Miyazaki Kaoru stand am Fenster und schaute hinaus auf die unzähligen Gebäude von Tokio-3. Die Sonne war gerade im Begriff aufzugehen, und badete die
ansonsten unscheinbar graue Silhouette der Stadt in ein atemberaubendes Spiel von gelben und orangenen Farbtönen. Farbtöne, die typisch für diese Jahreszeit waren. Selbst
wenn der Sommer nie zu enden schien, so gab es doch Veränderungen in der Anzahl der Zikaden und der Farbe des Sonnenaufgangs, die einen den Lauf der Jahreszeiten erahnen
ließen; kleine Veränderungen, aber dennoch erkennbar.
Die Erde schien sich zu wehren. Sie schien den Wechsel der Jahreszeiten,- den Wechsel im Klima, und alles andere, was sie seit Jahrmillionen ausgemacht hatte, wiedererlangen zu wollen.
Himmel und Erde waren nie dazu bestimmt gewesen einen Krieg gegeneinander zu führen. Erst die Dummheit der menschlichen Rasse hatte diesen Krieg von wahrhaft biblischen
Ausmaßen entfacht.
"Vater..." er tat einen tiefen Atemzug und seufzte. "Du hast mich so viel gelehrt..."
Er ballte seine Hand zu einer Faust.
"..und jetzt endlich habe ich die Gelegenheit, es dir zu danken." Er knirschte mit den Zähnen, als er sich vom Fenster abwandte. "Zeit die Show beginnen zu lassen."
* * *
Am anderen Ende der Stadt lag Shinji Ikari regungslos in seinem Bett und starrte die Decke an. Die Musik, die auf seinem SDAT-Player spielte, war die Musik, die sie in wenigen Stunden bei
ihrem Konzert spielen würden.
Und während er den Klängen lauschte, gingen ihm alle möglichen Gedanken durch den Kopf. Weitaus mehr Gedanken als gewöhnlich... was so besehen seltsam war. Es war
beinahe so, als würde die Musik seinen Kopf frei machen für all die Gedanken, denen er nachhängen wollte.
Er fragte sich ob Misato Gefallen an ihrer Aufführung finden würde. Ob Asuka ihm nachher gratulieren würde. Ob ...vielleicht...sein Vater da wäre...
Wären sie stolz auf ihn? Könnte er ihnen beweisen, wozu er fähig war? Dass es neben EVA auch noch andere Dinge gab, in denen er gut war.- Dass er die eine Sache
beherrschte, die ihm Halt, und seinem Leben ein Ziel geben hatte... Die ihn begleitet hatte seit damals, als er nicht mehr als ein kleiner Junge gewesen war, der in Sandkästen
gespielt hatte und vor Zikaden davon gelaufen war.
Was aber wenn er versagte? Nicht auszumalen. Nein, er hatte keine andere Wahl als perfekt zu sein.
Asuka würde da sein um ihm zu helfen. Sie würde ihm die Stärke geben, die er brauchte. So wie sie es immer tat... auch wenn es ihr selbst nicht einmal bewusst war. Die Art
wie sie ihn verärgert ansehen, und ihre Stirn runzeln würde... und ihr geheimnisvolles, manchmal auch angsteinflößendes Lächeln... all das war ein nicht enden
wollender Ansporn für ihn sein Bestes zu geben,- mehr Ansporn als irgendwelches Lob es je vermocht hätte.
Misato war eine Freundin...
sein Vater war so.. unerreichbar...
aber Asuka?
Auch wenn sie nicht immer nett zu ihm war, so war sie doch immer an seiner Seite,- sein Partner.
Er errötete leicht als ihm dieser Gedanke noch ein paar Mal im Kopf herum ging.
Vielleicht...wenn er sein Solo nicht verpatzte... würde sie ihn sogar küssen. Das...das allein wäre schon genug um all die Tage harter Proben für das Konzert
vergessen zu machen. Nicht, dass ihre Proben unangenehm waren. Er fand es immer wieder großartig Zeit mit Asuka zu verbringen, auch wenn sie ständig herumnörgelte, und
darauf bestanden hatte, dass ihr Spiel perfekt sein musste.
Kein Wunder dass Sensei Kaoru der Meinung war, das Asuka der beste Studienpartner wäre, den er sich wünschen könnte.
Er warf einen Blick auf seine Uhr und ein Lächeln ging über sein Gesicht.
"Zeit zum Aufstehen..." Er seufzte. "Aach jaa..."
* * *
Ein bisschen grüner Feldsalat, ein Vollkorntoast und ein Glas Wasser... das war ihr Frühstück. Rei fragte sich, ob sie vielleicht ein paar zusätzliche
Küchengeräte anschaffen sollte,- zusätzlich zu der Mikrowelle, dem Toaster und dem kleinen Kühlschrank, den sie bereits besaß. Immerhin war die Suppe die Sensei
Kaoru an diesem einen Tag zubereitet hatte exzellent gewesen. Sie war sicher, dass sie mit etwas Übung eine ähnlich gute Suppe zu Wege bringen konnte.
Während sie in Gedanken bereits eine Liste der benötigten Zutaten erstellte, öffnete sich die Tür zu ihrer Wohnung, woraufhin sie sofort aus ihrer
'Toast-Mampf-Trance' erwachte. Sie erwartete niemanden... doch da allein Mitarbeiter von NERV wussten, dass sie hier wohnte, war sie nicht sehr beunruhigt über den Vorfall.
Als Gendo Ikari das kleine Zimmer betrat, lächelte sie. Er erwiderte das Lächeln in seiner ganz eigenen, seltsamen Art, und setzte sich schließlich an das andere Ende de
kleinen Tisches, an dem sie immer aß.
"Hallo Rei." sagte er einfach nur.
"Guten Morgen, Commander." erwiderte sie, nachdem sie den Bissen in ihrem Mund zu Ende gekaut, und heruntergeschluckt hatte. Unterhaltungen zwischen den Beiden begannen nicht selten auf
diese Weise.
"Wirst du heute zur Schule gehen, Rei?" Er ließ seine Augen durch das muffig riechende Appartement streifen.
"Hai." Sie nickte. "Heute findet ein Konzert statt. Man erwartet von mir dort zu spielen. "
Gendo nickte einfach nur. "Ich werde kommen und zuschauen."
Reis Augen begannen zu funkeln, und ein kleines Lächeln umspielte ihre Mundwinkel. Dennoch war ihre Antwort schließlich nicht mehr als ein steifes Nicken.
"Bist du mit deinem Frühstück fertig, Rei?"
Sie hielt inne und starrte auf die Scheibe Toast in ihrer Hand. Was sollte sie antworten?
"Nimm dir ruhig Zeit, Rei. Wir haben ein Transportmittel." bot Gendo an.
Rei nickte von Neuem und wandte sich schließlich wieder ihrem Essen zu. Gendo betrachtete sie durch die getönten Gläser seiner Brille hindurch, so wie er es immer
tat...doch seine Gedanken waren ganz woanders. Er fragte sich immerzu, was es mit diesem Konzert auf sich hatte. Er würde es schon noch früh genug herausfinden.
Einheit 03.
Dem Bericht des Marduk-Instituts nach zu urteilen, hatte man das 'Fourth Child' noch nicht gefunden... aber dieser 'Toji' war in Reis Klasse. Gendo hatte Doktor Akagi bereits angewiesen
den Jungen für einen Test vorzusehen.
Gendo hasste es, wenn man Spielchen mit ihm spielte.
Ein gefährliches Lächeln kroch in sein Gesicht; wie dem auch sei... Es würde sicher interessant werden.
* * *
Nach einem Monat 'entspannter' Atmosphäre und mehr oder weniger 'zwanglosem' Unterricht, sehnte sich Hikari geradezu hiernach. Sie brauchte es, so wie man Wasser zum Leben
braucht... Sie konnte nie genug davon bekommen, so als ob es eine Droge wäre...
"OKAY LEUTE! LASST UNS ANFANGEN! AUF GEHTS! BEWEGT EUCH!" kommandierte sie, während sie die Ärmel ihrer Bluse aufkrempelte.
Toji und Shinji stöhnten unter der Last der Lausprecherbox, die sie gezwungen waren in eine Ecke zu schieben. "Wir machen ja schon so schnell wie wir können!" keuchte Toji
atemlos. "Gönn uns doch mal ne Pause!"
"Ihr könnt Pause machen, wenn wir FERTIG sind!" herrschte die Klassensprecherin die beiden an, doch noch bevor Toji und Shinji etwas hätten erwidern können, war Hikari
auch schon herumgewirbelt und zeigte bereits auf eine Gruppe von Mädchen, die in einer Ecke der Aula standen, und quatschten. "IHR DA ! MACHT DASS IHR WIEDER AN DIE ARBEIT
KOMMT!!!"
Die kleine Clique löste sich sofort auf und machte sich wieder daran, die Stühle für das Konzert herzurichten. "Jawohl, Ma'am." kam die einstimmige Antwort der
Mädchen.
Shinji schüttelte den Kopf und gab Toji einen ermunternden Klaps auf die Schulter. "Ich glaube sie braucht das einfach. Gönn ihr den Spaß."
"Shinji! Beeil dich mit dem aufwischen!"
"Ähh! Ja, ma'am!"
Toji seufzte als er beobachtete, wie Hikari die gesamte Klasse herumkommandierte. "Naja, wenigstens brüllt sie nicht so laut wie Asuka."
"RUHE!" Asuka rammte prompt ihren Wassereimer in Tojis Seite. "Idioten wie du werden nie verstehen, welche Ehre euch zu Teil wird MEINE Gegenwart genießen zu dürfen!"
"Ich wusste gar nicht, dass Ehre und Schmerz Synonyme sind..." stöhnte Toji während er sich vor Schmerzen auf dem Boden wand.
"Dummschwätzer." meckerte Asuka bevor sie sich wieder daran machte die in die Bühne eingelassenen Scheinwerfer zu putzen..
Sensei Kaoru betrachtete das ganze Treiben mit einem breiten Grinsen, während er Kensuke dabei half die Multimedia-Geräte zu installieren. "Wenn sie nicht so eine hervorragende
Klassensprecherin wäre, würde ich glatt sagen, dass sie eine äußerst dominante, sadistische Ader hat."
"Wer? Asuka oder Hikari?" Kensuke grinste. "Gleich und gleich gesellt sich gern.- Warum sonst sollten die beiden die besten Freunde sein." Er schaute sich kurz um, ob er ungebetene
Zuhörer hatte "Oder denken Sie etwa, dass die beiden.."
"Verkneif dir deine schweinischen Gedanken, du kleiner Ecchi." Kaoru kicherte.
Kensuke sah sich nochmals um. "Ach kommen Sie, als ob Sie es nicht bemerkt hätten..."
"Also ich weiß aus erster Hand, das Hikari eher für Toji kochen würde, als mit Asuka ins Bett zu steigen." meinte Kaoru und lachte in sich hinein.
"Bääh!" Kensuke seufzte. "Seit wann ist denn Essen wichtiger als Sex? Ich werd' die Frauen nie versteh'n!"
"KEIN Mann versteht die Frauen." erwiderte Kaoru in einem Anflug ultimativer Weisheit und mit mahnend erhobenem Finger. "Andererseits, bezweifle ich auch, dass die Frauen uns Männer
verstehen. Also, so gesehen, gleicht sich das dann wohl aus."
"Sie sind ein weiser Mann, Sensei." Kensuke grinste.
"Ja, so steht es zumindest in meinem Empfehlungsschreiben." antwortete er mit einem Grinsen seinerseits. "Wie dem auch sei..." Sein Blick ging zur Uhr und er runzelte die Stirn. "Wir
sollten uns ein wenig beeilen. Nur noch zwei Stunden bis zum Konzert."
"Keine Angst, Sir! Ich werde dafür sorgen, dass wir schon rechtzeitig fertig werden!" meinte Kensuke voller Selbstvertrauen.
Kaoru lächelte. "Ein guter Mann." Er schaute sich um. "Obwohl ich sehr hoffe, dass unser Fräulein Ayanami auch bald auftaucht..."
* * *
Gendo musterte Rei während die Stadt an den Fenstern der Limousine vorbei zu huschen schien. Sie verhielt sich den ganzen Morgen über schon so merkwürdig. Es war seltsam
sie zu beobachten, wie sie ihren Geigenkasten in den Armen hielt, zusammen mit einer kleinen Multimedia-Disk in einer Plastikbox.
"Rei."
"Hai?"
"Was ist das für eine Disk?" fragte er neugierig.
Rei blinzelte verwundert und schaute auf die Scheibe in ihrer Hand. "Das ist eine Hausaufgabe."
Gendo war einen Moment lang geneigt es mit dieser Antwort auf sich beruhen zu lassen,- dann aber erinnerte er sich daran, dass es nicht das erste Mal war, dass sie das Wort 'Hausaufgabe'
benutzt hatte. "Worum geht es denn bei der Hausaufgabe?"
"Um Musik." antwortete Rei knapp. "Es ist schwer zu erklären..."
"Werde ich die Hausaufgabe später zu sehen bekommen?"
"Bei dem Konzert." Sie nickte, und ein kleines Lächeln huschte über ihr Gesicht.
Gendo nickte ebenfalls. "Wie gefällt dir die Schule, Rei?"
Reis Augen begannen zu funkeln. "Gut. Wir haben uns mit Sokrates beschäftigt."
"Altertümlicher Unsinn." bemerkte Gendo kühl.
Rei blinzelte verwundert, und dachte nach. "Aber auch mit Modernerem, wie Timothy Leary."
'Mmm. Lang her, dass ich diesen Namen das Letzte mal gehört habe.' dachte Gendo bei sich. Er erinnerte sich daran, dass Yui und Ritsuko des öfteren von diesem Philosophen
gesprochen hatten.
"Wir haben einen sehr guten Lehrer." erklärte Rei.
"Da bin ich sicher." Gendo nickte.
Der Wagen verlangsamte seine Fahrt und stoppte schließlich vor der Schule. Einige überpünktliche Eltern bevölkerten bereits das Schulgelände vor der Aula al
Gendo und Rei aus ihrer Limousine ausstiegen.
Sie waren wenig überrascht dort ebenfalls auf Misato zu treffen, die sich bereits über das kleine Buffet mit Appetithappen und Erfrischungen hermachte, das man eigens für
die Aufführung und den Elternsprechtag aufgebaut hatte.
Misato schaute gerade rechtzeitig von ihrem Teller auf, um den Kommandanten und Rei auf sich zu kommen zu sehen...
... und hätte beinahe einen Herzanfall erlitten.
"Sir?" keuchte sie mit noch halbvollem Mund.
"Major." erwiderte er knapp, während er an ihr vorbei schritt.
Sie wäre beinahe in Ohnmacht gefallen. "Ich muss träumen... Es ist alles nur ein Traum..."
'Seltsame Frau.' dachte Gendo bei sich, während er mit Rei den überdachten Gang zur Aula entlang ging.
Selbst in der relativ kurzen Zeit, die sie brauchten um den Schulhof zu überqueren, hatte sich der Menschenauflauf um sie herum vergrößert. Immerhin war es das erste
richtige gesellschaftliche Großereignis nach dem Angriff des Engels, und viele der Eltern waren derart aufgeregt, dass sie sogar Freunde und Bekannte mitgebracht hatten. Es war ein
herzerwärmender Anblick Tokio-3 wieder einmal so lebendig und... man möge mir das Wort verzeihen...normal.. zu erleben.
Gendo dagegen ließ das Geschehen um ihn herum völlig kalt.
"Sir." sagte Rei mit einem Mal. "Ich muss mich jetzt auf das Konzert vorbereiten."
"Nun gut." Er nickte. "Dann darfst du gehen. "
Sie nickte. "Das Konzert wird in einer halben Stunde beginnen. Major Katsuragi sollte in der Lage sein Sie über den genauen Ablauf zu informieren."
"Danke, Rei." Für einen Augenblick huschte ein Lächeln über sein Gesicht. "Ich sehe dich dann."
Sie lächelte ihn an und verschwand im Hintereingang der Aula.
Gendo seufzte als er sich umsah. Er hatte schon seit Jahren keine Schule mehr von Innen gesehen...
Das letzte Mal war kurz vor Yuis...Unfall...gewesen.
Damals hatten sie häufiger Shinjis Paten besucht. Einer von ihnen war ein Professor, der an der örtlichen, staatlichen Schule unterrichtete. Er war auch der Lehrer gewesen, der
Shinji bei sich aufgenommen hatte, als er selbst sich ganz und gar seiner Arbeit bei NERV verschrieben hatte.
Das letzte Mal, das er eine Schule von Innen gesehen hatte, war anläßlich Shinjis erstem Konzert gewesen.
Es war schrecklich gewesen. Der Junge und seine Klassenkameraden... noch Kinder damals... weitaus kindlicher als jetzt... hatten mit ihren Instrumenten den wohl schrecklichsten,
ohrenbetäubensten Lärm veranstaltet, den er je gehört hatte.
Doch er erinnerte sich genau daran, wie stolz er damals auf Shinji gewesen war. Egal was um ihn herum passierte, der Junge hatte nicht aufgegeben. Er hatte den Bogen einfach nur noch
etwas fester in die Hand genommen und sich noch mehr auf sein Cello konzentriert. Und am Ende hatte er es geschafft ein ganze Strophe fehlerfrei zu spielen...
Auch wenn ihn seine Klassenkameraden mit ihren Instrumenten übertönt hatten, und weiterhin keinen einzigen richtigen Ton zuwege brachten,- Gendo hatte es trotzdem bemerkt. Er
hatte sich ganz allein auf das Spiel seines Sohnes konzentriert und seine Noten in all dem Chaos herausgehört.
Und als es vorbei war, war er zusammen mit den anderen Eltern aufgestanden. Doch als die begannen spöttisch zu applaudieren und sich darüber lustig zu machen, wie schlecht da
Spiel der Kinder doch gewesen war,- da hatte er einfach nur dagestanden, einen Moment lang für seinen Sohn in die Hände geklatscht, und gelächelt.
Und Shinji.. er hatte es gesehen und sein Lächeln erwidert.
Eine Hand hatte sich schließlich auf seine Schulter gelegt, und er hatte seine Frau angesehen. Yui hatte ihn angelächelt. "Siehst du, ich habe dir doch gesagt, dass er e
schaffen würde."
Der Anblick von Major Katsuragi, die langsam auf ihn zu kam, brachte ihn in die Realität zurück. Gendo seufzte und begrub die Erinnerungen an die Vergangenheit einmal mehr tief
in seinem Inneren.
"Ich hätte nicht erwartet Sie hier zu treffen, Commander." sagte sie frei heraus, ohne auch nur den Versuch zu unternehmen ihre Überraschung zu überspielen.
"Heute ist doch Elternsprechtag, oder?" erwiderte er knapp.
"Ja schon.. aber..."
"Shinji ist immer noch mein Sohn, oder?"
Misato seufzte und gab sich geschlagen. "Ja, Sir."
Die Eingangstüren zur Aula öffneten sich, und die Leute begannen hinein zu strömen. "Sollen wir, Major?"
Sie nickte und folgte ihm.
Sie fanden zwei Sitzplätze, ungefähr in der Mitte des Saals, von wo aus sie gut sehen, aber trotzdem im Meer der Leute um sie herum relativ lange unentdeckt bleiben
konnten.
Misato fragte sich, ob Gendo vielleicht gar nicht wollte, das Shinji bemerkte, dass sein Vater da war. Ein Verhalten, das gut zum obersten Kommandanten von NERV passen würde, wie
sie fand.
Augenblicke später wurde es dunkel im Saal, und der Teil der Bühne, auf dem ein paar Stühle standen, fand sich plötzlich im Lichtschein eines Theaterscheinwerfer
wieder. Gespräche unter den Zuschauern verstummten augenblicklich.
Eine verdammt nervöse, aber dennoch lächelnde Klassensprecherin trat auf die Bühne und verbeugte sich.
"Meine Damen und Herren, Willkommen zum Konzert der Klasse A-2." verkündete Hikari. "Zu Ihrer Unterhaltung haben wir eine kleine Auswahl an Musikstücken zusammengestellt, die
begleitet werden von kurzen visuellen Präsentationen." Sie zeigte auf die Leinwand. "Die Bilder, die Sie dort sehen werden, sollen die Eindrücke und Gefühle widerspiegeln,
die die Musikstücke in den Schülern unserer Klasse ausgelöst haben. Wir möchten Sie dazu ermuntern, sich zu jedem Stück kurze Notizen zu machen, und später
mit ihren Kindern darüber zu reden." Sie setzte ein strahlendes Lächeln auf. "Es hat uns allen sehr viel Spaß gemacht die Aufführung vorzubereiten. Und darum, genug
der Worte..." sie verbeugte sich und trat nach einem kurzen Applaus von der Bühne ab.
Die Beleuchtung wurde von Neuem heruntergefahren... bis schließlich das Licht des Projektors die Leinwand erhellte.
Eine langsame Aufblende zeigte einen friedvollen Himmel.
Das Musikstück
'Ritt der Wallküren'
hob an, und die gesamte Familie Aida begann zu schmunzeln, als Bilder von Bombern und anderen Kampfflugzeugen erschienen.
Gendo schien sehr belustigt, als er die Filmsequenzen aus dem Zweiten Weltkrieg betrachtete, die das Spiel der Streicher und Bläser untermalten.
Anschließend, wieder im Einklang mit der Musik, erschienen Bilder von zerstörten und explodierenden Gebäuden,- sehr zur Freude der Eltern und Besucher übrigens, die
teilweise laut zu Lachen begannen.
Und dann, gerade als die Musik sich dem Höhepunkt näherte, BIENEN! Schwärme von Bienen beherrschten die Bilder,- gefolgt von einer Armee von Ameisen.
Doch als schließlich das große Finale einsetzte, dominierten wieder Szenen von pilzartigen Explosionswolken und N2-Mienen.
Misato stöhnte auf, als ihr klar wurde, dass die Präsentation zu diesem Musikstück bestimmt Kensukes Idee gewesen war... Obwohl sie zugeben musste, dass die Bilder
vorzüglich zur Musik passten.
Eine Einschätzung, die sich bestätigte, als die Musik ein furioses Ende nahm, und die letzte Szene auf der Leinwand erschien; EVANGELION Einheit-00 und 01, die sich auf ihren
Aufzugsplattformen stehend, aus einem Berg erheben,- bereit den fünften Engel zu bekämpfen.
Allgemeines Staunen machte sich breit und allerorts hörte man ein bewunderndes 'Ohhh' und 'Ahhh'. Gendo hingegen grinste nur und schob mit der für ihn typischen Handbewegung
seine Brille zurecht.
Als zu guter Letzt wieder gedämpftes Licht den Saal erhellte, standen die Zuschauer von ihren Plätzen auf und applaudierten. Unnötig zu sagen, dass Kensuke, der sich im
Übrigen hinter der Bühne befand, im Moment ein Ego von der Größe des Mondes hatte.
Der Applaus setzte von Neuem ein, als im leicht gedämpften Licht der Theaterscheinwerfer Bewegung auf der Bühne zu sehen war. Gendo konnte die Gestalten von Shinji, Rei und
Asuka ausmachen, die zusammen mit drei ihrer Klassenkameraden Aufstellung nahmen. Ein jeder von ihnen hatte Notenblätter und sein Instrument dabei und wartete geduldig bis zwei
weitere Schüler in aller Eile die Stühle und Notenständer aufgebaut hatten.
Als alles bereit war, kam eine letzte Person auf die Bühne. Gendo nahm an, dass es ihr Lehrer war, aber die Lichtverhältnisse reichten nicht aus, um einen Blick auf den Mann
werfen zu können. "Mmm."
Der Mann auf der Bühne hob seine Hände, und bevor es wieder dunkel wurde im Saal, erkannte man für Augenblicke den Taktstock, den er führte. Tiobie, einer der
Schüler dort auf der Bühne, nahm seinen Platz am Schlagzeug ein, und eröffnete auf einen Wink des Lehrers hin das nächste Musikstück mit einem herrlichen
Trommelfeuer,- begleitet von Kenada mit seiner kraftvollen Trompete, und der Musikanlage, die all die anderen begleitenden Instrumente beisteuerte, welche dem kleinen Orchester noch
fehlten.
'Beethovens Symphonie Nummer 9, Choral,'
'Vierter Satz, Ode an die Freude.'
Die Zuschauer lauschten verzückt dem ausgezeichneten Spiel der sechs Schüler, die sich langsam durch die erste Hälfte des Musikstückes hindurch zum Hauptteil
vortasteten.
Shinjis Cello und die beiden Geigen klangen kraftvoll und lupenrein. Mit absoluter Präzision trafen sie eine jede Note, und fügten sich dennoch harmonisch in den Klang der
begleitenden Instrumente ein. Das Zusammenspiel der drei Hauptakteure war perfekt, und im Saal herrschte atemlose Stille, die nur gelegentlich von dem leisen Flüstern eine
beeindruckten Zuschauers durchbrochen wurde.
Auf der Leinwand wechselten sich derweil Muster und Bilder von Kunstwerken ab, die sich der Musik zu fügen schienen, und im Licht der unglaublichen musikalischen Darbietung meist
unbeachtet blieben.
Und dann endlich... der Hauptteil des Stückes.
Die Kinder spielten wie aus einem Guss, und die Melodie, die so viele kannten, aber wie so oft, nicht zu schätzen wussten, nahm mit einem Mal in den Köpfen der Zuschauer ganz
neue Dimensionen an.
Und während die Musik immer lauter wurde und dem Höhepunkt zustrebte, beendeten auch die begleitenden Bilder ihr Schattendasein und begannen in den Vordergrund zu treten.
Bilder von Gewitterwolken und Vulkanen.... Ozeanen und springenden Delphinen.... Szenen, so unterschiedlich und breit gefächert,- aber dennoch passend.
Misato war völlig hin und weg von den Eindrücken, die auf sie einströmten,- solch bewegende Szenen im nüchternen Zustand zu sehen, war immerhin eine ganz neue
Erfahrung für sie.
Gendo dagegen beobachtete die Darbietung ohne auch nur eine Gefühlsregung zu zeigen. Dennoch verriet die Art, wie er leicht nach vorn gebeugt auf seinem Sitz saß dem
geübten Beobachter, dass auch er diese Vorstellung sichtlich genoss.
Und dann kam es... Das Finale! Der Sensei bewegte den Taktstock kraftvoll zur Musik, und alle spielten in perfektem Einklang.
Der letzte Takt erklang, und mit ihm die letzte, begleitende Szene auf der Leinwand. Es war ein atemberaubendes Bild, das nur wenige Leute wiedererkennen würden...
...abgesehen von Gendo natürlich. Er erkannte nämlich sofort, das es sich um eine Aufnahme aus dem Inneren der Geofront handelte; gemacht nahe dem kleinen Schwimmbecken, da
Rei des öfteren besuchte.
Die Aufnahme selbst zeigte nichts weiter als den künstlichen Himmel der Geofront, mit all den versenkbaren Gebäuden von Tokio-3, die an eine auf den Kopf gestellte Wolkenstadt
erinnerten... Aber dennoch war das Bild in seiner Schlichtheit einfach atemberaubend. Erzählungen und Berichte über die Geofront könnten niemals ausdrücken, wie
gigantisch und faszinierend sie eigentlich war. Und so kam es dann auch, dass allen Zuschauern bei diesem Anblick der Atem stockte...einschließlich der Leute die in der Geofront
arbeiteten.
* * *
Die stehenden Ovationen kamen noch bevor die letzte Note verklungen war, und das verzückte Lächeln auf den Gesichtern der Kinder zeigte nur zu deutlich, wie stolz sie auf ihre
Leistung waren.
Das Licht im Saal ging wieder an, und Sensei Kaoru wandte sich mit einem zufriedenen Lächeln auf dem Gesicht dem Publikum zu.
Misato hätte beinahe ihre Zunge verschluckt.
Gendo blinzelte einmal.
Sensei Kaoru schloss sich dem Beifall des Publikums an, und gab seinen Schülern die Gelegenheit sich noch einmal zu verbeugen, bevor er schließlich seinerseits erste Worte an
die Zuschauer richtete. "Ich möchte Ihnen danken, dass Sie heute hergekommen sind!" sagte er in den verebbenden Applaus hinein.
Er fixierte Gendo Ikari mit seinen Augen und lächelte... nicht jedoch ohne zuvor seine Brille in einer Manier zurecht zu rücken, die die Stimmung des Kommandanten auf einen
Tiefpunkt sinken ließ.
"Und nun..." Kaoru wandte sich von Neuem den Zuschauern zu. "Darf ich sie im Namen der Klasse bitten, sich zurückzulehnen, und die nächste Darbietung zu genießen." Von
Neuem wurde NERVs oberster Kommandant das Ziel seiner Blicke.
Die Leichtigkeit, mit der sich ihre Augen selbst über diese Entfernung hinweg zu treffen schienen, bestärkte Gendo in der Annahme, dass es dieser Mann war, der ihn erwartet
hatte.
"Mmm." summte er vor sich hin.
Kaoru schmunzelte und nickte. "Die Vorstellung hat gerade erst angefangen.