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Higher Learning

Lektion Dreiunddreißig: Fehlstunden

Geschrieben von Strike Fiss, 1999
Homepage: http://www.geocities.com/Tokyo/9110
Übersetzt von Melissa Schneider
editiert von Christian Winkler und Markus Ehreke

Shinji wurde leicht panisch als er versuchte sich in seinem Bett aufzusetzten... und es einfach nicht ging. Erst jetzt begann sein Geist aufzuwachen, und er fing an seine Umgebung bewusst wahrzunehmen. Er war in seinem Zimmer... und schaute auf die Decke.. doch irgendwie fühlte sich sein Körper wärmer als gewöhnlich an... Und viel zu schwer...

Er hörte ein leises, verschlafenes Stöhnen und sah hinunter zu seiner Brust. Es war Asuka. Und wie es schien hatte sie sich eng an ihn gekuschelt und lag nun zur Hälfte auf ihm drauf.

"A..." Er musste schlucken. "Asuka..."

Das Mädchen nahm überhaupt keine Notiz von den Vorgängen um sie herum und schlief ruhig und friedlich weiter. "Mmm mmm..."

Shinji seufzte und ließ sich zurück in die Kissen sinken. Sein Blick ging wieder zur Decke. Er hatte eine ruhige, erholsame Nacht verbracht. Eine Nacht, in der er einmal mehr seine Gedanken nicht mit Musik hatte betäuben müssen. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht, als ihm klar wurde, dass er sich daran gewöhnen könnte neben Asuka zu schlafen...

Dieses Gefühl... was war es, dass er fühlte? Er schaute hinunter auf das Gewusel aus zerzausten roten Haaren, deren Besitzerin sich gerade auf der Suche nach Wärme noch enger an ihn schmiegte. War es Liebe? War es mehr?
War seine Entscheidung klug gewesen? War sie richtig gewesen?
Er erinnerte sich an eine Zeit, da er bereit gewesen war alles hinter sich zu lassen... alles und jeden... sogar Asuka. Doch in diesem Moment schien es ihm, als wäre das eine Ewigkeit her... So vieles hatte sich verändert... Würde er jetzt immer noch fortgehen wollen???

Nein.

Er würde bleiben, und all die beschützen, die er liebte. Ganz besonders Asuka... aber auch Toji und Kensuke. Rei und Misato. Kaji, Sensei Kaoru,... sogar seinen Vater...

Wenn er nicht kämpfen würde, wären sie alle zum Sterben verurteilt. Eine Tatsache, die er nicht mehr länger ignorieren konnte. Nicht nach allem, was er gesehen, gehört, und gefühlt hatte. Und auch wenn die Erinnerungen an dieses Erlebnis irgendwann verblassen würden... im Moment... da es ihm noch frisch im Gedächtnis war... wusste er, dass er seinen Grund zu kämpfen gefunden hatte. Der Grund, der ihn zu EVA hatte zurückkehren lassen...

Und eben dieser Grund war kein geringerer als Asuka Langley Sohryu, die gerade eng an seine Brust geschmiegt, friedlich vor sich hin schlummerte, und ihrem Summen nach zu urteilen, einen schönen Traum haben musste...

Er starrte wieder zur Decke. Ihr Geburtstag war nicht mehr weit entfernt. Er musste ihr ein ganz besonderes Geschenk machen. Vielleicht konnten Pen-Pen, Misato, und er ja zusammenlegen, und für ihre Geburtstagsfeier ein authentisches, deutsches Essen kochen?

Asuka beschwerte sich doch immer über das japanische Essen... ja... das wäre sicherlich ein Geschenk, das ihr Spaß machen würde.

Aber...

Was war mit...

Ein warmer Schauer durchzuckte seinen Körper, als er sich an den Kuss erinnerte, den Asuka ihm am Abend nach seiner Geburtstagsfeier gegeben hatte. Ihm wurde klar, dass sie beim nächsten Mal wohl noch weiter gehen würden als damals...

Was war mit... der Sache, von der Kaji geredet hatte? Seine Augen wurden immer größer, als er sich bruchstückhaft an die Unterhaltung erinnerte... Es nicht im Wasser tun?... Sofort schoss ihm ein Bild von Asuka in der Badewanne durch den Kopf, und so gut gemeint Kajis Ratschläge auch waren, sie waren genau das Gegenteil von dem, was ihm gerade in den Sinn kam...

Und so überhörte Shinji dann auch Asukas leises Grummeln, weil sein Kopf bereits vollauf damit beschäftigt war, sich auszumalen, was passieren könnte, wenn sie e wirklich täten... Er fragte sich, welche Konsequenzen es hätte, und welche Probleme sie erwarteten... Doch andererseits konnte er auch nicht leugnen, wie sehr ihm die Idee gefiel, mit Asuka intim zu werden...

Erst als das Objekt seiner Begierde wach wurde, und nach einem verwunderten Blinzeln mit gerunzelter Stirn zu ihm aufsah, bemerkte er, dass etwas nicht stimmte. "Herr Gott Shinji..." Sie gähnte "... warum ist denn dein Bett mit einem Mal so hart und knubbelig?"

Shinji blinzelte und sah an sich hinab. "Äh..."


Etwa zur gleichen Zeit wurde Asuka klar, dass sie sich gerade recht eng an seinen Körper schmiegte... und dass das, was sich gerade gegen ihren Bauch presste, nichts anderes war, als sein...

"AAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAHHHHHHHHHHHHHHHHH!!!!!!!!!!!"

Vor Schreck fielen die Beiden auf verschiedenen Seiten aus dem Bett, und Shinji entschuldigte sich schon, noch bevor er auf dem Boden gelandet war. "AHHH! Gomen! Gomen! Ich habe nicht..."

Asuka schnappte nach Luft und hob ihren Kopf soweit, dass sie über die Bettkante hinweg sehen konnte. "Ähm.... nein... es... es ist ja nicht schlimm. Es ist nur..." Sie wurde rot. "..passiert dir das einfach so, sogar wenn du schläfst?"

Shinji bemühte sich schnell und möglichst überzeugend zu nicken. "Äh... ja... wir nennen es 'Morgenlatte'." Er wurde rot. "Entschuldige..."

Asuka schenkte ihm ein bezauberndes Lächeln und schlüpfte wieder unter die Bettdecke. Erst jetzt fiel Shinji auf, dass sie nichts außer ihrer Unterwäsche trug, und er wurde rot wie eine Tomate.

"Na dann ist ja gut." meinte der Rotschopf schließlich und runzelte in gespielter Verärgerung die Stirn "Ich hatte nämlich schon gedacht, dass du mich bespringen wolltest, während ich schlafe."

Shinji, der gerade im Begriff war wieder in sein Bett zu klettern, musste schwer schlucken...

"Ich will nämlich um jeden Preis wach sein, wenn du es tust..." ergänzte Asuka mit einem verführerischen Lächeln und zwinkerte ihm zu.

Shinji fiel prompt von Neuem aus dem Bett.

"BAKA!" Sie seufzte. "Ich hab' doch nur Spaß gemacht!"

Shinji aber lag bereits mit einem gewaltigen Nasenbluten ohnmächtig auf dem Boden...

* * *


Glücklicherweise, und nicht zuletzt dank Shinjis routinierter Küchenarbeit, schafften es die beiden, sich rechtzeitig auf den Schulweg zu machen.

Unterwegs versuchte Shinji unentwegt Asuka das Versprechen abzunehmen, dass sie ihn nie wieder necken würde, wenn er nicht damit rechnete.

Natürlich versprach Asuka gar nichts, und antwortete statt dessen einfach nur mit einem Lächeln... Etwas, das sie in letzter Zeit sehr häufig tat, und das Shinji irgendwie nervös machte...

Als sie das Klassenzimmer betraten, wurden sie von ihren Mitschülern mit großen Augen und verwunderten Blicken begrüßt. Shinji fragte sich, warum jeder so erstaunt war, doch dann wurde ihm klar, dass er ja einen ganzen Monat lang gefehlt hatte.

Die Art und Weise wie sich Hikari verhielt, gab ihm jedoch wirklich ein Rätsel auf... Denn die Klassensprecherin stürmte wie vom wilden Affen gebissen auf Asuka zu, brach irgendwann unterwegs in Tränen aus, und fiel dem Rotschopf schließlich derart heftig in die Arme, dass die beiden fast der Länge nach hingefallen wären. Hikari tat ja gerade so als ob Asuka auch einen Monat lang gefehlt hatte...

Tojis freundschaftliche, kurze, aber dennoch nicht weniger kräftige Umarmung holte Shinji aus seinen Gedanken. "HEY SHINJI! Schön dich zu sehen! Was ist das für'n Gefühl wieder im Reich der Lebenden zu sein?"

Er brachte ein kleines Lächeln zu Wege. "Ähhh... ein gutes Gefühl... denke ich... Obwohl es mir gar nicht bewusst war, dass ich so lange fort war..."

Kensuke kam herüber und umarmte ebenfalls seinen Freund. "Mach dir darüber mal keine Sorgen. Ich habe alle interessante Szenen gefilmt! Du hast echt nicht viel verpasst... Den größten Teil des letzten Monats haben wir mit Buchbesprechungen verbracht. Der Sensei sagte, dass wir noch etwas Lehrstoff aus dem Lehrplan durchackern müssten, bevor da neue Schuljahr beginnt. Er meinte aber auch, dass wir uns bald wieder mit etwas Interessanterem beschäftigen würden... "

Shinji lächelte. "Das ist schön. Irgendwie freue ich mich schon auf den Unterricht." Er drehte sich um und blickte auf das Pult, an dem Rei normalerweise saß... "Wo ist denn Ayanami?"

"Keine Ahnung. Sie fehlt schon eine ganze Woche." Toji zuckte mit den Schultern. "Wahrscheinlich hatte sie genug damit zu tun, NERV zu helfen, deinen Hintern wieder an Land zu ziehen." Er grinste. "Oh und meine Sync-Rate ist mittlerweile gewaltig gestiegen. Wie ich gehört habe, werde ich bald in der Lage sein kleine Trainingskämpfe mit dir auszutragen.." Er schlug Shinji auf die Schulter. "Na, was meinst du? Fühlst du dich mir gewachsen?"

"Hai hai!" Shinji lächelte begeistert während er seine vom Schlag schmerzende Schulter rieb. "Und wie läuft es mit Hikari?"

Toji wurde knallrot. Kensuke grinste. "Oh, das scheint ZIEMLICH gut zu laufen. Sensei Kaoru hat die beiden überrascht, als sie geknutscht haben, und dazu noch..."

Toji Hände legten sich um Kensukes Hals und begannen zuzudrücken. "Wenn dir dein Leben lieb ist, dann behältst du den Rest für dich." knurrte er.

Kensuke nickte, doch selbst wenn er sicherlich keine Luft mehr bekam, hörte er nicht auf zu grinsen. Shinji musste lachen. Kensuke würde ihm sicher später das Video de Vorfalles zeigen wollen
"Also..." Sein Blick ging hinüber zu den beiden Mädchen. "Wie hat sich denn Asuka so geschlagen?"

Toji blinzelte verwundert und seufzte. "Tja... sie hat sich ziemlich rar gemacht. Sie ist den ganzen letzten Monat nicht in der Schule gewesen, und ich bin ihr nur ein oder zwei Mal im NERV-Hauptquartier über den Weg gelaufen."

Kensukes Grinsen verschwand schlagartig und ein Ausdruck tief empfundener Freundschaft machte sich auf seinem Gesicht breit. "Sie hat sich wirklich verdammt große Sorgen um dich gemacht. Ich hätte nie gedacht, dass der rote Teufel soviel Mitgefühl hat. Geschweige denn, dass sie jemals derart viel Sorge um das Wohl ihrer Mitmenschen an den Tag legen könnte..."

Shinji blinzelte verwundert. "Dann.. ist sie einfach zu Hause geblieben ?"

"Nein, das würde ich nicht sagen." Toji seufzte. "Weißt du, als ich sie getroffen habe, da ich hatte das Gefühl, dass sie gar nicht sie selbst war. Sie schien so... ruhig. Da war kein Fünkchen Leben in ihr..." Er begann zu lächeln. "Aber inzwischen scheint sie sich ja wieder gefangen zu haben." Er deutete hinüber zu den beiden kichernden Mädchen, die sich anscheinend sehr viel zu erzählen hatten. Er wurde rot um die Ohren. "Ich wette, die reden wieder mal über mich..." grummelte er.

Ein Lächeln huschte über Shinjis Gesicht, gleichzeitig war er aber auch überrascht. "Na ja... Hauptsache es geht ihr gut."

* * *


[Zwei Wochen zuvor]



Maya rieb ihre Schläfen und lehnte sich zurück. Die Rückenlehne war noch kalt, obwohl sie schon den ganzen Tag lang auf diesem Stuhl saß. Bisher hatte sie noch keine Gelegenheit gehabt auch nur einen Moment lang auszuruhen und sich zu entspannen. Doch jetzt ging es einfach nicht mehr, und sie musste eine kurze Pause machen.

Ritsuko war schon vor Stunden nach Hause gegangen. Im Hinausgehen hatte sie Maya noch für ihre Hilfe gedankt, und wohl gedacht, dass ihre Assistentin ebenfalls kurze Zeit später Feierabend mache würde.

Die junge Frau seufzte. Warum nur arbeitete sie überhaupt so hart, wenn ihr Sempai noch nicht einmal Notiz davon nahm? Wo war der Unterschied, ob 300 Zeilen fehlerfreier Programmcode jetzt oder morgen fertig geschrieben wären? Sempai bräuchte für diese Aufgabe sicherlich nur Minuten, und nicht Stunden so wie sie.

Sie schaute auf die Überwachungsmonitore. Inzwischen verdeckte die violette Schutzpanzerung wieder das einst mit Bandagen umwickelte Gesicht von Einheit-01.
Maya schätzte, dass sie die ganzen Extra-Schichten und Überstunden auf sich nahm, weil auch sie sich Sorgen um Shinji machte... Vielleicht würde Shinji ja durch die ganzen Anstrengungen, die sie unternahm, eine Woche eher aus seiner Gefangenschaft im Inneren von Einheit-01 befreit werden können...

Maya wünschte sich nur, dass auch ihr Sempai endlich ihre Mühen zu schätzen wüsste. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht als sie sich im Büro umsah. Wenn es nicht zu viele Umstände machte, erlaubte Ritsuko recht häufig, das Maya ihr Büro benutzte. Die junge Wissenschaftsassistentin schaute zur Decke, dann die Wände entlang... immer auf der Suche nach irgendwelchen Augen, die sie beobachten könnten.

Mit einem kleinen, schüchternen Lächeln legte sie ihren Laptop auf den Tisch... stand auf, und ging hinüber zu dem anderen, größeren Schreibtisch. Ritsuko Bürostuhl war wunderbar... kaltes, aber weiches Leder, gut gepolstert, und ergonomisch korrekt geformt... Ein brillantes Design. Angemessen und professionell, so wie die Frau, die täglich auf ihm saß. Maya zögerte erst noch einen Augenblick, bevor sie sich langsam in das Möbelstück sinken ließ. Als sie sich zurücklehnte, gab da Rückenteil gerade genug nach, um das Gefühl der Behaglichkeit noch zu vergrößern. "Ahhh..." sie legte all ihre Erschöpfung in ihren Seufzer. "Das ist wundervoll..."

Das Material war immer noch warm von den Stunden, die ihr Sempai in diesem Stuhl verbracht hatte. Maya seufzte und versank in der Polsterung des Sessels, und dem Gefühl von ihm umarmt zu werden... All ihre Sorgen verschwanden und machten einem Wunschtraum Platz... 'Wie schön wäre es, wenn SIE jetzt hier wäre um mich in den Arm zu nehmen...'

"Mmmm...."

"Doktor Akagi?"

Die fremde Stimme riss Maya aus ihren Phantasien. Erschrocken schnappte sie nach Luft, und stand so schnell sie nur konnte aus dem Chefsessel auf. Glücklicherweise war es nur Asuka... und nicht der Kommandant... oder... Gott behüte... ihr Sempai selbst.

Der Rotschopf blinzelte verwundert als sie die verstört dreinblickende Wissenschaftsassistentin bemerkte... "Ähm...Ibuki-san?? Was machen Sie denn hier?"

"Ich...Ich..." Maya versuchte sich so gut es ging wieder zu beruhigen. "Ich helfe Doktor Akagi und habe ihr etwas von ihrer Arbeit abgenommen..." Mit einem Lächeln zeigte sie auf ihren Laptop. "Wie kann ich dir helfen, Asuka-chan?"

Asuka betrat das Büro und seufzte. Ihr Blick ging zu einem der vielen Monitore... "Oh... Ich wollte nur mal hören, wie die Arbeit an diesem Rückhol-Dingsbums-Programm vorankommt..."

Maya blinzelte und sah auf die Uhr. "Aber... es ist doch erst zwei Uhr morgens... Solltest du um die Zeit nicht zu Hause sein?"

Asuka blinzelte, als sie hörte wie spät es war. Sie hatte irgendwie völlig das Gefühl für die Zeit verloren... "Ähm... na ja... Schätze schon... aber..." Sie zuckte mit den Schultern. "Ich weiß nicht... ich komme irgendwie einfach nicht zur Ruhe..."

Die ältere Frau schmunzelte. Auch sie kannte dieses Gefühl. "Na ja... ich bin hier oben soweit fertig... wie wär's... willst du mit runter in den EVA-Hangar gehen? Ich muss noch einige Messungen vornehmen, bevor ich nach Hause gehen kann."

In Wirklichkeit würde sie wohl in einem der vielen Aufenthaltsräume übernachten, sich im Umkleideraum er Damen frisch machen, und dann die letzte, frische Wäsche aufbrauchen, die sie zusammen mit den drei Uniformen zum Wechseln immer in ihrem persönlichen Spind aufbewahrte...

Asuka brachte ein kleines Lächeln zustande und nickte. "Gern! Aber..." sie hielt kurz inne "...gibt das keine Probleme mit Commander Ikari? Er hat doch gesagt..."

"Ach wer hört schon auf DEN Spinner." Maya setzte ein hinterhältiges Grinsen auf. "Komm, das ist doch das Mindeste, was ich für dich tun kann.. Du hast uns so viel geholfen mit all den Tests, und dem drum und dran... Da ist es doch nur fair, wenn du die Gelegenheit bekommst Shinji-kun zu besuchen."

Asuka lächelte und nickte. "Vielen Dank...ähm..."

"Ach, du kannst mich einfach Maya nennen. Das macht doch jeder." Maya lächelte glücklich. Sie nahm ihre Unterlagen und löschte noch schnell das Licht, bevor sie den Raum verließen.

"Warum sind Sie eigentlich so spät noch hier?" fragte Asuka als sie den Aufzug am Ende des Korridors erreichten. "Ich habe Sie schon gesehen, als ich heute morgen her kam... aber ich war in der Zwischenzeit zu Hause und habe ein Nickerchen gemacht." Sie runzelte die Stirn während sie gemeinsam den Aufzug bestiegen. "Werden Sie eigentlich nie müde?"

"Eigentlich nicht." Maya schmunzelte... doch verriet sich dann, indem sie gähnte.

Asuka hob eine Augenbraue. "Hmmm..."

"Äh...Okay... manchmal." Mayas Lächeln wirkte nervös. "Aber das ist nicht so tragisch. Die Arbeit von euch Kindern hier bei NERV ist körperlich anstrengend,- ich aber sitze meist nur rum und tippe,- darum sind so lange Arbeitstage auch nicht ganz so schlimm für mich. "

"Ja klar... Aber geht Ihnen das Ganze hier nicht irgendwann auch mal dermaßen auf den Keks, dass Sie einfach nach Hause gehen müssen?" Asuka seufzte und richtete ihre Aufmerksamkeit auf die Anzeige über der Tür des Aufzuges. Ein Stockwerk nach dem anderen tickte hinab. "Geht Ihnen diese Ritsuko denn überhaupt nicht auf den Wecker?"

"Sempai??"

Asuka nickte. "Genau. Sie verursacht bei mir immer eine Gänsehaut. Sie sieht Shinji und mich immer an, als ob wir irgendwelche Zubehörteile wären, oder Laborratten, mit denen sie nach Belieben herum experimentieren kann." Sie seufzte. "So besehen tut mir unser Wunderkind richtig leid..."

Maya runzelte die Stirn und wurde schrecklich rot.
"Rits-Sempai ist eine brillante Wissenschaftlerin und großartige Frau! Sie würde niemals in dieser Weise über dich oder die anderen Kinder denken! "

Sie bemühte sich ein bisschen weniger enthusiastisch zu klingen, als sie Asukas überraschten und auch leicht verschreckten Gesichtsausdruck bemerkte...

"Ähm...was... was ich damit sagen wollte, ist, dass alle ihre Bemühungen immer zum Ziel haben, dass euch Kindern nichts passiert. Auch wenn sie dadurch manchmal den Eindruck erweckt, sie sei kalt und gefühllos... Aber glaube mir, das ist sie nicht."

Asuka nickte bedächtig. "Tut mir leid... Ich wollte Doktor Akagi nicht beleidigen..." sagte sie ziemlich kleinlaut, und schüttelte den Kopf. "Ich meine... irgendwie war mir da schon klar... immerhin versucht sie ja auch alles Mögliche um Shinji zu retten. Auch wenn es wahrscheinlich einfacher wäre, die ganze Sache zu vergessen, und ihn einfach zu lassen wo er ist..."

Die Türen des Aufzugs öffneten sich, und sie traten hinaus in einen kleinen Korridor... Einige Schritte später kamen sie an eine Metalltüre, die Maya mit Hilfe ihrer ID-Karte, und unter Eingabe eines Zugangscodes öffnete. Der Hangar, in dem die EVAs standen, war dunkel, und allein der Laufsteg, der einem Rundweg gleich durch den Hangar führte, war von einigen wenigen Lampen erhellt.

"Wir sind bald soweit den Programmcode für die Rückhol-Prozedur zu testen." meinte Maya fast beiläufig als sie die metallenen Planken entlang liefen. "Ich bin sicher, da es klappen wird." Sie lächelte. "Shinji-kun ist in sehr gutem Händen. Ritsuko wird dafür Sorgen, dass nichts schief geht."

"Und... weiß es schon jeder?" Asuka seufzte, während sie hinter Maya her trottete.

"Weiß was?" Maya blinzelte verwundert.

"Na ja...ähm... die Sache mit mir... und Shinji..." Asuka würde rot.

Maya sah sie aus großen Augen an, dann aber begann sie zu lächeln. "Na ja, du bist den ganzen Tag über hier im Hauptquartier, fragst stündlich, ob es irgendwelche Fortschritte gibt... Da ist es doch unvermeidlich, dass die Leute bemerken, dass du dir große Sorgen um Shinji machst."

Asuka stöhnte auf.

"Ist schon gut. Die Leute hier sind sehr professionell." Maya seufzte. "Ich bezweifle, dass irgend jemand deshalb schlecht von dir denken wird." Sie zuckte mit den Schultern. "Wahrscheinlich sehe ich es auch ganz falsch, und die Leute denken, dass du einfach nur um das Wohl eines anderen EVA-Piloten besorgt bist."

"Vielleicht." Ein Lächeln huschte über Asukas Gesicht. "Und, wie steht es mit Ihnen?"

Maya wurde rot. "Ähm... na ja... was meinst du?"

"Ach, kommen Sie...", meinte Asuka in einem vertrauten Tonfall und kicherte, "Ich weiß ganz genau, warum Sie so spät noch hier sind... Sie wollen jemanden beeindrucken!"

Maya schüttelte den Kopf. "Nei... Natürlich nicht!"

"Es ist sicher ein Mitarbeiter aus dem Kontrollraum, darauf wette ich!" Asuka grinste verschlagen "Ach nun kommen Sie schon... wenn Sie mir schon nicht sagen, wer es ist, dann wenigsten ob er mit Ihnen zusammen arbeitet..."

Maya kam ihre Uniform mit einem Mal unbehaglich vor. "Hai..."

Asuka kniff ihre Augen zusammen und setzte ein breites Grinsen auf. "Ooooooooooooh! Ich wette es ist dieser Shigeru..."

Maya schüttelte den Kopf. "Asuka-chan... Das ist mir jetzt schon mehr als peinlich... Ich kann es dir nicht sagen, okay?"

Asukas Grinsen verschwand und sie nickte. "Okay, Okay... Aber ich finde ihr Japaner seid viel zu konservativ was diese Dinge betrifft. Ich meine, ihr könntet euch jede Menge Ärger ersparen, wenn ihr dem Betreffenden einfach ins Gesicht sagen würdet, dass ihr ihn gern habt."

Maya seufzte und trat vor ein Kontrollpult. Sie drückte einige Tasten und Augenblicke später ging das Licht um Einheit-01 herum an. Sie zuckte mit den Schultern. "Mag sein... Ich weiß nicht." antwortete sie mit einem nervösen Lächeln. "Abgesehen davon haltet ihr Kinder uns viel zu sehr in Trab, um nebenbei noch Zeit für sowas wie Beziehungen zu haben. Vielleicht sollten wir euch dankbar sein..."

Der Rotschopf nickte und trat neben Maya. Interessiert beobachtete sie die ältere Frau bei der Arbeit. "Würde... würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn ich Ihnen etwas zur Hand gehe? Ich meine... vielleicht würde es ja helfen, die ganze Sache zu beschleunigen."

Maya blinzelte. Der Gedanke eine eigene persönliche Assistentin zu haben gefiel ihr irgendwie. "Ähm.. Na ja... Vielleicht könntest du Ritsuko und mir dabei helfen, den Programmcode durchzusehen. Wir müssten natürlich den Commander fragen, aber..." Sie runzelte die Stirn. "Moment mal. Hast du nicht Schule oder so?"

Asuka schüttelte den Kopf. "Maya... bitte... Mir steht jetzt wirklich nicht der Kopf nach Schule. Ich muss hier helfen, sonst drehe ich noch durch. Und damit meine ich nicht, im LCL herum hocken, um mich nützlich fühlen zu können... Ich will helfen Shinji da heraus zu holen." Sie warf EVA Einheit-01 einen bösen Blick zu. "SIE hat ihn mir zwar weggenommen, aber ich werde nicht eher ruhen, bis ich Shinji zurück habe."

Maya seufzte, dann aber nickte sie. "Ich verstehe dich... aber... du musst wissen, dass EVA niemanden so einfach wieder gehen lässt."

Asuka blinzelte, und mit einem Mal war da dieser Ausdruck von Schmerz und Leid in ihren Augen... "Ich... ich weiß..."

Maya hatte eine solche Reaktion nicht erwartet und musste schlucken. Asuka war doch normalerweise so lebhaft und so voller Energie. Wie eine Flamme, nein ein Großfeuer, das niemand je löschen könnte... doch an diesem Abend... da sah Maya wie das Feuer in den Augen des Rotschopfes langsam begann schwächer zu werden... wie es flackerte... und sich immer wieder aufbäumte um nur ja nicht zu verlöschen... und mit ihm alles, was diese junge Frau ausmachte...

"Hai... dann lass mich dir kurz erklären, was Sache ist." meinte Maya mit einem Kopfnicken und holte Asuka zu sich an das Bedienpult. "Also, was wir hier machen, ist dass wir im Prinzip..."

Asuka hörte aufmerksam zu. Ihr war klar, dass sie bei Maya in guten Händen war. Die junge Wissenschaftsassistentin wusste wenigstens, was es bedeutete, jemanden zu lieben... Etwas, das man von den wenigsten Mitarbeitern beim 'Projekt-E' behaupten konnte...

* * *


[Gegenwart]

"Aufstehen! Verbeugen!"

Wie immer betrat Sensei Miyazaki das Klassenzimmer mit einem Lächeln auf den Lippen. Er setzte sich an den Lehrer-Tisch und nickte seinen Schülern zu. "Vielen Dank, Leute. Also, bevor wir heute loslegen und..." Er hielt inne und blinzelte verwundert.

Die Schüler - einschließlich Shinji und Asuka - blinzelten zurück.

Kaoru räusperte sich. "Miss Langley, Mister Ikari; Ich möchte, dass Sie nach der Schule zu mir kommen, damit ich Ihnen die gesammelten Hausaufgaben des letzten Monat überreichen kann." meinte er mit ernster Miene, setzte aber anschließend sofort wieder ein Lächeln auf. "Doch abgesehen davon, möchte ich sagen, dass ich froh bin, euch beide wieder unter meinen hart arbeitenden Schülern zu wissen..."

Das herzliche Lächeln, das die Mitschüler den 'Frischvermählten' entgegenbrachten, ließ die beiden rot werden. Verlegen sanken sie auf ihren Stühlen zusammen.

Asuka wandte sich Shinji zu und runzelte die Stirn "Die Hausaufgaben eines ganzen Monats?"

Er schmunzelte. "Tja, du hättest wohl besser zur Schule gehen sollen, anstatt dich unentwegt um mich zu sorgen, Asuka-chan."

Sie schmollte und streckte ihm die Zunge raus. "Das zeigt mal wieder, wie wenig du doch weißt. Ich habe dabei geholfen deinen Hintern zu retten, und wie dankst du es mir?"

"Hey ihr Zwei." unterbrach Sensei Kaoru "Ich kann auch noch zwei Tage Nachsitzen drauflegen." Die Klasse kicherte.

Die beiden Kinder wurden rot und setzten ein unschuldiges Lächeln auf.

"Schon viel besser so." Kaoru seufzte. "Tja, wenn wir jetzt auch noch Rei dazu bewegen könnten, wieder zur Schule zu kommen, dann könnten wir mit unserem nächsten Projekt beginnen. Wenn ihr sie seht, sagt ihr doch bitte, dass ich erwarte, dass sie morgen zum Unterricht erscheint, okay?"

"Hai!" Ein Nicken machte die Runde.

"Gut." Er setzte ein hinterhältiges Grinsen auf. "Denn unser nächstes Projekt wird sicher lustig werden."

Die Schüler blinzelten verwundert...

* * *


Was die Sorge um Rei betraf, so war es vielleicht besser, dass sie im Moment nicht in der Schule war... Immerhin schwamm sie gerade nackt in einem Becken mit LCL.

Doch an stelle der ruhigen, fast schon emotionslosen Aura, die sie normalerweise umgab, schien sie im Moment emotional aufgewühlt,- fast so, als ob sie geweint hatte. Sie empfand keinen Schmerz... keinen Hass... oder irgendein anderes, ihr bekanntes Gefühl...

Vor ein paar Tagen hatte sie gehört, dass es Doktor Akagi geglückt war Ikari-kun zurück zu holen...

Sie war so glücklich gewesen ihn wiederzusehen. Und genau das ängstigte sie,- nein, es versetzte sie regelrecht in Panik. Rei hatte versucht alles noch einmal zu überdenken,- sich über ihre Gefühle klar zu werden,- zu sich selbst zu finden, in dem Becken, das Ikari-san ihr zur Verfügung gestellt hatte. Schwerelos im LCL zu treiben hatte ihr bisher immer ein Gefühl der Geborgenheit und Ruhe vermittelt...

Doch inzwischen fühlte sie sich allein gelassen... einfach nur allein gelassen....

Nackt, einsam, an einem Ort, wo die Erinnerungen sie einholen würden... Erinnerungen an das Schulkonzert zum Beispiel...

Rei hatte vor Tagen begonnen leise vor sich hin zu summen...

Rings herum umgeben von LCL klang dieses Summen zugegeben recht merkwürdig und dumpf, doch in ihren Ohren war es kristallklar und glockenhell. Ein Vibrieren, dass sich bis in jede Faser ihres Körpers fortsetze.

Sie summte Beethovens Symphonie Nummer 9, Ode an die Freude. Die einprägsame Melodie wollte ihr einfach nicht aus dem Kopf gehen. Sie beruhigte ihren Geist und brachte ein Gefühl von vertrauter Wärme mit sich.

Mmm mmm mmm mmm mmm mmm mmm mmm mmm mmm mmm mmm mmm, mmm-mmm!

Sie summte jede Note mit absoluter Präzision; in perfekter Tonlage und perfektem Tempo. Und während ihre Darbietung nach und nach immer kraftvoller und lauter wurde, wuchs auch das Gefühl von Kraft und Stärke, dass durch ihren Körper ging.
Obwohl sie allseits von lauwarmem LCL umgeben war, fühlte es sich an, als ob eine kühle, frische Brise über ihre Haut ging, und sie zitterte, doch nicht vor Kälte, sondern vor Freude, und wegen der Zufriedenheit, die dieses Gefühl mit sich brachte.

Ein wunderbares, neues Gefühl...

Und genau in dem Moment hatte sie begonnen zu weinen...

Sie schaute hinauf zur Decke, die so unglaublich hoch und jenseits der Oberfläche dieses mit LCL gefüllten Beckens lag. "Ich will nicht ersetzt werden..." flüsterte sie. "Ich will nicht ersetzbar sein..."

Ströme ihrer Tränen lösten sich im LCL auf...

"Aber warum nur will ich es nicht?"

Das war die Frage, die sich Rei immer und immer wieder stellte.

Und ein jedes Mal fand sie keine Antwort darauf. Sie suchte nach Erklärungen... versuchte sich einzureden, dass sie sich etwas vormachte.. und dass es nicht mehr als ein wirrer Gedanke war.

Aber das Gefühl, das alles ausgelöst hatte, wollte einfach nicht verschwinden.

Freude.

Freude darüber Shinji wiederzusehen... selbst.. ja, selbst wenn er und Asuka ein Paar waren. Es machte ihr Freude, Shinji lächeln zu sehen. Sie fragte sich warum ihm da Lächeln nur so leicht fiel.

Kommandant Ikari lächelte nie.

Er war so anders als Shinji-kun.

Sie hatte Shinji vermisst. Den ganzen Monat lang, den er in Einheit-01 gefangen gewesen war. Doch erst jetzt wurde ihr richtig bewusst, wie sehr sie ihn vermisst hatte. Wie glücklich sie war, wann immer sie in seiner Nähe war.

Sie dachte an die Schule,- an Sensei Kaoru. Auch er lächelte oft, und scheinbar mühelos. Ein ehrliches, und von Herzen kommendes, fröhliches Lächeln, das er ihr schenkte, wenn sie zum Unterricht erschien. Wenn sie mit den anderen Schülern diskutierte, oder einfach nur redete. Ein Lächeln, das ausdrückte, wie glücklich es ihn machte, dass sie zu den Schülern seiner Klasse gehörte.

Sie dachte an Asuka... Sie hatte gelernt Besorgnis an den Augen des Rotschopfes abzulesen, und hörte an ihrer Stimme, wenn sie betroffen, oder in Sorge war. Sie hatte gesehen, welche Anstrengungen Asuka unternehmen würde, um etwas, oder jemanden, den sie liebte, zu schützen... auch wenn sie ununterbrochen herumschrie und versuchte den Anschein zu erwecken, gemein und unerreichbar zu sein.

Toji-kun. Sie liebte es, Hikari und ihn miteinander reden zu sehen. Das Wissen, dass sie dem Glück der beiden zumindest ein wenig auf die Sprünge geholfen hatte, erfreute sie, und zauberte stets ein kleines Lächeln auf ihr Gesicht.

Wäre jemand, der wertlos war, in der Lage so etwas zu vollbringen?? War sie etwas wert? Hatte eine wertlose Person überhaupt Freunde? Wären ihre Freunde nicht traurig, wenn sie sterben würde?

Kommandant Ikari konnte sich einfach eine Neue schaffen... Für ihn war sie ersetzbar...

Doch nicht für ihre Freunde.
Ihre Freunde würden sie vermissen.

Denn selbst wenn ihr Ersatz so aussah wie sie, so würde er sich an nichts mehr erinnern...



Und an diesem Morgen begann Rei Ayanami zu leben.



Sie hinterließ kleine Fußspuren aus LCL auf dem Boden, als sie das Becken verließ um sich abtrocknen zu gehen...

Sie war sich ziemlich sicher, dass es nicht günstig wäre, nackt in der Schule aufzutauchen.

Fast beiläufig begann sie die Melodie von 'Air' zu summen.

Copyright of the Charakter by GAINAX / Text by Strike Fiss, 1999
Translated by Melissa Schneider / Edited by Christian Winkler and Markus Ehreke