den Schultern. - Auf jeden Fall muß das der Kommandant erfahren. Und wir müssen Nicolas sofort genauer untersuchen. Sag Major Katsuragi, daß sie sich sofort bei mir melden soll, wenn sie hier eintrifft. -
- In Ordnung. -
Ritsuko legte den Ausdruck vor sich auf den Tisch und beobachtete ihn weiter. Dann deutete sie mit einem Stift auf einen, nicht sehr großen, dunklen Punkt, direkt neben dem Großhirn.
Nicolas Noa lag in seiner Unterwäsche auf der kalten Unterlage des Scanners.
Er entspannte sich etwas und der Scanner begann mit der Analyse seines Körpers. Ritsuko beobachtete auf einem Bildschirm die Auswertung der Daten. Misato stand neben ihr und warf einen Blick über ihre Schulter, verstand jedoch nur wenig von dem, was sich auf dem Bildschirm zeigte.
- Okay, Nico. Du kannst wieder aufstehen. -
Nico erhob sich und zog seine Hose und sein T-Shirt wieder an.
Ritsuko las stumm die Daten des Scanners.
Irgendwann wurde es Misato zuviel und ihre Ungeduld siegte.
- Und? Was ist es ? -
Ritsuko seufzte und lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. - Keine Ahnung. -
- Was heißt keine Ahnung? -
- Daß ich nicht weiß, was es ist. Ich sehe so etwas zum ersten mal. -
Nico schloß den Reißverschluß seiner Hose und trat hinter Misato.
- Etwas genaueres können sie mir nicht sagen ? - fragte er.
- Sagen wir mal so. Da ist etwas in deinem Gehirn, das da nicht hin gehört. -
- Und was jetzt? Ich meine es ist nicht gefährlich, oder so... oder? -
- Ich weiß es beim besten Willen nicht. Aber ich werde in Deutschland anfragen, ob sie mir deine alten Scannerdaten senden können. Vielleicht bringt uns das etwas weiter. -
- Ich brauche mir also keine Sorgen zu machen? -
- Vorerst nicht, aber... . -
- Aber was? -
- Wenn das Ding anfängt zu wachsen könnte das dein Großhirn gefährden. -
- Na das sind ja mal gute Neuigkeiten. - sagte Nicolas sarkastisch.
- Wenn ich irgendwas neues weiß, sage ich dir Bescheid. Du solltest jetzt nach Hause gehen. -
Nico seufzte und wandte sich zum Gehen. Misato hielt ihn zurück.
- Nico warte mal. Hättest du nicht Lust heute Abend mit uns zu essen?-
- Natürlich. Wann soll ich da sein? -
- Komm doch am besten gleich mit. Dann brauchst du nicht noch mal in deine Wohnung zu laufen. -
- Gerne, Majo... Misato. - Nicolas lächelte. Er freute sich darauf Shinji und Asuka zu sehen.
- Gut, dann laß uns fahren! -
Nico aß das letzte Stück seiner Pizza und seufzte dann zufrieden.
Asuka hatte darauf bestanden, daß sie alle Pizza bestellten, da sie nicht wollte, daß Nico eines von Misatos widerlichen Fertiggerichten vorgesetzt bekam. Misato hatte nichts dagegen und spülte ihre Pizza mit viel Bier herunter. Shinji ist als erster mit dem Essen fertig gewesen, da er am wenigsten geredet hatte. Er war ziemlich still. Asuka nutze die Gelegenheit und redete auf Nicolas ein. Dieser war verblüfft, wie leicht es ihm fiel dieses Mädchen zu ertragen.
Draußen hatte es mittlerweile angefangen zu regnen.
Asuka schaute aus dem Fenster und sah dann Misato an, die gerade ein weiteres Bier öffnete. Pen Pen, Misatos Warmwasser Pinguin, saß auf ihrem Schoß und ließ sich von Misato hinter den Ohren kraulen.
- Nico? -
- Ja, Asuka? -
- Ich habe eine prima Idee. Warum übernachtest du nicht heute hier? Ich meine du willst doch nicht bei dem Regen zu deiner Wohnung laufen. Und Misato kann dich bestimmt nicht mehr fahren. -
Misato hörte kurz auf Pen Pen zu kraulen, was dieser mit einem Kreischen bekundete. - Ich fürchte... . - sagte sie mühsam. - Ich fürchte, sie hat Recht, Nico. Ich kann dich nicht mehr fahren. - Sie kraulte Pen Pen weiter hinter den Ohren.
- Dann kann Nico heute Nacht hier bleiben? fragte Asuka.
- Meinetwegen. - Misato war kaum zu verstehen, da sie einen tiefen Schluck aus der Dose nahm, während sie redete.
- Wir legen einfach eine Decke auf den Boden in Shinjis Zimmer. Das sollte reichen. -
- Was? schrie Asuka fast. - Ich dachte Nicolas schläft in meinem Zimmer. Warum soll er bei diesem Trottel Shinji schlafen? -
Misato setzte die Dose ab und dachte offenbar nach, was ihr wegen der Unmengen an Bier, die sie schon intus hatte, nicht einfach viel.
Sie musterte Nicolas und Asuka aus zusammengekniffenen Augen.
- Na gut. Aber wehe ihr beiden... ach... ihr wißt schon. -
Asuka sprang auf und zog Nico von seinem Stuhl.
- Danke, Misato. Wir gehen Schlafen. Gute Nacht. -
Asuka und Nicolas verschwanden in Asukas Zimmer.
- Asuka scheint ja wirklich einen Narren an ihm gefressen zu haben. -
- Stört dich das, Shinji ? -
- Nein. Mir fällt nur auf, daß sie sich sehr seltsam benimmt. -
Misato kicherte. - Ich glaube, sie ist verliebt. -
Shinji nickte. - Gut möglich. -
Misato kicherte weiter. - Jetzt fehlt nur noch, daß du und Rei... . -
Shinji stand mit einem Ruck auf und sah Misato wütend an.
- Ich gehe auch Schlafen. Nacht, Misato. -
- Nacht , Shinji. Und träum was Schönes... von Rei. -
Shinji knurrte und verließ die Küche. Misato kicherte noch eine Weile und kraulte Pen Pen weiter hinter den Ohren.
Kommander Ikari saß in seinem "Büro" und las den ersten Bericht des Fourth Children.
Subkommander Fuyuzuki stand neben ihm. Keiner sagte ein Wort. Ikari überflog die letzte Seite und sah dann auf.
- Und? - fragte Fuyuzuki
Ikari antwortete ohne ihn anzusehen. Er blickte stur geradeaus.
- Alles wie erwartet. Nichts Außergewöhnliches. -
- Bist du sicher, daß es eine gute Idee war? Bringt es überhaupt etwas? -
Fuyuzuki versuchte Ikari in die Augen zu sehen, aber die reflektierenden Brillengläser, die Ikari immer trug, verhinderten das.
- Unser Plan darf nicht gefährdet werden. -
Diese Antwort genügte dem Subkommander nicht.
- Weiß SEELE davon? -
- Bestimmt. Sie versuchen immer alles zu wissen. -
- Aber sie wissen nicht alles. -
Fuyuzuki glaubte eine Spur amüsiertheit in Ikaris Stimme zu hören, als dieser antwortete :
- Wer weiß. Das wird die Zeit zeigen. -
Beide schwiegen für eine Weile. Dann brach Fuyuzuki erneut die Stille.
- Wer ist dieser Junge überhaupt? Seine Akte ist genauso informativ, wie die von Rei.-
- Er ist das Fourth Children. - war Ikaris knappe Antwort.
- Das meinte ich nicht. Wer ist er wirklich? -
- Ein Werkzeug. Ein Werkzeug für unseren Plan. -
- Für dich sind doch alle Menschen Werkzeuge. - sagte Fuyuzuki trocken.
Ikari antwortete nicht.
Rei Ayanami öffnete ihre Augen. Über ihr war eine Zimmerdecke. Sie war weiß.
Ich bin im NERV Hospital, dachte Rei. Also habe ich den Kampf überlebt. Sonst würde ich nicht hier aufwachen.
Sie setze sich auf und sah sich kurz im Zimmer um. Ein Schrank, ein Fenster,
ein Stuhl neben ihrem Bett, eine kleine Kommode mit einem Bild drauf... nichts
Besonderes. Rei stockte. Ein Bild? Wie kam das hierher? Sie streckte ihre Hand aus und nahm das Bild von der Kommode.
Es war mit Bleistift gezeichnet... und es zeigte sie.
Rei war verwirrt. Warum hatte jemand ein Bild von ihr gemalt? Warum sollte jemand ein Bild von ihr malen? Sie betrachtete es genauer.
Der Zeichner schien sehr begabt, so weit Rei das beurteilen konnte. Sie hatte noch nicht viele Bilder gesehen. Ganz unten stand etwas in einer
kleinen, schönen Handschrift. "Rei Ayanami 2015". Sie legte das Bild neben sich aufs Bett und stand auf. Jemand klopfte an die Tür.
- Rei? - fragte eine Stimme die Rei kannte.
- Ja. - war ihre leise Antwort.
Ritsuko öffnete die Tür und trat ein.
- Schön, daß es dir wieder besser geht. -
Rei erwiderte nichts. Ritsuko war daran gewöhnt und kümmerte sich deshalb nicht darum.
Ritsuko hob ein Krankenblatt, daß sie unter dem Arm getragen hatte, und las sich noch mal einige Daten durch.
- Deine Verletzungen sind geheilt. Es scheint alles in bester Ordnung zu sein. Zieh dich an und dann komm zu Kommander Ikari. Er möchte dich sehen. -
Rei nickte. Ritsuko wandte sich zum Gehen als Reis sanfte, leise Stimme hinter ihr erklang.
- Ich sollte heute Morgen eigentlich zu ihnen kommen. -
Ritsuko runzelte die Stirn. -... Ach so. Das kann warten. Der Kommander möchte erst mit dir sprechen. Wir verschieben das auf Morgen. In Ordnung? -
Rei nickte ein weiteres mal. - Verstanden. -
Ritsuko verließ das Zimmer und die Tür schloß sich automatisch hinter ihr. Rei war wieder allein.
Sie atmete erleichtert aus. Gespräche mit anderen Menschen waren immer anstrengend für sie. Sie öffnete den Schrank und fand darin ihre Schuluniform. Rei zog sich an und wollte gehen als ihr Blick noch einmal auf das Bett fiel. Und auf das Blatt Papier, daß auf ihm lag. Sie ging zum Bett und nahm die Zeichnung. Was sollte sie damit machen?
Ihr Rock hatte keine Taschen und ihre Schultasche stand in ihrem Apartment. Rei überlegte, ob sie zuerst zum Locker Room gehen sollte um die Zeichnung dort zu verstauen. Aber Kommander Ikari erwartete sie. Konnte sie ihn
warten lassen? Rei dachte kurz darüber nach und verließ dann das Krankenzimmer.
Er öffnete die Tür zu seinem Apartment und trat ein. Gähnend zog er seine Schuhe aus.
Dann ging er durch den kurzen Flur und betrat seinen Schlafraum, der ihm gleichzeitig als Wohnzimmer und Küche diente. Sein Blick streifte die Staffelei, die ein noch immer weißes Blatt trug. Nicos Blick glitt weiter durch sein Zimmer. Dann stockte er. Auf seinem Bett stand ein Päckchen.
Das war vollkommen unmöglich. Die Tür war verschlossen gewesen. Niemand hätte das Apartment betreten können.
Er setzte sich auf sein Bett und untersuchte das Päckchen. An ihm war
nichts Außergewöhnliches. Außer dem Zeichen, daß auf ihm trohnte. Ein umgekipptes Dreieck mit sieben Augen.
Ein eisiger Hauch fuhr durch Nicos Glieder. Was konnten sie von ihm wollen?
Er schluckte und ballte seine linke Hand zur Faust. Dann nahm er das Päckchen und öffnete es.
In ihm war eine Akte. Auf der ersten Seite stach das NERV Logo ins Auge. Darunter stand in roten Buchstaben "Top Secret". Nicolas schluckte ein weiteres mal und blätterte um. Auf der nächsten Seite stand: First Children, Rei Ayanami. Er runzelte die Stirn und blätterte noch mal um.
Nicolas begann zu lesen. Und sein Gesichtsausdruck veränderte sich mit jeder Zeile, die er las, mit jedem Wort, daß seine Augen entzifferten. Er fing an zu zittern und legte die Akte auf sein Bett. Er konnte nicht weiterlesen. Er wollte es nicht... und doch seine Augen konzentrierten sich gegen seinen Willen wieder auf den Text und offenbarten ihm ein schreckliches Geheimnis.
- ... Nein... . - sagte er leise zu sich selbst.
- Das ist unmöglich... das ist... krank... .-
Nicolas hatte gewußt, daß er weit gehen würde... aber SO weit ?
Wie konnte ein Mensch so etwas tun? Nico versuchte zu schlucken, aber es ging nicht. Seine Kehle war staubtrocken. Er stand auf und ging zum Waschbecken.
Dann drehte er den Wasserhahn auf und trank, als hätte er seit Tagen nichts mehr getrunken. Danach sank er kraftlos wieder auf sein Bett.
Die Akte lag neben ihm. Er beachtete sie nicht.
- Warum? - fragte er.
- Es ist Wahnsinn... was er... getan hat ist Wahnsinn. -
Ein weiterer Gedanke formte sich in seinem Kopf. Warum hatten sie ihm diese Information zukommen lassen? Was bezweckten sie damit?
Sie hatten sicher ihre Gründe, dessen war Nico sich sicher.
Sie taten nichts ohne einen Grund.
Er legte seinen Kopf auf das Kissen und schloß die Augen. Er war müde. Auf einmal war er sehr müde.
Ich muß mit Ayanami reden, dachte er.
Ob sie es wohl weiß? Wahrscheinlich schon. Wie sie sich wohl fühlt? Fühlt sie überhaupt irgendwas? Was ist das für ein Gefühl ein... .
Nico vertrieb den Gedanken schnell wieder.
Kurz bevor er die Augen schloß und einschlief hatte er noch einen letzten Gedanken
Ich muß mit ihr darüber reden. Ich habe das Gefühl, daß ich mit ihr reden muß.
Nicolas saß im Test-Plug von EVA-03 und hatte die Augen geschlossen. Er versuchte sich auf den Harmonix-Test zu konzentrieren,
aber er schaffte es nicht seine Gedanken in eine ruhige Bahn zu
lenken. Ayanami war nur zwei Plugs von ihm entfernt. Dieser Gedanke beruhigte Nicolas nicht sonderlich. Nicht jetzt, wo er wußte, was sie... . Sein Gedankengang wurde durch eine Stimme gestört, die durch die Stille seines Test-Plugs schnitt.
- Nico, deine Harmonix-Werte sind um 5 Punkte gefallen. Stimmt irgendwas nicht? -
- Nein, Major. Alles in Ordnung. -
- Ich hab dir doch gesagt, du sollst mich Misato nennen. -
Nicolas öffnete die Augen und sah das Bild von Misato an, daß vom Beobachtungsraum in seinen Plug projiziert wurde.
- Entschuldigung... Misato. -
Das Bild von Misato lächelte. - OK. Schluß für heute. Kommt da raus! -
- Na endlich. - hörte Nico Asuka stöhnen. - Ich dachte schon dieser blöde Test dauert noch ewig. -
Die Wände des Plugs wurden dunkel, als die Verbindung zu Nicos Gehirn unterbrochen wurde.
Alle Plugs öffneten sich und die vier "Childrens" stiegen aus. Asuka streckte sich.
- Scheisse, von dem vielen Sitzen schlafen mir immer alle Muskeln ein. -
Shinji sah so aus, als könnte er es kaum erwarten endlich aus dem Plug-Suit zu steigen und den widerlichen Geruch des LCL abzuwaschen.
Und Rei... war eben Rei.
Nicolas erinnerte sich daran, was er vorhatte.
Er stand außerhalb des Locker Room und wartete auf Rei.
Er war in Gedanken versunken und so bemerkte er sie erst, als sie an ihm vorbeilief.
- He, Ayanami. Warte bitte mal einen Moment. -
Rei blieb stehen und drehte sich um.
- Pilot Noa. Stimmt etwas nicht? -
- Nein... es ist nur... ich muß mit dir reden. -
Rei nickte. Nico schüttelte den Kopf. - Nein, nicht hier. Hier haben die Wände Ohren. Darf ich dich nach Hause begleiten? -
Rei schien darüber nachzudenken. - Ja. - sagte sie dann und ging los. Nico folgte ihr.
Auf dem Weg an die Oberfläche sagte keiner von beiden ein Wort. Erst als sie die Geo-Front verlassen hatten und sich in den Straßen von Neo-Tokyo-3
Befanden, öffnete Nico seinen Mund.
- Du weißt es, oder ? - fragte er nur.
- Wissen? - fragte Rei nur.
- Was du... was du bist. Du weißt es oder? -
- Ja. -
- Macht es dir keine Angst? -
- Nein. - Nico seufzte. Er hatte befürchtet, daß das so enden würde.
- Sollte es denn? - fragte Rei.
Nico sah auf. Diese Frage hatte er nicht von ihr erwartet.
- Ich weiß nicht... vielleicht. Mir macht es auf jeden Fall Angst. -
Reis Gesichtsausdruck veränderte sich. Nicolas konnte nicht beschreiben, in was er sich veränderte, aber ihre Miene war nun anders. als noch vor ein paar Sekunden.
- Du... hast Angst...vor mir? - Auch Reis Stimme hatte sich verändert. Nico glaubte Verwirrung in ihr zu hören.
- Nicht vor dir... aber vor dem, was du bist. Was sie mit dir gemacht haben. -
- Weshalb macht dir das Angst? -
Nico ließ sich Zeit mit seiner Antwort.
- Weil es einfach... Wahnsinn ist. Es ist Wahnsinn, was sie getan haben. -
- Warum? -
- Sie hätten es nicht tun dürfen. Nur Gott gebührt dieses Recht. Und sie haben es sich einfach genommen. Sie haben... herumgespielt und seine Regeln gebrochen.
Und das alles nur um... . -
Er konnte nicht weitersprechen. Rei blieb plötzlich stehen.
- Ich glaube, ich verstehe nicht ganz, was du meinst. -
- Hast du je eine Bibel gelesen, Ayanami? Weißt du, was Gott ist? -
- Ich weiß es... aber ich verstehe es nicht. -
- Verstehst du denn, daß nur ER dieses Recht hat. Nur Gott darf... Leben erschaffen. Sie dürfen nicht einfach damit herumexperimentieren. -
- Warum? Warum darf nur Gott Leben erschaffen? -
Nicolas wußte keine Antwort auf diese Frage.
- Weißt du, warum sie es getan haben? - fragte er statt zu antworten.
- Ja. -
- Und warum? -
- Ich darf es dir nicht sagen. Kommander Ikari sagt, niemand darf es wissen. -
Er biß sich auf die Lippe. Das hatte er erwartet. In der Akte stand zwar das WAS, aber nicht das WARUM.
- Wenn du es weißt... warum vertraust du ihm dann noch? -
- Kommander Ikari ist der einzige, dem ich vertraue. -
- Warum? -
Rei wollte antworten, aber sie wußte keine Antwort. Sie forschte in ihren Erinnerungen nach einer Antwort auf diese Frage. Aber da war keine.
Alles was sie wußte war, daß sie Kommander Ikari vertrauen konnte.
Er war der einzige Mensch, der sich um sie kümmerte, der einzige Mensch, dem sie vertraute. Rei fand keine Begründung dafür, sie wußte es einfach.
Als sie keine Anstalten machte zu antworten, sprach Nico weiter.
- Ayanami, vielleicht willst du es gar nicht hören... aber ich weiß, warum du ihm vertraust. -
Nico glaubte ein Leuchten in Reis roten Augen zu sehen. Ein Aufleuchten von
Neugier?
- Willst du es hören? - fragte er sie. - Vielleicht wird es dir weh tun. Willst du es wirklich wissen? -
Rei zögerte und nickte dann. Nicolas atmete tief aus. - Sie haben es dir durch irgendwelche Mittel einsuggeriert. Ich weiß nicht wie, ich weiß nur, daß sie es gemacht haben.
Du vertraust ihm nicht aus eigenem Willen. Du bist manipuliert worden. -
An Reis äußerlicher Fassade änderte sich nichts.
Nico redete weiter. - Es ist eine Art Sicherungsmechanismus, damit du dich nicht gegen ihn wendest. Ich weiß nicht, was er plant, aber du scheinst ein wichtiger Teil davon zu sein. -
Rei erwiderte nichts. Sie sah ihn noch nicht einmal an.
- Du weißt, was er vorhat, oder? -
- Ja. -
- Aber du darfst es mir nicht sagen ? -
- Nein. -
Er seufzte.
- War das alles? - fragte Rei.
Nico schüttelte den Kopf. - Eine Sache noch. Wenn er etwas tut, daß dich in einen Konflikt bringt. Etwas das mit deinen... Motiven, oder was auch immer, zusammenstößt... dann mußt du dir bewußt werden, auf welcher Seite du stehst.
Auf der Seite des Mannes, der dich erschaffen hat, dich manipuliert und dich für seine Pläne benutzt, oder auf der Seite deiner Freunde. -
- Freunde? - Rei schien weiterhin verwirrt.
- Ja. Shinji, Misato, ich und auch Asuka sind deine Freunde. Wenn du möchtest, kannst du auch uns trauen. -
Rei nickte. - Ich verstehe. -
Nico nickte ebenfalls. - Dann Gute Nacht, Ayanami. Bis Morgen. -
Nico drehte sich um und ging.
- Noa. - rief Rei ihm leise hinterher. Er blieb stehen. - Ja? -
- Warum hast du mir das erzählt? -
- Ich weiß auch nicht. Ich hatte das Gefühl, du hast ein Recht es zu wissen. -
Rei dachte kurz nach. - Bis Morgen, Noa. - sagte sie dann und ging in die Richtung ihres Apartments.
Misato stemmte die Hände in die Hüften. Ihr gegenüber standen die vier EVA Piloten. Sie musterte jeden eine Weile. Dann drehte sie sich um und zeigte auf einen Videoschirm, der vor ihr aufflammte.
- Der Engel kommt zurück. - begann sie schlicht. - Wir wissen nicht, wo er sich in den letzten Tagen aufgehalten hat, aber er ist wieder da. Vor einer halben Stunde ist er in unsere Radarreichweite eingedrungen. In ungefähr einer Stunde wird er
Neo-Tokyo 3 erreicht haben. Ihr sollt ihn vor der Stadt abfangen und natürlich von
ihr fernhalten. -
Auf dem Bildschirm sah man, wie der Engel über eine Straße marschierte.
Shinji hob den rechten Arm.
- Entschuldigung Misato, aber... was soll ihn davon abhalten uns genauso in den Boden zu stampfen wie beim letzten Mal? -
- Wir werden diesmal anders vorgehen. Ich habe einen Plan ausgearbeitet. Ähnlich, wie bei der Vernichtung des 5. Engels werden wir auch diesmal versuchen das A.T. Field durch Punktbeschuß aus großer Entfernung zu durchbrechen. -
- Wieder mit der Positronenkanone? - fragte Shinji
- Nein. Wir kriegen nicht noch mal die Genehmigung die Energie von ganz Japan zu benutzen. Außerdem ist das nicht nötig. Wir bekommen für diese Operation eine neue Waffe zugeteilt.
- Eine neue Waffe? - Asuka machte einen fröhlichen Eindruck. Sie schien sich, wie immer, auf den Kampf zu freuen.
- Ja. Den AATF Laser. Er ist speziell dafür entwickelt worden das A.T. Field der Engel zu durchbrechen. Im Gegensatz zur Positronenkanone braucht er jedoch nicht soviel Energie. -
Nicolas grübelte. Dann sprach er Misato an.
- Aber die Menge an Energie, die er verbraucht muß trotzdem gewaltig sein. Mann durchbricht ein A.T. Field nicht mit der Energie aus einer Taschenlampenbatterie. -
Misato grinste. - Da hast du natürlich Recht, Nico. Ich weiß auch nicht genau, wie der Laser seine Energie bezieht, aber auf jeden Fall ist er für unsere Operation perfekt geeignet. -
- Wie genau sieht dein genialer Plan denn aus, Misato ? - fragte Asuka, die es anscheinend kaum noch erwarten konnte dem Engel in den Arsch zu treten.
- In der Theorie ist er einfach. Einer von euch geht mit dem AATF Laser in Position. Die anderen locken den Engel zu einer bestimmten Stelle und sorgen dafür, daß er von dort nicht verschwindet. Dann ziehen sie sich blitzschnell aus der Schußlinie zurück und der Schütze vernichtet den Engel. -
- Klingt gut. Aber da gibt es doch bestimmt einen Haken. - Ein kleines bißchen von Asukas Enthusiasmus verschwand.
Misato seufzte. Jetzt kam der Teil, der ihr wenig behagte.
- Natürlich. Alles hat einen Haken. Mindestens einer von euch muß bei dem Engel bleiben und dafür Sorgen, daß er sich nicht aus der Reichweite des Schützen entfernt. Er muß sozusagen den Köder spielen und den Engel so lange beschäftigen, bis der Schütze schießen kann. Dann, wenn der Schütze bereit ist, muß der Köder schnell verschwinden, sonst besteht die Gefahr, daß er in die Schußlinie des Schützen gerät. -
Für kurze Zeit sagte keiner ein Wort. Dann fragte Asuka leise:
- Und wer wird der Köder sein? -
- Ich denke, es wäre am besten, wenn sich einer von euch freiwillig dafür melden würde. Ich möchte eigentlich keinem von euch diese Aufgabe aufzwingen. -
Rei hob den Arm. - Ich melde mich freiwillig. -
- Das dachte ich mir... aber EVA-00 ist noch nicht vollkommen repariert und deshalb für diese Aufgabe nicht geeignet. -
Rei ließ ihren Arm wieder sinken.
- Wenn sich sonst keiner meldet, dann muß ich ja wohl... . - setze Asuka an, wurde aber von Nicolas unterbrochen. -
- Ich werde es tun. -
Asuka sah ihn ungläubig an. Shinji schien erleichtert und Rei war emotionslos wie immer.
- Bist du dir da sicher, Nico? -
- Ich bin die logischste Alternative. Ich habe die höchsten Synchronwerte und mein EVA ist beim letzten Kampf nur leicht beschädigt worden. Außerdem bin ich im Nahkampf am besten. Die Schützenposition würde mir sowieso nicht liegen. -
Misato nickte langsam. - Du hast Recht. Trotzdem gefällt es mir nicht. -
Asuka fand ihre Sprache wieder. - Es ist immerhin dein Plan. Wenn er dir nicht gefällt, mußt du ihn ändern. - sagte sie bissig.
- Dafür reicht die Zeit nicht. Also in Ordnung. Nico ist der Köder. Asuka du treibst den Engel auf Nicos Position und hälst dich dann zurück. Sollte er jedoch in große Schwierigkeiten geraten, greifst du ein. -
Asuka nickte. - Verstanden. -
Misato wandte sich an Shinji und Rei.
- Rei, da dein EVA noch nicht zu Hundert Protzent einsatzbereit ist, solltest du keinen Nahkampf mit dem Engel wagen. Deshalb wirst du der Schütze sein. -
Reis Reaktion bestand aus einem leisen "Verstanden".
- Shinji, du bist für Reis Schutz zuständig. Wenn alles glatt läuft, hast du nichts zu tun... sollte jedoch etwas schieflaufen, mußt du Rei beschützen. Wenn Rei danebenschießt, muß sie vielleicht ihre Position wechseln oder, wenn der Engel sie zu früh bemerkt, fliehen. Wenn der Engel sie direkt angreift, mußt du ihn von ihr und dem Laser ablenken. Verstanden? -
Shinji biß sich auf die Lippe. - Verstanden. -
- Ach ja, Rei. Noch etwas: Wenn du fliehen mußt, dann vergiß nicht den Laser wieder mitzunehmen. Wir haben nur dieses eine Exemplar und werden wohl auch keinen Ersatz kriegen, wenn es beschädigt oder zerstört wird. -
- Verstanden. -
- Das wäre alles. Macht euch fertig. Und... viel Glück. -
Ich soll Rei beschützen? Bin ich dazu in der Lage? Was wenn ich etwas falsch mache und sie meinetwegen umkommt? Was wenn... Nein. Ich muß damit aufhören.
Ich muß aufhören mich selber ständig verrückt zu machen.
Ich darf nicht wegrennen, ich darf nicht wegrennen, ich darf nicht wegrennen.
Aber was wenn...?
Sie waren auf dem Weg zu den EVAs. Shinji, Rei, Asuka und Nicolas gingen stumm nebeneinander her. An einer Kreuzung trennten sie sich wortlos. Nicolas und Asuka gingen weiter zu Cage 7, in dem EVA-02 und 03 standen. Shinji und Rei betraten Cage 6, wo gerade die Kühlung von EVA-00 und 01 abgeschlossen worden war.
Shinji wurde von seinen Gedanken geplagt. Er hatte Angst. Wie vor jeden Kampf. Er wollte nicht kämpfen. Er hatte Angst, daß er einen Fehler machte und daß Rei und seinen Freunden etwas passierte. Er wollte nicht kämpfen. Aber er wußte, daß es seine Pflicht war. Er mußte kämpfen. Genau wie die anderen Childrens hatte er keine Wahl. Sie waren auserkoren um die Menschheit zu retten. Früher hätte Shinji darüber gelacht. "Auserkoren um die Menschheit zu retten" hätte für ihn unglaublich phatetisch und heroisch geklungen. Doch diese Zeiten waren vorbei.
Es war bitterer Ernst. Er, ein kleiner, schwacher 14 jähriger Junge, mußte zusammen mit seinen Freunden riesige Semi-Biologische Kampfroboter steuern und die Erde gegen Außerirdische Invasoren verteidigen. Er war vor EVA-01 angekommen und blieb stehen. Rei ging noch ein paar Schritte weiter und blieb dann ebenfalls stehen.
Ihr EVA-00 war noch viele Meter entfernt.
- Ikari. -
Shinji drehte seinen Kopf zu ihr und sah sie fragend an.
- Ja? -
- Diesmal ist es umgekehrt. -
- Wie... meinst du das? - Shinji verstand nicht genau, was Rei wollte.
- Diesmal bin ich der Schütze und du beschützt mich. -
- ... Stimmt. Ich... . - Er stockte. Worauf genau wollte sie hinaus?
- Ich vertraue dir. Mir wird nichts passieren. Du wirst mich beschützen. -
Mit diesen Worten drehte Rei sich um und lief zu EVA-00.
Shinji stand noch immer an der selben Stelle und war sprachlos. Hatte Rei das wirklich gesagt oder hatte er sich verhört. War da eine Spur von... Wärme in ihrer Stimme gewesen oder hatte er sich verhört. Er wußte es nicht. Was er wußte war, daß seine Zweifel plötzlich kleiner waren. Seine Angst, er könnte etwas falsch machen und Rei würde verletzt oder getötet werden, war auf einmal nicht mehr so groß. Sie vertraute ihm. Sie vertraute nicht mehr nur seinem Vater, sondern sie vertraute auch ihm. Shinji lächelte und stieg in den Entry-Plug.
Der 11. Engel durchbrach ein kleines Waldstück und blieb plötzlich stehen.
Vor ihm stand eine große, rote Maschine. Der Engel bewegte sich nicht.
EVA-02 hob einen Raketenwerfer und feuerte auf den Engel. Die Rakete wurde vom A.T. Field abgefangen und richtete keinen Schaden an.
- Verdammt noch mal, beweg dich! - fluchte Asuka. Sie feuerte ein weiteres Mal, wieder mit wenig Erfolg. Aber ihre Aufgabe war ja nicht den Engel zu zerstören, sie sollte ihn zu Nicolas locken. EVA-02 machte zwei Schritte nach hinten und feuerte ein drittes Mal. Endlich kam Leben in den Engel. Er ging auf den EVA zu.
Asuka lächelte. - Sehr gut. Komm zu Mama. - Sie lief weiterhin rückwärts und schoß ab und zu auf den Engel. Er lief brav hinter ihr her. Bis jetzt lief alles nach Plan.
Sie öffnete eine Verbindung zu EVA-03. - Okay, Nicolas. Es scheint zu klappen. Er folgt mir. Halt dich bereit. - Danach öffnete sie einen Kanal zu EVA-00.
- Streberin, mach dich fertig! Wir sind bald da. -
- Verstanden. - Rei ließ sich von Asukas abfälligem Tonfall nicht beeindrucken.
Das machte Asuka für gewöhnlich nur noch wütender, aber jetzt war keine Zeit für sowas.
- Asuka, ich kann dich sehen. - das war Nicolas. Er stand, in EVA-03, auf einer
relativ ebenen, breiten Fläche. Von ihrer erhöhten Position aus hatte Rei ideales Schussfeld auf seine Position. EVA-01 kniete neben EVA-00. Er hatte bis jetzt noch keine Aufgabe.
Der Engel kam jetzt ebenfalls in Nicos Blickfeld. - In Ordnung, Asuka. Lock ihn noch ein bißchen weiter und dann geh in Deckung. Ich übernehme den Rest. -
- Okay. Viel Glück, Nico. -
- Danke. -
Asuka feuerte noch zwei weitere Male Raketen auf den Engel, dann brach sie den Beschuß ab und zog sich blitzschnell zurück. Der 11. Engel blieb stehen und überlegte wohl, ob er sie verfolgen sollte. Da bemerkte er EVA-03. Nicolas fuhr die beiden Prog-Schwerter aus und aktivierte sie. Er atmete ein paar mal tief ein und wartete. Der Engel erhob sich in den Himmel und flog auf Nicolas zu. EVA-03 stellte sich in eine Haltung, die an einen Samurai, aus alten japanischen Filmen erinnerte. In letzter Sekunde sprang Nicolas zur Seite und der Engel landete dort, wo er eben noch gestanden hatte. Ein kurzes Klingeln verriet Nico, daß er sich nun in Reis Schußfeld befand.
Rei beobachtete den Kampf zwischen EVA-03 und dem Engel äußerlich teilnahmslos. EVA-01 stand mit ihr in Verbindung. Sie beobachtete Shinji und stellte fest, wie sich sein Gesicht immer ängstlich verzog, wenn EVA-03 einen Treffer einsteckte. Dann kam Misatos Befehl. - Rei mach dich bereit! Lade den Laser! -
- Ja. - EVA-00 drückte einen Knopf an der linken Seite der Waffe.
Misato gab der Brückencrew Befehle.
- Energieanschluß des Laser überprüfen. -
- Energieanschluß klar. - Makoto Hyuga überflog seinen Bildschirm.
- Zielsystem des Lasers? -
- Klar. -
- Lichtpatrone? -
- Geladen und Einsatzbereit. Alles fertig zum Feuern. -
- Sehr gut. Rei... schieß, sobald du freies Schußfeld hast! -
- Okay. -
Nico wich einem weiteren Schuß des Engels aus und griff dann selber an. Er holte über den Kopf aus und ließ den rechten Arm mit dem Prog-Schwert nach unten sausen. Der Engel machte einen schnellen Schritt nach links und der Schlag ging ins Leere. Nicolas gab sich jedoch nicht geschlagen und setzte sofort mit dem zweiten Schwert nach. Diesem Schlag konnte der Engel nicht ausweichen. Das Schwert bohrte sich in den Unterkörper des Wesens, schien jedoch keinen sichtbaren Schaden anzurichten. Nicolas fluchte. Misatos Gesicht erschien in seinem Entry-Plug. - Nico, der Laser ist bereit. Löse dich vom Engel und zieh dich schnell zurück. -
- In Ordnung. -
Nico wollte den Kampf abbrechen, aber der Engel hatte andere Pläne. Mit einem gewaltigen Schwinger schlug er ihm das rechte Prog-Schwert aus der Hand und faßte gleichzeitig den rechten Arm des EVA. Nicolas fluchte ein weiteres Mal und versuchte sich irgendwie aus der Umklammerung zu lösen. Es ging nicht. Der Engel hielt ihn eisern fest. Er hatte seinen rechten Arm in einem Schraubstock.
- Rei, auf keinen Fall schießen! Nicolas kommt da nicht weg. -
Rei nahm den Finger vom Abzug und legte ihn auf die Steuerung.
Asuka meldete sich. - Soll ich ihm helfen?
- Nein, auf keinen Fall. Bleib in Deckung! -
- Aber... . -
- Kein Aber. Tu was ich sage! -
Wortlos unterbrach Asuka die Verbindung.
Der Engel versuchte nun auch den zweiten Arm des EVA zu fassen zu kriegen.
Wenn ich nicht bald etwas tue, hat er mich, dachte Nicolas.
- Ayanami. - sagte er.
- Ich zähle jetzt bis Drei. Wenn ich bei Drei angekommen bin, schießt du! Egal was passiert. Verstanden? -
- Ja. - Rei legte den Finger wieder um den Abzug. Shinji schluckte. Was hat er
vor? Misato fragte sich dasselbe. Ich hoffe der Junge weiß, was er tut.
- Nico, was hast du vor? - Asuka war besorgt. Sie hatte...Angst.
- Asuka... laß mich bitte kurz in Ruhe. - Mit diesen Worten unterbrach Nico die Verbindung. Nur den Kanal zu EVA-00 ließ er offen.
EVA-03 hob den linken Arm.
- Eins. -
Der linke Arm sauste herunter...
- Zwei. -
... und durchtrennte den Rechten Arm von EVA-03. Nicolas schrie laut auf. Sein Schrei hallte durch die Verbindung in Reis EVA wieder, als er durch das Feedback seines EVAs den Schmerz zu spüren bekam.. Die gesamte Brückencrew hörte ihn, über die Verbindung zwischen der Brücke in EVA-00.
- Drei. - Schrie Nico unter Schmerzen und ließ sich zu Boden fallen.
Reis Finger krümmten sich um den Abzug und eine weiße Lichtlanze schoß aus der Mündung des Lasers und bohrte sich in den Torso des Engels. Einige Sekunden lang schien das keine Wirkung auf den Engel zu haben. Dann verging der Gesandte Gottes in einer gewaltigen Explosion.
Subkommander Fuyuzuki betrat das Büro von Kommander Gendo Ikari und blieb hinter seinem alten Freund stehen.
- Diesmal hat es keine Wirkung gezeigt. Bist du sicher, daß dein Plan funktioniert? -
- Absolut sicher. - sagte Ikari knapp.
- Aber während des Kampfes hat es keine Anzeichen dafür gegeben. -
- Ich weiß. Aber das macht nichts. Es wird alles nach meinem Szenario ablaufen. Bald wird es soweit sein. -
Fuyuzuki nickte nur und sagte nichts. Die beiden Männer schwiegen sich noch lange an. Nach einer Ewigkeit drehte sich der Subkommander um und verließ den dunklen, sterilen Raum. Gendo Ikari rührte sich nicht. Doch wenn man genau hinsah, konnte man erkennen, daß er lächelte. Es war ein kaltes und berechnendes Lächeln.
- Warum hat er das getan? Warum, verdammt? -
Shinji zuckte mit den Achseln. - Er sah wahrscheinlich keine andere Möglichkeit. -
- Schwachsinn. - schrie Asuka. - Er hätte vorher die Nervenverbindungen trennen müssen. Warum war er so bescheuert sich dieser Schmerzen auszusetzen? -
- Er dachte vielleicht, daß das zu lange dauern würde. Und damit hatte er wahrscheinlich sogar Recht. -
- Trotzdem... . - Asuka seufzte. Sie hasste es, wenn Shinji Recht behielt.
Shinji grinste plötzlich. - Kann es sein, daß du diesen ganzen Aufstand machst, weil du dich in ihn... ? Er kam nicht dazu den Satz zu Ende zu sprechen, denn Asuka unterbrach ihn lautstark.
- WAS? WAS ERLAUBST DU DIR? DAS IST JA WOHL DIE HÖHE! DU KLEINER, MIESER, DRECKIGER... . -
Shinji Ikari zuckte erschrocken zurück. Asuka sah aus als, würde sie ihn jeden Moment umbringen.
- Ich...ähm... Asuka... das war nicht... so gemeint. - stotterte er.
Sie durchbohrte ihn weiter mit ihrem Blick des Todes, sagte jedoch nichts mehr.
Schweigend schauten sie Fernsehen.
Er saß auf seinem Bett und starrte auf den Verband, der seinen rechten Arm umgab.
Es tat immer noch weh. - Selber Schuld. - sagte Nicolas zu sich selbst.
- War ja meine Idee. - Er grinste und schloss die Augen. Das Grinsen verschwand,
als er sich wieder an das Gefühl während des Kampfes erinnerte.
Es war, als hätte irgend etwas ihm geholfen. Als wäre jemand bei ihm gewesen und hätte über ihn gewacht. Die Sache mit dem Arm hätte auch schlimmer ausgehen können. Irgend etwas oder Irgend jemand hatte ihn beschützt.
Er konnte es sich nicht erklären. Noch seltsamer war, daß er sich plötzlich richtig wohl in seinem EVA fühlte. Irgendwie war es angenehm mit der riesigen Maschine zu synchronisieren. Es war ein warmes und schönes Gefühl. Ganz anders als früher.
Früher hatte er es gehaßt. Es war kalt und... abstoßend gewesen. Aber jetzt.
Es gab nur wenige Plätze auf der Welt, in denen er sich jetzt so gut fühlte wie in
EVA-03. Eigentlich hatte es immer nur einen Platz gegeben, in dem er sich so wohl gefühlt hatte. Aber dieser Platz würde nie mehr zurückkehren.
Nicolas Noa öffnete die Augen wieder und vertrieb den Gedanken. Sein Blick fiel automatisch auf seinen Verband. Rot. Der weiße Stoff hatte sich rot gefärbt. Er setze sich ruckartig auf und begann den Verband zu entfernen. Als er ihn ganz abgewickelt hatte betrachtete er seinen Oberarm. Das Blut lief an ihm herab. An der Stelle wo das Prog-Schwert den Arm von EVA-03 durchschnitten hatte klaffte eine Wunde in Nicolas Arm.
Maya Ibuki saß vor einem der Magi-Therminals und überprüfte die Synchron- und Harmonix-Werte der Childrens. Plötzlich stockte sie. Sie drückte einige Tasten um sich das Problem genauer anzusehen und rief dann nacht Ritsuko.
- Was ist los , Maya? -
- Sehen sie sich das an. - Sie zeigte auf den Bildschirm.
Ritsuko runzelte die Stirn. - Was zur Hölle. - murmelte sie. - Das kann eigentlich nicht sein. - Sie beugte sich tiefer über den Bildschirm. - Wofür halten sie es? -
- Nun es sieht so aus, als hätte jemand die innere Hülle von EVA-03 ausgetauscht.-
- Aber wozu? -
- Wann ist die Anomalie aufgetreten? -
- Nun... bemerkt habe ich sie erst jetzt, aber laut Magi besteht sie schon seit mehreren Wochen. -
- Seit wann genau? -
- Seit zwei Tagen vor dem Angriff des 11. Engels. -
Ritsuko zuckte zusammen. - Das könnte bedeuten, daß... die Seele... Nein. Das würde er nicht wagen... . - Sie drehte sich ruckartig um und verließ den Raum.
Eine ziemlich ratlose Maya Ibuki blieb zurück.
Der Raum wurde erfüllt von leiser Musik. Eine kleine Kerze spendete Licht. In ihrem flackernden Schein stand eine Gestalt vor einer großen Staffelei und malte. Ihr rechter Arm war verbunden. Das Bild zeigte einen metallischen Steg auf dem eine große Gruppe von Menschen stand. Im Hintergrund ragte eine schwarze Wand auf.
Der Maler schien wie in Trance. Mit leichten, flüssigen Bewegungen bewegte er den Pinsel über die Leinwand. Doch plötzlich entglitt der Pinsel seiner Hand und der Maler krümmte sich vor Schmerzen zusammen. Er faßte sich an den verbundenen Arm und stöhnte laut auf.
- Nicht schon wieder! - keuchte Nicolas. - Es tut immer noch verdammt weh. -
Er blieb einige Minuten auf dem Boden sitzen und wartete, bis die Schmerzen sich etwas legten. Dann stand er langsam auf und entschied heute nicht mehr weiterzumalen. Sein Blick streifte seine Uhr. 2.13 Uhr. Er gähnte.
- Okay , Okay. Ich denke das reicht für heute. -
Langsam zog er sich aus und legte sich dann auf sein Bett. Schon nach kurzer Zeit fielen ihm die Augen zu.
- Ich kann mich immer noch nicht an den Gedanken gewöhnen. - sagte sie. - Ich fühle mich unwohl, wenn ich weiß, daß du in dieses... Ding einsteigst. Ich... ich habe Angst um dich, Nicolas. -
Er nahm ihre Hand. - Das brauchst du nicht. Mir wird nichts passieren. Sie sagen ich hätte die besten Werte, die sie je gesehen haben. Ich bin ein Naturtalent. -
- Sei nicht so eingebildet. - sagte sie scherzhaft. Er lächelte kurz, wurde aber schnell wieder sehr ernst. - Und außerdem... muß ich es tun. Nur wenige sind in der Lage sie zu besiegen... und ich bin einer davon. -
- Ja... ich weiß. Nicolas Noa... mein Nicolas... der Bezwinger der Engel. -
Sie sah kurz zu Boden und als ihr Kopf wieder hochkam, hatte sie Tränen in den Augen. - Wenn du es wirklich willst... dann mußt du es tun. Ich werde dich nicht aufhalten. Trotzdem ist mir nicht wohl bei dem Gedanken. Aber es ist deine Entscheidung. Und irgendwie ( sie fing an zu lächeln ) hast du ja Recht. Ich bin stolz, daß du ein... ( sie mußte sich überwinden das Wort auszusprechen ) EVA Pilot bist.
Ich bin stolz, daß mein Nicolas die Welt rettet. -
Und mit diesen Worten verschwand sie langsam im Dunkeln.
- Nein! - schrie Nico. - Warte! Lass mich nicht allein. Geh nicht. Ich brauche dich. Bitte... bitte... lass mich nicht allein. - Er stand da und starrte auf seine Hand, mit der er sie eben noch berührt hatte. Er könnte ihre Präsenz immer noch fühlen. So als ob sie immer noch da wäre. Dieses Gefühl erinnerte ihn an... .
Nicolas öffnete ruckartig die Augen und wachte schweißgebadet auf.
Nein. Dachte er. Das kann nicht sein. Das ist zu verrückt. Das ist einfach unmöglich.
Er setze sich auf und versuchte sich den Schweiß aus dem Gesicht zu wischen.
- Ist es das? - fragte er sich selbst. - Ist das das große Geheimnis? Nein... das
ist... nicht möglich. -
Er legte sich wieder zurück und versuchte wieder einzuschlafen. Doch er war zu aufgewühlt. Sein ganzer Verstand wurde von einem Gedanken beherrscht.
Einem Bild, das sich in seine Seele eingebrannt hatte. Die vor ihm aufragende Gestalt des EVANGELION-03.
"So richtet euer Ohr auf das,
Was mächt'ge Phantasie erschafft !
Im berstenden Getöse
Ist bald jedes Wort zuviel !
Umwölkt von sanftem Todesduft
Soll bluten jedes Engelein;
Jeder Zahn ein Keil im Körper !
Laßt den Himmel Hölle sein ! "
Samsas Traum
,,Der Einfall in den Himmel
Geisterstunde in Eden,,
Asking God, Asking the Devil
Part II - The Revelation -
Geschrieben von Dirk Debil irgendwann 2000
Aus der Versenkung geholt und noch mal überarbeitet von Dirk Debil am 21.04. 2001
Auch diesmal wurden die Fehler wieder von Gwen Hunter verbessert. Nochmals danke, mein Schatz
So, das war's vorerst. Aber keine Angst. An Teil III arbeite ich schon , und der ist auch schon fast fertig !!!
Also fürchtete euch alle *hähähähähähähähähähähähäh* *Räusper* Naja...lassen wir das...
Bis denne mal
Dirk Debil