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Higher Learning

Lektion Vierundreißig: Überraschender Besuch

Geschrieben von Strike Fiss, 1999
Homepage: http://www.geocities.com/Tokyo/9110
Übersetzt von Melissa Schneider
editiert von Christian Winkler und Markus Ehreke

"Das macht doch alles keinen Sinn." meinte Misato, während sie einen Blick auf die Dokumente warf, die vor ihr lagen.

Makoto sah indessen stumm auf den See der Geofront. Er hätte Misato die Ergebnisse seiner Nachforschungen gern an einem weniger öffentlichen Ort und in einer privateren Atmosphäre überreicht, doch so etwas war in Tokio-3 nahezu unmöglich. Es gab keine Straße, die nicht von irgendwelchen Kameras beobachtet wurde,- und keinen Raum, in dem man nicht Gefahr lief von NERV, SEELE, oder vielleicht sogar der JSSDF und anderen Organisationen bespitzelt zu werden.

Und so hatten sie als Treffpunkt schließlich einen menschenleeren Ort in freier Natur gewählt...
"Was macht keinen Sinn?", fragte Makoto. Er hatte die Unterlagen an Misato weitergegeben, kaum dass er sie erhalten hatte, und sich noch nicht einmal die Zeit genommen genauer hinein zu schauen.

"Hast du die geschätzten Produktionskosten gesehen?" Misato blickte ihn an. "Dreizehn weitere Evangelions... Das ist doch wahnwitzig!"

"Ja, scheint so." stimmte er zu. "Immerhin haben wir ja vier funktionsfähige Einheiten inklusive Piloten. Ich frage mich, ob sich NERV damit vielleicht auf einen weltweiten Angriff der Engel vorbereiten will?"

"Und trotzdem macht es immer noch keinen Sinn." Misato seufzte. Ihr Blick fiel auf die verschwommenen Bilder einer riesigen, weißen Kreatur. Etwas an der Art und Weise wie sie nach vorn über gebeugt war, kam ihr so... urzeitlich, und doch irgendwie bekannt vor. Es lief ihr eiskalt den Rücken herunter... "Als das Evangelion-Projekt ins Leben gerufen wurde, da haben wir mit Müh und Not den letzten Yen zusammengekratzt um den ersten Aktivierungstest machen zu können. Und jetzt redet Ritsuko davon, dass wir etliche 'Ersatzteile' hätten, und mehr als ein Dutzend EVAs werden zur Zeit gebaut, und wie es scheint auch bezahlt."

"Es muss etwas passiert sein, das die Politiker dazu bewegt hat, ihre Meinung zu ändern. " merkte Makoto an. "Vielleicht wird ihnen endlich bewusst, wie wichtig es ist, dass wir Erfolg haben. "

"Was auch immer der Grund ist, es schmeckt mir nicht." Misato seufzte. "Weißt du, vor nicht allzu langer Zeit habe ich mich gefragt, was mit den EVAs passiert, wenn alle Engel besiegt sind."

Makoto blinzelte verwundert und zuckte schließlich mit den Schultern. "Ich hatte immer angenommen, dass man sie auseinandernehmen, oder für einen späteren Gebrauch in Stasis versetzen würde."

"Das hatte ich auch gedacht." Misato schüttelte den Kopf. "Aber jetzt nicht mehr. Die Regierung gibt sicher nicht so viel Geld für eine Waffe aus, nur damit sie dann rumsteht und Staub ansetzt. Die wollen die EVAs auch nutzen."

"Aber wozu?" Makoto zuckte mit den Schultern. "Und woher wollen die fünfzehn weitere Piloten holen ?"

"Ich bin mir nicht sicher." Misato seufzte und stand von der Parkbank auf, auf der sie saßen. "Aber ich muss es herausfinden, noch bevor diese Dinger einsatzfähig sind, und sie ein neues Dummy-System entwickelt haben, das nicht mehr länger zurückgewiesen wird, wie das alte." Sie wandte sich ihrem Freund zu. "Ich denke du weißt so gut wie ich, dass eine Gruppe von Menschenhand kontrollierter Evangelions die Engel wie Miezekatzen aussehen lassen würde."

Er nickte und seufzte. "Die Grausamkeit scheint uns im Blut zu liegen, nicht wahr? Ich persönlich denke ja, dass das der einzige Grund ist, warum wir bisher überlebt haben."

"Dann lass uns hoffen, dass eine Zeit kommen wird, in der wir nicht mehr gezwungen sein werden, auf unsere Grausamkeit zu bauen, um zu gewinnen.", erwiderte sie mit einem kleinen Lächeln, und nickte. "Vielen Dank für die Unterlagen. Das bringt mich bestimmt ein gutes Stück weiter." Misato verließ einige Augenblicke später den Treffpunkt.

"Kein Problem." Ein herzliches Lächeln schlich sich in Makotos Gesicht, als er dem Major nachschaute. "Überhaupt kein Problem." Er seufzte und lehnte sich zurück gegen die Parkbank, auf der er immer noch saß.

* * *


"WAS!?!?!" Ein Keuchen ging durch die Klasse als die Schüler das Arbeitsblatt lasen. Verwunderte Blicke lasteten auf Sensei Miyazaki, und der Einzige, der glücklich zu sein schien, war Kensuke. Dem Ausdruck auf seinem Gesicht nach zu urteilen war er zu allem bereit.

Kaoru grinste und wandte sich Kensuke zu, wohl wissend, dass er der größte Verfechter seines neuen Projektes sein würde. "Wären Sie so gut uns kurz über die Natur unseres nächsten Projektes zu informieren, Mister Aida?"

"Aber gern doch, Sir!" Kensuke stand auf und rückte seine Brille zurecht. "Unser nächstes Projekt besteht darin NERV zu übernehmen, Sir!" Er salutierte und setzte sich wieder hin.

Ein Stirnrunzeln ging durch die Klasse...
Toji, Asuka und Shinji sahen ziemlich verwirrt aus.

Kaoru genoss die allgemeine Ratlosigkeit noch ein wenig, bevor er hinüber zur Tafel ging. "Also, bevor Sie alle nun damit rechnen, Gewehre und Sprengstoff ausgehändigt zu bekommen, sollte ich vielleicht erst 'mal erklären, worum es in unserem neuen Projekt eigentlich genau geht." Er begann die Namen und Bezeichnung einiger Abteilungen und Zweigstellen von NERV auf die Tafel zu schreiben... "Unsere Aufgabe soll darin bestehen es besser zu machen..."

"Besser?" Hikari blinzelte.

"So ist es. Wir werden uns unser eigenes TOKIO-3 schaffen,- eine Stadt, geführt von euch wundervollen, jungen Menschen. Und dann wollen wir sehen, ob wir nicht in der Lage sind, unser Tokio-3 besser zu machen, als das reale Tokio-3. Wir werden unsere Stadt ohne all die Lügen, Geheimnisse und Halbwahrheiten führen. UNSER Tokio-3 soll das Modell einer Stadt sein, auf die die Menschheit stolz sein kann,- und nicht nur eine Festung, in der wir uns vor den Engeln verstecken können." Er drehte sich um und lächelte. "Na wie hört sich das an?"

Einige der Studenten machten wirklich den Eindruck interessiert zu sein. Die Piloten grinsten einander an, und Kensuke sah aus, als wäre er bereit die Weltkriege Drei bis Neun allein zu bestreiten.

"Nun, was die ganzen klassifizierten Sachen betrifft, so werden wir all unser Wissen zusammenlegen, und uns auf dieser Basis einfach etwas ausdenken. Sinn und Zweck dieses Projektes ist es, Veränderungen an der auf Tokio-3 basierenden Modell-Stadt und der Art ihrer Führung vorzunehmen, um dann zu sehen, ob unsere neuen Ideen überhaupt zu realisieren sind, und ob sie von Erfolg gekrönt wären." Er ging zu seinem Lehrertisch und holte einen großen Stapel Papiere heraus.

"Jeder von Ihnen, wird der Leiter einer staatlichen Behörde oder Institution werden." Er wandte sich den EVA-Piloten zu. "Und was euch betrifft, ihr werdet die Leiter de EVA-Projektes." Er grinste. "Aber erzählt mir bloß nicht zu viel... nicht dass sich in meiner Wohnung die Sicherheitsleute und Spione von NERV nachher noch die Klinke in die Hand geben..." witzelte er mit einem schelmischen Augenzwinkern.

"Kann ich..."

"Ja, Kensuke. Du bist der Verteidigungsminister - zuständig für alle Militärischen Operationen, sei es Angriff oder Verteidigung." Kaoru lachte.

"JAAAAAAA!" Kensuke veranstaltete einen kleinen Freudentanz, und erst als ihm Toji beinahe seinen Arm auskugelte, gab er Ruhe.

Kaoru verteilte weitere Arbeitsblätter, die den Schülern einen Überblick über den Umfang des Projektes geben sollten. Schließlich setzte er sich wieder auf die Ecke seines Schreibtisches und schob seine Brille zurecht. "Und wenn wir sehen, dass unser kleines Experiment ein Erfolg ist, dann werden wir es logischerweise auch in die Tat umsetzen..."

Kaoru grinste wie ein verrückter Wissenschafter. Ein verwundertes und verängstigtes Blinzeln ging durch die Klasse

Er lachte. "War nur ein Scherz." Er stand auf und ging zurück zur Tafel. "Also, dann wollen wir uns mal daran machen die Ressorts zu verteilen. Wer fängt an??"

"Ich möchte..." Wie aus dem Nichts schallte plötzlich Reis Stimme durch den Raum.

Etliche Schüler wären vor Schreck fast von den Stühlen gekippt, und der Rest fragte sich, wie um alles in der Welt Rei nur derart unbemerkt und leise in das Klassenzimmer hatte treten können.

Kaoru kicherte. "Ja, Miss Ayanami?"

Rei brachte ein herzliches Lächeln hervor. "Ich wäre gerne für das Training der EVA-Piloten zuständig."

Asuka stöhnte auf. "Oh Gott. Wenn ich mir überlege, was SIE mit den armen Piloten nachher noch so alles anstellt, dann sollte ich wohl besser Schadensbegrenzung betreiben und die Rolle des Einsatzoffiziers spielen."

Kaoru schrieb die Namen der beiden Mädchen an die Tafel während Rei sich hinsetzte.

Asuka zwinkerte dem blauhaarigen Mädchen zu. "Diese armen Piloten brauchen doch jede Hilfe, die sie nur kriegen können, oder?"

"Hai." stimmte Rei zu.

Hikari war die Nächste, die ihre Hand hob. "Ich möchte Bildungsministerin sein."

Toji grinste und hob seine Hand. "Und ich werde NERVs neuer, offizieller Testesser." meinte er und erntete damit einige Lacher, sowie eine feuerrote Hikari.

"Na, sagen wir du bist der Familien- und Sozialminister, zuständig für das Allgemeinwohl." erwiderte Kaoru mit einem Schmunzeln. "Okay, wer will noch mal, wer hat noch nicht?..."

* * *


"Also, wo feiern wir?" fragte Kensuke, als die kleine Gruppe der Freunde die Straße entlang ging.

"Was feiern?" erwiderte Shinji.

"Na ist das nicht sonnenklar?" Asuka lächelte ihn an und legte sanft, und beinahe beiläufig eine Hand auf seinen Unterarm. "Deine Rückkehr, Dummerchen. Hattest du dir etwa eingebildet, dass wir es bei einem 'Danke das du zurück gekommen bist', und einem Klaps auf die Schulter belassen würden?"

"Na ja, viel mehr hatte ich wirklich nicht erwartet." Shinji wurde rot.

Toji kicherte. "Machst du Witze? Du hast uns regelrecht zu Tode erschreckt, Ikari. Einige von uns waren krank vor Sorge. Und da glaubst du doch nicht, dass wir dich so ganz ohne Party davon kommen lassen..."

Kensuke hüstelte. "Ähm, eigentlich hatte ich ja mehr daran gedacht, den Niedergang von NERV zu feiern, aber so gesehen ist Shinjis Rückkehr natürlich auch ein Grund zum feiern."

Alle stöhnten auf. Hikari begann zu schmunzeln. "Nun, Herr Verteidigungsminister, wie stehen Sie denn zum Einsatz der N2-Minen?"

"Einsatz?" Kensuke schmollte. "Welcher Einsatz? Wir haben beinahe EINTAUSEND N2-Minen auf Lager, und bis jetzt gerade mal ZWEI davon im Kampf gegen die Engel eingesetzt." Ein hinterhältiges Grinsen machte sich auf seinem Gesicht breit. "Aber das wird sich jetzt sehr schnell ändern."

"Ehrlich gesagt..." Zum zweiten Mal an diesem Tag wurden sie von Reis Stimme überrascht...

Alle Augen richteten sich auf das blauhaarige Mädchen, das einmal mehr wie aus dem Nichts aufgetaucht war, und nun neben ihnen her ging. "Gomen..." Sie wurde rot "Ich wollte nicht stören."

"Nein, ist schon okay, Rei!" erwiderte Asuka ungewohnt freundlich. "Möchtest du mitkommen?"

Sie nickte und schloss sich der kleinen Gruppe an.

Kensuke warf Rei fragende Blicke zu. "Also, was wolltest du eben sagen?"

"Na ja, eigentlich haben wir ja drei N2-Minen gegen die Engel eingesetzt." Ein kleines, scheues Lächeln umspielte ihre Lippen.

Shinji runzelte die Stirn. "Ja, und dabei hast du dich beinah selbst umgebracht, Rei!"

"Ein EVA kann eine N2-Explosion überstehen." warf Rei ein. "Ich hatte keine Angst."

Hikari schüttelte den Kopf. "Aber hast du die Explosion denn überhaupt nicht gespürt? Ich meine du warst doch mitten drin?"

Rei zuckte mit den Schultern. "Ich hatte keine Angst."

Toji lachte. "Na ja, dann kann ich nur sagen, dass du tapferer bist als ich." Er zeigte auf sein Bein. Man hatte den Gips zwar inzwischen entfernt, aber die Muskelverletzungen, die er erlitten hatte, ließen es immer noch so aussehen, als würde er hinken. "Und das war gerade mal nur mein Bein."

Hikari küsste ihn auf die Wange. "Du bist auch ganz tapfer gewesen, Toji-kun."

"Also, wo sollen wir denn nun hingehen, um zu feiern?" fragte Asuka und gähnte gelangweilt. Sie war wirklich nicht in der Stimmung in Erinnerungen an den letzten Kampf zu schwelgen. "Aber bitte nichts teures." Sie grinste hinterhältig. "Mein Geburtstag steht nämlich vor der Tür, und da kann ich doch nicht zulassen, dass ihr heute euer ganzes Geld auf den Kopf haut, und nachher zu blank seid um mir passende Geschenke zu kaufen."

"Ich kenne da einen netten kleinen Stand, wo es Ramen und andere Nudelspeisen gibt." warf Rei hilfreich ein.

Einhelliges Kopfnicken machte die Runde.

"Klingt gut." meinte Kensuke mit stolzgeschwellter Brust. "Ich als der neue Kriegsminister, werde mit Freuden ein karges Leben führen, so lange es meinem Land zu Gute kommt!"

Der Rest der Gruppe stöhnte auf.

Shinji runzelte die Stirn. "Aber heißt es eigentlich nicht eher Verteidigungsminister?"

"Klar, aber nimm ihm doch nicht den ganzen Spaß." erwiderte Asuka. "Lass ihn sich ruhig ein Weile austoben."

* * *


Rei führte die Gruppe in ein älteres Viertel der Stadt. Auch wenn er nicht so heruntergekommen und verwahrlost war wie der Appartementkomplex in dem sie wohnte, so hatte dieser Teil der Stadt etwas abgenutztes und irgendwie schäbiges an sich.- Wahrlich ein Kontrast zum Stadtzentrum von Tokio-3 mit all seinen blank polierten Fassaden und wohl gepflegten Einkaufsstraßen...

Wahrscheinlich lebten in diesem Teil der Stadt nicht genügend Menschen, um nach jedem Angriff eines Engels kostenintensive Reparaturen zu rechtfertigen.

Doch die Gegend war alles andere als verlassen. Vielmehr schien es so, als ob dies der Ort war, an dem sich das Kleingewerbe tummelte...
Im Gegensatz zu den großen, schillernden Geschäften im Stadtzentrum, die nach jedem Angriff eines Engels ihre Preise weiter in die Höhe trieben um den gestiegenen Geschäftskosten Rechnung zu tragen, gab es hier fast ausschließlich kleine Verkaufsstände und provisorische Straßenläden, deren Inhaber bei Gefahr in Windeseile ihre sieben Sachen zusammenpacken konnten, um zurückzukommen, wenn die Luft wieder rein war.
Shinji und Asuka waren zutiefst beeindruckt. Sie hatten keine Ahnung, das etwas derartiges überhaupt noch im ultramodernen Tokio-3 existierte.

Sie gingen eine Straße hinunter und kamen zu einer Art Marktplatz, der belebter zu sein schien, als so manches Einkaufszentrum in der Innenstadt.

"Das ist unglaublich!" meinte Hikari mit einem strahlenden Lächeln auf dem Gesicht. "Seht euch nur mal all die Sachen an, die es hier gibt!"

"Hallo! Ayanami!" rief jemand. Rei drehte sich um und sah einen älteren Mann auf sie zu kommen. Er lächelte freundlich und hatte eine große Einkaufstasche in der Hand.

"Guten Abend, Mister Sheesa." begrüßte Rei den Fremden und verbeugte sich.

"Wie sieht es aus, schaust du heute Abend auch bei uns vorbei?" fragte Sheesa und schmunzelte. "Wir haben eine neue Lieferung deines Lieblingstees herein bekommen." Als er die anderen Kinder bemerkte, lächelte er. "Sind das deine Freunde, Ayanami?"

Rei nickte. "Das sind meine Klassenkameraden..." erklärte sie und wurde rot. "... und auch meine Freude." fügte sie mit einem Lächeln hinzu. "Aber was ihr Angebot betrifft, so habe ich heute Abend leider keine Zeit. Wäre es Ihnen recht, wenn ich vielleicht nächste Woche einmal vorbeischaue?"

"Ach, kein Problem!" erwiderte der Mann mit einem herzlichen Lächeln. "Dann hebe ich dir eben ein Päckchen von bester Qualität auf. Das wird sich sicher ein oder zwei Monate halten."

"Arigato, Sheesa-san." bedankte sich Rei, und ein glückliches Lächeln umspielte ihre Lippen.

"Sayonara!" rief der Mann den Kindern noch zu, und war im nächsten Moment auch schon wieder in der Menschenmenge verschwunden.

"Die Leute hier sind sehr freundlich." stellte Hikari fest.

"Hai. Ich komme hin und wieder her um etwas Tee zu kaufen." erklärte Rei. "Er akzeptiert die NERV-Kreditkarte, und daher kaufe ich sehr oft in seinem Geschäft ein."

Die Freunde setzten ihren Weg fort.

"Ich bin beeindruckt, Wunderkind." meinte Asuka schließlich und pfiff bewundernd. "Ich wusste ja gar nicht, dass du auch mal vor die Türe gehst und etwas unternimmst."

"Asuka!" Shinji warf seiner Freundin einen bösen Blick zu.

"Hin und wieder ja." erwiderte Rei, und war nicht im geringsten beleidigt. Immerhin war eine Unterhaltung mit Asuka ein recht seltenes Ereignis. Und ein nettes dazu...





Es dauerte noch einen Moment bis sie endlich den Imbiss erreichten, von dem Rei gesprochen hatte. Eigentlich war es nicht mehr als ein großer, alter Handkarren, der auseinandergelegt eine kleine Küche hatte, und einen Tresen bot, an dem die Kunden sitzen, und essen konnten.

Im Moment saß nur ein weiterer Gast an der Theke, so dass unsere Freunde mit Leichtigkeit Sitzplätze fanden. Rei und Asuka nahmen links und rechts von Shinji Platz, während Hikari und Kensuke Toji in ihre Mitte nahmen. Ein junger Mann mit langen, zu einem Pferdeschwanz zusammengebundenen Haaren blickte von der Arbeit in seiner kleinen Kochküche auf, und lächelte die neuen Gäste an. "Was darf ich euch jungen Leuten bringen?"

Shinji bestellte eine Nudelsuppe mit Fleischeinlage,- Asuka wollte eine Haifischflossensuppe,- Rei nahm eine vegetarische Suppe,- Hikari und Toji entschlossen sich eine Schüssel Eiernudelsuppe mit Sojabohnensprossen zu teilen,- und Kensuke orderte den billigsten, bescheidensten Tofu-Ramen, der auf der Karte stand, wobei er dem armen Mann hinter dem Tresen einen Vortrag darüber hielt, dass er die Gott-gleiche und ehrfurchtgebietende Macht, die seine Position mit sich brachte, auf keinen Fall missbrauchen würde.

Shinji konnte nicht anders, als köstlich zu lachen. Dann aber fiel sein Blick auf Asuka, die immer noch die Speisekarte studierte. "Was ist los?" fragte er während ihre Nudelgerichte frisch zubereitet wurden.

"Hey, Sir." meinte Asuka schließlich. "Wir nehmen auch eine Flasche hiervon." Sie zeigte auf die betreffende Stelle der Menükarte.

Der Mann blinzelte verwundert und zuckte schließlich mit den Schultern. "Na gut, von mir aus.. Wenn ihr sechs euch eine Flasche teilt, dann werde ich mal nicht so sein." lenkte er schließlich ein und schmunzelte. "Wie möchtet ihr ihn denn ?"

"Heiß." antwortete Asuka mit einem Kopfnicken. "Ich habe gehört, dass er heiß besser schmeckt."

Shinji blinzelte verwundert, als er sah, was Asuka bestellt hatte. "Sake?"

"Wo liegt das Problem, Shinji?" Sie grinste. "Hast du Angst, dass es wieder so ausgeht, wie beim letzten Mal?"

Er wurde rot. "Ähm... nein, eigentlich nicht..."

"Außerdem müssen wir einen Toast ausbringen!" erklärte Asuka mit von Logik strotzender Stimme und hob weise die Hand. "Es ist eine Tradition einem Freund, der von einer langen Reise zurückkehrt, zuzuprosten."

"Reise?"

Toji lächelte. "Klar doch, Ikari. Du bist doch derjenige von uns, der am meisten 'rum kommt. Ständig wirst du von irgendwelchen Engeln verschluckt, oder sogar von deinem eigenen EVA."

"Die größten Reisen, sind die Reisen des Geistes... und der Seele." fügte Rei leise hinzu, was ihr die erstaunten Blicke ihrer Freunde einbrachte.

"Da hat sie recht." Asuka lächelte. "Und wenn mir sogar unsere Chef-Philosophin Ayanami zustimmt, dann wirst du doch wohl nichts einzuwenden haben, oder?"

Rei wurde rot und Shinji seufzte. "Ich denke du hast recht..."

Hikari aber macht sich bereits Sorgen und seufzte. "Oh mein Gott... Ich weiß nicht..."

"Mach dir mal keine Sorgen, Hikari. Du kannst von einigen Schlucken nicht betrunken werden." erklärte Toji. "Aber wenn es dir lieber ist, dann proste ihm einfach nur zu."

Kensuke nickte. "Auch ich werde nur einen Toast auf den Sieg ausbringen! Ich muss unbedingt nüchtern und allzeit bereit sein!"

Asuka seufzte. "Obwohl ich denke, dass es für DICH besser wäre, betrunken zu sein."

"Hai hai." Shinji kicherte leise, während der Koch bereits die kleinen Sake-Gläser verteilte. Schließlich holte er aus dem Wasserbad, in dem auch die Nudeln kochten, eine dampfend heiße Keramikflasche heraus...

"Okay, Kinder. Benehmt euch!" meinte der Mann mit einem Lächeln und zwinkerte ihnen zu. "Die Suppe ist bald fertig."

"Aber es stimmt schon." meinte Shinji als er Asuka und Rei etwas Sake eingoss, und die Flasche schließlich an Toji weiter reichte, damit er das Selbe für Hikari und Kensuke täte. "Die Leute hier sind sehr nett."

Als der Reiswein sauber verteilt war, räusperte Asuka sich. "Na ja, dann wollen wir mal. Lasst uns einen Toast ausbringen." Sie hob ihr kleines Glas. "Danken wir unserem 'Unbesiegbaren Shinji-sama', dass er nicht auf Dauer zu einem ekelhaften Schleim geworden ist,- und dafür, dass er wieder zu uns zurückgekehrt ist, um uns bei der Übernahme von NERV zu helfen."

Die Frischvermählten lächelten einander an und nickten.

Die Freunde hoben ihre Gläser. "Kapai!" Und dann kippten sie den warmen Sake in einem Zug hinunter.

Rei und Hikari hatten zwar zuerst noch ein wenig gezögert, doch schließlich hatten auch sie sich mit einem Ausdruck der Überraschung auf dem Gesicht dazu durchgerungen das Getränk hinunter zu schlucken.

Sie mussten nach Luft schnappen, als sie spürten wie vom Alkohol angeheizt, ein Feuer in ihren Kehlen hoch stieg...

Shinji musste husten. "Holla.. " Er schüttelte sich "Du hattest recht,- der ist viel besser wenn er warm ist."

Rei wurde ein wenig rot, als ihr ein kleiner Hickser herausrutschte. "Das war äußerst... interessant."

Asuka grinste und schenkte Rei noch einmal ein. "Warte nur, bis du deinen Achten davon intus hast. Dann wird es WIRKLICH interessant."

"Asuka!" mahnte Shinji.

"War doch nur Spaß." Sie grinste. "Obwohl... Es ist noch genug da, für einen weiteren Toast." Sie goss Shinji und sich selbst ein, und reichte die Flasche dann weiter. "So Shinji-kun, dies' Mal bist du dran mit dem Trinkspruch."

Shinji wurde rot und hätte am liebsten geschwiegen, doch seine Freunde nickten ihm aufmunternd, und erwartungsvoll zu... "Ähm... Weltfrieden?"

Asuka stöhnte auf. "Du denkst viel zu allgemein. Ein Glas Sake kann dir doch keinen Weltfrieden bringen,- wenn, dann musst du schon um etwas Kleineres bitten."

"Okay, dann..." begann Shinji und wartete bis jeder seiner Freunde bereit war. "...hoffe ich, dass wir das hier noch einmal machen werden..." Er schmunzelte. "...nachdem alle Engel besiegt sind."

"Jo! Darauf trinke ich!" antwortete Toji mit einem Lächeln, und hob sein Glas.

Der Rest der Gruppe nickte zustimmend...

"Kapai!"

* * *


"Shinji-kun will meine Rolle spielen?"

Kaoru nickte und lächelte, während er und Kaji den Korridor des Wohnblocks entlang gingen. Jeder von beiden trug eine Tüte voll mit Einkäufen. "Na ja, er hat es zwar nicht so ausgedrückt, wie du gerade... aber er sagte, er wolle der Leiter des Geheimdienstes sein, damit er alle Geheimnisse enthüllen könnte."

Kaji lachte leise. "Der Junge macht sich da falsche Vorstellungen, was mich und meinen Job betrifft."

"Trotzdem hat es mich gefreut so etwas von ihm zu hören." meine Kaoru und schmunzelte. "Ich hatte nämlich schon befürchtet, dass er sich entscheiden würde, der neue Gendo Ikari zu werden."

"Ich denke dazu hättest du ihn nicht mal MIT GEWALT zwingen können." Kaji schüttelte den Kopf. "Mal im Ernst, ich glaube, es gibt keinen klar denkenden Menschen, der e sich wünschen würde in Gendos Fußstapfen treten zu können." Er nahm Kaoru die Tüte mit den Einkäufen ab, als dieser begann nach seiner Zugangskarte zu suchen.

"Wie wahr, wie wahr..." stimmte Kaoru zu, während er die Türe öffnete. "Der Kerl ist ein gottverdammter kranker Hundesohn. Er ist..."

"Hier." Kaji blinzelte und ließ die Einkäufe fallen.

Und im selben Moment erfüllte auch schon das Geräusch von einem Dutzend automatischer Waffen den Raum, die wie aufs Stichwort entsichert und feuerbereit gemacht wurden...

Gendo Ikari saß auf der Sitzcouch, während etliche Mitarbeiter der Sicherheitsabteilung die beiden Neuankömmlinge umzingelten. Die Eingangstür des Appartement schloss sich einen Augenblick später selbsttätig. "Bemerkenswerte Auffassungsgabe, Gentlemen." meinte Gendo mit einer dunklen, furchteinflößenden Stimme.

Die Angesprochenen mussten schwer schlucken.

"Obwohl ich denke, dass so etliche Leute im Moment lieber mit mir als mit Ihnen beiden tauschen würden." sagte Gendo mit einem Hauch von einem Lächeln. Das schummerige Licht im Appartement spiegelte sich in den Gläsern seiner Brille, als er von seinem Sitzplatz aufstand. Zwei der Sicherheitsagenten machten eine Gasse frei, durch die hindurch er Kaji und dem Lehrer gegenüber treten konnte. "Agent Ryouji, ich bin überrascht Sie hier vorzufinden. Würden Sie mir erklären, warum Sie nicht Ihren Aufgaben nachkommen?"

"Wer sagt denn, dass ich das nicht tue?" erwiderte Kaji und tat so, als wäre er beleidigt. "Sie unterschätzen meine Fähigkeit gleichzeitig mehrere Aufgaben wahrzunehmen, Ikari."

"Ich unterschätze niemals andere Leute." konterte Gendo prägnant, und wandte sich dann Kaoru zu. "Eigentlich muss ich immer wieder feststellen, dass ich die meisten Leute bei weitem überschätze. Aber das wissen sie sicher schon."

"Sowas in der Art hatte ich mir bereits gedacht." antwor-tete Kaoru mit einem Kopfnicken. Es war unübersehbar, dass er nervös war, aber noch war er nicht tot... Und wenn Kaji die Ruhe bewahren konnte, dann konnte er es auch...

"In der Tat." Gendo runzelte die Stirn, während er seinen Gegenüber musterte. Kaji beobachtete die Szene mit großer Faszination. Es kam ihm vor, als würde eine seltsame Spannung zwischen den beiden zu herrschen...
Gendo machte sogar fast den Eindruck als hätte er seine Zunge verschluckt; Man sah, dass er etwas sagen wollte, aber nicht richtig wusste was...
"Sie waren derjenige, der mir die Nachricht hat zukommen lassen." meinte er schließlich.

Kaoru begann von Neuem zu schmunzeln, und meinte mit einer Spur von Selbstvertrauen in der Stimme. "Ich hatte nur nicht damit gerechnet, dass Sie so lange brauchen würden um darauf zu reagieren."

Kaji hatte den Eindruck als würde er eine Rolle in einem Theaterstück spielen. Irgendwie machte es den Anschein, als hatte der Sensei alles von langer Hand geplant und sorgfältig inszeniert. Selbst Gendos Reaktionen und seine Antworten darauf schien Kaoru bedacht zu haben...

... und das war es, was Kaji Angst einjagte; Dass es nämlich jemanden gab, der Gendo Ikari so genau kannte, dass er seine Reaktionen vorausberechnen konnte...

"Ich war halt sehr beschäftigt." erwiderte Gendo und nickte. "Ich vergeude nicht gerne meine Zeit, es sei denn es ist unumgänglich."

"Oh, dann heißt das wohl, dass Sie gerade wenig zu tun haben, oder?" gab Kaoru zurück und zuckte mit den Schultern. "Obwohl ich ja angesichts des missglückten Experiment mit dem Dummy-Plug-System eigentlich davon ausgegangen war, dass Sie keine Zeit hätten sich mit einem kleinen, ehrenwerten Lehrer wie mir abzugeben..."

Gendos Augen zogen sich zu kleinen Schlitzen zusammen.
"Wo ist sie?" fragte er.

Kaoru blinzelte verwundert.

Kaji bemerkte die Reaktion des Lehrers, und schloss daraus, dass ihn diese Frage unvorbereitet getroffen hatte.

"Wo ist wer?" entgegnete Kaoru schließlich.

"Rei." Obwohl Gendos Stimme immer noch furchteinflößend war, bemerkte man deutlich, dass er bei Weitem nicht mehr so kühl und gelassen war wie zuvor. "Sie werden mir jetzt sagen, wo Rei ist."

"Sie war heute in der Schule." antworte Kaoru mit einem ehrlichen, leicht verwunderten Gesichtsausdruck. "Ehrlich gesagt, kam sie sogar etwas zu spät zum Unterricht. Ich nehme an, dass sie mittlerweile zu Hause sein sollte. "

Mit einem Mal verschwand die Aura von Gelassenheit und Selbstkontrolle, die Gendo immer umgab, und er fasste in die Tasche seines Jacketts. So als ob tausendmal geübt, zog er in einer flüssigen Bewegung einen dunklen, blank polierten Revolver hervor und presste ihn gegen die Brust von Sensei Kaoru, der unter dem Druck der Waffe ein klein wenig zurück wich.

"Das ist meine letzte Warnung,- die erste und letzte Warnung." erklärte Gendo mit einer gefährlich klingenden Stimme. "Ich habe keine Zeit für Spielereien. Ich werde ihre Spielchen nicht mitmachen. Ich habe weder die Geduld, noch die Lust auf Ihre Pläne, oder was auch immer sie im Schilde führen, einzugehen."

Kaji seufzte und fragte sich, ob Kaoru auf eine letzte Ölung bestehen würde...

Der bärtige Mann fuhr derweil mit seinem Monolog fort. "Und auch wenn ich Ihre Bemühungen, mir das 'Third Children' vom Hals zu halten, zu schätzen weiß, so werden Sie mir langsam aber sicher lästig..."

Gendo spannte den Hahn seines Revolvers; eine in seinen Augen wohl eher höfliche, aber zugleich eindringliche Aufforderung an die Adresse des Sensei... "Nun reden Sie schon!"

Sensei Kaoru blickte auf die Waffe, und dann wieder in Gendos Gesicht.



"Sagen Sie... Wie geht es eigentlich Ihrer Hand?"


Wie ein Blitz schnellte Kaorus Hand vor, packte den Arm mit dem Gendo die Waffe hielt am Handgelenk, und drehte ihn kraftvoll und gewaltsam von sich weg...

Gendo konnte nichts tun, außer seine Augen so weit aufzureißen, dass es sogar durch die getönten Gläser seiner Brille hindurch zu sehen war...

Selbst der unbeteiligte Kaji erschrak und trat ein paar Schritte zurück. Noch nie zuvor hatte er eine derartig kühne, zielsicher und vor allem schnell durchgeführte Aktion gesehen...

"KEINE BEWEGUNG!" schallten die Schreie der Sicherheitsleute durch den Raum,- und alle verfügbaren Waffen richteten sich mit einem Mal ausschließlich auf den Kopf des Lehrers, um nötigenfalls sein Leben auszulöschen, und so das Leben des Kommandanten zu retten.

Kaoru aber schmunzelte nur. Gendo schaute ihm weiterhin unbewegt direkt ins Gesicht, aber senkte seinen Arm samt Waffe. "Halt. Nicht schießen." befahl er den sichtlich verwirrten und verwundert dreinblickenden Sicherheitsleuten seiner Eskorte.

Kaoru reagierte mit einem leichten Kopfnicken. "Sie wissen doch, dass es nicht höflich ist, jemandem die Pistole auf die Brust zu setzen." Er räusperte sich und ließ Gendos Arm los. "Besonders nicht, wenn man zuvor ungefragt in fremde Wohnungen eindringt."

Gendo trat einen Schritt zurück. Vom Einsatz seiner Waffe hatte er mittlerweile abgesehen, aber hielt sie trotzdem immer noch in der Hand. "Vielleicht haben Sie ja recht." meinte er, und ein Lächeln umspielte seine Mundwinkel.

"Ich weiß wirklich nicht wo Rei ist." erklärte Kaoru schließlich. "Vielleicht wüssten Sie ja wo sie ist, wenn sie sich ein wenig mehr mit den Kindern beschäftigen würden, anstatt herum zu rennen und irgendwelche Leute mit Pistolen zu bedrohen."

Gendo hob seine Hand, doch diesmal nur um seine Brille zu richten. "Ich werde mich wieder bei Ihnen melden." sagte er schließlich lapidar, als er an Kaoru vorbei, durch die Tür des Appartements hinaus ging.

Die Sicherheitsleute folgten wortlos. Sie machten einen ziemlich verwirrten Eindruck,- hatte man ihnen doch hinter vorgehaltener Hand gesagt, dass es bei ihrem heutigen Auftrag um die Durchführung einer Liquidierung ging.

"Ich freue mich schon darauf." erwiderte Kaoru mit einem Kopfnicken, und beeilte sich die Türe seines Appartements zu verriegeln, kaum dass der letzte der Männer hinau gegangen war.

Eine unangenehme Stille setzte ein.

Kaji lehnte sich gegen die Wand, vor der er stand, und fuhr über seine Bartstoppeln. "Und wieder eins meiner neun Leben weniger."

Kaoru nickte. Er nahm seine Brille ab, hinter der verängstigte, aber auch erleichtert dreinblickende Augen zum Vorschein kamen. "Das kannst du laut sagen..."

Nach einem Augenblick des Schweigens wurde Kaji von seiner eigenen Neugier überwältigt. "Was zum Teufel hast du ihm nur gesagt?? So einen Abgang habe ich von ihn ja noch nie gesehen."

Kaoru zuckte mir den Schultern. "Vielleicht musste er ja mal ganz dringend für kleine Gendos." erwiderte er mit einem Schmunzeln.

Kaji seufzte und begann die Tüten samt den Einkäufen vom Boden aufzuheben. "Aber eines Tages wirst du es mir erzählen, oder?"

"Vielleicht." antwortete Kaoru. "Aber ich denke für heute haben wir beide genug Überraschungen erlebt, oder?"

Kaji nickte. "Dazu sage ich nur: Amen..."

* * *


Während sich die schwarze Limousine immer weiter vom Wohnblock des Sensei entfernte und der Sicherheit des unterirdisch gelegenen NERV Hauptquartiers zustrebte, rieb Gendo geistesabwesend seine Hand und starrte den am Fenster vorbei huschenden Gebäuden nach.

In Wirklichkeit aber arbeitete sein Gehirn auf Hochtouren. Wie bei einem riesigen Puzzle fügten sich Teile zusammen und begannen bruchstückhaft ein Bild zu formen. Ein Bild mit zugegeben etlichen Lücken... Lücken, die Gendo hasste...

Seit NERV aus dem Personal, den Errungenschaften, und den Träumen der Vorgänger-Organisation GEHIRN hervor gegangen war, war Gendo der oberste Befehlshaber. Er hatte das Sagen und NERV zu dem gemacht, was es heute war; ein einziges, wundervolles, und rundherum fehlerloses Meisterwerk, mit einem Dutzend Plänen, für jeden nur erdenkbaren Notfall. 'Gefallen' wurden großzügig verteilt, und genau so großzügig auch wieder eingefordert, wenn die Situation es erforderte. Menschenleben wurden verplant, verloren, und ebenso einfach wieder durch andere ersetzt. Seine Untergebenen würden über die Leichen ihre Freunde und Kollegen gehen, wenn es dazu diente SEINE Pläne zu verwirklichen. Und die wenigen, denen gegenüber er sich zu verantworten hatte, vertrauten ihm blind. SEELE dachte, dass sie mit ihm einen gehorsamen, fähigen Kommandanten eingesetzt hatten,- wohingegen SEELE in seinen Augen nicht mehr als ein weiteres, quengelndes Kind war. Ein Kind, das seine Aufmerksamkeit zu gewinnen suchte, und auf das er nur soweit eingehen würde, wie es für ihn nützlich wäre.

Aber dieser Kaoru...

Er passte einfach nicht in seine Pläne. Aber andererseits passte der Sensei genauso wenig in seine Pläne, wie er selbst in die Pläne von SEELE passte. SEELE... Ja... da war eine sehr plausible Erklärung... Denn auch wenn die 'Alten Männer' in seinen Augen nichts als Kinder waren, so waren selbst Kinder hin und wieder für eine Überraschung gut.

Eine Einsicht, die er nicht zuletzt Shinji verdankte. Der Junge hatte ihn mit Erfolgen überrascht, die er sich immer für Rei gewünscht hatte. Erfolge in einem Bereich, in dem auch sie sich bei Zeiten beweisen würde... nur fragte er sich, ob das genug wäre...


Die Sicherheitsleute um ihn herum entspannten sich derweil und ließen den Adrenalinstoß, den sie eben noch verspürt hatten, langsam und wortlos verebben. Wenn Kommandant Ikari derart tief in Gedanken versunken war, konnte selbst das kleinste Räuspern einem Selbstmord gleichkommen...

"Ich will dass dieser Mann ständig beobachtet wird;
24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche." befahl Gendo schließlich.

"Hai." kam die einstimmige Antwort.

"Ich will nicht, dass er etwas davon bemerkt. Keine Fehler. Jedes Versagen wird mir sofort gemeldet."

Einer der jüngeren Teammitglieder... einer, der noch nicht mitbekommen hatte, dass man in Gegenwart des Kommandanten besser die Klappe hielt, räusperte sich. "Sir... Wenn ich fragen darf... warum haben wir uns zurückgezogen?"

Gendo sah den jungen Mann mit einem leichten Schmunzeln auf den Lippen an. "Weil ich heute jemanden unterschätzt habe." antwortete er und blickte von Neuem aus dem Fenster der Limousine. Sie waren mittlerweile in einen der Verbindungstunnel eingefahren, die hinab in die Geofront führten, und das gedämpfte Licht der Tunnelbeleuchtung spiegelte sich auf gespenstisch anmutende Weise in seinen orange getönten Brillengläsern.

"Unterschätzt?" Der junge Mann blinzelte verwundert.

"Wie es scheint habe ich die 'Alten Männer' unterschätzt."

"Sie meinen SEELE, Sir?"

"Ja. Sie sind es, die dahinter stecken. Das ist die einzige Erklärung." meinte Gendo und begann vor sich hin zu grinsen. "Sich damit zu beschäftigen wird sicher ein interessanter Zeitvertreib sein, während wir auf die letzten Drei warten."

Die Sicherheitsleute mussten allesamt schwer schlucken.

Copyright of the Charakter by GAINAX / Text by Strike Fiss, 1999
Translated by Melissa Schneider / Edited by Christian Winkler and Markus Ehreke