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Higher Learning

Lektion Fünfzehn: Eine neue Verkleidung

Geschrieben von Strike Fiss, 1999
Homepage: http://www.geocities.com/Tokyo/9110
Übersetzt von Melissa Schneider
editiert von Christian Winkler und Markus Ehreke

"Damals, als ich in deinem Alter war..." sagte Kaoru und reichte Shinji einen Becher "...da war die Musik auch mein Ein und Alles. Es war alles, was ich besaß."

Sie waren allein in der Cafeteria der Schule und versorgten sich mit Getränken und Sandwiches aus den diversen Verkaufsautomaten. Glücklicherweise war die Cafetaria immer offen und die Automaten hatten nie frei, auch nicht Sonntags.

Sie waren übereingekommen, dass sie für heute genug gearbeitet hatten, und dass es zur Abwechslung mal ganz nett wäre, sich bei einem kleinen Snack zu unterhalten. Asuka und Rei würden sicherlich die Gelegenheit nutzen und nach Hause gehen.

Shinji füllte seinen Becher mit Wasser und zusammen gingen sie hinüber zu einem der leeren Tische. Er hatte in diesem Jahr erst ein oder zwei Mal hier gegessen,- zumeist dann, wenn es ihm während der Mittagspause im Klassenzimmer zu eng geworden war. Und so war es dann auch wenig verwunderlich, dass ihm dieser Raum irgendwie leer und fremd vorkam. Doch da hielt ihn nicht davon ab, sich neben seinen Sensei zu setzen und zuzuhören. Die seltsamen Gedanken die ihm im Kopf herum gingen, würde er fürs Erste einmal ignorieren.

"Weißt du, Shinji..." Kaoru nahm einen Schluck Kaffee. "Es gibt eine Sache, die sie einem Lehrer immer und immer wieder einpauken; nämlich wo die Grenze zwischen dem Privatleben eines Schülers, und seinem Leben hier in der Schule zu ziehen ist. Tja,- wie soll ich's sagen; ich bin ein wenig besorgt um dich. Wenn ich mir deine Aufsätze so ansehe, dann schreibst du fast nie über Dinge aus deiner Vergangenheit." Er hielt inne. "Man könnte fast denken, dass du solche Aufsätze überhaupt nicht magst."

Shinji blickte von seinem Becher auf. "Doch, das tue ich, Sensei... Ehrlich gesagt, macht es mir sogar ziemlichen Spaß solche Aufsätze zu schreiben."

"Und mir macht es Spaß sie zu lesen." erwiderte Kaoru mit einem Lächeln. "Die meisten deiner Mitschüler jedoch schreiben immer nur das Übliche..." er zuckte mit den Schultern und fuchtelte zur Untermalung ein wenig mit der Hand in der Luft herum. "Was sie in den Sommerferien gemacht haben,- wie sehr sie es hassen zu Hause oder in den Schutzbunkern herumzusitzen, wenn die Engel angreifen,- na ja, du weißt schon.. blablabla." er schmunzelte. "Nicht dass es schlechte Aufsätze sind, doch verglichen mit dem, was ihr beide - du und Asuka - so schreibt, ist das geradezu Kinderkram."

"Asuka-chan?" Shinji blinzelte verwundert, und sein Gesicht nahm einen leichten Rot-Ton an. "Was schreibt sie denn so?"

"Shinji..." Kaoru seufzte. "Da bin ich wohl kaum der Richtige es dir zu erzählen." stumm nahm er einen Schluck aus seinem Becher und schüttelte den Kopf. "Wirklich nicht. Ich meine, du und Asuka ihr zwei verbringt soviel Zeit zusammen... Wenn sie wollte, dass du erfährst, worüber sie schreibt, dann hätte sie es dir bestimmt schon gesagt."

"Das hört sich ja beinahe schon so an, als ob es ganz furchtbare Dinge wären." meinte Shinji leise, während er in seinen Becher starrte.

"Ehrlich gesagt, Shinji, hast du damit den Nagel irgendwie auf den Kopf getroffen." Kaorus Antwort kam unerwartet. "Weißt du eigentlich, dass es in all den drei Geschichten, die ich bisher von ihr erhalten habe, darum geht, dass du unter mysteriösen Umständen ums Leben kommst, und sich am Ende herausstellt, das Asuka dein Mörder ist?" er schüttelte den Kopf. "Wie ihr zwei nur zusammen unter einem Dach leben könnt ist mir ein Rätsel."

"Wenn Sie sie doch nur besser kennen würden..." murmelte Shinji vor sich hin,- jedoch so laut, dass sein Gegenüber es hören konnte..

Kaoru zuckte zusammen, als ob ihn etwas aus heiterem Himmel getroffen hätte.

Shinji blickte von seinem Becher auf. "Was?"

"...ach nichts." Kaoru seufzte und schüttelte den Kopf. "Du hast vollkommen recht. Ich bin zu weit gegangen. Ich sollte mir da kein Urteil anmaßen." sagte er und schmunzelte "Obwohl ich denke, dass man wohl die Geduld eines Heiligen besitzen muss, um mit ihr auszukommen. Aber so wie ich gehört habe, soll Geduld ja eine deiner Tugenden sein, und offensichtlich kommst du ja wohl auch ganz gut mit ihr zurecht." Er schüttelte seinen Kopf. "Obwohl ich mir nicht sicher bin, dass es zu deinem Besten ist."

"Wie meinen Sie das?" Shinji runzelte die Stirn.

"Shinji..." er seufzte. "Ihr zwei seid gerade mal sechzehn Jahre alt und arbeitet in dem wohl gefährlichsten Beruf, den es auf der Welt gibt. Aber als ob das allein nicht schon genug wäre, müsst ihr euch außerdem auch noch mit all den wundervollen, aber auch peinlichen und unangenehmen Dingen herumschlagen, die das Erwachsenwerden so mit sich bringt. Und da wäre es sicherlich nicht gut wenn ihr....."

"Was?" fuhr Shinji dazwischen. "...NETT zueinander seid?"

Kaoru hätte beinahe sein Becher Kaffee fallen lassen. "Wie bitte?"

"Zum ersten Mal, seit Asuka in mein Leben getreten ist, komme ich mit ihr klar." erklärte Shinji, und seine Stimme klang ungemein stark und gefasst; keine Spur von Zaudern oder Unentschlossenheit. "Sie weiß Dinge über mich und das Steuern eines EVA, die Sie in TAUSEND JAHREN nicht verstehen würden! Und jetzt, wo ich endlich einen Weg gefunden habe, zu ihr vorzudringen,- wo ich endlich mit ihr über Alles reden kann, da denkt plötzlich jeder, dass das etwas unsagbar Schlimmes und Schreckliches wäre!" Er schenkte Kaoru einen bösen Blick. "Manche rechnen sich sogar Chancen bei ihr aus, jetzt, wo sie wissen, dass sie in Wirklichkeit gar nicht so zickig ist, wie sie tut.- Na, wie hört sich das für Sie an, Sensei?"

Kaoru blinzelte verwundert,- ehrlich gesagt war er im Moment zu mehr auch gar nicht in der Lage.

"Asuka ist meine Musik, Sensei." seufzte Shinji, nun da er sich ein wenig beruhigt hatte. "Ich weiß nicht, ob sie es weiß oder nicht, aber wenn ich mit ihr zusammen bin,- sie höre,- und sie mit mir redet, dann fühle ich mich sofort besser. Und dabei ist es auch völlig egal ob sie mich gerade anschreit oder nicht,- mir gefällt es trotzdem. Was ich an ihr so bewundere ist, dass sie vor nichts und niemandem Angst hat. Mir gefällt die Art, wie sie gegen all die Dinge kämpft, die ihr nicht gefallen. Manchmal, wenn ich in ihrer Nähe bin, dann kommt es mir vor, als wäre dieser Kampfgeist auch in mir, und ich fange an zu glauben, dass ich genau so sein kann wie sie,- na ja ein klein wenig zumindest."

Eine lange, unangenehme Stille setzte ein, während Kaoru seinen Kaffee austrank, und Shinji weiterhin in seinen Becher mit Wasser starrte.

"Das wusste ich nicht..." meinte Kaoru schließlich und seufzte.

Shinji schaute auf,- doch kaum dass ihre Blicke sich trafen, wandte Kaoru seinen Blick von dem jungen Ikari ab.

"Ich dachte, ich würde Sie kennen, Mister Ikari." Er seufzte und schüttelte seinen Kopf. "Aber um dir die Wahrheit zu sagen, Shinji; auch ich lerne immer noch.- Von dir, Asuka, Rei. Ihr seid ganz und gar nicht so, wie ich mir EVA-Piloten vorgestellt habe." für einen Augenblick lachte er in sich hinein "Tja, ich denke mal, dass Schulakten allein nicht ausreichen, um sich ein hinreichend genaues Bild von einem Menschen machen zu können."

Shinji nickte bedächtig. "Ja, das stimmt wohl."

"Das war übrigens als Kompliment gemeint, da kannst du sicher sein." Kaoru lächelte als er sich wieder zu Shinji umdrehte. Es erstaunte den jungen Ikari zu sehen, wie sein Lehrer seine Brille absetzte, und begann seine Tränen mit einer Papierserviette abzutupfen.

"...Alles in Ordnung, Sensei?"

"Mir geht es gut." Kaoru nickte gefasst, während er seine Brille wieder aufsetzte. "Ich verspreche, ich werde versuchen dieses Thema nicht nochmal aufzuwärmen. Aber wenn Sie allerdings Hilfe in Bezug auf Fräulein Langley, oder sonst irgendwelche Hilfe in dieser Richtung benötigen, dann habe ich immer ein offenes Ohr für Sie. Einverstanden?"

Shinji nickte und brachte ein scheues Lächeln zu Wege "Einverstanden."

"Gut." Kaoru seufzte. "Aber ich muss Sie warnen..." fügte er schließlich nach einer kurzen Pause hinzu. "Solche Dinge sind nicht mein Spezialgebiet..."

"Wirklich nicht?" Shinji blinzelte "Also ich finde, Sie sind der Beste Lehrer, den ich bisher hatte."

"Nett gesagt. Aber trotzdem bekommen Sie keine Eins für Ihre letzte Hausaufgabe, Mister Ikari." meinte Kaoru mit einem Grinsen. "Also vergessen Sie es, mir Honig ums Maul zu schmieren."

Sie beide flachsten und kicherten noch eine ganze Weile, bevor sie schließlich ihre Zwischenmahlzeit beendeten und zurück zur Aula gingen.

* * *


Asuka tänzelte aufgeregt um Shinji herum.

Na ja, tänzeln ist vielleicht nicht ganz der richtige Ausdruck, aber auf jeden Fall verhielt sie sich anders als sonst.

Während Asuka nämlich unter normalen Umständen stets darauf bedacht war ein paar Schritte hinter Shinji zurück zu bleiben, kreiste der Rotschopf heute wie ein hungriger Hai um den jungen Ikari herum; tauchte mal rechts von ihm auf, dann wieder links.... all derweil sie ihn mit Argusaugen und zusammengepressten Lippen musterte...

Shinji versuchte ihr Verhalten so gut es ging zu ignorieren, doch irgendwann war es einfach nicht mehr zum Aushalten. "WAS!!!!" brüllte er und blieb stehen.

"Worüber habt ihr geredet?" fragte Asuka in einem fordernden Tonfall, und starrte ihn böse an.

"Über dich..." Shinji grinste als er sah, wie Asuka in Panik geriet. "War nur Spaß."

Asuka schmollte. "Das ist nicht witzig." Ihre Gesichtszüge erhellten sich ein wenig und sie schenkte ihm ein mitfühlendes, ehrliches Lächeln. "Ich habe gefragt, weil ich gesehen habe wie du geweint hast."

"Es geht mir schon wieder besser." Shinji wurde rot - mehr als üblich sogar - und beschleunigte seine Schritte merklich. "Mir ist einfach nur sehr viel im Kopf herum gegangen, da ist alles."

Asuka schmunzelte. "Dir geht ständig sehr viel im Kopf herum." meinte sie und hob mahnend ihren Finger "Du solltest lernen, dich jemandem anzuvertrauen, und nicht ständig alle in dich hineinfressen."

"Ach ja? Sag mir, wann hast du dich das letzte Mal jemandem anvertraut??? " erwiderte Shinji.

Asuka blinzelte und schüttelte den Kopf "Ich zähle nicht. Siehst du, ich bin ein Genie, und darum sollte es ja ziemlich offensichtlich sein, dass mein Gehirn mit solchen und anderen Kleinigkeiten spielend leicht allein klar kommt!" sagte sie voller Stolz.

"Wie kannst du erwarten, dass ich dir etwas von mir erzähle, wenn du mir im Gegenzug nie etwas von dir erzählst?" meinte Shinji während sie gemeinsam ihren Weg fortsetzten. "Wenn du willst, dass ich etwas erzähle, dann wäre es vielleicht gar nicht mal so schlecht wenn du den ersten Schritt tun würdest."

Asuka blinzelte verwundert und zuckte mit den Schultern, während sie sich alle Mühe gab mit Shinjis Schritt-Tempo mitzuhalten. "Okay. Was willst du denn wissen?"

"So läuft das aber nicht, Asuka!" Shinji seufzte. Er hatte seinen Blick immer noch starr geradeaus gerichtet, und es dauerte einen Augenblick, bis er sie schließlich ansah. "Gibt es denn irgend etwas, worüber du mit mir reden möchtest?"

Einen Augenblick lang schien sie tatsächlich Gefallen an dieser Idee zu finden... Zu guter Letzt aber war es dann doch einmal mehr ihr Stolz, der siegte, und sie schnaubte frustriert. "Worüber sollte ich wohl mit dir reden wollen?"

"Was weiß ich." antwortete Shinji trocken. "Darum frag' ich ja."

Als ihr klar wurde, dass sie sich diesmal nicht so einfach würde herauswinden können, seufzte Asuka und starrte Shinji eine ganze Weile lang durchdringend an. "Nun gut... Ich mag es nicht, wenn man mir Fragen über mein Privatleben stellt.- Reicht das als erster kleiner Einblick in meinen Kopf??"

Shinji zuckte mit den Schultern. "Zumindest schon mal ein Anfang, schätze ich."

Asuka runzelte die Stirn und hob ihre rechte Augenbraue. "Und jetzt bist du dran."

"Ich habe dein Gespräch mit Sensei Kaoru mitbekommen." verkündete Shinji in ruhigem Tonfall, ohne auch nur für einen Augenblick sein Tempo zu drosseln.

Asuka dagegen fand es mit einem Mal ungemein schwierig sich auch nur auf den Beinen zu halten.

"Wa..Wa..WAS?" Sie schnappte nach Luft.

"Aus irgendeinem Grund schien er mir verdammt aufgeregt zu sein." bemerkte Shinji mit einer Stimme, die ein wenig mehr Anspannung als zuvor durchscheinen ließ,- aber immer noch weit davon entfernt war zu versagen. "Wenn man bedenkt wie die Schulbehörde über Beziehungen zwischen Schülern und Lehrern denkt, dann ist es ja auch durchaus... "

"WAS!!!!!!!?" Asuka hatte mit einem Mal ihre verloren geglaubte Mobilität wiedergefunden, und überholte Shinji mit wenigen Schritten, um ihn mit einem todesverachtenden Blick zu stoppen. "Worüber redest du denn da?!?" Leider jedoch verriet ihre Gesichtsfarbe nur allzu deutlich, dass sie genau wusste wovon er sprach.

"Keine Angst...Ich bin deshalb nicht wütend." erklärte Shinji, während er an ihr vorbei schritt, so als wäre sie gar nicht da. "Ich meine... Ich WAR wütend... aber ich habe darüber nachgedacht. Ich will den Sensei nicht hassen müssen, nur wegen dieser Sache... und na ja, ich denke ich habe mich schon zu sehr an die Sache zwischen dir und Kaji gewöhnt...dass ich keinen Sinn mehr darin sehe, mich deshalb aufzuregen."

"Shinji!" Asuka keuchte. Etwas an diesem letzten Satz hatte genau ins Schwarze getroffen. Es schmerzte ungemein, und beinahe hätte sie die Fassung verloren. "Wa... Aber was ist denn mit uns?!"

Shinji drehte sich zu ihr um. "Uns?" fragte er verwundert, doch kaum dass sich ihre Blicke trafen, wurde Asuka feuerrot und wandte sich ab.

"Ich meine..." sie hüstelte verlegen "... da läuft nichts zwischen Kaoru und mir, also hast du auch keinen Grund dir Sorgen zu machen."

"Du kannst ruhig aufhören mir etwas vorzuspielen." meinte Shinji und zuckte gelassen mit den Schultern. Die Gleichgültigkeit, die er an den Tag legte begann Asuka Angst einzuflößen. "Ich habe es dir doch gesagt, Asuka, ich habe mich an sowas gewöhnt."

Shinji machte auf Asuka den Eindruck, als wäre er unsagbar müde. So als wäre er es leid, sich ständig Gedanken über die ganze Sache zu machen, wenn es doch so einfach war, die 'Situation', so wie er sie sich ausgemalt hatte, als Wahrheit zu akzeptieren. Und als sie die Ereignisse der letzten Tage Revue passieren ließ, da traf sie die Einsicht unvermittelt; irgendwie war es auch ihr Fehler. Und sie konnte nicht anders, als sich verdammt schuldig zu fühlen. "Jetzt hör aber mal mit diesem Scheiß auf, Shinji!" meinte sie schließlich in ihrem gewohnt fordernden Tonfall. "Ich sage es dir jetzt nochmal. Da läuft ABSOLUT NICHTS zwischen Kaoru und mir!"

Shinji aber zuckte einfach nur mit den Schultern und setzte unbeeindruckt seinen Weg fort.

Asuka wurde langsam ungehalten und begann bedrohlich zu grummeln, als ihr klar wurde, dass Shinji sie einfach links liegen ließ. "Verdammt nochmal, Shinji!" Sie rannte hinter ihm her. "Schön! Du willst wissen was mir im Kopf 'rum geht? Ich wäre vor Angst bald GESTORBEN!"

Shinji blinzelte verwundert. Diese Antwort hatte er weiß Gott nicht erwartet "Wa..Was?"

"Als du da im Inneren dieses Engels gefangen warst, da habe ich wirklich geglaubt, dass ich dich für immer verloren hätte." sagte Asuka und fasste ihn bei seinem Hemd, damit er sich zu ihr herumdrehen würde. "Und dann hatte Misato auch noch den Nerv, Rei und mich fortzuschicken, damit wir uns ein wenig entspannen könnten, während sie und die anderen darüber beraten würden, wie sie dich am besten ins Jenseits pusten könnten!" Eine Träne rollte ihre Wange hinunter und sie schüttelte den Kopf. "Kaji war nicht zu Hause, aber ich brauchte unbedingt jemanden, mit dem ich reden konnte." Sie kicherte leise. "Für einen Augenblick habe ich sogar mit dem Gedanken gespielt mich unserem Wunderkind Rei anzuvertrauen..." Der finstere Ausdruck kehrte in ihr Gesicht zurück. "...aber sie hatte ja nichts besseres zu tun als SCHWIMMEN ZU GEHEN!"

Shinji sagte kein Wort. Die ganze Zeit schon beobachtete er ihre Augen auf der Suche nach Indizien für ihre Treulosigkeit. Doch da war nichts.- Nichts, das darauf hindeutete, da sie ihn anlog..

"Also bin ich zur Wohnung unseres Lehrers gegangen." sie seufzte und zog ihn näher zu sich heran. "Wie ein kleines Kind habe ich mich bei ihm ausgeweint, bevor ich schließlich auf seiner Couch eingeschlafen bin." sie hielt inne um eine Träne von ihrer Wange zu wischen. "Und als ich dann aufgewacht bin, da habe ich ihm einen Kuss gegeben und ihm dafür gedankt, dass er mir zugehört hat."

Shinjis Gehirn machte einen Doppelsalto, und all seine Gedanken kamen mit einem Mal zum Stillstand.

Bilder von einem unsittlichen, abartigen und wilden Liebesakt mit Momenten höchster Ekstase waren augenblicklich aus seinen Gedanken verschwunden, als die Gedankengebilde, die sein pubertärer Verstand während stundenlangem hin und her Überlegen geschaffen hatte, mit einem Mal zu Staub zerfielen. Und zurück blieb einzig und allein das Bild einer verzweifelten Asuka, die sich hilfesuchend an ihren Lehrer gewandt hatte, und ihm nun aus Dankbarkeit einen einfachen, unschuldigen Kuss auf ...

"Wange oder Mund?" fragte Shinji unvermittelt.

"Mund." gab Asuka zu und wurde rot. "Aber es war nur ein flüchtiger Kuss."

...einen einfachen, unschuldigen Kuss auf den Mund gab, bevor sie schließlich auf ihren Absätzen kehrt machte, um die Welt zu retten, während der arme Lehrer rot wie eine Tomate und mit den schlimmsten Befürchtungen im Hinterkopf zurückblieb. Immerhin war es nach allgemeiner Auffassung für einen Lehrer ziemlich verwerflich, sich von einer Schülerin küssen zu lassen... besonders dann, wenn es sich um einen Kuss auf den Mund handelte. Ein Kuss auf die Wange wäre ja noch so eben vertretbar gewesen...

Shinji fiel ein Stein vom Herzen.

Und seine Erleichterung war sogar beinahe hörbar, als er tief ausatmete, und zusammen mit der Luft schlagartig auch die Anspannung aus seinem Körper wich, die ihn die letzten drei Tage über begleitet hatte.

"Oh..." war dann auch alles, was ihm einfiel, als er Asuka aus treuen und um Verzeihung bittenden Augen ansah.

Asuka hob ihre rechte Augenbraue und runzelte die Stirn. "Dann hast du also tatsächlich gedacht, dass ich irgendwelche Perversitäten mit ihm angestellt habe?!?!?!" Natürlich kannte sie die Antwort bereits... aber ihr war einfach nach einer Revanche zu Mute.... und eine bessere Gelegenheit würde sich ihr vielleicht so schnell nicht mehr bieten...

"H...hai..." Shinjis Gesichtsfarbe hätte eine rote Ampel neidisch gemacht.

"BAKA!" Sie versetzte ihm einen Klaps auf den Hinterkopf. "Und du VERGIBST IHM?" Sie verschränkte ihre Arme. "Aber mich hasst du dafür, was!??? Wie kam ich nur darauf zu glauben, dass du ohne Zögern bereit gewesen wärst meine Unschuld zu verteidigen!!"

"Gomen!" Shinji zuckte zusammen, doch nicht allein, weil er völlig ihrer Gnade ausgeliefert war...
"Entschuldige, Asuka-chan! AUA!"
...viel mehr waren es ihre ganz speziellen Zuneigungsbekundungen, die immer wieder aufs Neue die Lebensgeister in ihm weckten...
"Wirklich! AU!"
...und ihn davor bewahrten in Anbetracht der Last, die man von seinen Schultern genommen hatte, auf der Stelle in Ohnmacht zu fallen ...
"Es tut mir ja wirklich leid, Asuka! AUA!"

Asuka seufzte und hörte auf, seinen Hinterkopf zu malträtieren. "Jetzt sei schon endlich ruhig und küss mich, bevor ich es mir nachher noch anders überlege!" Sie packte ihn bei seinem Hemd, und noch bevor er wusste wie ihm geschah, fand er sich auch schon in ihren Armen wieder...

"Gom...mmmmhhh!

Copyright of the Charakter by GAINAX / Text by Strike Fiss, 1999
Translated by Melissa Schneider / Edited by Christian Winkler and Markus Ehreke