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Higher Learning

Lektion Siebenunddreißig: Verabredungen

Geschrieben von Strike Fiss, 1999
Homepage: http://www.geocities.com/Tokyo/9110
Übersetzt von Melissa Schneider
editiert von Christian Winkler und Markus Ehreke

Asuka saß aufrecht im Bett. Sie verhielt sich absolut ruhig; so ruhig, dass sie den Weckton der Uhr auf dem Nachttisch bereits hören konnte, als er gerade mal ein leises Knistern im Lautsprecher war. Schnell reichte sie über Shinji hinweg und zog den Netzstecker des Weckers.

'Nicht jetzt' dachte sie. Sie brauchte noch einige Minuten um in Ruhe nachdenken zu können, und so lange würde der Beginn des neuen Tages warten müssen.

Als ihr Blick auf den schlafenden jungen Ikari fiel, seufzte sie. Er schien so ruhig... so friedlich... so als ob er keinerlei Sorgen hatte... Aber irgendwie war das ja auch verständlich... Er hatte eine Frau, die des Nachts das Lager mit ihm teilte, und ihm auch sonst zur Seite stand. Und wann immer sie in Schwierigkeiten war, würde er ihr beistehen, und nötigenfalls mit bloßen Händen Engel in der Luft zerreißen...

Asuka fühlte sich schlecht...

Sie hasste es, sich schlecht zu fühlen...

Und was noch schlimmer war... sie wollte sich überhaupt nicht schlecht fühlen, denn sie hasste die Gedanken, die dieses Gefühl immer mit sich brachte. Sie wusste, dass e wahrscheinlich daran lag, dass sie bald ihre Tage bekam,- und dazu dann noch ihr Geburtstag, der kurz bevor stand,- und der Stress der letzten Monate...

Nein!

Eine Asuka Langley Sohryu versteckte sich nicht hinter Entschuldigungen... Auch wenn sie zutreffend waren...

Sie fühlte sich einfach nur schlecht.



...



Papa!

Warum liegt Papa so da, wenn er schläft?

Mama?

Du bist nicht meine Mama...

Warum liegst du bei Papa im Bett!?



...



Als sie versuchte die hervorbrechenden Erinnerungen zu unterdrücken, musste sie sich schütteln. Allem Anschein nach wurde es immer schwerer die Gedanken an ihre Vergangenheit in Schach zu halten... und die dazu nötige Kraft hatte bereits ein körperliche Ebene erreicht... trotzdem schaffte sie es auch diesmal wieder die Oberhand zu behalten...

Dennoch... Die Art wie Shinji dort neben ihr lag, brachte aufs Neue die Erinnerungen zurück... Erinnerungen an ihren Vater... Wenn er schlief, hatte er immer genauso dagelegen; mit dem gleichen verträumten und seelenruhigen Lächeln auf dem Gesicht... während ihn eine neue Frau mit ihrem Körper wärmte...

Asuka sah an sich hinunter, und es verwirrte sie zu sehen, dass sie selbst... nicht sie selbst war. Nicht, dass sie eine komplett andere Person war... nein, sie... sie war einfach nur nicht mehr so... wie sie sich in Erinnerung hatte. Ihre Haut sah grau und fleckig aus, so wie ein altes Foto, dessen Farben langsam im Licht der Sonne verblassten. Sie fühlte sich wie eine Erinnerung... lebendig zwar... aber dennoch eine Erinnerung... ein Echo ihrer selbst,- das in dem Moment verschwinden würde, wenn ihr Körper nicht mehr länger da wäre um den Jungen an ihrer Seite zu wärmen...

Strähnen von feuerrotem Haar fielen in ihr Gesicht als sie mit wachsendem Interesse den jungen Mann beobachtete, der neben ihr lag... "Wenn ich sterbe, Shinji, was geschieht dann?"

Der junge Ikari schlief seelenruhig weiter,- unbekümmert und nichts Böses ahnend...

"Wirst du dir dann jemand anderen suchen, der des Nachts neben dir schläft?", flüsterte sie leise und beugte sich hinunter, bis ihre frei herunter hängenden, langen Haare seine Brust berührten. "Vielleicht jemanden wie Rei? Ich bin sicher Rei würde nur zu gern herausfinden wollen, wie es ist, neben dir zu schlafen... sich die ganze Nacht über eng an dich zu schmiegen..." Ein leises Wimmern stieg in ihr hoch. "...dich so sehr zu begehren... aber..."

Shinji nahm einen tiefen Atemzug, und sofort setzte sich Asuka wieder auf. Wie es schien schlief der Junge immer noch tief und fest, auch wenn er sich gerade herumdrehte, und sein Kopf in ihrem Schoß zu liegen kam.

Asuka erschrak ein wenig... doch nicht weil er irgendwelche sensiblen Stellen berührte, oder es ihr nicht gefiel... Was ihr Angst machte, war vielmehr die Tatsache, dass er sich an ihrer Seite wohl zu fühlen schien... und dass es eigentlich keinen Unterschied machte, wer seinen Kopf im Schoß hielt und ihn sanft streichelte, während er schlief... War es für ihn nicht egal, ob sie es war, oder Rei...

... oder Misato... oder eines der anderen Mädchen, die Shinji hinterher sahen... und ihm in ihren Augen etwas zu viel Aufmerksamkeit schenkten...

"Bist du so wie Papa?", flüsterte sie ihm zu, während er weiterhin fest schlief. "Wirst du dir auch eine Neue suchen, kaum dass ich fort bin? Oder bist du eher so ein Typ wie Kaji-san?" Ein langes, und von Erschöpfung geprägtes Seufzen kam über ihre Lippen. "Der Typ von Mann, der eine Frau wie Misato zurücklässt, kaum dass er eine neue Herausforderung wittert..." Sie beugte sich zu ihm hinunter und flüsterte in sein Ohr... "Ich wette so was liegt auch dir im Blut... ihr Ikari-Männer seid doch richtige Lady-Killer..."

Eine lange Stille setzte ein.

"Ich hasse diese Gefühle..." sagte sie schließlich zu sich selbst, jedoch laut genug um Shinji sanft aus seinen Träumen zu reißen.

Als Shinji einen Moment später seine Augen aufschlug, sah er gerade noch, wie sich seine Gefährtin leise davon schlich. Er begann zu grinsen, und wollte ihr noch etwas zurufen, doch da hatte sie die Tür zu seinem Zimmer bereits hinter sich geschlossen.

Er blinzelte verwundert, als ihm klar wurde, dass sie auf ihrem Weg hinaus nicht ein Mal zurück geschaut hatte. Er streckte sich und seufzte. Er würde erst noch einen kleinen Moment liegen bleiben, um wach zu werden, bevor er aufstand. "Asuka..."

* * *


Mit einem strahlenden Lächeln salutierte Maya vor Vizekommandant Fuyutsuki. "Guten Morgen, Sir!"

Fuyutsuki erwiderte das Lächeln, und die Züge seines gegerbten Gesichts erhellten sich. "Guten Morgen. Sagen Sie, wie kommen die Tests von Einheit-01 voran?", fragte er und nahm einen Schluck aus seinem Kaffeebecher.

"Sehr gut.", antwortete Maya. "Ritsuko-sempai und ich werden heute einen neuen Sensor für Mikro-Partikel testen, der von der dritten Niederlassung in Deutschland entwickelt wurde. Die Daten, die mitgeliefert wurden, sind beeindruckend. Er soll fast doppelt so empfindlich sein, wie unsere alten Sensoren."

"Das hört sich gut an. Ich hoffe, dass wir Einheit-01 bald wieder in Dienst stellen können. Auch wenn das Ding mir immer einen Schauer über den Rücken jagt, so rettet es uns doch den Hintern.", meinte Fuyutsuki mit einem Lächeln.

Maya lächelte und nickte zustimmend. Dann aber machte sich ein Ausdruck von Unsicherheit in ihrem Gesicht breit...
"Äh... Sir... darf ich... äh.." Sie hielt inne.

"Fahren Sie fort.", ermunterte Fuyutsuki und blinzelte verwundert.

"Äh.. Verzeihen sie mir die Frage, aber es geht das Gerücht um, dass..." Sie wurde rot und begann verlegen zu Lächeln. "...dass sie gestern entführt wurden..."

Er runzelte die Stirn und begann zu schmunzeln. "Wirklich? Wer hat das gesagt?"

Maya war inzwischen rot wie eine Tomate. "Ähm...naja..." stammelte sie...

Er lachte. "Ist schon gut, Ibuki-san. Das war nur ein Scherz." Er trank den Rest Kaffee aus, der noch in seinem Becher war, und schaute sich im leeren Aufenthaltsraum um. "Ehrlich gesagt würde ich mich ziemlich geschmeichelt fühlen, wenn mich irgendjemand für wichtig genug erachten würde, um gekidnappt zu werden."

Sie lachte. "Ich verstehe Sie, Sir... Ich meine, bei mir ist es doch genauso. Ich schätze mal, dass der Commander, oder in meinem Fall Miss Ritsuko, weitaus wertvoller sind, al wir."

Fuyutsuki nickte zustimmend und schmunzelte... dann aber beugte er sich zu ihr herüber und zwinkerte ihr zu. "Zumindest ist es das, was sie denken sollen, nicht wahr, Agentin Maya?"

Sie wurde rot und strahlte glücklich. "Hai hai, geheimnisumwitterter Anführer!"

Er kicherte. "Na gut, ich bin dann im Hauptkontrollraum. Bis später dann!"

Maya schaute ihm einen Moment lang hinterher. Ein Lächeln lag auf ihren Lippen. In Gegenwart anderer, höherrangiger Offiziere fühlte sie sich immer so schrecklich nervös, doch der Vizekommandant war, was das betraf, eine Ausnahme. Er schien sich trotz allem immer noch ein wenig Menschlichkeit und Humor bewahrt zu haben... zumindest im Gegensatz zu Kommandant Ikari.

Nachdem sie noch schnell zwei Tassen Kaffee geholt hatte; die eine schwarz, mit zwei Stücken Zucker für den Sempai, und die andere mit Milch und einem Stück Zucker für sich,- machte sie sich auf den Weg zum EVA-Hangar, wo Ritsuko sicher schon auf sie wartete.

Sie erschrak ein wenig als sie sah, auf welche Weise Ritsuko in ihrem Stuhl hockte. Sie war irgendwie in sich zusammengesunken und saß weit nach vornüber gebeugt da, wobei sie mit den Ellenbogen auf der Tischplatte lehnte und mit den Händen ihren Kopf stützte. Hätte Maya sie nicht am Abend zuvor nach Hause gehen sehen, hätte sie angenommen, dass der Sempai die ganze Nacht durchgearbeitet hatte... aber so...

"Sempai?"

Überrascht von der Stimme und dem plötzlichen Auftauchen ihrer Assistentin schrie Ritsuko auf, und wäre fast vom Stuhl gefallen. "Maya! MUSST du mich denn so erschrecken?" Sie war kreidebleich und musste nach Luft schnappen.

"G...Gomen-nasai!" entschuldigte sich Maya und eilte zum Schreibtisch, um Ritsuko ihren Kaffee zu servieren. Als sie sich zu ihr herüberbeugte und die Tasse vor ihr auf dem Tisch absetzte, fiel der jungen Wissenschaftsassistentin auf, dass ihre Vorgesetzte noch immer zitterte...

"Entschuldige..." Ritsuko holte tief Luft und entspannte sich ein wenig. "Ich hatte eine harte Nacht..." Jede weitere Erklärung ertrank im Kaffee, als sie ihre Tasse zum Mund führte.

Maya ging ein leichter Schauer über den Rücken während sie vor ihrem Computerterminal Platz nahm. Sie versuchte die ältere Frau neben ihr nicht anzustarren, aber irgendwie gestaltete sich das schwierig. Ritsuko sah... schrecklich aus... und irgendwie machte es ihr Angst darüber zu spekulieren, was wohl in der letzten Nacht vorgefallen war... oder wer...

Gendo...

...nein... sie musste sich auf ihre Arbeit konzentrieren. Gerade jetzt war Ritsuko darauf angewiesen, dass ihre Assistentin einen klaren Kopf behielt, wenigstens so lange bis... sie sich wieder erholt hatte.

"Sind... sind die neuen Sensoren bereits eingetroffen?", fragte Maya und zwang sich dazu, sich zu konzentrieren.

Als sie die Frage hörte, schien ein Lächeln über Ritsukos Gesicht zu huschen... wahrscheinlich war sie erleichtert, dass das Gespräch eine andere Richtung einschlug, und sie sich mit Arbeit ablenken konnte. "Ja, die Techniker haben sie heute morgen installiert. Wir können sofort mit der Eichung beginnen."

"Klingt gut, Sempai!" antwortete Maya mit einem Lächeln. Sie wandte sich wieder ihrem Computer zu und begann die nötigen Vorbereitungen zu treffen.

Ritsuko seufzte leise vor sich hin und ließ sich in ihren Chefsessel sinken... erschöpft rieb sie ihre Augen.

Jetzt erst bemerkte Maya es... "Sempai?"

"Ja?"

"Wo haben Sie denn Ihre Brille?" fragte die junge Frau mit einem Blinzeln. Ritsuko sah ohne die Brille so anders aus. Die Aura von Kälte und Professionalität, die sie normaler-weise umgab, war mit einem Mal verschwunden... dahin geschmolzen, in Anbetracht der Freundlichkeit und Herzenswärme, die sie nun ausstrahlte. Ehrlich gesagt würde Maya sogar dazu tendieren zu sagen, dass sie wunderschön aussah, schöner als gewöhnlich zumindest... - wären da nicht die dunklen Ränder unter ihren Augen gewesen und die gespenstisch weiße Hautfarbe.

Ritsuko blinzelte verwundert. Ein kleines, verlegenes Lächeln verirrte sich in ihr Gesicht. "Sie ist mir zerbrochen. Ich muss mir heute eine Neue besorgen."

"Ahh." erwiderte Maya mit einem Lächeln und wandte sich wieder ihrer Arbeit zu.

* * *


Misato war so nervös gewesen, dass sie die ganze Nacht über kaum ein Auge zu gemacht hatte. Ohnehin hatte sie den ganzen Abend zuvor in einer Kammer von NERV hocken müssen, während draußen Gott weiß was passierte... Als man sie schließlich hatte gehen lassen, hatte man ihr noch nicht einmal mitgeteilt, ob der Vizekommandant inzwischen befreit worden war oder nicht. Ihre Schicht begann erst in vier Stunden, und zumindest bis dahin würde sie möglichst nicht ans Telefon gehen...

Es könnten ja schlechte Nachrichten sein.

"Kaji... du Idiot...", flüsterte sie sich selbst zu, und mit einem Mal erwachten all ihre Ängste zu neuem Leben. Die Hälfte davon gipfelte darin, dass er mit einer anderen Frau durchbrennen würde... und was die restliche Hälfte betraf, so verteilte die sich gleichmäßig auf 'Im Kerker verrotten' und auf Dinge, die man in der Regel einem Bestattungs-unternehmen überlassen würde...

"Ich kann ihn nicht anrufen...", flüsterte sie. "Wenn ich es tue, dann erzählen sie mir nachher, dass er tot ist, oder weiß Gott was... "

Mit einem Mal klingelte das Telefon...

... und ihr Herz wäre beinahe stehen geblieben... nur um ihr Augenblicke später bis zum Hals zu schlagen. "Oh Gott..."

Und dann klingelte es noch mal, wie das Telefone nun einmal so an sich haben, wenn man nicht sofort abhebt...

Sie krabbelte von ihrem Futon herunter, der nicht sehr zerwühlt aussah, da sie kaum geschlafen hatte...

Das Telefon klingelte ein weiteres Mal...

'Aller guten Dinge sind drei.', dachte sie und seufzte.
Sie hob den Hörer ab.

"Hallo?"

"Major!" Die Stimme am anderen Ende klang viel zu fröhlich für ihren Geschmack. "Ich hoffe ich habe dich nicht aufgeweckt..."

Sie grummelte leise vor sich hin. "Nein, Kaoru, hast du nicht.", seufzte sie. "Was willst du? Mach's kurz, ich bin eine vielbeschäftigte Frau musst du wissen..."

Eine lange Stille setzte ein, die schließlich von einem Seufzen am anderen Ende der Leitung unterbrochen wurde. "Wenn das so ist, dann entschuldige die Störung... Dann werde ich halt jemand anderen bitten..."

Misato zuckte zusammen. "Nein, ist schon okay... sag ruhig... Was ist denn los?"

Kaoru räusperte sich. "Ähm.. naja... ich war mir nicht sicher..."

Genervt stöhnte sie auf, aber lächelte dennoch. "Spuck es schon aus, Mann. Es tut mir leid, dass ich dich wegen der Sache mit Shinji so angeschnauzt habe. Ich versichere dir, dass ich nicht mehr böse auf dich bin."

"Oh..." Seine Stimme klang nun weitaus fröhlicher. "Wenn das so ist, dann... Ich habe mich gefragt, ob du mich gern auf eine Versammlung begleiten würdest?"

"Eine Versammlung?" Misato blinzelte verwundert. "Was für eine Versammlung?"

"Es sieht aus, als könnte mich der Schuldirektor gut leiden, und darum soll ich eine Rede vorbereiten, und sie auf der Lehrerversammlung des Schuldistrikts vortragen. Und da ich gerade Mittagspause habe, dachte ich, rufe ich dich einmal an und frage..."

Misato seufzte. "Na ja, Lust hätte ich schon, nur arbeite ich heute länger... wann soll das denn sein?"

"Nach Zehn."

Misato schaute auf die Uhr. "Ich weiß nicht, ob ich es schaffen werde..." Sie seufzte. "Und ich weiß auch nicht genau, wie lange ich heute arbeiten muss..."

"Kannst du dich nicht einfach krank melden?", fragte der Sensei mit einem Schimmer Hoffnung in der Stimme. "Ich meine das ernst. Das wäre die Gelegenheit mal auszuspannen, und sich von dem Chaos und dem Stress der letzten Zeit zu erholen..."

Misato seufzte und versuchte nicht an all die Dinge zu denken, die Kaji über Kaoru erzählt hatte. "Ich weiß nicht... ich meine, klar, NERV schuldet mir so ein zwei Krankheitstage... aber..."

"Schickes Abendessen... freie Getränke..."

Misato musste sich gehörig zusammenreißen um bei dem Gedanken an freie Getränke nicht sofort zuzusagen.- 'Alte Gewohnheiten sind schwer abzulegen', dachte sie sich. "Na ja... ähm... ich weiß nicht... ich denke... ich könnte..."

Mit einem Mal wurde ihr der Telefonhörer aus der Hand gerissen und sie erschrak derart, dass sie sofort etliche Schritte zurück taumelte und beinahe laut aufgeschrieen hätte. Es war Kaji, und er lebte! Er war von oben bis unten mit Dreck eingesaut und machte den Eindruck als wäre er durch die Hölle gegangen...

Er grinste als er den Telefonhörer ans Ohr legte.
"Tut mir leid, aber Misato hat heute Abend bereits etwas vor.", meinte er nur und legte daraufhin auf.

Normalerweise hätte Misato ihn jetzt angebrüllt, doch im Moment hatte sie überhaupt keine Zeit dafür...Sie war viel zu sehr damit beschäftigt, ihn zu küssen und sich einfach nur an ihm festzuklammern, so als ob er das Wichtigste in ihrem Leben wäre. Und das merkwürdige war, sie wusste nicht einmal warum sie es tat...

* * *


Der Schulunterricht verlief ziemlich normal an diesem Tag. Sensei Miyazaki schien in einer merkwürdigen Stimmung zu sein, während er und die Schüler eifrig an ihrem Modell eines neuen Tokio-3 feilten, und diskutierten, wie man die Ausgaben bestreiten könnte, und welche Steuern man erheben würde. Alles war besser als der langweilige, normale Unterricht, und so beschwerte sich auch keiner...

Ehrlich gesagt waren die Schüler sogar so sehr in den Unterricht vertieft, dass sie von der Schulglocke regelrecht überrascht wurden. Kaoru schenkte seinen Schülern ein warmherziges Lächeln und nickte ihnen zu. "Ich wünsche euch ein schönes Wochenende, Kinder. Wir werden das Projekt dann nächste Woche wie besprochen abschließen. Wenn ihr also noch irgendwelche Ideen oder Änderungsvorschläge habt, dann bereitet sie soweit vor, dass wir sie uns am Mittwoch bei der Präsentation anhören können.."

Die Schüler verbeugten sich vor ihrem Sensei und huschten eilig aus dem Klassenzimmer. Noch eine ganze Weile lang schallten ihre Stimmen und ihr Gelächter durch die Gänge der Schule.

Allein Rei blieb kurz stehen, als sie am Lehrertisch vorbei kam.

Kaoru schaute sie fragend an, während seine Hände langsam die Unterlagen des Tages zusammen räumten. "Ja, Miss Ayanami?"

Sie betrachte ihn einen Moment lang. "Sie arbeiten an einer Rede?

Er blinzelte verwundert und blickte auf die Papiere, die noch ausgebreitet vor ihm lagen. "Ja, stimmt.", antwortete er mit einem Lachen. "Ich muss bei der regionalen Lehrerkonferenz heute Abend eine Rede halten."

Rei lächelte... ehrlich gesagt strahlte sie sogar, was Kaoru wiederum ein wenig überraschte. "Das hört sich nett an.", meinte sie schließlich.

"Naja, es hätte nett werden können." meinte er mit einem Seufzen. "Aber wie es aussieht kann ich keine Begleitung auftreiben. Major Katsuragi hatte heute Abend bereits etwa vor."

Rei runzelte die Stirn. "Darf ich Sie vielleicht begleiten?"

Kaoru blinzelte verwundert. "Was...? Du möchtest mit zur Lehrerkonferenz??"

Sie nickte und schenkte ihm ein Lächeln. "Hai. Wenn Sie noch keine Begleitung gefunden haben, dann würde ich Sie gern begleiten und Ihrer Rede beiwohnen."

Er wurde rot. "Na ja... ich weiß nicht ob Schüler bei der Konferenz zugelassen sind..."

Rei blinzelte und ließ ihren Kopf sinken. "Ich verstehe."

Er seufzte und sah ihr nach, als sie sich anschickte mit gesenktem Kopf aus der Klasse zu schleichen. "Na Klar!"

Sie drehte sich um und war sichtlich überrascht.

"Ich bin sicher, dass man dich hereinlassen wird! Welch besseren Weg könnte es geben, um meine Lehrmethoden zu illustrieren, als einen Schüler mitzubringen?"

"Das erscheint mir logisch." stimmte Rei zu und lächelte sanft.

Kaoru nickte und lachte. "Ich danke Ihnen, Fräulein Ayanami. Einmal mehr haben Sie mir in einer Situation Hilfe und Beistand angeboten, in der ich normalerweise dazu verdammt gewesen wäre, mit den Wänden zu reden... oder mit Leuten die sich wie Wände benehmen..." Er blickte auf seine Armbanduhr. "Wie wäre es, wenn ich Sie an Haltestelle Drei der Rundbahn abhole, sage wir gegen Neun Uhr?"

"Das wäre annehmbar.", erwiderte Rei und verbeugte sich. "Oh... ähm... ist formelle Kleidung nötig?"

Er blinzelte einen Augenblick lang, dann aber nickte er. "Ja."

"Gut!", meinte Rei und grinste.

Miyazaki blinzelte verwundert, und irgendwie kamen ihm mit einem Mal Bedenken, als er Rei aus der Klasse hinaus stürmen sah.

"Ui... das Mädchen wird langsam aber sicher unheimlich." stellte er mit einem Lachen fest... Ein Lachen, das sich nur Sekunden später in ein fieses Grinsen verwandelte. "Ich wette Gendo macht sich gerade gewaltig in die Hose..."

Das gesagt, packte er seine Unterlagen zusammen und verließ das Klassenzimmer.

* * *


"Die Kinder kommen bald nach Hause...", meinte Misato und stöhnte lustvoll und leise, als Kaji von ihr herunter rollte. Die Laken auf dem Futon waren inzwischen zerwühlt, und im ganzen Zimmer herrschte ein riesiges Durcheinander.

"Ja und?", erwiderte der ewig unrasierte Mann mit einem Schmunzeln und lehnte sich zu der dunkelhaarigen Frau herüber um ihr einen zärtlichen Kuss zu geben. "Sie können zusehen, vielleicht lernen sie ja was..."

"Hentai...", antwortete Misato mit gespielter Empörung und setzte ein verspieltes Grinsen auf.

"Vorhin warst du noch ganz anderer Meinung..."

"Da war ich ja selbst ein Hentai.", verteidigte sich Misato mit einem bezaubernden Lächeln.

"Und was bist du jetzt?", fragte er verwundert blinzelnd.

Misato seufzte, und während sie noch über eine Antwort nachdachte, ließ sie sanft und zärtlich ihre Finger durch seine Haare gleiten. "Jetzt bin ich ein sehr viel... gesitteterer... Hentai. "

Kaji musste kichern. Er tat einen langen, tiefen Seufzer und ließ seinen Kopf zurück zwischen ihre Brüste sinken. "Habe ich dir eigentlich schon erzählt, dass ich auch Melonen habe?", meinte er schließlich.

Misato lachte sanft und genoss das Gefühl ihren Liebhaber so nah bei sich zu haben. Als sie jedoch an Kajis Gesichtsausdruck merkte, dass er keinen Witz gemacht hatte, war sie überrascht.. "Wie... Das war jetzt kein Scherz von dir?", fragte sie und begann zu schmunzeln. "Kaji der Gärtner??? Mein Gott.. Sag mal, gibt es überhaupt etwas, was du NICHT machst?"

Er hob seinen Kopf, schaute zu ihr auf, und schmunzelte. "Ich schau einem geschenkten Gaul nicht ins Maul. Soviel steht schon mal fest..."

"Was meinst du denn damit schon wieder?", fragte Misato, und war dem Klang ihrer Stimme nach zu urteilen, ein wenig überrascht.

"Ich war schon so gut wie tot.", flüsterte er.

Misato riss ihre Augen auf. "Wie... wie meinst du das?"

Er schüttelte den Kopf, und begleitet von einem langen, müden Seufzer, setzte er sich auf. "Irgendetwas hat letzte Nacht mein Leben gerettet...", erklärte er und blickte mit einem traurigen Lächeln auf die Dame seines Herzens hinab. "Ich lebe noch, weil es jemandem in den Kram passte mich zu retten,- aus welchem Grund auch immer. Dass ich jetzt hier bin verdanke ich einer milden Gabe. Geborgte Zeit... Ein Leben auf Pump, sozusagen."

Misato setzte sich auf und legte ihre Arme um ihn. Sie drückte Kaji so fest sie nur konnte an sich. "Was zählt ist, dass du NICHT tot bist. Du bist hier, bei mir, und am Leben... "

Er seufzte. Es war schön zu spüren, wie Misatos Wärme ihn durchflutete und mit ihr all die Sorgen und Ängste einfach dahin schmolzen... "Vielleicht hast du recht..."

"Natürlich habe ich recht.", meinte sie mit einem Schmollmund... "Hey, ich sag dir was...", flüsterte sie ihm schließlich sanft ins Ohr. "Warum ziehen wir uns nicht an, und du erzählst mir von den Melonen, die du züchtest."

Kaji blinzelte verwundert, dann aber lächelte er. "Wie wär's, wenn wir einen Spaziergang machen und ich sie dir zeige?"

"Das hört sich ja gleich nach Arbeit an...", erwiderte sie. "Und darauf habe ich jetzt gar keine Lust..." Sie gab ihm einen langen, lustvollen Kuss und ließ sich von Neuem zurück in die Kissen sinken.

"Und was ist mit den Kindern?", flüsterte Kaji während sich Misato bereits eng an seinen Körper kuschelte.

"Vielleicht kommen sie heute ja später nach Hause.", säuselte sie mit dem Kopf an seine Brust gelehnt.

"Und was ist jetzt mit den Melonen?", entgegnete Kaji.

"Mmm...", schnurrte Misato und nahm seine Hand, um sie langsam auf einen Körperteil zu legen, der durchaus als eine Art Melone hätte durchgehen können. "Die beiden hier werden wohl fürs Erste reichen... "

* * *


Auf dem Weg nach Hause legte Asuka an diesem Tag ein derartiges Tempo vor, dass Shinji nur schwerlich mithalten konnte, und immer etliche Schritte hinter ihr zurück war. Ohne link und rechts zu sehen stürmte der Rotschopf durch die Straßen und Gassen von Tokio-3, nur bedacht möglichst schnell Misatos Appartement zu erreichen. Den ganzen Weg über hatte sie kein Wort gesagt, geschweige denn mit ihm geredet.
Irgendwie schien sie völlig abwesend zu sein...

Und so entwickelte Shinji einen Plan...

"Asuka... komm mit.", meinte er recht laut zu dem Rotschopf, der vor ihm her ging.

Sie blieb stehen und wirbelte herum. "Was??", fragte sie und runzelte die Stirn. "Wovon redest du ... HEY!"

Shinji fasste sie bei der Hand und überquerte zusammen mit ihr die Straße. Sie war so überrascht von seiner plötzlichen Entschlossenheit, dass sie nicht einen Moment lang daran dachte, einfach stehenzubleiben. Zuerst musste Shinji den Rotschopf ein wenig hinter sich her zerren, doch nach einigen Schritten folgte sie ihm aus eigenem Antrieb...

Sie liefen in ein kleines Einkaufszentrum. "Was hast du vor Baka?", fragte Asuka in ihrem typisch arroganten Tonfall.

"Etwas wichtiges.", antwortete er schnaufend. "Komm einfach nur mit!"

Sie seufzte und folgte ihm mit schnellen Schritten. Langsam wich ihre Verärgerung und machte der Neugier Platz. "Schön, aber beeil' dich."

Shinji blieb unvermittelt stehen und Asuka wäre beinahe in ihn hinein gerannt. Er blickte sie an und zeigte schließlich auf ein kleines Café.

Asuka blinzelte verwundert. Mit einem Seufzen betrat sie den Laden. Shinji schmunzelte als er ihr folgte. Begleitet von den fragenden Blicken des Ladenbesitzers trat er an die Theke. "Ähm, zwei Mal heiße Schokolade, bitte."

Der Mann lächelte und machte sich daran die bestellten Getränke zuzubereiten, während Shinji hinüber zu der etwas abgelegenen Sitzecke ging, in der Asuka mittlerweile Platz genommen hatte. Abwesend starrte sie aus dem Fenster. "Warum sind wir hergekommen?" grummelte sie.

"Um gemeinsam eine heiße Schokolade zu trinken.", erwiderte Shinji mit ernster Miene und soviel Selbstvertrauen in der Stimme wie möglich.

Sie hob eine Augenbraue, runzelte ihre Stirn, und seufzte. "Warum?"

"Weil das etwas ist, das wir bisher noch nie getan haben. Und ich dachte halt, dass es langsam mal an der Zeit wäre.", antwortete Shinji mit einem Schulterzucken.

Asuka blinzelte. Hatten sie wirklich noch nie so etwas banales gemacht, wie gemeinsam eine heiße Schokolade zu trinken? Krampfhaft versuchte sie sich zu erinnern, doch am Ende musste sie ihm Recht geben. "Jetzt wo du es sagst...", gab sie zu. "Aber ich frage mich immer noch, warum gerade jetzt??"

Shinji lächelte zufrieden als der Cafébesitzer ihnen die bestellten Getränke brachte. "Arigato.", sagte er, und gab dem Mann den kläglichen, noch verbliebenen Rest seines Taschengeldes, glücklich, dass er den Preis der beiden Getränke richtig geschätzt hatte.

Doch selbst als der Mann gegangen war, und sie unter sich waren, gab er Asuka keine Antwort. Langsam und vorsichtig nahm er kleine Schlucke von seiner heißen Schokolade..

Asuka seufzte und stippte prüfend einen Finger in ihren Becher. Nachdem sie davon probiert hatte, warf sie ihm einen verärgerten Blick zu. "Und? Ich warte!"

"Worauf?", fragte er verwundert blinzelnd.

"Warum hast du gedacht, dass es an der Zeit wäre, dass wir das hier tun?", fragte sie mit einem Seufzen. Die Ausweichtaktik, die er offensichtlich gerade verfolgte, nervte sie ein wenig.

Er lächelte einfach nur. "Warum nicht?"

Asuka verschränkte ihre Arme und schmollte... Shinji schlürfte weiterhin seelenruhig sein Getränk.

Nach einigen Augenblicken wurde ihr das Spielchen dann aber doch zu dumm, und begleitet von einem langen Seufzen gab sie nach. Immerhin stand vor ihr eine heiße Schokolade, für die sie nicht einmal hatte bezahlen müssen,- so etwas Leckeres konnte man doch nicht umkommen lassen...

Shinji strahlte vor Zufriedenheit als er sah wie Asuka an ihrem Becher nippte.

"Gomen... Es kam mir halt nur so vor, als ob du eine Abwechslung wie das hier... na ja... gebrauchen könntest." erwiderte er mit einem Schulterzucken.

Asuka seufzte und lehnte sich in ihren Stuhl zurück. "Na ja... Ich brauche es aber nicht.", meinte sie schließlich mit einem Blick auf ihr Getränk.

Shinji seufzte. Bedächtig nickte er und ließ seinen Kopf sinken.

Asuka blickte auf. "Aber trotzdem, danke..."

Shinji lächelte. "Gern geschehen."

* * *


Maya lächelte zufrieden. Sie hatte gerade die dritte Tasse Kaffee für den Sempai und sich geholt, und sie musste zugeben, dass Ritsuko inzwischen schon viel besser aussah, al noch eine Stunde zuvor. Sie sah zwar immer noch ein wenig blass aus, aber vielleicht lag das ja auch nur daran, dass ihr kalt war...

"So, der ist für Sie, Sempai!", meinte sie mit einem Schmunzeln. Sie hatte sich große Sorgen wegen Ritsukos Verfassung gemacht, doch nun, da sie begonnen hatten ihrer gewohnten Arbeit nachzugehen, schien alles wieder im Lot zu sein.

"Arigato, Maya.", erwiderte die blonde Wissenschaftlerin und bedankte sich mit einem Lächeln. Beiläufig nahm sie die Tasse in die rechte Hand.

Maya blinzelte verwundert und sah sich zum zweiten Mal an diesem Tage überrascht, als Ritsuko plötzlich die Zähne zusammen biss und scharf Luft holte. Begleitet von einem Fluch setzte die blondhaarige Frau panikartig ihre Tasse ab, und hob sie daraufhin mit der linken Hand wieder auf.
"Sempai??"

Ritsuko blinzelte, so als ob ihr gerade erst bewusst geworden war, was sie getan hatte. "Oh, entschuldige, Maya.", meinte sie und lachte. "Seit letzter Nacht tut mir mein rechter Arm weh."

Maya blickte die andere Frau mitfühlend an. "Das tut mir leid. Wissen Sie, warum??"

Ritsuko schüttelte den Kopf. "Ich weiß nicht... vielleicht bin ich im Schlaf irgendwo gegen geschlagen, oder hab' einfach nur falsch gelegen. Es ist nicht so schlimm..."

"Sind Sie sicher, Sempai?", fragte Maya und war mit wenigen Schritten an der Seite ihres Mentors. "Sie sollten vielleicht nicht so viel tippen, wenn Ihr Arm weh tut. Davon wird es nicht besser..."

Ritsukos Lächeln wirkte nervös... und mit einem Mal hatte sie ein Kloß im Hals. "Es ist schon gut, Maya. Ich werde es einfach ignorieren, dann tut es nicht mehr weh."

Der Kloß in ihrem Hals und das daraus resultierende Zögern wäre anderen vielleicht nicht einmal aufgefallen... Maya hingegen wurde sofort darauf aufmerksam. Dennoch ließen es ihr Anstand und ihr Pflichtgefühl nicht zu, Dr. Akagis Worte in Frage zu stellen... die Worte ihres Sempai... ihrer Freundin... ihrer... was auch immer die blondhaarige Frau für sie war. Ritsuko würde selbst am besten wissen, was sie zu tun hatte. Sie wusste doch immer, was das Beste war. Nein, Maya sollte sich wirklich keine Sorgen machen... der Sempai konnte sehr gut auf sich selbst aufpassen...

Sie nickte und lächelte sanft. "Hai..." sagte sie und legte ihre Hand auf die Schulter ihrer Freundin. "Ich werde..."

Ein stechender Schmerz durchzuckte Ritsuko und ließ sie aufschreien. "Ahh! Scheiße!"

Erschrocken zuckte Maya zurück und ließ die Schulter der anderen Frau wieder los. Der Schreck saß so tief, dass sie sich schütteln musste, um wieder klar denken zu können... und dann sah sie ihn... den roten Fleck, der sich ganz langsam auf der rechten Schulter von Ritsukos weißem Laborkittel ausbreitete. "SEMPAI!! Sie bluten ja!"

Und in diesem Moment brach Ritsuko unter der Last zusammen. "LASS MICH IN RUHE, VERDAMMT!", brüllte sie, und allein schon die Lautstärke ließ Maya zurückweichen.

Ritsuko sank auf ihrem Stuhl zusammen und hielt sich mit schmerzverzerrtem Gesicht ihre Schulter. Sie zitterte am ganzen Körper... doch weniger vor Schmerzen... sondern vielmehr, weil sie leise schluchzte.

"Ich weiß...", meinte Ritsuko schließlich mit zittriger Stimme. "Ich weiß, dass ich blute... Es tut mir leid... Ich... Ich wollte dich nicht anschreien... Es ist nur..."

Maya musste nach Luft schnappen, als sie sah wie Ritsuko vor ihren Augen zusammenbrach und Tränen ungehindert ihre Wangen hinab liefen. Maya hätte nie gedacht... geschweige denn gehofft..., dass sie ihren Sempai jemals würde weinen sehen. Zu Tode erschrocken von der Verwandlung, die sie gerade mit angesehen hatte, war Maya schon auf dem Weg zur Tür, um Ritsuko die Ruhe zu gönnen, die sie eben noch so lautstark gefordert hatte...

... doch als sie auf ihrem Weg hinaus an der Kontroll-konsole für die Türsteuerung vorbei kam, blieb sie plötzlich stehen. Wie von selbst begannen ihre Hände über die Tasten zu huschen, und einen Augenblick später senkten sich metallene Platten vor die Fenster des Kontrollraums. Einige Techniker, die im angrenzenden EVA-Hangar arbeiteten, blickten verwundert nach oben als sie das Geräusch des zufahrenden Schutzschildes hörten. Sie dachten sich aber nichts weiter dabei, und gingen schließlich wieder an ihre Arbeit.

Langsam ging Maya zu Ritsuko zurück und kniete neben ihr nieder. "Sempai... Alles wird gut... Ich... Ich bin für Sie da..." Ihre Stimme klang sanft und mitfühlend, aber dennoch stark und kraftvoll.

Und allem Anschein nach schien diese Kraft langsam aber sicher auch auf Ritsuko abzufärben.

Sie weinte zwar noch eine Weile, doch dann versiegten ihre Tränen. Ihr Schluchzen hörte auf, und mit einem Mal fand sie sich in Mayas Armen wieder, die sich alle Mühe gab den zitternden Doktor zu beruhigen.

"Ich...", begann Ritsuko an Mayas Schulter gelehnt. "Ich will nicht, dass du das hier mit ansehen musst..." Sie schüttelte den Kopf. "Es tut mir leid..."

"Es macht mir nichts aus.", entgegnete Maya und tat ihr Bestes um stark zu klingen. "Kein anderer wird es sehen... Ich habe die Tür verschlossen... lassen sie es einfach heraus."

Ritsuko zitterte zwar noch ein wenig, aber schien sich langsam zu beruhigen. "Ich hasse dieses Gefühl...", flüsterte sie. "Ich hasse mein Wissen um das alles hier... Ich hasse meine Arbeit...", fügte sie hinzu und vergrub ihr Gesicht im tränendurchnässten Stoff von Mayas Uniform. "Du hast etwas besseres verdient..."

Maya erschrak ein wenig, als sie diese Worte hörte. Es waren zwar nicht die Worte, die sie erwartet hatte, aber die Bedeutung lag klar auf der Hand... zumindest in ihren Augen.

Sie war ein wenig besorgt, als sich Ritsuko schließlich aus ihrer Umarmung löste, und langsam zurück zu ihrem Stuhl ging. Kaum dass sie sich hingesetzt hatte, wandte sie sich ab und vermied jeglichen Augenkontakt mit ihrer Assistentin, so als ob sie sich schämte.

"Du hast etwas Besseres verdient, als dich ständig mit einer schrecklichen Person wie mir abgeben zu müssen.", flüsterte Ritsuko, die inzwischen wie eine leblose Puppe in ihrem Stuhl kauerte. Die Blutung an ihrer Schulter war zum Stillstand gekommen, aber der Ausdruck auf ihrem Gesicht verriet, dass sie immer noch Schmerzen hatte. "Du bist zu gut für das alles hier, Maya..."

Maya saß einfach nur da und ignorierte ihre eigenen Tränen.

"Wenn du klug bist...", meinte Ritsuko plötzlich. "...dann machst du, dass du wegkommst... verschwinde so lange noch Zeit ist... bevor EVA dich in ihre Klauen bekommt und du ihrem Fluch, und dem allen hier zum Opfer fällst..."

"Sempai..."

"... und vor allem bevor ER dich in seine Finger bekommt... und dich bis zum letzten Tropfen ausquetscht... so lange bis er keine Verwendung mehr für dich hat... um dich dann wie ein Stück Dreck einfach wegzuwerfen..."

"Sempai..."

"Ich bin eine schreckliche Frau...", flüsterte Ritsuko und starrte mit einem leeren Gesichtsausdruck an die gegenüberliegende Wand... und mit einem Mal kroch dieses seltsame, eiskalte Lächeln in ihr Gesicht. "... und selbst das bekomme ich nicht einmal richtig hin... Selbst dabei schaffe ich es nicht, ihn zufrieden zu stellen..."

"Sempai... bitte... so dürfen Sie nicht denken...", flüsterte Maya so leise, dass es kaum zu hören war.

Ritsuko schloss die Augen und legte ihren Kopf auf den Bildschirm des Computerterminals. "Dein Sempai ist eine schreckliche, schreckliche Frau. Sie ist schwach, und kalt... sie ist so gefühllos geworden, dass sie nichts und niemanden mehr lieben kann. Und darum ist sie jetzt auch einfach nur noch ein Werkzeug..."

Etwas berührte ihren Rücken und ließ sie aufmerken.

Langsam drehte sich Ritsuko um... während sich zwei Arme um ihren Körper schlangen. Ein seltsames Gefühl von Wärme durchströmte Dr. Akagi als sie sah, dass e Maya war, die ihr Gesicht gegen ihren Rücken gepresst hatte, und inzwischen leise weinte.

"Sempai... Sie sind alles andere als schrecklich...", flüsterte die junge Frau. "Was auch immer passiert ist, es wird alles aufgewogen durch Ihren brillanten Verstand... Ihre Leidenschaft..."

Ritsuko war völlig verblüfft und konnte nichts anderes tun, als stumm dazusitzen, während die junge Frau dort vor ihr, ihr Herz ausschüttete.

"Ein Werkzeug kann sich keinen Respekt verdienen...", meinte Maya mit tränenerstickter Stimme. "So wie Sie sich meinen Respekt verdient haben! Jemand Schreckliches könnte niemals so viele gute Dinge vollbringen wie sie! Die EVAs... das MAGI-System... und so vieles mehr!"

"M...Maya...?"

Doch Maya war noch nicht fertig... "Jemand, der herzlos ist... würde niemals so geliebt werden, wie... ich..." Sie begrub ihr Gesicht in Ritsukos Laborkittel.

Die Worte, mit denen Maya ihren angefangenen Satz schließlich beendete, waren zu leise, als dass Ritsuko sie hätte hören können... Doch das machte nichts, denn sie verstand...

* * *


Kaji wies den Weg, als sie durch den Wald der Geofront spazierten. Misato folgte mit einem zufriedenen Lächeln. Kaji hätte sicherlich ebenfalls geschmunzelt, hätten ihn die Ereignisse der letzten 24 Stunden nicht derart verwirrt.

"Sag mal, Katsuragi...", meinte er unvermittelt. "Glaubst du eigentlich an Reinkarnation?... Dass wir dieses Leben hier schon einmal gelebt haben... oder sowas in der Art?"

"Gott... Ich hoffe nicht...", seufzte sie während sie Seite an Seite am See der Geofront entlang spazierten. "Dieses Leben hier ist schon abgedreht genug..."

"Stimmt." Er grinste einen Moment lang, dann aber nahm sein Gesicht wieder ernstere Züge an. "Aber... was, wenn es so wäre?"

"Tja, was dann..." Misato zuckte mit den Schultern. "Eins ist sicher, wenn es so wäre, dann würden wir es wohl niemals mitbekommen. Außerdem bezweifle ich stark, da jemand sowas für bare Münze nehmen würde."

"Bist du dir da so sicher?", entgegnete Kaji mit einem Blick in ihre Augen. "Bei allem, was wir beide so gesehen und gehört haben, sollte man meinen, dass gerade du ander darüber denkst und nichts mehr für unmöglich hältst..." Er wandte seine Blicke wieder dem Pfad zu, auf dem sie spazierten. "Du selbst hast die Hölle auf Erden gesehen... Die Wiedergeburt von Adam. Da kannst du doch nicht einfach behaupten, dass die Welt so einfach und simpel ist, wie sie sich immer darstellt."

Misato runzelte die Stirn. "Worauf willst du hinaus?"

"Was ich damit sagen will, ist... dass wir schon einmal hier gewesen sind, Misato." Er schmunzelte. "Nicht genau an diesem Ort..."

Sie erreichten eine Lichtung mit einem Flecken unberührter Erde. Ein kleiner Hafen der Zuflucht in der Weite der Geofront. Ein Ort, der so rein, unverdorben, und naturbelassen schien... obwohl er natürlich von Menschenhand angelegt worden war. Misato erkannte die Gegend wieder, obwohl sie selbst noch keinen Fuß auf diesen Boden gesetzt hatte. Der Ort war einfach viel zu weit abgelegen, um regelmäßige Besuche zu ermöglichen... Dennoch schien er perfekt zu Kaji zu passen.

"Ich hatte die ganze Woche über immer wieder dieses Gefühl von 'Deja-Vu'.", erklärte Kaji, und näherte sich einem niedrigen Gebüsch, dass einen Teil der Lichtung vom Rest abzutrennen schien. Er kniete nieder und teilte das Geäst eines Busches mit seinen Händen.

Misato hockte sich neben ihn und klammerte sich zärtlich an seinen Rücken. "Du auch?"

"Aber...", begann er und blickte sie mit einem Lächeln auf den Lippen an. "Heute Morgen... als ich in diesem dunklen Raum aufgewacht bin... und merkte, dass ich immer noch am Leben war, da war dieses Gefühl auf einmal verschwunden. Es kam mir vor, als würde in diesem Moment etwas Neues beginnen... als wäre die Zukunft noch nicht geschrieben, oder so..." Er seufzte. "Und was mich beunruhigt ist, dass... dass es mir vorkommt, als wäre es meine Bestimmung gewesen, gestern zu sterben."

Misato drückte ihn an sich. "So etwas darfst du nicht sagen."

"Weißt du... Ich habe dir noch nicht erzählt, was mich gerettet hat." Kaji beugte sich vor und tätschelte liebevoll die grüne Schale einer großen, runden, reifen Wassermelone.

Misato begann zu schmunzeln. "... Na, ich denke Gott persönlich ist herabgestiegen und hat eigenhändig die Kugel gefangen, die für dich bestimmt war?", witzelte sie.

"Nein, nicht ganz.", erwiderte er mit einem Schmunzeln. "Ich denke es war eher ein Engel, der mich beschützt hat."

Misato runzelte die Stirn... Sie war sicher, dass es wieder einmal einer seiner dummen Scherze war... Doch als sie schließlich seinen todernsten Gesichtsausdruck bemerkte, konnte sie nicht anders als verwundert zu blinzeln.

Sie zitterte und schmiegte sich noch ein wenig enger an ihn, während sie neben dem Beet mit den Wassermelonen Platz nahmen. "Was zum Teufel ist hier los?"

"Ich kann es nicht mit Sicherheit sagen.", antwortete Kaji. "Und vielleicht ist das auch ganz gut so..." Er hielt inne und griff in die Tasche seines Jacketts. Langsam zog er einen Gegenstand heraus und legte ihn Misatos offene Handfläche.

"Was ist das?", fragte sie mit einem Blick auf den kleinen Mikrochip, der in antistatische Folie eingeschweißt war.

"Alle Welt denkt, dass ich tot bin.", flüsterte er. "Und wenn ich Glück habe, dann bleibt das auch so... zumindest noch für ein paar Stunden oder Tage... Und das ist auch gut so... So kommt wenigstens keiner auf die Idee, dass ich dir das da gegeben habe... Und ich muss auch nicht damit rechnen, dass man es dir wieder abjagt."

Misato seufzte. "Und was ist es nun genau?"

"Darin steckt alles über Projekt-E.", antwortete er mit gewohnt sanfter Stimme. "Vom Anfang bis zum Ende. Alles über die Engel, die EVAs, und sogar die Kinder. Alle Daten und die wahren Hintergründe... Die ganze Wahrheit, soweit ich sie habe enthüllen können."

Misato keuchte auf. Hektisch verstaute sie den Mikrochip in einer kleinen, versteckten, und durch einem Reißverschluss gesicherten Innentasche ihrer Jacke. "Wirklich Alles?"

Er nickte. "Die Daten sind allerdings passwortgeschützt."

Sie blinzelte. "Und wie lautet es?"

"Es ist etwas, dass ich dir schon vor langer Zeit hätte sagen sollen...", erwiderte er und blickte zum Horizont. Schließlich tat er einen tiefen Atemzug und wandte sich von Neuem der dunkelhaarigen Frau zu. "Ich liebe dich."






Langsam brach die Abenddämmerung herein, und mit ihr auch ein neuer Abschnitt im Leben eines alten Liebespaares. Und während die künstliche, von Menschenhand erschaffene Sonne noch hinter den Bergen der Geofront versank, und einen ermüdenden Tag im Leben eines frischverliebten Paars beendete, fanden zwei alte Freunde beieinander Trost.

Copyright of the Charakter by GAINAX / Text by Strike Fiss, 1999
Translated by Melissa Schneider / Edited by Christian Winkler and Markus Ehreke