Pen-Pens Kratzen an der Zimmertüre weckte Shinji.- So wie immer, und ungefähr zu gleichen Zeit,- gerade rechtzeitig um einen neuen Schultag ohne Hast
beginnen zu können. Natürlich war heute Sonntag, und somit kein Schultag, aber dennoch rechnete Shinji auch an solchen Tagen fest mit seinem 'Privaten Pinguin-Wecker', und hatte
inzwischen sogar begonnen sich darauf zu verlassen. Außerdem musste IRGENDEINER das arme Tier ja auch füttern.
Und so fuhr sich Shinji müde durch das zerzauste Haar und schlich in die Küche, um Pen-Pen Frühstück zu machen.
"Äh..Shinji...Du solltest vielleicht..."
Shinji zwinkerte verwundert als ihm klar wurde, dass es Asuka war, die ihn gerade angesprochen hatte. Sie saß mit einem Becher Kaffee in den Händen am Küchentisch... und
war rot wie eine Tomate. Shinji folgte dem starren Blick ihrer Augen... hin zu seinen Boxershorts...
"Ähhhh!" panikartig flüchtete er hinter den nächstgelegenen Stuhl um seine Frontpartie zu bedecken.
"A...Asuka!" stammelte er und verlieh dem Begriff 'Vor Scham Rot werden' eine ganz neue Dimension. "Es...es ist doch noch früh am Morgen...ich wußte ja nicht, dass einer von
euch schon auf ist..."
Asuka wandte sich ab, immer noch knallrot im Gesicht. "Gut das wenigstens EINER VON UNS in der Schule aufpasst! Mein Gott! Heute ist doch unsere erste Probe für das Schulkonzert,
und wir müssen bis Mittag da sein!"
"Wie.. du meinst heute?" Shinji blinzelte und richtete seine Boxershorts bis er sicher sein konnte, dass nichts mehr zu sehen war, wessen er sich hätte schämen müssen.
"Bist du so dämlich oder tust du nur so?" wetterte Asuka "Klar, wir spielen zwar nur ein Stück zusammen, aber trotzdem müssen wir noch eine ganze Menge üben, bevor
wir soweit sind, dass wir beim Konzert nächsten Monat spielen können."
"Ähh... stimmt" Er nickte. "Macht irgendwie Sinn.."
"Was zum Teufel..." Misato grummelte vor sich hin, während sie aus ihrem Schlafzimmer torkelte und sich dabei an Stellen kratzte, die wohl selbst Kaji bisher noch nicht entdeckt
hatte. "Warum seid ihr denn alle so früh auf?"
"Elternsprechtag." meinte Asuka knapp.
Misato schnappte nach Luft und suchte nach dem Kalender. "Was? Schon? Seid ihr sicher? Und ich hab' doch gar nichts zum Anziehen und..."
"Nicht heute!" grummelte Asuka. "Nächsten Monat."
Misato blinzelte unverständig, und schaute Shinji an.
"Wir geben ein Schulkonzert beim Elternsprechtag." erklärte Shinji. "Und heute beginnen die Proben. Es ist ein Teil des Philosophieunterrichts."
Misato blinzelte von Neuem. Dann gähnte sie und wandte sich zum Gehen. "Werde ich noch gebraucht um euch zur Schule zu fahren?" meinte sie noch.
Die Kinder zuckten mit den Schultern. "Nein, Ma'am.."
"Gut! Dann gehe ich nämlich wieder ins Bett. Viel Spaß!"
Asuka beobachtete mit unbewegter Miene wie Misato zurück zu ihrem Schlafzimmer schlich und mit einem dumpfen Poltern die Zimmertüre hinter sich zuschob. Shinji hatte derweil
die kurze Pause genutzt und war in sein Zimmer gegangen,um sich anzuziehen.- "Also, jetzt sag mir mal, warum du so darauf brennst zur Probe zu kommen?" schallte seine Stimme aus seinem
kleinen Zimmer hinaus, den Korridor entlang, bis in die Küche.
Asuka gähnte und zuckte mit den Schultern. "Weiß nicht. Ich denke nur dass es besser ist als den ganzen Tag über hier 'rumzusitzen.."
Shinji runzelte die Stirn während er seine Hosen anzog. "Ja...außerdem wird ja auch unser neuer Lehrer dort sein..."
"Wie bitte?"
"Nichts. Schon gut." rief Shinji zurück. Er seufzte und packte sein Cello in die eigens dafür bestimmte Tragetasche. In Gedanken versunken beobachtete er, wie immer mehr von
dem gold-braunen Holz verschwand während er den Reißverschluss an der Tasche schloss.
"Es reicht jetzt...heute werde ich es zu Ende bringen..." flüsterte er vor sich hin. "Ich darf nicht weglaufen...nicht dieses Mal..."
Asuka hatte ein Lächeln auf dem Gesicht, als Shinji zurück in die Küche kam. "Willst du noch frühstücken?"
Shinji schüttelte den Kopf. "Nein. Lass uns gehen." meinte er, und ging an ihr vorbei zur Eingangshalle um seine Schuhe anzuziehen.
"Na gut dann eben nicht..." Asuka zuckte mit den Achseln und nahm die Tragetasche mit ihrem eigenen Instrument vom Tisch bevor sie ihm folgte.
* * *
"Sind sie sicher, dass es keine all zu großen Umstände macht? Ich kann meine Pläne ja immer noch umwerfen." meinte Kaoru während er zusammen mit dem Direktor den
Korridor entlang ging.
"Es ist wirklich kein Problem." Schuldirektor Yamamoto lächelte, als er die Schlüssel aus seiner Hosentasche zog. "Die Schulaula ist schon seit Monaten nicht mehr benutzt
worden. Nach dem Angriff des letzten Engels haben die Reinigungskräfte sie verschlossen, und seitdem ist keiner mehr drinnen gewesen. Wir warten immer noch auf die Techniker, die die
Stühle nachsehen sollen, aber abgesehen davon ist die eigentliche Bühne in einwandfreiem Zustand. Wenn Ihnen der ganze angesammelte Staub nichts ausmacht, dann gehört sie
ganz Ihnen."
"Ich bin sicher, dass sie sehr gut für unser Vorhaben geeignet sein wird." schmunzelte Kaoru.
Mit einem letzten Knarzen öffneten sich die Holztüren und wirbelten ein wenig Staub auf, der in der Dunkelheit des dahinter liegenden Raumes verschwand.
Kaoru lächelte als er die Aula betrat. "Oh, das ist ja perfekt!" Erst jetzt, da von draußen Licht in den Raum fiel, und sich schließlich auch die Beleuchtung
hinzugesellte, sah man die lange, hölzerne, von Staub bedeckte Bühne.
Die einfachen, aber nichtsdestotrotz angemessenen Sitzplätze der Zuschauer erstreckten sich bis in die hinteren, noch dunklen Teile des großen Raumes, wo Stapel von
Klappstühlen auszumachen waren.
Auf der Bühne standen noch etliche Utensilien eines Orchesters herum; unter anderem auch eine kleine Armee von Notenständern... Irgendwie erweckte alles den Anschein, als ob
das letzte Konzert jäh unterbrochen worden war, und Zuschauer und Orchester den Saal in großer Eile hatten verlassen müssen.
"Und, was sagen Sie?" fragte Yamamoto während sie durch den Staub schlenderten.
"Wenn ich die anderen Schüler dazu bringen kann uns beim Saubermachen zu helfen..." antwortete Kaoru. "...dann ist das hier absolut perfekt für unser Konzert."
"Und ich freue mich schon darauf Ihre Schüler spielen zu hören." erwiderte der ältere Mann mit einem Lächeln. "Ich werde dem Hausmeister dann Bescheid sagen, dass er
einen Wagen mit Reinigungsmaterial und Putzeimer für Sie herausstellen soll. Und wenn Sie sonst noch etwas benötigen, fragen Sie ruhig."
"Verbindlichsten Dank, Sir!" Kaoru grinste wie ein Honigkuchenpferd. "Ich muss sagen, dass Sie uns eine sehr große Hilfe bei unserem Projekt sind."
"Aber nicht doch." er schüttelte seinen Kopf. "Ihr Konzert ist genau das, was die Schule braucht. Eine Abwechslung vom trüben Alltagstrott." seufzte er. "Jeder dreht so langsam
durch. Die Anspannung allerorten ist so groß, dass sie glatt die Schutzpanzerung eines Evangelions zum zerbersten bringen könnte. Ich denke, dass Ihr Vorhaben uns eine
willkommene Ablenkung von dem täglichen Einerlei bringen wird."
Kaoru nickte "Ich hoffe es, Sir." meinte er und fing den Satz Schlüssel, den der Direktor ihm zuwarf.
"Schließen Sie einfach nur ab, wenn Sie fertig sind." Yamamoto verbeugte sich leicht und machte sich schließlich daran, die Aula zu verlassen. "Viel Glück!"
Kaoru seufzte, und wandte sich der Bühne zu. "Das wird sicher klappen..." er nickte sich selbst zu "Es muss klappen."
"Was muss klappen?"
Kaoru fuhr herum.
Rei stand in der Türe, mit dem Geigenkasten in der einen Hand, und ihrer Schultasche in der Anderen.
"Fräulein Ayanami! Sie haben mich aber erschreckt!" meinte er und lachte. "So etwas scheint Ihnen wohl Spaß zu machen, oder?"
Wenn er es nicht besser gewusst hätte, dann hätte er schwören können, dass da tatsächlich ein kleines Grinsen über Reis Gesicht gehuscht war.
"Nein, natürlich nicht." antwortete das blauhaarige Mädchen in ruhigem Tonfall, während sie in den abgedunkelten Raum eintrat und einen Klappstuhl von einem der Stapel
nahm. "Und worin wird der heutige Unterricht bestehen?"
Es klopfte an der Türe, und ein über beide Backen grinsender Hausmeister rollte einen riesigen Karren mit Putzeimern und Schrubbern herein. Kaoru lächelte und wandte sich
wieder Rei zu. "Worin der heutige Unterricht bestehen wird? Körperliche Arbeit!"
Asukas Seufzer schallte durch den Raum. "Scheiße!! Ich WUSSTE, dass ich heute besser im Bett geblieben wäre."
"Keine Angst, ich werde auch mithelfen." beruhigte Kaoru den Rotschopf, während er hinüber zu dem Karren mit den Putzutensilien ging, um sie zu verteilen.
Shinji war derart in Gedanken versunken, dass er den Wischmop, der in seine Richtung geflogen kam, erst bemerkte als er bereits Gefahr lief von ihm zu Boden gestreckt zu werden. Er
runzelte die Stirn und sah den Sensei aus eng zusammengekniffenen Augen an. "Und ich dachte, dass wir heute für das Konzert Proben würden."
"Tun wir ja." Kaoru grinste übers ganze Gesicht, als er Asuka einen Kehrbesen reichte und sich selbst schließlich einen der Wischeimer mit Rollen darunter schnappte. "Na ja,
irgendwann später zumindest."
* * *
Mit einem leisen 'Klick' sprang das Schloss auf, und der Rest der Türe öffnete sich wie von Geisterhand.
"Hallo?" Kaji schmunzelte als er seinen Kopf durch die offene Tür in die Wohnung steckte. "Jemand zu Hause? Ich wollte mir nur etwas Wasabi borgen!" Er hielt inne und wartete auf
eine Antwort. "Keiner da? Na ja, dann muss ich mich wohl selbst bedienen
Es war ein bescheiden eingerichtetes Appartement. Wie es schien, gab es nur ein Schlafzimmer, eine Küche und einen kleinen Raum mit einem Fernseher darin; so eine Art Studierzimmer
also.
Die wenigen Möbelstücke und die da und dort herumstehenden Kartons ließen vermuten, dass der Bewohner - wer auch immer er war - erst kürzlich eingezogen war und nur
das Nötigste ausgepackt hatte.
Kaji bewunderte den Lebensstil dieses Mannes,- war es doch beinahe eine Kopie seines eigenen Lebensstils... Auch er lebte spartanisch und würde sich endlich einmal dazu durchringen
müssen, all seine Umzugskartons auszupacken, wenn er nach Hause kam.
Noch während er seine Schuhe bei der Eingangstür auszog, und sich alle Mühe gab keinen Dreck oder sonstige verräterische Hinweise auf sein Eindringen
zurückzulassen, fiel es ihm bereits auf: Das Gemälde. Ein beinahe wandgroßes Meisterwerk, das - merkwürdig genug - vom Kampf zwischen EVA Einheit-01 und Sachiel, dem
dritten Engel, handelte.
"Seltsam, dass er ausgerechnet sowas ausgepackt hat.." meinte Kaji zu sich und runzelte verwundert die Stirn, während er begann die Wohnräume in Augenschein zu nehmen. Er holte
einen kleinen elektronischen Zauberstab hervor und ging hinüber zu einem größeren Umzugskarton, der sein Interesse geweckt hatte.
Behutsam führte er seinen kleinen Helfer über die Seiten der Kiste, doch nichts geschah; das kleine Lämpchen an der Spitze des wundersamen Stabes leuchtete weiterhin mit
grüner Farbe; ein sicheres Indiz dafür, dass der Sensor zwar aktiv war, aber nichts entdeckt hatte.
Kaji war ein wenig verwirrt und beschloss das Gerät zu testen, indem er es in die Nähe seiner eignen Handfeuerwaffe brachte.- Wie zu erwarten war, reagierte der
stabförmige Metalldetektor sofort mit einem roten Licht und einem lauten Pfeifton,- offensichtlich arbeitete er also einwandfrei.
Nach eingehender Überprüfung der restlichen Umzugskartons im Zimmer war schließlich klar, dass keinerlei Waffen oder Technologie drin verpackt waren,- es sei denn sie
waren aus Plastik... oder aber organischer Natur.. - Ein Gedanke, der Kaji einen Moment lang beschäftigte... Vielleicht wäre es besser gewesen zusätzlich auch noch einen
Detektor für organische Materialien mitzubringen... nur für den Fall dass irgendwelche 'Mitbringsel' aus den Labors der zweiten Niederlassung von NERV den Weg nach Tokio-3
gefunden hatten. 'Mitbringsel', für die man dann aber wiederum spezielle Behältnisse bräuchte, wollte man nicht riskieren, dass die Gewebeproben der Engel 'schlecht
werden'... Aber selbst dafür gab es keine Anzeichen. Das ganze Appartement war nicht nur sauber, sondern lupenrein,- und das gleich in mehrerer Hinsicht.
Kaji seufzte und ging in die Küche, wo er sofort damit begann sämtliche Schränke, Ablagen und Schubladen zu durchwühlen. Doch auch dort war nichts Ungewöhnliche
zu entdecken, - ebensowenig wie im Kühlschrank, der nichts anderes beherbergte als etwas Instant Ramen, ein Sandwich, etwas verpacktes, rohes Fleisch, das sicher für die
Zubereitung des Abendessens bestimmt war, und ein halbes Dutzend Gläser und Dosen mit Gewürzen und anderen Lebensmitteln.
"Verdammt. Der Kerl versteckt doch etwas...sein Kühlschrank ist voll mit Lebensmitteln, und seine Wohnung ist so sauber, dass man vom Boden essen könnte." er grinste. "Kein
WASCHECHTER Junggeselle würde so leben."
Auf dem Küchentisch lagen Bücher und anderes Büromaterial, und - sehr zu Kajis Erstaunen - auch etwa zwei Dutzend handgeschriebene Zettel, teilweise mit Schulnoten darauf.
Seltsam, laut den Unterlagen, die er ausgegraben hatte, war dieser Mann doch ein Bauarbeiter. Was hatten dann die Hausaufgaben von Schülern auf seinem Küchentisch zu suchen?
Kaji schmunzelte. Eine weitere Fehlinformation, mit dem das System der drei Magi-Computer gefüttert worden war. Höchst interessant.
Nachdem er einige der herumliegenden Anwesenheitslisten überflogen hatte, war Kaji nicht allzu überrascht unter anderem die Namen der drei 'Children' in den Unterlagen diese
Mannes zu finden. "Bist an den Eva-Piloten interessiert, was...?" Er runzelte die Stirn, als ihn ein Gefühl von elterlicher Verantwortung überkam,- besonders, da es um Asuka und
Shinji ging...
Er legte die Unterlagen zurück auf den Küchentisch und schritt die Diele entlang, seine Hand immer in Reichweite seiner Waffe, nur für den Fall...
Als er schließlich die Tür zum Schlafzimmer öffnete, begannen seine Augen sofort mit tausendfach geübter Routine umherzuschweifen und die Umgebung zu sondieren.
Seltsamerweise war es das wohl unordentlichste Schlafzimmer, dass er seit langem gesehen hatte. "Wie nennt sich denn dieser Einrichtungsstil? 'Wirbelsturm?'" murmelte Kaji und
schüttelte seinen Kopf während er seine Waffe in den Halfter zurück steckte.
Offensichtlich, hatte dieser Kaoru keinen allzu ruhigen Schlaf.- Etwas wovon Kaji ein Lied singen konnte. Die Luft im Raum war irgendwie abgestanden und voll von dem Geruch von
Schweiß aus Dutzenden schlaflosen Nächten. Schlaflose Nächte, für die sicherlich nicht eine Frau die Ursache war,- sondern mehr solche Dinge wie Frustration,
Alpträume, und alles was an einem nagte und jemanden von innen heraus auffraß. Kaji kannte das alles nur zu gut.
Aber da gab es auch noch einen anderen Geruch in diesem Zimmer.- Den Geruch von Blut... das heißt, nicht ganz... denn Kaji kannte den Geruch von Blut genau... und in diesem Zimmer
roch es zwar ähnlich, aber doch anders. Es war ein merkwürdiger Geruch, den er ebenfalls kannte...
Und so ignorierte er auch das ungemachte Bett, wohlwissend dass er dort nichts finden würde, und ging auf geradem Weg zum Kleiderschrank.
Der Geruch war schon viel stärker hier, und als er schließlich die dünne Papiertüre bei Seite schob, da sah er sich mit einem Mal einer Pappschachtel
gegenüber... und drei Tanks voll mit LCL.
"Heiliges Kanonenrohr!" Kaji musste husten und bedeckte panikartig seine Nase um diesem penetranten Geruch zu entgehen. Während NERV eigens speziell ausgerüstete
Reinigungstrupps hatte, um gebrauchtes und abgestandenes LCL zu entsorgen, war es nur zu offensichtlich, das diesem Zeugs da bei weitem nicht die gleiche Aufmerksamkeit und Zuwendung zu
Teil geworden war. Die drei Behälter, jeder Einzelne fast genau so groß wie er selbst, sahen schon gehörig mitgenommen aus, und waren hier und da sogar schon gerissen. E
grenzte nahezu an ein Wunder, dass sie immer noch hielten. Kaji nahm einen tiefen Atemzug und warf einen Blick auf die Druckanzeigen der Behälter ... Am liebsten hätte er sofort
die Beine in die Hand genommen, als er sah, dass zwei der drei Tanks schon weit über den maximal erlaubten Betriebsdruck hinaus waren. Sie mussten proppen-voll sein,- genug um eine
Zugangskapsel ein halbes Dutzend mal zu fluten. Kaji merkte auf als er sah, dass der dritte Tank, der Anzeige nach zu urteilen, halb leer war.
"Was zum Teufel will der mit soviel LCL?"
Klar, man machte so allerlei Tests was die medizinischen und mentalen Auswirkungen von LCL bei Injektion und oraler Aufnahme betraf, aber mal ehrlich... kein normaler Mensch würde
LCL benötigen, es sei denn er wollte in die Zugangskapsel eines EVA klettern. Und selbst dann brauchte man das LCL auch nicht wirklich.- Es diente vielmehr als eine Art Schutzkissen,
um Erschütterungen und Stöße von den Piloten fern zu halten, und unterstützte die Funktion der Lebenserhaltungssysteme.
Kaji ignorierte den Drang, sich angesichts dieser explosiven Umgebung schnellstens aus dem Staub zu machen, und entschied sich stattdessen die Pappschachtel genauer zu untersuchen. E
war eine alte, schmutzige Schachtel, die aussah, als ob sie schon so einiges mitgemacht hatte.
Als er den Deckel abnahm, musste er erstaunt blinzeln.
Kaji seufzte und massierte frustiert seine Schläfen...
"Verdammt nochmal, wo bist du da bloß wieder reingeschliddert, Kaji?" stöhnte er. "Das ist nicht gut. Das ist ganz und gar nicht gut..."
* * *
"Fräulein Ayanami", Kaoru war einigermaßen außer Puste und wischte sich mit dem Ärmel seines Hemdes den Schweiß von der Stirn, "wären Sie wohl so gut mir
einen Eimer mit frischem Wasser zu besorgen? Das hier ist schon ziemlich dreckig..."
Rei nickte und nahm den Wischeimer ihres Lehrers von der Bühne um ihn aufs Neue zu füllen.
Asuka beobachtete sie mit einem gewissen Neid; wie gern würde sie den Wasserträger spielen anstatt gezwungen zu sein, den abgebröselten Putz im Zuschauerraum aufzufegen.
"Sensei-san, könnte ich wohl einen Schluck Wasser trinken gehen?"
Er nickte. "Selbstverständlich, Fräulein Langley." er begann zu kichern. "Und Sie brauchen deshalb auch nicht so zu tun, als müssten Sie unentwegt husten. Lassen Sie e
nur keine Ewigkeit dauern."
Shinji beobachtete mit gemischten Gefühlen, wie Asuka mit einem verschmitzten Grinsen auf dem Gesicht die Aula verließ. Den ganzen Nachmittag über hatte er nun schon die
Zuschauersitze und Wände mit Bürsten und Wischlappen bearbeitet, und irgendwie ging er in dieser Arbeit auf. Es war ein nette Abwechslung, und half ihm seine Gedanken zu
ordnen.
Doch jetzt war der Moment der Wahrheit endlich gekommen, und er würde der ganzen Sache auf den Grund gehen können.- Eine Gelegenheit, wie sie günstiger gar nicht sein
konnte,- zumal Asuka nicht da war, um ihren über alles geliebten Sensei zu verteidigen...
"Haben Sie etwas auf dem Herzen, Mister Ikari?" meinte Kaoru unvermittelt, während er entlang der Bühne wischte. "Sie sind heute sogar noch schweigsamer als sonst."
Die Art wie die Brillengläser des Sensei das Licht reflektierten, ließ Shinji zusammenzucken. "Viel..vielleicht..." gestand er zögerlich ein, und irgendwie wunderte e
ihn selbst, dass er nicht versucht hatte es zu leugnen.
Kaoru schmunzelte. "Na dann raus damit Mann! Sonst platzt du nachher noch!"
Shinji hob eine Augenbraue.
Kaoru hingegen gähnte, bevor sein Blick schließlich hinüber zur Wand ging. "Oh, Sie haben ihr Cello mitgebracht?"
Shinji nickte. "Ähh...ja...aber ich wollte..."
"Darf ich?" Ein Lächeln umspielte Kaorus Gesichtszüge als er sich dem Instrument näherte.
"Na ja...Okay...aber eigentlich wollte ich Sie etwas fragen, wegen..." Shinji schnappte erschrocken nach Luft, als Kaoru beinahe sein Cello hätte fallen lassen. "Hey! Passen Sie
doch auf!"
Kaoru nickte. "Entschuldigen Sie...es ist schon lange her..." Er lachte still in sich hinein, während er die Transporttasche des Cellos diesmal vorschriftsmäßig am
Trageriemen fasste, und zusammen mit dem Instrument zu einem der Klappstühle ging, die im Zuschauerraum standen.
Shinji tat einen tiefen Seufzer und stöhnte leise vor sich hin. "Bitte... Bitte machen Sie es nicht kaputt...es ist ein Geschenk von meiner Mutter gewesen." Er legte seinen
Schrubber bei Seite. "und ich habe gerade erst neue Saiten aufgezogen."
Kaoru jedoch schien, allen Bedenken zum Trotz, sehr vertraut mit dem Instrument,- was sich nicht zuletzt an der Art und Weise zeigte, wie er mit dem Blick eines Kenners den Bogen und die
Saiten prüfte. "Und da haben Sie sehr gute Arbeit geleistet, muss ich sagen. Fast wie neu..."
Shinji schlich nervös um seinen Sensei herum... Alle Gedanken an Asuka und eine mögliche Affäre mit ihrem Lehrer waren mit einem Mal aus seinen Gedanken verschwunden, und
hatten der Sorge um seinen kostbarsten Besitz Platz gemacht. Einen Besitz, der sich nun in den Händen eines Anderen befand. "Bitte... Seien Sie vorsichtig..."
"Ich beobachte dich nun schon eine ganze Weile." meinte Kaoru und missachtete völlig die Warnung des jungen Ikari. "Du scheinst die Musik sehr ernst zu nehmen, oder?"
"Sicher..." Shinji nickte und verspürte mit einem Mal den Drang für seine Interessen eintreten zu müssen. "Es ist doch nichts dabei, wenn man sich gerne Musik
anhört...."
"Oh, da bin ich ganz deiner Meinung." Kaoru brachte den Bogen an die Saiten und das Instrument dankte es ihm mit einem wunderschönen, kristallklaren, tiefen Ton. "Aber wie oft hast
du in letzter Zeit MUSIZIERT, Shinji?" er schenkte dem jungen Schüler einen besorgten Blick. "Wann hast du das letzte Mal gespielt?"
Shinji wurde rot. "Ich kann ganz gut spielen."
"Das habe ich nicht gemeint." sagte Kaoru während er beiläufig begann einige Noten eines Stückes zu spielen, das wie 'Air' klang.
Shinji staunte nicht schlecht, als er das Musikstück wiedererkannte. Doch für Bewunderung war jetzt nicht der richtige Moment, und so setzte er dann auch schnell wieder eine
ernste Miene auf. Er musste das jetzt um jeden Preis durchziehen... bevor er am Ende noch wahnsinnig wurde. "Das letzte Mal habe ich letztes Jahr gespielt. Bei einem Schulkonzert.
Aber.."
Kaoru hob seine Hand und zeigte mit dem Bogen auf Shinji. "Na,na,na, Mister Ikari. Du WEIßT genau, was ich meine. Wann hast du das letzte Mal ein Lied einfach nur um des Spielen
Willen gespielt? Für dich selbst?"
Shinji blinzelte verwundert. "Ich...ich weiß nicht..." Er seufzte während er verzweifelt versuchte sich zu erinnern. "Es... es muss gewesen sein, bevor ich hergezogen
bin."
"Warum nicht in letzter Zeit?" meinte Kaoru während er den Bogen von Neuem langsam über die Saiten des Instrumentes führte.
"Ich hatte keine Zeit." Shinji seufzte.
"Aber dennoch hast du dich danach gesehnt.- Mehr denn je." stellte Kaoru unumwunden fest. "Oder etwa nicht?"
Shinji hatte einen Kloß im Hals. "...Doch..Ja..."
Kaoru nickte und tat einen tiefen Atemzug.
Und ganz ganz langsam begann er zu spielen. Langgezogene, tiefe Töne entlockte er den Saiten. Töne, die fast schon wie Wellen durch den Raum schwebten...sanft, und dennoch
komplex und dynamisch...
'Suiten Für Violoncello'.
Perfekt gespielte, samtweiche Noten hallten in der Tiefe von Shinjis Seele wieder, während er einfach nur dastand, und sich von der Kraft der Musik gefangen nehmen ließ. E
war ein Lied, das er schon so viele Male auf seinem SDAT-Player abgespielt hatte,- und ebenso oft war es auch schon Teil seiner Erinnerungen gewesen. Für ihn war es da
Musikstück schlechthin,- die Musik, die ihn dazu brachte sich wieder lebendig zu fühlen.- Sich gut zu fühlen. Es war das Lied, das ihn seinen Vater vergessen ließ,-
seine Mutter,- seinen Schmerz und Alles um ihn herum. So etwas wie eine sichere Bank... Etwas auf das er zählen konnte, wenn er beweisen wollte, dass er etwas wert war... Es wert
war, auf dieser Welt sein zu dürfen.
Ein Cello gegen all die dunklen, bösen Mächte. Und das Cello würde immer gewinnen; würde sie zurückschlagen, mit seinen reinen, unbesiegbaren Klängen.
* * *
Asuka seufzte als sie auf dem Weg zurück zur Aula Rei begegnete. "Was hat dich denn so lange aufgehalten, Wunderkind?"
Rei hielt den Eimer mit dem Wischwasser fest in ihren Händen während sie neben Asuka herschritt. "Der Waschraum war verschlossen. Ich musste den Hausmeister suchen." Sie wandte
sich Asuka zu "Und warum bist du immer noch hier draußen?"
"Ich mache Pause." antwortete Asuka knapp. "Shinji ist diese ganze Putzerei ja gewöhnt, aber von einem 'Second Child' kann man doch wohl kaum erwarten, dass es sich mit einfachen
Reinigungsarbeiten abgibt!" erklärte sie mit einem stolzen Grinsen.
Doch Rei beachtete die Allüren des Rotschopfes überhaupt nicht und setzte unbeirrt ihren Weg fort.
Asuka schmollte und folgte dem blauhaarigen Mädchen. "Na ja, bevor ich weiter hier rumhänge kann ich ja auch genausogut noch ein wenig mit euch putzen, oder?"
Rei öffnete mit der freien Hand die Türe zur Aula.
"Du beschwerst dich einfach zu viel."
Asuka war bereits im Begriff etwas zu erwidern, als sie plötzlich ein Schluchzen hörte.
"Was geht denn hier ab?" flüsterte sie.
* * *
Shinji schluchzte leise vor sich hin während Kaoru ihn in die Arme geschlossen hatte. "Das ist schon in Ordnung Shinji." Er seufzte und wischte seine eigenen Tränen fort. "La
es nur heraus. Ich bin für dich da."
"Es tut mir leid..." Shinji begann von Neuem zu weinen. So sehr, dass er den Satz beim besten Willen nicht hätte beenden können, selbst wenn er gewollt hätte. Doch Kaoru
schien ihn auch ohne Worte zu verstehen...
Zum ersten Mal seit sehr...sehr...langer Zeit kam es Shinji Ikari vor, als hätte er einen Vater. Einen Menschen, der genau wusste, wie er böse Gedanken und Alpträume
vertreiben konnte. Der wusste, wie man andere beschützte. Jemand, der ihn lehren, und in die Geheimnisse des Lebens einweihen konnte,- aber im Gegenzug nichts dafür
verlangte.
"...Dieses Lied hat auch auf mich immer diese Wirkung." Ein trauriges Lächeln huschte über Kaorus Gesicht, all derweil er Shinji wie einen Sohn an sich drückte.