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Higher Learning

Lektion Sechsundzwanzig: Blut hat nur eine Farbe

Geschrieben von Strike Fiss, 1999
Homepage: http://www.geocities.com/Tokyo/9110
Übersetzt von Melissa Schneider
editiert von Christian Winkler und Markus Ehreke

Der Sonnenaufgang markierte den Beginn eines neuen Tages, und der friedvolle Sing-Sang der Nacht-aktiven Zikaden machte dem lauten, fortwährenden Zirpen der Tag-aktiven Spezies Platz. Doch nur wenige Einwohner nahmen noch von ihnen Notiz, und was Fremde als ohrenbetäubenden und nervenaufreibenden Lärm bezeichnen würden, war mittlerweile so etwas wie Musik in den Ohren der Einwohner von Tokio-3.

Eine Musik die, wie es schien, nur während der Angriffe der Engel verstummte.

Doch die Morgensonne beschien auch eine Tradition, die erst wenige Tage alt war,- eine Tradition, nach der Asuka Langley an der Seite von Shinji Ikari schlief.

Doch während der Rotschopf noch fest in Morpheus Armen war, war der Junge bereits seit geraumer Zeit hellwach. Sein Gehirn arbeitete bereits auf Hochtouren, während seine Augen immerfort zur Decke starrten.

Einen Moment lang dachte er an die junge, hübsche Frau, die neben ihm im Bett lag. Es gab nichts, für das er sich hätte schämen müssen... Sie hatten nicht unrechtes getan. Sie trugen beide immer noch ihren Schlafanzug und hatten lediglich Seite an Seite die Nacht verbracht. Es hatte seinen Reiz neben ihr zu schlafen, und ihre Körperwärme zu spüren. Es gefiel ihm sehr und gab ihm das Gefühl ein bisschen weniger einsam zu sein.

Ein leises 'Klick' signalisierte, dass das Band in seinem SDAT-Player abgelaufen war, doch er reagierte nicht. Seine Augen verließen nicht ein Mal die ihm wohl bekannten Muster an der Zimmerdecke, während sein Gehirn die Ereignisse der Vergangenheit, und der Gegenwart zu verarbeiten suchte.

Doch während er durch seine Kopfhörer hindurch die Rufe der Zikaden nur gedämpft wahr nahm, waren sie für die Frau an seiner Seite um so lauter,- besonders nun, da der Geräuschpegel mit jedem weiteren Sonnenstrahl stetig wuchs...

Asuka räkelte sich herum. "Gott im Himmel!" grummelte sie verschlafen und eng an Shinjis Brust geschmiegt. "Geben die denn nie Ruhe?"

Er lächelte und nahm seine Kopfhörer ab. "Guten Morgen, Asuka-chan."

Sie hob den Kopf und blickte hektisch umher,- so wie sie es immer tat, wenn sie neben ihm aufwachte. Wahrscheinlich war es so eine Art Reflex,- eine Regung ihres Unterbewusstseins, da sich fragte, warum er neben ihr lag.

"Oh..." sie lächelte. "Morgen, Shinji." sie gähnte, doch als ihr klar wurde, dass sie so früh am Morgen vielleicht schlechten Atem haben könnte, bedeckte sie fast panikartig ihren Mund. "Ich... ich bin im Bad." Sie krabbelte aus dem Bett und war im nächsten Moment auch schon aus dem Zimmer hinaus gestürmt.

Shinji nickte und sagte kein Wort. Sicherlich gab es weitaus Schlimmeres als schlechten Atem am Morgen,- aber so war Asuka halt; immer darauf bedacht nur keine Schwächen zu zeigen, oder gar ihre Unvollkommenheit einzugestehen... besonders nicht ihm gegenüber...

Dennoch lächelte Shinji. Er war mit sich und der Welt zufrieden. "Dann werde ich mich mal um das Frühstück kümmern." sagte er noch zu sich, bevor er aufstand und frische Kleidung anzog.

* * *


"Wuaagh!" Pen-Pen krächzte fröhlich als Shinji die Dose Sardinen öffnete, die er gestern Abend zum Auftauen hingestellt hatte. Bis dato war er immer noch der unumstößlichen Auffassung, dass allein Shinji wusste, wie man Sardinen richtig zubereitete. Der Junge musste sowas wie ein 'goldenes Händchen' für Sardinen haben, oder so. Ganz im Gegensatz zu Misato übrigens. Die konnte nämlich Shinjis Anweisung haarklein folgen, und trotzdem bekam er nach den Sardinen immer Sodbrennen. Asuka war da schon etwas besser,- bei ihr war es wenigstens essbar... Bei Kaji war es dann schon genießbar... Aber bei Shinji,- nun wenn er ihm Frühstück machte, dann war es ein Festmahl, und nicht einfach nur eine Mahlzeit.

"Bitteschön! Lass es dir schmecken, Pen-Pen!" er lächelte, als er den Teller auf den Boden stellte. "Oh ich glaube da ist gerade die Zeitung gekommen, ich geh sie mal schnell reinholen."

Pen-Pen verschlang die Sardinen mit großem Appetit. Er durfte nicht vergessen dem Jungen ein ganz besonderes Weihnachtsgeschenk zu machen. Ob ihm die aufblasbare Pinguin-Dame au dem Versandhauskatalog wohl gefallen würde? Näää... wohl eher nicht...

Nach einer ausgiebigen Dusche und einem kurzen aber heftigen Fluch beim Anlegen ihrer Kleidung, kam Asuka schließlich in die Küche. Sie trug ihre Schuluniform und hatte, sehr zum Erstaunen des Pinguins, ein Lächeln auf den Lippen. "Hey Pen-Pen." begrüßte sie den Vogel, bevor sie am Tisch Platz nahm und sich etwas von dem Orangensaft eingoss, den Shinji zuvor hingestellt hatte.

"Wuaagh!" antwortete Pen-Pen und zeigte auf den Toaster, der gerade zwei Scheiben Toast ausgeworfen hatte.

"Dank dir." Sie stand auf und begann den Tisch zu decken. Als Shinji Momente später mit der Morgenzeitung in der Hand zurück kam, begrüßte sie ihn mit einem Lächeln. "Na du Schlafmütze. Du hast sicher wieder die ganze Nacht wach gelegen und dir unsittliche Gedanken gemacht, was? "

"Frag besser nicht,- die Antwort könnte dir nicht gefallen, Asuka-chan." Er grinste; diese Antwort hatte sie sicher nicht erwartet.

"Typisch. Du Hentai." Sie kicherte und warf ihm eine Scheibe Toast zu. Ein wenig ungeschickt fing er das Brot auf und setzte sich zu ihr an den Tisch. Er strahlte förmlich. "Jetzt mal ehrlich, Shinji... Warum bist du heute morgen so fröhlich?"

"Einfach so." meinte er und lächelte. "Mir ist da so Einiges durch den Kopf gegangen."

Sie nahm einen Bissen von ihrem Toast und wartete auf eine Erklärung. Als keine kam, beschloss sie nachzuhaken. "Und was ist dir so durch den Kopf gegangen?"

"Na ja ich hab' nachgedacht..." Er zuckte mit den Schultern "Über...na ja...uns..."

Asuka nickte bedächtig. "Und weiter?"

"Hast du..." Er seufzte bei dem Versuch die richtigen Worte zu finden. "Hast du dich eigentlich schon 'mal gefragt, wie unser Leben aussehen würde, wenn es die EVAs nicht gäbe?"

Asuka zuckte mit den Schultern "Nö, eigentlich nicht."

"Nicht ein Mal? Ich meine... was ist, wenn wir alle Engel besiegt haben? Was machen wir danach? "

"Darüber habe ich mir noch gar keine Gedanken gemacht."

Shinji blinzelte verwundert. Eine solche Antwort hatte er nicht erwartet.

"Es ist nicht gut sich um Dinge zu sorgen, die noch in so weiter Ferne liegen, Shinji." Sie gab ihr Bestes, möglichst 'weise' zu klingen. "Die Sorge um die Zukunft lenkt uns zu sehr von den Gefahren ab, mit denen wir uns hier und jetzt herumschlagen müssen. Und ehe wir uns versehen landet ein Engel einen Glückstreffer und ich kann gucken, wie ich deinen Hintern rette." Sie grinste.

Weise, wie er war, enthielt sich Shinji jeglichen Kommentars.

"Aber warum fragst du?" fuhr Asuka schließlich fort. "Wie kommst du gerade jetzt darauf?"

"Ich..." Er seufzte. "Ich weiß nicht. Vielleicht hoffe ich einfach nur auf eine bessere Zukunft..." Seine Augen begannen zu funkeln. "Weißt du, der Sensei hat mir von dieser Universität erzählt, auf die er gegangen ist. Und bisher sind unsere Noten gut genug, meint er, und wenn wir uns anstrengen... na ja... Und dann hat Kaji mir erzählt, wa er so nach seinem Schulabschluss gemacht hat... und ich hab' mir überlegt, ob ich nicht ein wenig herum reisen sollte... du weißt schon, andere Leute, andere Länder kennen lernen..."

Asuka blinzelte verwundert. "Oh?"

"Und, na ja, er hat mir auch ein wenig von Deutschland erzählt." Er errötete leicht "Und da hab' ich mich gefragt... ob ich vielleicht mal hinfahren sollte... Ich könnte dich ja mal besuchen, wenn das alles hier vorbei ist."

"Natürlich kommst du mich besuchen! " Sie schenkte ihm ein bezauberndes Lächeln. "Deutschland wird dir bestimmt gefallen!"

Er lächelte und nickte während er sich einen Kaffee eingoss.

"Aber..." warf sie plötzlich ein "...was hast du eigentlich gemeint, als du gesagt hast, 'ohne die EVAs'? Meinst du damit, was wäre, wenn es die Engel und die EVAs nie gegeben hätte?"

Er nickte. "Ja, sowas in der Art."

"Ich...ich weiß es nicht. Ich...ich glaub' ich kann mir ein Leben ohne EVA gar nicht vorstellen." Sie seufzte und nahm einen weiteren Bissen von ihrem Toast.

Shinji sah sie an und schüttelte den Kopf. "Was wäre zum Beispiel hiermit?"

"Womit?"

"Ja hiermit." Er hob seine Arme und zeigte auf das Appartement "Im Moment ist es für uns das Natürlichste auf der Welt hier zu wohnen..."

"Wuaagh." stimmte Pen-Pen zu.

Asuka zuckte mit den Schultern. "Ja und? Es ist doch nur ein Haus."

"Genau." Shinji nickte. "Vier Wände.. äh... mehr oder weniger... und ein Dach." Er zeigte auf den Frühstückstisch. "Und hier sitzen wir, zwei normale Kinder, frühstücken, und machen uns bereit zur Schule zu gehen, so wie all die anderen Kinder auch." Er rang sich ein Lächeln ab. "Mehr nicht. Und nach der Schule haben wir frei. Und an Stelle von Sync-Tests gehen wir in die Spielhalle und spielen Videospiele oder sonst was."

"Ja, und bei Tekken hast du keine Schnitte gegen mich." Sie lachte.

"Aber darum geht es doch nicht." Unterbrach er, doch seine Stimme klang immer noch fröhlich. "Der Punkt ist doch der; es hätte nichts mehr mit NERV zu tun. Wir hätten ein ganz normales Leben,- so wie alle Kinder."

Sie zuckte mit den Schultern. "Und was ist daran so toll?"

"Was ist so toll daran, einen EVA zu steuern?" konterte er. "Was ist so toll daran, stundenlang in einer Suppe zu sitzen, die wie Blut riecht? Was ist so toll daran, Schmerzen zu ertragen, und gegen Dinge zu kämpfen, die wir nicht einmal annähernd verstehen?"

Asuka seufzte, aber sagte kein Wort, und konzentrierte sich statt dessen auf ihr Toast.

Shinji beruhigte sich und wandte sich wieder seinem Kaffee zu "Tut mir leid..."

"Na ja.. ich meine... ein Leben ohne EVA könnte auch ganz lustig sein." gab sie zu.

Er strahlte.

"Na ja... auch ohne EVA hätten wir uns kennenlernen können..." Sie lächelte ihn an. "Wer weiß... vielleicht wäre ich dann eine Austauschschülerin, die hier bei dir und Misato wohnt..." Sie schüttelte den Kopf. "Aber das ist ja alles ein Gedankenspiel, Shinji. Nicht mehr als ein Traum."

Er seufzte und nickte, während er sich wieder seinem Frühstück widmete.

Asuka konnte förmlich sehen, wie seine Stimmung den Bach runter ging. Sie seufzte. Nein, sie musste etwas tun. Ein derart deprimierter Shinji würde ihr auf das Gemüt schlagen,- und dabei hatte der Tag mit dem Aufwachen an seiner Seite doch so gut begonnen. "Na ja.. ich meine.. sicher... wenn die Sache mit den Engeln dann mal vorbei ist..."

Er schaute sie an.

"Ich meine... dann wird es schon irgendwie weiter gehen." Sie lächelte. "Ich meine wir könnten so eine Art Welttournee machen, damit die Leute in jedem Land die Gelegenheit hätten uns leibhaftig zu sehen."

"Ja, wir könnten Autogramme geben und sowas..." fügte Shinji mit einem Lächeln hinzu.

"Ja. Genau." Sie schenkte ihm ihr schönstes Lächeln. "Und wir wären berühmt! Und reich!"

"Reich?"

"Ja, warum nicht?" Asuka nickte. "Selbst wenn NERV uns nichts zahlen würde,- hey,- allein die Geschichten von unseren Kämpfen aus erster Hand würden viel Geld bringen."

"Mmm... Ja du hast recht." Shinji nickte zustimmend.

"Und dann müssten wir uns über unsere Zukunft auch keine Gedanken mehr machen. Wir könnten einfach leben wie normale Menschen... Weißt du... um die Welt reisen... das ist gar nicht mal so eine schlechte Idee, Shinji..."

Er lächelte und wurde langsam rot. "Ja, und vielleicht könnten wir sogar zusammen mal irgendwo hin reisen... ich meine... wenn du nichts dagegen hast."

Sie lächelte ihn an. "Was sollte ich dagegen haben? Immerhin sind wir doch ein Team, oder?"

Shinji nickte. "Na ja.. ich meinte nur... falls es dir nichts ausmacht mit mir..."

"Hey, natürlich würde es mir nichts ausmachen." Sie lächelte verlegen "Immerhin sind wir doch ein Paar, oder?"

Unbemerkt war die Beleuchtung ausgeschaltet worden, so dass nunmehr nur noch das warme, gedämpfte Licht der Morgensonne die Küche erhellte. Pen-Pen watschelte hinüber zur Stereoanlage und startete die CD 'Klavierstücke für romantische Stunden', die er extra für solche Momente zurecht gelegt hatte. Schon seit einer ganzen Weile hatte er auf diesen Moment gewartet; Er betrachtete es nun einmal als eine Selbstverständlichkeit seinen Freunden bei ihren Herzensangelegenheiten beizustehen.- Und wenn einer sein Freund war, dann Shinji.

Der junge Ikari beugte sich indes immer weiter zu Asuka hinüber, die ebenfalls nur noch Augen für ihren Freund hatte. Beide waren sie gefangen in der Romantik des Augenblicks. "Wir kennen uns schon so lange..." flüsterte Asuka leise. "Da wäre es doch eine Schande..."

"...wenn uns sowas..." Shinji war ihr bereits so nah, dass er ihren Atem auf seinen Lippen spürte.

"...trennen würde." säuselte Asuka, bereit sich ihren Gefühlen hinzugeben...

RRRRRRRRRRRRRÜÜÜÜÜÜÜÜÜÜÜÜÜÜÜÜÜÜÜÜÜÜÜLLLLLLLLLLLLLLLLLLLPPPPPPPPPPPPPPPSSSSSSSSSSSSS!!!!

Die beiden Kinder kippten vor Schreck vom Stuhl. Die Musik stoppte und schlagartig ging die Beleuchtung in der Küche wieder an.

"YEEEEEEAAAAAAAAAAHHHHH!" erschallte Misatos legendärer Schlachtruf als sie ein Bier hinunterkippte. "Ahhh, DAS nenne ich ein nahrhaftes Frühstück!" Erst als sie die Hand vom Lichtschalter nahm, bemerkte sie ihre beiden Mitbewohner, die sich langsam wieder vom Boden hoch rappelten. "Hey, Kinder. Habt ihr heute keine Schule?"

Shinjis Gesicht war genau auf Asukas Busen gelandet und er hatte ein derart starkes Nasenbluten, dass er beinahe in Ohnmacht gefallen wäre. Asuka seufzte als sie ihm auf die Beine half. "Kannst du nicht ein Mal wie ein NORMALER Mensch aufwachen, Misato?" meckerte sie.

"Aber das macht doch gar keinen Spaß!" Misato grinste als sie hinüber zu Spüle ging.

"WUAAAHHH!" Hätte er einen Mittelfinger gehabt, dann hätte sich Misato jetzt einem eindeutigen Handzeichen gegenüber gesehen, doch da er nur Schwimmflossen besaß, beließ es Pen-Pen dabei wütend zu quaken und dann in seinem Kühlschrank zu verschwinden. Er würde nicht eher ruhen, bis er ein romantisches Szenario ersonnen hatte, dass absolut 'Misato-sicher' war.

"Komm mit, Baka." Asuka seufzte. "Machen wir uns auf den Weg zur Schule."

"Wie...Bi...Später, Misato-san!" brachte Shinji noch mit Mühe und Not hervor, bevor er sich schließlich im Hinausgehen eine Papierserviette griff, um sie unter seine Nase zu halten.

"Seltsame Kinder." Misato seufzte und öffnete ihr zweites Bier.

* * *


Maya folgte Ritsuko wie ein Schatten und machte sich fortwährend Notizen auf ihrem Palm-Top-Computer während sie die Hangars der EVAs kontrollierten. Es war absolut still in der großen Halle... Eine unheimliche Stille... Und der einzige Geruch, der in der Luft lag, war der Geruch des Kühlmittels, das den EVA umgab; genug, um zig-tausend Schwimmbecken zu füllen. Doch die rosafarbene Flüssigkeit war mehr als nur ein wohl temperiertes Bad, das die Zell-Regeneration des organischen Gewebes fördern sollte; e schützte den EVA ebenfalls vor schädlicher Strahlung und bakterieller Kontamination.

Aus irgendeinem Grund musste Ritsuko immer an Eiskrem denken wenn sie das Kühlmittel roch,- Vanilleeiskrem um genau zu sein.

"Sempai?"

Sie schreckte aus ihren Gedanken, als Maya ihr die gesammelten Daten auf dem Palm-Top-Computer zeigte.
"Sieht ja alles gut aus." Ritsuko seufzte während sie auf die Cursortaste drückte, um zur nächsten Seite zu gelangen. "Einheit-03 scheint den kleinen 'Umzug' ja ganz gut wegzustecken... Bei Einheit-00 ist die Entfernung des Narbengewebes auch abgeschlossen... und die Einheiten 02 und 01 scheinen sich auch pudelwohl zu fühlen..."

"Und wie steht es mit dem Dummy-Plug-System?" fragte Maya

"Wir werden sie in den nächsten Stunden einbauen." Ritsuko lächelte. "Ich habe für heute abend einen Sync-Test angesetzt, um zu sehen wie die Piloten mit den neuen Zugangskapseln klar kommen. Wenn alles glatt läuft, könnte es sein, dass wir das Dummy-System heute Abend das erste Mal ausprobieren können."

"Das ist großartig, Sempai!" Maya lächelte. "Das wäre ein toller Erfolg für Sie, wo Sie doch so hart an dem Projekt gearbeitet haben, und sich der Einbau der S2-Maschinen ja verzögert."

Sie gingen hinüber zu Einheit-01. Das große violett-grün lackierte Biest starrte ausdruckslos und unbewegt durch den Hangar,- dorthin wo Einheit-02 und nun auch Einheit-03 standen. Hätte man es nicht besser gewusst, hätte man denken können, dass die Maschinen eine Art Wettkampf austrugen, um herauszufinden welche von ihnen am längsten die Augen offen halten konnte.

Ritsuko verspürte mit einem Mal eine Art Mitgefühl für Einheit-01. "Ich hoffe nur die EVAs nehmen es uns nicht übel, dass wir Ihnen die Kinder wegnehmen."

Maya blinzelte verwundert. Sie wusste nicht, wie sie diesen Kommentar auffassen sollte. "Wissen Sie, Sempai, ich denke, wenn die EVAs Gefühle hätten, dann würden sie glücklich sein, dass wir die Kinder nun nicht mehr diesen Gefahren aussetzen müssen."

Ritsuko wandte sich ihrer Assistentin zu. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht "Maya... hast du selbst Kinder?"

Sie wurde feuerrot. "Na...natürlich nicht, Sempai. Das wissen Sie doch."

Doktor Akagi nickte. "Dann weißt du auch nicht welch enges Band zwischen einer Mutter und ihrem Kind besteht." Traurigkeit sprach aus ihrem Lächeln, als sie sich wieder Einheit-01 zuwandte. "Und manchmal ist eine Mutter derart von ihren Gefühlen und Wünschen geblendet, dass sie überhaupt nicht mehr sieht, was für ihr Kind das Beste ist."

"Aber...Sie haben doch auch kein Kind..." Maya errötete noch ein wenig mehr. "Oder etwa doch, Sempai?"

Ritsuko lachte. "Nein, ich habe nur meine Katzen." sie seufzte. "Aber ich weiß aus persönlicher Erfahrung, dass Mütter hin und wieder irrational handeln können."

"Wollen Sie damit sagen, dass die EVAs sich den Kindern gegenüber wie Mütter verhalten?" fragte Maya leicht verwirrt.

"Nein...nein..." Ritsuko seufzte und setzte ihren Rundgang durch den Hangar fort. "Ich... ich hoffe nur, dass das Dummy-Plug-System funktionert." Sie gab Maya den Handgroßen Computer wieder zurück. "Wir werden zuerst Einheit-01 und Einheit-02 mit dem Dummy-Plug-System ausrüsten. Bei Einheit-03 warten wir mit dem Einbau des Dummy-Systems besser noch... zumindest so lange, bis der Pilot ein wenig mehr mit dem EVA vertraut ist."

"Hai." Maya nickte und bereitete die entsprechenden Arbeitsanweisungen für die Techniker-Crews vor.

Und während der Doktor und seine Assistentin ihren Rundgang langsam beendeten, ging unter den Evangelions in Mitten des nach Eiskrem duftenden Kühlmittels der Wettstreit im 'Dauer-Starren' in die nächste Runde. EVA Einheit-00 schien in Führung zu liegen, dicht gefolgt von den Einheiten 01 und 03, während Einheit-02 sich ununterbrochen beschwerte, dass die Wettkampfbedingungen nicht fair wären... immerhin wäre es ja viel einfacher ein Auge offen zu halten als vier...

* * *


"...Wenn Sie ihren Schulabschluss in der Tasche haben, wird jeder von Ihnen ein kleines Vermögen wert sein." Sensei Miyazaki schmunzelte, als er eine Zahl an die Tafel schrieb. Die Schüler blinzelten verwundert.

"Meinen Sie damit die EVA-Piloten?" kam die Frage.

"Nein, nein. Jeder hier wird MINDESTENS soviel wert sein." er tippte auf die Zahl an der Tafel, über der, gut lesbar, das Thema des Unterrichtes, 'ZUKUNFTSPLANUNG', geschrieben stand. "Wie sie vielleicht wissen, sind die nächsten beiden Jahre ihrer Schullaufbahn, entscheidend für ihren weiteren Bildungsweg. Ich weiß es klingt hart, aber so ist e nun einmal." Er ging zu seinem Schreibtisch "Aber Sie brauchen sich deswegen jetzt keine grauen Haare wachsen zu lassen. Sie sind alle sehr intelligente Schülerinnen und Schüler... und solange sie nicht beschließen die Schule hinzuschmeißen und sich dem Zirkus anzuschließen, kann ich Ihnen garantieren, dass sie nach Ihrem Abschlu gelassen einer wundervollen Zukunft entgegen sehen können."

Shinji hörte gespannt zu,- ebenso wie auch der Großteil der Klasse... Asuka und Toji aber schienen weniger interessiert, und zogen es vor ihren eigenen Gedanken nachzuhängen.

"In der Regel kommt der Staat für den Großteil der Kosten Ihrer Ausbildung auf." Er schrieb eine weitere Zahl an die Tafel "Ungefähr eine viertel Million Yen pro Nase pro Jahr. Dazu kommt das Geld, das von Ausbildungsbeihilfen oder von ihren leidgeprüften Eltern beigesteuert wird." Er grinste "Ganz zu Schweigen von den Qualen, die Sie Ihren bemitleidenswerten Lehrern im Laufe Ihrer Schulzeit zufügen... Das kostet einiges an Nerven und lässt manches graue Haar sprießen. Aber lassen wir mal die Nerven und Kosten für Haartönungen und den Psychiater außen vor."

Die Klasse kicherte.

"Die Universität von Tokio-2 ist anerkanntermaßen eine der besten in der ganzen Welt." Er schrieb weitere Zahlen und Daten an die Tafel. "Obwohl sie sich auf den Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Bereich spezialisiert hat, kann man dort auch alles andere studieren, und die Abschlüsse und Diplome sind weltweit anerkannt." Er wandte sich seiner Klasse zu "Und da es ja jetzt gleich zur Mittagspause läutet, möchte ich, dass Sie sich mit Ihren Freunden darüber unterhalten, was Sie gerne nach Ihrem Schulabschluss machen würden." Er grinste. "Nur eines noch... Es sollte vielleicht doch schon etwas Anspruchsvolleres sein. Ich will keine 'Altpapier-im-Park-Aufspießer' oder 'Hamburger-Wender-bei-Burgerking(TM)' in meiner Klasse. Verstanden?"

"Hai!" Ein Lachen ging durch die Klasse, gerade rechtzeitig zur Pausenglocke.

Während der Sensei noch seine Papiere zusammen räumte und Hikari mit einer Mitschülerin die Tafel putzte, fanden sich bereits die üblichen Grüppchen zusammen.

Das 'Idioten-Trio' hatte an diesem Tag allerdings einen besonderen Gast in ihrer Mitte: Asuka hatte sich zu ihnen gesellt,- sehr zum Missfallen von Kensuke übrigens. Toji und Shinji hingegen schien die Anwesenheit des deutschen Mädchens wenig zu stören. Sie hatten andere Dinge im Kopf...

"Also, was wollt ihr mal werden?" meinte Asuka und gähnte als sie ihre Lunch-Box öffnete.

"Ich werde mich freiwillig zur Armee melden, sobald ich alt genug bin." Kensuke lächelte. "Außerdem finanzieren die mir das gesamte Studium, und so hätte ich dann auch einen Abschluss, wenn ich mal Lust bekommen sollte, was anderes zu tun, als Dinge in die Luft zu jagen."

"Wirklich? Ich wusste ja gar nicht dass man neuerdings an der Universität von Tokio-2 auch 'Idiotologie' studieren kann." Asuka setzte ein zuckersüßes Lächeln auf.

Kensuke warf ihr einen bösen Blick zu und murmelte irgendwas von 'Teufelsaustreibung' in sein Sandwich.

Hikari unterbrach Asukas Fragestunde indem sie einen Stuhl heranzog, und sich neben Toji setzte. "Hallo zusammen." Sie wandte sich Toji zu und wurde um ihre Sommersprossen herum ein wenig rot. "Suzuhara, ich habe dir etwas zu Essen gemacht."

Er lächelte dankbar und verbeugte sich höflich. "Danke, Inchou." Als er die Bento-Box öffnete, die sie ihm mitgebracht hatte, musste er nach Luft schnappen. "Ähhh... sag mal, ist das nicht ein wenig viel für mich ganz allein?"

Die ganze Gruppe blinzelte verwundert als sie das Festmahl sahen, das auf Toji wartete: Eis, um das 'Maki-Sushi' frisch, und das 'Nori' darum herum knackig zu halten,- das 'Nigiri' eine Augenweide,- perfekt geformte Reisbällchen,- und drei Sorten Fisch. Alles in allem genug um drei Tojis satt zu machen. Kensuke lief das Wasser im Mund zusammen, und Shinji war einfach nur baff. "Äh Hikari-san?"

Sie lächelte "Ja, Ikari?"

"Können wir irgendwann einmal Rezepte austauschen?" Voll der Hochachtung für ihre Kochkünste beugte er den Kopf.

"Ach, so gut ist es ja nun auch nicht..." Sie wurde knallrot angesichts des Komplimentes.

Asuka machte sich zwar nicht viel aus Sushi, aber dennoch konnte auch sie sich eines gewissen Neidgefühls nicht erwehren.- Zumal ihr Mittagessen lediglich aus Schweinefleisch und Reis bestand,- und so besehen ein wenig unangemessen war im Vergleich zu dem Festmahl, das Hikari diesem Idioten von Toji gezaubert hatte. "Du solltest Shinji wirklich ein paar deiner Rezepte geben. Wenn ich mir das hier so richtig ansehe, dann braucht der Gute ein paar Nachhilfestunden."

Toji hatte derweil ein Stück Fisch in den Mund geschoben, und sofort begannen seine Augen zu funkeln. "Hey! Das schmeckt großartig, Hikari!" Er schenkte Hikari ein strahlende Lächeln. "Domo, arigato, Hikari-chan!" bedankte er sich mit einer Höflichkeit, die man in dieser Form bisher noch nie bei ihm gesehen hatte. Seine Freunde blinzelten verwundert, und Hikari wäre beinahe in Ohnmacht gefallen...

"Da...e...gern geschehen...To...äh...Suzuhara-kun." brachte sie schließlich heraus.

Asuka und Shinji sahen einander an und runzelten fast gleichzeitig die Stirn... Sie waren zwar auch ein Paar, aber sie würden nie auf die Idee kommen sich so ekelhaft... süß... und verliebt zu geben... na ja... zumindest nicht in aller Öffentlichkeit.

Kensuke hätte wohl ähnlich verlegen auf die Szene reagiert, wäre er nicht bereits vollauf damit beschäftigt gewesen, Toji das Mittagessen vor der Nase weg zu futtern, wenn dieser mal nicht hinsah. Und er sah sehr häufig nicht hin... war er doch vielmehr damit beschäftigt seine Freundin anzusehen... rot zu werden... wieder seine Freundin anzusehen... und noch roter zu werden.

"Also... " meinte Asuka und wandte sich schließlich Shinji zu. "Was willst du denn so werden?"

"Ich..." er zuckte mit den Schultern "Ich weiß es nicht."

"Äh.. Spielverderber." Sie seufzte und stocherte mit der Gabel in ihrem Essen herum.

"Und was ist mit dir, Asuka-chan?" fragte er.

"Ich weiß es auch noch nicht." sie zuckte mit den Schultern und lächelte ebenfalls. "Ich hab' dir ja schon gesagt, dass ich mir noch nicht großartig Gedanken darum gemacht habe."

"Mmhmmm." Er nickte nachdenklich.

Die kleine Gruppe beendete ihr Mahlzeiten (oder half Toji dabei seine zu beenden) und verbrachte schließlich den Rest der Pause mit mehr oder weniger belanglosen Unterhaltungen.

* * *


Die Schulglocke verkündete das Ende des Schultages, und Asuka war schon beinahe auf dem Weg hinaus, als ihr auffiel, dass Shinji immer noch in Gedanken versunken an seinem Pult saß. Als er ihren ungeduldigen Blick spürte, lächelte er sie an. "Ich komm nach, Asuka-chan."

"Na gut, aber denk' dran, wir haben heute einen Sync-Test." Sie zwinkerte ihm zu. "Als EVA-Pilot ist es deine Pflicht zu erscheinen und dich von mir schlagen zu lassen!"

Er nickte und brachte ein herzliches Lachen zu Wege "Hai. Ich seh dich dann dort."

Sie seufzte sichtlich enttäuscht. Dann aber nickte sie und war im nächsten Moment zusammen mit Rei aus dem Klassenzimmer verschwunden. Als Toji an seinem Freund vorbei ging, hielt er einen Moment inne.
Er überlegte kurz, ob er die Bombe platzen lassen sollte, entschied sich aber dann doch dagegen. "Tschüs, Shinji."

Kaoru beobachtete die ganze Szene mit Interesse. Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück, und wartete bis der Großteil der Schüler hinaus gegangen war. "Haben Sie etwas auf dem Herzen, Mister Ikari?"

Shinji stand auf und ging bedächtig langsam nach vorn zum Lehrertisch. "Hai." Er wartete noch einige Sekunden, bis selbst die letzten Nachzügler durch die Türe waren. "Es... es geht um die Zukunft."

Der ältere Mann nickte verstehend. "Und geht es da um etwas Spezielles? Oder fragen Sie sich einfach nur wie die Menschheit in Tausend Jahren leben wird?"

Shinji schmunzelte. "Na ja, eigentlich frage ich mich eher wie meine Zukunft aussieht." Er schaute etwas verlegen zu Boden. "Und die von... Asuka..."

Der Sensei hob seine Augenbrauen. "So, so. Fahren Sie fort."

"Na ja..." er seufzte. "Ich habe Asuka gefragt, wie ihrer Meinung nach ein Leben ohne die EVAs aussehen würde."

"Wenn Sie keine Piloten mehr sind, meinen Sie?"

"Genau." Shinji nickte. "Und... na ja... mir kam es vor als würde sie sich überhaupt keine Gedanken darum machen, wie es nach EVA weiter geht... na ja, obwohl sie scheinbar daran interessiert ist..." Erst jetzt bemerkte er, wie rot er war. Doch egal was er versuchte, er konnte es nicht unterdrücken. " ... na ja, dass wir vielleicht auch dann noch zusammen sind, - auch wenn wir keine Piloten mehr sind."

Kaoru schenkte Shinji ein warmherziges Lächeln. "Weißt du Shinji, ihr werdet langsam erwachsen... und da kann es doch nicht falsch sein, sich auch um solche Dinge Gedanken zu machen, oder?"

"Hai." Er nickte und war glücklich, dass sein Sensei ihn offenbar ernst nahm. "Aber... ich habe mich gefragt..." Er seufzte ".. na ja, ich weiß immer noch nicht wie mein Leben nach EVA aussehen wird.- Was ich tun werde."

Kaoru nickte und schaute den jungen Mann einen Moment lang an. "Und das macht dir Sorgen?"

Shinji runzelte die Stirn. "Natürlich!" Er seufzte und schüttelte den Kopf. "Ich meine... Asuka... sie weiß es zwar auch nicht, aber immerhin hat sie doch schon einen Abschluss! Die ganze Welt steht ihr offen! Sie hat so viele Möglichkeiten,- sie braucht nur eine auszuwählen und fertig!"

"Und... bei dir ist das anders, denkst du?" fragte Kaoru mit einem Schulterzucken.

"Bevor ich ein EVA-Pilot wurde..." begann Shinji mit gefasster Stimme "Wollen Sie wissen, was ich da getan habe..."

"Was denn?"

"Ich habe existiert." sagte Shinji in einem Tonfall, der verriet, dass er es als etwas schmachvolles empfand. "Ich habe einfach existiert und mich von einem Tag zum nächsten gehangelt."

Kaoru seufzte und nickte. "Und darum... hast du jetzt Angst, dass du am Ende, wenn all das hier vorbei ist... gezwungen wirst zu diesem Leben zurück zu kehren?"

"Hai." Shinji nickte und ballte sein Fäuste. "Aber... das Dumme ist... dass es mir nichts ausmachen würde... Ich würde viel lieber so wie früher dahin vegetieren al in einen EVA steigen zu müssen...." Er seufzte und man merkte wie frustriert er war. "Andererseits... durch EVA..."

Kaoru lächelte. "Hast du ein Ziel, nicht wahr? Es gibt deinem Leben einen Grund.- Es motiviert dich, treibt dich an, es immer wieder zu tun. Tagein tagaus das Beste zu geben, weil du gebraucht wirst,- weil deine Freunde dich brauchen... Weil du für deine Freunde da sein kannst..."

Shinji senkte den Kopf und nickte. "Hai..."

Kaoru schmunzelte als er aufstand und zur Tafel ging. Beiläufig nahm er ein Stück Kreide in die Hand und reichte es an Shinji weiter. "Hier."

"Was soll ich damit?" Shinji betrachtete den weißen Stummel in seiner Hand.

"Schau dir einmal die Tafel hier an." sagte Kaoru und zeigte auf die Wand. "Was macht sie?"

"Sie hängt da." antwortete Shinji ein wenig verwundert.

"Genau. Sie hängt da einfach nur rum. Sie existiert. Es ist nichts darauf geschrieben... es ist nichts Besonderes an ihr, und wenn man es genau nimmt, ist sie im Moment doch völlig überflüssig..." Er klopfte mit den Knöcheln seiner Hand auf die Steinwand, die links und rechts der Tafel zum Vorschein kam. "Man könnte doch sogar soweit gehen und sagen, 'Da ist doch schon eine solide, halbwegs saubere und ansehnliche Wand - warum dann diese Wand mit einer ekelhaften dunkelgrünen Tafel verunstalten? - Also weg damit'."

Shinji nickte. "Ja, stimmt."

"Stimmt nicht." Kaoru nahm Shinji bei der Hand und brachte ihn dazu einen Punkt an die Tafel zu zeichnen. "Das ist deine Existenz. Nennen wir es den Tag deiner Geburt,- Der Startpunkt deines Lebens, sozusagen..."

Shinji schaute auf die Kreide in seiner Hand und auf den weißen Punkt, den sie auf der Tafel hinterlassen hatte. "Aber das ist doch nichts anderes als ein weißer Punkt."

"Dann beweg' doch die Kreide." erwiderte Kaoru mit einem Schulterzucken.

"Aber... wie? Wohin?" Shinji runzelte die Stirn. "Ich bin wirklich nicht gut im Zeichnen!"

"Dann zeichne doch erstmal eine Linie." warf Kaoru hilfreich ein. "Zeichne eine Linie als Symbol für den Boden auf dem du stehst."

Mit einem langen Seufzer zeichnete Shinji eine mehr oder weniger gerade Linie.
"Und jetzt?"

"Was würdest du am Liebsten tun? Wo würdest du am liebsten sein?" fragte Kaoru mit einem Schulterzucken.

Shinji wandte sich der Tafel zu und flüsterte: "Am liebsten wäre ich von EVA und meinem Vater so weit weg wie nur möglich."

"Dann zeichne einen Zielpunkt. Den Punkt den du erreichen willst."

"Ich... ich habe aber kein Ziel, das ist es ja gerade." erwiderte Shinji und für Momente brach seine Frustration wieder durch.

Mit sanfter, beruhigender Stimme meinte Kaoru schließlich: "Dann zeichne doch eine Straße."

Shinji blinzelte verwundert. Er wusste zuerst nicht, was der Sensei damit gemeint hatte... Es... es schien so einfach zu sein, aber gleichzeitig so albern und so töricht. Und doch... schien es ihm, als wäre es eine gute Idee...

Und so begann er eine Straße zu zeichnen. Er nutzte die lange, gerade Linie als Ausgangspunkt für eine Art einspurige Landstraße, die sich, mit ein wenig Phantasie und räumlicher Vorstellungskraft, nach hinten in die Tafel fortzusetzen schien, um schließlich an einem imaginären Horizont zu verschwinden...

Doch dann kam ihm ein Gedanke, und er zeichnete kleine Balken quer über die Straße und ein weiteres paar Linien, das den Umrissen der Straße folgte... und sie in eine Eisenbahnstrecke verwandelte...

Kaoru beobachtete wortlos und mit Faszination wie Shinji sein Bild vollendete...

"Und jetzt sag' mir, was du siehst?" meinte er schließlich als Shinji die Kreide niederlegte und einen Schritt zurück trat.

"Ich sehe..." er seufzte. "Ich weiß nicht, was sich sehe."

"Na, wie mir scheint, hast du doch gerade eine Eisenbahnstrecke erschaffen, Shinji." erklärte Kaoru und setzte sich auf die Kante seines Schreibtisches. "Du hast eine unbeschriebene Tafel mit Leben erfüllt... und so, wie du es mit der Tafel gemacht hast, kannst du es auch mit deinem Leben machen. Am Anfang ist alles leer,- unbeschrieben,- so lange bis du dich entschließt den ersten Schritt zu tun,- den ersten Strich sozusagen... Und der Rest kommt von selbst."

Shinji betrachtete seine Zeichnung. Es stimmte.- Die Eisenbahnstrecke,- sie war vielleicht der erste Schritt in seine Zukunft. Eine Eisenbahnstrecke, die nicht im Kreis herum führte und irgendwann zum Ausgangspunkt zurück fand. Nein, sie begann hier und endete, wenn überhaupt, dann sehr, sehr weit entfernt,- in einem Leben ohne EVA.

"Auch wenn es merkwürdig klingt, aber EVA hat dir ein großes Stück Kreide in die Hand gegeben." sagte Kaoru schließlich. "Du hast Asuka getroffen... hast dir Freunde gemacht.. und die Dinge, die du gesehen und getan hast, haben dich zu etwas ganz besonderem gemacht. Und selbst wenn es schlimme Dinge sind, und sie dir Schmerzen und Leid zufügen, so wird es dir am Ende doch helfen. Alles was DU jetzt noch tun musst, ist überleben." Er lächelte traurig. "Denn wenn du da draußen stirbst, Shinji... dann verschwindet mit dir auch die Tafel. "

Shinji wandte sich Kaoru zu und nickte. "Ich werde mein Bestes geben."

"Das weiß ich." Kaoru schmunzelte und zeigte auf die Tafel. "Shinji... all diese Dinge hier... darüber musst du dich nicht eher Sorgen bis du achtzehn bist oder älter... Aber denk daran, dein Weg kann dich überall hin führen... es liegt allein an dir, wohin er dich führt... und ob er dich überhaupt irgendwo hin führt..." Er seufzte. "Es gibt Leute die studieren ihr Leben lang, aber ohne zu wissen, was sie erreichen wollen. Und dann gibt es wiederum Leute, die sich ihr Leben lang die Welt anschauen, und von Land zu Land reisen, und dabei mehr Glück und Erfüllung finden, als sie sich jemals erträumt haben." Er nahm das Stück Kreide auf und legte es wieder in die Hand de Jungen. "Jemand hat mal gesagt, der 'Weg ist das Ziel', Shinji. Und das ist auch okay so,- so lange du dein Bestes gibst und nie aufhörst zu leben." Er lächelte und zeigte auf den unbeschriebenen Teil der Tafel "Denn einfach nur 'existieren', - ohne Weg und ohne Ziel,- ist langweilig."

Shinji nickte und schaute einmal mehr auf die Kreide in seiner Hand. "Danke, Sensei." Er blickte seinen Lehrer an. "Wirklich, vielen, vielen Dank..."

Kaoru schüttelte den Kopf. "Dank mir, indem du irgendwann einmal das erste Cello in einem großen Orchester spielst." meinte er und lachte während er Shinji aufmunternd auf die Schulter klopfte. "Und jetzt geh. Ich bin sicher dein Schatz kann es kaum erwarten, dir beim Sync-Test wieder ein paar Punkte abzujagen."

Shinji grinste zufrieden. "Arigato." Er verbeugte sich und hob seine Schultasche auf. "Ich sehe Sie dann morgen, Sensei-san."

Kaoru seufzte, als er sah, wie sein Student froh gelaunt das Klassenzimmer verließ. "Ich hoffe es, Shinji. Ich hoffe es..."

Er hob den Schwamm auf und war bereits im Begriff die Tafel zu wischen, als er sich eines Besseren besann.
Und so legte er den Schwamm zurück und beschloss Shinjis Bild bis zum nächsten Morgen an der Tafel zu belassen.
Er wäre unpassend das Bild seiner Zukunft bereits jetzt auszuwischen

Copyright of the Charakter by GAINAX / Text by Strike Fiss, 1999
Translated by Melissa Schneider / Edited by Christian Winkler and Markus Ehreke