Higher Learning
Lektion Acht: Trennungsangst
Geschrieben von Strike Fiss, 1999
Homepage: http://www.geocities.com/Tokyo/9110
Übersetzt von Melissa Schneider
editiert von Christian Winkler und Markus Ehreke
"Seid ihr zwei in Position?" flüsterte Shinji während er um die Ecke des nächstgelegenen Gebäudes herum lugte um einen Blick auf den
großen, kugelförmigen Engel zu erhaschen. Zum ersten Mal schlug ihm sein Herz vor Aufregung und nicht vor Angst bis zum Hals. War sein Kopf normalerweise voller Selbstzweifel
und Fragen, dachte er heute einzig und allein daran, dass er die höchste Sync-Rate hatte,- dass die Verteidigungsanlagen von Tokio-3 und die beiden anderen Piloten bereit waren ihn
zu unterstützen,- und dass er endlich einmal die Gelegenheit hatte Asuka seinen Mut zu beweisen.
Asuka allerdings hatte ein Problem mit dem Versorgungskabel, das am Rücken ihres EVAs befestigt war; es wurde langsam zu kurz und behinderte ihre Bewegungen. "Nein! Ein EVA kann
sich nicht so schnell bewegen, das solltest du aber wissen." meckerte sie, während sie das Versorgungskabel abwarf um es gegen eines zu tauschen, das in einem näher gelegenen
Versorgungsdepot bereit lag. "Ahh... so ist es besser." seufzte sie zufrieden als sie spürte, dass die Bewegungsfreiheit ihres EVA wieder hergestellt war.
Shinji hingegen träumte derweil schon von dem Kuss, den er als Sieger des Kampfes bekommen würde, und wollte dann auch nicht mehr länger warten. "Immer noch nicht da?"
flüsterte er.
"Noch nicht ganz." antwortete Rei, die gerade mit ihrem Eva um die Ecke eines Gebäudes schlich, und immer darauf bedacht war nicht von dem Engel gesehen zu werden.
Langsam aber sicher begann Shinji nervös zu werden. Immer wieder ballte er seine Hand zu einer Faust und entspannte sie dann wieder, so als wolle er die Beweglichkeit des in seinen
Plugsuit eingearbeiteten Handschuhs testen. Er liebte das Gefühl jeden Muskel in seiner Faust spüren zu können. Und jetzt, da er mit dem EVA verbunden war und jede Bewegung
seiner Hand gleichbedeutend mit der Bewegung der mehrere hundert Kilo schweren, Engel-zerquetschenden, gepanzerten Faust des Evangelions war, da fühlte es sich noch besser an.
"Dann muss ich den Engel wohl ganz alleine aufhalten." meinte er zähneknirschend. Er konnte es bei Leibe nicht mehr länger abwarten anzugreifen.
Allen Anwesenden stand die Überraschung ins Gesicht geschrieben als sie sahen, wie der Arm von EVA-01 hinter der Ecke des Gebäudes zum Vorschein kam und drei Salven Gewehrfeuer
auf die Zebra-gestreifte Kugel abfeuerte, die über ihren Köpfen schwebte.
Selbstverständlich... wählte die Kugel genau diesen Moment um zu verschwinden.
Ritsuko schnappte nach Luft. "Es..."
Der ganze Kontrollraum war mit einem Mal in rotes Licht gebadet als eine riesengroße Warnmeldung auf dem Hauptschirm erschien.
<WELLENMUSTER BLAU>
Misato schaute sich um. Sie konnte die plötzliche Wende, die die Ereignisse genommen hatten nicht fassen. "WAS?!"
"Muster Blau! Angriff eines Engels wird BESTÄTIGT! Er ist direkt unter Einheit-01!!"
Als Shinji spürte, wie er einzusinken begann, sah er erschrocken zu Boden. "Ein...ein Schatten!?" Seine durch das Training geschulten Instinkte übernahmen die Kontrolle und er
feuerte Salve um Salve in das schwarze Etwas, das den Körper seines EVA zu verschlucken schien. "Was ist das für ein Zeugs! Das kann doch nicht wahr sein!"
Misato musste von ihrem Posten im Kontrollraum aus tatenlos zusehen. "Shin-kun! MACH DAS DU DA WEGKOMMST! SHINJI!" schrie sie, doch es half nichts.
Über die Com-Verbindung hörte man ein erschrockenes Keuchen von Rei. "IKARI-KUN!"
Asuka war vor Schreck wie versteinert als sie mit ansehen musste, wie Shinjis EVA mittlerweile schon bis über die Hüften in dem schwarzen Loch versunken war.
"BAKA! Was tust du da!??!" schrie sie.
Und als schließlich Shinjis Schreie über die Com-Verbindung hallten, da gefror ihr vor Angst das Blut in den Adern; "AAAAAAHHHH! Misato Was passiert hier!? MISATO!?!" Mit
jeder Sekunde die verging klang seine Stimme verzweifelter, besonders jetzt, da nur noch Schultern und der Kopf seines EVAs aus der schwarzen Masse herausschauten. "ASUKA!" flehte er.
"Ayanami! Helft mir!"
Sowohl EVA-00 als auch EVA-02 waren wie versteinert,- unfähig sich zu bewegen während ihre Piloten Shinjis panische Schreie hörten. "Misato! Kannst du mich hören!!?!
MISATO!?!?"
"Holt ihn da raus! Die Zugangskapsel auswerfen! Sofort!" schrie Misato. "Sendet schon endlich das Signal!"
Als sich Maya zu ihr umdrehte, da war in ihren Augen der gleiche Ausdruck von Schock und Entsetzen, der auch Shinjis Stimme innewohnte. "Keine Reaktion! Es funktioniert nicht!"
"MISATO! MISATO-SAN!!"
Hilflos musste sie zusehen wie auch der letzte Rest der violett-grünen Panzerung von EVA-01 in dem schwarzen Loch verschwand. "SHINJIII!" Mit aller Macht versuchte sie einen klaren
Gedanken zu fassen. "Asuka! Rei! Holt Einheit-01 da raus! SCHNELL!!!"
Asuka rannte bereits so schnell sie nur konnte. Ein Sturm tobte in ihrem Kopf. Ihre Wut hatte die Kontrolle übernommen... und sie war dankbar dafür. Mit jedem Schritt, den ihr
EVA machte kam sie ihrem Ziel ein Stück näher. "Dieser BAKA! Die Tests besteht er mit Auszeichnung... aber kaum dass es mal wirklich um was geht..."
Rei feuerte derweil schon auf den Engel, der sich mittlerweile wieder in die Kugelform zurückverwandelt hatte. Doch trotz ihres weit reichenden, ungemein kraftvollen Gewehre
vermochte sie nichts auszurichten. Die Projektile schienen das Ziel wirkungslos zu durchdringen, nur um die dahinter liegenden Gebäude von Tokio-3 in Schutt und Asche zu legen.
Dann jedoch verschwand die gestreifte Kugel mit einem Mal wieder und sofort fühlte Asuka eine merkwürdige Kälte an den Füßen ihres EVA... "Ein...ein SCHATTEN!"
Sie keuchte erschrocken und sprang hoch in die Luft um dem drohenden Unheil zu entkommen. Jetzt war nicht die Zeit irgendwelche Befehle zu befolgen. Im Moment musste sie erst einmal
sehen, dass sie sich selbst in Sicherheit brachte...
.. zumal die Straße auf der sie eben noch gestanden hatte, bereits langsam von der Dunkelheit des Schattens verschluckt wurde. Zwar hatte sie sich mittlerweile an die Fassade eine
Wolkenkratzers klammern können, doch das würde sicher nicht reichen um dem Schicksal zu entgehen, das Shinji ereilt war...
... Denn inzwischen begannen bereits die Gebäude langsam einzusinken. "AAAAGH!" Asuka schnaufte während sie immer höher den Wolkenkratzer hinauf kletterte, wobei sie ihre
'Prog-Axt' und ihr 'Prog-
Messer' wie Kletterhaken in die Seite des Gebäudes rammte um schneller vorwärts zu kommen und sich auf der glatten Fassade Halt zu verschaffen. "Die..." keuchte sie angesicht
des Anblicks der sich ihr bot. "Die ganze Stadt... versinkt"
Doch selbst als schließlich ganze Wohnblöcke versanken, so als wären sie auf Treibsand gebaut, ließ Asuka nicht von dem Wolkenkratzer ab, an den sie sich klammerte.
Sie hoffte inständigst, dass sie es auch noch länger in Mitten dieses Infernos aushalten konnte, denn um jeden Preis wollte sie der rettende Strohhalm sein, nach dem Shinji
hilfesuchend greifen konnte, sollte er in der Lage sein sich aus der Umklammerung der Dunkelheit zu lösen.
Doch die gigantische, violette Hand, auf die sie so verzweifelt wartete kam nicht. Asuka starrte gebannt hinaus und beobachtete die Anzeigen der Scanner in ihrem Entryplug, doch alle
was sie sah, war diese schwarze, sie zu verspotten scheinende Fläche, aus der der Engel bestand.
"An alle Einheiten! Zieht euch zurück!" kam schließlich Misatos Befehl.
"NEIN WARTE!" schrie Asuka den Tränen nahe.
"Shinji und Einheit-01." kam mit einem Mal Reis Stimme über die Com-Verbindung. "Die beiden sind immer noch da drin gefangen."
Misato zitterte. "Das ist ein Befehl..." sagte sie mit zusammengepressten Zähnen. "Rückzug."
'Ich werde es nicht zulassen euch alle drei jetzt und hier zu verlieren', dachte sie bei sich.
Asuka sah hilflos zu, wie Meter um Meter des Versorgungskabels von Shinjis EVA in dem pechschwarzen Schatten verschwand.
Nicht weit davon entfernt,- gerade einmal soweit, dass er vor dem Schatten des Engels sicher war,- stand Sensei Kaoru an einen Laternenpfahl gelehnt. Er hatte zugesehen wie der Versuch
den EVA an seinem Versorgungskabel herauszuziehen gescheitert war, und die letzte Verbindung von EVA-01 mit der Welt irgendwo in der schwarzen Hölle abgerissen war.
Shinji blieben somit nur noch 16 Stunden Reserveenergie.
Diese Tatsache unterlag zwar der Geheimhaltung, so wie fast alle genauen Informationen über die Technik der Evangelions, aber Kaoru wusste darüber Bescheid. Er kannte diese 16
Stunden. Er wusste, dass man Asuka und Rei befehlen würde mit ihren EVAs ins Hauptquartier zurückzukehren, und dass Misato am Ende dieser 16 Stunden getrieben von blinder Rache
ihrem Zorn freien Lauf lassen würde. Sie würde alles in ihrer Macht stehende tun und die gesamte ihr zur Verfügung stehende Technologie einsetzen um Rache an dem Engel zu
üben, der Shinji Ikari getötet hatte.
Es lag nahe anzunehmen, dass der Engel dabei die gesamte Stadt vernichten würde.
Mit der linken Hand in der Tasche seines Jacketts wandte Kaoru sich vom Ort des Geschehens ab. Mit seiner Rechten rückte er das Drahtgestell seiner Brille auf der Nase zurecht. Sein
Gesicht war eine ganze Weile lang völlig ausdruckslos...
.. dann aber umspielte mit einem Mal ein unheimliches Grinsen seine Lippen.
DIE WÜSTE VON NEVADA:
ZWEITE NIEDERLASSUNG VON NERV ---
Wenn Dr. Modrou Walken vor Gericht gestanden hätte, dann hätten seine Verteidiger ein einfaches Spiel gehabt. Dieser großgewachsene, schlanke Mann war sehr beliebt bei
seinen Kollegen hier in der zweiten Niederlassung von NERV, und man gönnte ihm den Ruf als Genie und obersten Denker in diesem Projekt.
Dr. Akagi und Kommandant Ikari hatten Walken vor etlichen Jahren eigenhändig ausgewählt um ihre Niederlassung in den Staaten zu leiten, und er war die Schlüsselfigur, wenn
es darum ging die Test-Daten der Evangelions an diesem Ort zu reproduzieren. Aber auch das Projekt zur Entwicklung der S2-Maschine lag in seinen Händen.
Ja, wenn man ihm wegen seiner Taten den Prozess machen würde, dann hätte er wohl viele Fürsprecher. Leute, die erwähnen würden, dass er einer der
vertrauenswürdigsten Personen war, die sie jemals kennengelernt hatten. Oder dass er stets die Verantwortung seinen Mitmenschen gegenüber über seine persönlichen Ziele
stellen würde.
Als er auf Einheit-04 starrte, wie sie, umgeben von einem riesigen See von Kühlmittel in ihrem Hangar stand, da flackerte für einen Augenblick soetwas wie Bedauern in ihm auf.
Fakt war, dass es keine Gerichtsverhandlung geben würde. Nicht, wenn das hier funktionierte. Es gäbe keine Zeugen und wenn alles reibungslos lief, dann hätte die Welt bald
eine dieser verfluchten, von Menschenhand geschaffenen Kreaturen weniger.
"Wie sehen die Verbindungen aus?" fragte er seine Mitarbeiter, die ihm alle bedingungslos vertrauten.
Der Evangelion Einheit-04 lief zur Zeit im sogenannten "Dry-Power"-Betrieb. Dabei versorgte ihn das an seinem Rücken befestigte Versorgungskabel mit der benötigen Energie,
während die Techniker Tests der grundlegenden Funktionen des EVA durchführten. Ohne einen Piloten hatten bisher weder die Nerven-Verbindungen noch irgendwelche organischen
Komponenten aktiviert werden können, doch im Moment war das Ziel ohnehin einzig und allein sicherzustellen, dass alles in einem Top-Zustand wäre, wenn dann die S2-Maschine
eingeschaltet würde. Nichts durfte beim ersten Probelauf dieser neuen Entwicklung dem Zufall überlassen bleiben.
Dr. Walken machte sich Notizen als seine Mitarbeiter begannen über die Zahlen und Statistiken auf ihren Computerbildschirmen zu berichten. Sein Blick hingegen war die ganze Zeit
über starr auf Einheit-04 gerichtet. Das hinterhältige Grinsen, das er in den Gesichtszügen des Giganten zu sehen glaubte, war irgendwie beinahe komisch... doch durfte man
niemals die urtümliche Kraft vergessen die unter den silber- und schwarzfarbenen Zwangshalterungen schlummerte. Zumal die Quelle dieser Kraft nun nicht mehr länger eine leblose,
dunkelrote Kugel war. Monatelange Arbeit am Computer und 'Ersatzteile' aus bereits vernichteten Engeln hatten diesem Biest die Fähigkeit verliehen, sich selbst mit Energie zu
versorgen. Und selbst jetzt, wo der Evangelion inaktiv und so fügsam war, wie er nur sein konnte, da glühte sein Kern in einem schwachen Rot aufgrund der S2-Maschine, die man
ihm eingesetzt hatte... Ein Glühen, das einzig und allein mittels der im Inneren des EVA montierten Überwachungskamera zu sehen war.
"Alles stabil?" fragte Dr. Walken, obwohl er die Antwort natürlich nur zu genau kannte.
"Ja, Sir." antwortete sein engster Mitarbeiter und Stellvertreter. "Das Bakelit-Rückhaltesystem für den Notfall ist einsatzbereit, das Personal hat den Gefahrenbereich
verlassen, und die Zwangshalterungen im Hangar zeigen keinerlei Fehlfunktionen."
Gut. Die diesseitigen MAGI-Computer würden es für die Hauptzentrale in Tokio-3 aussehen lassen, als wäre das Experiment ein Erfolg... durch und durch... bis zum bitteren
Ende...
"Wie ist der Zustand des S2-Systems?" fragte Walken.
"Alles im grünen Bereich, Sir." kam die hoffnungsvolle Antwort.
"Exzellent." lächelte er. Es war ein seltsames Lächeln. Beinahe traurig. Er wusste, dass er es zum Wohle der Menschheit tat.- Dass er es tat, um die Pläne von SEELE zu
forcieren.
Auch wenn es seinen Tod bedeuten würde. Den Tod von einem jeden hier.
Wenn Kommandant Ikari morgen früh in seinem Himmelbett aufwachte, dann wäre das Erste, was er hören würde, das die zweite Niederlassung von NERV vom Erdboden
verschwunden war.
Und er würde nicht einmal im Traum auf den Gedanken kommen, das es Teil eines alles umfassenden Planes war.
"Aktivieren Sie die S2-Maschine." sagte er knapp.
Aber halt...
.....
Etwas stimmte nicht.
Die Ausbreitung der Dunkelheit stoppte mit einem Mal, und für einen Moment verstummten die angstvollen Schreie und Rufe der Leute um ihn herum, die inzwischen begriffen hatten zu
welch verheerendem Ergebnis dieser Test geführt hatte.
Und Walken sah etwas, mit dem er nicht gerechnet hatte.
Augenblicke bevor er und seine Kollegen im Kontrollraum zusammen mit dem gesamten Komplex der zweiten Niederlassung von NERV von einem schwarzen Loch verschluckt wurden...
.. begannen die Augen von EVA Einheit-04 zu glühen.
Sein Maul öffnete sich unter dem Geräusch berstender Zwangshalterungen...
... und es hob zu einem unmenschlichen Gebrüll an.
Und mit einem Mal begann der Evangelion aus der Dunkelheit die ihn zu verschlingen schien hervorzubrechen.
Das Letzte, was er sah, waren die mächtigen Klauen-gleichen Finger mit denen der EVA die Wand des Hangars durchbrach um schließlich aus der versinkenden unterirdischen
Versuchsanlage zu entkommen, und an die Oberfläche zu klettern.
SEELE wäre sicher nicht sehr erfreut...dachte Dr. Walken noch, als das, was er als seine Realität kannte, aufhörte zu existieren.
Kurz darauf war er tot
Copyright of the Charakter by GAINAX / Text by Strike Fiss, 1999
Translated by Melissa Schneider / Edited by Christian Winkler and Markus Ehreke