[Drei Wochen zuvor]
Mit der Dunkelheit kamen immer auch die Erinnerungen.- Und mit ihnen die Bilder, die mit einem Mal ihren Kopf überfluteten. Der Korridor war menschenleer. Alle Lampen waren
ausgefallen, und einzig und allein die Notbeleuchtung und ein schwacher Lichtschein, der von einem Raum am Ende des Ganges ausging, spendeten etwas Licht.
Asuka fühlte sich taub, empfindungslos, kalt und leer, als sie über den mit Fliesen verkleideten Boden ging. Bei jedem dritten Schritt oder so, fragte sie sich wie e
wäre, sich einfach im Schutze der Dunkelheit dieses Korridors zu verkriechen, und zu sterben... Sterben und einfach aufhören zu existieren, damit dieses Gefühl, nicht mehr
länger existieren zu wollen, endlich verschwinden würde.
Die Sicherheitskräfte von NERV waren sicherlich angewiesen worden, den Piloten auf Schritt und Tritt zu folgen, und sie keine Sekunde lang aus den Augen zu lassen. Aufgeschreckt
durch Shinjis 'Unfall' wollte wohl keiner riskieren, dass auch den anderen Piloten noch etwas zustößt. Andererseits musste man wohl auch verhindern, dass die Piloten mit den
falschen Leuten redeten, und so Geheimnisse über die Vorfälle nach Außen gelangen würden...
Und nicht zuletzt waren sicher auch etliche Sicherheits-leute im Einsatz, die den Auftrag hatten, Asuka vor sich selbst zu schützen...
Immerhin war Misato nicht dumm. Sie konnte Eins und Eins zusammenzählen, und kannte ihre Vorgeschichte genau. Wem machte sie überhaupt etwas vor! Selbst Toji musste ihr Zustand
aufgefallen sein, und vielleicht hatte sogar er Misato geraten, ein Auge auf den selbstmordgefährdeten 'Roten Teufel' zu werfen.
Asuka seufzte als ihr klar wurde, dass die Sicherheitsleute wohl selbst vor der Damen-Umkleide keinen Halt machen würden... Wenn sie zu lang in diesem Gang verweilen würde
kämen sie sicherlich ohne Rücksicht auf Privatsphäre hineingestürmt, um nach dem Rechten zu sehen. Die Zeit, die ihr bis dahin noch blieb, würde nicht reichen, um
zu verbluten... und außerdem hatte nichts bei sich, das scharf genug wäre, um sich damit die Pulsadern aufzuschneiden...
Der Gang weitete sich und gab den Blick auf das Ziel ihres Fußmarsches frei... das große Schwimmbecken im NERV Hauptquartier. Es war eine Schwimmhalle mit einem Becken von
wahrhaft Olympischen Ausmaßen. Jetzt, da die Nachtschicht begonnen hatte, und die meisten Büros unbesetzt waren, war auch hier die Beleuchtung auf ein Minimum reduziert worden.
Dennoch ging ein merkwürdiges Leuchten von dem Becken aus, das die Halle in ein warmes, bläuliches Licht tauchte, und faszinierende Lichtspiele zauberte. Die Luft war feucht und
irgendwie dazu geeignet die Lebensgeister zu wecken, zumal nur ein Hauch von Chlor Zeugnis von der Künstlichkeit dieser Wasseransammlung ablegte.
Sie fragte sich, warum Ayanami so verrückt danach war, ständig schwimmen zu gehen. Bei den ganzen Sync-Tests und Einsätzen schwammen sie doch ständig in irgendwelchen
Flüssigkeiten herum...
Doch als sich Asuka langsam in das Wasser am flachen Ende des Beckens gleiten ließ, wurde ihr der Unterschied bewusst.
Es war kein LCL.
Es war nicht dieser nach Blut riechende, organische Schleim, in dem sie drei Mal die Woche - oder noch öfter - untertauchen mussten...
Nein,- es war Wasser. Klares, sauberes Wasser. Einfach nur Wasser, unverdorben und beruhigend für Körper und Geist.
Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht... wohl das Erste seit etlichen Tagen...
"Was meinst du... Ob meine Brüste auch größer werden, wenn ich sie erwärme?"
Shinji hatte ja so schrecklich verlegen ausgesehen. Ein Bild für die Götter! Selbst damals, als er in ihren Augen nicht mehr als der 'Baka-Shinji' war, hatte sie Dinge an ihm
geliebt. Zum Beispiel die Art, wie er stets versuchte nicht auf ihren Körper zu starren, aus Angst, dass sie ihn dafür schlagen würde...
Ihr Lächeln verschwand allmählich von ihrem Gesicht. Damals waren sie glücklich gewesen. Mehr oder weniger. Sie waren ein großartiges Team gewesen! Sogar Rei hatte
sich nahtlos eingepasst und ihnen geholfen. Doch jetzt? Shinji war fort... von seiner eigenen Kampfmaschine verschluckt.
Die Videoaufzeichnungen.
Sie würde die Bilder nie vergessen können... Die Überwachungskameras im 'Central Dogma' hatten den ganzen Angriff des Engels aufgezeichnet, - auch nachdem die Hauptsysteme
größtenteils ausgefallen waren...
Misato hatte ihnen zuvor bereits erzählt, wie sie den Angriff erlebt hatte, - und das allein war bereits beängstigend genug gewesen. - Doch den ganzen Vorfall
anschließend an Hand der Videoaufzeichnungen mit eigenen Augen sehen zu können, war noch furchteinflößender gewesen. Die Art wie Shinji einer Explosion gleich durch
die Wand des Hangars gebrochen war... und die Entschlossenheit mit der er auf den Engel losgegangen war, hatten Asuka zutiefst erstaunt... und auch erschreckt...
Sie hatte schon früher von solchen Ausbrüchen bei ihm und seinem EVA gehört; - Damals, als er im Alleingang den dritten Engel vernichtet hatte...
Jedermann hatte angenommen, dass Shinji eine Art Nerven-zusammenbruch oder geistige Ohnmacht erlitten hatte, die in irgendeiner Form die animalischen, ungezähmten Instinkte des EVA
freigesetzt hatte...
Und Asuka hatte zuerst angenommen, dass diese Erklärung auch für Shinjis Kampf gegen den letzten Engel zutreffen würde...
Doch dann... hatte Shinji gesprochen. Es war kein Schreien gewesen und er hatte auch nicht wie in Trance immer die gleichen Worte wiederholt... Nein, er hatte ganz gezielt Misato
angesprochen, und sie gebeten die Aufzugsplattformen der EVAs auszulösen... Und das ließ nur einen Schluss zu; Shinji musste die ganze Zeit über bei vollem Bewusstsein
gewesen sein... den ganzen Kampf über... auch, als der Engel seinen Arm zerfetzt hatte...
Und da wurde Asuka klar, dass das 'Third Children' in der Tat beeindruckend war. Er war etwas Besonderes, und der Erfolg in seinem ersten Kampf war kein Glückstreffer oder Zufall
gewesen... Er war nicht unter der Last der Verantwortung zusammengebrochen und durchgedreht...
Shinji hatte seine Gegner bei vollem Bewusstsein in Stücke gerissen.
Aber... andererseits... konnte er auch so sanft sein. Wenn sie zusammen waren, dann war er so zärtlich und so mitfühlend. Und selbst wenn sie ihn des öfteren auf eine
Weise verletzte, wie es kein Engel konnte,- so hob er doch nie die Hand gegen sie, oder brüllte sie an...
Sie ließ sich ins Wasser sinken, und als ihr Kopf untertauchte stiegen ein paar Luftbläschen auf...
Sie verharrte einen Moment lang, bevor sie wieder auftauchte...
Und als Dank für all seine Mühen, hatte Einheit-01 ihn aufgefressen.
Oh, sie konnten sagen, was sie wollten... Sein Verschwinden glorifizieren, und tausendmal sagen, dass er noch lebte und nur 'Absorbiert' worden war. Fakt war doch, dass Einheit-01 seinen
Piloten wieder haben wollte...
Sie wollte, dass Shinji blieb. Für immer...
Der Umstand, dass Shinji die erste Chance von EVA wegzukommen genutzt hatte, hatte dem Biest klar gemacht, dass es ihn mit allen Mitteln an sich binden musste... nötigenfalls mit
Gewalt,... und in dem es ihn auffraß.
Und das war es, was Asuka maßlos ärgerte. Es war so unfair. Sie... ja sie musste bleiben. EVA war ihr Ein und Alles. Doch Shinji, - er war von EVA gezwungen worden. Selbst
nachdem er den Mut aufgebracht hatte fort zu gehen, und seinen Vater, und das alles hinter sich zu lassen...
Das Wasser, das sie umgab brachte keine Beruhigung für ihren Geist. Es machte alles nur noch viel schlimmer... Kleine Wellen, die vom Beckenrand her auf sie zuliefen, trugen
nämlich nicht nur ihre eigenen Gedanken zu ihr zurück, sondern waren gleichsam auch das Echo eines Seufzers, und das Sinnbild all der Sorgen, die ein Besucher vor ihr versucht
hatte loszuwerden. Herrenlose Sorgen, die sich, getragen von dem Wasser, nun ihrer zu bemächtigen schienen...
Sie würde auch hier keine Ruhe finden.
Warum konnte man sie nicht einfach in Ruhe lassen? Einfach in Ruhe ... sterben ... lassen.
Sterben.
Vielleicht könnte sie sich ja einfach im Becken ertränken? Vielleicht hatte sie ja Glück und man beobachtete sie im Moment gar nicht. Vielleicht nahm man ja an, da
nichts Schlimmes passieren würde, wenn man sie eine halbe Stunde oder so unbeaufsichtigt Schwimmen lassen würde... Eine halbe Stunde, nach der alles zu spät
wäre...
Es wäre einfach. Sie war es gewohnt Flüssigkeit in ihren Lungen zu haben... und nach den ersten drei oder vier Atemzügen unter Wasser würde es bereits beginnen...
Es wäre ein passender Tod... So hatte sie sich das Sterben im Inneren eines EVA immer vorgestellt... Allein, kalt... gefangen in der Zugangskapsel; einem mit LCL gefüllten,
metallenen Sarg, der sie auch dann noch umgeben würde, wenn die Welt um sie herum zu Staub zerfallen war.
Asuka wusste dass dies der einzige Weg wäre, auf dem sie EVA entkommen konnte...
Sterben...
EVA würde sie so lange quälen, bis sie bereit war zu sterben. So wie EVA es bereits mit ihrer Mutter getan hatte...
Asuka fragte sich, warum ihr dieser Gedanke keine Angst machte. Warum war sie nicht einmal beunruhigt? Warum machte sie noch nicht einmal den Versuch diese Gedanken zu
verdrängen?
Nicht einmal in dem Moment, da sie sich schließlich in das Wasser gleiten ließ...
Doch inzwischen war ihr alles egal. Was hatte sie denn noch zu verlieren? Shinji hatte sie verlassen... und war zurückgekehrt, nur um ihr ein zweites Mal genommen zu werden... so
als ob jemand sagen wollte "Warum hast du ihn diesmal nicht festgehalten? Du hast schon wieder versagt..." Ja, versagt, das hatte sie. Sie war vorgeführt worden. Ihr ganzer Stolz und
all das wofür sie so hart gearbeitet hatte, war ihr mit einem Mal genommen worden... Und es hatte nicht einmal lange gedauert... nur die paar Millisekunden, die es brauchte die
Nervenverbindungen zu ihrem EVA zu trennen... und nur Augenblicke bevor der Rasierklingen-scharfe Arm des Engels den Kopf ihres EVAs abgetrennt hatte... Ja, sie hatte es überlebt,
doch nur weil Misato wußte, dass sie versagen würde. Sie hatte es überlebt, nur um sich später von Männern in Schutzanzügen retten zu lassen, die sie wie
ein kleines Baby behandelten.
Mama hatte sie verlassen...
Shinji hatte sie verlassen...
Ja, sogar der Teil von ihr, der bestimmte wer sie war, hatte sie verlassen...
Nichts war geblieben...
Sie lächelte, während sie immer weiter in das Becken hinein watete, und das Wasser um sie herum zu tief wurde um darin stehen zu können... Sie ließ sich auf den
Boden sinken...
Sie würde warten, bis es zu spät war, und sie nicht anders konnte als ihre Lungen mit dem sauerstoffarmen Wasser zu füllen. Das Licht der gedämpften Deckenbeleuchtung
brach sich in den Wellen der Wasseroberfläche... es war ein Lichtspiel... so friedlich und beruhigend...
Es wäre ein schöner Tod, fand sie. Ein besserer Tod, als der im Inneren ihres armen, gebeutelten EVA... Es wäre besser jetzt zu sterben, als noch einmal eine solche
Schmach ertragen zu müssen...
Es war besser, zu sterben, als sich an die Liebe zu erinnern, die sie so achtlos weggeworfen hatte... Eine Liebe, die sie vor einer Woche noch unbeschreiblich glücklich gemacht
hatte. Eine Liebe, von der sie sich losgesagt hatte, nur um in einer mechanischen Puppe sterben zu können.
Nein.
Dies hier wäre viel besser...
Sie war bereit den ersten, und zugleich letzten Atemzug zu tun...
... als sie einen Schatten über sich hinweg huschen sah. Eine Gestalt, die vom Beckenrand absprang, und mit der Schnelligkeit und Präzision eines olympischen Schwimmers nach
kurzer Flugphase makellos ins Wasser eintauchte. Ein Blitz aus weißer Haut und blauen Haaren...
Asukas Augenbrauen begannen bedrohlich zu zucken, als Rei Ayanami sie bemerkte, und auf sie zu geschwommen kam.
'Warum muss Rei ausgerechnet jetzt auftauchen?' fluchte der Rotschopf in Gedanken 'Mein schönes, perfektes, kleines Todesszenario!- Ruiniert von diesem Wunderkind!'
Rei tauchte auf den Boden des Beckens hinunter. Als sie auf gleicher Höhe mit Asuka, starrte sie den Rotschopf mit einem seltsamen Ausdruck von Neugier an. Ihre rubinroten Augen
leuchteten im Wasser.
Asuka versuchte noch zurück zu starren, doch ihr ganzer Körper schrie mittlerweile förmlich nach Luft. Panisch riss sie ihre Augen auf, und ließ sich von ihrem
Selbst-erhaltungstrieb leiten, der sie dazu zwang mit hastigen Bewegungen die rettende Oberfläche zu erreichen... Egal, angesichts der Zuschauer, die sie bekommen hatte, hätte
sie ihr Selbstmord-Vorhaben ohnehin nicht durchziehen können...
Als Rei auftauchte, schnappte Asuka bereits hektisch nach Luft, um ihren Körper wieder mit Sauerstoff zu versorgen...
"Es ist nicht klug so lange den Atem anzuhalten." stellte das blauhaarige Mädchen mit emotionsloser Stimme fest.
Asuka knurrte. "Toll. Hast du wohl in der Schule gelernt, was? Großartig Wunderkind! Wirklich großartig!"
Die beiden Mädchen schwammen langsam Seite an Seite zum Beckenrand, wobei die düsteren, stechenden Blicke aus Asukas Augen stets von neugierig funkelnden roten Augen
beantwortet wurden.
"Bist du ersetzbar?"
Asuka blinzelte verwundert. Einen solchen Satz hatte sie nun wirklich nicht erwartet. "Was?" Sie hustete. "Was zum Teufel soll das denn jetzt heißen?"
Ihre Verwunderung über diese merkwürdige Frage aber sollte noch größer werden... denn Rei schien mit einem Mal ungemein verlegen zu sein. Ihre Wangen hatten eine
tief rosa Farbe angenommen,- so als ob sie etwas falsches gesagt hätte,- oder etwas, das sie besser nicht hätte sagen sollen. "Ich.. es tut mir leid." Sie machte eine Wende und
schwamm davon. "Wir sehen uns dann später..."
Asuka blinzelte. Jetzt war sie endgültig verwirrt. "Warte!" Sie runzelte die Stirn und schwamm Rei nach. "Halt doch mal! Sag schon! Ich will es wissen !"
"Es ist schon gut. Ich habe einen Fehler gemacht." antwortete Rei besonnen, während sie mir spielerischer Leichtigkeit durch das Wasser glitt.
"WOMIT hast du einen Fehler gemacht?!?!" wollte Asuka wissen. "Du hast mich doch nur gefragt 'Ob ich ersetzbar bin'! Was für einen riesigen Fehler kannst du schon begehen, wenn du
mir einfach nur eine Frage stellst?!"
"Ich habe aus den falschen Gründen gefragt." antwortete Rei geheimnisvoll. "Und dafür muss ich mich entschuldigen."
"Ich habe schon mitbekommen, dass du dich entschuldigst." entgegnete Asuka. "Aber ich will trotzdem wissen, was du gemeint hast!"
Asuka hatte ein wenig Mühe mit dem Tempo mitzuhalten, das Rei vorlegte. Ayanami war eine ausgezeichnete Schwimmerin, was wohl hauptsächlich daran lag, dass sie so unglaublich
viel Zeit in diesem Becken verbrachte. Asuka verfluchte sich dafür, dass sie mit ihrem Auftauchen nicht gerechnet hatte.
"Es tut mir leid." Rei schüttelte den Kopf.
"Jetzt ist aber gut mit dem Entschuldigen! Du hörst dich ja schon wie Baka-Shinji an!" schrie Asuka.
Der Widerhall ihrer Worte ließ sie beide anhalten.
Rei ließ sich einen Moment lang treiben und drehte sich dem Rotschopf zu. "Du bist traurig, denn Ikari-kun ist nicht da."
"Ja..." Asukas Antwort kam zögerlich. Alle Feindseligkeit schien aus ihrer Stimme verschwunden, und sie konnte nicht anders als ihrem Blick von dem blauhaarigen Mädchen
abzuwenden. "Ich vermisse ihn..."
Rei blinzelte kurz und ihre rubinroten Augen hatten mit einem Mal etwas herzliches, sanftmütiges an sich. "Und darum möchtest du nicht mehr länger leben?"
Asuka schaute sie an. "Was?"
"Und darum möchtest du nicht mehr länger leben?" wiederholte Rei.
Eine lange Pause setzte ein. All die Gedanken und die Gefühle, die Asuka schon seit Tagen quälten, kamen mit einem Mal zurück, und vermischten sich mit den Erinnerungen an
die vergangenen Minuten... Sie war so nah dran gewesen, es zu tun... Und mehr noch... Sie war bereit gewesen, es zu tun...
Rei nahm ihr Schweigen als ein 'Ja'. "Ich habe dich gefragt, ob auch du ersetzbar bist..." Ihre Stimme war nicht lauter als ein Flüstern. "Ich habe keine Freude am Leben. Aber ich
hasse es auch nicht. Ich lebe einfach, und ich weiß, wenn ich sterbe, kann ich ersetzt werden." Ein Hauch von einem Stirnrunzeln machte sich auf ihrem Gesicht breit. "Gibt es solch
einen Ersatz auch für dich?"
"Ich...ich glaube schon...Toji ist..."
"Nein." unterbrach Rei. "Kannst DU ersetzt werden? - Das habe ich gefragt. "
"Äh... na ja... Ich denke nicht..." antwortete Asuka. Ausgelöst durch Reis geheimnisvolle Äußerungen gingen ihr mit einem Mal tausend Gedanken durch den Kopf, die
sowohl verwirrend als auch ungemein beängstigend waren.
Rei wandte sich ab und schwamm von Dannen. "Dann hat dein Leben also noch einen Sinn." sagte sie,- und dann - beinah als Nachgedanke : "Und ich würde dir davon Abraten es zu
beenden..."
Asuka beobachtete wie sich Rei einige Meter von ihr entfernte, und schließlich begann in großer Geschwindigkeit entlang der markierten Bahnen zu schwimmen.
"Woher wußte sie es?" flüsterte Asuka sich selbst zu. "Sie... hat mich einfach angesehen, und wußte Bescheid..."
Eine Bild schoss ihr durch den Kopf.. Eine Erinnerung an Rei... vorhin unter Wasser... die Art, wie sie sie angesehen hatte... Ihre Augen hatten so traurig ausgesehen... und dennoch...
irgendwie verständig... Fast so, als ob sie wusste...
Fast so, als ob sie beide das gleiche Gefühl teilten...
"Rei..."
Das 'First Children' zog derweil unbeirrt seine Runden durch das Becken, und selbst als das 'Second Children' die Schwimmhalle verließ, hielt sie nicht inne, um sich zu
verabschieden. Doch das Wissen, Asuka vor einem Fehler bewahrt zu haben, ließ ein erleichtertes Seufzen über ihre Lippen kommen.
Bis tief in die Nacht drehte sie weiter ihre Runden.
* * *
Asuka war völlig erschöpft als sie zu Hause ankam.
Der Fußmarsch vom Hauptquartier zu Misatos Appartement war ziemlich lang, was eigentlich gar nicht mal so schlecht war... immerhin wuchs mit der Entfernung vom Stadtzentrum auch
die Wahrscheinlichkeit den Angriff eines Engels unbeschadet zu überstehen.
Wie schon in den Tagen zuvor waren ihr Körper und ihr Geist alles Andere als im Einklang. Während sich ihre Glieder schwer wie Blei anfühlten, tobte in ihrem Kopf ein
Wirbelsturm.
Sie war wütend...
Wütend auf alles und jeden...
Wütend auf sich selbst...
"Wie tief willst du noch sinken?" fragte sich Asuka, als sie die Stufen zu Misatos Appartement hoch trottete. "Ist es schon soweit gekommen, dass du jemanden wie Ayanami brauchst, um
wieder zu Verstand zu kommen?"
Das Geräusch eines Schlages hallte durch das Treppenhaus... und die Knöchel ihrer Hand drohten beim Aufprall auf die Betonwand zu zerbrechen, doch es zeigte sich keine Regung,
und kein Ausdruck von Schmerz auf ihrem Gesicht...
"VERDAMMT NOCHMAL! VERDAMMT!" schrie sie, so laut sie nur konnte... "WAS ZUM TEUFEL IST NUR MIT MIR LOS!?!"
Sie spürte, wie die Kraft aus ihren Beinen verschwand... Ein Teil von ihr wollte sich einfach nur auf die Treppenstufen setzen, und heulen... doch ein anderer Teil von ihr
ließ das einfach nicht zu...
"Jeder verläßt mich..." Ein neuer Schlag gegen die Wand. "VERDAMMT! Wie konnte ich nur so blöd sein zu glauben, dass Baka Shinji anders wäre... Mama hat mich doch
auch geliebt... aber habe ich mich gleich umbringen wollen, als sie mich im Stich gelassen hat?" Sie schnaubte "HA! Gut, dass ich ihn los bin!"
Asuka fühlte, wie die Tränen kamen.
"Ahh! SCHEIßE!" schrie sie. "HÖR AUF ZU WEINEN, VERDAMMT!" Mit ihren Händen versuchte sie die Tränen zurück zu halten. "Das ist doch genau so wie damals. Ich
meine, außerdem ist Shinji gezwungen worden mich zu verlassen... Es war ja noch nicht einmal seine Schuld... Es gibt also überhaupt keinen Grund zu weinen." Ein Lächeln
huschte über ihr Gesicht. "Er hat mir nicht gesagt, dass ich mit ihm kommen soll... Er hat mich nicht gebeten, ihm in den Tod zu folgen..." sagte sie und fügte mit leiser Stimme
hinzu "Er... er liebt mich noch immer..."
Langsam, und mit leisen, sanften Schritten stieg sie die Treppe hinauf.
"Zumindest bleibt mir diese Gewissheit... " Sie schluchzte. "Und darüber bin ich froh. Mein Baka Shinji... er hat mich nicht sitzen lassen... er hat mich nicht fallen lassen, wie
eine heiße Kartoffel... er liebt mich immer noch..."
Mit einem gefassten Ausdruck auf dem Gesicht ging sie den Korridor entlang. "Ich werde das hier durchstehen. Und ich werde stärker werden als zuvor... ich werde noch härter
trainieren... noch besser beim Sync-Test sein... Toji beibringen, nicht immer alles zu vermasseln..." Sie dämpfte ihre Stimme. "... und Ayanami danken..." Sie seufzte, und schaute
zum Himmel. Ihre blauen Augen funkelten. "Und ich schwöre, ich werde dafür Sorgen, dass sie alle wieder stolz auf mich sein können. Ja, ich werde dafür Sorgen, da
keiner von ihnen jemals Asuka Langley Sohryu vergisst... auch auf die Gefahr hin, DASS sie mich irgendwann alle im Stich lassen werden... und so tun, als ob ich der letzte Dreck
wäre..."
Als sie die Türe des Appartements erreicht hatte, lächelte sie,- nicht zuletzt wegen des Vorsatzes, den sie gefasst hatte. "Ja... so werde ich es machen." Sie holte tief Luft
und öffnete die Türe. "Ich werde dafür Sorgen, dass Shinji ein Leben lang bereut, dass er einfach so verschwunden ist." Mit einem Mal schlangen sich zwei Arme um ihren
Körper... "BMMPH!!!!"
Misato zerrte Asuka förmlich in das Appartement und umarmte sie dabei so heftig, dass dem Rotschopf fast die Luft weg blieb. Tränen rannen die Wangen der älteren Frau
herab, und es war Asuka sehr schnell klar, dass dieser Gefühlsausbruch nicht vom Genuss von zuviel Bier herrührte... "Asuka... Gott sei dank, du bist zurück..."
Das deutsche Mädchen schnaubte zur Begrüßung und schob Misato rüde von sich. "Natürlich bin ich zurück. Warum nicht?" erwiderte sie gewohnt schnippisch und
ungeachtet der Tatsache, dass ihre Rückkehr vor Stunden noch recht unwahrscheinlich gewesen war.
"Asuka..." Misato beugte sich hinunter und sah der jüngeren Frau in die Augen. "Wir haben ein Weg gefunden Shinji aus EVA-01 rauszuholen."
Asukas Augen wurden langsam immer größer, als ihr die Bedeutung dieser Worte bewußt wurde "Wa..."
"Es wird noch eine Weile dauern..." sagte Misato, während weiterhin Tränen der Freude ihre Wangen hinunter liefen...
"Aber ich denke Ritsuko hat einen Weg gefunden."
"Shinji..." Asuka musste schwer schlucken. "Shinji wird zurückkommen?"
Misato nickte überglücklich.
"Shin...Shinji kommt zurück...???" Asukas Beine gaben einfach nach und sie sank von Misato gehalten auf die Knie.
"Ich bin mir ganz sicher." Misato nickte und nahm den Rotschopf noch fester in den Arm.
"Mein Baka Shinji kommt..." Ihre Maske aus Stolz und Eitelkeit zerbrach mit einem Mal, und sie tat einen langen von Herzen kommenden Seufzer.. "Er... er kommt zu mir zurück??"
Misato hielt die weinende Asuka ganz fest ihn ihren Armen, und alles was sie hörte war ein "Danke..." irgendwo zwischen zwei Schluchzern.
[Gegenwart]
Shinji wachte nahezu schlagartig auf. Das Licht, das ihn umgab, war so hell, dass es ihm in den Augen weh tat. Als er sich umsah begrüßte ihn ausnahmsweise einmal der Anblick
seiner weichen, hellblauen Baumwoll-Bettwäsche, an Stelle der sterilen, weißen Nylon-Laken, in denen er immer dann aufwachte, wenn er wieder einmal im Krankenhaus lag.
Sein Zimmer sah sauber aus... Irgendwie wunderte es ihn, dass kein Staubkörnchen zu sehen war... immerhin hatte er doch sicher zumindest ein paar Tage im Krankenhaus verbracht,
nachdem... was auch immer passiert war.
Vielleicht war ja alles nur ein Traum?
Ein merkwürdiges Zwicken in seiner linken Schulter, erinnerte ihn dann aber mit einem Mal an die erlittenen Verletzungen, und er erkannte, dass es kein Traum war. Er entsinnte sich,
wie der Engel seinen linken Arm abgetrennt hatte... Die Tatsache, dass man die entsprechenden Nervenverbindungen zu seinem EVA vorher nicht hatte trennen können, musste es für
seinen Geist und seine Nervenzellen zu einer sehr realen Erfahrung gemacht haben... Doch wie verwirrt musste sein Verstand jetzt erst sein, da verloren geglaubte Gliedmaßen mit
einem Mal wieder da waren.
Er schaute hinüber zu seinem Nachttisch. Sein SDAT-Player lag an seinem üblichen Platz...
Shinji ächzte als er seine noch müden Muskeln in Bewegung setzte, um nach dem Gerät zu greifen. Dann aber sah er die Datumsanzeige auf dem kleinen LCD-Display...
"Ein...ein MONAT!?!?"
Begleitet von einem lauten Poltern fiel Shinji aus dem Bett.
Nur Augenblicke später öffnete sich die Tür zu seinem Zimmer...
Asuka und Pen-Pen steckten ihre Köpfe ins Zimmer, und sofort keuchte der Rotschopf auf. Fast schon panisch ließ sie das Tablett mit Shinjis Frühstück auf den Boden
fallen und war mit wenigen Schritten an der Seite des jungen Ikari.
"Shinji! Du solltest dich doch nicht so viel bewegen!" meinte sie sichtlich besorgt, während sie dem Jungen auf die Beine half.
"Wa...was..." Als er in ihr Gesicht sah, schoss ihm ein Bild durch den Kopf... Und vor seinem geistigen Auge sah er mit einem Mal wieder den abgetrennten Kopf von Einheit-02
zerstört im Schutzbunker liegen... Es war eine derart überwältigende Erinnerung, das er nach Luft schnappend zurück auf sein Bett plumpste.
Asuka zuckte zurück. Sie war ein wenig erschrocken und wusste nicht wie sie sonst hätte reagieren können... "Bist... bist du okay... Shinji-kun?"
Im Kopf des jungen Ikari tobte derweil ein Wirbelsturm... Plötzlich konnte er sich an alles erinnern... er erinnerte sich an die Angst, die er um Asuka gehabt hatte... und den
Grund, warum er zu EVA zurückgekehrt war...
Asuka hatte mit allem gerechnet, nur nicht damit, dass Shinji wie ein geölter Blitz wieder auf den Beinen war und sie voller Inbrunst in seine Arme schloss. "ASUKA!! GOTT SEI DANK,
ES GEHT DIR GUT!!!!" rief er voller Freude....
"W...WAOOAAAHH!"
Von Shinjis stürmischer Umarmung überrascht, verlor Asuka das Gleichgewicht und stürzte mit Shinji zusammen auf das Bett.
Pen-Pen entschied sich für einen taktvollen Rückzug... Immerhin wollte er das junge Glück ja um keinen Preis stören... dennoch, fand er, wäre es eine Schande
wenn das leckere Frühstück kalt werden würde..
'Bevor es nachher noch im Abfalleimer landet, werde ich mich halt opfern....' dachte er wohl bei sich, als er mit einem hungrigen Schmunzeln um den Schnabel herum das Tablett mit Shinji
Frühstück hinter sich her zog...
"BAKA!" Asuka hustete und musste ein wenig nach Luft schnappen, so heftig umarmte Shinji sie. "NATÜRLICH geht es mir gut! "
Mit einem dumm-dämlichen Grinsen auf dem Gesicht, lockerte Shinji seine Umarmung... Erst jetzt wurde ihm so richtig bewusst, dass Asuka lang ausgestreckt auf ihm lag, und ihn mit
gerunzelter Stirn und einem strengen Blick anschaute.
"Ähh... gomen... Ich habe dich gesehen... Einheit-02 gesehen meine ich... und da bin ich..."
Ihre Gesichtszüge erhellten sich und der strenge Blick verschwand...
"Dann...dann hast du das alles für mich getan??" Sie blinzelte verwundert.
Shinji war inzwischen feuerrot. "Hai..."
"Du bist zurückgekommen um mich zu retten?" Asuka stützte ihre Arme auf das Bett und beugte sich ein wenig zurück. "Aber ich..."
"Es war meine Entscheidung." erwiderte Shinji gefasst und mit kraftvoll klingender Stimme. Er legte seine Hände auf ihre Arme, und schaute tief in ihre blauen Augen...
Asuka kam es vor, als könne sie in diesem Moment in seine Seele sehen und seine Gedanken lesen...
Einen ganz bestimmten Gedanken...
'Ich werde dich nicht im Stich lassen...'
Asuka spürte, wie sie vor Glück und Verlegenheit rot wurde... "Du... du bist ganz allein wegen mir zurück gekommen?"
"Wenn ich es nicht getan hätte..." Shinji musste schlucken. "Ich musste es tun... Ich habe nie gewollt, dass du verletzt wirst...."
Eine Träne fiel auf seine Brust; Asukas Träne...
"Aber... du warst doch so fest entschlossen zu gehen... Du.. du hast doch gesagt, dass dich nichts aufhalten könnte...?"
Shinji begann sich aufzusetzen. Asuka half ihm ein wenig dabei, und setzte sich dann neben ihm auf die Bettkante. "Ich... Na ja... Mir ist klar geworden, dass du mir wichtiger bist..."
erklärte er zögerlich und sichtlich verlegen. "Und dass es mir nichts ausmacht, zu EVA zurückzukehren, und meinem Vater wieder unter die Augen treten zu müssen..." Er
lächelte. "... solange ich nur bei dir sein kann..."
Asuka schaute ihn an. Ihre Augen funkelten... teils von den Tränen, teils aber auch vor überschwenglicher Freude... "Wirklich?"
Shinji bekam noch nicht einmal die Gelegenheit 'Hai!' zu sagen, denn noch bevor er sich versah hatte sie sich ihm schon an den Hals geworfen...
... und im nächsten Augenblick lagen sie auch schon eng umschlungen auf dem Bett, während ihre Lippen in einem langen, leidenschaftlichen Kuss miteinander verschmolzen...