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Higher Learning

Lektion Sechsunddreißig: Spione wie wir

Geschrieben von Strike Fiss, 1999
Homepage: http://www.geocities.com/Tokyo/9110
Übersetzt von Melissa Schneider
editiert von Christian Winkler und Markus Ehreke

Es war wirklich eine Schande, dass er bereits jetzt auf 'Gefälligkeiten' zurückgreifen musste. Auch wenn er natürlich nicht derart weitreichende Verbindungen wie Kommandant Ikari hatte, so war Kaji doch stolz auf sein kleines, aber feines Netzwerk aus Kontaktleuten, Freunden, und Personen, die ihm einen Gefallen schuldeten.

Etliche Gefallen hatte er bereits aufbrauchen müssen, um überhaupt in Erfahrung zu bringen, worum es bei seinem neuen Auftrag ging. Immerhin war es geradezu wahnwitzig und ebenso gefährlich SEELE infiltrieren zu wollen,- selbst wenn es im Moment nur darum ging in ein altes, baufällig aussehendes Lagerhaus einzudringen, von dessen Existenz kaum einer Kenntnis hatte...

Irgendetwas hatte ihn in letzter Zeit mehr denn je angespornt. Misato hatte schon recht... er strebte immer noch danach Geheimnisse aufzudecken... oder sie zumindest für einen kurzen Augenblick ans Licht zu zerren, damit die 'Alten Männer' nervös wurden und Fehler machten... Fehler, die er brauchte um weitermachen zu können...

So lange er sich einredete, dass er nicht wusste wo das alles hinführte, würde er sich auch dazu durchringen können am Morgen aufzustehen, um einer Arbeit nachzugehen, die in seiner Vorstellung, und entgegen seinen Befürchtungen, einen gewissen Wert hatte.

Und hin und wieder ertappte er sich sogar dabei zu hoffen, dass Kaoru Miyazaki wusste, was er tat.

Sein Gesichtsausdruck aber spiegelte nichts von all dem wieder, während er mit der Geschwindigkeit eines Spaziergängers durch das verlassene Lagerhaus schlenderte. Teure, modische, aber bequeme Lederschuhe verliehen seinen Schritten auf dem gekachelten Boden einen ganz eigenen Klang, der von den Wänden ringsum widerzuhallen schien.
Kaji machte sich keine Sorgen entdeckt zu werden, da Dank einer 'Gefälligkeit', die er eingefordert hatte, die Überwachungskameras und Sicherheitssysteme in diesem Augenblick gerade abgeschaltet waren.

Mit einer Hand in seiner Tasche schritt er einen langen Gang entlang und zählte die Türen zu seiner Rechten. Ihm wurde klar, dass sein Ziel unmittelbar vor ihm lag. Und mit einem Mal war da wieder dieses Gefühl von 'Deja-Vue'. Ein Gefühl, das ihm einredete, dass er schon einmal an diesem Ort, und in dieser Situation gewesen war. Ein Gefühl, das ihn in letzter Zeit des öfteren verfolgte.

Mit einem Seufzen tippte er eine siebenstellige Zahlenkombination in das Tastenfeld der unscheinbaren Türe nahe dem Ende des Korridors. Er hoffte, dass sich die ziemlich große Gefälligkeit auszahlen würde, die er darauf verwendet hatte, diese Kombination zu erfahren...

Aber sie tat es, und ein leises, zischendes Geräusch später war die Tür offen.

Ein älterer Mann schaute auf. Er schien nicht erschrocken zu sein, dennoch stand sowas wie Überraschung in sein Gesicht geschrieben. "Es ist lang her, Kaji-san." meinte der Vizekommandant mit einem Lächeln.

"Stimmt." antwortete Kaji mit einem Schmunzeln. Er ging hinüber zu Fuyutsuki, kniete hinter ihm nieder, und begann die Nylonschnur zu lösen, mit der die Hände de älteren Mannes an den Stuhl gebunden war. "Ist Ihnen eigentlich schon aufgefallen, wie schlecht der Zimmerservice in dieser Absteige ist?"

Diese Bemerkung brachte ihm ein Lächeln seitens des alten Mannes ein. "Obwohl..." Der alte Sensei schüttelte den Kopf. "Eigentlich hatte ich gar keinen Zimmerservice bestellt. Das Sie hergekommen sind, könnte sie in Schwierigkeiten bringen. "

"Ich weiß." erwiderte Kaji mit einem Schulterzucken. Er stand auf und half Fuyutsuki auf die Beine.

"Warum tun Sie das?" fragte der Vizekommandant, während sie den Raum verließen. "Letzten Endes hätten sie mich ohnehin gehen lassen."

Kaji dachte einen Moment lang über dir Frage nach, während sie aus der Lagerhalle hinaus in die menschenleere und verlassene Gegend traten.

"Ich liebe es, ihre Pläne zu durchkreuzen." antwortete er schließlich. "Es gibt mir ein wenig Anlass zu der Hoffnung, dass wir das alles doch noch irgendwie zu unseren Gunsten entscheiden können."

Fuyutsuki schmunzelte als er dem Agenten zu einem alten NERV-Jeep folgte. "Tatsächlich? Und da dachte ich schon, dass ich der Einzige wäre..."

* * *


"Entführt?!" Misato verschluckte sich an ihrem Kaffee und hustete.

Ritsuko seufzte und nickte. "Sie versuchen ihn so schnell wie möglich zu befreien... aber wie es scheint haben sie noch mit Verrätern unter den Agenten und Sicherheitsleuten von Sektion Zwei zu kämpfen. Wir wissen bereits, dass es jemand aus unseren eigenen Reihen war, der seine Gefangennahme ermöglicht hat."

"Was sagt denn der Kommandant dazu?" fragte Misato und schüttelte den Kopf. "Er wird sicherlich nicht besonders erfreut darüber sein."

"Wann war er das je?" meinte Ritsuko noch, bevor sie ihre Aufmerksamkeit wieder den Bildschirmen zuwandte. Sie zeigten die Live-Bilder aus den Zugangskapseln der Kinder, und sie alle sahen sehr entspannt und ruhig aus... die Messwerte auf den Instrumenten jedoch zeigten, dass dies nicht mehr als eine Fassade war... "Mmm..."

"Mmm-was?" Misato seufzte als sie auf die Anzeigen schaute. Es war einer der ersten Sync-Tests seit Shinjis Rückkehr, und alle waren gespannt, wie sich Einheit-01 verhalten würde.

Was den jungen Ikari betraf, so zeigte sich bei ihm zwar aufgrund des Zwischenfalls ein leichter Rückgang in der Sync-Rate, der aber bei weitem nicht so groß war, wie man befürchtet hatte... Immerhin war Shinji eine sehr zerbrechliche Persönlichkeit. Jemand, der bei der kleinsten Schwierigkeit durchdrehen konnte, und fortan für das ganze Projekt nutzlos wäre... Glücklicherweise schien er aber den letzte Zwischenfall mit EVA-01 gut weggesteckt zu haben...

Toji und Rei hatten ihre Sync-Rate leicht verbessern können... und waren, was das betraf, auf dem besten Weg zu Shinji und Asuka aufzuschließen...

Na ja...

Ehrlich gesagt hatten sie Asuka an diesem Tag bereits überholt...

Misato musste nicht einmal auf die Anzeigen schauen, um zu erkennen, dass etwas nicht stimmte. Allein schon die Tatsache, dass Asukas Augenbrauen gelegentlich zuckten, und dass ihre Atmung hin und wieder unregelmäßig war, zeigten dem Major, dass der Ausdruck auf dem Gesicht des Rotschopfes Entspannung und innere Ruhe nur vorgaukelte.

"Shinjis Verschwinden hat sie ziemlich mitgenommen." meinte Ritsuko und seufzte. "Maya hat mir erzählt, dass sie den ganzen letzten Monat hier herumgehangen hat, um zu sehen, ob sie irgendwie helfen kann. Von daher wundert mich der Einbruch in ihrer Sync-Rate nicht im geringsten."

Misato nickte wortlos und trank einen Schluck von ihrem Kaffee.

"Aber da Shinji inzwischen zurück ist, ist die Frage doch vielmehr... was ihr jetzt noch im Kopf herumgeht..." stellte Ritsuko fest und schaute hinüber zu ihrer dunkelhaarigen Freundin, so als ob diese eine Antwort parat hätte.

Seltsamerweise hatte Misato eine Antwort darauf..."

"Weißt du was heute für ein Tag ist?" fragte Misato und wandte sich der blondhaarigen Wissenschaftlerin zu.

Ritsuko antwortete mit einem verwunderten Blick.

Misato seufzte. "Es ist eine Woche vor ihrem Geburtstag. Außerdem jährt sich heute der Unfall ihrer Mutter in Einheit-02."

Ritsuko blinzelte verwundert. "Der Selbstmord ihrer Mutter?"

"Nein... der geschah erst einige Wochen später." antwortete Misato im Flüsterton. "Ich bin mir aber nicht sicher, ob Asuka die Bedeutung dieses Tages überhaupt bewusst ist..."

"Wie es ausschaut hat sie damals wohl einen ziemlich hektischen Herbst durchgemacht." meinte Ritsuko mit einem Kopfschütteln. "Auf der einen Seite wird sie als Pilot im Projekt E aufgenommen, und muss auf der anderen Seite tatenlos zusehen, wie ihre Familie auseinanderreißt."

"Und du darfst auch nicht vergessen, was in letzter Zeit passiert ist." ergänzte Misato. "Der Angriff des letzten Engels,- Shinji, der sich in eine Art Ursuppe auflöst,- und all die anderen Veränderungen hier bei NERV und in ihrem Privatleben. Asuka muss sich fühlen, als ob ihre Welt von Neuem auseinanderbricht."

"Aber..." Ritsuko seufzte. "Auf die Gefahr hin, dass das jetzt unsensibel klingt... Sie scheint glücklicher zu sein, nun da Shinji wieder zurück ist."

"Vielleicht." erwiderte Misato. "Aber selbst wenn es so ist, dann sind da immer noch jede Menge gemischte Gefühle im Spiel. Du kennst doch die Statistiken genau so gut wie ich..." Sie seufzte traurig. "Asuka hat im Gegensatz zu Shinji immer noch keinen Engel im Alleingang besiegen können... Und so hasst und beneidet der ehrgeizige Teil von ihr einen zum Retter der Menschheit erkorenen jungen Mann, der gleichzeitig der Junge ist, den sie den ganzen letzten Monat über nicht loslassen konnte."

Ritsuko sagte kein Wort und beobachtete die Überwachungsbildschirme. Eindringlich musterte sie ein jedes der vier Kinder.

"Aber das scheint nun mal unser Fluch zu sein..." flüsterte Misato leise vor sich hin. "Die, die sich als Retter der Menschheit aufspielen, versagen, und die, die am wenigsten in diese Rolle passen, sind gezwungen zu kämpfen..."

"Hast du gerade was gesagt?" Ritsuko wandte sich wieder ihrer Freundin zu und blinzelte.

"Ach, es ist schon gut." erwiderte der Major mit einem Schmunzeln. "Ich habe nur laut gedacht." Ihr Blick ging zum Kalender. "Aber was Asukas Sync-Rate betrifft, so kann es auch daran liegen, dass sie bald ihre Tage bekommt."

"Du weißt so gut wie ich, dass das keinen derart großen Einfluss auf die Sync-Rate hat..." erklärte Ritsuko mit einem Kopfschütteln. "Wir haben die Auswirkungen der Pubertät bei Ayanami ganz genau studieren können, und ihre Werte haben sich auch während der Tage nicht exzessiv verändert."

Misato runzelte die Stirn und hob eine Augenbraue. "Natürlich nicht... Immerhin hat der Commander ja auch keine Verwendung für den Menstruationszyklus einer Frau. Und was Rei angeht,- sie würde sich so lange nicht dafür interessieren, bis es ihr befohlen wird.

Ritsuko warf ihr einen seltsamen, halb angewiderten, halb verärgerten Blick zu.

Der Major winkte ab. "War nur ein Scherz."

* * *


Nicht weit entfernt stieg eine kleine Luftblase im LCL auf als Rei mit einem Mal niesen musste. Langsam öffnete sie ihre Augen, die einen leicht verärgerten Eindruck machten. "Da redet wieder jemand über mich..." seufzte sie.

* * *


"Ich merk' schon, du bist heute wieder gut gelaunt." murmelte Ritsuko vor sich hin.

Der Major dachte über eine Antwort nach. "Mein Wecker ist hin."

"Ahh."

Misato hing immer noch den Gedanken nach, auf die Kaji sie gebracht hatte. "Also... Hat der Commander die Sperre schon aufgehoben und Einheit-01 wieder in den Dienst gestellt?"

"Noch nicht." Ritsuko schüttelte den Kopf. "Es stehen immer noch ein paar Tests aus."

'Schwachsinn!', dachte Misato und seufzte. Sie hatte mitbekommen, dass im Abstand von drei Tagen immer wieder die gleichen Tests an dem EVA durchgeführt wurden.

"Ah so. Na ja, dann sag' mir Bescheid, wenn Shinji wieder mit raus kann." meinte Misato schließlich und ging hinüber zu dem Kontrollpult für die Com-Verbindungen. "Wie e aussieht, könnte Asuka seine Hilfe gut gebrauchen." Sie drückte einige Knöpfe und wartete bis die Verbindungen zu den Zugangskapseln hergestellt waren. "Hey Kinder!"

Die vier Piloten öffneten ihre Augen.

Toji lächelte in die Kamera. "Wie waren wir, Misato-san?"

"Nicht schlecht!" antwortete Misato mit einem Lächeln. "Vielleicht schaffen wir es, in dieser Woche noch ein paar richtige Trainingskämpfe anzusetzen. Wie mir scheint könntet ihr alle ein bisschen Abwechslung gut gebrauchen."

"Nur bitte keine Dummy-Plugs." warf Rei mit einem leichten schmunzeln ein.

"Keine Angst, Rei... So lange es euch Vieren gut geht und ihr gesund seid, werden wir die Dinger wohl nicht mehr brauchen." antwortete Misato mit einem Schmunzeln.

"Darf ich auch mitmachen, Misato-san?" fragte Shinji enthusiastisch, woraufhin der Major sah, wie Asuka ihren Blick abwandte. "Es wäre eine schöne Abwechslung vom stundenlangen, untätigen Herumsitzen in der Zugangskapsel."

"Wir werden schauen, was sich machen lässt, Shinji. Einheit-01 ist aber noch nicht ganz so weit." log Misato, aber schmunzelte ehrlich.

"Gut. Ich kann es nämlich kaum erwarten dir in den Hintern zu treten, Shinji." warf Toji ein.

Shinji aber grinste nur. "Das wird sich erst noch zeigen."

Ritsuko warf Misato ein Lächeln zu. "Sag mal, bist du dir sicher, dass Kaji-kun keinen schlechten Einfluss auf den Jungen hat?"

Misato stöhnte und wandte sich schließlich wieder dem Kontrollpult zu. "Okay Kinder, ab unter die Dusche. Wir treffen uns zur Abschlussbesprechung im kleinen Konferenzraum in zwanzig Minuten. Der Tee geht auf meine Rechnung."

"Hai!" sagten drei Stimmen gleichzeitig,- Asuka hingegen schaltete wortlos ihre Com-Verbindung ab.

Ritsuko nickte. "Du hattest recht." meinte sie und schüttelte daraufhin den Kopf. "Es muss mit ihren Tagen zu tun haben..."

* * *


Asuka musste niesen, während das LCL um sie herum bereits herausgelassen wurde. "Ich hasse es, wenn sie hinter meinem Rücken über mich reden..."

* * *


"Also, was hast du denn geplant?" schallte Tojis Stimme noch aus der Dusche, während Shinji sich bereits wieder am ankleiden war.

"Wie bitte?" erwiderte Shinji mit einem verwunderten blinzeln, während er sich abmühte die Knöpfe seines Hemdes zu schließen.

"Na für den Geburtstag unseres 'roten Teufels'."

"Du... du hast dir ihr Geburtsdatum gemerkt?" Shinji begann zu lächeln. "Ich wusste ja gar nicht, dass es dich interessiert, Toji-san!"

"Tut es eigentlich auch gar nicht." lachte Toji. "Aber Hikari redet jetzt schon eine Woche lang ununterbrochen davon, und da ist wohl einfach etwas davon in meinem Gedächtnis haften geblieben."

Shinji kicherte leise. "Na ja, trotzdem freut es mich, dass du dich daran erinnert hast."

"Also?" bohrte Toji nach. "Ich weiß ganz genau, dass du etwas im Schilde führst. Seit du zurück bist, schaust du sie immer mit diesem Blick an..."

"Mit was für einem Blick denn?" fragte Shinji und war bereits rot wie eine Tomate.

"Na ja..." Er zuckte mit den Schultern. "Ich weiß nicht wie ich ihn beschreiben soll..." Er lachte. "Ich persönlich würde ja sagen, dass du dann immer so bemitleidenswert und richtig bedröppelt aus der Wäsche guckst... andererseits schaut sie genau so aus, wenn sie dich ansieht."

Shinji blinzelte und wurde bleich. "Was... Sie sieht mich an?"

"Na klar doch. Immer dann wenn du gerade nicht zu ihr hinsiehst blickt sie dich an. " erklärte Toji, während er das Wasser in der Dusche abstellte und mit einem Handtuch bekleidet herauskam. Er ging hinüber zu seinem Spind um frische Sachen herauszuholen. "Es ist schrecklich für Kensuke und mich das alles mit ansehen zu müssen. Na ja, ich denke früher oder später musste es ja so kommen,- ich meine wo ihr doch zusammen wohnt und so..."

"Äh... na ja..." Shinji musste schwer schlucken. "...ist es also so offensichtlich, was?"

"Hikari meint ja, dass ihr beiden nur deshalb noch nicht das Gesprächsthema Nummer eins in der Klasse seid, weil alle wegen dem neuen Projekt so aufgeregt sind..." Er kicherte. "Nicht wahr, Oberspion Ikari?"

"Äh..." brachte Shinji hervor...

"Also... Ich frag' dich jetzt noch mal... hast du irgendetwas besonderes für ihren Geburtstag geplant?" Toji zog sein Hemd über den Kopf. "Hikari hat nämlich schon Pläne gemacht, aber sie traut sich nicht dich zu fragen, weil sie denkt, dass du Asuka an dem Abend ganz für dich allein haben willst." Er grinste.

"Für mich allein..." Shinji wurde rot und musste schlucken. "Na ja, ich hatte gedacht, dass ich sie mit einem Deutsch-Amerikanischen Abendessen überraschen könnte. Sie beschwert sich ja immer über die japanische Küche, und da dachte ich, dass das doch mal ein schönes Geschenk für sie wäre."

"Mmmm... das hört sich ja schonmal ganz gut an, Ikari." meinte Toji und lächelte seinen Freund an. "Ich bin beeindruckt." Dann aber hob er eine Augenbraue. "Aber was dann?"

"Ähhh... na ja... öh..." stammelte Shinji. "Ich denke... ähm..."

"Aber klar! Natürlich kannst du bei der Überraschungsparty auf uns zählen." bot Toji hilfreich an.

"Ihr würdet wirklich kommen?" Shinji strahlte. "Und es würde dir nichts ausmachen?"

"Ahhh, kein Problem. Immerhin kann sie mich ja nicht anschreien, wenn sie sich die ganze Zeit über an dich klammert und dir schöne Augen macht." antwortete Toji mit einem Schmunzeln. "Und Kensuke wird auf jeden Fall auch kommen wollen,- allein schon um Misato sehen zu können. - Wart's ab, das wird sicher lustig werden."

"Sie wird mir schöne Augen machen?"

"Soso..." meinte Toji mit einem Grinsen. "Dann wird sie also 'Süße Sechzehn'... na ja, der Sechzehnte ist ja in vielen Kulturen ein bedeutender Geburtstag... Und, hast du noch ein anderes Geschenk geplant oder so?"

"Wie... wie meinst du denn das jetzt?" Shinji gab sich alle Mühe seinen Augen zu verbergen, indem er sich auf das Falten seines schmutzigen Einsatzanzuges konzentrierte.

"Nun komm schon, Ikari..." Toji grinste mittlerweile bis über beide Ohren. "Erzähl mir nur nicht, dass sich ein großer, starker Held wie du nicht schon einmal den ein oder anderen typisch männlichen Gedanken über die junge Dame seiner Träume gemacht hat..." Er runzelte die Stirn. "...auch wenn sie sich aufführt, als wäre sie der Satan höchstpersönlich..." Das Lächeln kehrte zurück in sein Gesicht. "Hab' ich nicht recht?"

Shinji musste schlucken. Sein Blick ging hoch zur Uhr. "Misato-san wartet schon. Wir sollten uns beeilen." Ohne ein weiteres Wort zu sagen stürmte er aus der Umkleide.

Toji schmunzelte. "Kinder."

* * *


Misato hätte beinahe laut aufgeschrieen als sie es sah.

Sie hatte den 'Second Impact' aus nächster Nähe miterlebt... Sie hatte EVAs Engel in Stücke reißen, und die Eingeweide verspeisen sehen... Und es hatte noch ein weiteres Dutzend ähnlicher Situationen in ihrem Leben gegeben, die andere Leute in Schwachsinn redende Klumpen Götterspeise verwandelt hätten, ihr jedoch nie mehr als ein Schulterzucken entlockt hatten.

Und dennoch war Misato diesmal so sehr erschrocken, dass sie beinahe tot umgefallen wäre...

Rei Ayanami trug ein Kleid.

Die anderen Kinder waren wohl ebenso erschrocken, denn sie saßen mit weit aufgerissenen Augen und heruntergeklappten Kinnladen wie versteinert um den Tisch herum.

Rei hingegen setzte sich auf ihren angestammten Platz und schaute in die Runde. Ihr Gesicht war relativ ausdruckslos, und allein ihre Wangen erröteten leicht als Zeichen der Verlegenheit, die sie empfand weil alle sie anstarrten.

"Guten Tag, Major." sagte sie leise.

"Ähm..." Misato musste schlucken. Sie rieb ihre Augen um sicherzustellen, dass sie keiner Halluzination erlegen war.

Doch es stimmte... Rei Ayanami trug ein weißes, konservativ geschnittenes, aber dennoch sehr elegant anmutendes Sommerkleid, das Asukas gelbes Sommergewand schlichtweg in den Schatten stellte.

Der feurige Rotschopf war im Moment aber viel zu geschockt um neidisch zu sein...
"MEIN GOTT!" flüsterte Asuka während sie immerzu nach Luft schnappte. "Sie... sie... sie hat... GESCHMACK WAS MODE ANBETRIFFT??!??!"

Sowohl Shinji als auch Toji fragten sich, wo um alles in der Welt sie nur ein derartig beeindruckendes Kleid für ihre jeweiligen Freundinnen auftreiben konnten... und bemühten sich in der Zwischenzeit kein Nasenbluten zu bekommen.

"Ich war einkaufen." erklärte Rei und seufzte, als ihr klar wurde, dass ihre Freunde sobald nicht aufhören würden, sie anzustarren.

"Ähh... na gut." Misato räusperte sich. "Dein Kleid sieht... sehr schön aus, Rei-chan!" Sie schenkte dem blauhaarigen Mädchen ein ehrlich gemeintes Lächeln und versuchte so gut es ging das Gefühl von Unbehagen zu überspielen, das sie überkam. .

Asuka hatte mit ähnlichen Gefühlen zu kämpfen. "Wie wär's wenn wir zur Sache kämen, damit wir uns endlich was zu Essen holen können?" Sie seufzte. "Ich bin am verhungern."

"Sicher." antwortete der Major und blätterte durch die Ergebnisse des Tests. "Äh.. Shinji... Glückwunsch, du hast nur zwei Punkte deiner Sync-Rate eingebüßt. Das ist sehr beeindruckend, wenn man bedenkt, was seit deinem letzten Sync-Test passiert ist!"

Shinji wurde rot und senkte seinen Kopf. "Asuka hat mir in letzter Zeit beim Meditieren geholfen."

Asuka warf ihm ein kleines, wissendes Lächeln zu. Der junge Ikari errötete noch mehr.

Misato ignorierte den Blickwechsel zwischen den beiden, und lächelte statt dessen Toji an. "Und unser Toji-kun hat die Fünfundsechziger-Marke überschritten. Ich werde dem Commander empfehlen, dich auf die Liste der einsatzbereiten Piloten setzen zu lassen. Falls nötig solltest du in der Lage sein allein gegen den nächsten Engel anzutreten."

Toji verbeugte sich leicht, schien aber weniger enthusiastisch als zuvor. "Trotzdem wäre es mir lieber, wenn ich zusammen mit den anderen EVAs ausrücken könnte, Mi Misato." erwiderte er. "Mir reicht es völlig, wenn ich den anderen helfen kann. "

"Keine Sorge, Toji. Wir werden dich nicht allein rausschicken." antwortete Misato lächelnd und hoffte inständigst, dass sich diese Aussage nicht als Lüge erweisen würde. "Und was dich anbelangt, Rei, so bist du um zwei Punkte besser als Toji. Ich freue mich schon darauf zu sehen, wie ihr beide euch beim nächsten Trainingseinsatz schlagt."

"Hai. Domo." sagte Rei und verbeugte sich leicht.

"Und dann..." hob Misato schließlich an und schaute in Asukas erwartungsvoll funkelnde Augen. "...konnten wir Dank Asuka einen Fehler im System ausfindig machen..."

Asuka blinzelte und ihre Augenbraue begann bedrohlich zu Zucken... "Wie bitte?"

Misato hüstelte. "Ähm... weißt du, Asuka-chan... diese gewissen Tage im Monat... wenn eine Frau... na ja, du weißt schon..."

Asuka wurde rot. "Wa... was ist damit?"

Als Toji begriff worüber die beiden Frauen sprachen, holte es ihn vom Stuhl "OH MEIN GOTT!"

Die anderen ignorierten ihn.

"Na ja... wenn du deine Tage bekommst, dann halbiert sich deine Sync-rate..." meinte Misato mit einem leichten Lächeln.

Asuka sprang von ihrem Stuhl auf und schlug die Hände auf die Tischplatte. "WAS SOLL DAS HEIßEN,- MEINE SYNC-RATE HALBIERT SICH!!?!?!?!"

Misato begann zu schwitzen. "Es ist nichts Schlimmes Asuka! Ich bin sicher, dass du in ein paar Tagen wieder die beste Sync-Rate von allen hast." Sie brachte es einfach nicht über Herz zu erwähnen, dass die Sync-Werte des Rotschopfes in den letzten Wochen stetig gefallen waren.

Asuka grummelte vor sich hin während sie wieder Platz nahm. "Liege ich noch über dem Minimum?"

"Ja, aber knapp." antwortete Misato mit einem Seufzen.

"Gut. Dann bin ich zumindest noch nicht aus dem Rennen, wegen dieses... dieses..." Sie sah an sich hinab. "...Körpers..."

Toji hatte sich inzwischen wieder auf seinen Stuhl gesetzt. "Seid ihr zwei jetzt endlich fertig? Das ist ja ekelhaft!"

Misato warf ihm einen bösen Blick zu. "Ja. Wir sind fertig, Toji,- du kannst gehen. Die Besprechung ist beendet."

"Danke schön." Noch im Aufstehen begriffen warf er Asuka einen angewiderten Blick zu, und verließ schließlich eilig das Zimmer.

Shinji und Rei folgten ihm mit schnellen Schritten.

Asuka hingegen blieb noch einen Moment lang sitzen. Langsam blickte sie von Neuem an sich hinunter. "Das ist nicht fair, weißt du... "

Misato nickte verständig. "Ich weiß."

"Ich mein, ich will doch überhaupt keine Kinder haben..." meinte der Rotschopf und seufzte. "Wozu muss ich das dann überhaupt durchmachen?" Langsam stand sie auf und ging zur Türe.

Misato folgte ihr. Lächelnd legte sie der jungen Dame die Hand auf die Schulter. "Es macht uns zu dem, was wir sind. Es macht uns menschlich, Asuka."

Asuka senkte ihre Augen, dennoch schien sie der älteren Frau zuzustimmen. "Du hast wohl recht."

"Komm, wir fahren auf dem Weg nach Hause noch beim Supermarkt vorbei." meinte Misato und lächelte hilfsbereit. "Wir werden dir einen schönen Tee besorgen. Die richtige Mischung kann..."

Asuka fuhr herum und Misato musste Acht geben nicht mit ihr zusammenzustoßen.

"Wie kommst du darauf, dass mir so ein blöder Tee helfen könnte?" fauchte der Rotschopf.

Misato war ein wenig ungehalten, als ihr im nächsten Augenblick die Tür vor der Nase zugeschlagen wurde.

* * *


Selbst wenn der Schulunterricht längst nicht mehr so langweilig war wie noch Monate zuvor, waren Sync-Test immer noch eine willkommene Gelegenheit den Rest des Schultages frei zu nehmen, und sich ein wenig Erholung und Entspannung zu gönnen.

Wie üblich trennten sich die Wege von Toji und Rei recht früh von dem Weg den Asuka und Shinji einschlagen mussten. Misatos Appartement lag recht weit vom Stadtzentrum entfernt, und so hatten die beiden stets einen langen Nachhauseweg vor sich.

Der junge Ikari lächelte vor sich hin während sein Blick hinauf zum 'Herbsthimmel' hing. Es gab keinen richtigen Unterschied zwischen einem Tag im Herbst, Sommer, Frühling... oder Winter. Einzig und allein die orange Farbe des Himmels und die Anzahl der Zikaden änderte sich leicht, ebenso wie der Zeitpunkt des Sonnenuntergangs, der im Augenblick gerade eine Stunde früher als im Sommer einsetzte. Ein leichter Windhauch ließ die Luft für Sekunden frisch und klar erscheinen. Es war eine wundervolle Tageszeit für einen Spaziergang.- Auch wenn er gerade durch überfüllte Straßen schlenderte...

"Mir ist kalt..." flüsterte Asuka vor sich hin, allerdings laut genug um Shinji aus seinen Gedanken zu reißen.

"Asuka-chan?" Er blinzelte und sah zu ihr hinüber. Sie hatte ihre Arme verschränkt, und machte den Eindruck als stände sie kurz davor vor Kälte zu bibbern.

Asuka keuchte auf als ihr klar wurde, dass sie etwas zu laut geredet hatte. "Ähm...ahh..." Sie wurde rot. "Komm, Baka... lass uns etwas schneller gehen. Der Wind frischt auf."

"Hai." Er nickte und bemühte sich mit ihr mitzuhalten, während sie mit großen Schritten vorauseilte.

Als sie in Misatos Wohnung ankamen, waren sie beide nass geschwitzt.

"Ich geh ein Bad nehmen." meinte Asuka und blickte ihn mit treuen, bettelnden Augen an. "Was gibt's zum Abendessen?"

Shinji strahlte. "Ich hatte mir gedacht, ich könnte mal ein paar Spaghetti kochen."

Asuka schenkte ihm ein von Herzen kommendes Lächeln. "Das hört sich toll an. Ich werde mich beeilen."

Er sah ihr nach, und beobachtete wie sie im Bad verschwand. Als er in die Küche ging um das Abendessen zuzubereiten, war das Lächeln von vorhin aus seinem Gesicht gewichen. Langsam kramte er den großen Kochtopf und die Nudeln hervor und fasste einen Entschluss; Er würde versuchen herauszufinden, was mit Asuka los war...

* * *


Misato seufzte als die Sicherheitsleute in das spärlich beleuchtete Büro traten. 'Na toll... gerade jetzt, wo ich den ganzen Papierkram durchgeackert habe, und auf dem Weg nach Hause war...' dachte sie bei sich.

"Major." sagte einer der Männer und salutierte. "Wissen Sie bereits worum es geht?"

Sie tat einen tiefen Atemzug und nickte. "Ich nehme an, dass es mit dem Verschwinden von Sub-Commander Fuyutsuki zu tun hat." meinte sie und hob abschätzig eine Augenbraue. "Ich frage mich nur wie ihr Knalltüten sowas überhaupt zulassen konntet."

Der Mann machte einen leicht betretenen Eindruck. Er war sicherlich nicht sehr verlegen... aber es reichte um ihn für Sekunden seiner emotionslosen Maske zu berauben. "Die Täter kamen aus den Reihen von NERV, Ma'am. Es gab keine Möglichkeit dies vorherzusehen, oder ihnen zuvorzukommen."

"Mmm. Vielleicht." Sie seufzte und griff langsam in die Jackentasche um ihre ID-Karte herauszuholen. "Darf ich annehmen, dass in Ihren Augen Agent Ryouji der Hauptverdächtige ist?"

Der Sicherheitsmann nickte. "Ja. Deshalb wurden wir gebeten sie in Schutzhaft zu nehmen bis der Fall geklärt ist."

Misato nickte. "Klingt logisch, wenn man bedenkt, dass ich einmal mit ihm zusammen war." Sie musste zugeben, dass sie selbst wohl ebenso gehandelt hätte. Langsam holte sie ihre Waffe hervor und legte sie neben ihre ID-Karte auf den Tisch.

"Vielen Dank, Major. Ich bin sicher, dass der Vorfall sehr schnell aufgeklärt sein wird."

* * *


Kaji seufzte als er in sein Appartement trat. Die Luft war abgestanden, und es roch ein wenig muffig. Er musste vergessen haben die Klimaanlage einzuschalten. Wenn er so darüber nachdachte, dann war es schon Wochen her, dass er das letzte Mal die Räume betreten hatte, die er mit einem Schmunzeln sein 'Zuhause' nannte.

Ein totenstilles Zuhause.

Er ging hinüber zum Kühlschrank und holte einen Block aus dem Gefrierfach. Es war eine Suppe, die er vor einiger Zeit zubereitet, und in weiser Voraussicht eingefroren hatte. Er legte den Eisblock in eine Schüssel und packte das Ganze in seine Mikrowelle.

Er wurde auf ein kleines rotes Licht aufmerksam, das ununterbrochen an und aus ging.

"Ahh, zur Hölle." seufzte er und trat an seinen Anrufbeantworter um die eingegangenen Nachrichten abzuhören.

Die erste Nachricht war von Misato. Ihre Stimme klang ein wenig müde. Wahrscheinlich hing sie wieder an einem Stapel unerledigter Berichte, oder war mit sonstigem Schreibkram beschäftigt. "Hey, Kaji. Ich stecke im Papierkram fest und werde es nicht zu unserer Verabredung schaffen. Ruf mich doch bitte heute Abend an. Ja."

Er kicherte, als ihm klar wurde, dass er selbst es sicher auch nicht mehr rechtzeitig zu ihrer Verabredung geschafft hätte. "Danke, Katsuragi. Perfektes Timing, wie immer."

Die zweite Nachricht war von Gendo. "Gut gemacht."

Kaji zuckte mit den Schultern. Er war ein wenig überrascht, dass Gendo so weit gegangen war, ihm für die Befreiung des Vizekommandanten zu danken. Vielleicht hatte der Kommandant ja einen über den Durst getrunken, oder wahr in Geberlaune.

Die dritte Nachricht begann...

Kajis Augen begannen zu funkeln als er die Nachricht abhörte. Wie es schien würden sich an diesem Abend auch noch einige der anderen Gefälligkeiten, die er eingefordert hatte, auszahlen. Dumm war nur, dass er sofort aufbrechen musste, wollte er noch rechtzeitig am benannten Treffpunkt sein. "Tja keine Zeit für Suppe." seufzte er. "Und wieder ein arbeitsreicher Tag." Er ging hinüber zum Kleiderständer und nahm seine Jacke vom Haken.

Er war schon halb durch die Tür als die vierte Nachricht begann...

Die Stimme von Kaoru Miyazaki klang aufgeregt, und ließ Kaji für Sekunden innehalten.

"Kaji... bist du da? Hör zu... hör mir gut zu... wir müssen dringend miteinander reden."

Kaji runzelte die Stirn. "Das wurde ja auch langsam Zeit..." Mit einem schmunzeln auf den Lippen ließ er die Wohnungstür hinter sich ins Schloss fallen. "Aber heute nicht mehr, Sensei. Vielleicht morgen."

Als ihn auf dem Weg zu seinem Auto wieder dieses merkwürdige Gefühl von 'Deja-Vue' überkam , schüttelte er es einfach ab...

* * *


"Es ist serviert!" meinte Shinji nicht ganz ohne Stolz, als Asuka in die Küche trat.

Sie hatte sich umgezogen und trug einen etwas zu groß geratenen, weichen Pulli und eine Jeans. Sie machte einen etwas verschlafenen Eindruck... was wahrscheinlich an dem ausgiebigen, heißen Bad lag, das sie genommen hatte. Sie begann zu lächeln, als sie das aufgetischte Essen sah. "Genau das Richtige! Ich bin am verhungern!"

Shinji schmunzelte leise vor sich in, als er sah, wie Asuka Platz nahm und sich sofort eine riesige Portion Spaghetti auf den Teller schaufelte. Er setzte sich auf die andere Seite de Tisches und beobachtete fasziniert, mit welcher Leichtigkeit der Rotschopf die Gabel benutzte.

Asuka dagegen ließ es sich schmecken und griff bereits zum zweiten mal nach der Soße um sie über die Pasta zu schütten. "Hmmmm. Schmeckt das guuuut." summte sie und wischte zufrieden über ihren Mund.

Shinji blinzelte und brachte ein leicht nervöses Lächeln zu Wege. "Meinst du? Es kommt mir ein wenig... labberig.. und irgendwie schwer zu bändigen vor..."

Asuka musste schmunzeln, als sie sah wie ungeschickt Shinji mit der Gabel herum hantierte. Sie konnte ihn verstehen; immerhin war eine Gabel kein alltägliches Essbesteck für einen Japaner... Doch als schließlich eine ganze Ladung Nudeln statt in seinem Mund, mitten in seinem Schoß landete, konnte sie sich ein Lachen beim besten Willen nicht mehr verkneifen. "Brauchst du Hilfe, Baka-kun?"

Shinji wurde rot wie die Tomatensoße. "Ich... ich komm schon klar." Hektisch machte er sich daran die Nudeln aus seinem Schoß zu holen, bevor sie nachher noch ein wichtige Körperteil versengen würden.

Asuka runzelte die Stirn, als sie sah wie der junge Ikari mit dem Ellenbogen versehentlich seinen Teller umstieß, und daraufhin eine weitere Ladung heißer Pasta auf seiner Hose landete.

Shinji spürte wie die kollektive Hitze der Nudeln begann den Stoff seiner Hose zu durchdringen. "AAAAAAAAAAHHHHHH!"

Asuka schnappte erschrocken nach Luft, als sie sah, wie ihr Freund aufsprang und ins Badezimmer rannte.

"Gomen! Gomen! Ich bin gleich wieder da..." schrie Shinji noch im vorbeilaufen.

Aufgeschreckt von dem Getöse watschelte Pen-Pen aus seinem Kühlschrank, und machte sich sofort über die Nudeln her, die komischerweise statt auf dem Boden, direkt in seinem Fressnapf gelandet waren. "Wuaagh."

Asuka seufzte. "Das kannst du laut sagen."

"WWUUAAAAGGHH."

"Witzbold."

* * *


Irgendwie hatte Kaji das Gefühl für Zeit verloren. Sein Leben schien ein nimmer endender Wettlauf zu sein. Er war so beschäftigt gewesen... nicht zuletzt dank der Aufgabe, die Gendo ihm auferlegt hatte... dass er bisher kaum die Zeit zum Luft holen gefunden hatte.

Selbst jetzt nicht... obwohl er nach außen hin entspannt wirkte. Dieser Teil von NERV war ein angenehmer Ort. Ruhig, und mit einer gewissen Schönheit, beschienen vom orangenen Licht der untergehenden Abendsonne.

Hinter ihm drehten sich langsam riesige Lüfter, deren rhythmische Geräusche den Lauf der Zeit zu markieren schienen. Das Sandwich, das er unterwegs noch schnell gekauft hatte, war schon längst aufgegessen, und das einzige Überbleibsel - ein Stück Butterbrotpapier - war bereits vom stetigen Luftstrom davon geweht worden, und irgendwo in der Dunkelheit verschwunden.

Aus irgendeinem Grund dachte er mit einem Mal an Misato.

Schritte hallten durch die Dunkelheit und kamen stetig näher. Er entspannte sich ein wenig als er sah, dass es die Kontaktperson war, die ihn um dieses Treffen gebeten hatte.

"Hey." meinte er mit einem herzlichen Lächeln. "Du bist spät dran."

Das Lächeln verschwand aus seinem Gesicht, als er im Licht der Abendsonne den Lauf einer Pistole aufblitzen sah.

Das Geräusch eines Schusses zerriss die Stille... und mit einem Mal schien die Luft in einem hellen Blitz zu explodieren. Kaji riss noch die Augen auf, als alles um ihn herum für Sekundenbruchteile in sonnen-gelbes Licht getaucht war, doch dann traf ihn auch schon die Schockwelle, und er wurde zu Boden geschleudert.

Er spürte, wie er das Bewusstsein verlor, und das Letzte, an das er sich erinnerte war ein reißendes Geräusch, ein Platschen, und schließlich das Knallen einer kleinen Tüte, die zuvor aufgeblasen, nur wenige Zentimeter neben ihm zertreten wurde.

* * *


Shinji stöhnte auf als er aus der mit eiskaltem Wasser gefüllten Wanne stieg. "Spaghetti sind gefährlich." meinte er zu sich und zitterte derweil vor Kälte.

Es dauerte einen Moment, bis er sich so weit gefangen hatte, dass er mit dem Ankleiden beginnen konnte. Er stopfte seine besudelte Kleidung in den Sack mit der Schmutzwäsche, und fand passende, saubere Sachen in dem Stapel frisch gewaschener Wäsche, die er zum Bügeln zurechtgelegt hatte.

Nach einigen Minuten war er schließlich soweit wiederhergestellt, dass er unter den lachenden Augen von Asuka eine neue Runde im Kampf gegen die widerspenstige Pasta einläuten konnte.

Seine Freundin musste ihn für den größten Tolpatsch der Welt halten. Klar, er hatte sich auch schon zuvor des öfteren ungeschickt angestellt, aber da hatte es meist damit geendet, dass er irgendwie auf sie, oder sie auf ihn gefallen war. Aber kochend heiße Nudeln auf gewisse intime Stellen zu schütten, war dann doch um einige schlimmer.

Langsam trat er aus dem Badezimmer hinaus in die Diele und war sicher, dass Asuka immer noch in vollen Zügen lachen würde.

Doch sie lachte nicht.

All die kleinen, kindischen Sorgen, die ihm bisher durch den Kopf gegangen waren, verschwanden mit einem Schlag, als er sah... wie sie einfach nur dasaß; Leblos und unbewegt wie eine Marionette, der man die Fäden durchtrennt hatte, und deren Glieder wie versteinert in ihrer letzten Position verharrten.

Ihre Hand, mit der Gabel darin, war auf halbem Weg vom Teller zum Mund plötzlich eingefroren, so dass man glatt hätte denken können, sie studiere die dampfenden Nudeln, die um die Zinken des Essbestecks gewickelt waren... wäre da nicht dieser leere Ausdruck auf ihrem Gesicht gewesen.

Das lebensfrohe Funkeln war völlig aus Asukas Augen verschwunden, und Shinji geriet einen Moment lang in Panik. Er war schon auf dem Weg zu ihr, um in irgendeiner Form zu helfen, als ihn ein langer, müder Seufzer des Rotschopfes innehalten ließ.

"A...suka..." flüsterte er leise vor sich in.

Es dauerte eine ganze Weile, bis er sich über das weitere Vorgehen klar geworden war. Er konnte nicht einfach in diese Szene hinein platzen... Nicht wenn sie in diesem Zustand war... Sie schien im Augenblick so zerbrechlich... Irgendetwas zwang ihn dazu, Asuka noch genauer zu beobachten... sie noch ein wenig länger zu bespitzeln... Er musste einfach herausfinden, warum sie sich so merkwürdig verhielt.

Da ihm aber letztlich, selbst nach minutenlangem Nachdenken keine logische Erklärung für ihr Verhalten einfiel, beschloss er die Sache für den Augenblick auf sich beruhen zu lassen, und weitere Nachforschungen zu vertagen.

Shinji entschied sich für einen taktvollen Rückzug und schlich leise zum Badezimmer zurück. Dort angekommen seufzte er übertrieben laut und schloss mit mehr Kraft al gewöhnlich die Badezimmertür. Wenn das nicht reichte um Asuka aufschrecken zu lassen, dann wusste er es auch nicht.

Er war nicht sicher, ob er das Richtige getan hatte... doch als er in die Küche kam, lächelte der Rotschopf zumindest wieder. "Und, hast du Spaß gehabt, Baka?" begrüßte sie ihn mit einem Augenzwinkern. "Du hast dir doch nichts wichtiges verbrüht, oder?"

"Nein, nichts passiert." antwortete er und wurde rot. Er setzte sich wieder an den Tisch und schaufelte sich eine neue, aber weitaus kleinere Portion Nudeln auf den Teller. Dann schaute er den Rotschopf an. "Asuka?"

"Hai?" meinte sie mit vollem Mund und funkelnden Augen.

Er blinzelte und musste unwillkürlich auf seinen Teller starren, als er sich an den leblosen Gesichtsausdruck erinnerte, den er noch Minuten zuvor bei ihr gesehen hatte. Dann aber fasste er sich, und schaute wieder zu ihr auf. "Schmeck.. Schmecken dir denn die Spaghetti?"

Asuka setzte ein strahlendes Lächeln auf. "Sie sind wundervoll, Shinji. Du machst dir immer viel zu viele Sorgen."

"Hai hai." Langsam balancierte er seine Gabel zum Mund. "Mmmm... du hast recht... sie sind wirklich gut."

Sie zwinkerte ihm zu. "Siehst du? Ich habe dir doch gesagt, dass dir nicht-japanisches Essen auch schmecken würde."

Er nickte und schenkte ihr ein Lächeln. "Du hattest recht. Danke, Asuka!"

"Keine Ursache." antwortete sie mit einem Lächeln. "Abgesehen davon hast DU sie doch gekocht... also solltest du dir eigentlich selbst danken."

Shinji schüttelte den Kopf. "Aber ich habe sie für dich gekocht." meinte er und errötete leicht. "Ich wäre niemals auf die Idee gekommen Spaghetti zu kaufen wenn du es nicht vorgeschlagen hättest. Arigato, Asuka-chan."

Asuka lächelte zufrieden und wandte sich wieder ihrem Essen zu.

Shinji seufzte leise vor sich hin. Wenn er doch nur ein besserer Spion wäre... vielleicht so gut wie Kaji-san. Er wüsste sicher, wie man solche Probleme lösen könnte...

* * *


Kaji wusste einen Moment lang nicht wo er war, geschweige denn was passiert war. Als er die Augen öffnete, begrüßte ihn der Anblick riesiger, sich drehender Lüfter.

"H... heilige Scheiße..." hätte er wohl gesagt, wenn nicht alles, was er herausbrachte ein asthmatisches Husten gewesen wäre.

Er fasste an seine Brust, seinen Hals, seinen Kopf... und zu guter letzt... an seinen Schritt, doch nirgends gab es Anzeichen von Wunden, Einschusslöchern, oder sonstigen Verletzungen. Er entspannte sich sichtlich als ihm klar wurde, dass sein Körper im Großen und Ganzen noch intakt war.

Außer...

...dem Blutfleck auf seinem Jackett. Es war nicht sein Blut, soviel war klar, aber es war ziemlich viel und weiträumig über seine Schulter verteilt, so als ob man ihn damit vollgespritzt hatte.

Die Bilder des Erlebten kamen zurück und vermischten sich mit den Sinneseindrücken der Gegenwart... Die Brille, die seine Kontaktperson getragen hatte... und dazu der eiskalte Gesichtsausdruck... Die Erinnerung daran jagte ihm jetzt noch eine Gänsehaut ein.

Aber... was war passiert?

Er erinnerte sich an den Schuss, den man auf ihn abgefeuert hatte...

Doch dann...

...dann war - wie aus dem Nichts - ein Lichtblitz hervorgeschossen, und hatte einem Messer gleich die Luft zerteilt.

Kaji machte reflexartig einen Schritt zurück, als er einen feinen, tiefen Kratzer auf dem Boden bemerkte. Er beugte sich hinunter und fuhr mit dem Finger an der Kante des Kratzer entlang. Er zuckte zusammen, als er einen brennenden Schmerz verspürte und die Schnittwunde an dem hastig zurückgezogenen Finger bemerkte.
Die Furche, die in den metallenen Boden geschnitten worden war, hatte rasiermesser-scharfe Kanten...

"Herr Gott im Himmel..." flüsterte er. "Das war ein A.T.-Feld...

Copyright of the Charakter by GAINAX / Text by Strike Fiss, 1999
Translated by Melissa Schneider / Edited by Christian Winkler and Markus Ehreke