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Higher Learning

Lektion Siebenundzwanzig: Aufholjagd

Geschrieben von Strike Fiss, 1999
Homepage: http://www.geocities.com/Tokyo/9110
Übersetzt von Melissa Schneider
editiert von Christian Winkler und Markus Ehreke

"Ah, hat der Herr sich also doch entschieden aufzutauchen!" kommentierte Asuka Shinjis Sprint zu den Aufzugtüren, die gerade im Begriff waren sich zu schließen.

"Gomen! Ich musste noch etwas wegen einer Hausaufgabe fragen." erwiderte er und lächelte dankbar, als er bemerkte, dass eine Hand die Türen gerade noch rechtzeitig vor dem Schließen bewahrt hatten. Die Aufzüge bei NERV waren sehr groß, und für sehr viele Personen ausgelegt,- und verpasste man die Abfahrt einer Kabine, musste man oft Minuten warten bis die nächste Kabine vorbei kam. Trotzdem gab es keinen anderen Weg um sich schnell und effizient im unterirdischen Komplex von NERV zu bewegen. Allein die schiere Größe der Anlage machte es nötig mit nahezu Schallgeschwindigkeit zu reisen.

Shinji musste schlucken und ein zweites Mal hinsehen, bis er endlich glauben konnte, dass die Hand, die ihm die Türe aufgehalten hatte, Toji gehörte.

Toji dagegen nickte einfach nur zur Begrüßung. "Hey, Shinji. Wir hatten schon Angst gehabt, dass du dich verlaufen hast."

Rei verbeugte sich leicht. "Ikari-kun."

Shinji aber starrte immer noch fassungslos seinen Freund an. "Du...du..."

Der großgewachsene Junge schaute mit einem Mal ein wenig verlegen drein. "Ja. Sie haben mich letzte Woche rekrutiert."

Asuka, ungeduldig wie immer, packte Shinji am Kragen seines Hemdes und zog ihn in die seit langem schon abfahrbereite Kabine hinein. "Mein Gott. Du tust ja gerade so als ob du noch nie einen anderen EVA-Piloten gesehen hast."

Als die Kabine schließlich den Abstieg in die Tiefen des NERV-Komplexes begann, spürten die Kinder genau die stetige Zunahme der Fallgeschwindigkeit und die damit verbundene Reduktion der Schwerkraft. Gebannt schauten sie auf den Zähler über der Tür, auf dem die Nummern der Stockwerke immer schneller dahin tickten. Shinji aber starrte unentwegt auf den jungen Mann der neben ihm stand.

"Aber... ich dachte du würdest die EVAs hassen?" sagte Shinji.

Toji blickte starr auf die Anzeige über der Tür, die gerade mit einem Signal angezeigt hatte, dass sie die Hälfte des Weges hinter sich hatten. "Ich dachte ich hätte mich bereits entschuldigt." Ein Lächeln erhellte sein Gesicht. "Aber wenn du mich jetzt schlagen willst, dann tu dir keinen Zwang an. Immerhin hast du noch einen Schlag gut."

Asuka blinzelte verwundert. Sie wusste nicht was Toji gemeint hatte, und so blieb ihr nichts weiter als interessiert zuzusehen wie Shinji den Kopf schüttelte.

"Nein...aber...was ist mit deiner Schwester?" erwiderte Shinji. Er errötete leicht, als er sah, das Asukas fragende Blicke auf ihm lasteten.

"Ich habe eine Vereinbarung mit Doktor Akagi getroffen." erklärte Toji, während er mit verschränkten Armen weiterhin den Etagenzähler über der Tür beobachtete. "Ich kletter' in den Pilotensitz und dafür kommt meine kleine Schwester in das beste Krankenhaus, das NERV zu bieten hat." erklärte er und blickte Shinji an. "Die können mich in Stücke schneiden und durch den Mixer jagen, das ist mir egal,- Hauptsache meine Schwester wird wieder gesund."

Asuka zuckte zusammen... okay, okay, Hikari war also doch nicht ganz von Sinnen... der Kerl hatte tatsächlich Mitgefühl und sowas wie Ehre und Anstand. Obwohl... es war schon irgendwie angsteinflößend solch noble Worte aus dem Munde eines solchen... Dorftrottels zu hören...

"Oh..." Shinji nickte. "Aber..."

"Ich weiß, was auf dem Spiel steht." unterbrach Toji. "Ich war dabei. Erinnerst du dich? Damals, als wir drei zusammen im Entry-Plug waren, da haben Kensuke und ich... wir haben e gesehen. Aber es interessiert mich nicht. Ich bin bereit in den EVA zu klettern und die Hölle durchzumachen, nur um meine Schwester zu Hause mit einem Lächeln auf dem Gesicht herumlaufen zu sehen."

Shinji blickte zu seinem Freund auf. In mehrerer Hinsicht. Er war erstaunt, und auch ein wenig betroffen und beschämt, wie recht Toji doch hatte. Ja, dieser Junge hatte einen Grund den EVA zu steuern. Und so gesehen sollte er sich vielleicht für Toji freuen.

"Wenn das so ist, dann bin ich froh, dass du hier bist." meinte er schließlich mir einem herzlichen Lächeln auf den Lippen.

Toji nickte, und brachte ihm ebenfalls ein Lächeln entgegen. "Ich auch, Ikari. So kann ich wenigstens ein bisschen auf dich aufpassen und dir den Rücken frei halten."

"Ach mach dir mal darum keine Sorgen, Toji." warf Asuka mit einem hinterhältigen Grinsen ein. "Unsere Rei hier liebt es auf die anderen aufzupassen und für sie die Kohlen au dem Feuer zu holen. Sie ist das geborene menschliche Schutzschild. Und wir brauchen bestimmt nicht zwei von ihrer Sorte."

Toji schaute Rei verwundert an und blinzelte. Rei blinzelte zurück. "Ich werde auf Ikari-kun und auf euch beide aufpassen."

Asuka wollte noch eine Bemerkung machen, doch da gingen bereits die Türen des Aufzugs auf, und die Blicke der Kinder richteten sich auf den langen Korridor an dessen Ende Misato gerade einen Kampf auf Leben und Tot austrug...

Na ja, besser gesagt einen Kampf um ein paar Yen, die sie in einen Getränkeautomat geworfen hatte, der sich nun partout weigerte das gewünschte Getränk auszuspucken.
"AHHHHH! Du verdammtes Biest! ARGH! MEIN FUß!"
Leider jedoch stellte sich heraus, dass Damenschuhe nicht geeignet waren, gegen das Metall der Maschine anzukommen.

Die vier Kinder schüttelten den Kopf und zeigten alle einen großen Schweißtropfen auf der Stirn (nur dass man den Tropfen bei Rei nicht sah, weil sie geübter darin war so etwas zu verstecken).

Als sich Misato umdrehte und die Kinder bemerkte, machte ihre Stimmung eine 180-Grad Wende. Sie strahlte über das ganze Gesicht. "Hallo Kinder! Wie ich sehe habt ihr den vierten Piloten bereits kennengelernt."

"Na ja, wenigstens habt ihr nicht Kensuke ausgewählt." meckerte Asuka mit einem Seitenblick auf Toji, der sie jedoch vollkommen ignorierte.

"Asuka, du weißt doch, dass ich keinen Einfluss auf die Wahl der Piloten habe." erwiderte Misato und trat ein letztes Mal vor den Getränkeautomaten, woraufhin die Dose mit der Limonade endlich in die Auffangschale fiel. "Na also. Warum nicht gleich so."

Ein Seufzen machte die Runde.

"Und wie war die Schule heute?" fragte Misato als sie gemeinsam den Korridor hinunter gingen, der zur Testanlage und zu den Umkleideräumen führte.

"Laaaannnngweilig." Asuka seufzte. "Sensei Kaoru hat die ganze Zeit von Universitäten und so geredet. Und da ich ja schon auf einer war, war das für mich natürlich vertane Zeit."

"Du solltest aber auf deinen Sensei hören, Asuka." erwiderte Misato und bemühte sich ihr kleines, vielsagendes Grinsen hinter ihrer Getränkedose zu verstecken. "Er weiß nämlich, wovon er redet."

"Pah." Asuka seufzte. "Ich hab' schon schlauere Lehrer getroffen. Klar, er ist nicht ganz so streng was seinen Unterricht und die Hausaufgaben angeht..."

"...und du starrst ihm unentwegt auf den Hintern." fügte Rei mit unbewegter Miene hinzu.

"Gena..." Der Rotschopf blinzelte. "Halt mal! NEIN VERDAMMT, DAS TU ICH NICHT!"

Misato verschluckte sich und musste husten, woraufhin der Inhalt ihres Mundes auf dem Boden des Korridors landete. "Asuka! Stimmt das etwa!?!"

Toji und Shinji betrachteten die Szene aus sicherer Entfernung und ergötzten sich an dem Schauspiel.

"Nein, ich habe ihm nicht auf den Hintern gestarrt!" verteidigte sich Asuka. "Und was dich betrifft, Wunderkind, so tätest du gut daran zuzugeben, dass du gerade nur einen Scherz gemacht hast." knurrte sie in die Richtung von Rei und krempelte den rechten Arm ihrer Bluse auf.

Rei aber reagierte gar nicht und wandte sich unbeirrt Misato zu. "Und der Major hier ist wütend, weil sie sich sehr für den Sensei interessiert."

Misato holte es fast von den Beinen. "Wa...wi...REI!?! Hör jetzt sofort auf damit!"

Asuka hatte ihre Augen weit aufgerissen, als sie Misato ansah. "Wie bitte? Ich dachte du hättest nur Augen für Kaji-san! Was ist mit..."

"Jetzt mach aber mal halblang!" schrie Misato zurück, wobei sie nicht allein vor Wut rot anlief. "Mit wem ich zusammen bin geht dich gar nichts an, Asuka. Außerdem solltest du dich lieber um dein eigenes...."

Ein Räuspern unterbrach die beiden gerade in dem Augenblick, da Rei begonnen hatte, Gefallen an dem Streitgespräch zu finden. 'Verdammt.' dachte sie bei sich.

Ritsuko seufzte. Sie hatte ihre Arme verschränkt. "Kann man euch Kinder nicht fünf Minuten allein lassen, ohne dass ihr euch streitet?"

Misato und Asuka wurden knallrot und wagten es nicht mehr einander anzusehen.

"Da ich annehme, dass der Major bisher noch keine Gelegenheit hatte, euch mitzuteilen, worum es bei den heutigen Tests geht..." begann Ritsuko, während Misato sich unter den vorwurfsvollen Blicken des Doktors wand. "... werde ich das dann wohl tun müssen. Also, wir werden heute ein paar Verbesserungen an den Systemen testen. Shinji und Asuka, ihr werdet die neuen Entry-Plugs als Erste testen. Es sollte keine Probleme geben und ihr werdet die Veränderungen überhaupt nicht spüren.

"Sofern alles nach Plan funktioniert." ergänzte Misato.

Ritsuko seufzte. "Keine Angst, es WIRD funktionieren." Sie wandte sich Toji zu. "Und was das neue Mitglied des Pilotenteams betrifft, so haben wir Einheit-03 neu angepasst, und sollten daher eine noch bessere Sync-Rate erhalten als beim letzten Mal. Vielleicht wirst du heute schon in der Lage sein, einen Arm zu bewegen, Toji-kun."

"Einen Arm? So früh? Na großartig." Toji rang sich ein gequältes Lächeln ab.

"Nanana, sei nicht so ungeduldig." meinte Asuka und versuchte so weise wie möglich zu klingen. "Wir können ja nicht alle 'unbesiegbare Shinjis' sein, die ohne Training einen EVA steuern können."

Shinji wurde rot. "Asuka!"

"Na ja, ich bin dann im Kontrollraum. Ach und Toji; komm nicht auf die Idee den Mädchen beim umziehen zusehen zu wollen. Asuka kann nämlich ziemlich hart zutreten." meinte Ritsuko und grinste als sie sich zum Gehen wandte. "Was ist los, Major,- kommst du mit?"

Misato seufzte. "Hai hai. Bin direkt hinter dir." Sie beeilte sich ihre Freundin einzuholen, die bereits einige Schritte Vorsprung hatte.

Als sie außerhalb der Hörweite der Kinder waren, wandte sich Ritsuko mit einem Mal dem Major zu. Sie grinste immer noch, "Also was war das mit dem Sensei?"

"Ich schwör dir... dieses Kind macht mich noch wahnsinnig..." Misato seufzte. "Immer wenn ich mal 'nen attraktiven Mann finde, ist sie da und klammert sich an ihn, bis er mich sitzen lässt."

"Ach komm, SO schlimm kann es doch nicht sein." Ritsuko lächelte. "Abgesehen davon bist du doch gerade ein Mal mit Kaoru ausgegangen. Wie kann sie sich denn dann schon an ihn klammern?"

"Oh du kennst Asuka nicht." Misato stöhnte.

"Na ja, vielleicht hast du Glück, und sie klammert sich mal eine Weile an Shinji." Ritsuko lächelte.

"Sehr witzig." grummelte Misato.

* * *


In der trügerischen Stille der Zugangskapsel fand Shinji Zeit über alles mögliche nachzudenken. Unendlich lange Stunden, die er meist mit beruhigenden, sich ständig wiederholenden Gedankengängen verbrachte... Unter anderem so Gedanken wie; ob es richtig war einen EVA zu steuern, und dass er nicht weglaufen durfte... Dass er vergessen musste, dass alles nach Blut roch... Und dass es besser wäre den Schmerz, den die Welt von EVA brachte, einfach zu ignorieren, und statt dessen beruhigenden Gedanken nachzuhängen...

Doch an diesem Tag lag die Sache anders. Ein Wirbelsturm tobte in seinem Kopf und seine Gedanken überschlugen sich.

Hin und wieder würde Ritsukos Stimme ihn aus seinen Gedanken holen, und ihm befehlen, sich auf seine Aufgabe als EVA-Pilot zu konzentrieren,- doch so sehr er sich auch bemühte ihren Weisungen Folge zu leisten,- er bekam seinen Kopf einfach nicht frei... Diese eine Sache wollte ihn einfach nicht loslassen...

Die Tafel und das Stück Kreide.

Die Eisenbahngleise. Die Tatsache, dass er früher oder später auf diesen Schienen reisen würde... Er würde diesen Ort und die Welt von EVA verlassen... und somit all den Schmerz hinter sich lassen...

Es war unwichtig wohin ihn sein Weg führen würde. Wichtig war allein, dass er frei war... Endlich frei...

Freiheit. Ungebunden sein. Es gab eine Zeit, da hätte allein der Gedanke daran Shinji Ikari Angst eingejagt. Eine Zeit, als Freiheit für ihn gleichbedeutend war mit allein sein,- einsam sein, und noch mehr Schmerz. Eine Zeit in der sich etwas, das er zunächst als Wohltat empfunden hatte,... im Endeffekt als Qual entpuppte.

Doch das hatte sich geändert!

Inzwischen bedeutete Freiheit für ihn den Beginn seiner Zukunft. Nie zuvor hatte er Gedanken an seine Zukunft verschwendet. Er war immer der Auffassung gewesen, dass er keine Zukunft verdiene... Dass er keine Zukunft bräuchte, weil die Zukunft ihm ohnehin nur einen weiteren Tag in seiner Existenz brächte... Einen weiteren Tag mit noch mehr Schmerz und noch mehr Leid....

Doch jetzt... Studieren... Das hörte sich doch toll an. Musik vielleicht,- immerhin hatten die Leute bei dem Schulkonzert doch Gefallen an seiner Darbietung gefunden... Und wa seinen Vater betraf... da kam es ihm mehr denn je vor als wäre eine Lösung in Sicht... die Gelegenheit sich ein für alle Mal von seinem Vater loszusagen schien nur eine Handbreit entfernt... vorausgesetzt sein Vater würde ihn gehen lassen.
Und was Liebe und Zuneigung betraf... etwas, wonach er sich immer gesehnt hatte... Er hatte seine Liebe gefunden... Ja, selbst wenn seine Beziehung zu Asuka noch in den Kinderschuhen steckte, so war er sich doch sicher, dass es eine, von beiden Seiten, ehrlich empfundene, aufrichtige Liebe war. Asuka war direkt heraus und ehrlich genug ihm ins Gesicht zu sagen, wenn sie ihn nicht mochte. Nein, sie würde ihm niemals etwas vorgaukeln und nur so tun als ob...

Zum ersten Mal in seinem Leben... hatte er etwas, für das es sich zu Leben lohnte... Selbst wenn es nicht mehr als ein Weg war... Ein Weg, der ihn irgendwo hin führen würde... an einen anderen Ort... einen unbekannten Ort... aber nichtsdestotrotz einen Ort, an dem er jetzt viel lieber wäre...

Außerdem hatten sie doch jetzt einen neuen Evangelion und einen neuen Piloten, und damit läge die ganze Last nicht mehr länger allein auf Asukas und Reis Schultern. Toji war ein guter Mann. Stark und verlässlich,- jemand mit dem man Pferde stehlen konnte. Der geborene Kämpfer. Und auch wenn es im Moment vielleicht nicht danach aussah, so wäre er sicherlich auch der geborene EVA-Pilot.

"Shinji-kun." Misatos Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. "Hast du irgendwas? Deine Sync-Rate ist heute gute zehn Punkte niedriger als normal."

"Ich bin nur etwas müde, Misato-san." antwortete Shinji. "Ich will versuchen mich noch etwas mehr anzustrengen."

"Ist nicht nötig. Wir machen Schluss für heute." sagte Misato. "Wir machen morgen früh an der gleichen Stelle weiter. Seht zu, dass ihr heute Nacht eine gute Mütze voll Schlaf bekommt. Ritsuko sagt, dass sie ohnehin noch die ein oder andere Einstellung an den neuen Systemen vornehmen will."

"Hai." kam die einstimmige Antwort der Kinder.

Shinji entspannte sich während die Verbindung zum EVA getrennt wurde, und seine Gedanken nunmehr nur noch ihm selbst gehörten.

* * *


"Du stehst heut' ein bisschen neben dir, Ikari." meinte Toji und gähnte, während er die Jacke seines Trainingsanzuges richtete. "Hat Asuka dir heute morgen mal wieder zu kräftig auf den Kopf geschlagen oder was?"

Shinji starrte auf seinen Schuh. Seit Sekunden umklammerten seine Finger bereits bewegungslos seine Schnürsenkel. "Äh.. Was hast du gesagt?"

"Hör zu... wenn es um mich geht..." begann Toji und seufzte. "Du kennst meine Gründe und weißt, warum ich es tue! Egal was du tust oder sagst, du wirst mich nicht davon abbringen."

Ein Lächeln huschte über Shinjis Gesicht... eine Reaktion, die sein Gegenüber nicht erwartet hatte. "Nein... nein, das ist es nicht, Toji. Ich bin froh, dass ich endlich jemanden hab, mit dem ich mich in der Umkleide unterhalten kann."

Toji grinste. "Ja kann ich mir vorstellen. Muss ein merkwürdiges Gefühl gewesen sein. Der einzige Mann unter den Eva-Piloten." er kicherte. "Obwohl ich mir vorstellen kann, dass so manch einer der Jungs aus unserer Klasse glatt 'nen Mord begehen würde um unsere Jobs zu bekommen."

"Weißt du, zuerst haben Rei und ich... na ja, wir haben uns eine Umkleide geteilt." erklärte Shinji ein wenig verlegen. "Sie hatten den Raum durch einen Vorhang abgeteilt, und es war ganz nett ein paar Worte mit ihr wechseln zu können, bevor wir in die EVAs steigen mussten." Er schaute auf. "Aber dann, als Asuka dazu kam, hat sie sofort getrennte Umkleiden gefordert, tja und von da an hatte ich einen Umkleideraum ganz für mich allein."

Toji strich sein Haar ein wenig zurecht und sah in den Spiegel um zu sehen, ob er irgendetwas vergessen hatte. "Für den Fall, dass es dir hilft... Ich glaube ich verstehe dich jetzt viel besser."

Shinji blinzelte verwundert. "So?"

"Ja, ich glaube ich weiß jetzt, wie hart es für dich gewesen sein muss." erklärte Toji mit einem Seufzen. "Ich meine... Du musstest direkt ins kalte Wasser springen, und in den Kampf ziehen kaum dass du in den EVA geklettert warst. Und ich?... Ich krieg' ja schon fast Panik, nur wenn ich in diesen verdammten Pilotensitz steigen muss." gab er zu. "Ehrlich, Shinji... Ich weiß nicht, wie du das damals angestellt hast..."

"Das...das war nichts besonderes...Ich hab... Ich weiß nicht, ich war wohl kurz weggetreten... oder so..." meinte Shinji. "Ich denke ich hatte einfach nur Glück."

"Das glaub' ich dir keine Sekunde lang." erwiderte Toji ein wenig gereizt. "Ich habe dich kämpfen gesehen,- glaub mir, du bist weitaus stärker und besser als du denkst. Du weißt nicht, was in dir steckt. Du denkst immer, dass du es nicht schaffen wirst, aber das stimmt nicht." erklärte er und seufzte. Dann aber umspielte plötzlich ein Schmunzeln seine Gesichtszüge. "Und jetzt sieh mich an. In einer Woche haben die mit mir mehr Tests und Trainingsprogramme durchgezogen, als mit dir in all den Monaten." er ging an Shinji vorbei und klopfte ihm anerkennend auf die Schulter "Du bist der geborene EVA-Pilot, Shinji. Finde dich damit ab."

Shinji blinzelte nur. Er wusste nicht was er sagen sollte.

"Ich habe vorhin gesagt, dass ich versuchen werde auf dich aufzupassen... dir den Rücken frei zu halten... da zu sein, wenn was passiert..." Toji begann zu lächeln. "Die Wahrheit ist aber, Shinji, dass ich wahrscheinlich bereits genug damit zu tun haben werde, auch nur annähernd ein derart guter Pilot zu sein, wie du es bist. "

"A...arigato, Toji-san..." erwiderte Shinji und gab sich alle Mühe nicht zu verlegen zu klingen. Es war seltsam; so sehr er das Steuern eines EVA auch hasste,- so sehr hatten ihn Tojis lobende Worte auch mit Stolz erfüllt. Stolz auf sein Können, seine Position, seine Aufgabe,- selbst wenn er das Alles eigentlich verachtete.

Toji nickte und zeigte auf Shinjis Schuhe. "Beeil dich... Dann kannst du mitkommen und meine Schwester besuchen, wenn du willst." Er lächelte. "Sie ist auf der Krankenstation hier im Hauptquartier. Nur ein paar Stockwerke über uns."

Shinji strahlte. "Wirklich? Und das würde dir nichts ausmachen?"

"Nicht, wenn du dich beeilst, Lahmarsch." meinte Toji. "Ich warte draußen auf dich, okay?"

"Hai!" Shinji nickte und beeilte sich fertig zu werden.

* * *


Ein wenig kraftvoller als gewöhnlich legte Ritsuko den Stapel Aktenordner auf den Schreibtisch von Kommandant Ikari und hoffte ihn so aus seinem scheinbar nie enden wollenden Schweigen aufschrecken zu können. Doch wie es schien war der alte Mann nicht gewillt irgend jemandem diese Genugtuung zu geben, und so sah er sie lediglich mit gewohnt durchdringen Augen an. "Bericht." sagte er knapp, so als hätte er sie geradezu in sein Büro zitiert.

"Das 'Fourth Children' gewöhnt sich schnell ein." sagte Ritsuko, und legte eine kleine Pause ein bis Gendo die Ergebnisse des Snyc-Tests überflogen hatte. "Beim nächsten Angriff eines Engels sollte er in der Lage sein mit den anderen auszurücken."

"Und das Dummy-System?"

Ritsuko nickte. "Keine Probleme bei der Installation. Die Chancen stehen gut, dass es wie erwartet funktionieren wird."

Der Kommandant sah sie an und ein kleines Lächeln umspielte seine Lippen. "Die Chancen stehen gut, Doktor? Haben Sie die heutigen Testergebnisse nicht von den MAGI-Computern auswerten lassen?"

Ritsuko seufzte und zeigte auf Shinjis Testergebnisse. "Die Sync-Rate des 'Third Children' war heute etwas geringer als gewöhnlich. Es könnte an der neuen Zugangskapsel liegen. Ich habe für morgen früh einen weiteren Test angesetzt, bevor wir mit den Aktivierungstests beginnen."

Die Unterhaltung schien Gendo langsam aber sicher lästig zu werden. "Es wird von Vorteil sein, wenn wir uns nicht mehr länger auf die Children verlassen müssen." sagte er. "Wir haben keine Zeit uns mit Kinderkram zu beschäftigen."

Ritsuko fragte sich einen Augenblick lang, ob Gendo damit vielleicht ausdrücken wollte, dass er glücklich darüber war, Shinji nicht mehr länger in Gefahr bringen zu müssen.

Wahrscheinlich eher nicht.

"Führen Sie die morgigen Aktivierungstests mit Einheit-01 und Einheit-03 durch." sagte Gendo schließlich. "Benutzen Sie dazu Testgelände Drei."

Ritsuko blinzelte. "Drei?...Aber Testgelände Drei liegt doch in der Geofront!"

"Das ist korrekt. Wir werden die Simulationen überspringen und direkt mit den Tests unter realen Bedingungen beginnen. Wir wissen doch beide genau, dass das Dummy-Plug-System eine Simulation auch als solche erkennt und dementsprechend handelt. Wir müssen herausfinden welches Potential in dem Dummy-System steckt."

"Hai." Ritsuko nickte und wandte sich zum Gehen.

"Doktor."

Sie seufzte innerlich. Sie erkannte den Klang in seiner Stimme, und wusste um die Frage, die sich anschließen würde. "Nicht heute Nacht, Gendo. Ich habe noch Vorbereitungen für den morgigen Test zu treffen."

Ein lange Pause setzte ein. Doch dann...

"Nun gut, Sie können gehen."

Ritsuko schloss die Tür und verfluchte sich dafür, dass sie beinahe 'Ja' gesagt hätte. Doch als sie langsam den Korridor entlang ging, und sich daran erinnerte, dass ein Appartement voller hungriger Katzen auf sie wartete, bekam sein Angebot mit einem Mal einen gewissen Reiz. Misato... hatte die ein Glück! Sie hatte wenigstens die Aussicht auf eine romantische Nacht in den Armen ihres neuen Geliebten. Und was winkte ihr? Ein "Hast du Zeit?" und eine schnelle Nummer auf seinem Bürostuhl.

"Zur Hölle mit dir Misato..." fluchte sie leise vor sich hin und seufzte. Vielleicht hatte Maya ja Zeit und Lust sich ein paar 'gehaltvolle' Filme anzusehen. Wenigstens hätte sie so ein wenig Gesellschaft.

Copyright of the Charakter by GAINAX / Text by Strike Fiss, 1999
Translated by Melissa Schneider / Edited by Christian Winkler and Markus Ehreke