Es war ein wunderbares Gefühl.
Anders konnte er es nicht beschreiben. Er war wunschlos glücklich. Er verspürte keinen Hass, keine Schmerzen, und auch nicht den Wunsch woanders zu sein.
Er war von einem hellen, wärmenden Licht umhüllt, und für einen Moment fragte er sich, ob er vielleicht in einer Badewanne mit warmem Wasser lag... und diese
merkwürdige Licht und dieses Gefühl der 'Leichtigkeit' das er verspürte, kamen vielleicht daher, dass er im Bad ausgerutscht, und mit dem Kopf auf den Boden geknallt war...
im einem Bad in NERV-Hauptquartier... im Waschraum der Männer-Umkleide...
Shinji hatte immer regelrecht Angst gehabt die Männer-Umkleide zu benutzen. Er benutzte statt dessen lieber den kleinen, spartanischen Umkleideraum für 'Jungen'. Er lag
näher am EVA-Hangar und dem Aufzug, den er immer benutzte, um das Hauptquartier zu verlassen. Erst ein Mal war er - mehr versehentlich - in die Männer-Umkleide gegangen. Sie war
nie leer und es waren immer Leute darin. An die hundert ältere Männer genossen die im Stile eines Badehauses gehaltenen Waschräume, redeten miteinander, lachten, und
ließen einfach ihre Sorgen Sorgen sein.
Doch das war etwas, dem Shinji nichts abgewinnen konnte. Auch wenn es so etwas einfaches und unschuldiges wie ein Bad war; der Gedanke, mit anderen, fremden Männern einen Raum
teilen zu müssen, während man nackt und verletzbar war, weckte in ihm ein Gefühl des Unbehagens.
Nacktheit, unbekleidet sein, die Hüllen fallen lassen... das war etwas, mit dem er sich nicht anfreunden konnte... weder in körperlicher noch in emotioneller Hinsicht.
Ganz zu schweigen von all den Männern, die ihn, den 'kleinen Jungen', wohl einfach nur auslachen würden weil er versuchte bei den 'Spielen der Großen' mitzuspielen.
Aber beeindruckend war es schon, das Bad in der Männer-Umkleide.
Es hatte eine riesige, gekachelte Badewanne, die glatt als Swimming-Pool durchgegangen wäre, wenn man von der Tatsache absah, dass sie in der Mitte gerade mal so tief war, dass man
bis zum Kinn in warmem Wasser sitzen konnte. Und wem das zu tief war, der fand am Rand des Beckens gekachelte Sitzbänke, die das Wasser so flach gestalteten, dass es selbst kleinen
Jungen von der Größe eines Shinji nur bis zur Brust reichte.
Shinji wünschte sich, dass er nur einmal die Gelegenheit bekommen würde allein in diesem Bad zu sein.
Nur er und all das wundervolle Wasser. Heißer Dampf, der seine Sorgen vertreiben würde. Eine ganz andere Welt im Vergleich zu der kalten Dusche in der Umkleide der Jungs, oder
der klitzekleinen Wanne im Appartement von Misato Katsuragi.
Und je mehr er darüber nachdachte, desto sicherer war er sich, dass er tatsächlich in dieser wundervollen großen Wanne der Männer-Umkleide liegen musste.
Sein Körper fühlte sich so warm an und ein Kribbeln ging durch jeden Muskel, als er sich entspannte und die Glieder von sich streckte. Sanft umspielte das Wasser seine
Gesichtszüge während sein Blick starr auf die weiße, helle Decke gerichtet war.
"Ich fühle mich..." Seine Stimme hallte, von unsichtbaren Wänden zurückgeworfen, nach. "Ich fühle mich zu Hause."
"Willkommen zu Hause." Die Antwort kam aus dem Nichts und war nicht lauter als ein Flüstern.
Doch irgendwie hatte sie müde geklungen. Erschöpft. Geschunden, und mit der Kraft am Ende.
Er wandte seinen Blick von der Decke ab, und drehte seinen Kopf. Seine Umgebung veränderte sich. Das helle Licht um ihn herum hatte dem Bild eines kleinen Parks Platz gemacht. Er
sah die Umrisse eines Mannes und einer Frau, die im Schatten eines riesigen Baumes neben einem Kinderwagen standen. Die Luft war frisch und klar, und voller verschiedener Düfte,- so
völlig anders als die Luft, die er von Tokio-3 mit seinem nicht enden wollenden Sommer kannte.
Er nahm an, dass vielleicht Herbst war, denn die Blätter an den Laubbäumen schienen sich gelb zu färben. Ja... so musste der Herbst ausgesehen haben... in einer Zeit vor
dem 'Second Impact'.
Die Stimme von vorhin war wieder zu hören.. Es war eine Frauenstimme, und er nahm an, dass sie zu der Frau gehörte, die gerade, mit vom Schatten verdecktem Gesicht, zum Himmel
schaute. "Mir ist nicht wohl bei dem, was wir tun..." flüsterte sie schließlich der anderen Person zu. "Es kommt mir so... verwerflich... und böse vor, dass wir un
anmaßen Gott zu spielen..."
"Und trotzdem," erwiderte der Mann mit einer Stimme... die soviel älter... weiser... aber dennoch sanft und ein bisschen müde klang,- und so ganz anders als die Stimme seine
Vaters. "Und trotzdem sagst du, dass das Ziel sei Gott zu ersetzen." Er lachte leise. "Aber was anders sollen wir denn schaffen, wenn nicht einen neuen Gott? Den Teufel?"
"Was mir Angst einjagt..." sagte sie mit sanfter Stimme. "Ist nicht die Frage ob wir erfolgreich sein werden oder nicht... EVA muss einfach ein Erfolg werden." Eine lange Stille. "Wa
mir Angst macht ist die Frage, ob er begreifen wird, welche Chance ihm da in die Hände gegeben wird. Und was er dadurch erreichen kann.."
EVA. Wohl bekannte Worte. Vertraute Gefühle. Schmerz, aber auch Wärme und etwas anderes...
"Könnte überhaupt jemand verstehen, was wir dadurch erreichen können?" fragte die männliche Stimme. Sein Schatten näherte sich der Frau, wahrte aber dennoch
etwas Distanz. "Was wir planen reicht weit über die Grenzen des Verstandes normal Sterblicher hinaus. Und unsere Worte sind nichts als die verfälschten und angepassten Worte
anderer."
"Aber EVA ist unsere Zukunft. Wir müssen akzeptieren, dass es keinen anderen Weg gibt." sagte sie, und wandte sich dem Kinderwagen zu. Die Arme eines kleinen Jungen reichten hinauf
zu der Frau und sein Kichern war zu hören. "Selbst in 500 Milliarden Jahren... nachdem die Erde, der Mond, sogar die Sonne verloschen sind, wird es EVA immer noch geben. " Sie
schüttelte den Kopf. "Auch wenn es sehr einsam sein wird... so lange die menschliche Seele noch lebt... wird EVA existieren... Für alle Zeiten ein Zeugnis, dass es uns Menschen
gab."
Der Mann lachte kurz. "Yui... worin liegt da der Sinn?"
Yui... Mutter...
"Welche menschliche Seele könnte ohne andere Seelen überleben? Welche Seele würde es sich wünschen bis in alle Ewigkeiten allein zu sein?"
"Würde es überhaupt einen Unterschied machen, Sensei?" Yui wandte sich dem älteren Mann zu. "Sie wissen doch selbst, welches Ziel die Alten Männer verfolgen. Doch am
Ende wird sich zeigen, das alles sinnlos war. So sinnlos wie die Ziele die so manch anderer verfolgt... Alles wird auf das Gleiche hinauslaufen."
"Und welchen Unterschied macht es dann für uns, Yui?" fragte er und seufzte. "Was ist mit diesen Augenblicken... der Vergangenheit... Momente aus einer Zeit ohne EVA. Wird so etwa
jemals wieder existieren können? Oder wird es nur eine Erinnerung sein?"
Ein Blitz.
Blitz!
BLITZ!
Gehen. Mit einem Mal kam es ihm vor als würde er gehen.
"Wohin gehst du?" fragte eine Stimme. Er brauchte einen Moment bis ihm klar wurde, dass es seine eigene Stimme war, die da zu ihm sprach.
"Ich gehe fort." antwortete er.
"Wohin wirst du gehen?"
"Weg von EVA." antwortete Shinji entschlossen. "Weg von all dem Schmerz."
"Welchem Schmerz?" fragte die Stimme. "Ich sehe hier nichts, das dir Schmerzen zufügt."
"Das mag sein." sagte Shinji, während er auf seinem Weg durch die verlassenen Straßen von Tokio-3 unentwegt nach der Quelle dieser Stimme Ausschau hielt. "Schmerz kann einem
von Außen zugefügt werden, - er kann aber auch von Innen heraus kommen. Auch durch Dinge, die auf den ersten Blick alles andere als Schmerz zu verursachen scheinen."
"Wenn das so ist, warum läufst du dann vor Dingen weg, die dir Freude und Vergnügen bringen?"
"EVA hat mir kein Vergnügen oder Freude gebracht..." sagte Shinji "EVA hat nur Schmerz und Leid gebracht..."
* * *
Zwei der größten Streithähne von Tokio-3 beobachteten stumm die Reinigung von Einheit-01.
Toji war fast ausgerastet, als er gehört hatte, was Shinji passiert war. Man hatte ihm eine unglaubwürdig klingende Geschichte erzählt und gesagt dass Shinji irgendwie in
Einheit-01 'fest säße'. Alles was ihn davon abgehalten hatte nicht das gesamte Mobiliar zu zertrümmern, war die Tatsache, dass er im Moment eine Krücke brauchte um
Laufen zu können. Die Nervenbahnen in seinem Bein hatten zwar keinen Schaden genommen, aber die unkontrollierten Bewegungen aufgrund der abrupten Trennung der Nervenimpulse hatte zu
einigen, leichten Knochenbrüchen geführt.
Asuka war es in dieser Hinsicht sehr viel besser ergangen, und sie hatte lediglich eine Kratzwunde und einen kleinen Schnitt auf der Wange abbekommen, der von dem unkoordinierten und
überhasteten Rettungsversuch der NERV-Techniker herrührte. Trotzdem aber sah sie weitaus angeschlagener als Toji aus, und ihr Kopf war wie leergefegt. Ihr Gesicht war
ausdruckslos wie eine Maske, und sie gab sich ungewohnt, ja, beinahe schon beängstigend ruhig und gelassen, - ein Verhalten, das so ganz und gar nicht zu ihr passte.
"Wo glaubst du ist er?" Seit sie dort standen war Toji diese Frage schon ein gutes Dutzend Mal durch den Kopf gegangen, doch Asuka hatte bisher nie den Eindruck gemacht, dass sie an
einer Unterhaltung mit ihm interessiert wäre. Jetzt aber hatte er sich endlich ein Herz gefasst und es einfach ausgesprochen.
Asuka starrte auf das Gesicht von Einheit-01. Die Panzerung war komplett entfernt worden, da man sie zur Reparatur an eine andere Abteilung hatte übergeben müssen. Weiße
Bandagen von fast einem Meter Breite waren um den gesamten Kopf gewickelt worden, und bedeckten nun die 'Haut' dieser Kreatur. Der lippenlose Mund von EVA-01 war zu einem verspottendem
Lächeln erstarrt, und seine Augen starrten geradeaus, ohne auch nur einmal zu Blinzeln, aber dennoch irgendwie lebendig und voller Leben.
"Sie hat ihn." antwortete Asuka schließlich.
"Wie meinst du das?" Toji blinzelte verwundert. Mit dieser Antwort hatte er nicht gerechnet... ehrlich gesagt... hatte er überhaupt keine Antwort erwartet.
Sie wandte sich Toji zu und hatte ein kleines, wissendes Lächeln aufgesetzt.
Ein Lächeln, dass ihm Angst einjagte.
"EVA hat Shinji jetzt." flüsterte der Rotschopf. "Er hat versucht sie zu verlassen, und darum hat EVA ihn zurück geholt, und wird ihn jetzt nicht mehr loslassen."
Völlig entgeistert beobachtete er, wie eine Träne Asukas Wange hinunter lief.
"A...Asuka... das glaube ich nicht. Er kommt schon wieder in Ordnung. Alles wird gut werden. Du wirst sehen.."
Sie schüttelte den Kopf, und wandte sich wieder dem Fenster zu. Einige Stockwerke unter ihnen standen Ritsuko und Misato auf dem Laufsteg vor dem, mehr einer Mumie gleichenden, Kopf
von Einheit-01.
"Nein. Nichts wird gut werden." flüsterte sie traurig. "EVA wird ihn freiwillig nicht gehen lassen."
Toji seufzte, drehte sich um, und humpelte auf seine Krücken gestützt davon. "Nur weil EVA dich in ihren Bann gezogen hat, heißt das noch lange nicht, dass sie Shinji
auch gefangen hält." Als er noch einmal zurück sah, war sein Gesichtsausdruck ernst, und irgendwie von Stolz erfüllt. "Und mich wird sie erst recht nicht kriegen. Darauf
kannst du wetten."
* * *
Er war im Klassenzimmer...
..obwohl der reguläre Unterricht schon lange vorbei sein musste... Immerhin tauchte das Licht der Abendsonne die Wände und die Schulbänke bereits in tief rotes Licht.
Shinji fragte sich, warum er so spät am Tag noch im Klassenzimmer saß. Eigentlich war er nur äußerst selten so lange in der Schule.
Der Schatten einer Person zeichnete sich auf der Tafel ab; er war zu schmächtig um sein Vater sein zu können, aber auch zu aufrecht und groß für seinen alten Lehrer.
Sensei Kaoru. Ja, es musste sein Schatten sein...
"Warum bist du zurückgekehrt?" fragte die Erscheinung in einem Tonfall, der Shinji viel zu sehr an seinen Vater erinnerte.
"Ich bin der Pilot von Einheit-01." erklärte Shinji knapp.
"Warum bist du zurückgekehrt?" fragte Kaoru von Neuem, während er zu Shinji trat, und sich neben ihm an ein freies Pult setzte. "Keiner hat dich gezwungen zurück zu
kommen. Warum bist du zurück gekommen, wenn es dir doch nicht leid getan hat, dass du fort gegangen bist?"
"Mir tut es auch nicht leid, dass ich zurück gekommen bin." erwiderte Shinji mit sanfter Stimme. "Ich habe diese Entscheidung aus freien Stücken heraus getroffen. Und ich
bedauere sie nicht."
"Aber du bedauerst auch nicht, dass du fort gegangen bist." sagte Kaoru.
"Richtig." Shinji nickte. "Weil man mich nicht dazu gezwungen hat fort zu gehen. Ich war weder gezwungen zu gehen, noch gezwungen zu bleiben. Ich habe es mir ausgesucht. Es war meine
freie Entscheidung."
"Warum bist du dann zurück gekommen?"
"Alle werden sterben, wenn ich nichts dagegen unternehme." flüsterte Shinji "Und das will ich nicht."
"Warum nicht?" frage Kaoru mit einem zynischen Unterton in der Stimme. "Um dich herum ist überall nur Schmerz. Jeder um dich herum nutzt dich aus und kümmert sich nur um sich
selbst. Wie kannst du sicher sein, dass sie dich nicht für ihre Zwecke manipulieren, und deine 'freie Entscheidung' nicht Teil ihres Planes ist?"
Ein Moment der Stille setzte ein, und alles, was Shinji schließlich sagen konnte war: "Da kann ich nicht sicher sein. Was ich aber mit Sicherheit weiß ist, dass ich am
glücklichsten bin, wenn ich selbst wählen kann."
"Was ist mit den anderen? Sie bringen dir nur Schmerzen." behauptete Kaoru.
"Misato-san ist mein Freund, und mein Vormund." erwiderte Shinji nicht ohne Stolz. "Wenn sie mir Leid zufügt, dann macht sie es nicht absichtlich."
"Aber nichtsdestotrotz fügt sie dir Leid zu. Sie verhält sich dir gegenüber nett und freundlich, weil es ihre Aufgabe ist, und sie es tun muss."
"Toji-san und Kensuke-san sind meine Freunde." fuhr Shinji fort. "Sie sind meine Klassenkameraden und sie fügen mir kein Leid zu."
"Eine Kameradschaft, aus Verzweiflung geboren." meinte Kaoru. "Die Veteranen einer immer leerer werdenden Klasse."
"Asuka-chan." sagte Shinji. "Sie sorgt sich um mich, sie macht sich etwas aus mir, und ich liebe sie. Sie sagt mir immer nur die Wahrheit, respektiert meine Ansichten, und schätzt
meine Fähigkeiten."
"Eine kindliche Schwärmerei." entgegnete Kaoru. "Eine Träumerei, die nicht Bestand haben kann. Sie wird bei Zeiten vergehen, und alles was dir dann bleiben wird, ist ein
gebrochenes Herz."
"Sensei... Sie bedeuten mir auch sehr viel..." fuhr Shinji fort. "Sie haben mir beigebracht, für mich selbst zu denken, und an meine Zukunft. Sie haben mir gezeigt, dass ich eine
Zukunft habe."
Der Gesichtsausdruck der Schattengestalt verfinsterte sich und ihre Brille funkelte rot im Licht der Abendsonne. "Das ist nur mein Job. Du hast keine Zukunft, Shinji Ikari. Es war eine
Lüge, ein Wunschtraum."
Shinji nahm es erstaunlich gelassen. "Und dennoch bedauere ich nicht, es geglaubt zu haben. Auch wenn es Lügen und Halbwahrheiten waren, die Sie mir erzählt haben, waren sie
doch mein Grund, - meine Wahrheit."
"Baka."
Der Schatten wuchs. Er wuchs schlagartig, und hüllte mit einem Mal ihn und den gesamten Klassenraum ein. Und alles was übrig blieb, war das Gefühl auf dem kalten
Plastikstuhl seines Pultes zu sitzen.
"Dann bleib' hier. Bleib' hier in deiner ach so perfekten Welt." knurrte die Stimme. "Bleib' hier und verrotte in diesem Sumpf aus Lügen und Selbstbetrug."
Shinji riss seine Augen auf. "Das kann ich nicht."
"Warum nicht, Shinji Ikari? Hier gibt es nichts vor dem du weglaufen musst. Du bist in deinem selbst erschaffenen Paradies..." sagte Kaorus Stimme, die mit einem Mal von allen Seiten zu
kommen schien. "Warum machst du dir jetzt noch Sorgen?"
"Sie verstehen es nicht!" schrie Shinji. "Das hier ist nicht, was ich will!"
Stimmen. Viele Stimmen, und doch alle im Einklang, sprachen mit einem Mal zu ihm...
"Was willst du dann?"
Ein Lichtblitz.
"Ich will andere schützen." flüsterte Shinji. Er spürte wieder wie er die Wand des Kontrollzentrum mit den Fäusten durchschlug. Er war wieder zurück in
Einheit-01, mitten im Kampf gegen den letzten Engel.
Es passierte so unglaublich schnell. Der Staub hatte sich noch nicht einmal gelegt, da ging er schon von seiner Wut getrieben auf den Engel los. Auf die Engel. Alle Engel, gegen die er
bisher gekämpft hatte. Wie ein Besessener, gefangen in wilder Raserei, schlug er um sich... immer wieder... mit nur einem Ziel... die Engel zu töten.
Töten.
Töten.
Feind.
Den Feind töten.
Den Feind zerstören.
Beschützen.
"Mutter..." flüsterte Shinji, als die Bilder der vergangenen Kämpfe vor seinem geistigen Auge abliefen. "Hilf mir... hilf mir zu kämpfen..."
"Was willst du beschützen?" fragten die Stimmen.
"Was willst du beschützen?" fragte Kaorus Stimme.
"Warum bist du hergekommen?" kam die Stimme seines Vaters.
"ICH BIN SHINJI IKARI!"
Kämpfen.
Töten.
Kämpfen. Kämpfen. Kämpfen. Kämpfen. Töten. Zerstören. Vernichten. Schlagen. Schlagen. Schlagen. Stirb. Stirb! STIRB! STIIIRB! STIIIIIIIRRRRRRBBBB DU
HUNDESOHN!!!
Zusammengekauert in einer Ecke sitzend... ging es ihm immer wieder durch den Kopf. "Niemand macht sich etwas aus mir... sollen sie doch alle...
Sterben...
Einfach sterben.
Verschwindet.
Lasst mich allein!"
Und dann... sah er, wie der abgetrennte Kopf von Einheit-02 in den Schutzbunker einschlug.
EVA... Ein Zeichen... EVA wollte ihn zurück... EVA rief nach ihm...
Bitte. Bitte komm zurück...
Kämpfe zusammen mit mir, Shinji.
Kämpfe zusammen mit mir, Mutter.
Hilf mir, Shinji.
Hilf mir, Mutter.
Sie werden niemals gewinnen. Ich werde dich niemals sterben lassen.
Er darf nicht gewinnen. Bitte hilf mir, sie zu beschützen.
Wen beschützen?
Asuka.
Warum?
"Ich liebe dich."
Ein Lichtblitz...
Shinji öffnete seine Augen. Die Helligkeit, die ihn mit einem Mal umgab, blendete ihn, doch das war normal und wenig verwunderlich. Immerhin war er Minuten... Stunden... oder sogar
Tagelang... in einer Welt von schattenhaften und dunklen Erscheinungen gewandelt war....
Als er sich an das Licht gewöhnt hatte, erblickte er einen kleinen Junge, der im Sand spielte.
Eine besorgte Mutter sah auf das Kind hinab und lächelte. "Shinji... weißt du was du tust?"
Die Antwort des Jungen war ein Spiegelbild seiner Gedanken... Nein... er selbst war mit einem Mal dieser Junge...
"Ich weiß es, Mutter." flüsterte Shinji und schaute zu ihr auf. "Ich liebe sie."
"Gemeinsam werden wir sie beschützen." flüsterte Yui.
"Aber ich kann nicht hier bleiben." erwiderte Shinji. In der Ferne zwitscherten Vögel.
"In der Welt dort draußen, wirst du wieder Schmerz empfinden."
"Dort draußen werde ich aber auch Liebe finden." Shinji lächelte seine Mutter an. "So wie hier."
Ein langgezogener Seufzer.
"Dann hast du dich also entschieden?" fragte sie.
"Das habe ich." Shinji nickte. "Und ich werde für dich da sein, und dir helfen, wann immer ich kann. Ich werde nicht mehr fort laufen."
Sie lächelte... und nickte schließlich.. "Gut. Aber reicht dir das?"
"Ja." antwortete Shinji, und fand sich plötzlich in seinen Einsatzanzug gekleidet wieder. "Es ist mein Grund zu kämpfen, und deshalb reicht es aus."
"Auch bei all den Schmerzen, die dich erwarten?"
Shinji nickte. "Auch bei all den Schmerzen." antwortete er und seufzte. "Das ist alles nur ein unbedeutender Preis, dafür, dass ich sie wiedersehen kann." Er schmunzelte.
"Dafür, dass ich sie alle wiedersehen kann..."
* * *
Wasser.
Licht.
Plötzlich war Shinji zurückgekehrt zu dem Ort, an dem seine Reise begonnen hatte...
Er aalte sich in der riesigen, gekachelten Wanne seiner Traum-Umkleide und schaute an die Decke... Es war mittlerweile ein vertrauter Ort... Vertraut, obwohl er erst ein Mal dort gewesen
war. Ein Ort, erfüllt mit der wohltuenden Wärme von heißem Wasser und Dampf.
Sanft legte sich eine Hand auf seine Schulter. Etwas in seinem Inneren riet ihm, erschrocken zu sein, doch er war es nicht. Es war ein vertrautes Gefühl. Das gleiche Gefühl,
das er verspürte, wenn Ayanami ihn seiner Nähe war...
Shinji war jedoch recht überrascht als er feststellen musste, dass nicht Rei neben ihm saß, sondern vielmehr ein junger Mann, der merkwürdiges, graues Haar und die
gleichen, durchdringenden, rubinroten Augen, wie Ayanami hatte.
Der Mund dieses jungen Mannes bewegte sich... und wie es schien redete er über irgendetwas... und er gestikulierte...
Doch Shinji konnte ihn nicht hören. Kein einziges Wort erreichte seine Ohren... Aber dennoch kannte er die Worte, und wusste wovon der junge Mann neben ihm sprach...
Und plötzlich fiel ihm alles wieder ein. Er erinnerte sich...
"Shinji."
"Shinji-kun."
"SHINJI-KUN!"
"SHINJI!!!!!!"
Er schnappte nach Luft, und ein Schwall LCL schoss aus seiner Nase und seinem Mund als er husten musste. Unter sich spürte er die eisige Kälte von Metall, und um ihn herum war
wenig wärmendes, bläuliches, künstliches Licht....
Er gab sein Bestes und versuchte sich so gut es ging an der neu gefundenen Wahrheit und den Erinnerungen festzu-klammern...
...doch als Misato schließlich ihre Arme um seinen nackten, klatschnassen Körper schlang, ihn fest an sich drückte, und vor Dankbarkeit über seine Rückkehr
weinte... da spürte Shinji Ikari wie ihm die gerade erst gefundene Wahrheit immer weiter entglitt... und sich auflöste,- so wie Eis, das unter dem Einfluss menschlicher
Wärme dahin schmolz...
Und einen Moment später war er nichts weiter als ein bewusstloser junger Mann in Misatos Armen, der ein Lächeln auf seinem Gesicht trug.
Mit unbewegten Augen starrte Einheit-01 die beiden an. Sein Pilot war wieder frei... und alles Weitere würde sich erst noch zeigen.