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Higher Learning

Lektion Vierundzwanzig: Das Schutzschild der Seele

Geschrieben von Strike Fiss, 1999
Homepage: http://www.geocities.com/Tokyo/9110
Übersetzt von Melissa Schneider
editiert von Christian Winkler und Markus Ehreke

"So, dann wollt ihr zwei also zusammen ausgehen?" Kaji gab sich alle Mühe einen gewaltigen Rülpser zu unterdrücken während sie gemeinsam den Sonnenuntergang betrachteten.

"Jap." Shinji warf seine leere Bierdose in hohem Bogen über das Balkongeländer. Sie dankte es ihm mit einem dumpfen Scheppern beim Aufschlag auf den Gehweg. "Sie ist mittlerweile recht nett zu mir... aber..."

"Du verstehst immer noch nicht, was in ihr vorgeht?" ergänzte Kaji.

"Genau." Shinji seufzte. "Ich meine... manchmal kommt es mir so vor als ob da zwei Persönlichkeiten in ihr sind, die ständig gegeneinander kämpfen.. die Eine ist gemein, hinterhältig, hochnäsig... einfach na ja... eine richtige Plage..." Er kicherte. "Aber dann... dann ist da auch der andere Teil von ihr, und der ist wirklich richtig nett. Ich glaube ich bin auf dem besten Weg mich in sie zu verlieben..."

"Nicht so schnell, Shinji." Kaji schüttelte seinen Kopf. "Du darfst nichts überstürzen. Der Weg zum Herzen einer Frau ist keine Autobahn. Da gibt es jede Menge Schlaglöcher und Kurven. Und je schneller du rennst, desto eher kommst du ins straucheln und stolperst.... zum Beispiel über eine Bierdose..." Er illustrierte seine Ausführungen indem er seine leere Dose ebenfalls vom Balkon hinunter auf den Gehsteig fallen ließ.

Jeder von ihnen öffnete eine neue Dose.

"Mmm. Da hast du wohl recht..." Shinji sah seinen Freund an. "...obwohl es mir scheint, als hätte sich Asuka *in dich* ziemlich schnell verknallt."

Kaji sagte kein Wort und starrte statt dessen in die hereinbrechende Dunkelheit.

"Gomen..."

"Du musst dich nicht entschuldigen, Shinji." Kaji schüttelte seinen Kopf. "Weißt du, manchmal tut sie mir leid... Ich meine, ich hab' ihr so oft gesagt, dass ich wohl kaum der Richtige für sie bin, doch genutzt hat es wenig. Im Gegenteil, sie hat sich immer nur noch stärker an mich geklammert. Ich glaube das zeigt einmal mehr, dass es unmöglich ist, andere besser zu verstehen als sich selbst."

"Nani?" Shinji blinzelte verwundert.

Kaji seufzte und lehnte sich an das Balkongitter. "Weißt du eigentlich, warum die Leute einander nicht richtig verstehen?"

"Nein..." gab der Junge zu. "Weiß ich nicht."

"Weil es unmöglich ist, jemand anderen zu verstehen, wenn man nicht einmal sich selbst versteht." erklärte Kaji geheimnisvoll. "Die Welt da draußen ist voll von Leuten, die sich danach sehnen geliebt zu werden.- Die verzweifelt nach Anerkennung suchen... Dabei haben sie noch nicht einmal zu sich selbst gefunden."

"Mmm. Mangelnde Selbsterkenntnis, denke ich." Shinji nickte. "Es ist schwer sich selbst zu erkennen, zumal es ja keinen objektiven und wertfreien Anhaltspunkt, oder Maßstab gibt, nach dem man sich richten könnte."

Kaji schmunzelte. "Sehr gut, Shinji. Hast du das irgendwo gelesen?"

Shinji wurde rot. "Nein, wir haben jetzt Philosophieunterricht in der Schule."

"Ahhh." Kaji lächelte. "Der neue Lehrer, richtig?"

"Hai!" Shinji nickte. "Kennst du ihn?"

"Ein bisschen. Wir waren einmal Freunde... ist aber lange her." meinte Kaji und nahm einen Schluck aus seiner Dose.

"Mmm." Shinji nickte. "Sag...warum kommst du eigentlich so gut mit diesen Dingen klar?"

"Oh, das sieht nur so aus. In Wirklichkeit sammele ich auch noch immer so meine Erfahrungen." Kaji kicherte "Besonders was Frauen angeht. Die meisten Männer kann ich mittlerweile ziemlich gut einschätzen... und auch viele Damen würden sicher behaupten, dass ich mich recht gut in sie hineinversetzen kann..." Er schüttelte den Kopf. "Aber Frauen sind und bleiben ein großes Geheimnis."

Sie nickten wortlos vor sich hin, während sie das Gesagte bei einigen Schlucken Bier noch einmal überdachten.

"Ich..." Shinji seufzte. "Ich brauche einfach nur jemanden, der..." Er schüttelte den Kopf. "Ach ich weiß es auch nicht.."

"Jemanden, der dich glücklich macht?" vervollständigte Kaji. "Oder jemanden, den du glücklich machen kannst?"

Shinji sah ihn an. "Beides, denke ich." Er nahm noch einen Schluck. "Aber...na ja... meistens stellt sich am Ende heraus, dass jeder nur mein Freund sein will, weil ich ein Eva-Pilot bin und sie mich brauchen..."

"Außer Asuka, sie ist da ganz anders." Kaji schmunzelte. "Nicht wahr?"

"Ja." Shinji nickte. "Sie ist ein Pilot, so wie ich... und sie ist auch nicht darauf angewiesen, dass ich in den EVA steige. Und wenn sie nett zu mir ist... dann... dann kann ich sicher sein, dass sie mir nichts vorspielt, weil sie mich ja genau so gut auch anschreien könnte,- was sie ja auch oft genug tut."

"Ja, sie ist schon eine sehr direkte und ehrliche junge Frau." Kaji kicherte. "Oftmals ein bisschen zu direkt für meinen Geschmack. Ich hoffe ja nur, dass sie sich bisher noch nicht allzusehr an dich rangeschmissen hat... "

Shinji wurde rot wie eine Tomate.

"Ahhh. Sie hat." Er lächelte und wandte sich ab. "Und, hatte sie Erfolg?"

"Ne...Nein...aber..." Er musste schlucken. "Ich glaube wir werden..."

Kaji dachte gründlich über seine Antwort nach. "Egal was ihr tut... pass bitte auf, dass sie nicht schwanger wird, okay? Das wäre das Letzte, das ihr in dieser Situation gebrauchen könnt. Wartet bis dieser ganze EVA-Kram vorbei ist."

"Mmm." Shinji nickte während er durch die verglaste Balkontüre das Treiben im Wohnzimmer beobachtete. Asuka und die anderen lachten und schwatzten, und hatten allem Anschein nach die beiden Männer auf dem Balkon völlig vergessen. "Wie ist das eigentlich, Kaji-san?"

"Du meinst mit jemandem Sex zu haben?" Kaji zuckte mit den Schutern.

"Hai."

"Na ja... ich denke da wird dir jeder, den du fragst, eine andere Anwort drauf geben..." er schmunzelte. "Das mit Sex ist so wie mit der Liebe."

"Oh." Shinji nickte und seufzte.

"Aber im allgemeinen macht es verdammt viel Spaß." Kaji setzte ein dumm-dämliches Grinsen auf. "Aber ich gebe dir einen guten Rat, Shinji..." Er lehnte sich näher zu dem jungen Ikari herüber "Tut es nach Möglichkeit nicht im Wasser."

Shinji blinzelte.

"Im Wasser geht der ganze schöne Gleitfilm dahin." erklärte Kaji "Am besten macht ihr erstmal 'Trockenübungen'.

Shinji bekam ein gigantisches Nasenbluten... "Tro...Trockenübungen? G...Gleit...Gleitfilm...?"

"Jap." Kaji nickte. "Oh, und da ihr ja auch keine Geschlechtskrankheiten und so habt... wäre es vielleicht besser wenn ihr beim ersten Mal mit der Pille verhüten würdet. Sie ist einfacher anzuwenden als ein Kondom und ihr braucht auch keine Angst zu haben, dass irgend etwas reißt oder verrutscht oder rausläuft..."

Shinji holte es von den Beinen und er krachte mit dem Hintern auf die Planken des Balkons. "Äh...wenn du meinst..."

Kaji lachte als er Shinji auf die Beine half. "Tut mir leid... ich wollte dich nicht erschrecken. Mach dir mal keine Sorgen. Das wird schon werden, du wirst sehen. Das kommt alles von selbst, du darfst nur nichts überstürzen."

"Hai." Shinji nickte, immer noch ein wenig benommen.

"So so so... dann hast du dir also Asuka geangelt... " meinte Kaji. "... eine junge Frau, die im gleichen Boot sitzt wie du... und die dich auch mag, wie es scheint. Weißt du eigentlich, dass ihr euch sehr ähnlich seid... ähnlicher als ihr denkt... und das allein..." er schmunzelte "...das allein ist vielleicht schon genug um all die Hindernisse zu überwinden, die die Leute daran hindern einander wirklich zu verstehen."

Ein glückliches Lächeln erhellte Shinjis Gesicht "Meinst du wirklich Kaji-san?"

Er nickte und trank sein Bier aus. "Aber selbst wenn es mit euch beiden nicht klappen sollte, dann wirst du als Lohn für deine Mühen zumindest ein paar Mal mit ihr im Bett landen." Er grinste als er sah wie Shinji vor lauter Schreck den Inhalt seines Mundes wieder ausspuckte.

"Kaji!" Er hustete und bemühte sich das Atmen nicht zu vergessen.

Unvermittelt öffnete sich die verglaste Balkontüre hinter ihnen. Es war Asuka und sie hatte die Hände in die Hüften gestemmt. "Und WAS ZUM TEUFEL macht ihr zwei hier draußen?"

Shinji keuchte auf und warf seine Bierdose über die Reling "Ni...nichts, Asuka-chan!"

"Stimmt." Kaji nickte. "Wir haben uns nur unterhalten. Du weißt schon, Männerfreundschaften und so'n Zeugs."

Misstrauen sprach aus ihrem Blick, als Asuka die beiden Männer anschaute, die wie auf Kommando fast gleichzeitig ein Rülpsen zu unterdrücken suchten.

"Mmm. Egal. Kommt jetzt rein! Wir sehen uns einen Godzilla-Film an. Kensuke war..." Sie zuckte zusammen "'so nett' seine Videosammlung mitzubringen."

Lächelnd folgten die beiden ihr zurück ins Wohnzimmer. "Danke, Kaji-san." Shinji musste sich Mühe geben nicht in Schlangenlinien zu laufen.

"Kein Problem, Shinji."

Ohne Vorwarnung packte Asuka Shinji am Arm und zerrte ihn in die Küche. "Fangt schon 'mal an. Wir holen noch eben ein paar Snacks."

"Jap." Shinjis Gang schwankte sichtlich.

Als sie sicher sein konnte, dass die anderen sie nicht beobachteten, runzelte Asuka die Stirn und musterte den jungen Ikari. "Du riechst nach Bier."

"Wirklich?" Shinji tat einen Hickser und grinste dämlich. "Ähh...Na ja, Kaji und ich wir haben einfach nur geredet... Ich meine, das ist eine alte Tradition..."

Asuka beugte sich zu ihm herüber und brachte ihn mit einem Kuss auf den Mund zum schweigen. Ein recht leidenschaftlicher Kuss, wohlgemerkt. Trotzdem blickte sie wieder ein wenig finster drein, kaum dass sich ihre Lippen schließlich getrennt hatten. "Und du hast mich nicht eingeladen?"

Shinji blinzelte verwundert. "Äh, entschuldige! Beim nächsten mal bist du auch dabei, versprochen!"

Sie nickte und wandte sich dem Kühlschrank zu um weitere Snacks herauszuholen. "Das will ich doch hoffen." sie zwinkerte ihm zu und machte sich auf den Weg zurück in Wohnzimmer. "Und jetzt komm und vergess' nich' den Dip, Baka!"

"Hai!" Die Masse in der Schüssel wackelte deutlich weniger als Shinji.

* * *


Die Party war ein Erfolg gewesen - in vieler Hinsicht - und sie hatten sich auch recht gut amüsiert... Doch jetzt, da Toji und Hikari gemeinsam nach Hause gingen, wollte die Unterhaltung zwischen ihnen nicht so recht in die Gänge kommen.

"Nette Party." Toji klang ein wenig mürrisch.

"Ja. Wir dürfen nicht vergessen uns nochmal bei Asuka und Shinji zu bedanken..." antwortete Hikari schnell.

Toji lächelte und nickte. "Ich kann es immer noch nicht glauben, dass sich die beiden den ganzen Abend über nicht einmal gestritten haben."

"Na ja, Shinji war ja auch die meiste Zeit nicht im Zimmer." Hikari kicherte und wurde rot als Toji ebenfalls zu lachen begann.

Doch die Fröhlichkeit war nicht von langer Dauer und schon bald setzte von Neuem eine unbequeme Stille ein. Sie wussten, dass sich ihre Wege ein oder zwei Häuserblock später trennen würden. "Hikari?" fragte er plötzlich.

"Hai?" Sie lächelte.

"Ich..." Er senkte seinen Kopf und schaute verlegen auf seine Füße. "Es könnte sein, dass ich morgen nicht zur Schule komme... Ich hab' was Wichtiges zu erledigen..." Er sah sie an. "Wärst du so gut, und würdest die Unterlagen, die der Sensei verteilt, für mich aufbewahren?"

Sie nickte enthusiastisch. "Aber klar doch, Toji-kun!" Sie keuchte auf und wurde knallrot, als ihr klar wurde, dass sie ihn gerade 'Toji-kun' genannt hatte. "Äh... ich meine...."

Auch Toji war rot angelaufen "Ach das ist schon okay.." sagte er leise. "Ich... es gefällt mir irgendwie."

Sie nickte, und nahm ein paar tiefe Atemzüge um sich zu beruhigen. "Hai..."

"Wenn..." Er brach den Satz ab und schüttelte den Kopf. "Irgendwann diese Woche würde..." Er blieb stehen und sah Hikari an. Sie war ebenfalls stehen geblieben, aber ihr Blick war starr nach vorn auf den Gehsteig gerichtet. "Wenn du nichts Besseres vorhast... würdest... würdest du mich dann begleiten, wenn ich meine Schwester besuchen gehe?"

Hikari schnappte nach Luft und senkte ihren Blick. "Es...es wäre mir eine Ehre!" antwortete sie sichtlich verunsichert. "Aber... nur wenn du es möchtest. Ich meine, ich gehöre ja nicht zu eurer Familie und..."

Toji holte tief Luft und lächelte. "Weißt du... ehrlich gesagt freut sie sich schon darauf dich endlich einmal kennenzulernen."

"Wie bitte?" Hikari blinzelte.

"Na ja...Ich hab'...ihr irgendwie..." er räusperte sich "von dir erzählt...und...na ja...dass ich..." er ärgerte sich über seine mangelhafte Wortgewandtheit "Na ja... dass ich dich gern hab..."

Hikaris Herz machte einen Freudensprung und sie strahlte über das ganze Gesicht. "Ich... sicher...sicher komme ich mit!"

Er kratzte sich am Kopf und setzte ein dämliches Grinsen auf. "Entschuldige...sowas liegt mir halt nicht... Ich stell mich dabei immer so ungeschickt an..."

Hikari schüttelte den Kopf. "Tust du gar nicht." sie lächelte und versuchte nicht noch mehr zu erröten.

Sie setzten ihren Weg fort, bis sie an eine Straßenkreuzung kamen. "Ich schätze, jetzt ist der Moment gekommen Gute Nacht zu sagen..." Toji gab sich alle Mühe e zumindest ein klein wenig romantisch klingen zu lassen.

"Ja..." Hikari seufzte und schaute hinauf in den Nachthimmel. "Ich habe es nicht weit. Ich wohne gleich da hinten, die Straße runter."

"Gut..." Toji nickte und reichte ihr die Hand zu einem Händedruck.

Hikari blinzelte verwundert, aber folgte dann doch seinem Beispiel. "Gute Nacht..." sagte sie leise.
Sie musste nach Luft schnappen als Toji plötzlich seinen Kopf senkte und ihr einen gefühlvollen Handkuss gab.

Toji hielt ihre Hand noch einen Augenblick lang fest während er sie mit einem sichtlich nervösen Lächeln auf den Lippen ansah. "Gute Nacht, Hikari-chan. Und nochmals; Danke für das Mittagessen. Es war sehr gut."

Sie nickte und wandte ihren Blick ab. Ihr Gesicht wäre glatt als Signalfeuer durchgegangen, doch ihr Herz lachte. "N...nichts zu danken..."

Und nach einer letzten Verbeugung machte sich Toji auf den Weg nach Hause... Nur mit Not konnte er dem Drang widerstehen Freudensprünge oder etwas ähnlich peinliches zu machen.

Hikari stand einfach nur da und starrte auf ihre Hand. Ein merkwürdiges Lächeln lag auf ihrem Gesicht. "Ich hab's doch immer gewusst... Suzuhara kann wirklich romantisch sein..."

* * *


Misato seufzte während sie die Karte, die sie zwischen Daumen und Zeigefinger hielt, immer wieder auf die Tischplatte klopfte. In der anderen Hand hielt sie ein Glas, das mit einer dunklen bernsteinfarbenen Flüssigkeit gefüllt war. Ein halber Eiswürfel schwamm noch in dem Drink.- Ein Überbleibsel, nachdem sie seinen Bruder in Gedanken versunken zerkaut hatte.

Die Karte war nett.

Und geschmackvoll.- Kurzum, eine Karte für Leute, die auf eine aufrichtig aussehende Entschuldigung aus waren.

<Liebe Misato-chan.

Bin durch dringende Arbeit verhindert. Ich werde versuchen, dich später im Restaurant zu treffen. Ich habe einen Tisch für uns reserviert. Wenn ich bis Mitternacht nicht da bin, werde ich es ein anderes Mal wieder gut machen. Bis später,

-Miyazaki Kaoru>

Mittlerweile las sie die Karte bereits zum zwanzigsten Mal. Sie seufzte und kippte ihren Drink hinunter.
"Männer..." sie schüttelte den Kopf "Da ziehst du ein schickes Kleid an und die tauchen noch nich' mal auf..."

Es war schon beinahe 11Uhr.

"Was zum Teufel macht der bloß?" grummelte sie. "Welche dringende Arbeit kann es wohl für einen LEHRER geben? "

* * *


"Ecta 64 ruft Neo Path 400..." kratzend drang der erste Funkspruch seit drei Stunden durch das Funkgerät.

Der Flugkapitän seufzte und griff träge zum Handmikrofon während 'Ecta'... eine kleine Wetterstation an der Küste von Hawaii... fortfuhr Informationen über die Wolkenformation zu geben, auf die sie in wenigen Minuten treffen würden.

"Hier ist Neo Path 400." antwortete er mit einem Blick auf die Instrumente. "Cumulonimbus Wolken werden bestätigt. Laut Barometer keine Gefahr. Halten Kurs bei..." er blickte auf den Flugplan und grinste "... und Sie können dem Major sagen, dass wir planmäßig ankommen werden."

"Sie wird sich sicher freuen, das zu hören, Neo Path. Ecta 64 Ende und Aus." kam die Antwort.

Der Flugkapitän kicherte als er das Handmikrofon weglegte. Der neugierige Blick seiner Chef-Co-Pilotin verlangte geradezu nach einer Erklärung. "Major Katsuragi ist bekannt dafür, dass sie früh morgens eine richtige Zicke ist. Meistens, weil sie noch nen riesigen Kater vom Vorabend hat. Sie war nicht gerade glücklich zu hören, dass wir so früh morgens japanischer Zeit ankommen würden."

"Ahh. Eine Frau ganz nach meinem Geschmack." kommentierte einer der Crew.

Gemeinsam betrachteten sie die massive weiße Wolke, die immer näher zu kommen schien. "Hoffentlich bleiben Wolken das einzig Interessante, dass wir bei diesem Flug sehen werden." Der Kapitän seufzte, während seine Crew von Neuem eine Sensorabtastung der Umgebung machte.

Kurz nachdem der 'Supercarrier Jet' in den weißen Dunst eingedrungen war, und die Sonne die alles umhüllende Wolke nicht mehr zu durchdringen vermochte, wurde es für einen kurzen Augenblick stockdunkel.

Es dauerte nur Bruchteile einer Sekunde, und hätte er in diesem Moment nicht gerade in die richtige Richtung geblickt, oder geblinzelt, dann hätte er ihn wahrscheinlich nicht einmal gesehen...

... den hellen, grellgelben Lichtblitz, der Teile der Wolke vor ihm durchzuckte. Der Kapitän schnappte nach Luft und bereitete sich vor... auf den Aufschlag... einen Einschlag... oder auf Gott weiß was...

doch nichts passierte.

Einen Moment später riss die Wolkendecke auf und der strahlend blaue Himmel kam wieder zum Vorschein. Besorgnis stand in die Gesichter der Crew geschrieben, als sie den verstörten Gesichtsausdruck ihres Kapitäns bemerkten.
"Was ist los, Käpt'n."

"Macht nochmal eine Sensorabtastung... schnell..." befahl er "Und seht auch nach dem verdammten Monster, das wir transportieren! Ich will, dass einer von euch runter klettert und sich MIT SEINEN EIGENEN AUGEN davon überzeugt, dass alles in Ordnung ist. " Er wandte sich seiner Chef-Co-Pilotin zu. "Ich habe einen Lichtblitz gesehen. Und ich bin verdammt sicher, da es kein Gewitterblitz war..."

Sofort machte sich die Besatzung an die Arbeit jedes erdenkliche System an Bord des Flugzeugs zu überprüfen,- nur um es im Anschluss daran noch ein zweites Mal zu kontrollieren. Das Crewmitglied, das der Tür am nächsten stand, schnappte sich seinen Werkzeuggürtel und verließ das Cockpit.

Er rannte den schmalen Korridor entlang, der zwischen den Quartieren der Mannschaft und den riesigen Treibstofftanks verlief, die den größten Teil der Tragfläche diese Nurflüglers ausmachten. Er sprang auf eine stählerne Leiter, die hinunter in das Frachtdeck führte, und ließ sich ungeachtet der Sprossen einfach an den seitlichen Handläufen hinunterrutschen.

Sein Herz schlug ihm bis zum Hals und seine Hände zitterten, als er den Akkuschrauber ansetzte um eine der Notfall-Luken von Hand zu öffnen.

Vorsichtig steckte er seinen Kopf durch das Loch im Boden des Flugzeugs, das ihm nun als Fenster diente. Der Wind blies kräftig und er konnte kaum atmen. Direkt neben ihm, nicht mehr als eine Armlänge entfernt, war der Kopf von EVA Einheit-03; eine regungslose Fratze, die auf den leeren Himmel vor dem Flugzeug starrte.

Der Co-Pilot seufzte und nickte erleichtert, während er die Luke wieder verschloss. Er öffnete zwar noch drei weitere Luken, um den Evangelion aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten zu können, doch auch diese Überprüfung blieb - sehr zu seiner Freude - ergebnislos.

Hätte er sich nicht ausschließlich für den Evangelion interessiert... dann wären ihm vielleicht die beiden dunklen Schatten unterhalb der zuvor durchflogenen Wolke aufgefallen.

* * *


Der Engel brüllte vor Wut. Sein kleines, irgendwie verdrehtes 'Maul' war weit offen und ausgestreckt nach der sich schnell entfernenden Einheit-03. Doch jedes Mal, wenn er versuchte vorzuschnellen und zuzubeissen, hielt ihn ein heller, aufflackernder, gelber Lichtblitz zurück.
Der Körper des Engels ähnelte einer Schlange, wohingegen ihm die runden, blatt-artigen Auswüchse an seinem Rücken, und die vier mit Saugnäpfen besetzten 'Fangarme' an seinem Bauch, mehr das Aussehen einer Kletterpflanze verliehen... Einer Art Efeu vielleicht...
Von Wut getrieben pulsierte das dunkle schwarz-violette Fleisch seines Körpers bei dem neuerlichen Versuch seinem Gegner zu entkommen. Seine von Venen durchzogenen 'Fangarme' schnellten wie Peitschen hervor, doch sie waren bei Weitem nicht lang genug um EVA-03 oder dem 'Supercarrier Jet' gefährlich werden zu können.

Schließlich, als ihm klar wurde dass er keine Chance mehr hatte seine Mission zu vollenden, wandte sich der Engel mit dem schlangengleichen Körper seinem Häscher zu...

Weiß leuchtende Augen,- zu schmalen Schlitzen zusammengekniffen - verliehen der Kreatur ein grimmiges Aussehen. Das Biest... fast dreimal so groß wie der Engel... öffnete seine mächtigen Kiefer und brachte ein dumpfes, animalisches Grollen hervor. Ein Geräusch, das in seiner Intensität und Lautstärke ohne weiteres dem Donnergroll der nahen Wolken hätte Paroli bieten können.

Mit einem Flackern verschwand die Wand aus orange-gelbem Licht und gab den Engel wieder frei. Doch selbst jetzt, wo ihn kein A.T. Feld mehr aufhielt, wäre es sinnlos gewesen dem Flugzeug und EVA-03 nachzujagen,- zu weit waren sie entfernt.

Der EVA Einheit-04 reichte hoch zu seiner Schulter und zog sein Prog-Messer hervor. Ähnlich wie bei Asukas Einheit-02 war es als eine Art 'Cutter-Messer' ausgeführt, wobei die Klinge, falls sie einmal abbrach, einfach nach vorn heraus geschoben, und durch ein neues Stück ersetzt werden konnte.

Einheit-04 schwebte, getragen von seinem eigenen A.T. Feld, einige Meter über der Wasseroberfläche. In der Luft wäre ihm der Engel sicherlich mit Leichtigkeit entkommen, doch Einheit-04 hatte ihm hoch oben in den Wolken aufgelauert, und sich dann auf ihn herabgestürzt.

Ohne auch nur einen Moment ungenutzt verstreichen zu lassen hob ein erbitterter Kampf zwischen den beiden Kreaturen an. Mit einem urzeitlichen Schrei schleuderte der Engel seine 'Fangarme' nach vorn, die trotz der Saugnäpfe aussahen, als wären sie in der Lage Stein zu zerteilen.

Der Evangelion hob zu einem Wolfsähnlichen Geheul an und sprang mit gezücktem Prog-Messer auf den Engel zu.

Der Kopf des Engels konnte der heranrauschenden Klinge gerade noch ausweichen, und grub die Kiefer seines Mauls unter ohrenbetäubendem Knirschen tief in die rechte Schulter de EVAs. Der Körper der Kreatur jedoch hatte weniger Glück, und wurde vom Prog-Messer sauber der Länge nach aufgeschlitzt.

Ohne Rücksicht auf die erlittenen Wunden, riss Einheit-04 das Maul des Engels aus seiner inzwischen stark blutenden Schulter.

In einem Anfall von Wut, oder Schmerz, oder beidem, startete der Engel einen letzten, verzweifelten Angriff.

Doch diesmal war der EVA gerüstet, und schwang, begleitet von einem unbeschreiblichen Gebrüll, seinen unversehrten Arm gegen den Angreifer. Ein neues A.T. Feld erschien, und zerteilte die Luft, bevor es seitlich in das Maul des Engels eindrang. Mit einer Breite, die im Subatomaren Bereich lag, war ein A.T. Feld um den Faktor zwanzig schärfer als jede bisher von Menschenhand erschaffene Klinge. Und so verwunderte es kaum, dass das Herzstück des Engels, das normalerweise recht widerstandsfähig war, glatt zerteilt wurde.

Noch bevor er wusste wie ihm geschah, verschwand der Engel im gleißenden Lichtschein einer Explosion.




Siegreich über den Feind, steckte Einheit-04 sein Prog-Messer zurück in den Schulter-Halfter und ließ das A.T. Feld unter seinen Füßen kollabieren.

Momente später sank der Evangelion auf den Grund des Ozeans...

... verborgen vor den Augen der Welt

Copyright of the Charakter by GAINAX / Text by Strike Fiss, 1999
Translated by Melissa Schneider / Edited by Christian Winkler and Markus Ehreke