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Higher Learning

Lektion Neun: Nachhilfeunterricht

Geschrieben von Strike Fiss, 1999
Homepage: http://www.geocities.com/Tokyo/9110
Übersetzt von Melissa Schneider
editiert von Christian Winkler und Markus Ehreke

Schrecken und Angst standen Asuka ins Gesicht geschrieben als sie sah, wie die UN-Truppen auf Misatos und Ritsukos Befehl hin um den Engel herum in Stellung gingen. Es sollte wohl so eine Art Drohgebärde sein, damit Shinji und EVA-01 möglichst bald wieder frei kämen.
Im Gegensatz zu Asuka beobachtete Rei die ganze Situation mit ihrem üblichen emotionslosen Gesichtsausdruck. Sie durchschaute ihre Kameradin, und konnte hinter ihre Fassade und die spitzzüngigen Bemerkungen sehen. Etwas, das sie von Sensei Kaoru gelernt hatte. Ein Reflex,- eine Art Selbstschutz, war es nämlich, der Asuka dazu brachte wie ein wilde Furie auf alles und jeden loszugehen. Und diese,- allein diese Erkenntnis, war es dann auch gewesen, die Rei davon abgehalten hatte Asuka eine schallende Ohrfeige zu verpassen, als sie sich über Shinjis Fehleinschätzungen im Kampf gegen den Engel lustig gemacht hatte. 'Immerhin', so dachte Rei, 'habe ich ja auch so etwas wie Anstand...'

"Was für ein Dummkopf." Mit lautem Lachen versuchte Asuka von Neuem ihre Nervosität zu überspielen.

Rei ging geradewegs auf sie zu und trat zwischen sie und das Geländer, das die Observationsplattform der mobilen NERV Kommandozentrale umgab.
Ihre Augen waren starr auf Asuka gerichtet, und obgleich sie ihre Augen etwas zusammenkniff war sie weit davon entfernt wütend dreinzublicken.
"Was?" herrschte Asuka sie an. "Nur weil ich auf Shinji geschimpft habe?"

"Steigst du nur in den EVA, um von anderen gelobt zu werden?" fragte Rei mit sanfter Stimme.

"NEIN!" knurrte Asuka. "Ich will kein Lob von ANDEREN, nur von MIR SELBST!"
"HÖRT AUF!" unterbrach Misatos Stimme sie mit einem Mal. "ALLE BEIDE!"

Asukas Augen glänzten feucht. Hätte sie in diesem Moment nicht gerade Ayanami gegenüber gestanden, dann hätte sie die Tränen sicher nicht mehr zurückhalten können.
"Ja." flüsterte der Major. "Er hat auf eigene Faust gehandelt und meine Befehle missachtet. Er war zu unvorsichtig." Sie schaute hinaus auf die Stadt Tokio-3. "Und darum werde ich ihm auch die Leviten lesen, wenn er wieder da ist."

Die beiden noch verbleibenden Piloten sagten kein Wort.

Als sie sich zu ihnen umdrehte sah man die Traurigkeit in ihren Augen. "Asuka, Rei. Es wird noch ein wenig dauern, bis wir den Plan für die Rettungsaktion fertig haben. Vielleicht solltet ihr eure Mobiltelefone nehmen und euch ein wenig ausruhen. Versucht ein paar Stunden zu schlafen."

"Aber... was ist wenn Shinji uns brau..."

"Das wird noch dauern." unterbrach Misato den Rotschopf. "Jetzt, wo der Engel hat, was er haben wollte, wird er es sicher nicht kampflos wieder hergeben." Sie sah aus, als wenn sie den Schlaf viel nötiger hatte als die Piloten. "Solange wir nicht wissen was zu tun ist, ist es mir lieber euch beide soweit wie möglich von diesem Ort entfernt zu wissen."
Rei senkte ihren Kopf. "Hai." Dann wandte sie sich Asuka zu. "Du findest mich dann am Schwimmbecken im Hauptquartier."
Asuka schnappte nach Luft. "Du...du..." sprachlos sah sie zu, wie Rei kehrt machte, und zu den Umkleidekabinen ging.

Misato blickte Asuka in die Augen. "Wenn du drauf bestehst, kann ich es dir auch befehlen..."

Ihre Hände zitterten. "Aber...!"

"Das ist ein Befehl Asuka." sagte sie und versuchte so stark und bestimmt zu klingen wie sie nur konnte. "Bleib in der Nähe. Es wird noch mindestens acht Stunden dauern. Versuch dich auszuruhen. Alles wird wieder gut."

Der junge temperamentvolle Rotschopf stürmte an Misato vorbei ohne sie auch nur eines weiteren Blickes zu würdigen.
"DU KANNST MICH MAL!!!" schrie sie noch, doch dann war sie auch schon von der Plattform verschwunden.

Misato sah ihr noch lange nach, bevor sie schließlich die Tränen von ihren Wangen wischte. "Ich hasse diesen Job."



Kaltes, blau-grünes Licht durchflutete die Zugangskapsel, als Shinji seine Augen öffnete. Ähnlich wie Misato war auch er zu der Einsicht gekommen, dass ein wenig Schlaf zu finden für den Moment die beste Strategie wäre.
"Ich hätte nie gedacht, dass Schlafen derart anstrengend sein könnte.." flüsterte er in das LCL.

Er umfasste die Kontrollhebel seines EVA und konzentrierte sich auf die verschiedenen Regenbogen-farbenen Muster, die sich nun an den Wänden der Zugangskapsel manifestierten.- Muster hervorgerufen durch das Eigenrauschen der Sensoren und der neuralen Schaltkreise, die mit aller Macht versuchten, die Welt, die den EVA umgab, darzustellen...
Doch leider war die Welt, die ihn umgab derart leer und bar jeglicher Materie, dass sie sich ihm allein als eine undurchdringliche weiße Wand präsentierte,- ein verwirrende Phänomen, hervorgerufen von der Unfähigkeit der Sensoren das Fehlen jeglichen Lichtes darzustellen.
Shinji schaltete den Evangelion zurück in den Stromsparmodus, woraufhin die Sensor-Bilder der Außenwelt auch sofort verschwanden und wieder dem Anblick des Blau-
Weiß lackierten Stahls des Entry-Plugs Platz machten. So lange er ruhig bliebe, hätte er noch vier bis fünf Stunden zu leben. - Zumindest sagte das die orange leuchtende Anzeige der kleinen Digitaluhr, die im linken Handschuh seines Einsatzanzuges eingelassen war.- Eine Art ständige Erinnerung an seine Sterblichkeit.

"In vier oder fünf Stunden ist mein Leben vorbei." flüsterte er zu sich selbst und lehnte sich zurück in seinen Pilotensitz. Der Geruch und der Geschmack von Blut waren alles, was er im Moment registrierte. Das, und das Knurren seines Magens.

"Ich habe Hunger."

Langsam begann er wieder einzunicken, und er hoffte, dass wenn er schon sterben musste, der Tod ihn zumindest im Schlaf überraschen würde....




Kaoru war ein wenig verwirrt als er sich anschickte die Türe seines Appartements zu öffnen. Es gab nicht allzuviele Leute, die wussten, wo er wohnte. Und die, die es wussten, säßen jetzt wohl irgendwo in einem Schutzbunker. Oder...
Obwohl er zwar nicht damit gerechnet hatte, war Kaoru dann aber doch nicht all zu sehr überrascht gewesen Asuka Langley vor seiner Türe stehen zu sehen.
"Asuka-chan?" Er schnappte nach Luft.

Sie zitterte; ununterbrochen und am ganzen Körper. Und obwohl sie sich umgezogen hatte, und nun statt im Plugsuit, mit einem T-Shirt und einer Hose bekleidet da stand, so roch ihr Haar doch immer noch nach LCL. "Darf...darf ich reinkommen?" flüsterte sie.

Er nickte und führte sie in das Wohnzimmer. "Setz' dich. Ich werde dir einen Tee holen."

Sie brachte ein schwaches Nicken zustande und kauerte sich auf dem weichen Sofa zusammen. Sie war kreidebleich und machte den Eindruck, als müsse sie sich jeden Moment übergeben. Kaoru bereitete ihr derweil einen Kräutertee und hoffte dass der sie beruhigen würde und sie so etwas Ablenkung fände.

Er wusste zwar nicht, was sie gerade durchmachte, doch der Ausdruck auf ihrem Gesicht gab ihm Anlass zur Sorge. Genug, um bereits Momente später mit einem Tablett in den Händen ins Wohnzimmer zurückzukommen und ihr sofort eine Tasse einzugießen. "Trink das bitte." sagte er. "Es wird dich beruhigen."

Asuka folgte seiner Aufforderung, obwohl ihre Hände derart zitterten, dass Kaoru mit seiner Hand nachhelfen musste, damit sie nichts verschüttete. "Domo..." flüsterte sie und starrte mit ausdruckslosen leeren Augen vor sich hin.

"Ich..." er goss ihr noch eine halbe Tasse Tee ein. "Ich hätte gedacht, du würdest im Moment in EVA-02 sitzen?"
Ein betrübtes Lächeln machte sich auf ihrem Gesicht breit. "Nein... so wie es aussieht tue ich das im Moment wohl nicht." Ihre normalerweise so trotzig klingende Stimme drohte zu versagen. "Der...Engel ist anders als die anderen." flüsterte sie. "Wir wissen nicht, wie wir ihn besiegen können."

"Rei? Shinji?"
"Shinji..." flüsterte sie leise. "Shinji ist in seinem Inneren gefangen..."
Er nickte bedächtig.

"Baka..." eine Träne kullerte ihre Wange hinunter bis hin zu ihrem Kinn. "Ich hätte ihm nicht so zusetzen sollen. Ich habe ihn ja geradezu in sein Unglück getrieben..."
Kaoru saß einfach nur stumm da. Sie so zu sehen tat ihm im Herzen weh, aber es gab nichts, dass er ihr hätte sagen können. Und noch weniger gab es, das er im Moment für sie tun konnte. "Es.. es tut mir leid..."

Es überraschte ihn ein wenig zu sehen, wie all ihr Kummer mit einem langen Schluchzen aus ihr herausbrach und sie sich an seine Schulter lehnte. Doch als sie schließlich auch noch ihre Arme um ihn legte, da war er derart verdutzt, dass er einfach nur wie versteinert da saß und sich nicht mehr zu rühren vermochte. Sie weinte. Ja sie weinte tatsächlich. Ehrliche, tief empfundene Tränen. Es war ein herzzerreißender Anblick.

"Er hat mich im Stich gelassen." Ihre Tränen begannen sein Hemd zu durchnässen. "Er hat mich einfach allein gelassen! Jeder lässt mich einfach allein..." Sie schluchzte, und es war nur zu offensichtlich, wie schwer es ihr fiel die richtigen Worte zu finden, jetzt wo ihre Gefühle die Oberhand gewannen. Gefühle, die sie jahrelang unterdrückt hatte, und die jetzt mit einem Mal wieder zum Vorschein kamen und zusammen mit den Tränen darauf drängten herausgelassen zu werden. Gefühle, so stark, dass sie Gefahr lief von ihnen ganz und gar überwältigt zu werden. "Mama...Kaji...Shinji..." flüsterte sie mit tränenerstickter Stimme. "Einfach jeder..."
Kaoru legte einfach nur sanft und zärtlich seine Arme um sie, und hielt sie fest
"Asuka...bitte...es ist ja gut. Alles wird wieder gut.."
Sie schüttelte energisch den Kopf. "NEIN! NICHTS WIRD JEMALS WIEDER GUT SEIN!" schrie sie und sah ihm direkt in die Augen. "Jeder den ich kenne lässt mich einfach im Stich!!" Sie hatte ihre Hände zu Fäusten geballt und krallte sich an seinem Hemd fest. "Sogar Sie..."

Er schloss seine Augen und schüttelte den Kopf. "Das könnte ich nie tun."

"Doch, das werden Sie..." schluchzte sie. Ihre Augen waren mittlerweile schon ganz rot, von all den Tränen, die sie vergossen hatte,- doch sie schien sich langsam zu beruhigen. "Am Ende des Schuljahres werden Sie zu einer anderen Schule wechseln. Und nach einer Weile wird sich keiner mehr an Sie erinnern. Genauso wenig, wie man sich an Shinji erinnern wird...." Ihre Stimme war inzwischen nicht viel lauter als ein Flüstern. "Oder an mich..."

Ein ganze Zeit lang saßen sie einfach nur stumm da; die Arme umeinander geschlungen, während Asuka sich an seiner Schulter ausweinte.- So lange bis ihr Schluchzen immer leiser wurde und zu guter Letzt ganz aufhörte. Kaoru fragte sich, ob es am Tee lag, oder einfach nur daran, dass Asuka die Tränen ausgegangen waren.
"Asuka..." sagte er mit sanfter Stimme. "Ich werde mich immer an dich erinnern."

Langsam schloss sie ihre Augen und begann einzuschlafen. "Bitte..." flüsterte sie. "Bitte schicken Sie mich nicht fort..."

"Hai..." antwortete er und hielt sie sanft und beschützend in seinen Armen, während unbemerkt eine Träne seine Wangen hinunter rollte und auf ihre Schulter fiel.





Stunden waren vergangen seit Shinji das letzte Mal um Hilfe gerufen hatte.
Mit jedem Atemzug ging die Energie ein wenig mehr zur Neige, und langsam aber sicher stellte ein System nach dem Anderen die Arbeit ein. Die LCL-Filter waren bereits ausgefallen und der schreckliche Geruch von Blut hatte sich verzehnfacht. Die ganze Flüssigkeit war trübe, und durchsetzt mit irgendwelchen Abfallstoffen,- ungereinigt so lange wie da Energieniveau weiter sank.
Sein verzweifelter Versuch die Zugangskapsel von innen zu öffnen war daran gescheitert, dass sie immer noch im Inneren des Evangelions feststeckte - verborgen unter Schutzpanzern und geschützt von seiner Rüstung.

Und das war jetzt schon eine Stunde her.

Eine Stunde, seit er das letzte Mal um Hilfe gefleht hatte. Asuka. Rei. Misato. Ritsuko.

Vater.

"Va.. Vater..."
Doch keiner kam.
Und so erschrak er dann auch gewaltig, als er mit einem Mal eine fremde Stimme hörte.
Es war keine real existente Stimme, sondern vielmehr eine Art 'innere Stimme', die es in seinem Zustand zwischen Schlafen und Wachen, geschafft hatte, sich aus seinen Träumen zu befreien und in sein Bewusstsein zu schleichen.
"Wer ist da?" fragte er leise in der Hoffnung dem Traum auf diese Weise entfliehen zu können. "Wer bist du?"

"Ikari Shinji." antwortete die Stimme.

"Das bin ich." erwiderte Shinji.
Es kam ihm vor als würde sich sein rationaler Verstand vor ihm verschließen, und alles was für ihn existierte waren die andere Stimme und seine eigene.

"Ich bin du. Jeder hat ein anderes 'Selbst' in sich." fuhr die Stimme fort zu erklären. "Das 'Selbst' besteht immer aus Zwei Teilen. Zwei 'Selbst'."

"Zwei Selbst?"

"Ja. Jenes 'Selbst', das für andere existiert und jenes 'Selbst', das du selber siehst. Der Shinji Ikari in deinem Kopf,- so wie er für Dich existiert,- ist nur einer von vielen Shinji Ikaris."

Shinji blinzelte verwundert als mit einem Mal alles um ihn herum in rötliches Licht getaucht war. Er wusste nicht wo er war, aber ihm gegenüber gab es ein Fenster. Er versuchte hinaus zu sehen, doch ein fremder Kopf blockierte seine Sicht.
"Da gibt es auch einen Shinji Ikari, der in Misato Katsuragi lebt... einen Shinji Ikari, der in Asuka Sohryu lebt... einen Shinji Ikari, der in Rei Ayanami lebt... und einen Shinji Ikari, der in Gendo Ikari lebt... Alle diese Shinji Ikaris sind verschieden voneinander." erklärte die fremde Person mit seiner Stimme. "Und doch ist jeder von ihnen für sich gesehen der wahre Shinji Ikari."
Shinji lauschte gebannt.

"Du fürchtest dich vor diesen anderen Shinjis,- den Shinjis, die in den Köpfen der anderen existieren."
"Ich fürchte mich davor gehasst zu werden..." meinte Shinji zu seinem anderen Selbst.
"Du fürchtest dich davor verletzt zu werden." entgegnete die Stimme.
Eine lange Stille setzte ein. "Bist du der Shinji Ikari, so wie ich ihn sehe?"

Wiederum setzte Stille ein als keine Antwort kam.

"Du hörst dich wie mein neuer Sensei an." erklärte Shinji seinem anderen Selbst.

Ein Bild von Kaoru schoss ihm mit einem Mal durch den Kopf, und ersetzte auch sogleich die Person, die ihm gegenüber saß. "Sehr gut Shinji." sagte der Sensei mit einem warmherzigen Lächeln. "Wenn du so weitermachst kannst du dich bald selbst unterrichten!"

"Entschuldigung..." erwiderte Shinji. "Ich...es war nicht so gemeint, wie es geklungen..."

Mit einem Mal verschwand Kaoru und Asuka erschien. "Ständig entschuldigst du dich! Warum denkst du eigentlich immer, das alles nur deine Schuld ist?"

Shinji sah sie an und schüttelte den Kopf. "Aber, wenn doch jeder einen Shinji Ikari in seinem Kopf hat, dann ist es doch meine Schuld." Er seufzte. "Ich will keinen anderen verletzen, denn sonst werde ich selbst verletzt."

Nun war es Rei, die ihm gegenüber saß. "Das ist unvermeidlich. Schmerz ist die Kehrseite der Freude. Ohne Schmerz kann es keine Glückseligkeit geben. Wir lernen Schmerz zu akzeptieren und die Freude zu genießen."

"Aber wie soll ich es lernen?" flehte Shinji. "Das alles passiert so schnell!"

Mit einem Mal sah er sich wieder Asuka gegenüber. Er lag auf dem Rücken und sie hatte sich auf seine Taille gesetzt. Vorsichtig beugte sie sich zu ihm hinunter bis sie nur noch eine Handbreit von seinem Gesicht entfernt war. "Ist dir das hier damals auch zu schnell gegangen?" fragte sie mit sanfter Stimme. "Bereust du Ereignisse in deinem Leben, die dir zu schnell gehen?"

Er schüttelte seinen Kopf. "Nein...das hier habe ich nicht bereut..."

Doch an Stelle eines Kusses, traf ihn ein Schlag. Er lag immer noch am Boden, doch nun waren es Toji und Kensuke die auf ihn hinunterblickten,- so wie es an seinem ersten Schultag gewesen war,- damals, als sie herausgefunden hatten, dass er der Pilot von EVA-01 war. Toji rieb immer noch seine schmerzende Hand und sah ihn mit einem finsteren Blick an. "Dann bereust du es, wenn du dich dem Schmerz zu schnell stellen musst!"
"Ja." murmelte Shinji und rieb sein Gesicht. "Ich will mich dem Schmerz überhaupt nicht stellen."
"Gut gemacht...Shinji..." sagte sein Vater leise während er fortging.

Shinji musste nach Luft schnappen, als er diesen Moment seiner Vergangenheit von Neuem erlebte, und die Erinnerung an diese Worte zurückkam.- Diese kostbaren Worte.
"Aber du genießt die Freude, die auf den Schmerz folgt." hörte er Rei mit sanfter Stimme sagen und plötzlich spürte er die Wärme ihrer Hand auf seiner Schulter.

"Du vertraust deinem Vater nicht?" fragte sie und Shinji fand sich mit einem Mal zusammen mit ihr auf einer endlos langen Rolltreppe wieder. Als er sie ansah, gab sie ihm eine Ohrfeige.

Und dann saß sie ihm plötzlich wieder gegenüber. "Und obwohl du dich vor dem Schmerz versteckst, findet er dich dennoch. Manchmal sogar schneller als du denkst."
Shinji nickte bedächtig. "Ja, das stimmt."

Kaoru saß hinter seinem Schreibtisch und sah ihn an. Außer ihnen beiden war kein anderer Schüler da. "Warum rennst du dann davor weg, Shinji?" fragte er und die Art wie er da saß, war ein Spiegelbild von Gendo,- seine Brillengläser funkelten in der Nachmittagssonne.

"Ich darf nicht weglaufen! Darf nicht weglaufen! Darf nicht weglaufen! Darf nicht weglaufen!" hörte er sich immer und immer wieder sagen... doch es war nicht er selbst, der gesprochen hatte.

"Du weißt, was du zu tun hast, aber du schaffst es nicht, es durchzuziehen." erklärte Kaoru. "Die Shinji Ikaris in den Köpfen der Anderen, werden noch eine ganze Zeit ohne dich weiter existieren."
Wieder sah er sich Asuka gegenüber. Sie lag in ihrem Bett und lächelte ihn an, als er das Tablett mit der Suppe auf ihrem Nachttisch abstellte. "Die anderen werden den Shinji Ikari in ihren Köpfen vermissen. Sie haben begonnen ihn zu mögen."

Shinji saß am Küchentisch, gegenüber von Misato, die ein Bier vor ihm hinstellte. "Sie haben begonnen sich um ihn zu sorgen. Wenn du wegläufst, dann wirst du auch ihnen Schmerz und Leid zufügen."

"ABER ICH BIN NICHT GLÜCKLICH!" schrie Shinji, und mit einem Mal verschwanden all die Trugbilder um ihn herum.
Alles war schwarz. Keine Stimme mehr,- gar nichts.
"Warte..." keuchte er. "Ich.. Ich habe es nicht so gemeint... "
"Hast du nicht?" erschallte plötzlich Kaorus Stimme, während er Shinji bei der Schulter fasste und ihn herum drehte. "Was braucht es denn, damit du glücklich bist, Shinji Ikari?"
Er dachte einen Moment lang nach, während Kaoru ihn durch seine Drahtgestell-umrahmten Brillengläser hindurch anstarrte. "Ich... bin glücklich, wenn ich..." Shinji schluckte. "Wenn ich weiß, dass andere glücklich sind."
Mittlerweile war aus Kaoru Gendo geworden, und seine Hände ruhten auf Shinjis Schultern, dort, wo vor Augenblicken noch die Hände des Sensei gewesen waren. "Warum läufst du dann immer vor anderen fort? Warum versuchst du immer der Freude und Glückseligkeit zu entfliehen?"
Jemand tippte ihm auf die Schulter und als er herumfuhr, sah er Asuka und Kaji, die ihn mit fragenden Blicken ansahen. "Genießt du den Schmerz so sehr?"
"Nein!" rief Shinji. "Ich hasse Schmerzen! Und ich hasse es Schmerzen zu bereiten!"
"Aber nur wer den Schmerz übersteht kann Freude erfahren." sagte Kaji mit gewohnt sanfter Stimme und rieb sein Kinn. "Ist es daher nicht angebracht davon auszugehen, das kein Grund dazu besteht den Schmerz zu fürchten? Und dass man... sobald der Schmerz vorbei ist... wieder Freude empfinden wird?"
Die Szene veränderte sich von Neuem. Er hielt Asuka in den Armen; so, wie in der Nacht, als er sie in ihr Zimmer gebracht hatte. "Du wirst Freude und Glückseligkeit durch Andere erfahren,- besonders dann, wenn du herausfindest, dass sie dich nicht hassen." flüsterte sie in sein Ohr. "Du wirst Glückseligkeit finden, sobald der Shinji Ikari im Kopf von Asuka Sohryu akzeptiert wird."
"Du wirst Glückseligkeit finden, sobald der Shinji Ikari im Kopf von Rei Ayanami akzeptiert wird." Rei lächelte ihn aus dem Sitz ihres Entry-Plugs heraus an, so wie sie es nach dem Kampf mit dem fünften Engel getan hatte. "Du wirst glücklich sein, wenn sie glücklich ist."

Abermals wurde alles um ihn herum schwarz und Augenblicke später fand er sich im Lichtkegel eines Theaterscheinwerfers wieder. Die Stimme, die er zu Anfang gehört hatte, ertönte von Neuem und Shinjis Augen weiteten sich erstaunt.

"Aber es gibt da noch jemand anderen, der dich akzeptieren möchte, Shinji Ikari."

Dunkelheit.

Shinji.

Dunkelheit.

Kaoru war an seiner Seite und hatte den Platz von Gendo eingenommen, nun, da sie am Grabe seiner Mutter standen. Der Wind blies kräftig... und heulte wie ein schrecklicher Dämon. "Wenn du weggelaufen wärst, dann hättest du nur neuen Schmerz gefunden." fuhr er fort. "Du kannst dem Schmerz nicht entfliehen. Er ist immer mit dir. Ist ein Teil von dir." Er lächelte. "Glückseligkeit zu finden ist nicht so einfach. Du musst hart dafür arbeiten."
Und plötzlich war alles um ihn herum wieder in dieses rote Licht gebadet, und da war auch wieder dieses Fenster, an dem die Wolken und die Sonne vorbeizogen.
"Du kannst nicht dein ganzes Leben lang ein paar schönen Erinnerungen hinterher trauern." Es war nun Kaoru, der ihm gegenüber saß. "Denn früher oder später werden auch sie dir Leid zufügen. Nämlich dann, wenn du erkennst, was du verpasst hast. Und dass das Leben soviel mehr zu bieten hat."

"Das interessiert mich nicht." flüsterte Shinji.
"Du kannst so viel mehr haben."

"Das interessiert mich nicht."

"Du wirst noch so viel mehr bekommen..."
"Werde ich nicht..."
Asuka lehnte mit ihrem Kopf an seiner Schulter. "Die Asuka Langley in deinem Kopf will nicht, dass du aufgibst und wegrennst."

Rei stand vor ihm und lächelte ihn in ihrer ganz eigenen, besonderen Art an. "Die Rei Ayanami in deinem Kopf will nicht, dass du aufgibst und wegrennst."

Misato fasste ihn bei der Hand und zerzauste ihm sein Haar. "Die Misato Katsuragi in deinem Kopf will nicht, dass du aufgibst und wegrennst."
Dann aber waren sie alle mit einem Mal wieder verschwunden und zurück blieb einmal mehr nur Kaoru. "Und der Shinji Ikari in Shinji Ikaris Kopf will auch nicht, dass er aufgibt und wegrennt."
Und dann war alles, was ihn umgab Dunkelheit.




Asuka Langley wachte auf, als sie ein leichtes Vibrieren spürte, das von ihrer Hosentasche auszugehen schien.

Ein leises Piepsen drang an ihr Ohr. Ihr Mobiltelefon. Noch ein wenig verschlafen und ohne genau zu wissen wo sie war, ignorierte sie die Arme, die sie umschlungen hielten, und nahm da ankommende Gespräch an. "Hai...?" flüsterte sie.
"Asuka." Misatos Stimme klang müde und betrübt. "Wir sind jetzt bereit etwas zu versuchen. Es könnte klappen, aber wir brauchen euch beide damit ihr uns mit euren AT-Feldern unterstützen könnt."

Sie nickte, begleitet von einem Gähnen. "Ich bin in zehn Minuten da. Wie lange hat Shinji noch?"

"Weniger als eine Stunde." antwortete Misato.

"Ich bin gleich da." sagte sie und beendete die Verbindung.

Erst jetzt wurde ihr bewusst, wo sie eigentlich war; Sie war im Appartement von Kaoru Miyazaki und saß auf einer Couch,- angeschmiegt an die Brust ihres Sensei, der wiederum fest zu schlafen schien. Ein warmherziges Lächeln machte sich auf ihrem Gesicht breit, als sie sich an das Gespräch erinnerte, das sie mit ihm geführt hatte. "Danke..." Sie lehnte sich zu ihm herüber und küsste ihn sanft.

Wie vom Blitz getroffen schlug Kaoru seine Augen auf. Er blinzelte verwundert als er Asuka bemerkte, die gerade im Begriff war zu gehen. "Asuka??"

Sie lächelte ihn an. "Vielen Dank, Kaoru-kun..."

Er setzte sich auf und schaute verschlafen durch das Zimmer. "Oh...oh ja...gern geschehen." meinte er mit einem Gähnen.

Ein Grinsen kroch in Asukas Gesicht; sie war versucht ihn erneut zu küssen, doch...

Kaoru sah den Ausdruck in den Augen der rothaarigen jungen Frau. Etwas an der Art, wie sie ihn anschaute war so.. vertraut.
Und dann plötzlich... beugte Asuka sich zu ihm hinunter und küsste ihn auf den Mund. Kaoru war vor Schreck wie versteinert. Er wusste nicht, was er tun sollte.
Als sich ihre Lippen trennten, gab es ein feuchtes, schmatzendes Geräusch, und sofort war da ein Ausdruck von Panik auf Asukas Gesicht. Beinahe reflexartig bedeckte sie ihren Mund mit der Hand.
Kaoru aber saß einfach nur stumm da, und allein seine Brille zeigte eine Regung, indem sie von seiner Nase rutschte.

Asuka fuhr herum und rannte zur Tür "Gomen..." flüsterte sie noch schnell, bevor sie besagte Tür aufstieß und hinaus rannte.

Kaoru blinzelte verwundert... er wagte es nicht, sich zu bewegen.





Asuka rannte.

Sie rannte schneller, als sie es je in ihrem Leben getan hatte. Auch wenn sie gewollt hätte, sie hätte nicht weinen können... sie hatte schon zu viel geweint.
Als sie aufhörte zu laufen, hatte sie bereits die Hallen des mobilen NERV Kommandostandes erreicht und war auf dem Weg zur Umkleide. Ayanami hatte sich sicher bereits umgezogen,- jedenfalls war sie nirgends zu sehen als Asuka die Türe hinter sich abschloss.

Völlig außer Atem ließ sie sich gegen einen der leeren Kleiderspinde fallen. Ihre Hand berührte noch immer ihre Lippen.

"Nein..." flüsterte sie. "Das kann nicht sein..."

Stille setzte ein als sie sich auf den kalten Boden setzte, und sich einen Moment lang von dem Gefühl ihres wild pochenden Herzens überwältigen ließ.








"Bin ich unerwünscht? Nutzlos?" fragte sich Shinji während er vor seinem geistigen Auge Bilder aus der Vergangenheit sah. Bilder von seinem Vater, wie er ihn zurückgelassen hatte. Bilder seines ganz persönlichen Alptraumes, den er schon so oft durchlebt hatte.
"Mutter... sie hat... gelächelt?" Er musste nach Luft schnappen, als er sich an die Flut von Anschuldigungen erinnerte, die man seinem Vater nach dem Tod seiner Mutter entgegen gebracht hatte.

Doch sein Vater hatte all das ertragen. Man hatte ihn einen Killer genannt. Den Mörder seiner eigenen Frau. Und dann die Umstände, unter denen Shinijs Mutter verschwunden war... Wie es alles so perfekt zusammenpasste. Und dass sie am Ende nicht mehr gewesen war, als das Versuchskaninchen in einem Experiment, von dem niemand den möglichen Ausgang kannte.
Und trotzdem hatte seine Mutter an diesem Tag gelächelt. Gelächelt, als Shinji ihr durch das zentimeterdicke Schutzglas zugewunken hat. Gelächelt, als sie in da eingestiegen war, was ihm mittlerweile als Zugangskapsel bekannt war.

"Vater...er hat mich verlassen..." Shinji begann zu weinen... doch mit einem Mal hielt er inne. "Etwa.. um mich zu beschützen?"

Er sah Misato in der offenen Türe zu seinem Zimmer stehen. Sie trug nichts außer dem Handtuch, dass sie sich nach ihrem Bad umgelegt hatte. "Du warst sehr tapfer heute..."

Wieder durchzuckte ihn eine Erinnerung an Gendo. "Shinji... du DARFST NICHT weglaufen."

Lag da etwa so etwas wie Reue in dieser Stimme? In dieser Stimme, die Vordergründig einfach nur kalt klang. Kalt wie der Tod.

"Weckt Rei auf." Es hatte eine ganze Weile gedauert bis die Verbindung über die Sprechanlage hergestellt war. "Rei?"

"Hai?" Ihre Stimme hatte so sanft geklungen,- so leise,- kaum lauter als ein Flüstern.

"Du musst steuern, Rei. Dein Ersatz hat sich als unbrauchbar erwiesen." hatte Gendo gesagt.
Nach einem Augenblick der Stille war dann Reis Antwort gekommen: "Hai." und kurz darauf hatte man die Verbindung getrennt.
Ja, es stimmte. Gendo war gegangen. Er hatte ihn verlassen. Er hatte seinen Sohn zurückgelassen um sich allein dem Schmerz und Leid zu stellen, den die Welt von EVA mit sich brachte. Er hatte sich dagegen entschieden Shinji mitzunehmen. Ihn nicht zu sich zu holen. Nicht, so lange es nicht absolut notwendig wäre.

"Ein Ersatzpilot ist gerade angekommen." Gendos Worte, verspottende Worte beinahe, hallten in seinem Kopf. Worte, mit denen sein Vater auf die Frage nach dem Piloten von EVA-01 geantwortet hatte.
Wieder einmal sah er sich Kaoru gegenüber. "Er weiß nicht, was es bedeutet zu leben. Er versteht den Shinji Ikari in seinem Kopf nicht."
"Genauso wenig wie ich." flüsterte Shinji.
Dunkelheit.
"Ich hasse diesen Ort..." flüsterte er. "und die Einsamkeit."



Seine Gedanken kehrten wieder in die Realität zurück, zurück zu dem LCL, das ihn umgab.
Es war kalt, und so dunkel, dass er kaum mehr etwas erkennen konnte.

"Die Heizung und die Sauerstoffversorgung sind am Ende." flüsterte er. "B..brrr... ist das kalt... und der blöde Anzug gibt auch langsam den Geist auf..."
Sogar die kleine orange-farbene LCD-Anzeige auf dem Rücken seines linken Handschuhs war mittlerweile aus. Sein Einsatzanzug hatte selbst dieses kleine, unscheinbare bisschen Energie angezapft, um seinen Herrn und Besitzer warm zu halten.- Eine vergebene Liebesmüh.

Ganz eng zusammengekauert auf seinem Pilotensitz, ähnelte Shinjis Anblick dem eines ungeborenen Kindes im Mutterleib.
Ihm war kalt. Er war allein.- Allein, und im Begriff zu sterben. Ein langsamer Tod. Das LCL würde wohl schon sehr bald beginnen zu zerfallen. Er würde bewusstlos werden, und dann - einige Minuten später - wäre er tot.

Wenigstens würde er keine Schmerzen haben.

"Das ist also das Ende..." flüsterte er mit geschlossenen Augen. "Ich bin müde. Müde... von allem."





Nichts. Absolute Stille und Dunkelheit.



Dann, mit einem Mal, ein Licht.






Shinji spürte, wie etwas seine Wange berührte. Es war warm. So, als ob Asuka ihn berühren würde... aber es war nicht Asuka.
Es war...
Seine Augen öffneten sich als er spürte, wie er zu fallen begann, doch gleichzeitig hielt ihn auch irgendetwas fest.- Beschützte ihn.
"Mutter??"








Asuka schmeckte immer noch den Kuss auf ihren Lippen, während sie mit EVA-02 am Rande des Schattens stand und auf die Dunkelheit starrte, in der EVA-01 verschwunden war. Sie zwang sich dazu rational zu denken und sich auf ihre Aufgabe zu konzentrieren. Jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt um ihr Gefühlsleben zu ordnen.

Nicht so lange es noch den Hauch einer Chance gab, dass Shinji noch lebte.

"Die EVAs sind in Position und einsatzbereit." kam ihre Stimme kühl und konzentriert über die Lautsprecher im mobilen NERV Kommandostand.
Dieser Plan war eigentlich alles andere als ein Plan. Er war vom gleichen Schlag wie ihre 'Ich habe keine Ahnung wie wir vorgehen sollen, also macht das Beste draus'-Strategie, mit der sie schon den ersten Angriff vermasselt hatten. Also eine Art 'Gott ich hoffe, es klappt...'-Plan, zweiter Teil.

Über ihren Köpfen schwebten hunderte UN-Bomber, jeder von ihnen bewaffnet mit einer oder mehreren N2-Bomben, die alle zum gleichen Zeitpunkt auf den schwarzen Schatten abgeworfen werden sollten. Fehler waren nicht erlaubt, denn sollte etwas schiefgehen, dann wäre die daraus resultierende Explosion so groß, dass nicht einmal eine Mücke auf der gesamten Japanischen Inselgruppe überleben würde.- Außer den beiden EVAs natürlich, die am Rande des Schattens postiert waren; Sie würden e selbstverständlich überstehen... ebenso wie - hoffentlich- Shinjis Einheit-01. Egal ob der Pilot darin noch lebte oder nicht.

Doch allen Widrigkeiten zum Trotz war Ritsuko fest entschlossen den Plan durchzuziehen. Wenn er funktionierte, dann bestand die Möglichkeit, dass der Engel VIELLEICHT vernichtet würde... Wenn die AT-Felder der Evangelions und der Einsatz der N2-Bomben genau aufeinander abgestimmt wären....
Das waren verdammt viele 'wenn's.
Andererseits aber hatte Misato auch keine bessere Idee gehabt, und so schien dieser Plan ihre einzige Option zu sein.
"Du wirst mich nicht verlassen, Shinji Ikari." flüsterte Asuka in das LCL, das sie umgab. "Wenn es sein muss, dann springe ich da rein und hol' dich mit meinen eigenen Händen raus."

"T-Minus 60 Sekunden." Ritsukos Stimme riss sie aus ihren Gedanken.

Asuka schloss ihre Augen. "Kämpfe, verdammt nochmal..." sagte sie. "Lauf nicht weg, Baka... Immerhin hast du mir versprochen, dass wir an meinem Geburtstag zusammen einen Trinken werden."




Das Grollen der Flugzeugmotoren über ihren Köpfen wurde mit einem Mal von einem ganz anderen Grollen übertönt.
Und was folgte war ein schreckliches, markerschütterndes Geräusch. Ein Geräusch, so als ob Fleisch, Muskeln und Sehnen langsam aber stetig zerreißen würden...
Wie auf Kommando richteten sich alle Augen die schwarze Kugel, die immer noch am Himmel schwebte. Allgemeines Entsetzen machte sich breit als man sah, wie sich die der einst perfekt rund geformte Oberfläche zu verzerren begann, um schließlich wie eine Eierschale aufzuplatzen. Ströme von rotem Blut flossen aus den Rissen der Kugel, währenddessen auch der Schatten zu Füßen von Einheit-02 aufzureißen begann.
"Was ist da los?!" Asukas Frage kam wie aus der Pistole geschossen, und obgleich sie sich alle Mühe gab nach außen hin ruhig zu wirken, verriet das Zucken ihrer Augenbraue nur zu gut ihre innere Anspannung.

Über ihre Com-Verbindung konnte sie die Gespräche zwischen Ritsuko und Misato mithören. "Ist das etwa Shinji?" Misatos Frage klang hoffnungsvoll.

"Kann nicht sein!" war Risukos Antwort. "Einheit-01 dürfte zum jetzigen Zeitpunkt überhaupt keine Energiereserven mehr haben."

Asuka aber kannte die Wahrheit bereits. Sogar noch bevor sie die riesengroße Faust sah, die sich aus dem Inneren der Kugel heraus ihren Weg nach draußen bahnte. Da schwarz-
weiße Streifenmuster auf der Oberfläche verschwand mit einem Flackern, als sich eine Seite der Sphäre auffällig zu wölben begann.

PLATSCH!

Ein jeder beobachtete mit weit aufgerissenen Augen das Blut, das einem Wasserfall gleich aus der klaffenden Wunde des Engels floss. Eine Wunde, in der zunächst einmal nur zwei weiß glühende Augen zu sehen waren, bis schließlich ein mächtiges Gebrüll ertönte und der Kopf des Test-Typ Evangelion Einheit-01 mit einem Mal, in einer Art blutig-
schaurigen Parodie einer Geburt, aus der Öffnung der Kugel hervorbrach.

Der Evangelion heulte wie ein Wolf. Und dann, immer noch mit seinem Körper im Innern der Kugel gefangen, richtete sich EVA-01 urplötzlich auf. Den Engel zeriss es förmlich in der Luft und der zerborstene, obere Teil der Kugel fiel in einem Schauer von Blut und pechschwarzer Haut zu Boden.
Asuka beobachtete entgeistert wie EVA-01 den Mond anheulte,- so wie ein Monster, das er zweifellos war. Sie konnte ihre Augen einfach nicht abwenden. Shinji war in Ordnung... er musste in Ordnung sein... aber... andererseits...
"Ich... sitze... in so einem Ding?" stammelte sie fassungslos und fühlte sich mit einem Mal unglaublich kalt und einsam.
Und dann, als der letzte Rest der Kugel schließlich zerplatzte und den Boden mit Blut tränkte, war es endlich soweit; Der einst gefangene Evangelion war wieder frei und landete fast schon grazil in gehockter Haltung, bevor er sich zu guter Letzt zu seiner ganzen Größe aufrichtete.



Ritsuko stand der Schock ins Gesicht geschrieben, als sie sah, wie EVA-01 einem König gleich über den Resten des vernichteten Engels thronte.

"Mein Gott... was war das nur für ein Monster, von dem wir kopiert haben?" flüsterte sie.
Misato kniff ihre Augen zusammen und blickte sie finster an.

Mit starrem Blick schauten die weiß glühenden Augen von EVA-01 über die Stadt Tokio-3. Seine Panzerung schimmerte nicht mehr länger im gewohnten violett und grün, sondern war blutrot. Getränkt vom Blut seines Feindes.




Als die Zugangskapsel geöffnet wurde, hörte Shinji wie jemand seinen Namen rief. "Misato-san?" fragte er sich verwundert. "Was macht sie denn in meinem Kopf?"
"SHINJI!" rief Misato immer wieder während sie die Einstiegsluke des Entry-Plugs förmlich aufriss. Und als sie schließlich hineinsehen konnte, traute sie ihren Augen nicht; Er lebte. Ja, er lebte noch,- und er saß da, in seinem Pilotensitz, und schaute sie aus verschlafenen Augen an, so als ob er gerade aus einem kleinen Nickerchen aufgewacht wäre.
"Shinji?! Bist du in Ordnung!?!" fragte sie mit Tränen der Angst in ihren Augen. Angst, dass er vielleicht doch nicht okay wäre.
Er blinzelte, als seine Augen versuchten sich an die plötzliche Änderung der Lichtverhältnisse zu gewöhnen. Misato aber fasste sein Zwinkern als ein 'Ja' auf und drückte ihn - nunmehr mit Tränen der Freude in den Augen - ganz fest an sich.

"Ich..." flüsterte Shinji. "Ich wollte euch einfach nur alle wiedersehen." Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. "Ihr macht mich glücklich."
Misato schluchzte, und dankte dem Himmel. Sie war mittlerweile schon seit dreißig Stunden auf den Beinen, und die Hälfte dieser Zeit war einfach nur die Hölle gewesen,- schlimmer, als sie es sich je vorgestellt hatte.
Asuka hingegen stand einfach nur regungslos neben dem Entryplug und hielt ihren Kopf gesenkt, während sie beobachtete, wie Misato Freudentränen vergoss weil 'ihr' Shinji wieder zurückgekehrt war. "Hattest du nicht gesagt, das du ihm die Leviten lesen wolltest, wenn er wieder da wäre?"

Shinji schaute auf und die Blicke der Beiden trafen sich. Ein Lächeln umspielte Asukas Lippen und trotzte ihren harten Worten. Und dann war da auch noch der Ausdruck in ihren Augen,- Ein Ausdruck, der Bände sprach und so viel mehr sagte, als es ihr Lächeln je vermocht hätte...

Copyright of the Charakter by GAINAX / Text by Strike Fiss, 1999
Translated by Melissa Schneider / Edited by Christian Winkler and Markus Ehreke