Nur wenige Dinge im Leben waren so niedlich...
Regenbögen, zum Beispiel, sind wunderschön. Neugeborene Babies sind anbetungswürdig... und Tierwelpen und Stofftiere werden gelegentlich als süß bezeichnet.
Doch nichts von alledem reichte an Mari Suzuhara in ihrem wundervollen, gelb und rosa geblümten Nachthemd heran. Nur wenige Wochen von ihrem zehnten Geburtstag entfernt, war diese
Mädchen einfach unbeschreiblich niedlich, und stellte alles bisher dagewesene in den Schatten.
Und die Tatsache, dass sie Toji im Moment im Schwitzkasten hatte macht sie nur noch anbetungswürdiger... hätte man es nicht besser gewusst, hätte man glatt denken
können sie wäre eine Miniausgabe von Asuka.
Shinji musste sich gehörig zusammenreißen um nicht in lautes Gelächter auszubrechen, als er sah wie das kleine Mädchen Toji am Hemdkragen gepackt hatte und mit ihm
schimpfte, so als ob sie seine Mutter wäre. "Habe ich dir nicht gesagt, dass ihr beiden Freunde werdet!" Sie seufzte und wandte sich Shinji zu. "Früher, wenn er herkam, war er
immer wütend auf dich und knurrte wie großer böser Wolf."
"So?" fragte Shinji höflich, während er immer noch schmunzeln musste. Toji machte wirklich eine merkwürdige Figur; ein großer stämmiger, junger Mann mit einem
kleinen Energiebündel am Hals... Außerdem war es wirklich interessant zu sehen, welche Farbe ein Gesicht annehmen konnte wenn der Blutfluss durch den Hals nur lange genug
unterbunden wurde. Dann aber ließ Mari endlich los und Toji konnte sichtlich aufatmen.
"Na ja, er hat immer gedacht, dass es allein deine Schuld war, dass das Gebäude eingestürzt ist." erklärte das Mädchen mit einer Stimme die irgendwo zwischen
unbeschreiblich weise und kindlich-unschuldig lag,- was sie, nebenbei bemerkt, nur noch anbetungswürdiger machte. "Er hat immer gesagt, dass er es dir heimzahlen würde, dabei
ging es mir doch schon viel besser, und er hat sich wegen nichts und wieder nichts aufgeregt!" Sie schmollte und warf dem ohnehin schon knallroten Toji einen bösen Blick zu.
"Ich bin sicher, dass er es nur getan hat, weil er sich Sorgen um dich macht, Mari-chan." Shinji lächelte sie an.
"Schon, aber ich hab gehört, dass er dich deshalb sogar verhauen hat." Mari runzelte die Stirn und sah ihren Bruder vorwurfsvoll an. Toji wand sich unter ihren Blicken. "Und da habe
ich ihm gesagt, dass er sich sofort bei dir entschuldigen soll,- und dass ihr euch vertragen müsst. Und siehst du, ich hatte recht." Sie strahlte vor Glück. "Jetzt weiß
er, dass er niemals Leute verhauen darf, weil sie später einmal seine besten Freunde werden könnten."
"Warum ich?" Toji seufzte und ließ seinen Kopf hängen.
"Weil du böse warst!" antworte Mari mit einem 'Hmmpf' am Ende des Satzes. "Shinji-san, weißt du, was er getan hat?"
"Nein, was hat er denn getan?" fragte Shinji.
"Er hat gesagt, dass er freiwillig in einen dieser großen Roboter klettern würde, nur damit ich eins von diesen blöden Nachthemden mit Blumen bekommen würde anstatt
der weißen!" Mari verschränkte ihre Arme und warf ihrem Bruder einen wütenden Blick zu.
"Aber, Mari-chan. Es geht dir doch schon viel besser seit du hier bist." meinte Shinji und versuchte seinem Freund beizustehen. "In dem anderen Krankenhaus wärst du bestimmt nicht
so schnell wieder auf den Beinen gewesen. Was dein Bruder gemacht hat, war sehr nobel. Er hat es getan, damit du viel schneller gesund wirst und nicht so lange im Krankenhaus liegen
musst."
Toji lächelte, obwohl er vor Verlegenheit immer noch knallrot war.
Mari seufzte. Sie hatte keine Lust sich noch länger zu streiten. "Shinji-san! Willst mal sehen, was für einen tollen Computer sie mir geschenkt haben?"
Die beiden Jungen staunten nicht schlecht als sie sahen wie Mari vom Bett herunter hüpfte und so schnell sie nur konnte in den Nebenraum lief. "Es geht ihr schon sehr viel besser.
Ihre Beine sind viel kräftiger geworden. Na ja, obwohl ich es besser fände, wenn sie vielleicht noch ein paar Tage im Bett bleiben würde." Toji seufzte. Man sah ihm die
Sorge um seine Schwester deutlich an.
"Wir müssen uns bei Ritsuko bedanken, dass sie es ermöglicht hat, dass deine Schwester so schnell wieder auf die Beine gekommen ist." Shinji schmunzelte. "Ich erinnere mich,
dass du mir vor kurzem noch erzählt hast, dass sie nicht einmal alleine stehen kann."
Toji lächelte zufrieden und nickte, während sich seine Gesichtsfarbe langsam wieder normalisierte. "Ich bin froh, dass du mich jetzt verstehst." Er seufzte, während au
dem Nebenraum das Klappern von Spielsachen zu hören war. "Ich meine, in dem anderen Krankenhaus wär' sie sicher auch gesund geworden... aber es ist verdammt schwer seine
Schwester ein halbes Jahr lang unbeweglich an das Bett gefesselt zu sehen. Ich wollte nicht, dass noch ein ganzes Jahr vergeht, bis es ihr endlich wieder besser geht."
Shinji nickte und lachte, als er sah, wie Mari einen beeindruckend aussehenden Kinder-Computer herein schleppte. Vorsichtig ließ sie ihn auf das Bett fallen und schaltete ihn ein.
"Mein Gott, das ist aber ein tolles Spielzeug!"
"Er hat ein supertolles Malprogramm." Mari lachte bis über beide Ohren. Es machte ihr unglaublichen Spaß endlich wieder im Mittelpunkt zu stehen. "Und da sind sogar
Zeichentrickfilme drauf!"
Die beiden Jungen schmunzelten zufrieden und beobachteten das kleine Mädchen, wie es glücklich lächelnd mit seinem neuen Computer spielte.
"Ich weiß..." meinte Toji schließlich zu seinem Freund, und senkte die Stimme, damit Mari es nicht hören würde. "... ich weiß, dass du es hasst ein EVA-Pilot
zu sein."
Shinji nickte und seufzte leise.
"Aber glaube mir, sobald du einen Grund findest, der es wert ist, es doch zu tun..." begann Toji und legte seine Hand auf Shinjis Schulter. "... dann wiegt dieser Grund,- egal wie nobel
oder kindisch er auch sein mag,- er wiegt all den Schmerz und das Leid auf..."
"Und dein Grund ist deine Schwester, nicht? Sie bedeutet dir sehr viel." meinte Shinji viel mehr an sich selbst, als an Toji gerichtet.
Toji nickte und seufzte während er beobachtete, wie seine Schwester eine Katze auf den Bildschirm ihres neuen Spielzeuges zauberte. "Wenn ich wüsste, dass morgen eines dieser
Monster angreifen würde, und ich dabei ums Leben kommen würde... dann würde ich ohne zu zögern da raus gehen und mich in den Kampf stürzen,- Hauptsache ich
weiß, dass Mari-chan in Sicherheit ist, und dass es ihr gut geht."
Und mit diesen Worten ließen die beiden Piloten die Unterhaltung auf sich beruhen, und halfen Mari statt dessen ein Haus zu zeichnen, vor dass sie später die Katze setzen
konnte.
Als schließlich auch noch eine strahlend gelbe Sonne das Bild komplettierte, durchzuckte Shinji ein Gedanke...
Er fragte sich, wie das Bild wohl aussähe, wenn vor dem Haus ein paar Eisenbahngleise vorbei laufen würden...
* * *
Es war schon beinahe Mitternacht als Asuka das vertraute "Tadaima" aus Shinjis Mund hörte, gefolgt von dem Geräusch der sich schließenden Wohnungstür. Sie sah von
ihrer Zeitschrift auf, die sie ohnehin nicht wirklich las, und schenkte ihm ein warmherziges Lächeln.
"Hey, Shinji." sagte sie "Wie geht es Tojis Schwester?"
"Schon sehr viel besser." Shinji schmunzelte und ging auf ein Glas Milch in die Küche. "Irgendwas Interessantes passiert, während ich weg war?"
"Nö. Misato hat 'ne Verabredung und ist ausgegangen... wieder mal..." Asuka seufzte als sie sich auf den Rücken rollte und die aufgeschlagene Zeitung auf ihr Gesicht fallen
ließ. "Pen-Pen schläft und Hikari hat jede Menge Hausaufgaben."
"Und morgen früh haben wir schon wieder 'nen Sync Test." Shinji trank seine Milch aus und musste gähnen, was ihn einmal mehr daran erinnerte wie müde er war. "Ich glaube
ich geh jetzt zu Bett."
Asuka seufzte. Ihr war zwar nicht nach schlafen zu Mute, aber angesichts der Alternativen, schien es das Beste zu sein. "Ja, ich auch."
Asuka erschrak ein wenig, als Shinji ihr unvermittelt die Zeitschrift vom Gesicht nahm, und sich schließlich zu ihr hinunter beugte, um ihr einen sanften Gute-Nacht-Kuss auf den
Mund zu geben.
Nachdem ihre Lippen sich getrennt hatten, und Shinji schon wieder ein Stück weit von ihrem Gesicht entfernt war, wurde er rot. "Äh... uh... Gute Nacht..."
Asuka blinzelte. Sie war immer noch ein wenig überrascht von der zärtlichen Geste. "...Danke, Shinji-kun..."
Es war zu gut um wahr zu sein. Allein, in diesem ruhigen, leeren Haus, hatten diese beiden Kinder einen Moment der Zuneigung genossen, der so selbstverständlich war, dass es genauso
gut jedes andere Pärchen auf der Welt hätte sein können. Und sah man davon ab, dass sie gerade einmal sechzehn waren, dann hatten sie fast wie ein Ehepaar ausgesehen, da
sich jede Nacht vor dem Einschlafen einen Kuss gibt. Es sah so gefühlvoll aus, so vertraut, so einfach... zu einfach...
"Äh.. , Shinji-kun " flüsterte Asuka als sie bemerkte, dass Shinji immer noch neben ihr kniete und sie ansah. "Hast du was?"
Shinji nickte bedächtig. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. "Asuka... Ich... Ich habe nur gerade über etwas nachdenken müssen...."
Sie wusste zwar nicht warum, aber diese Bemerkung beunruhigte Asuka ein wenig. "So?"
Er schien das Unbehagen in ihrer Stimme zu bemerken, und zuckte zurück. "Ähmm... ja." Er seufzte und schüttelte den Kopf. "Ich werde es dir später erzählen,
okay?"
Asuka hasste zwar Geheimniskrämerei und war begierig darauf anderer Leute Gedanken zu erfahren, aber an diesem Abend nickte sie einfach nur. "Okay, Shinji-kun... wie du meinst."
Shinji nickte ebenfalls und stand dann auf. "Gute Nacht, Asuka-chan."
"Gute Nacht, Shinji." Sie schenkte ihm ein bezauberndes Lächeln und beobachtete, wie er sich auf den Weg zu seinem Zimmer machte. Und kaum dass er verschwunden war, flüsterte
sie ganz leise... "Und träum' was Schönes."
* * *
"Bist du denn gar nicht beunruhigt?" Kaorus Stimme klang schlaftrunken, während sein Blick, an Misatos Haar vorbei, starr auf die Zimmerdecke gerichtet war.
"Mmm?" summte Misato in sein Ohr, während sie sich noch ein wenig enger an seinen unbekleideten Körper schmiegte. "Wegen was? "
"Na ja... wegen der Kinder." antwortete er und seufzte. "Sie sind nicht dumm. Die bemerken sicher was zwischen uns läuft... wenn sie es nicht schon längst wissen."
Misato schmunzelte "Soll ich dir mal was sagen? Das juckt mich überhaupt nicht." sagte sie und stützte sich auf ihre Ellenbogen, damit sie in sein Gesicht sehen konnte. "Ich
spiel' mich nicht als ihre Mutter auf, und sie tun nicht so, als wären sie meine Kinder. Ich brauche sie nicht um Erlaubnis zu fragen, wenn ich mit ihrem Lehrer ausgehen will. Und
was mein Sex-Leben betrifft, da sollen sie gefälligst ihre Nasen heraus halten." Sie zwinkerte ihm zu. "Ansprache beendet, und jetzt will ich kein Wort mehr darüber
hören."
Kaoru seufzte. Misato hatte zwar recht, aber irgendwie war ihm doch nicht so ganz wohl dabei.
"Warum fragst du?" Misato ließ sich wieder auf seinen Körper sinken und schmiegte ihr Gesicht an seine Schulter.
"Ich denke mir geht einfach nur zu viel im Kopf herum." er schmunzelte. "Gomen. Muss daran liegen, dass ich müde bin."
"Mmm. Dann sei ruhig und lass uns schlafen." Sie presste ihre Lippen gegen seinen Nacken. "Ich muss morgen früh raus."
"Mmm, noch mehr von diesem unheimlichen NERV-Zeugs, was?" Kaoru lächelte und tippte ihr mit seiner freien Hand auf die Nase.
"Wenn ich es dir erzähle, darf ich dich dann nachher nach Wanzen durchsuchen?" Misato grinste.
"Wenn das bedeutet, dass du jetzt gleich ein paar Gummihandschuhe rausholst, dann will ich es gar nicht wissen!" meinte Kaoru mit einem vorsichtigen Grinsen.
"Verdammt." Misato küsste ihn. "Ausgerechnet heute habe ich die Gummihandschuhe zu Hause gelassen." Sie gähnte und ließ sich neben ihm in die Kissen fallen. "Eigentlich
ist es gar nichts so Geheimes. Wir haben morgen früh einen Test. Wenn du willst, kann ich versuchen einen Besucherausweis für dich zu bekommen. Du könntest von einer der
Beobachtungsplattformen in der Geofront aus zuschauen."
"Nicht dass du nachher wegen mir Ärger bekommst..." warf Kaoru ein.
"Nein, ist kein Problem. Die Plattformen sind so weit weg, dass du gerade mal die EVAs sehen kannst. Auf die Entfernung ist es völlig unmöglich geheime Details zu sehen."
erwiderte Misato müde. "Aber trotzdem, die EVAs sind schon ein toller Anblick."
"Ich weiß." flüsterte Kaoru leise, während Major Katsuragi neben ihm langsam einschlief.
Überdrüssig der vom Mondlicht beschienenen Muster an der Decke, schlief auch der Sensei Momente später ein.
* * *
Die vier EVA-Piloten seufzten, als die massiven Stahlplattformen mit den EVAs darauf, den Aufstieg zur 'Oberfläche' der Geofront begannen. Wobei 'Oberfläche' hier nicht ganz
der richtige Begriff war. Es war vielmehr derjenige Teil des Bodens dieser Höhle, den NERV hatte frei räumen können. Eine riesige, geheimnisvolle Höhle, die im
Urzustand mit Dreck, Schutt und Geröll gefüllt gewesen war, und bei deren Anblick sich Shinji immer wieder fragte, woher man überhaupt von ihrer Existenz wusste.
Asuka meinte ja, dass sie wahrscheinlich nach Öl oder sonstwas gebohrt hatten, und dabei auf einen riesigen unterirdische Hohlraum gestoßen waren, der sich später al
diese Höhle herausstellen sollte. Doch Shinji war sich da nicht so sicher. Alles was mit NERV zu tun hatte, schien von langer Hand geplant, und wohl durchdacht zu sein.- Angesicht
dessen fiel es schwer an solch einen Zufall zu glauben.
Doch woher auch immer diese riesige Kammer stammte, es war der Mensch mit seiner Technologie gewesen, der diese seltsame Welt unterhalb der Erdoberfläche geschaffen hatte.
Drei oder vier der Wolkenkratzer von Tokio-3 waren immer noch eingefahren; Wahrscheinlich lag es an Reparaturarbeiten, dass sie weiterhin in der 'Sicherheitsposition' verharren mussten,
die sie auch bei den Angriffen der Engel einnahmen. Wie Stalagtiten in einer Tropfsteinhöhle hingen sie von oben in die Geofront herab, während die schillernde,
halbkugelförmige Höhlendecke fast schon den Eindruck eines blauen Himmels erweckte. Ein blauer Himmel über dem Boden der Geofront, mit Wolken aus eingefahrenen
Gebäuden.
Als sich die Türen der EVA-Aufzüge öffneten, fühlten die Kinder den leichten Windzug der frischen Luft, die um sie herum wehte.- Eine willkommene Abwechslung zu der
schalen, wiederaufbereiteten Luft in den Gängen des NERV-Haupt-quartiers. Natürlich besaß auch die Geofront ein in sich geschlossenes Belüftungssystem, aber wie e
schien hatte man hier wenigstens einen etwas schnelleren Luftaustausch vorgesehen.
Natürlich war Frischluft im Moment nicht so wichtig, da die Lungen der Kinder ohnehin mit LCL gefüllt waren, und der Windzug, den sie zu spüren glaubten, allein daher
rührte, dass die Sensoren an der Panzerung des EVAs eine Windströmung wahrnahmen. Dennoch lächelte Shinji. Und das nicht zuletzt weil Eva Einheit-03 neben ihm stand. Toji
war in der Lage gewesen eine Sync-Rate zu erreichen, die es ihm ermöglichte, den EVA ohne Hilfe von außen zu bewegen.
"Und wie sieht es aus, Toji-kun?" Misatos lächelndes Gesicht erschien auf einem kleinen Bildschirm im Inneren einer jeder der vier Zugangskapseln.
"Nicht schlecht. Aber es riecht immer noch wie im Umkleideraum." seufzte Toji.
Obwohl seine Stimme ein wenig unbehaglich geklungen hatte, musste Shinji doch eingestehen, dass sein Freund entspannt und gelassen schien,- weitaus gelassener als er es bei seinen ersten
'Gehversuchen' mit dem EVA gewesen war.
"Mach dir keine Sorgen. Du wirst dich daran gewöhnen, Toji-san." meinte Shinji und sah auf dem Livebild aus Tojis Zugangskapsel wie dieser lächelte und nickte.
"Mach dir mal keine Sorgen um mich, Shinji. Das bisschen Gestank wird mich nicht davon abhalten dir und deinem EVA tüchtig in den Hintern zu treten." Toji grinste und das Funkeln in
seinen Augen zeigte einmal mehr, wie gern er sich im Wettkampf maß... - Ein Kampfgeist, der sich in keiner Weise in der flachen Fratze von EVA-03 widerspiegelte.
Shinji lächelte nur. "Das wollen wir ja mal sehen."
"Okay, Kinder." Ritsukos Stimme unterbrach die Sticheleien der beiden. "Wir haben an Einheit-03 die gleichen Modifikationen vorgenommen wie an den Einheiten-01 und -02. Rei steht mit
Einheit-00 bereit um einzugreifen, falls etwas schief läuft, oder einer von euch aus der Reihe tanzt,- also benehmt euch..."
"Und was sollen wir jetzt machen?" fragte Asuka, während ihr roter EVA einen Schritt nach vorn machte.
"Ganz einfach." Ritsuko schmunzelte vor sich hin. "Ihr werdet jetzt alle ein paar Runden durch die Geofront laufen."
Die vier Kinder blinzelten.
Es war nunmehr Misato, die zu hören war. "Das wird Toji helfen ein Gefühl für die Geschwindigkeit und die Beweglichkeit seines EVAs zu bekommen. Und euch anderen gibt e
die Möglichkeit mal zu beweisen, wer von euch der Schnellste ist." Sie kicherte. "Beim Angriff des zehnten Engels hat Shinji ja bewiesen, dass er mit Einheit-01 der Schnellste ist.
Jetzt ist deine Chance gekommen, ihm zu zeigen wie schnell du bist, Asuka."
Wenn Shinji nicht damit gerechnet hätte, dann hätte er glatt das hinterhältige Grinsen von Einheit-02 übersehen.
"Verstanden, Misato. Ich werde dich nicht enttäuschen." sagte Asuka.
Ritsuko nickte. "Und denkt daran: Es könnten unvorhergesehene Dinge eintreten,- also seid auf alles gefasst. Immerhin testen wir die neuen Zugangskapseln..." Sie schmunzelte "...und
da könnten so kleine Überraschungen auf euch warten."
Ein solcher Satz machte sogar Rei nervös.
"Hai." kam die einstimmige Antwort der Piloten.
* * *
Misato seufzte und wandte sich ihrer Freundin zu. "Du solltest ihnen wirklich nicht noch zusätzlich Angst machen."
"Wer sagt denn, dass ich ihnen Angst mache?" Ritsuko hatte ein unschuldiges Lächeln aufgesetzt. "Ich habe sie doch nur warnen wollen."
Ein paar Meter über ihnen huschte ein Lächeln über das Gesicht von Kommandant Ikari. Als Fuyutsuki die Regung auf den sonst wie versteinert wirkenden Gesichtszügen
seines Vorgesetzten bemerkte, wich er instinktiv ein paar Schritte zurück.
Misato beobachtete die Szene und hob verwundert eine Augenbraue. Schließlich aber seufzte sie nur und wandte sich wieder dem Hauptschirm zu. "Evangelions! START FREI!"
* * *
Die vier gigantischen Maschinen standen in einer Art 'Startaufstellung' am Rande der Geofront. Ihre Versorgungskabel hingen von einem sehr hohen, zentral gelegenen Mast herab, so dass ihr
Aktionsradius die gesamte Geofront umfasste.
Als das Startkommando des Majors ertönte rannten die vier EVAs mit einem Schlag los. Der Boden erzitterte und ein Knall schallte durch die Geofront, so als ob man vier riesige
Kanonen gleichzeitig abgefeuert hätte.
Toji hielt sich sehr gut und hatte nur bei den ersten Schritten ein wenig Mühe gehabt seinen EVA aufrecht zu halten. Es war lustig gewesen, zu sehen wie er mit den riesigen Armen
von Einheit-03 ruderte um die Balance zu halten. Mittlerweile aber hatte sich sein Laufstil dem der anderen EVAs angepasst und er reihte sich am Ende des Feldes hinter Rei ein.
Shinji lächelte und öffnete eine Com-Verbindung zu Tojis EVA "Hey, Toji! Du machst das wirklich nicht schlecht!"
"Ruhe Ikari! Das ist schwieriger als es aussieht!" antwortete Toji mit einem Ausdruck von Anspannung auf seinem Gesicht, der genau verriet, wie sehr er sich auf das Laufen konzentrierte.
"Normalerweise muss ich nämlich keinen Evangelion mit mir herumschleppen, wenn ich laufe!"
"HA!" fiel Asuka mit ihrer üblichen, hochnäsigen Art ein. "Wenn du jemals so eine hohe Sync-Rate erreichen solltest wie ich sie habe, dann wirst du erkennen, welch wundervolle,
grazile Maschine ein Evangelion ist! Es liegt einzig und allein an deiner Doofheit, dass du nicht mit deinem EVA klarkommst und der Letzte bist!"
Toji grinste. "Und du bist nur in Führung, weil du schon vor dem Start ein paar Schritte vor uns warst! Du Betüger!"
Asuka schnappte nach Luft. "NANI!"
"Das 'Fourth Children' hat recht. Du hast drei Schritte nach vorn gemacht, noch bevor das Rennen gestartet wurde." erklärte Rei, während sie, an dritter Stelle liegend, langsam
zu Shinji aufschloss.
"Halt den Rand, Wunderkind! Wer will schon deine Meinung hören!" knurrte Asuka und schaltete das Livebild aus Reis Entryplug ab.
Shinji schmunzelte und konzentrierte sich auf das Rennen. Er hatte etliche kleine Videofenster geöffnet, auf denen er neben den Livebildern aus den jeweiligen Zugangskapseln auch
die EVAs der anderen Piloten beobachten konnte. Toji schien langsam ein Gefühl für seine Maschine zu bekommen, denn die Bewegungen seines EVA sahen inzwischen schon weit weniger
abgehackt und 'roboterhaft' aus, als noch zu Beginn des Rennens.
Doch Shinji konnte auch seinen eigenen EVA sehen, und irgendwie war es ein seltsamer Anblick, je mehr er darüber nachdachte... Er hatte das Gefühl zu rennen,- und sein EVA
rannte auch tatsächlich... dennoch saß er selbst mehr oder weniger unbeweglich in seinem Pilotensitz. Er fühlte wie sich seine Arme im Takt seiner Schritte bewegten,- und
ja, die Arme des EVA bewegten sich tatsächlich... seine Arme aber taten in Wirklichkeit gerade nichts anderes als die Kontrollhebel, an die seine Hände sich klammerten, nach
vorn zu schieben. Überhaupt fühlte es sich an, als würde er zum Spaß im Park joggen... wobei sich der EVA in Wirklichkeit gerade mit einer Geschwindigkeit bewegte,
von der muskelgetriebene Gefährte nur träumen konnten. Und was ihm vorkam wie das Knirschen von Sand unter seinen Laufschuhen, war in Wirklichkeit das Geräusch der Unmassen
an Erde, die sein EVA mit jedem Schritt in die Luft schleuderte.
Der EVA verstärkte einfach alles zig-tausendfach. Ein Schritt der ihm so normal wie jeder andere vorkam, wurde zu einer Bewegung von ungeahnter Kraft und Geschwindigkeit. Eine
Bewegung,- bei der die Füße des EVA wie ein Blitz auf den Boden der Geofront hernieder fuhren, nur um ihn Bruchteile einer Sekunde später ebenso schnell wieder zu
verlassen. Und das in einer Abfolge, die das menschliche Auge beinahe nicht mehr aufzulösen vermochte. Die Körper der Maschinen waren während des Sprints unnatürlich
weit nach vorn geneigt,- eine Notwendigkeit um den Schwerpunkt vor die Füße zu bringen. Wären sie aufrecht gelaufen, oder in einer halbwegs natürlich scheinenden
Haltung, dann wären ihnen ihre Füße sozusagen davon geeilt, mit dem Resultat, dass sie sich auf dem Rücken liegend wiedergefunden hätten.
Die Einheiten-02 und -01 waren nun gleich auf, und es sah schon irgendwie merkwürdig aus, wenn mal das unnatürlich lange Kinn des einen EVAs und dann wieder das Horn de
anderen für wenige Schritte die Führung übernahm.
Mittlerweile waren sie bereits auf ihrer zweiten Runde durch die Geofront und Einheit-03 machte immer mehr Boden auf Einheit-00 gut. Toji begann den Lauf zu genießen. Auch er
spürte wie der EVA seine Kraft verstärkte und ihm das Gefühl gab, unglaublich stark und schnell zu sein...
'Shinji...' dachte er bei sich. 'Du wärst ein Narr, wenn du das hier aufgeben würdest...' Er schmunzelte und konzentrierte sich darauf noch schneller zu laufen. 'Das ist ein
Gefühl, als ob ich fliegen würde...'
* * *
"Die Werte von Einheit-03 sind im erwarteten Bereich. Alle EVAs sind im grünen Bereich." berichtete Maya sichtlich glücklich.
"Ich muss sagen..." meinte Shigeru und lächelte Misato an. "..es ist schön zu wissen, dass wir jetzt Verstärkung haben."
"Hai. Vier Evangelions gegen einen Engel hört sich schon viel besser an, als nur ein oder zwei." stimmte Makoto mit einem Kopfnicken zu.
Misato schmunzelte. "Mal ganz zu schweigen davon, dass unsere Chancen das hier heil zu überstehen damit auch gestiegen sind."
"Doctor Akagi."
Ein jeder, einschließlich Doktor Akagi wandte sich dem Kommandanten zu, der wie üblich mehrere Meter über ihnen thronte. "Ja, Commander?" fragte sie.
"Aktivieren Sie das Dummy-Plug-System von Einheit-03."
Risuko blinzelte verwundert. "Wie bitte?"
Misato wandte sich der Videoleinwand und dem Bild von Einheit-03 zu, dann aber galt ihr Blick wieder dem Kommandanten. "Dummy-Plug-System?"
Gendo Ikari nickte. Seine gefalteten Hände bedeckten weiterhin seinen Mund als er sprach. "Bereiten Sie die Datenaufzeichnung vor. Ich will einen kompletten Bericht."
Ritsuko nickte und wandte sich wieder der Leinwand und ihrer Assistentin zu. "Maya, schalte alle Sensoren ein. Aktiviere das Dummy-System, wenn Einheit-03 in die dritte Runde geht."
Maya nickte und beeilte sich alle nötigen Vorbereitungen für diesen unvorhergesehen Test zu treffen. "Hai, Sempai!"
* * *
Fuyutsuki hatte ein Lächeln aufgesetzt als er sich Gendo zuwandte. "Der gute Doktor hat die Kinder ja gewarnt, dass etwas unvorhergesehenes passieren könnte."
"Mmm." Gendo nickte. "Langsam scheint sie meine Befehle vorausahnen zu können." Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. "Ich denke ich muss in Zukunft noch etwa
einfallsreicher sein."
"Möge Gott uns beistehen!" meinte Fuyutsuki mit einem Schmunzeln.
"In der Tat."
* * *
Toji war noch drei Schritte von der Startlinie entfernt, als er mit einem Mal spürte, wie seine Verbindung zum EVA getrennt wurde.
Alles war weg... Seine Kraft, seine Stärke, das Gefühl schneller als je zu vor zu laufen... sogar der Blick nach draußen auf die Geofront war mit einem Mal
verschwunden... und alles, was er sah waren die grauen Wände des stählernen Sarges, in dem er saß. "Was zum...?"
Mit einem Mal ging ein Rütteln durch den EVA und es kam ihm vor als hätte ihm jemand in vollem Lauf die Beine weggeschlagen. Der Evangelion sah es ziemlich ähnlich und
machte eine unkontrollierte, und im wahrsten Sinne des Wortes 'eindrucksvolle' Bauchlandung.
Shinji erschrak gewaltig und schnappte nach Luft. "Toji! Bist du okay?!?!"
"Ihm ist nichts passiert, Ikari-kun." kam die Antwort von Rei "Das gehört mit zu dem Test."
Shinji nickte und unterdrückte das Bedürfnis anzuhalten, und seinem gestürzten Freund zu helfen.
Asuka lachte nur. "Ohhh jeh! Was meinst du was dem morgen die Knochen weh tun werden! Na ja, ist kein großer Verlust.... er war ja eh der Letzte." "
Aber dann rappelte sich der schwarze Evangelion wieder hoch.
Und seine Augen begannen vor Wut zu glühen....
Im Inneren der Zugangskapsel war mit einem Mal der Ausblick auf die Geofront wiederhergestellt, doch Toji musste feststellen, dass er keinerlei Kontrolle mehr hatte. "Was... was geht
denn hier ab??" Er schnappte erschrocken nach Luft als mit einem Mal ein Summen die Kapsel erfüllte, und der Sitz unter ihm zu vibrieren begann. Toji staunte nicht schlecht, als der
EVA langsam wieder auf die Beine kam. "Ein.. ein Autopilot?" war alles was er herausbrachte.
"AAHH!" erschrocken schrie er auf, als die Maschine von Neuem zu einem Sprint ansetzte... Doch diesmal war es ein Sprint aus eigener Kraft... und unter ihrer eigenen Kontrolle wie e
schien...
* * *
Shinji und Asuka keuchten auf, als sie sahen, wie Einheit-03 wieder die Verfolgung übernahm. Doch war es nicht so sehr die Tatsache, dass der Eva wieder auf den Beinen war, die sie
aufschrecken ließ,- nein, es war viel mehr die Art, wie er rannte... Weit nach vorn gebeugt, und auf allen Vieren... So wie ein Leopard, der über die Savanne fegt und seiner
Beute nachjagt. Ein recht wütender Leopard, wie es schien....
"Was zum Teufel macht der da!?!?" Asuka schnappte nach Luft, als sie sah, was sich da von hinten näherte...
"Er... er holt auf!" Shinji blinzelte verwundert.
Und Einheit-03 holte tatsächlich auf. Immer schneller bewegte sich die Maschine vorwärts, und mit jedem Satz den sie machte flogen entwurzelte Bäume und Tonnen von Erde
hoch in die Luft und klatschten gegen die Wände der Kammer. Das Versorgungskabel des EVA, obwohl dafür ausgelegt, schien den Bewegungen gar nicht mehr folgen zu können und
schlackerte wild in der Luft herum,- fast so wie eine Schlange, die verzweifelt versuchte eine etwas zu große Beute herunter zu würgen. Das war nicht mehr länger der
Sprint einer von Menschen gesteuerten Maschine,- Das war der Sturmlauf einer Ausgeburt der Hölle, die nur eines im Sinn hatte; ihre Mission um jeden Preis zu erfüllen...
Eine Mission, die darin bestand zu Laufen... und die anderen zu besiegen....
* * *
"Es funktioniert." murmelte Gendo vor sich hin.
Fuyutsuki seufzte und beobachtete stumm, wie ein weiterer Traum dieses Verrückten zum Leben erwachte... und mit ihm alles Böse, dass dieser Schöpfung innewohnte....
Misato betrachtete das Schauspiel halb verwundert, halb verängstigt. "Was zum Teufel ist das für ein Ding...?"
Ritsuko trat neben ihre Freundin. "Etwas Gutes... hoffe ich."
"Was soll das schon wieder heißen,- 'Hoffe ich'?" fuhr Misato den Doktor an. "Ist Toji in Ordnung?"
"Ihm geht es gut." Ritsuko seufzte. "Der EVA läuft im Moment mit seinem neuen Autopiloten."
Misato blinzelte verwundert und stellte eine Com-Verbindung zu Tojis Zugangskapsel her. "Toji, geht's dir gut?!?"
Die Antwort des 'Fourth Children' klang verstört und verärgert zugleich. "WAS ZUM TEUFEL IST HIER LOS!?!?"
Und sie war so laut, dass ein jeder zusammenzuckte.
"Wir testen ein neues System, Toji." erklärte Ritsuko. "Es ist ein Auto-Pilot für Notfälle. Der Test ist gleich zu Ende. Bleib' einfach ruhig sitzen und genieße den
Ritt..."
"... durch die Hölle." grummelte Toji leise. "Okay. Aber ihr hättet mich ruhig vorher warnen können." meinte er noch bevor er die Com-Verbindung abschaltete.
Ritsuko grinste Misato an. "Hab' ich doch!"
Misato seufzte und wandte sich wieder der Videoleinwand zu.
* * *
"VERDAMMT NOCHMAL!" knurrte Asuka und fletschte die Zähne. Sie gab sich alle Mühe noch einen Zahn zuzulegen. "Wie komme ich denn dazu mich von diesem Anfänger schlagen zu
lassen!"
Shinji war zwar auch ein wenig besorgt, nahm sich aber Reis Worte zu Herzen. "Das ist nicht Toji! Das muss das neue System sein, dass sie eingebaut haben!"
"Aha! Dann wollen die also sehen ob sich ein richtiger Pilot gegen ihre neueste Erfindung behaupten kann. Na wartet, ihr werdet staunen!" Die Com-Verbindung zu Asukas Entry-Plug wurde
unterbrochen, und im nächsten Augenblick musste Shinji auch schon mit ansehen, wie Asuka an ihm vorbei zog, und einen immer größer werdenden Vorsprung auf den Rest de
Feldes heraus lief.
Shinji lächelte. Er bewunderte Asukas Kampfgeist und ihre Entschlossenheit... und er gab sein Bestes es ihr gleich zu tun...
* * *
Doch der eigentliche Test begann erst in dem Moment als Einheit-03 Reis Einheit-00 eingeholt hatte...
Mit einer blitzschnellen Handbewegung fasste der neue EVA das Bein von EVA-00 und brachte ihn zum Straucheln. Bevor Rei überhaupt wusste, wie ihr geschah, hatte sie bereits die
Kontrolle verloren... und EVA Einheit-00 fiel, von einem scharfen Schmerzensschrei seines Piloten begleitet, unsanft auf die Nase und durchpflügte erst noch etliche hundert Meter
Boden, bis er liegen blieb.
"Ayanami!" rief Shinji und keuchte auf. Doch ihm blieb nicht einmal mehr die Zeit Reis Antwort abzuwarten... denn schon im nächsten Moment stieß Einheit-03 vor und schob
Shinjis EVA rüde bei Seite. Der junge Ikari hatte es allein seinem Können und einer guten Portion Glück zu verdanken, dass ihm und seinem Test-Typ-EVA das Schicksal von
Reis Prototypen erspart blieb.
"Mir geht es gut, Ikari-kun." kam Reis Antwort schließlich und Shinji nickte erleichtert.
"Asuka! Pass auf!" warnte Shinji. "Er ist jetzt hinter dir her!"
Asuka hatte immer noch einen beeindruckenden Vorsprung vor Einheit-03, was einmal mehr bewies, welch äußerst fähiger EVA-Pilot sie doch war. Sie vermochte es ihre
Kampfmaschine nicht nur präzise, sondern auch ungewöhnlich schnell zu bewegen.
Schade nur, dass Einheit-03 dies ein wenig anders sah. Der nicht schrumpfen wollende Vorsprung von Einheit-02 schien den neu dazugekommenen EVA nur noch wütender zu machen, und so
griff er einfach nach dem Versorgungskabel von Einheit-02 und riss daran.
Asuka keuchte auf, als ein Ruck durch ihre Zugangskapsel ging und sich alles um sie herum mit einem Mal rückwärts zu bewegen schien. Einige schwindelerregende
Überschläge später landete sie schließlich unsanft mit dem Hinterteil voran auf dem Boden.
"VERDAMMTE SCHEIßE!" schrie Asuka und musste tatenlos zusehen, wie Einheit-03 über sie hinweg sprang und unaufhaltsam und ungebremst weiter der Ziellinie zustrebte.
Doch ein Läufer aus dem Starterfeld würde sich so schnell noch nicht geschlagen geben...
"LOS SHINJI, HOL DIR DEN BASTARD!"
Begleitet von den Anfeuerungsrufen des Rotschopfes setzte Shinji wirklich alles daran den Neuzugang einzuholen. Mit der Leichtigkeit eines geübten Hürdenläufers ließ
er seine violett-grüne Maschine über den am Boden liegenden Roten EVA hinweg springen...
Doch wer erwartet hatte einen verbissen kämpfenden oder gar wütenden Shinji zu sehen, der sah sich getäuscht. Der junge Ikari lächelte nämlich... "Na gut, Vater.
Das ist deine Gelegenheit..." sagte er zu sich selbst während Einheit-01 mit jedem Schritt etwas mehr aufholte. "Rei hat mir mal gesagt, dass ich dir und deiner Arbeit vertrauen
soll..." Er tat einen tiefen Atemzug "... also bitte, hier bin ich und ich vertraue... "
"EEEEEEAAAAAAAAAAAAAAGH!" mit einem Kampfschrei schob er die Kontrollhebel nach vorn.
Im Stile eines Baseballspielers, der mit einem Sprung die rettende Base erreichen will, ließ Shinji seinen EVA einen riesigen Satz machen und griff mit weit ausgestreckten Armen
nach den Beinen von Einheit-03.
* * *
Kommandant Ikari schmunzelte.
* * *
Als Einheit-01 in die Beine von Einheit-03 krachte, holte es den Neuzugang im wahrsten Sinne des Wortes von den Beinen, und er krachte nach einer Art missglücktem Handstand mit
größter Wucht rücklings auf den Boden.
Toji zuckte zusammen. Es hatte ihn heftig durchgeschüttelt, aber ansonsten war er ganz okay. "Ich hoffe die bei NERV haben jede Menge Aspirin. Ich hab dermaßen
Kopfschmerzen..."
Einheit-01 war mittlerweile schon wieder auf den Beinen und machte sich bereit den schwarzen Eva anzugreifen.
Zwei enge, weiß glühende Schlitze starrten Shinji an und spiegelten eine Wut wieder, die er nie für möglich gehalten hätte. Und das war der Moment, da er sich
ernsthaft fragte, ob er das Richtige getan hatte.
"WRAAAAAARGH!" in einer noch nie gesehenen Weise schaffte es Einheit-03 in einem einzigen Sprung auf die Beine zu kommen und gleichzeitig wie eine Rakete auf Einheit-01
zuzustürzen... Shinji wurde eiskalt überrascht... Doch selbst wenn er es hätte kommen sehen,- er hätte kaum eine Chance gehabt; viel zu schnell und unorthodox war der
Angriff gewesen.
Mit voller Wucht traf der Kopf von EVA-03 in die Magengegend von Einheit-01.
Shinji keuchte auf, als ihm für Sekunden die Luft wegblieb. Kleine Blasen kamen aus seinem Mund, dennoch versuchte er sich unablässig allein auf den Gegner zu konzentrieren. Er
war fest entschlossen dieses Mal sein Bestes zu geben.
Immer wieder schlug Einheit-01 auf die Schultern und den Rücken von Einheit-03 ein, doch das schwarze Biest ließ nicht eine Sekunde lang ab. Allem Anschein nach verspürte
es keine Schmerzen, oder es machte ihm nichts aus...
Schwarz schob Violett quer durch die Geofront... hinter ihnen eine Spur der Verwüstung... der Boden war metertief durchpflügt... Steine und Geröll flogen wild umher... und
ein kleiner Hügel war von den Füßen der Maschinen regelrecht platt gemacht worden...
Doch egal was sich ihnen sonst noch in den Weg stellte, Einheit-03 stürmte von blinder Wut getrieben, unbeirrt vorwärts, während er den Test-Typ-Eva mit seinen
unnatürlich langen Armen umschlossen hielt, und ihn unablässig anbrüllte.
Doch genau so plötzlich wie der Sturmlauf begonnen hatte, endete er auch wieder, als die beiden Maschinen in die Seitenwand der Höhle einschlugen. Die Decke erzitterte und die
Geräusche des Aufpralls hallten noch sekundenlang durch die Geofront, währenddessen sich Vögel, die dem Treiben bisher unbewegt zugesehen hatten, in Schwärmen aus den
Baumwipfeln erhoben.
Doch selbst unter den Schmerzen dieses wahrhaft gigantischen Aufpralls war Shinji noch immer nicht bereit aufzugeben. "MACH SCHON!" schrie er und befahl seiner Maschine einen Sprung zu
machen. "KÄMPFE!"
Und in der Tat; Einheit-01 folgte dem Willen seines Piloten und wehrte den fortwährenden Angriff dadurch ab, dass er in einer Art Salto über seinen Angreifer hinweg sprang,
wobei er die Umklammerung durch die andere Maschine dazu benutzte, den Rücken von Tojis Eva in einer schier unglaublichen Weise zu verbiegen.
Doch so schnell sollte sich Einheit-03 nicht geschlagen geben.... Im letzten Moment, nur Augenblicke bevor die Belastung für sein Skelett zu geworden wäre, ließ die
Maschine los, und fuhr herum noch während Einheit-01 haltlos zu Boden fiel. Eine Wand aus aufgewirbelter Erde und Geröll verdeckte die Sicht auf EVA-01, doch EVA-03 stürmte
einfach durch die Staubwolke hindurch und raste zielsicher auf seinen Gegner zu, der sich immer noch von dem Einschlag erholte...
Alles, was Shinji von der anderen Maschine sah, waren die beiden wütenden, weiß glühenden Augen, die wie zwei brennende Pfeile auf ihn zugeschossen kamen.
Die Schmerzen waren gut doppelt so stark, wie alles, was er bisher gespürt hatte, und so schrie Shinji - aller Anstrengung zum Trotz - laut auf, als Einheit-03 mit den
Füßen voran auf der Brust von Einheit-01 landete. Er hatte das Gefühl als würde jede Rippe seines Brustkorbes unter der Last brechen...
Und das war noch nicht das Ende...
Das Biest sprang auf und landete mit seinen Füßen links und rechts von Shinjis bewegungslos daliegendem EVA. Und dann sausten seine Fäuste immer wieder auf den Nacken de
Test-Typ-EVA hernieder...
KRACK! KRACK! KRACK!
Ein wahres Trommelfeuer von Schlägen hallte durch die Geofront...
...doch dann hielt Einheit-03 inne...
Er brüllte laut und seine Klauen umklammerten den Hals von Einheit-01...
Shinji würgte und versuchte nach Luft zu schnappen, während sich sein Hals immer mehr zuschnürte, und es ihm vorkam als würde sein Genick jeden Moment unter dem Druck
nachgeben, und zerbersten...
Doch selbst als schließlich alles schwarz wurde, und er das Bewusstsein verlor... hatte er immer noch ein Lächeln auf den Lippen...
* * *
Ein Lichtschein weckte ihn.
Rotes Licht... Rotes, flackerndes Licht, dass von dem Rettungswagen und den anderen Fahrzeugen herrührte... Fahrzeuge, deren Insassen nun hektisch zu seiner ausgeworfenen
Zugangskapsel gerannt kamen. Das LCL reichte ihm nur noch bis zu den Hüften, während zwei stämmige, große Männer in Schutzanzügen ihn bereits aus seinem
Pilotensitz hoben...
Ihm fiel auf, dass der Entry-Plug nunmehr rot an der Außenseite war, und nicht mehr weiß, wie zuvor.
Sein Blick ging hinüber zu den beiden EVAs, die man durch das Kappen der Energieversorgung dazu verdammt hatte in der letzten Kampfposition zu verharren. Obwohl Einheit-01 auf den
ersten Blick unbeschädigt schien, kam es Shinji vor, als stände seinem EVA der erlittene Schmerz ins Gesicht geschrieben.
"Danke, Mutter." flüsterte Shinji leise vor sich hin. Und dann, beinahe wie ein Nachwort zu seinem vorherigen Gedanken... "Und dir, Vater..."
"BAAAAAAAAAAAAAAKAAAAAAA!" Asuka kam herbei gestürmt und konnte es nicht erwarten, dass die beiden Männer Shinji endlich aus seinem Entry-Plug befreiten. Als er wieder festen
Boden unter den Füßen hatte, umarmte sie ihn so fest, das ihm glatt nochmal die Luft weg geblieben wäre... wenn sie nur nicht wie Espenlaub gezittert hätte... "Du
musstest ihn deshalb doch nicht gleich angreifen..."
Shinji lächelte sie an. "Ich weiß... aber das war ein Teil des Tests."
Asuka runzelte die Stirn als sie ihn ansah. "Baka." Sie legte ihren Kopf auf seine Schulter. "Weißt du eigentlich nicht, dass du deine Freundin immer vorher warnen musst, wenn du
vorhast dich umzubringen."
"Ich weiß..." Shinji lächelte. Es war schön sie in den Armen zu halten,- eine beruhigende Erfahrung nach dem Stress des Kampfes. Er seufzte und merkte wie seine
Augenlider schwerer wurden... "Gomen..."
"Das sagst du doch immer." seufzte Asuka und nahm ihn noch ein wenig fester in die Arme...
* * *
Kommandant Ikari schritt über den Laufsteg der quer durch den Hangar führte und beobachtete mit unbewegter Miene, wie das Kühlmittel eingelassen wurde.
Die vier EVAs waren inzwischen wieder zurück und es hatte sich gezeigt, dass Einheit-01 trotz des Kampfes nicht repariert werden musste. Die erlittenen Verletzungen würden von
selbst verheilen.
Als Ritsuko zu ihm trat, stand er - wie üblich - vor Einheit-01 und starrte in das Gesicht der Maschine.
"Der Test ist gut verlaufen." sagte sie.
"In der Tat." antwortete Gendo in seiner kühlen, berechnenden Art. "Setzten Sie Tests für die beiden anderen Einheiten an. Bis Ende der Woche will ich die Ergebnisse auf meinem
Tisch haben. "
Ritsuko nickte und seufzte "Es hat mich überrascht, wie Shinji sich verhalten hat." meinte sie und wandte sich Gendo zu. "War das auch Teil deines Plans?"
"Nein." sagte Gendo nach einem Moment des Schweigens. "Aber es verläuft alles nach Plan." Er hielt kurz inne. "Ich bin..." Er schmunzelte. "...froh... dass Shinji so hart
gekämpft hat, wie er konnte."
"Und ich wette, dass Du noch glücklicher darüber bist, dass dein 'Dummy-Plug-System' gewonnen hat." fügte Ritsuko hinzu.
Gendo drehte sich zu ihr um und trat ihr gegenüber, näher als ihr lieb war.
"Ich bin froh, dass er mich nicht enttäuscht hat." sagte er "Ich bin nun nicht mehr länger auf ihn und seine kindischen Launen und Wünsche angewiesen."
"Wir sollten die Dummy-Plugs als Ersatz ansehen für den Fall..." Sie musste schlucken als sein eisiger Blick sie traf.
"Sie werden zum Einsatz kommen, wenn ich es für richtig halte." Gendo drehte sich um, und ging. "Im Augenblick dienen sie uns als Ersatz."
Ritsuko seufzte als die Anspannung aus ihrem Körper wich. Sie schaute in das riesige Gesicht von Einheit-01. Der EVA starrte regungslos zurück.
"Gomen-nasai." sagte sie einfach nur. "Wir versuchen nur zu überleben."
Dann verließ auch sie den Hangar.
Und die vier Evangelions setzten ihren Wettbewerb im 'Dauer-Starren' fort.
* * *
Als Asuka und Misato zu Abend aßen, herrschte Stille am Tisch. Die beiden Frauen waren viel zu sehr mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt, als dass ihnen der Kopf nach einem
belanglosen Plausch stand.
Und dann, wie so oft in solchen Situationen, klingelte das Telefon.
"Ich geh ran." sagte Misato und hastete zum Telefon.
Asuka hörte wie sie ihren Gesprächspartner mit überschwenglicher Freude begrüßte... Es musste wohl Kaji sein... oder Kaoru, je nachdem wer gerade ihr 'Typ der
Woche' war.
"Nein, nein, nein, es ist alles Okay. Es sah schlimmer aus, als es in Wirklichkeit war." hörte sie Misato sagen. "Ja ich weiß, dass der Staub ziemlich schlimm war... Nein, er
ruht sich gerade aus... Ich denke er wird morgen früh wohl wieder zum Unterricht erscheinen."
Also war es Kaoru. Asuka seufzte und ihr Blick ging den Korridor entlang zu Shinjis Zimmer. "Es muss schön sein, mit jemandem zusammen zu sein..."
Misato blinzelte verwundert und blickte einen Moment lang vom Telefon auf. "Was hast du gesagt Asuka?"
"Nicht wichtig... ich habe nur mit mir selbst geredet." Asuka seufzte.
Misato zuckte mit den Schultern und setzte ihr Telefonat mit dem Sensei fort.
Shinji... Shinji...
Sie wollte, dass er sich öffnet. Dass er sie in sein Herz lässt. 'Hineinlassen' - sie wurde rot, als ihr ein Gedanke durch den Kopf schoss, und sie daran dachte ihn 'hinein' zu
lassen. Sie wusste nicht warum, aber dieser Gedanke kam ihr mit einem Mal so... nett... und natürlich... vor. Doch sie wusste, dass es nicht passieren würde. Es gab immer noch
etwas zwischen ihnen, die sie daran hinderte sich näher zu kommen... Eine Barriere, die sie nicht zu durchbrechen vermochten... noch nicht...
Misato war da ganz anders. Sie hatte keine Hemmungen sich anderen Leuten gegenüber zu öffnen,- in mehrfacher Hinsicht...
Asuka beneidete sie. Misato brachte sie dazu Dinge zu wollen, an die sie vor Monaten noch nicht einmal im Traum gedacht hatte. Und sie öffnete ihr die Augen... für Shinji...
wenn auch nur ein wenig.
Es muss wohl angefangen haben, als Kaji sich auf seine übliche, subtile Art beschwert hatte, dass Misato ihm nie zu seinem Geburtstag gratulieren würde.- Er hatte in all den
Jahren, egal ob sie zusammen waren oder nicht, niemals ihren Geburtstag vergessen.
Und darum hatte Asuka sich letzten Juni auch ein Herz gefasst und Baka-Shinji zu seinem Sechzehnten gratuliert. Immerhin konnte es ja nichts schaden, oder?
Und als sie in den darauf folgenden Tagen bemerkt hatte, dass sich Misato und Kaji wieder besser verstanden, da musste es wohl ihr übersteigertes Wettbewerbsdenken gewesen sein,
dass sie dazu gebracht hatte, fortan mehr Zeit mit Shinji zu verbringen. Denn egal wie nett Misato auch zu Kaji war... sie konnte netter sein, wenn sie wollte... und egal wie
glücklich Misato auch wäre... sie würde es schaffen noch glücklicher zu sein... Sie musste sich halt nur genügend anstrengen...
Doch dann... an diesem einen Abend, als sie mit vom Alkohol benebeltem Blick, wie durch eine rosa Brille, auf einen ebenso betrunkenen Shinji starrte, der gerade im Moment umgekippt war,
und sie einen Engel genannt hatte...
Zur Hölle mit dem ewigen Spiel, immer die Beste sein zu müssen....
Da brach es ihr das Herz...
Nein...
Die Festungsmauer, die sie um ihr Herz herum gebaut hatte brach ein... Da und dort... zwischen einer Flasche gutem Sake und einer Unterhaltung über die Shinjis und Asukas in ihren
Köpfen...
...hatte sie begonnen ihn zu lieben...
Und mit einem Mal sah sie das Gute an Shinji Ikari. Sicher, er war immer noch Baka Shinji... aber er war auch einfach nur Shinji... Ihr 'süßer Shinji'... Ihr 'unbesiegbarer
Shinji-sama'...
Und selbst wenn sie sich das alles nur einbildete, und er nichts von alledem war, so war er zumindest ihr Freund.
Heute, beim Kampf von Einheit-01 und -03, hatte sie sich wahrhaftig Sorgen gemacht. Sie wusste zwar, dass NERV die Energieversorgung der EVAs abstellen konnte, wenn der Pilot Gefahr lief
ernsthaft verletzt zu werden,- aber dennoch hatte sie sich schreckliche Sorgen um Shinji gemacht...
So, wie sich Hikari Sorgen um Toji gemacht hätte...
So, wie sich irgendeines der anderen, so schrecklich durchschnittlichen Mädchen in ihrer Klasse Sorgen gemacht hätte...
Aber das interessierte sie nicht...
Nicht, wenn es um Shinji ging.
"Ich gehe ins Bett, Misato." Sie stand auf und packte ihr benutztes Geschirr in die Spüle.
"Gute Nacht, Asuka. Ich gehe vielleicht später noch aus, also stell deinen Wecker! Morgen ist Schule." rief Misato ihr nach.
'Zum Teufel mit ihr.'
Und als sie dann auch keine Com-Verbindung zu Shinji hatte aufbauen können, da hatte sie tatsächlich einen Moment lang gedacht, dass er tot wäre.
Und während diese Befürchtung ihr einen Pfeil ins Herz gebohrt hatte, war ihr ein merkwürdiger Gedanke durch den Kopf gegangen...
'Jetzt werde ich nie erfahren, was er mir sagen wollte...'
Es war so lächerlich unwichtig gewesen, in einem Moment, da Shinji tot im LCL treiben konnte... aber nichtsdestotrotz war dieser Gedanke da gewesen. Und er hatte an Stärke
gewonnen,- mit jedem Mal, da sie sich an den letzten Abend erinnert hatte, und die Frage, was ihm im Kopf herum gegangen war, als er ihr den Gute-Nacht Kuss gegeben hatte...
Hatte er sagen wollen 'Ich liebe dich?'
Jetzt, da sie so darüber nachdachte, wäre das schon ganz in Ordnung gewesen... und auch nicht gelogen... Sie wusste, dass er sie in gewisser Weise liebte. Herr Gott, sie liebte
ihn ja auch... ein bisschen... na ja, so sehr, wie sie es sich im Moment gerade eingestehen wollte...
Aber was, wenn er ihr hatte sagen wollen 'Ich mache Schluss mit dir?'
Oder... Und bei dem Gedanken begann ihr Herz zu rasen...
'Heirate mich...'
Doch dann kam ihr eine Möglichkeit in den Sinn, die sie ihre Augen vor Angst weit aufreißen ließ...
'Stirb mit mir..'
Ihr Körper zitterte immer noch als der Gedanke ihren Kopf bereits verlassen hatte.
Asuka schob ihre Zimmertüre hinter sich zu, und noch auf dem Weg zum Bett begann sie sich ihrer Kleider zu entledigen.
'Lass uns Eins werden.'
Ein Gedanke, bei dem sich der Ausdruck auf ihrem Gesicht entspannte. Shinji würde es auf jeden Fall poetisch ausdrücken. Er würde allenfalls noch 'Liebe machen' sagen,
aber keinesfalls 'bumsen' oder 'ficken'... oder was auch immer... Doch etwas an diesem Gedanken jagte ihr auch Angst ein; Könnte sie ebenso sanft und zärtlich sein wie er?
Wollte sie überhaupt, dass er behutsam und gefühlvoll war.. oder doch lieber... nein, wild sollte es auf keinen Fall sein,- nicht beim Ersten Mal....
Doch was zum Teufel hatte er ihr sagen wollen? Die Ungewissheit brachte sie noch um den Verstand. Den ganzen Tag über war Shinji ungewöhnlich still, und in sich gekehrt
gewesen. Und das brachte sie einerseits zum lächeln, und andererseits machte es sie rasend vor Neugier.
* * *
Es musste schon etliche Stunden her sein, dass sie zu Bett gegangen war, doch die Gedanken an Shinji, und was er ihr hatte sagen wollen, ließen sie einfach nicht los. Die
gedämpfte, grüne Leuchtanzeige ihrer Weckuhr zeigte ihr, dass es gerade einmal 2 Uhr in der Nacht war.
Asuka wälzte sich herum und seufzte. Misato war sicher ausgegangen. Normalerweise konnte sie das Schnarchen des Majors durch die dünnen Wände hindurch hören.
Sie stand auf und legte ihren Morgenmantel an, um nicht allein im Nachthemd bekleidet, herumlaufen zu müssen. Leise öffnete sie ihre Zimmertür und schlich zum
Nebenzimmer.
Es überraschte sie ein wenig, Shinji leise "Komm rein." sagen zu hören, kaum dass sie an seine Zimmertür geklopft hatte.
Sie lächelte als sie die Türe öffnete und ihren Kopf in das Zimmer steckte. "Hey."
Shinji saß auf seinem Bett. Er trug das weiße Hemd und die Dunkle Hose seiner Schulkleidung und Asuka wollte schon witzeln, ob er heute einmal etwas früher zur Schule
gehen wollte als sonst... doch dann sah sie die gepackte Reisetasche auf dem Boden stehen, und auf dem Tisch lag ein Sicherheits-Ausweis neben einem Umschlag mit der Aufschrift
'NERV'.
Mit weit aufgerissenen Augen trat Asuka in das Zimmer. "Shinji?"
Seine Augen strahlten und sein Gesicht verriet, dass er ein wenig aufgeregt war. Er stand auf und schloss hinter Asuka die Tür.
"Ich... Ich hatte gehofft, dass du herkommen würdest... Ich wusste nicht, wie ich es dir sagen sollte..."
Asuka schaute sich um. Sein Zimmer war ja noch nie unaufgeräumt gewesen, aber heute sah es noch weitaus aufgeräumter und sauberer aus als gewöhnlich. Alles war
sorgfältig verstaut und weggepackt. Die überzähligen Bettdecken lagen sauber gefaltet in der Ecke, die Tischlampe stand wieder an ihrem angestammten Platz, und auf dem
Schreibtisch war keine Spur mehr von irgendwelchem Schreibkram oder Schulbüchern.
"Was ist denn hier los, Shinji?" flüsterte sie, und war sich mit einem Mal nicht mehr sicher, ob sie die Antwort überhaupt hören wollte.
Shinji nahm Asuka bei der Hand und führte sie hinüber zu seinem Bett. Mit einer Handbewegung bat er sie darauf Platz zu nehmen, und setzte sich bedächtig langsam neben
sie.
Nach einem tiefen Atemzug sah er ihr in die Augen...
* * *
"Asuka, komm mit mir."
* * *
Sie blinzelte verwundert.
"Was?"
Shinjis Lächeln verschwand einen Moment lang, doch kehrte sofort wieder, als er einen neuen Versuch unternahm. "Komm mit mir, bitte." sagte er. "Lass uns zusammen fortgehen. Heute
nacht noch. Gleich jetzt."
Asukas Herz begann zu rasen. "Was...wie meinst du das?"
Er nickte zu sich selbst, so als würde er noch einmal die Worte abwägen, die er sich zurecht gelegt hatte.
"Asuka... Ich... Endlich habe ich etwas, das ich nie zuvor hatte... " sagte er schließlich und schaute sie mit großen, erwartungsvoll funkelnden Augen an. "Freiheit. Eine
Zukunft. Ein Leben."
Der Rotschopf an seiner Seite blickte ihn mit weit aufgerissenen Augen an.
"Vater braucht mich nicht mehr länger... EVA braucht mich nicht mehr länger..." sagte er leise. "Ich kann endlich guten Gewissens gehen."
"Aber..." Asuka hatte einen Kloß im Hals. Ihr Herz raste und ihre Gedanken überschlugen sich. "Aber... du bist doch ein EVA-Pilot! Du steuerst Einheit-01! Du kannst nicht
einfach so...fortgehen!"
"Ich habe drei Tage lang darüber nachgedacht." Shinji schüttelte den Kopf. "Ich kann es tun."
Völlig durcheinander, und mangels einer besseren Antwort, sagte Asuka einfach nur : "UND WIE STELLST DU DIR DAS VOR?!?!?"
Er nahm ihre Hand und hielt sie ganz fest, so als wolle er sie nie mehr loslassen.
"NERV hat jetzt neben dem Prototypen drei funktionsfähige Evangelions. Und weitere sind vielleicht schon im Bau." erklärte Shinji und gab sein Bestes seine Aufregung nicht
durchschimmern zu lassen. "Toji ist der geborene Pilot, und er ist ein viel besserer Kämpfer als ich es jemals sein kann." Er hielt inne um einen tiefen Atemzug zu nehmen "Asuka, du
hast selbst gesehen, was der neue Autopilot alles kann." Er lächelte "Sie brauchen uns jetzt nicht mehr... Er hat gewonnen! Ich habe mit aller Macht versucht gegen ihn zu
kämpfen... und der Autopilot hat mich besiegt. Ich hatte mir vorgenommen mein Bestes zu geben, um danach guten Gewissens gehen zu können... und er hat gewonnen."
Asuka sah ihn einfach nur gebannt an. Sie sah wie er redete,- wie er die Lippen bewegte. Sie hörte seine Worte, aber registrierte sie nicht.
"Mein Vater will mich nicht bei sich haben." flüsterte er. "Und ich will auch nicht hier sein. Für mich gibt es hier nichts, für das es sich zu kämpfen lohnt. Toji
hat seine Schwester, die er glücklich sehen, und beschützen will. Rei... Rei lebt für EVA. Selbst wenn sie nicht der Beste Pilot ist, wir wissen, dass sich ihr Leben allein
um EVA dreht."
Er beugte sich zu ihr hinüber...
"Aber wir beide, Asuka... Wir können gehen." Er drückte zärtlich ihre Hand "Es gibt für uns beide doch keinen Grund mehr, das alles noch länger zu ertragen.
Vorher... klar, vorher brauchten sie uns, und es war unsere Pflicht gegen die Engel zu kämpfen... und zu gewinnen." Er schüttelte den Kopf "Aber wir haben unsere Schuldigkeit
getan. Unser Kampf ist zu Ende. Wir können endlich beginnen unser eigenes Leben zu führen."
Asuka fragte sich, woher die Tränen kamen, die ihre Wangen hinunter liefen... Sie fragte sich, warum sie weinte... Doch ihr Verstand, der im Moment noch nicht einmal in der Lage war
Shinjis Worte zu verstehen, vermochte ihr darauf keine Antwort zu geben.
"Asuka..." Shinji musste schlucken. "Ich...ich weiß, wir beide haben gerade erst zueinander gefunden... aber ich..." Er hielt inne und seufzte. "Ich liebe dich, Asuka."
Die Zeit stand still.
Und Asuka betete, dass es so bliebe. Von ganzem Herzen und aus tiefster Seele wünschte sie sich, dass der Moment, da er diese vier Worte gesagt hatte, niemals vergehen
würde.
Doch die Zeit ließ sich nun einmal nicht aufhalten.
"Ich liebe dich auch..." flüsterte Asuka und sah ihn mit Tränen in den Augen an. "Shinji..."
Der Ausdruck auf Shinjis Gesicht hätte glücklicher nicht sein können. Und auch wenn ein paar der Tränen, die auf sein Bett tropften, seine waren... machte da
nichts... denn es waren Tränen der Freude...
* * *
"Asuka..." flüsterte er. "Lass uns gemeinsam fortgehen. Komm mit mir. Heute Nacht. Gleich jetzt."
* * *
Asuka sah ihn aus halb geschlossenen, müden und verweinten Augen an. Ihr Verstand war kurz davor, frustriert den Dienst zu quittieren, und so bekam ihr Mund plötzlich ein
Eigenleben...
* * *
"Nein."
* * *
Shinji blinzelte. Ein Träne tropfte auf das Bett.
"A...Asuka...?"
"Ich kann es nicht tun...Shinji-kun..." flüsterte sie. Ihre Stimme war nicht kräftiger als ein Atemzug. Das Zittern ihres Körpers und ihr leises Wimmern mischte sich in
ihre Worte.- Worte, die sie ihm einfach nicht ins Gesicht sagen konnte.
"Ich...Ich kann das hier nicht so einfach zurück lassen..." Erst nach einer kurzen Pause fuhr Asuka fort "Es ist ein Teil von mir..."
"Nein..." Shinji flehte sie an, ihm zu vertrauen. Zärtlich legte er seine Hände auf ihre Schultern,- so als ob er Angst hatte sie zu verlieren.- Was vielleicht auch geschehen
würde. "Du...du bist kein Teil von EVA! EVA braucht dich nicht mehr! Du bist doch so viel stärker als ich! Und wenn ich gehen kann, dann kannst du es auch!"
Sie wandte sich von ihm ab. "Ich... ich brauche EVA." sagte sie. "Wenn... wenn ich EVA nicht hätte, oder man mich eines Tages als Pilot nicht mehr brauchen würde, dann..." Mit
letzter Kraft unterdrückte sie ein Schluchzen "...dann wäre ich verloren, Shinji..."
"Dann werde ich dich eben beschützen!" Shinjis Stimme hatte laut und kraftvoll geklungen,- so als ob er ihr dadurch helfen wollte die Stärke zu finden, die sie brauchte... In
Wirklichkeit aber versuchte er mit seiner Stimme einfach nur seine eigene Angst zu überspielen.- Die Angst, dass er sie verlieren könnte.
"Das kannst du nicht." flüsterte Asuka, und sie hasste die Tränen, die ihre Wangen hinunter liefen. "Ich kann das alles hier nicht verlassen... Ich bin nicht wie du,
Shinji..."
Sie fielen sich in die Arme und hielten aneinander fest. Keiner von beiden wagte es seinen Tränen freien Lauf zu lassen. Aber sie zitterten...
In Shinjis Kopf tobte ein Wirbelsturm. Er suchte verzweifelt nach Worten... Dingen, die er tun konnte, um alles wieder gut werden zu lassen... irgendetwas, dass sie überreden
würde mit ihm zu kommen.
"Asuka..." sagte er, und hatte den Kopf auf ihre Schulter gelehnt, während ihr Kopf auf seiner ruhte. "Ich muss fortgehen...Heute... Jetzt...Darum bitte ich dich...Komm mit
mir...Ich liebe dich."
'Ich liebe dich...' diese Worte würden alles wieder gut werden lassen, oder? Sie würden alle Hindernisse beseitigen... auch die Hindernisse, die man besser nicht bei Seite
räumen sollte.
Asuka wünschte sich nichts mehr, als dass diese drei Worte ihre Probleme lösen würden. Drei einfache Worte, die sie einen Augenblick lang zur glücklichsten Frau auf
der ganzen Welt machten... um sie Sekunden später noch unglücklicher zu machen als je zuvor.
"Shinji..." sanft aber dennoch bestimmt schob sie ihn fort und kauerte sich in einer Ecke seines Bettes zu einem Häufchen Elend zusammen. "Ich kann einfach nicht..."
* * *
Shinji Ikari saß eine schier unendlich lange Zeit einfach nur da... während er darüber nachdachte, was er noch hätte sagen können...
Asuka schrie beinah auf, als sie spürte, wie sich das Bett ganz leicht bewegte, und mit einem Mal Shinjis Schritte zu hören waren. Augenblicke später folgte das Rascheln
seiner Reisetasche, als er deren Trageriemen über die Schulter warf, und sie schließlich vom Bett hob.
Stille setzte ein.
Asuka erkannte, wie fest entschlossen er war... Dass er felsenfest daran glaubte, fortgehen zu müssen, um zu überleben...
Darum wagte sie es nicht, ihm noch einmal zu sagen, dass sie ihn liebte.
Und als sich schließlich die Tür seines Zimmers hinter ihm schloss...
War Shinji Ikari ein freier Mann..