Die Schulglocke ertönte zum zweiten Mal und verkündete das Ende der Mittagspause.
"Lassen Sie uns wieder zu unserem Thema zurückkehren." Sensei Kaoru unterbrach mit lauter Stimme die Schwätzchen der Schüler. "Wer kann uns eine kurze Zusammenfassung
über die Natur der Geräusche geben, an Hand dessen, was wir letzten Monat diskutiert haben?"
Es war totenstill in der Klasse, während der Lehrer ungeduldig mit der Kreide an die Tafel tippte und auf eine Antwort wartete.
Dann aber öffnete sich plötzlich die Tür zum Klassenzimmer, und hereingestürmt kamen Shinji und Asuka.
Kaoru schenkte den beiden ein herzliches Lächeln,- ungeachtet des etwas verstörten Gesichtsausdrucks, den Shinji an den Tag legte.
"Schön, das ihr euch entschlossen habt zu kommen, Kinder. Ihr wart ja schon auf dem besten Wege unserem Fräulein Rei, was Fehlstunden angeht, Konkurrenz zu machen."
Rei blinzelte verwundert, während der Rest der Klasse kicherte und ihr ein warmherziges Lächeln schenkte.
"Da Sie beide ja nun schon einmal stehen... " meinte Kaoru schließlich, ohne den beiden die Gelegenheit zu geben, sich zu entschuldigen "... würde es Ihnen etwas ausmachen un
einmal kurz in die Geheimnisse der Natur der Geräusche einzuweihen, so wie wir es letzten Monat besprochen haben?" Ohne eine Antwort abzuwarten gab er den beiden ein Stück
Kreide in die Hand und ging schließlich hinüber zu seinem Schreibtisch, wo er sich auf die Tischkante setzte.
Asuka runzelte die Stirn. "Siehst du, Shinji? Ich hatte es dir doch gesagt, das es besser gewesen wäre, noch vor der Mittagspause zum Unterricht zu erscheinen!" Sie begann etwas an
die Tafel zu zeichnen. "Ich weiß wirklich nicht, warum ausgerechnet du auf einmal diesen Hass auf die Schule hast."
"Ich mag sie einfach nicht. " murmelte Shinji vor sich hin während auch er begann an die Tafel zu schreiben "Ist das denn so schwer zu verstehen?".
Obwohl Asuka die Einstellung, die Shinji an den Tag legte, ebensowenig gefiel wie die Art, in der er mit ihr sprach, beließ sie es bei einem grimmigen Blick und einem gewohnt
befehlendem "Darüber reden wir noch!", und zog es vor sich schnellstmöglich wieder der Tafel zuzuwenden. Nicht auszumalen auf welche Ideen ihre Mitschüler kämen, wenn
sie bemerkten, dass sie und der rückgratlose Baka vor der ganzen Klasse tuschelten.
Shinji dagegen seufzte nur und ahnte Böses.
"Shinji." Kaorus Stimme traf ihn unvermittelt. "Du schreibst ein wenig langsam, also warum gibst du uns nicht einfach mal einen mündlichen Bericht mit deinen eigenen Worten."
Der junge Ikari zuckte zusammen, und wandte sich langsam der Klasse zu....
"Äh...hmmm...nun ja..."
Seine Mitschüler starrten ihn an, und der Ausdruck von Ungeduld auf ihren Gesichtern half ihm ganz und gar nicht dabei, seine Nervosität zu überwinden. Allein Toji und
Kensuke machten den Eindruck als wären sie ganz Ohr... oh,- und Rei natürlich, die ihm mit ihrem Gesichtsausdruck all den Mut gab, den er brauchte, um seine Angstgefühle zu
ignorieren...
"Ein Geräusch...kann aufgefasst werden als die Vibrationen der Luft, die wir mit unseren Ohren wahrnehmen." er musste schlucken. "Gleich..gleichzeitig wird es aber auch bestimmt
durch die Art und Weise, wie unser Gehirn mit diesem Geräusch umgeht."
Kaoru nickte. "Kannst du uns ein Beispiel nennen?"
Shinji schaute sich um. Er suchte verzweifelt nach einer Inspiration, doch erst als sein Blick schließlich auf Asuka fiel, die ihm den Rücken zudrehte, hatte er mit einem Mal
eine Idee.
Sein Lächeln war von Nervosität geprägt als er sich wieder dem Sensei zuwandte und nickte. "Ja, - zum Beispiel, wenn man betrunken ist, dann sagt man ja auch, dass einem
der Schädel 'brummt'. Aber in Wirklichkeit brummt der Schädel ja gar nicht." Er mußte schlucken, als er sich den überraschten Blicken seiner Mitschüler
gegenüber sah. Asuka hatte sogar mit dem Schreiben aufgehört,- sofort nachdem sie derart erschrocken war, dass sie ihr Stück Kreide in der Mitte durchgebrochen hatte. "E
ist also ein Geräusch das einzig und allein im Kopf entsteht."
Ein verwundertes Blinzeln ging durch die Klasse und Toji schaute regelrecht beeindruckt drein. "Na da laus mich doch der Affe! Ich wusste ja gar nicht, dass Shinji was verträgt!"
meinte er laut genug, dass einige Mitschüler es hörten und als Reaktion in Gelächter ausbrachen.
"Na wenn das so ist..." Kaoru nahm die Anwesenheitsliste zur Hand. "Ikari Shinji...zu spät wegen einem Kater."
Ein Lachen ging durch die Klasse und ein jeder stimmte mit ein,- bis auf Asuka, die sich kurz umsah, und Shinji dann einen bösen Blick zuwarf.
"Äh, das habe ich nur so gehört." meinte Shinji sichtlich nervös und mit einem Schulterzucken.
Asukas rechte Augenbraue zuckte bedrohlich...doch es sah nicht so aus, als wolle sie ihn gleich umbringen... vielleicht ein wenig martern... 'Na ja immerhin ein Anfang', dachte Shinji
und entspannte sich dann auch sichtlich, als der Sensei die beiden bat, Platz zu nehmen.
"Das ist in der Tat ein gutes Beispiel, Shinji. Fakt ist doch, dass wir alle die kleine Stimme in uns zu 'hören' glauben, die uns beisteht und Ratschläge erteilt, wenn wir
versuchen ein schwieriges Problem zu lösen. Wenn wir uns Dinge vorstellen, oder wieder erleben, dann kann das manchmal mit solch einer Intensität geschehen, dass wir sogar die
damit verbundenen Geräusche hören können." Kaoru ging wieder hinüber zur Tafel. "Und wenn Sie sich betrinken, das kann ich Ihnen sagen, dann spielen sich die
merkwürdigsten Dinge in Ihrem Kopf ab." Er beäugte seine Schüler kritisch. "Was aber nicht bedeutet, dass ich Sie hiermit auffordere sich zu betrinken. Das ist KEINE
Hausaufgabe."
Ein jeder nickte mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht.
"Wie steht es mit Ihnen, Toji? Was bedeuten Geräusche für Sie?" fragte Kaoru. "An welches Geräusch können Sie sich jetzt so auf Anhieb erinnern?"
"Hmm...Naja." Toji kratzte sich am Kopf. "Ich denke, ich mag das Geräusch von plätscherndem Wasser."
"Weil du ständig versuchst den Mädchen beim Schwimmunterricht nachzuspannen!" ergänzte Hikari verärgert, und ignorierte vollkommen das Gekicher, das ihre Bemerkung
hervorrief.
"Äh..." Toji zuckte zusammen, als er den bösen Blick der Klassensprecherin sah. "Nein...Ich meine, wenn es draußen mal so richtig heiß ist, dann denke ich manchmal
an das Geräusch von plätscherndem Wasser, und dann kommt es mir so vor, als wäre ich gerade in einen See oder sowas gesprungen. Das ist recht angenehm." Seine ansonsten
kräftige und sonore Stimme war um etliche Oktaven geklettert, und klang fast wie Micky-Maus, nun da Hikari sich beinahe schon über den Tisch eines Mitschülers hinweg
lehnte, nur um ihren stechenden Blick noch besser zum Einsatz bringen zu können.
"Pah." endlich ließ Hikari locker und setzte sich wieder auf ihren Platz.
"Plätscherndes Wasser? HA!" Mit einem Lächeln auf dem Gesicht ließ Kensuke seine Kamera sinken. "Ich würde das Geräusch eines F-15 Jet Nachbrenners jederzeit
wiedererkennen! Das ist zumindest das Geräusch, an das ich denke, wenn der Unterricht mal wieder so richtig langweilig ist."
"Hoffentlich ist das bei meinem Unterricht nicht der Fall." meinte Kaoru mit einem Lächeln.
"Äh..nein, natürlich nicht, Sensei-san!"
"Gut." Kaoru nickte. "Wie dem auch sei,- es bringt mich zum nächsten Punkt unserer Diskussion." Er ging hinüber zur Tafel und begann an einer noch unbenutzten Stelle zu
schreiben. "Manche Geräusche können glücklich machen. Bei anderen fühlt man sich aber eher schlecht. Und wieder andere sind einfach nur nervig."
"So wie die Stimme unseres roten Teufels." ergänzte Toji und grinste hinüber zu Asuka.
Einer von Asukas Schuhen lernte daraufhin prompt das Fliegen, und schickte Toji ins Reich der Träume, als er mit dessen Kopf kollidierte. "Volltrottel!" schnaubte der Rotschopf.
"Welch friedvolle Diskussion." meinte Kaoru und hüstelte, während Kensuke Toji wieder auf seinen Stuhl hievte. "Aber der Punkt ist doch der, auch wenn Geräusche etwa
sind, das von außen auf uns einströmt, so lösen sie doch weitaus mehr in unseren Köpfen aus, als nur den einfachen Vorgang des 'Hörens'." Er lächelte und
drehte sich herum, wodurch die Liste der Daten, die er gerade an die Tafel geschrieben hatte, für die Schüler sichtbar wurde. "Das Thema des weiteren Unterrichtes wird, neben
der üblichen täglichen Diskussion, das Zusammenspiel von Emotionen und Geisteszustand sein."
Die Klasse stöhnte auf, erwartete sie doch tonnenweise Hausaufgaben.
"Fürchtet euch nicht!" meinte Kaoru mit einem Grinsen. "Es wird deshalb nicht mehr Hausaufgaben geben, als bisher." Er richtete seine Brille. "Diese Daten hier sind eine Richtschnur
für unser neues Projekt.- Vorausgesetzt uns kommt keiner von diesen widerlichen Engeln in die Quere..."
Die Klasse war sprachlos und ein verwundertes Blinzeln machte die Runde. Letztlich war es Hikari, die die Hand hob und sich zu Wort meldete. "Worin besteht denn unser neues Projekt?"
"Nicht so schnell meine Liebe." entgegnete ihr Kaoru und machte einen Kreis um das letzte Datum der Liste. "Weiß jemand von euch, was das hier für ein Tag ist?"
Kensuke überlegte einen Moment lang. "Elternsprechtag?"
"Ganz genau!" Kaoru schmunzelte. "Und welch besseren Weg gibt es ihren Eltern zu zeigen, was Sie gelernt haben, als ihnen eine Kostprobe unserer Arbeit zu geben."
Ein Jeder blinzelte von Neuem.
"Wir..." er lächelte. "...werden ein Konzert geben."
Wieder machte unverständiges Blinzeln die Runde.
"Und worin liegt der Nutzen ?" fragte Rei schließlich, als die Stille schon fast unheimlich geworden war.
Mit einem zustimmenden Nicken öffnete Kaoru sein Lehrbuch und las eine Passage, die er sich offensichtlich zuvor markiert hatte. "Musik ist das Sprachrohr der Seele. Es ist
gleichzeitig Sprache und Medium. Mit Musik kann man eine Geschichte erzählen; Liebe und Tragödien mit anderen teilen, und Bilder zaubern, die Andere das sehen lassen, was man
selbst gesehen hat." Er hielt inne und blickte in die Runde
"Ich weiß, dass es einige musikalisch äußerst talentierte Schüler unter Ihnen gibt. Und die unter Ihnen, die kein Instrument spielen, werden die Möglichkeit
bekommen, sich hinzusetzen, zu lauschen, und herauszufinden, wovon die Musik erzählt. Vielleicht werden Sie auf diese Weise ja einen Aufhänger finden, Ihren Familien das nahe zu
bringen, was wir besprochen haben."
Ein zustimmendes Nicken ging durch die Reihen.- Bis auf Shinji, der immer noch ein wenig schwermütig dreinschaute. Asuka war die Einzige, der es auffiel, und sie machte sich
ernsthaft Sorgen. Seit wann benahm sich Shinji derart gleichgültig wenn es um Musik ging?
* * *
Auf dem Nachhauseweg hatte sich Shinjis Stimmung keinen Deut verbessert. Asuka beobachtete schon eine ganze Weile lang wie er mit gesenktem Kopf den Gehsteig entlang schlurfte,- den
Blick starr auf den Boden und seine Füße gerichtet. Normalerweise hätte sie ein solches Verhalten maßlos genervt.. doch dieses Mal gewann der Teil in ihr, der sich
ernsthaft Sorgen um Shinji machte. Es lag wohl an diesem einen Satz, den er gestern Abend bei der Heimfahrt in Misatos Auto gesagt hatte; Dass er besser im Inneren des Engels gestorben
wäre.
"Shinji?" fragte sie "Hast du was?"
Er seufzte. "Es ist nichts. Es geht mir gut." Doch das klang nicht sehr überzeugend. Auch dann nicht, wenn man allein seinen Worten Glauben schenkte.
"Also..." Sie zuckte mit den Schultern. "Freust du dich denn gar nicht über die Idee mit dem Konzert?" fragte sie und schenkte ihm ein Lächeln. "Es würde dir die
Gelegenheit geben mal wieder Cello zu spielen."
"Hmmm." grummelte Shinji. "Die Saiten sind schon ziemlich alt."
Asuka runzelte die Stirn. "Weißt du, ich spiele Geige." erklärte sie stolz und beugte sich zu ihm herüber. "Wir zwei könnten doch einmal zusammen spielen.- Da
würde sicher toll klingen." flüsterte sie in sein Ohr, und hoffte damit endlich eine Reaktion zu provozieren...
Doch Shinji ignorierte sie völlig, und schlich einfach nur weiter den Bürgersteig entlang; mit gesenktem Kopf und gleichmäßigen Schritten, ohne auch nur ein einzige
Mal aus dem Tritt zu kommen.
"Hmmm." sie verschränkte ihre Arme "Tja, wie ich erwartet habe."
Er blieb stehen und sah sie an. "Was hast du erwartet?"
"Du hast vergessen, wie man Cello spielt." sie starrte ihn an und ihre Augen funkelten. "Na ja, ist ja auch kein Wunder, so oft wie du und dein Eva von den Engeln schon in die Mangel
genommen worden sind...Ich denke mal, da kann ich dir keinen Vorwurf machen."
Shinji blickte auf seine Schuhe mit denen er nervös und ungewollt über den Boden scharrte. "Ich..ich habe es nicht vergessen." meinte er und runzelte die Stirn. "Ich kann immer
noch gu...akzeptabel... spielen."
Asuka beugte sich noch etwas näher zu ihm herüber,- so weit, dass ihr Gesicht für seinen Geschmack bereits ein wenig zu nah an seinem war. "Wovor hast du dann Angst,
'Third Child'? Hast du etwa Angst, dass dich jeder auslachen wird, wenn du dich einmal verspielst?"
"Nein! NEIN!" Shinji wich ein paar Schritte zurück. "Ich habe keine Angst!"
Sie setzte ein hinterhältiges Grinsen auf. "Gut." meinte sie und nahm in bei der Hand... um ihn im nächsten Moment auch schon hinter sich herzuziehen, während sie in
wahnwitzigem Tempo quer über die vielbefahrene Straße hinweg fegte. Shinji hatte ein wenig Mühe mit ihrem Tempo mitzuhalten und gleichzeitig aufzupassen, dass er nicht von
irgendeinem Auto angefahren wurde.
"Was hast du vor?!?!" keuchte er als Asuka einen Augenblick lang stehen blieb...doch an Stelle einer Antwort lief sie einfach weiter.
Nach einer Weile blieb der Rotschopf dann aber unvermittelt stehen und hielt Shinji am Arm zurück, bevor er an ihr vorbei gerannt war. "Ruhe, 'Third Child'!" befahl sie mit einem
Grinsen auf dem Gesicht. "Und komm bloß nicht auf die Idee, dass das hier eine Verabredung ist und ich dich irgendwo hin ausführe! Das wird nämlich DEINE Aufgabe
sein!"
"Eine Verabredung ?! Irgendwo hin ausführen ?!"
Sie seufzte und versetzte ihm einen leichten Klaps auf den Hinterkopf. "Ich habe doch gerade gesagt, dass das hier keine Verabredung ist, Baka!"
Sie setzten ihren Weg im Schrittempo fort, bis sie zu einem kleinen Geschäftsviertel kamen.
"Wenn dir jemals die EHRE zu Teil werden sollte, mich auszuführen, dann erwarte ich nämlich von dir, dass du einen romantischeren und gediegeneren Ort als diesen hier
wählst!"
"..." Shinji musste schlucken angesichts dieser Erwartungshaltung, die Asuka an den Tag legte.- Dennoch konnte er nicht anders, als es sich hinter die Ohren zu schreiben... "Okay..."
"Wir sind da!" erklärte Asuka stolz, während sie Shinji hinter sich her schleifte... über eine Kreuzung hinweg... an ein paar geparkten Fahrzeugen vorbei, hin zu...
"Ein Musikgeschäft?" Shinji war außer Atem. "Ab...Aber ich habe kein Geld um mir neue Saiten zu kaufen!"
Asuka nickte. "Und darum wirst du auch verdammt tief in meiner Schuld stehen, wenn ich hiermit fertig bin." Sie zerrte ihn förmlich durch die Tür des Musikladens,- sehr zum
Erstaunen des Inhabers.
"Äh...ich wünsche euch einen schönen Nachmittag, Kinder." Er blinzelte verwundert, als er die Rothaarige sah, die einen Jungen am Hemdkragen gepackt hielt und ihn quer
durch das Geschäft, hin zu der Auslage mit den Cellos schleifte.
Asuka hatte keine Ahnung von den unterschiedlichen Saiten, und so beschränkte sie sich darauf ein Cello zu finden, das ungefähr genau so groß und ähnlich wie Shinji
aussah.
"Ist das da so wie dein Cello, Baka?"
Shinji nickte. "Ja...schon, aber meines ist dunkler in der Farbe..."
Asuka wandte sich an den Geschäftsinhaber. "Ich hätte gern einen neuen Satz Saiten für diese Art von Cello dort, wenn es geht." bat sie ohne Umschweife.
Der alte Man fand recht schnell die passenden Saiten und reichte das Päckchen an Asuka. "Das macht dann 4320 Yen, Fräulein."
Sie warf Shinji einen strengen Blick zu. "4300 Yen! Ich will hoffen, dass dein Spiel auf diesen neuen Saiten VERDAMMT gut sein wird, Shinji!"
Shinji zuckte prompt zusammen.
Asuka kramte die entsprechenden Geldscheine und ein paar Münzen hervor und gab sie dem Geschäftsinhaber. "Ich hoffe ja stark, dass die Saiten ihr Geld wert sind." grummelte
sie.
"Selbstverständlich Miss." antwortete der Mann mit einem Nicken. "Sie werden in Orchestern in ganz Japan benutzt." Er reichte ihr das Wechselgeld und den Kassenzettel.
"Gut." Sie nahm das Päckchen mit den Saiten vom Tresen und packte Shinji erneut bei seinem Hemdkragen. "Komm, Baka! Jetzt kannst du spielen!"
Shinji winkte dem Geschäftsinhaber noch kurz zum Abschied und brachte gerade noch ein "Danke." heraus, bevor Asuka mit ihm im Schlepptau auch schon aus dem Laden hinau
gestürmt war.
Der Mann hinter dem Tresen schüttelte den Kopf. "Was für eine unglaublich lebhafte junge Dame." Er kicherte. "Der arme Junge..."
* * *
Nun, da das Schwerste geschafft, und sie auf halbem Weg nach Hause waren, ließ Asuka es ein wenig langsamer angehen. Ein zufriedenes und glückliches Lächeln erhellte ihr
Gesicht.
Shinji beäugte indes noch immer das Päckchen mit den Cello-Saiten in seiner Hand und war sichtlich nervös. "Viel.. vielen Dank, Asuka...aber... "
"Nichts ABER!" fuhr sie ihn an. "Ich habe dir ja gesagt, dass du tief in meiner Schuld stehst, und das meinte ich auch so!"
"Aber... ich habe dich nicht gebeten..."
"Das tut nichts zur Sache!" erklärte sie lauter als nötig. "Wenn ein Mädchen nett zu dir ist, und dir einen Gefallen tut, dann solltest du nicht nach dem Warum fragen!"
Sie seufzte. "Besonders du nicht, Shinji. Es ist ja nicht so, als wenn dir sowas tagein tagaus passieren würde."
Er wurde rot und schaute wieder auf die Saiten in seiner Hand. "Schön... also dann...danke ich dir...Das ist wohl das Netteste..." Seine Stimme wurde immer leiser, und verstummte
schließlich, während er die Aufschrift auf dem Paket las. "Woher wusstest du überhaupt, dass dort ein Musikladen ist?"
"Das habe ich dir doch erzählt." Sie gähnte. "Ich spiele Geige und vor einiger Zeit brauchte ich halt auch mal neue Saiten, also habe ich mich auf die Suche gemacht. Das ist
der einzige Laden in der Stadt, der noch nicht von den Engeln platt gemacht worden ist."
"Wirklich?" er zwinkerte, und endlich war er in der Stimmung über Musik zu reden. "Ich habe dich aber noch nie üben gehört."
"Das kommt einzig und allein daher, dass du ständig deine Kopfhörer auf hast." Sie zuckte mit den Schultern. "Vielleicht solltest du nachts mal die Ohren spitzen." sie schenkte
ihm ein süßes, verführerisches Lächeln. "Vielleicht hörst du dann ja etwas, das dir gefällt..."
"Asuka!" Shinji wurde rot wie eine Tomate und wäre fast über seine eigenen Füße gestolpert.
Sie aber lächelte und seufzte zufrieden. "Schon viel besser...." flüsterte sie leise vor sich hin, während sie Seite an Seite nach Hause gingen.
* * *
Es war schon spät, als Shinji endlich die neuen Saiten aufgezogen und grob gestimmt hatte. Ein letztes Mal zupfte er sie mit den Fingern und musste feststellen, dass er gute Arbeit
geleistet hatte. Es wäre eine reine Zeitverschwendung sie genau stimmen zu wollen,- jetzt, wo sie noch neu waren und erst eingespielt werden mussten.
"Warum mache ich das überhaupt?" flüsterte er vor sich hin. "Ich will nicht bei dem Schulkonzert spielen..."
Es fühlte sich gut an den Bogen wieder einmal in der Hand zu halten. Es war lange her, dass er das letzte Mal geübt hatte, und er zögerte ein wenig den Bogen au
Pferdehaar an die jungfräulichen Saiten zu legen.
"Aber..." Er seufzte und führte den Bogen sanft über die Saiten, was dem Instrument einen gedämpften, weichen Ton entlockte. "Asuka hat mich darum gebeten..."
Die Falten auf Shinjis Stirn verschwanden für einen Moment. "Sie hat mich gebeten zu spielen. Sie hat nicht gesagt, dass ich spielen muss...sie...sie versucht nett zu mir zu sein."
Er seufzte. "Vielleicht sollte ich es tun. Vielleicht kann ich ja..."
Seine Hand ließ den Bogen nun mit etwas mehr Kraft über die Saiten gleiten, und ein wunderschöner, kristallklarer, sonorer Klang war das Ergebnis.
"Und...vielleicht kann ich ja diese Sache mit dem Sensei klären..." Der Klang in Shinjis Stimme lag irgendwo zwischen verärgert und frustriert.- Doch egal was seine Stimme auch
ausdrückte,- was zählte war, dass er endlich wieder eine Gefühlsregung zeigte.
Begleitet von einem tiefen Seufzer entspannte er sich schließlich, und ließ sich von der Musik mitreißen. Die langsamen, getragenen Rhythmen waren bei weitem nicht laut
genug um seine Mitbewohner zu wecken, aber dennoch waren sie laut genug um sein kleines Zimmer auszufüllen...
...währenddessen auf der anderen Seite des Korridors eine Träne aus Asukas Augenwinkeln rann. Sie konnte die Musik kaum hören, aber dennoch hätte sie schwören
können, dass Shinji in diesem Moment bei ihr war. Direkt neben ihr. Er und sein Cello. Und obwohl der sonore, ausdrucksvolle und getragene Klang des Cellos sie zum weinen
brachte...hatte sie dennoch ein Lächeln auf den Lippen.