Wie an jedem Morgen fuhr Professor Fuyutsuki mit der Einschienenbahn zur Arbeit und las dabei die Tageszeitung. Doch an diesem Tag lag etwas merkwürdiges in
der Luft. Aber vielleicht war es ja auch nur das gelegentliche Räuspern und Hüsteln der anderen Fahrgäste, oder das Rascheln einer Zeitung, dass ihm an diesem Tag mehr al
gewöhnlich auffiel. Dennoch... Normalerweise war der Zug um diese Zeit menschenleer... In all den Monaten, die er nun schon allmorgendlich auf dieser Strecke fuhr, war er erst ein
Mal auf andere Angestellte von NERV getroffen.
Wie auch immer, er ignorierte dieses merkwürdige Gefühl. Wahrscheinlich waren es nur seine Nerven. Sie lagen ohnehin in letzter Zeit ziemlich blank. Während einem jeden
anderen die Veränderungen in der Verhaltensweise des Kommandanten niemals aufgefallen wären, kannte Fuyutsuki ihn zu genau um es zu übersehen. Aber das war ja auch kein
Wunder... Wenn man wie er ständig mit Gendo zu tun hatte, musste man jede Sekunde wachsam sein. Den winzigsten Augenblick der Unaufmerksamkeit würde Ikari gnadenlos ausnutzen...
Leute ausnutzen und mit ihnen spielen war ja ohnehin eine der Lieblingsbeschäftigungen des Kommandanten.
Aber in letzter Zeit mache Gendo den Eindruck als nage etwas an ihm. Nicht so sehr von Seiten seiner Arbeit her, sondern mehr von innen. Etwas beschäftigte ihn, und ließ ihm
keine Ruhe mehr. Etwas, auf das er sich keinen Reim machen konnte... aber das so wichtig war, dass er seit nunmehr zwei Monaten daran zu kauen hatte. Etwas, das vorgefallen war, noch
bevor Einheit-01 'erwacht' war.
Für die Organisation NERV an sich lief alles mehr als gut. Natürlich würde der Kommandant niemals so denken, aber Fuyutsuki tat es. Und er sah es als Glück an, da
alles so gut lief. Gendo dagegen hasste Glück und Zufälle. Stets hatte er diesen Faktor aus seinen Plänen herausgehalten... und mehr noch, eher mit dem Gegenteil gerechnet.
Er war der Auffassung, dass Glück und Zufälle etwas wären, auf das Kinder und Narren vertrauten, - nicht aber Männer mit Visionen, wie er einer zu sein glaubte...
Der Vizekommandant aber glaubte nicht nur fest daran, dass sowas wie Glück und Zufall existierte, nein, er war sich sogar sicher, dass es die Gründe waren, warum NERV bisher so
gut gegen die Engel und alles andere ausgesehen hatte. Alle Evangelions waren innerhalb von Momenten einsatzbereit... auch wenn Einheit-01 zur Zeit auf Befehl des Kommandanten nicht
eingesetzt werden durfte. Die Piloten waren gesund, am Leben, und weitestgehend in Ordnung. Und was Toji anbelangte, so hatte sich sogar gezeigt, dass die Verletzungen, die er beim
letzten Angriff erlitten hatte, seiner Aufgabe als Pilot von Einheit-03 nicht im Wege standen, und dass er trotzdem Fortschritte verzeichnen konnte. Die Reparaturen am Hauptquartier waren
nahezu abgeschlossen, und der größte Teil der Mitarbeiter schien mit dem Verlauf der letzten Operation zufrieden zu sein... wenn sie auch ein bisschen angespannt waren...
Er hatte sich immer gefragt, wie das 'Erwachen' vonstatten gehen würde.
Sie wussten, dass es geschehen würde... alles deutete darauf hin, und es war klar, dass es nur eine Frage der Zeit wäre. Einer der Engel würde Shinji derart in Gefahr
bringen... ihn derart bedrohen... etwas, das er liebte, derart bedrohen... dass es ausreichen würde, um Yui ...
Eigentlich war es unsinnig so zu denken... es gab keinen Anhaltspunkt zu vermuten, dass Yui hinter dem furiosen Sturmlauf von Einheit-01 steckte...
Dennoch hatte Fuyutsuki diese handfeste Ahnung. Und auch wenn Gendo es niemals zugeben würde, auch er wusste genau, was vorgegangen war.
Der alte Mann lächelte vor sich hin. Und all das wegen einer Frau. Wie würden die Geschichtsschreiber von ihnen denken? Wären sie große, noch nie dagewesene
Helden... oder doch eher die Bösewichte? Oder würden sie vielleicht in die Geschichte eingehen, als die Gefolgsleute eines Ehemannes, der nicht imstande war das Schicksal seiner
Frau zu akzeptieren? Oder musste man sie doch eher als die Puppen eines Mannes bezeichnen, der um eine Liebelei willen bereit war alles andere aufzugeben?...
So wie er selbst aus seinem Pflichtgefühl heraus bereit gewesen war alles aufzugeben...
Und was dieses Pflichtgefühl betraf, so war es nicht zuletzt Yui gewesen, die es in ihm geweckt hatte. Er verdankte dieser Frau alles... Alles was er jetzt war verdankte er Yui.
Durch sie war er von einem mittelmäßigen Professor und selbsternannten Papiertiger an er Universität von Tokio, zu einem lebenslustigen Mann geworden... zu jemandem, der
dem Leben etwas abgewinnen konnte... der einen Grund zu leben hatte... der ein Ziel hatte, das er zu erreichen suchte...
Und das war der Grund... der einzige Grund, der ihm erlaubte das große Unrecht, und den Wahnsinn mit Namen Gendo Ikari zu tolerieren.
Er klammerte sich in Gedanken an die Zeit, als Yui noch da war. Sie wog all die Lügen auf. All die Greueltaten, die er selbst sowohl gesehen als auch mit verursacht hatte. In seinen
Augen rechtfertigte sie all die Schattenspiele und dunklen Geheimnisse.... Und vielleicht war sie auch der Grund, der Gendo jeden Morgen von Neuem aufstehen ließ...
Doch als der Zug mit einem Mal seine Fahrt verlangsamte und zum Stillstand kam, wurde die Stimme, die ihm sagte, dass etwas nicht stimmte, immer lauter...
Und die Schattengestalten, die mit einem Mal neben ihm auftauchten, waren der Beweis...
Es waren die drei Männer, die gerade zugestiegen waren,- eine Haltestelle bevor der Zug in die Geofront eingefahren wäre...
Er kannte diese Männer nicht...
Sie arbeiteten sicher nicht für NERV...
"Begleiten Sie uns, Sir." sagte einer der Männer streng und mit finsterer Miene.
"Ich muss aber noch nicht aussteigen." erwiderte Fuyutsuki, und faltete mit einem Seufzen seine Zeitung zusammen.
"Sie werden aussteigen." befahl ein anderer der Drei und griff in seine Manteltasche um Fuyutsuki den Handgriff einer Pistole zu zeigen, die er dort versteckte.
Der alte Mann runzelte die Stirn und musterte die drei Männer. "Dann wollen wir die Sache schnell hinter uns bringen." meinte er und stand auf. "Vielleicht wird SEELE danach ja
endlich aufhören meine Zeit zu verschwenden."
Der erste der drei Männer brachte ein kleines Lächeln Zuwege. Wie es schien hatte ihn Fuyutsukis Anspielung auf SEELE ein wenig überrascht. Man hatte ihm wohl gesagt, da
der alte Mann nichts anderes als Gendos Schoßhündchen sei... doch wie es schien hatte er weitaus mehr drauf, als nur das...
"Und stecken Sie bitte ihre Waffen weg. Sie werden sie nicht brauchen." fügte er mit einem müden, abgespannten Seufzen hinzu.
"Sicher nicht, Fuyutsuki-Sensei." erwiderte der Mann. Ein leichtes Grinsen machte sich in seinem Gesicht breit und auch die anderen beiden Männer entspannten sich, obwohl alle Drei
natürlich weiterhin einen ernsten und entschlossenen Eindruck machten.
Als der Zug anhielt, geleiteten sie den Vizekommandanten aus dem Abteil und verfrachteten ihn schließlich in eine gepanzerte Limousine mit schusssicheren Fenstern.
"Ich werde langsam zu Alt für dieses Theater." meckerte Fuyutsuki leise vor sich hin, während sich der Wagen in Bewegung setzte.
* * *
Misato stöhnte auf, als ihr Wecker lautstark auf sich aufmerksam machte, und sie damit aus einem weiteren alkoholgeladenen Schlaf riss...
"Werde... umbringen... Wecker..." meckerte sie schlaftrunken und unzusammenhängend, während ihre Hand langsam unter einem Berg von zerwühlten Bettüchern und
Futon-Bezügen hervorkam und sich nach der Quelle des morgendlichen Lärms ausstreckte...
Dann aber verstummte der Wecker noch bevor sie ihn berührt hatte...
Sie brauchte nur einen Augenblick um sich bewusst zu werden, dass irgendetwas nicht stimmte... Wie ein geölter Blitz rollte sie sich aus ihrem Bett, sprang auf, und griff nach der
Pistole, die sie immer auf dem Nachttisch ablegte...
Sie brauchte nochmals einen Augenblick, um sich darüber klar zu werden, dass ihre Pistole verschwunden war, und sich nunmehr zusammen mit ihrem Wecker in Kajis Händen
befand.
Der ewig unrasierte Mann hatte ein dumm-dämliches Grinsen aufgesetzt "Hey, Katsuragi-chan, begrüßt du jeden Mann in deinem Schlafzimmer mit gezogener Waffe?" meinte er
schmunzelnd.
Sie kniff ihre Augen zusammen und begann zu knurren...
Er musterte sie und grinste von Neuem. "Na ja, deine Manieren lassen zwar zu wünschen übrig, aber deine Art sich zu kleiden lässt einen dein hitziges Gemüt glatt
vergess..."
Ein etwas größeres Buch machte mit seiner Stirn Bekanntschaft und schickte Kaji prompt zu Boden. Misato grummelte etwas unverständliches und nahm schließlich ihre
Waffe aus seiner immer noch zuckenden Hand...
"Ich wünsche dir ebenfalls einen guten Morgen, du Arsch." beleidigte sie ihn und machte sich daran ihren Schlafanzug zu richten, damit er nicht mehr länger all da
Enthüllte, was zu enthüllen war... "Und jetzt mach das du raus kommst. Ich habe noch vier Stunden bis ich zur Arbeit muss, und ich plane in den vier Stunden ein wenig Schlaf
nachzuholen."
"Wir..." Kaji hustete während er sich langsam aufsetzte. "Wir müssen reden." Er warf das Buch, das ihn getroffen hatte zur Seite, und zuckte zusammen, als er die Beule an
seiner Stirn betastete. "War DAS wirklich notwendig?"
"Es ist unhöflich in das Schlafzimmer einer Frau zu kommen ohne sie vorher um Erlaubnis zu fragen." meckerte Misato während sie im Kleiderschrank nach einem Morgenmantel
suchte. "Du hattest Glück, dass ich meine Pistole nicht zu fassen bekommen habe."
"Aus genau diesem Grunde habe ich sie auch als Erstes an mich genommen, nachdem ich herein gekommen war." erklärte Kaji mit einem Seufzen. "Obwohl ich nicht mit dem 'Angriff der
Killer-Enzyklopädie' gerechnet habe."
"Du hast mich schon immer unterschätzt." erwiderte Misato mit einem Grinsen. "Und das hast du jetzt davon." Sie runzelte die Stirn. "Und außerdem ist es ein Wörterbuch,
und keine Enzyklopädie."
"Mir ist nicht nach Scherzen zu Mute, Misato." antwortete Kaji und schenkte ihr einen bösen Blick.
"Mir auch nicht. Und es ist mit Sicherheit ein Wörterbuch."
Mir einem Mal war er aufgesprungen, und schmiss den Wecker auf den Boden. Die arme kleine Weckuhr zersprang in tausend Teile und verabschiedete sich mit einem letzten, lauten Ton...
Erschrocken machte Misato einen Satz. "Was ZUM TEUFEL tust du da!??!"
"Mir ist es VERDAMMT ERNST!" schrie er.
Eine lange, unangenehme Stille setzte ein.
Misato nickte schließlich und seufzte. "Ich bin gleich fertig. Tee und was zu Essen stehen in der Küche. Pass' auf, dass du nicht über Pen-Pens Futternapf stolperst."
Kaji nickte und verließ das Schlafzimmer. "Deine Wohnung sieht sehr aufgeräumt aus." stellte er fest, als er in die Küche trat.
"Shinji ist eine große Hilfe. Asuka auch." schallte Misatos Stimme aus ihrem kleinen Schlafzimmer. "Also, warum zum Teufel bist du so früh am Tag hergekommen?"
"Weil Shinji und Asuka in der Schule sind." erklärte Kaji.
"Und weiter?"
"Weiterhin ist ihr Lehrer auch in der Schule." Kaji runzelte die Stirn.
Misato seufzte. "Wenn es darum geht, dass ich ein oder zwei Mal mit ihm ausgegangen bin..."
Kaji lächelte... jedoch wenig überzeugend... "Wenn du jetzt denkst, dass ich eifersüchtig bin, dann muss ich dich enttäuschen, meine Liebe."
Misato seufzte und trat aus ihrem Schlafzimmer. Sie war fertig angezogen, aber kämpfte noch ein wenig mit ihren Haaren...
"Also worum geht es dann?" fragte sie schließlich, als sie ihm gegenüber am Tisch Platz nahm.
"Um Vieles." antwortete Kaji und lehnte sich in seinen Stuhl zurück. "Aber ich denke, wir sollten am Anfang beginnen..." Er räusperte sich. "Vor ein paar Monaten hat mir
Commander Ikari einen Sonderauftrag gegeben, den ich nicht so ganz erwartet hatte. Es sollte nichts weiter als eine einfache, schnelle, zwei Tage dauernde Überwachungsaktion
sein."
"Wo war es?" fragte Misato.
"Nevada." antwortete Kaji und schmunzelte. "Und jetzt rate mal wo genau..."
"Die Zweite Niederlassung von NERV?" Misato blinzelte verwundert. "Warum?"
"Ikari wollte sicherstellen, dass die zweite Niederlassung wirklich spurlos verschwindet." Er lehnte sich zu Misato herüber. "Misato... ich denke du weißt, dass es da
draußen mehr Feinde als nur die Engel gibt."
Misato riss ihre Augen auf und nickte.
"Die Zweite Niederlassung unterlag schon seit längerem dem direkten Einfluss von SEELE, und wenn Commander Ikari eine Sache wie aus dem Effeff beherrscht, dann ist das die 'Alten
Männer' in Schach zu halten. Es stand zu vermuten, dass wir uns mit Einheit-04 ein Ei gelegt hätten, das uns noch sehr sauer aufgestoßen wäre..."
"Das kannst du wohl laut sagen..." erwiderte Misato mit einem Kopfnicken. Sie hatte mit eigenen Augen gesehen wie Einheit-03 unter der Kontrolle des Dummy-Plugs mit den anderen drei
Evangelions umgesprungen war...
Und wenn man nun bedachte, dass SEELE bei der Entwicklung eines Evangelions mit S2-Maschine vielleicht die Fäden in der Hand hielt...
Und... so beeindruckend Shinji auch war... er war nicht vollkommen.
"Also bist du dort hin gefahren um sicherzustellen, dass Einheit-04 mitsamt der Niederlassung untergeht?"
"Ja." antwortete Kaji mit einem Lächeln und lehnte sich noch weiter über den Tisch. "Und soll ich dir ein Geheimnis verraten?..." Er machte eine bedeutungsschwere Pause...
"Einheit-04 ist nicht zerstört worden."
Misato riss ihre Augen noch etwas weiter auf. "WAS!!!???"
"Ich habe Einheit-04 wie einen Hürdenläufer über meinen Kopf hinweg springen sehen." erzählte Kaji und schmunzelte. "Ich sag dir, Misato, das war ein beeindruckender
Anblick... Obwohl mich der Schock wohl so um die fünf Jahre meines Lebens gekostet haben wird..."
"Wo... wohin ist der EVA denn verschwunden!?!?"
"Ich habe ihn in Richtung Küste gehen sehen. Ich denke mal dass er danach im Ozean verschwunden ist. Die Sensoraufzeichnungen enden in der Nähe der Ruinen des alten 'Lo
Angeles'."
"Wer hat den EVA denn gesteuert?!?" fragte Misato und seufzte. "Das ist ja schrecklich!"
"Niemand."
"Wie meinst du das, 'niemand'?"
"Der EVA aktivierte sich einfach von selbst während eines Tests, der ohne Piloten, ohne Dummy-Plug,- und sogar ohne Zugangskapsel durchgeführt wurde." erklärte Kaji und
schmunzelte. "Außerdem hätte meines Wissens nach ein EVA mit eingesetzter Stop-Kapsel nicht einmal den kleinen Finger bewegen dürfen... Ganz zu schweigen davon, dass ich
Fotos geschossen habe, die zeigen, wie die Öffnung für die Zugangskapsel im Rückgrat des EVA weit offen steht... während er davon läuft... "
Misato saß einfach nur da und starrte Kaji ungläubig an.
Der ewig unrasierte Mann wartete geduldig bis sich der Ausruck von Verwirrung auf Misatos Gesicht ein wenig legte, und sie die Informationen verdaut zu haben schien.
"Nun, als Commander Ikari meinen Bericht und die dazugehörenden Fotos sah, da schien er zunächst ein wenig verwirrt zu sein. Und genau diese Reaktion hat mich dazu bewogen
weitere Ermittlungen anzustellen." Er schmunzelte. "Immerhin sieht man sowas wie Verwirrung nicht sehr häufig bei unserem lieben Commander."
Misato brachte ein leichtes, zustimmendes Kopfnicken zustande.
"Wie dem auch sei... Während ich mich also mit der Frage beschäftige, warum sich Einheit-04 für einen Kurzurlaub entschieden hatte, stolperte ich über etliche
interessante Computeraufzeichnungen." erklärte er und begann zu schmunzeln. "Sag mir, Misato, schaust du dir eigentlich gerne Filme an?"
"Äh... öh... na ja... hin und wieder..." erwiderte Misato mit einem Schulterzucken "Warum fragst du?"
"Commander Ikari hat feststellen müssen, dass jemand in unser MAGI-System eingedrungen ist, und Daten manipuliert hat."
Misato blinzelte. "Aber... das ist doch..."
"Nahezu unmöglich, ich weiß. Und gerade das, und die Tatsache, dass es nahezu gleichzeitig mit dem ebenfalls nahezu unmöglichen Verschwinden von Einehit-04 geschah, haben
mich davon überzeugt, das es zwischen den beiden Vorfällen eine Verbindung geben muss. Interessanterweise konnte noch nicht einmal die gute Ritsuko feststellen, was genau
manipuliert wurde. Ich habe mir daraufhin mal die Personallisten der Niederlassungen angesehen, um herauszufinden, wie viele Leute Zugang zu den anderen MAGI-Systemen hatten, und damit
die Möglichkeit sich von dort aus in unser System zu hacken." Er grinste. "Und dabei ist mir ein Name ganz besonders aufgefallen."
Sie beobachtete wie er in seine Tasche fasste und zwei Hüllen mit Drei-Inch-DVDs darin herausholte,- ein bekanntes Filmformat zu dieser Zeit...
Auf der einen Hülle stand 'Prinzessin Mononoke', und auf der anderen 'Die sieben Samurai'
"Was ist das?" fragte sie, während sie die beiden DVDs genauer betrachtete.
"Ein Mann mit dem Namen 'Kurosawa' taucht in Verbindung mit dem Film 'Die sieben Samurai' auf. Vorname 'Akira'. Obwohl ich selbst nur zwei seiner Filme gesehen habe, muss ich doch
zugeben, dass dieser Mann brillant war. 'Die sieben Samurai' ist ein Werk aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, als der Großteil der japanischen Filme von melodramatischen
Handlungen geprägt war." Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. "Manche Leute behaupten sogar, dass er der beste Regisseur aller Zeiten war."
"Und was hat das mit deinen Ermittlungen zu tun?" fragte Misato und runzelte die Stirn. Dann aber schaute sie auf die Zweite DVD und mit einem Schlag verschwand alle Farbe aus ihrem
Gesicht. "Oh..."
"Nur eine Woche bevor sie von der Bildfläche verschwand, hatte ein Mann mit Namen Kaoru Kurosawa begonnen, für die Zweite Niederlassung von NERV zu arbeiten. Er war al
Service-Techniker eingestellt worden und arbeitete bei dem Team, das für die Instandhaltung der Computerterminals in den Kontrollräumen zuständig war." erklärte Kaji
und rieb die Beule auf seiner Stirn. "Auch wenn es keinen Hinweis darauf gibt, dass er der Hacker ist, den wir suchen, so hätte er zumindest den nötigen Zugriff auf die
MAGI-Computer der zweiten Niederlassung gehabt." Kaji begann zu schmunzeln. "Und jetzt kannst du dir vorstellen, wie überrascht ich war, zu hören, dass ungefähr zur
gleichen Zeit ein weiterer Kaoru hier in Tokio-3 auftaucht... und dazu noch mit einem Familiennamen, der ebenfalls zu den bekannteren Namen in der Welt der Unterhaltungsindustrie
zählt..." Er zeigte auf die andere DVD... 'Prinzessin Mononoke', ein altes Anime aus dem 20ten Jahrhundert. "Miyazaki war in gewisser Weise auch ein Pionier... obwohl seine Erfolge
eher auf dem Gebiet des Animes liegen."
Misato schaute Kaji mit weit aufgerissenen Augen an. "Oh mein Gott..."
"Tja, wie du siehst,- wäre ich nicht so vernarrt in Zeichentrickfilme, hätte ich es wohl nie herausgefunden." meinte Kaji und setzte ein stolzes Grinsen auf. "Ein anderer
hätte die Verbindung vielleicht übersehen." Dann aber schüttelte er den Kopf. "Eigentlich hätte das MAGI-System mit all seinen Prüfroutinen ja spätestens in
dem Moment Alarm schlagen müssen, als der Mann seine Identität änderte, und seine Personalakte manipulierte... Aber wie du siehst hat er das ja zu verhindern gewusst...
ohne größere Spuren zu hinterlassen, wie ich hinzufügen möchte..."
"Ist... ist er dann ein Spion?" fragte Misato.
"Genau das hatte ich zuerst auch gedacht. Es hätte zumindest all die High-tech Tricks erklärt, die man angewendet hatte. Dann aber, als ich ihn zur Rede stellte, wurde mir
recht schnell klar, dass er kein Spion sein kann, weil ihm einfach das Training fehlt, das nun mal mit zum Handwerk gehört." Er schmunzelte vor sich hin.
"Du..." Misato musste verwundert blinzeln "Du KENNST ihn? Du hast mit ihm geredet?"
"Jap." antwortete Kaji mit einem Kopfnicken. "Ich habe in seinem Appartement herumgeschnüffelt und etwas gefunden, dass mich ziemlich verärgert hat." Er seufzte. "Ich war schon
drauf und dran ihm eine Kugel in den Kopf zu jagen, als er etwas gesagt hat, das mich davon überzeugte, dass er nicht der Feind war."
"Warte mal..." Misato runzelte die Stirn. "Was genau hast du in seinem Appartement gefunden?"
Kaji seufzte. "Einen Synchro-Kopfhörer. So wie Shinji und Asuka einen tragen." Er runzelte die Stirn. "Er sah sehr mitgenommen und zerbeult aus.. und zuerst hatte ich angenommen,
dass der Kerl ein Perverser wäre, der im Abfall nach Sachen der Kinder suchen würde, um sich später daran aufzugeilen..."
Misato machte einen völlig verschreckten Eindruck. Sie war kreidebleich. "Oh mein Gott..."
"Aber..." warf Kaji ein und hob mahnend seinen Finger, so als wolle er Misato davor warnen, sich ein falschen Bild von dem anderen Mann zu machen. "... da habe ich völlig falsch
gelegen. Er weiß Dinge, Misato, die ein dahergelaufener Perversling nicht in Millionen von Jahren in Erfahrung bringen könnte." Kaji beugte sich von Neuem über den Tisch.
"Der Kerl hat mir das Passwort für den 'Friedhof der EVAs' verraten."
Die blinzelte. "Den... Friedhof?" Misato hatte von Ritsuko hier und da mal etwas darüber erfahren, aber mit eigenen Augen gesehen hatte sie ihn noch nie. Ihre Sicherheitsstufe
erlaubte es ihr nicht in das Herz des NERV Hauptquartiers zu marschieren und sich selbst ein Bild zu machen... nicht dass sie jemals den Drang verspürt hatte es zu tun...
"Ja... Das und noch mehr." Kaji lehnte sich wieder in seinem Stuhl zurück und schüttelte den Kopf. "Mehr als ich mir je habe träumen lassen... Dinge, von denen ich bisher
nicht einmal wusste, dass sie existieren... und glaube mir, ich weiß verdammt viel... und das ist jetzt keine Angeberei, oder so." Der Ausdruck auf Kajis Gesicht war ernst und
gefasst... das verschmitzte, ewig vorhandene Grinsen war verschwunden, und der scherzhafte Unterton, der sonst immer in seiner Stimme lag, fehlte vollkommen. "Und eines kannst du mir
glauben, Misato; Als ich hörte was dieser Kaoru mir zu sagen hatte, da ist mir der Arsch gehörig auf Grundeis gegangen... und eines wurde mir sofort sonnenklar... dieser Kerl,
wer auch immer er ist, gehört nicht zu Gendos Plan..."
"Das..." Misato musste schwer schlucken "Das, was du mir da erzählst, ist nicht einfach zu verdauen, Kaji-kun..."
"Ich weiß. Komm mit." Er stand auf.
"Wo... wo gehen wir hin?" fragte Misato.
"Irgendwohin wo wir ungestört reden können." antworte Kaji und schüttelte den Kopf. "Man weiß nie, ob die Wände hier nicht vielleicht Ohren haben."
Ein wenig benommen nickte Misato und nahm ihre Jacke vom Haken. "Ich glaube, ich könnte jetzt einen Drink gebrauchen... "
"Gute Idee, ich nehme auch einen..." meinte Kaji noch während sie bereits die Wohnung verließen. "Aber bestell am Besten direkt einen Doppelten... Ich habe dir nämlich
noch nicht einmal die Hälfte erzählt..."
* * *
Sensei Miyazaki seufzte. Er war in das Büro des Direktors zitiert worden, und fragte sich gerade wie viele seiner Schüler wohl in diesem Moment lachen würden, weil ihrem
Lehrer das gleiche Schicksal ereilt war, wie ihnen in ihren rebelligsten Zeiten.
Er war überrascht gewesen seinen Namen beim allmorgend-lichen Rundspruch des Direktors zu hören... Nicht zuletzt, da er und seine Klasse gerade in eine Diskussion
bezüglich ihres Projektes vertieft waren... Kaoru hatte sich schließlich bei seinen Schülern entschuldigt, und ihnen versprochen, dass er so schnell wie möglich
zurückkommen würde.
Nein, er machte sich keine Sorgen um das Projekt. Das neue Schuljahr hatte gerade erst begonnen, und sie hätten noch jede Menge Zeit bis...
bis...
Na ja, sie hätten sicher noch ein oder zwei Monate bevor es soweit wäre...
Aber er war mit seiner Arbeit noch nicht fertig. Es gab noch so einiges zu tun... er musste sicherstellen, dass sich sein schöner Plan im Nachhinein nicht allzu schnell in Luft
auflösen würde. Er war ein großes Risiko eingegangen, als er es gewagt hatte den Lehrplan eigenmächtig abzuändern... und jetzt war der Moment gekommen, da er
dafür würde zahlen müssen.
Kaoru begann sich zu fragen, ob er immer noch seinem Job als Lehrer der Kinder nachgehen könnte, wenn er irgendwann einmal dieses Büro verlassen würde..
Als Direktor Yamamoto schließlich das Zimmer betrat, und begleitet von einem leisen Seufzer eine kleine Aktenmappe auf den Tisch legte, ahnte Kaoru bereits das Schlimmste.
Wahrscheinlich waren in der Aktenmappe etliche Beschwerdebriefe besorgter Eltern, die sich darüber beklagten, dass ihre Sprösslinge nicht den vorgesehenen Lehrstoff
beherrschten.
"Mir ist etwas sehr interessantes zu Ohren gekommen, Miyazaki." sagte der Direktor während er auf die Kaffeemaschine zusteuerte, um sich einen frischen Kaffee einzugießen.
Kaoru musste sich gewaltig zusammenreißen um der Versuchung zu widerstehen, aufzuspringen, und die Aktenmappe samt aller drin befindlicher Beweise zu verbrennen. "So? Und wa
wäre das, Sir??"
"Etwas sehr unerwartetes." antwortete der Direktor und schüttelte den Kopf während er nach der Dose mit den Zuckerwürfeln suchte. "Ehrlich gesagt, habe ich etwa
derartiges das letzte Mal vor dem 'Second Impact' gesehen."
Der Sensei schluckte schwer.
"Ich nehme an, dass Sie in gewisser Weise für den Vorfall verantwortlich sind." erklärte Direktor Yamamoto, während er sich hinsetzte, den Kaffee auf dem Schreibtisch
abstellte, und die Aktenmappe, die er zuvor abgelegt hatte, wieder aufhob. "Derart viele Anfragen zu bekommen hat mich wirklich überrascht,- zumal drei Ihrer Schüler bisher
immer durchgehend schlechte Noten hatten."
Kaoru blinzelte verwundert...
Der Direktor blinzelte zurück. "Oh, hat meine Sekretärin Ihnen denn nicht gesagt, worüber ich mit Ihnen sprechen wollte?"
"Nei...nein, Sir..." erwiderte Kaoru.
Der Direktor lachte. "Oh, tut mir leid. Ich war einfach nur überrascht, dass so viele Ihrer Schüler wegen dem Lehr-angebot der Universitäten von Tokio und Kyoto
nachgefragt haben. Ich hatte heute Morgen noch zwei Anrufe von Eltern, die fragten, ob wir in dieser Hinsicht eine Art Informationsveranstaltung abhalten würden, weil ihre Kinder
ununterbrochen von einem Universitätsstudium reden würden."
"Na ja, ich habe den Schülern nur aufgezeigt, welche Wege ihnen offen stehen, wenn sie ihren Schulabschluss in der Tasche haben. Und die Hausaufgabe dazu war halt sich
Studiengänge auszusuchen, die sie interessieren würden." erklärte Kaoru und tat in Gedanken einen erleichterten Seufzer.
"Davon habe ich gehört." meinte Yamamoto mit einem Lächeln. "Ehrlich gesagt haben wir etwas ähnliches auch auf dem Lehrplan gehabt, bevor alles aus dem Ruder zu laufen
begann, und Tokio-3 zum Schlachtfeld wurde. Wir waren davon ausgegangen, dass die Schüler besser mitarbeiten würden, und so auch bessere Noten erreichen könnten, wenn sie
sich frühzeitig über ihre Zukunftschancen im Klaren wären."
Kaoru schmunzelte. "Genau das waren meine Gedanken, Sir."
"Außerdem würde ich mit Ihnen gern den Notenspiegel Ihrer Klasse für das vergangene Sommerhalbjahr durchgehen." sagte Yamamoto schließlich und holte ein andere
Stück Papier hervor. "Ich muss sagen, dass ich auch hier freudig überrascht bin. Zehn der bisher weniger guten Schüler haben es geschafft einen durchaus akzeptablen
Notendurchschnitt zu erreichen... einschließlich dieser Rei Ayanami... die bisher ein eher unbeschriebenes Blatt war, und nur durch Abwesenheit geglänzt hat."
"Sie ist durchaus eine intelligente junge Dame." erwiderte Kaoru mit einem strahlenden Lächeln auf dem Gesicht. "Ich denke sie brauchte halt nur etwas Motivation, und ein wenig
Starthilfe, sozusagen."
Der ältere Mann nickte. "Kaoru, ich will ehrlich mit Ihnen sein... Ich halte das nicht für normal..."
Kaoru blinzelte verwundert. "Sir?"
"Ich stehe hier und lobe sie für Ihre Erfolge im Umgang mit Ihren Schülern, aber wir wissen beide ganz genau, dass auch schon andere vor Ihnen versucht haben ganz ohne festen
Lehrplan über die Runden zu kommen, und dabei mit Pauken und Trompeten untergegangen sind. Wenn die Leistungen Ihrer Klasse auch nur einen Deut schlechter gewesen wären, dann
hätte ich sie guten Gewisses und mit Fug und Recht wegen ihrer Abkehr vom Lehrplan gefeuert."
"Ähhh..."
"Wie dem auch sei. Mir gefällt was ich bisher sehe." meinte Yamamoto und begann wieder zu lächeln. "Und aus diesem Grunde möchte ich auch, dass Sie bei der anstehenden
Lehrerkonferenz eine Rede halten."
Kaorus Kinnlade klappte herunter. "Ab...Aber warum, Sir?"
"Weil Sie in meinen Augen zur Zeit der beste Lehrer in unserer Schule sind, und es daher nur angemessen wäre, wenn Sie uns vertreten würden..." Er schmunzelte. "Und vielleicht
können die anderen Lehrer ja auch noch das ein oder andere von Ihnen lernen..."
Kaoru schüttelte den Kopf. "Aber...Sir, das ist..."
"...eine große Ehre... und ich werde kein 'Nein' akzeptieren." unterbrach Yamamoto und grinste hinterhältig. "Hab' ich mich da klar ausgedrückt?"
"Hai, Sir."
"Freitag, Sieben Uhr Zwanzig, 'Omoi Kongress-Zentrum'. Und sorgen Sie dafür, dass ihre Rede gut ist; ich habe nämlich gehört, dass die anfangen Redner auszubuhen, wenn der
Vortrag zu langweilig ist. "
Kaoru musste schlucken. "Ha...hai..."
"Und jetzt ab zu Ihren Schülern. Ich bin sicher, dass die schon sehnsüchtig auf Sie warten."
* * *
"Glaub mir, nichts ist so schaurig-schön wie Commander Ikari zu beobachten, wenn er anfängt sich Sorgen zu machen." stellte Kaji fest. Er setzte sein leeres Glas ab, seufzte und
bestellte sich noch ein Bier.
Misato nickte. Obwohl sie ebenfalls ein weiteres Bier bestellt hatte, war sie im Moment immer noch bei ihrem ersten Glas. Ihr Gehirn war im Moment einfach zu sehr damit beschäftigt
all die Information zu verarbeiten, die Kaji ihr gegeben hatte. "Meine größte Frage ist, welche Rolle die Kinder bei alledem spielen."
"Das Frage ich mich auch." gab Kaji zu. "Ich bin mir nicht sicher, ob er nicht einfach nur ein zweiter Gendo Ikari ist." meinte er und wandte sich Misato zu. "Er schien wirklich traurig
darüber zu sein, dass Shinji zurück gekommen ist, um gegen den letzten Engel zu kämpfen... Ich weiß nicht, ob er traurig war, weil er Shinji lieber in Sicherheit
gewusst hätte... oder weil er ihn lieber aus dem Weg gehabt hätte..."
"Und was wirst du jetzt tun?" fragte Misato und schaute von ihrem Bier auf. "Warum hast du nicht verlangt, dass er dir die ganze Wahrheit erzählt?"
Kaji wandte plötzlich seinen Blick von ihr ab. "Weil... weil ich die ganze Wahrheit vielleicht gar nicht erfahren möchte."
Misato runzelte die Stirn. "Was soll das denn jetzt schon wieder heißen?"
"Du hast mich schon verstanden." erwiderte Kaji und seufzte. "Mir gefällt vielleicht nicht, was er mir zu erzählen hat. Er scheint immer Recht zu behalten... mit allem, was er
sagt... und ich will gar nicht wissen, wie das alles hier ausgeht."
"Was ist aus 'Ich werde immer versuchen die Wahrheit herauszufinden, koste es was es wolle' geworden?" grummelte Misato. "Was ist aus Kaji dem Super-Spion geworden?"
"Er ist endlich erwachsen geworden, als er die Grimassen von einem Dutzend toter EVAs gesehen hat..." antwortete Kaji und runzelte die Stirn. "... und als er einsehen musste, dass er
keine Chance hatte den Großen Plan dieses Bastards zu durchkreuzen... egal was auch immer er anstellen würde..."
Misato schenkte ihm einen wütenden Blick. "Das ist totaler Schwachsinn!"
"Und..." fuhr Kaji fort. "... ich bin zur Besinnung gekommen, als mir klar wurde, dass dein geliebter Sensei keinesfalls zu Gendos Plan gehört... und dass vielmehr er allein die
Macht zu haben scheint, die Pläne dieses Irren zu vereiteln."
Misato seufzte und schüttelte den Kopf. "Du legst eine ganz schöne Menge Vertrauen in einen Mann, der genauso gut ein perverser Kinderschänder sein könnte."
"Wirklich?" meinte Kaji mit einem Anflug von Sarkasmus in seiner Stimme. "Ich hatte gedacht, dass du anders über ihn reden würdest, wo du doch schon das Bett mit ihm geteilt
hast."
Sie verzog ihr Gesicht und sah ihn aus eng zusammen-gekniffenen Augen, böse an. "Mit wem ich das Bett teile geht dich doch wohl einen Scheißdreck an."
Das Klingeln von Kajis Mobiltelefon ließ den sich zusammenbrauenden Streit im Keim ersticken.
Der ewig unrasierte Mann seufzte, als er das Gespräch annahm. "Ja?"
Misato grummelte leise vor sich hin, während sie wartete, und sich schließlich ihrem Bier widmete.
Kaji lauschte derweil dem Anrufer, sagte selbst jedoch kein einziges Wort. Wahrscheinlich handelte es sich um eine automatisierte Mitteilung von NERV.
Einen Moment später beendete er schließlich die Verbindung und stand hastig auf. "Misato, ich muss gehen. Wie es ausschaut habe ich einen neuen Auftrag."
"Hat es was mit dem Sensei zu tun?" fragte Misato.
"Nein." antwortete Kaji. "Ehrlich gesagt, kann ich jetzt nicht darüber reden. Sehen wir uns morgen?"
"Warum?" erwiderte Misato und seufzte. "Hast du etwa noch weitere Geheimnisse auf Lager, mit denen du mich verwirren willst? Oder willst du mich einfach nur sehen, damit du mich weiter
beleidigen ka..."
"Zum Abendessen." unterbrach Kaji. "Was hältst du davon?" fügte er mit einem herzlichen Lächeln auf den Lippen hinzu, doch dann war er auch schon im Begriff zu gehen. "Ich
werde dich gegen Acht abholen."
Misato blinzelte verwundert und seufzte. "Na schön. Bis später dann."
Sie sah ihm nach und wandte sich schließlich wieder ihrem Bier zu. "Eigentlich ist es ja noch viel zu früh um Alkohol zu trinken..." ...dennoch leerte sie das Glas.
* * *
Es war kalt in dem Raum. Ein Luftzug... ja... daher musste die Kälte rühren. Ein kalter Luftstrom, der die Anwesenheit der 'Alten Männer' kund tat. Soweit er sich
erinnerte, war einer von Ihnen sogar unter den Männern gewesen, die ihn am Morgen im Zugabteil aufgegriffen hatten.
Sie erschienen einer nach dem anderen in Form von perfekten, schwarzen, numerierten und mit roter Schrift versehenen Monolithen. Steingesichter, die die 'menschlichen' Abbilder
ersetzten, die sie sonst immer für Konferenzen 'von Angesicht zu Angesicht' benutzen. Allein ihre Stimmen waren zu hören... und selbst die waren bei einigen Mitgliedern diese
Rates unkenntlich gemacht worden. Allein die Überheblichsten und Furchtlosesten unter ihnen würden in der Gegenwart des alten Sensei ihre wahren Stimmen benutzen...
"Fuyutsuki-Sensei." Die Stimme des Vorsitzenden Keel erschallte, und auch wenn er sein Abbild hinter der Fassade des Monoliths 'SEELE 01' verbarg, war er dem Vizekommandanten
wohlbekannt. "Wir danken Ihnen, dass Sie gekommen sind."
"Ich hatte wohl kaum eine Wahl." erwiderte Fuyutsuki mit müder, leicht verärgerter Stimme.
'SEELE 04' meldete sich als nächstes zu Wort. "Wir möchten uns für die Umstände entschuldigen die wir Ihnen bereitet haben... aber ihr Erscheinen ist
unumgänglich."
"Wir sind besorgt über die Richtung die der Commander bei dem Projekt einschlägt." erklärte 'SEELE 01'. "Und da alle unsere Nachforschungen erfolglos waren, und wir vom
Commander selbst auch keine hinreichenden Antworten bekommen haben, waren wir gezwungen uns an seinen Vize zu wenden."
"Zum Wohle des Projektes." kam die Stimme eines anderen Monolithen hinter ihm.
"Ja, wir befürchten, dass das Projekt in Gefahr sein könnte."
Fuyutsuki seufzte. "Nun gut, ich werde versuchen so gut es geht behilflich zu sein... im Interesse des Projektes versteht sich. Aber Sie dürfen nicht vergessen, dass ich nur der
Vizekommandant bin."
"Sicherlich. Nur werden Sie weitaus einfacher an Informationen gelangen können, als wir. " erwiderte Keel. "Jetzt wo Einheit-01 im Besitz einer S2-Maschine ist, haben wir etwa
geschaffen, dass in seiner Macht und Stärke einem Gott gleich kommt."
"Der Menschheit sollte es nicht erlaubt sein, etwas derartiges zu erschaffen." fügte 'SEELE 07' hinzu.
"Was hat Ikari vor?" fuhr Keel fort zu fragen. "Die Vorfälle der letzten Monate haben Ikari zu mehr Macht verholfen, als wir ihm eigentlich zugestehen wollten." Eine lange,
unheimliche Stille setzte ein. "Wird er seine Macht verantwortungsvoll einsetzen?"
Fuyutsuki schmunzelte vor sich hin. Wer anders als Gendo selbst würde diese Frage beantworten können. "Ich denke nicht, dass er eine andere Wahl hat. Er wird das Projekt bis zu
seiner Vollendung fortführen. Daran besteht gar kein Zweifel."
Von Neuem setzte eine lange Pause ein,- jedoch war es keine von Wut oder Zorn geprägte Pause. Wie es schien hatte die Antwort die 'Alten Männer' zufrieden gestellt.
"Und was ist mit der anderen Sache?" fragte einer der 'Alten Männer' plötzlich.
"Ja, genau." erinnerte sich Keel. "Fuyutsuki-sensei... Was können Sie uns über diesen Mann sagen... diesen Miyazaki?"
"Über wen?" fragte Fuyutsuki und blinzelte verwundert.
"Ich denke er ist Ihnen besser bekannt als der neue Sensei, der die vier 'Children' unterrichtet."
Fuyutsuki schmunzelte,- er hätte es wissen sollen...
"Ahhh so... nun ja, ich weiß zwar nicht, was Ihr Mann in letzter Zeit so alles getan oder gesagt hat,- aber eines ist sicher; es hat den Commander ziemlich nervö
gemacht."
Eine lange... sehr lange Pause setzte ein.
"Unser Mann?"
Fuyutsuki nickte. "Ja. Ich nehme an, dass er doch wohl für Sie arbeitet oder?"
Nach einem kurzen Augenblick der Stille, verschwanden drei der Monolithen... einschließlich 'SEELE 01'.
Nach etwa einer Minute kehren die Steingesichter zurück...
"Wir werden morgen weiterreden, Fuyutsuki-sensei. Vielen Dank für Ihre Mitarbeit."
Die schwarzen Steinblöcke verschwanden, und die Tür, die zurück in seine Zelle führte, öffnete sich. Fuyutsuki aber war so in Gedanken versunken, dass er erst
noch einen Moment in dem Konferenzraum verharrte.
"Er ist also keiner von Ihnen..." murmelte er schließlich und begann zu grinsen. "Nun... das verspricht ja interessant zu werden."