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Higher Learning

Lektion Neunundzwanzig: Lauf so schnell du kannst

Geschrieben von Strike Fiss, 1999
Homepage: http://www.geocities.com/Tokyo/9110
Übersetzt von Melissa Schneider
editiert von Christian Winkler und Markus Ehreke

Es interessierte ihn überhaupt nicht.

Das war die einzige Schlussfolgerung zu der Shinji Ikari kam. Das letzte Mal, als er einfach fortgelaufen war, hatten selbst die - nach eigenen Aussagen - 'besten' Sicherheitskräfte von NERV mehr als zwei Tage gebraucht um ihn zu finden, und zurück zu bringen. Und selbst das wäre ihnen nicht gelungen, hätte er seine Reise nicht unterbrochen als er auf Kensuke getroffen war, der allein im Freien kampierte.

Es war lächerlich und geradezu eine Schmach für die Mitarbeiter der Sicherheitsabteilung von NERV. Ging es etwa über ihre Möglichkeiten hinaus, einen kleinen, weggelaufenen Jungen wieder aufzuspüren? Wenn man dann noch die im allgemeinen hohe Arbeitsmoral der Japaner mit einrechnete, gab es doch nur eine Erklärung...

So wie bei allen anderen Dingen, die mit NERV zu tun hatten, hatte auch hier Kommandant Ikari alle Fäden in der Hand.

Ein Grummeln von diesem Mann konnte über Erfolg oder Misserfolg einer Mission entscheiden. Ein Kopfnicken von ihm entschied darüber, ob ein Angreifer sofort mit zig-tausend Raketen niedergemacht wurde, oder ob man erst abwarten würde, bis er hunderte NERV Kampfpiloten vom Himmel geholt hatte, um dann mit einer N2-Mine in einem Schlag alles zu beenden.

Kommandant Ikari scherte sich einen Dreck darum, dass sein Sohn fortgelaufen war.

Zumindest interessierte es ihn so lange nicht, bis er seinen Sohn wieder brauchen würde. Und das wäre der Moment, an dem die Sicherheitskräfte ihn beinah 'rein zufällig' wieder aufspüren würden. Und dann kämen sie, und würden ihn in eine ihrer schwarzen Limousinen verfrachten,- zusammen mit der allgegenwärtigen, unausgesprochenen Warnung 'Widerstand ist zwecklos'.

Doch das alles bereitete Shinji Ikari keine Sorgen, als er durch die leeren Straßen von Tokio-3 schlenderte. Die Morgendämmerung war gerade erst hereingebrochen und der Himmel färbte sich allmählich blau. Er säße wahrscheinlich bereits im Zug, wenn die Hälfte der Einwohner gerade mal aufwachte...

Er wurde nicht mehr länger gebraucht...

Mehr noch,- er war eine Last...

Und er war glücklich, dass es so war !

Denn es bedeutete, dass sein Vater ihn diesmal nicht zurück holen würde...

Er war frei...

Das waren die einzigen Gedanken die Shinji beschäftigten. Er stellte sich vor, wie die Welt am Fenster des Zuges vorbei flog, und mit ihr auch Meter um Meter der Eisenbahngleise, die für ihn so etwas wie das Symbol seiner Freiheit geworden waren. Er sollte zusehen, dass er einen Fensterplatz ergattern würde... Aber das wäre sicherlich nicht schwierig, wenn man bedachte wie wenig Fahrgäste so früh am Morgen auf diesem Streckenabschnitt unterwegs waren.

Shinji sah weder traurig, noch glücklich aus. Er sah entschlossen aus. Konzentriert. Er musste jetzt stark sein. Stärker, als er es je gewesen war... Stärker, als er gedacht hatte. Weglaufen war immer einfach gewesen... einfach nur fliehen, wenn die Realität und das Leben ihm zu sehr zusetzten.

Aber nicht dieses Mal.

Nicht wenn es bedeutete, dass er Asuka zurücklassen musste.

Er wusste, dass er eines Tages stark genug wäre um zurück zu kommen. Und dann würde er Asuka einfach mitnehmen. Er würde sie aus den Klauen von EVA befreien, sobald er es selbst geschafft hatte... Sobald er genug Kraft gesammelt hatte, den Weg noch einmal zu gehen... Obwohl... was, wenn es für sie keine Rettung mehr gab? Was wenn EVA sie für immer und ewig an sich gebunden hatte, und sie nicht gerettet werden wollte? Das war ein Kampf, den er unmöglich gewinnen konnte...zumindest nicht im Moment.

Er musste erst noch stärker werden. Seinen Weg im Leben finden. Gründe finden, für die es sich zu kämpfen lohnte...

Und all das waren Dinge, die er unter der Obhut von NERV nicht schaffen konnte. Nicht so lange sein Vater von seinem Schreibtisch aus, alles und jeden kontrollieren konnte.

Dieses Mal lief er nicht einfach nur davon. Dieses Mal lief er - so schnell er nur konnte - um zu sich selbst zu finden.

Zumindest hoffte er das.

"Mama..." flüsterte er halblaut, während er von Neuem seine Reisetasche schulterte. "Pass' bitte auf Asuka auf."

Dann zeigte die nächste Fußgängerampel das weiße Symbol mit der Aufforderung zu Gehen, und seine Füße setzten ihren Weg fort. Er musste weiter gehen. Wenn er jetzt anhielt, dann war alles vorbei...

...und sein Vater hätte gewonnen.

* * *


Misato gähnte als sie die Türe zu ihrem Appartement öffnete. Sie hatte sich zwar vorgenommen nur noch am Wochenende auszugehen, aber sämtliche Vorsätze waren mit einem Mal dahin gewesen, als Kaoru angerufen hatte. Glücklicherweise schien es ihm nichts auszumachen, dass sie dann stets bei ihm übernachtete.- Anderenfalls wäre es um ihren Schlaf nämlich sehr schlecht bestellt gewesen.

Die Misato im Kopf von Misato Katsuragi, die stets am meisten von dem Schlaf profitierte, war natürlich die logisch-denkende Misato. Leider aber stand sie, nicht zuletzt wegen der Sauforgien und dem darauf folgenden Kater, ständig auf Kriegsfuß mit der betrunken-betüdelten Misato, und musste um jede Minute Schlaf kämpfen.

Und so kam es dann auch, dass die logisch-denkende Misato zunächst einmal nichts sagte, obwohl ihr natürlich sofort auffiel, dass Shinjis Schuhe nicht mehr länger wie gewohnt neben der Eingangstüre standen. Sie würde später darauf eingehen und konzentrierte sich im Moment eher darauf, den Schrank mit den Aspirin anzusteuern. Erst einmal musste sie die Auswirkungen des Schlafentzuges mildern, den die Ausschweifungen von Happy-Hentai Misato verursacht hatten...

"Tadaima." rief Misato in traditionell japanischer Weise und blickte sich um...


Es war ruhig im Appartement.
Keine Spur von dem allmorgendlichen Trubel, der einen jeden Schultag der Kinder eröffnete.


"Shinji-kun! Asuka! Seid ihr da?" rief sie in den Korridor, der zu den Zimmern der Kinder führte.

Als keine Antwort kam seufzte Misato. Wahrscheinlich hatten sich die beiden gestern Abend wieder mal gestritten und gingen einander nun aus dem Weg...

Obwohl... wenn sie so richtig darüber nachdachte, musste sie zugeben, dass die beiden sich in der letzten Zeit überhaupt nicht mehr gestritten hatten.
"Na ja... die Ruhe vor dem Sturm." meinte sie und holte sich ein Bier aus dem Kühlschrank.

"Wuaaagh!" Pen-Pen machte mit einem Mal auf sich aufmerksam, und Misato erschrak.

"Hallo, Pen-Pen!" Sie lächelte und beugte sich hinunter um dem kleinen Pinguin den Kopf zu tätscheln.

Pen-Pen genoß einen Moment lang ihre Zuneigungsbekundungen, doch dann sah er sie erwartungsvoll an "Wuaagh!"

Misato blinzelte verwundert und blickte auf seinen Freßnapf. "Du kleines Kerlchen hast wohl Hunger, was?"

"Wuaagh!" Pen-Pen wedelte überglücklich mit seinen Schwimmflossen als Misato ihm sein Frühstück hinstellte. Glücklicherweise hatte Shinji am Abend zuvor noch eine Dose Sardinen herausgestellt, so dass nicht allzuviel schiefgehen konnte, und der kleine Vogel an diesem Morgen zumindest nicht Gefahr lief durch Misatos Kochkünste vergiftet zu werden.

Erst jetzt erwachte die logisch-denkende Misato genug, um nachdrücklich darauf aufmerksam zu machen, dass Shinji auf keinen Fall vergessen hätte Pen-Pen zu füttern, selbst wenn er dem rothaarigen Drachen aus dem Weg ging,- oder gar auf der Flucht vor ihr war.

"Shinji?" Sie blinzelte verwundert und ging den Korridor entlang zu seinem Zimmer. Das Bier in der einen Hand, klopfte sie mit der anderen an die Zimmertür.

Als keine Antwort kam, öffnete sie die Tür...

KLATSCH!

Vor Schreck ließ sie die Bierdose fallen und der Inhalt ergoss sich über ihre Füße. Doch das bemerkte sie nicht einmal.

Asuka Langley Sohryu lag auf Shinjis Bett.. Besser gesagt hatte sie sich in einer Ecke davon zusammengekauert und den Kopf in die Bettlaken vergraben. Sie weinte bitterlich und schien den Eindringling überhaupt nicht wahrzunehmen. Ihre Tränen hatten bereits einen Großteil der Laken durchnässt und ihr Haar klebte nass und matt auf dem Bett.

"A..." Misato musste schwer schlucken, angesichts des Wirbelsturms, der gerade in ihrem Kopf, und auch in ihrem Herzen tobte. "Asuka?"

Pen-Pen steckte seinen Kopf ins Zimmer und war wie erstarrt; Noch nie hatte er etwas derartiges gesehen.
Vor Schreck fiel ihm eine halbe Sardine aus dem Schnabel.

Langsam hob Asuka ihren Kopf. Erst jetzt bemerkte sie, dass sie Zuschauer hatte. Ihre Augen waren rot und geschwollen vom stundenlangen Weinen.

"Er ist fort..." flüsterte sie und stand mit wackeligen Beinen auf...

Misato keuchte erschrocken auf und eilte zu ihr,- gerade rechtzeitig um sie vor dem Umfallen zu bewahren. "Asuka! Shinji ist fort??"

Sie nickte und sah die dunkelhaarige Frau mit einem Ausdruck der Verzweiflung in den Augen an. "Ich...ich konnte einfach nicht mit ihm gehen..." Ein lautes Schluchzen ließ ihren Körper erzittern und zwang Misato dazu, sie wie ein Baby in ihre Arme zu nehmen.

"Asuka..." flüsterte die ältere Frau und riss ihre Augen weit auf, als ihr mit einem Mal die Wahrheit hinter Asukas Worten bewusst wurde... "Du liebst ihn..."

Asuka begann von Neuem zu weinen, als Misato sie in ihren Armen aus 'Shin-chans Zimmer' trug.

* * *


"Was soll das heißen, du hast keine Zeit!?!?"

Misato schrie derart laut ins Telefon, dass Ritsuko am anderen Ende der Leitung den Hörer weit von ihrem Ohr entfernt halten musste.

"Major, jetzt fass dich mal wieder." Doktor Akagi seufzte und lehnte sich in ihren Stuhl zurück. Das Flimmern der Computerbildschirme um sie herum hüllte den Raum in ein unheimliches Spiel von Licht und Schatten. Es war eine lange, arbeitsreiche Nacht gewesen, und nun noch zu hören, dass Shinji weggelaufen war, ging ihr dann doch ein wenig auf die Nerven.

"Ich fasse mich wann und wo ich will!" kam Misatos Antwort.

"Nun komm. Es ist doch nicht das erste Mal, dass er sowas macht!" erwiderte Ritsuko während sie noch mehr Zucker in ihren Kaffee rührte. "Und bisher ist er doch immer unbeschadet zurück gekommen. Du hast doch selbst gesagt, dass er wahrscheinlich einfach nur ziellos mit dem Zug in der Gegend herum gondelt um etwas Dampf abzulassen und auf andere Gedanken zu kommen."

"Das ist ja alles schön und gut." meinte Misato. "Aber ist es denn zu viel verlangt, ein Team von Sicherheitskräften abzustellen, dass ihn aufstöbert, und ihn im Auge behält, nur für den Fall dass er in Schwierigkeiten kommt?" meckerte sie. "Soweit ich weiß, gibt es doch sogar einen Befehl von ganz oben, die Piloten rund um die Uhr zu überwachen."

"Kommandant Ikari hat diesen Befehl schon vor einiger Zeit wieder aufgehoben." antwortete Ritsuko. "Wir brauchen das ganze Sicherheitspersonal hier im Hauptquartier. Ich weiß da du denkst, dass wir einfach nur so ein tolles neues Spielzeug in die EVAs eingebaut hätten,- aber in Wirklichkeit steckt da noch viel mehr dahinter. Und Sicherheit ist gerade nach dem Verschwinden der zweiten Niederlassung wichtiger denn je."

"Aber...es geht doch um unsere PILOTEN!" brüllte Misato. "Ohne sie würde es NERV, so wie es heute existiert, doch gar nicht geben!"

"Darf ich dich vielleicht daran erinnern, dass es deine Aufgabe ist, sich um solche Belange zu kümmern." Ritsuko schmunzelte als sie hörte, wie Misato beinahe ihre Zunge verschluckte. "Eine Aufgabe, von der du behauptet hast, dass du ihr gewachsen wärst."

"Aber..."

"Sag mir, Major... wo warst du letzte Nacht?" fügte Ritsuko eiskalt hinzu. Sie würde ihre Freundin jetzt nicht so einfach vom Haken lassen

"Leck mich, Akagi." Das Gespräch endete mit einem lauten 'Klick' als Misato den Hörer auf die Gabel schlug.

Ritsuko seufzte und legte auch ihr Telefon auf. Dann wählte sie eine neue Nummer. "Das 'Third Children' ist wieder weggelaufen."

"Verstanden." kam die kühle, emotionslose Antwort. "Löschen Sie alle Daten des 'Third Children'. Nehmen sie Rei als Piloten für Einheit-01, und das Dummy-System al Ersatz. Ich erwarte, dass die nächste Testreihe sofort beginnt. Ich werde keine Fehler tolerieren."

"Jawohl, Commander."

Kommandant Ikari legte auf, ohne ein weiteres Wort zu sagen.

* * *


Sensei Kaoru blätterte die Anwesenheitsliste durch, während seine Schüler einen Artikel durcharbeiteten, über den sie später eine Zusammenfassung würden schreiben müssen.
Als er schließlich bei Asuka und Shinji ankam, schaute Kaoru auf. "Weiß jemand von Ihnen, wo unsere beiden 'Frischvermählten' sind?"

"Wahrscheinlich auf Hochzeitsreise." kommentierte Toji und heimste damit etliche Lacher ein.

Kaoru schmunzelte, aber gab sich natürlich nicht damit zufrieden. Sein Blick ging hinüber zu Rei, die überraschenderweise anwesend war.- Überraschenderweise deshalb, weil die altgedienten EVA Piloten ja fast immer zur gleichen Zeit fehlten... "Miss Ayanami?"

"Hai?" sie blickte von dem Artikel auf, den sie bereits zur Hälfte gelesen hatte...

"Wissen Sie warum Shinji und Asuka heute nicht gekommen sind?" fragte Kaoru.

"Nein." Rei schüttelte kaum merklich den Kopf. "Aber ich könnte mir vorstellen, dass Shinji verhindert war, weil sie Probleme mit dem Gleitfilm hatten."

Ein verwundertes Blinzeln ging durch die Klasse.

"Oder so etwas in der Art." Sie lächelte wie ein unschuldiges kleines Kind und widmete sich wieder ihrem Lesestoff.

Kaoru war schon drauf und dran zum nächsten Namen auf der Liste überzugehen, als es an der Tür klopfte. Alle Augen richteten sich sofort auf die in die Klassenzimmertüre eingelassene Scheibe. Es war Misato und sie sah verdammt ungeduldig und aufgekratzt aus.

Toji blinzelte verwundert. "Hey, das ist doch Misato! "

Kensuke nickte und rückte seine Brille zurecht. "Vielleicht ist sie ja hergekommen um mich zum nächsten EVA-Piloten zu ernennen?"

Sein Freund seufzte. "Ich habe dir doch schon gesagt, dass sie bereits genug Piloten haben."

Kaoru lächelte und stand auf. "Es dauert nur einen Moment. Macht derweil mit der Zusammenfassung des Artikels weiter." natürlich gab diese Bemerkung Anlass zu jeder Menge Spekulation, und vielen 'Ohhhh's und 'Ahhhhh's... von den eifersüchtigen Blicken mancher Mädchen ganz zu schweigen.




Misato wartete geduldig bis er die Türe öffnete, dann aber packte sie ihn mit einem Mal bei seinem Hemdkragen, und zerrte ihn hinaus auf den Gang. Wütend schlug sie die Türe des Klassenzimmers hinter ihm zum.



Wieder machte ein verwundertes Blinzeln in der Klasse die Runde, gefolgt von einem allgemeinen
"Oh ohhhhhhh!"

* * *


"Er ist weg." sagte Misato hektisch und ließ Kaoru wieder los, nun da sie draußen auf dem Gang vor dem Klassenzimmer standen. "Shinji ist weg."

Kaoru blinzelte verwundert. "Er ist...weg?"

Misato sah sehr angespannt aus, als sie Kaoru ein Stück Papier in die Hand drückte. Der Sensei seufzte und begann den sorgfältig gefalteten Brief zu öffnen. Er erkannte Shinjis Handschrift auf den ersten Blick.

<Lieber Major,

Vielen Dank, dass ich bei dir wohnen durfte, und für alles, was du in den vergangenen Monaten für mich getan hast. Ich möchte mich für all die Umstände entschuldigen, die ich dir bereitet habe, und für die Meinungsverschiedenheiten, die wir hatten...>

"Ich kenne den Teil schon. Lies nur den letzten Absatz..." unterbrach Misato.

Kaoru blinzelte verwundert und sein Blick ging zum letzten Absatz des Briefes.


<Bitte betrachte es als meinen letzten Wunsch, dass ich nicht will, dass du, oder jemand anders von NERV, mir folgt. Unternehmt nicht den Versuch mich aufzuspüren. NERV braucht mich nicht mehr länger. Sie haben das neue Auto-Pilot-System und außerdem noch Piloten, die einen guten Grund haben, zu kämpfen. Ich aber kann hier nicht leben so lange mein einziger Lohn eine Lüge ist, die ich mir schon seit Jahren einrede. Ich muss herausfinden, wo die Eisenbahngleise mich hinführen. Ich will endlich frei sein. Bitte richte meinem Vater aus, dass ich gegangen bin, und wünsche, dass wir uns nie wieder sehen. Pass gut auf dich auf, Misato-san.

In ewiger Freundschaft, Ikari Shinji."



Misato nickte. "Ja, Eisenbahngleise."

Kaoru blinzelte.

"Was zum Teufel hat er mit 'Eisenbahngleise' gemeint?" Sie drückte ihn rüde gegen die Wand "Was für Flausen hast du ihm in den Kopf gesetzt???"

Kaoru seufzte "Eisenbahngleise." sagte er "Shinji wollte fortgehen." Sein Gesicht brachte die Art von Entschuldigung zum Ausdruck, die man nicht in Worte fassen konnte. "Ich hatte nur nicht damit gerechnet, dass er es so schnell schon in die Tat umsetzten würde..."

"Du hast es gewusst, und hast mir NICHTS DAVON GESAGT?!?!" Misato schrie so laut, dass Kaoru angstvoll zusammenzuckte "VERDAMMT NOCHMAL! Ich meine, ich weiß, dass du zwar nur der Lehrer der Kinder bist, aber du wusstest davon und hast nicht mal DEN VERSUCH gemacht, es mir gestern abend zu sagen?!?"

Der Sensei nickte. "Misato, du musst mich verstehen. Der Junge war dabei hier elendig zu Grunde zu gehen! Ich wollte nicht einfach zusehen, wie man ihn hier festhält, und ihn all seiner Träume und damit auch seiner Zukunft beraubt!" Er richtete sich auf und Misato wich einen Schritt zurück. "Und genau das hättest du getan, wenn ich es dir gesagt hätte. Ihn zurückgehalten, und ihn so nur noch mehr gequält... "

KLATSCH!

Kaoru hat Misatos schallende Ohrfeige nicht mal kommen sehen, und er hielt immer noch sein schmerzendes Gesicht, als der Major ihn bereits wieder an die Wand des Korridors pinnte.

"Du dreckiger Hurensohn!" knurrte sie. "Für wen hältst du dich eigentlich?!? Du WEIßT GANZ GENAU was uns Shinji... was uns ein jedes der Kinder bedeutet! Du hast doch KEINE AHNUNG was das für uns bedeutet, wenn jetzt ein Engel angreift. Was WEIßT du denn überhaupt von Shinji... oder Asuka... oder auch Rei! Du behandelst sie, al wären sie eine Gruppe unbedeutender Versuchskaninchen, mit denen du deine drittklassigen Psycho-Spielchen treiben kannst!"

"Ich behandele sie wie normale Menschen!" verteidigte sich Kaoru. "Kennst DU sie denn überhaupt?" Er befreite sich aus dem Griff, mit dem sie ihn immer noch gegen die Wand drückte. "Sie sind immer noch Kinder, Misato! Und was macht NERV? Ihr behandelt sie wie Werkzeuge... So wie eure gottverdammten EVAs! Die Kinder sind keine Marionetten, die ihr an Fäden führen könnt!"

Misato knurrte.

"Ich habe Shinji KEINE EINZIGE Flause in den Kopf gesetzt. Ich habe ihm nur gesagt, dass er dem Ruf seines Herzens folgen soll." sagte Kaoru. "Ich weiß, wie viel dir diese Kinder bedeuteten... wie wichtig sie für uns alle sind. Aber ich werde um keinen Preis ihre Träume zerstören und sie damit zu einem Leben zweiter Klasse verurteilen, nur weil sie so verdammt kostbar und unersetzlich sind. Ich werde sie das lehren, was ich auch meinen anderen Schülern beibringe."

"Nein." sagte Misato. "Wag' es ja nicht, Freundchen. Nicht jetzt." Sie knurrte "Fang jetzt bloß nicht auf die Tour an. Fakt ist, Shinji läuft wieder vor seinen Problemen davon. Meinst du etwa, dass das gut für ihn ist?"

"Wenn er es tut, weil NERV sein Problem ist..." Kaorus Lächeln wirkte traurig. "Dann würde ich ihm sogar persönlich seine Laufschuhe schnüren."

"NERV?!?" schrie Misato. "Was zum TEUFEL hat das mit NERV zu tun?!? Was glaubst du denn, was er für mich ist? Ein Versuchskaninchen? Dieser kleine Mann bedeutet mir mehr al zig-tausend Lehrer und Offiziere zusammen! Es vergeht kein Tag, an dem mich nicht irgendeiner, den ich auf der Arbeit treffe, oder den ich kenne, fragt, wie es Shinji-kun geht. Ob er Okay ist und sich von dem letzten Einsatz schon erholt hat,- oder auch einfach nur, was er gerade macht. Bei jedem Angriff würde ich mein Leben dafür geben, ihn tausend Meilen entfernt an einem sicheren Ort zu wissen, an statt im Inneren dieses verdammten violetten Monsters!" Tränen standen in ihren Augen, aber ihre Stimme klang ebenso stark und gefasst wie zuvor.

"Misato..."

"SEI RUHIG!" schrie sie. "Es vergeht kein Tag, an dem ich mir nicht wünsche, dass er als wohlbehüteter, glücklicher, stinknormaler Junge aufwachsen kann! Er hat uns allen so viel gegeben, und so wenig dafür verlangt!" Sie beugte sich vor bis sie nur noch eine Handbreit von Kaorus Gesicht entfernt war. "Aber so laufen die Dinge nun mal nicht. Das ist keine Lektion aus einem Psychologielehrbuch,- das ist die Realität. Ich weiß ja nicht, was du als Realität betrachtest, aber für mich ist die Realität da draußen! Und da geht es um Leben und Tod! Vielleicht ist dir ja schonmal aufgefallen, dass unser aller Leben im Moment am seiden Faden hängt und uns langsam die Arme lahm werden. Na wie passt denn das in deinen Unterricht, du hochtrabendes, selbstgerechtes Arschloch! Das Leben funktioniert nicht wie eine deiner Klassenarbeiten und Überraschungstests! In der Welt da draußen hast du keine Zeit zum lernen und zum wiederholen. Da heißt es Jetzt oder Nie! Leben oder Sterben!"

Kaoru schwieg. Selbst wenn er gewollt hätte, er hätte nichts sagen können.

"Shinji ist unsere einzige CHANCE das hier zu überleben."
flüsterte Misato in einem gefährlich klingenden Tonfall. "Für ihn wird es keine Zukunft geben, wenn wir alle bei dem Angriff eines Engels draufgehen. Und da spielt es auch keine Rolle wohin deine bescheuerten Eisenbahngleise führen, oder wie lang sie sind... sie werden alle im gleichen Bahnhof enden; im Nichts. Der einzige Unterschied ist, dass du ihm falsche Hoffnungen gemacht hast... eine Illusion, an die er glauben, und mit der er seine Flucht begründen konnte. Trotzdem ist es immer noch eine Flucht... Eine Flucht, die uns da Leben kosten könnte."

Misato sah ihm in die Augen.

"Und so schwer es dir vielleicht auch fällt, es zu akzeptieren, aber ich empfinde mehr Liebe und Zuneigung für diesen kleinen Jungen, als ich sie je für dich empfinden könnte. Und das Einzige, was mich davon abhält dir hier und jetzt eine Kugel in den Schädel zu jagen ist, dass ich weiß, dass er zurückkommen wird." Misato ließ sein Hemd los und schob ihn von sich.

Als Sensei Kaoru bemerkte, dass Misato sich anschickte ihn einfach so dort stehen zu lassen, schaffte er es mit Mühe und Not einen klaren Gedanken zu fassen.

"Wa...warum glaubst du, dass er zurück kommen wird?"

Sie drehte sich um und warf ihm einen wütenden Blick zu. "Geh davon aus, dass Asuka in den nächsten Tagen auch nicht zum Unterricht erscheinen wird. Ich denke sie sind ineinander verliebt."

Wortlos blickte Kaoru ihr nach. Als er wieder vor seine Klasse trat, sah er sich den erwartungsvollen und neugierigen Blicken seiner Schüler gegenüber. Er musste schwer schlucken und fragte sich, wieviel von dem Gespräch sie wohl mitbekommen hatten.

"PMS. Sie bekommt sicher bald ihre Tage." meinte Rei leise.

Ein verwundertes Blinzeln machte die Runde, bevor sich die Schüler schließlich wieder ihren Aufgaben zuwandten.

Kaoru ließ sich in seinen Stuhl sinken. Sie waren also ineinander verliebt. 'Das ist nicht gut. Das ist ganz und gar nicht gut...' dachte er bei sich.

* * *


Shinji starrte gebannt auf seinen Fahrschein während er auf einer Bank saß und auf den nächsten Zug wartete.
Während er so durch die Straßen gelaufen war, hatte er sich gefragt, wie es wäre an einem etwas kühleren Ort zu leben. Fern ab von all den aber-tausenden lauten Zikaden und dem nicht enden wollenden Sommer....
Asahigawa auf Hokkaido, der am weitesten nördlich gelegenen Insel Japans, war zum Beispiel so ein Ort. Die Stadt lag ziemlich weit landeinwärts und war nicht den Flutkatastrophen nach dem 'Second Impact' zum Opfer gefallen.

"Ich hoffe, dass die da oben keine Zikaden haben... " murmelte er halblaut vor sich hin....

So als ob sie ihm antworten wollten, hörten die Zikaden mit einem mal auf zu Zirpen.

Shinji blickte auf und sah sich um. Er fragte sich noch, was die Insekten dazu gebracht hatte ihren Lärm einzustellen, da hörte er auch schon die Sirenen.

"Ein...ein Engel?" er blinzelte. Die Angst, dass man ihn nun wieder zurück zu NERV,- und damit zurück zu seinem Vater und EVA bringen würde, ergriff blitzartig Besitz von ihm.

Und dann schallte auch schon die ihm wohl bekannte Ansage über die verlassenen Bahnsteige:
"Ab sofort gilt für die Region Tokai der Notstand. Alle Einwohner suchen sofort die ihnen zugewiesenen Bunker auf. Danke!"

Als er sich wieder den Gleisen zuwandte, waren alle Signale von grün auf rot gesprungen, und auf den Anzeigetafeln stand <Alle Linien außer Betrieb>

Shinji Ikari saß in Tokio-3 fest.

* * *


Misato fluchte vor sich hin, während sie mit Asuka im Auto zum NERV Hauptquartier unterwegs war. Die Gebäude fuhren derweil bereits in ihre Sicherheitspositionen und die Tatsache, dass sie dazu im Boden verschwanden, während Misato durch die leeren Straßen raste, ließ es aussehen, als könne Misatos Auto fliegen. "Warum nur, warum greifen diese verdammten Dinger uns ausgerechnet JETZT an!"

Asuka schaute geistesabwesend aus dem Fenster. Sie sah so zart und verletzlich aus. Sie hatte ein wenig schlafen können, nachdem Misato sie wie ein Baby zu Bett gebracht hatte, doch ihre Gefühle trieben immer noch Schindluder mit ihrem Körper.
"Sie sind der Feind." sagte sie schließlich kühl und mit nahezu ausdrucksloser Stimme. "Und sie greifen an, wann immer es ihnen in den Kram passt."

"Wenn wir im Hauptquartier sind, dann möchte ich, dass du dort sofort in den Schutzbunker gehst." sagte Misato. "Du bist nicht in der Verfassung um zu kämpfen."

"NEIN." erwiderte Asuka und einen Moment lang blitzte ihr Kampfgeist wieder auf. "Ich muss kämpfen. Lass mich mit EVA-02 da raus gehen. Mir wird nichts passieren."

Misato schrie auf, als ein heller Blitz die Umgebung für Momente in gleißendes Licht hüllte und der erste Angriff des Engels nur wenige Häuserblöcke von ihnen entfernt einschlug. Sie hatte Mühe ihren Wagen unter Kontrolle zu halten, der von der Schockwelle erfasst, einen kurzen Moment lang abhob, und anschließend wieder unsanft aufsetzte.

Asuka sah aus dem Heckfenster und blickte hinauf zu dem kleinen schwarz-weißen Fleck, der auf sie hinab zu fallen schien. "Ich werde ihn vernichten."

Misato betete, dass Asuka recht behielt.

Die nächste Angriffswelle des Engels hätte sie genau getroffen, wären sie nicht Sekunden zuvor in einen Tunnel eingefahren, der sie auf direktem Wege hinunter in die Geofront führte.

Copyright of the Charakter by GAINAX / Text by Strike Fiss, 1999
Translated by Melissa Schneider / Edited by Christian Winkler and Markus Ehreke