Einmal mehr fing es mit Beethoven an.
Kaoru blinzelte verwundert als er das Summen hörte, das von der Person auf dem Beifahrersitz des Mietwagens zu kommen schien. "Rei?"
Sie blinzelte ebenfalls, als sie ihn ansah. "Hai?"
"Du hast gesummt.", stellte der Lehrer verwundert fest.
"Hai.", antwortete sie mir einem sanften Lächeln.
Sensei Kaoru schmunzelte. "Ich wollte dir noch dafür danken, dass du gekommen bist, Rei. Ich hätte dich zwar nicht bitten sollen, aber irgendwie hatte ich den Eindruck, al
würdest du meine Rede, und das was ich damit zu erreichen versuche, am meisten zu schätzen wissen."
Rei nickte. "Danke, Sensei. Ich bin froh, dass ich mitkommen konnte."
Kaoru grinste zufrieden als er auf Anhieb einen Parkplatz vor dem Sitzungssaal fand. Rei hatte derweil gerade die letzten Noten eines Teils aus der Mitte der 5ten Symphonie gesummt. "Ich
wusste ja gar nicht, dass du Beethoven magst, Rei."
"Das tue ich auch nicht." antwortete Rei. "Ich war lediglich daran interessiert mehr von ihm zu hören."
"Freut mich das zu hören." meinte Kaoru während er den Wagen in die Parklücke bugsierte. "Obwohl du deinen Horizont vielleicht erweitern, und dich nicht
ausschließlich mit Beethoven beschäftigen solltest. Ich könnte dir ein paar meiner alten CDs mit Musikstücken von Bach leihen, wenn du magst."
"Ich... ich habe aber keinen CD-Spieler.", entgegnete Rei und nestelte beschämt an ihrem Blouson,- der im Übrigen einmal mehr ihren vortrefflichen Modegeschmack
attestierte.
"Oh.." Kaoru blinzelte verwundert. "Ach ich bin sicher, dass wir dir ein Leihgerät aus dem Medienarchiv der Schule besorgen können, Rei-chan."
"Gern!" Rei strahlte vor Glück, dann aber errötete sie ein wenig. "Ich meine... wenn es keine all zu großen Umstände macht.."
"Keineswegs!", erwiderte Kaoru. "Versprich mir einfach, dass du die nächste Klassenarbeit mitschreiben, und bestehen wirst."
Rei nickte entschlossen als der Sensei den Motor des Leihwagens abstellte und sie gemeinsam ausstiegen. "Ich werde mein Bestes geben, Sensei!"
Sie waren etwas spät dran, da Kaoru nicht gewohnt war im Auto durch Tokio-3 zu fahren. Mit all ihren gleich aussehenden, winkligen Straßenzügen war die Stadt beinah schon
ein Labyrinth für jeden, der normalerweise öffentliche Verkehrsmittel benutzte. Wie es Misato schaffte ihr Auto nicht nur schnell, sondern auch zielsicher durch dieses Gewirr
von Straßen und Kreuzungen zu steuern, war nicht allein ihm ein Rätsel.
Leise betraten die beiden den riesengroßen Sitzungssaal des Omoi Konferenzzentrums, während die übrigen Zuschauer noch dem letzten Redner applaudierten. Rei war
beeindruckt. Sie hätte nie gedacht, dass es so viele Lehrer in Japan gab, geschweige denn in der Gegend von Tokio-3. Sie erkannte ein paar der Gesichter... es waren Lehrer aus ihrer
Schule, und sie saßen größtenteils auch um den selben Tisch herum. Kaoru hatte sie auch bemerkt und steuerte zielstrebig auf seine Kollegen zu. Als sie dort ankamen war
der Applaus gerade verebbt und ein weiterer Redner trat vor die Versammlung um über Finanzpläne zu referieren, was sicher etliche Minuten in Anspruch nehmen würde. Zeit
genug für den Sensei und seine Schülerin die vorweg reservierten Sitzplätze zu finden.
"Jetzt erfährst du am eigenen Leib für was langatmige Reden über Budgets gut sind.", meinte Kaoru und zwinkerte Rei zu. Das blauhaarige Mädchen antwortete mit einem
Lächeln.
Ein leises Seufzen ging durch den Sitzungssaal, als die Beleuchtung herunter gefahren wurde, und eine Projektion von Schülerzahlen und Kostenentwicklungen auf der großen
Leinwand am Kopf des Raumes erschien.
"Ich glaube wir sind zu früh, Sensei.", meinte Rei leise.
"Das glaube ich auch.", erwiderte Kaoru mit einem Seufzen. "Ich hoffe es macht dir nichts aus."
"Ganz und gar nicht.", entgegnete Rei mit einem ehrlichen Lächeln auf den Lippen.
Zwei Männer, die drei Tische entfernt saßen, legten ihre Abendzeitungen zusammen und verließen langsam den Raum. Einer von ihnen zog ein Funksprechgerät hervor,
noch bevor er durch die Tür war.
* * *
<Dah dah dah dah dah dah dah-dah!>
Shinji und Asuka blinzelten verwundert und sahen zum Radio hinüber.
<Dah dah dah dah dah dah dah dah! Just take those old records off the shelf! I'll sit and listen to them byyyy myself...>
Asuka grummelte und schaltete das Radio ab.
Shinji blinzelte verwundert. "Hey! Das war ein gutes Lied!"
Der Rotschopf schmollte. "War es nicht!", erwiderte sie und wandte sich sofort wieder den Papieren zu, die ausgebreitet vor ihr lagen. Hastig kritzelte sie ein paar Zeichen darauf...
Shinji seufzte. "Okay, dann lassen wir das Radio halt aus.", meinte er und wandte sich ebenfalls wieder seinen Hausaufgaben zu. Sie arbeiteten immer noch an dem Projekt ein bessere
Tokio-3 zu schaffen... Jedoch hatten Asuka und er unterschiedliche Aufgabengebiete zugeteilt bekommen, mit denen sie sich befassen mussten.
Er stöhnte auf, als sein Blick einmal mehr auf das Aufgabenblatt fiel, das den Umfang seiner Hausaufgabe widerspiegelte. Wie der Sensei es geschafft hatte, seine Schüler
für ein derart umfangreiches Projekt zu begeistern, war ihm ein Rätsel. Am Anfang hatte alles so verlockend und einfach geklungen, dass die ganze Klasse mit Enthusiasmus an die
Arbeit gegangen war.. selbst dann noch, als klar wurde, dass sie hart würden arbeiten müssen, um am Ende akzeptable Resultate vorweisen zu können. Und so kam es dann auch,
dass Shinji mittlerweile bis über beide Ohren in Arbeit steckte, und schon seit einer ganzen Weile über der Frage brütete, wem der Geheimdienst des fiktiven NERV
unterstellt wäre. Doch egal wie oft er hin und her überlegte, es endete immer bei einem einzigen Namen; 'Kommandant Ikari'. So viele Geheimnisse und all die damit verbundenen
Gefahren... nur jemand wie der Kommandant wäre in der Lage das alles unter Kontrolle zu halten.
Shinji hasste zwar, es zugeben zu müssen, aber langsam begann er das Genie in seinem Vater zu sehen. Auch wenn er ein kaltherziges, berechnendes Arschloch war...
Doch selbst wenn er als Kopf des fiktiven NERV-Geheimdienstes seinem Vater unterstellt wäre... so würde er einen Weg finden es besser zu machen. Einen Weg, der die Geheimnisse
etwas weniger streng hüten, aber dennoch bewahren würde. Er würde die Leute frei über ihr Leben entscheiden lassen, und sie nicht zu Marionetten in irgendeinem Plan
machen.
Es gab noch viele Einzelheiten, die er nicht genau verstand... aber er erkannte die Zusammenhänge. Wie alles ineinander fasste... Die Stadt, NERV, der Vizekommandant und die ganzen
Mitarbeiter... sogar er selbst und die anderen Piloten...
"Okay, SCHÖN!", meinte Asuka mit einem Mal und reichte hinüber zum Radio. Als sie es einschaltete war die Musik von vorhin wieder zu hören. Allerdings ein wenig lauter
dieses Mal. "Bitte. Da hast du deine Musik wieder.", grummelte sie und widmete sich sofort wieder ihren Hausaufgaben.
Shinji blinzelte.
<...music just sooooths tha' soul! I'm reminiscing 'bout the daaaays of ollld! Just like that old time o' Rock N Roll!" >
Er blinzelte von Neuem, und fasste schließlich an das Radio, um es leiser zu stellen. "Asuka... du brauchst es nicht wegen mir anzumachen. Wenn es dich stört, dann machen wir
es halt aus."
Asuka sah auf und warf ihm einen müden, und irgendwie seltsamen Blick zu. "Schön... schön..."
Und einen Moment später war die Musik wieder aus.
Shinji bemerkte, dass seine Gedanken inzwischen nicht mehr länger um sein fiktives, und das reale NERV kreisten, sondern vielmehr um den Rotschopf an seiner Seite.
"Asuka... was ist los mit dir?", fragte Shinji mit sanfter Stimme.
Doch fürs Erste war seine Antwort allein das knackende Geräusch einer abbrechenden Bleistiftspitze. Wortlos griff Asuka nach ihrem Federmäppchen und holte den
Bleistift-spitzer heraus. "Nichts ist mit mir los.", flüsterte sie schließlich während sie begann dem nun stumpfen Schreibgerät eine neue, brauchbare Spitze zu
verleihen.
Shinji seufzte. Sie sah so niedergeschlagen aus... so zerbrechlich... selbst jetzt, wo sie vorgab stark zu sein, konnte er sehen, wie etwas an ihr nagte, und ihre Konzentration für
Augenblicke nachzulassen schien,- was sich dann immer in gespieltem Stirnrunzeln und angespanntem Verhalten äußerte. Doch der junge Ikari schwieg und gab sich einmal mehr
geschlagen. Er wollte es nicht auf einen Streit mit ihr anlegen. Nicht jetzt. Vielleicht würde er das Thema später noch einmal zur Sprache bringen, wenn sie sich etwas besser
fühlte.
Doch auch wenn sein Geist ihm riet untätig zu bleiben, so verlangte sein Körper geradezu danach, etwas zu unternehmen... Und als ihm ein Blick auf seine Hand schließlich
zeigte, dass er bereits begonnen hatte seine Fäuste zu ballen, da fragte er sich, aus welchem Grund er nur so wütend war...
Aber wie so oft in solchen Situationen, klingelte auch dieses Mal urplötzlich das Telefon...
Shinji schaute Asuka an, die seinen Blick mit müden Augen erwiderte.
Der junge Ikari seufzte und ging hinüber zum Telefon, das inzwischen bereits zum dritten Mal geläutet hatte. "Hallo?"
Am anderen Ende der Leitung meldete sich eine Frauenstimme, die er noch nie zuvor gehört hatte, und sagte in gebrochenem Japanisch: "Hallo! Asuka Langley Sohryu, bitte."
Shinji blinzelte verwundert. "Asuka, es ist für dich."
Asuka stand auf und kam langsam zu ihm herüber. "Ist das Hikari?", fragte sie noch als sie den Telefonhörer bereits in Empfang nahm. "Hallo?"
Der junge Ikari war überrascht, als Asuka mit einem Mal zu Kichern begann und in einer fremden Sprache redete... "Guten Nachmittag!"
Er schmunzele. Irgendwie war es schon faszinierend, sie so reden zu hören... Im Moment klang sie so, wie die Asuka, die er kannte... stark und lebensfroh... voller Selbstvertrauen.
Es war wundervoll sie so zu sehen... welch ein Kontrast zu dem Mädchen von vorhin.
Und während Shinji von der Küche aus das Telefonat beobachtete, wünschte er sich sehnlichst, ihre Worte besser verstehen zu können. Verständnis... ohnehin ein
schwieriges Konzept... Und vielleicht sogar noch komplizierter wenn es um zwischenmenschliche Belange und Gefühle ging, und nicht allein um etwas wie Sprache... Denn obwohl Asuka nun
schon seit etlichen Minuten kein einziges Wort Japanisch mehr gesprochen hatte,- und nur noch Deutsch redete,- so verstand Shinji trotzdem genug um heraus zu hören, dass es ihrer
Familie gut ging. Sie hatte auch hin und wieder seinen Namen erwähnt, was ihn zu der Frage brachte, ob das in gutem oder in schlechtem Sinne geschehen war. Er schmunzelte, als sie
lachte, und seine Augen hingen an ihren Lippen, wenn sie sprach. Und jede Pause in ihrem Redefluss kam ihm ellenlang vor...
Asuka sah so glücklich aus! Es war sicher ihre Mutter, die anrief... Die Frau, die sich gemeldet hatte, war der Stimme nach zu urteilen schon älter, und wer sonst würde
aus Deutschland anrufen?
Doch wie Alles auf der Welt, musste auch das Telefongespräch irgendwann enden...
"Wiederhören!", hörte er Asuka sagen,- Eine Phrase, die in seinen Ohren wie eine höfliche Verabschiedung klang, und begleitet wurde von dem Geräusch de
Telefonhörers, der zurück auf die Gabel gelegt wurde.
Shinji lächelte den Rotschopf an. "Wow! Du hast wirklich lange telefoniert! Wer war es denn?"
"Meine Mutter.", meinte Asuka leise während sie zu ihm herüber kam und sich wieder auf ihren Stuhl am Küchentisch setzte.
"Deine Mutter?", fragte Shinji. "Das ist ja großartig! Du hast mir nie von ihr erzählt. Wie ist sie denn so?"
Asuka senkte den Kopf. Einige Strähnen ihres roten Haares fielen in ihr Gesicht und verdeckten ihre Augen. "Sie ist nicht meine richtige Mutter.", erklärte sie. "Das war nicht
weiter als ein belangloses Schwätzchen. Meine Stiefmutter arbeitet bei der Dritten Niederlassung von NERV in Deutschland und ruft hin und wieder an, um sich zu erkundigen wie e
läuft."
Shinji blinzelte. "Deine Stiefmutter?", meinte er sichtlich verwundert. "Ähm... was... was ist denn mit deinem Vater?"
"Hat wahrscheinlich wieder zu viel zu tun.", erwiderte Asuka nahezu beiläufig, während sie bereits wieder vollauf damit beschäftigt war einige Zeichen in schlampigem Kanji
auf die Papiere vor ihr zu kritzeln.
Shinji nickte. "Okay..."
Aha...
Das war es also, nicht wahr?
Nein.. Nicht, so lange er etwas daran ändern konnte.
"Ähmm..." Shinji hielt inne und überlegte was er sagen könnte. "Hey! Habe ich dir schon erzählt, dass meine Mutter auch mal in Deutschland war? Ich wette, sie hat
damals auch deine Familie getroffen!"
"Nein, hast du noch nicht erzählt..", murmelte Asuka abwesend während sie unbeirrt weiter schrieb.
Shinji seufzte und ließ den Kopf hängen. "Ähm.. na ja... wie gesagt, sie war mal in Deutschland."
"Schön."
"Ja... schätze ich...", antwortete Shinji und nahm ebenfalls wieder am Tisch Platz. "Du siehst so..." Er hielt inne und suchte nach den richten Worten... nach einer Art
Aufhänger, für ein Gespräch mit ihr... etwas, das sie beide verband...
Die Ellenbogen auf den Tisch gelehnt, ruhten seine verschränkten Hände unter seinem Kinn, während er Asuka immer wieder von oben bis unten musterte und angestrengt
nachdachte... Sein Vater würde sicher wissen, was er in einer solchen Situation zu tun hätte... doch ihm wollte im Augenblick partout nichts einfallen. Was würde Gendo
Ikari an seiner Stelle tun?
Shinji wäre fast aufgesprungen, als er sich vorstellte, dass sein Vater im Augenblick vielleicht in exakt der gleichen Körperhaltung hinter seinem Schreibtisch saß, und
darüber sinnierte, welche Geheimnisse er beiläufig herausrutschen lassen würde, und welche er bewahren musste.
Als Asuka sah, wie ihr Gegenüber aufschreckte, blinzelte sie. "Alles okay bei dir, Shinji?", fragte sie mit einem Lächeln auf den Lippen. "Was ist los? Hat der Stuhl dich
gerade gebissen?"
Er schmunzelte. "Nein, es ist nichts. Mir geht es gut.", meinte er schließlich und wandte sich wieder seinen Hausaufgaben zu. Doch seine Gedanken waren ganz wo anders...
nämlich bei seinem Vater... Ja, wenn Vater an seiner Stelle wäre, dann würde er sicher in diesem Moment in seiner unverkennbaren Pose an diesem Tisch sitzen... in einem
abgedunkelten, allein vom Licht der untergehenden Sonne erhellten Raum... und umgeben von einer Aura eisiger Kälte, würde er Pläne schmieden... und Leute nach seiner Pfeife
tanzen lassen.
Shinji blickte auf, und das Erste, was er sah, war der Rotschopf, der ihm gegenüber saß. Asuka sah so abwesend... so angespannt aus...
Und genau das brachte ihn auf eine Idee. Er würde jetzt genau das tun, was seinem Vater nie in den Sinn käme...
Asuka war so sehr mit ihrer Arbeit und sich selbst beschäftigt, dass sie nicht einmal aufmerkte, als Shinji aufstand und sich vom Küchentisch entfernte... Und so kam es dann
auch, dass sie mehr als überrascht war, als sie plötzlich zwei Hände spürte, die sich sanft auf ihre Schultern legten... Normalerweise wäre sie wohl
aufgesprungen, und hätte sofort zu einem Schlag ausgeholt... doch ihre augenblickliche Verfassung ließ derartige Aktionen einfach nicht zu. Alles, was sie im Moment wollte, war
sich irgendwo verkriechen, und einen Monat lang nicht herauskommen.
Doch dann begannen die Hände, wem auch immer sie gehörten, sanft und zärtlich ihre Schulterpartie zu massieren.
Asuka ließ ihren Bleistift auf den Tisch fallen und beugte sich instinktiv ein wenig weiter nach vorn... Sie entspannte sich, und der Ausdruck von Einsamkeit und innerer Unruhe auf
ihrem Gesicht verschwand langsam...
Shinji dagegen fühlte sich ein wenig unwohl. Irgendwie hatte er das Gefühl, etwas falsch zu machen...
Doch das änderte sich schlagartig, als Asuka einen langen Seufzer tat, sich zurück lehnte, und unter dem Einfluss seiner Hände regelrecht dahin schmolz...
Es war eine merkwürdige Situation. Sein Herz schlug ihm zwar bis zum Hals, doch der Gedanke, mit der Massage ihrer Schultern aufzuhören, kam ihm nicht ein einziges Mal in den
Sinn. Im Gegenteil... er war sich sicher, dass sie wütend wäre, wenn er aufhören würde...
Und als er schließlich begann die Wärme ihrer samtweichen Haut unter seinen Fingerspitzen bewusst wahrzunehmen, da waren all seine Sorgen mit einem Mal aus seinem Kopf
verbannt. Erst jetzt wurde ihm klar, wie lange es bereits her war, dass sie einander derart zärtlich berührt hatten... liebevoller Hautkontakt, der über da
Aneinander-Kuscheln des Nachts hinaus ging.
"Hmmm guuut...", summte Asuka leise, während ihre Anspannung immer mehr von ihr abfiel. "Nicht schlecht, 'Third Child'...", flüsterte sie schließlich mit einer sanften,
lebensfroh, und verführerisch klingenden Stimme... die das genaue Gegenteil von der Stimme war, mit der sie vorhin noch gesprochen hatte.
Und mit einem Mal erkannte Shinji in der jungen Dame, deren Schultern er massierte, seine Asuka wieder... Die junge Frau, in die er sich verliebt hatte. "Meinst du? Na ja, es ist da
erste Mal, dass ich sowas mache...", antwortete er leise und - zu seiner eigenen Verwunderung - ohne besonders aufgeregt zu wirken.
Asuka schmunzelte vor sich hin. "Wenn das so ist, dann lernst du aber sehr schnell." Sie seufzte und beugte ihren Kopf nach vorn, damit er besser an ihren Nacken kam. "Mmmm
wunderbar..."
Shinji hatte indessen begonnen, die Dinge aus einem anderen Blickwinkel sehen. So als hätte er seinen Körper verlassen und würde nun als Außenstehender auf sich
selbst und den Rotschopf blicken. Was er da gerade für das Mädchen an seiner Seite tat, war etwas so einfaches, so unschuldiges... aber dennoch brachte es ihr so viel. Es war
etwas, zu dem sein Vater nie imstande wäre. Er würde nie jemanden lieben oder gar berühren... er redete nie wie andere Leute es taten, und hielt sich nicht an normale
Umgangsformen. Der Mann hätte ihm beinah leid tun können, wenn... ja, wenn Shinji nicht so erschreckend viele Parallelen zwischen dem Wesen seines Vaters und seinem eigenen
Verhalten gesehen hätte.
'Doch das wird sich jetzt ändern...', dachte er bei sich, während er Asukas wundervolles, langes, dichtes, und seidig glänzendes Haar bei Seite strich... 'Ich werde nie so
werden wie er...'
Zumindest nicht so lange er Asuka hatte, die er glücklich machen konnte, und die ihn brauchte. Sie zu beschützen war eine Sache... sie zu lieben aber eine ganz andere.
Selbst Gendo konnte andere beschützen... zumindest nahm Shinji das an; Was sonst hätte ihn dazu getrieben die Engel zu bekämpfen, wenn nicht der Wunsch die Menschheit vor
der Zerstörung zu bewahren?
Doch konnte er deshalb auch lieben? Liebe... ein Gefühl das viel tiefer ging... der Grund jemanden zu beschützen... etwas, das einen im Kampf gegen etwas Gefährliches wie
die Engel antrieb... eine ganz andere Triebfeder als blinde Wut. Doch wo lag der tiefere Sinn all dieser Kämpfe? Welchen Zweck erfüllten die EVAs? Klar, sie waren geschaffen
worden die Feinde der Menschheit zu besiegen... doch welchen Sinn machte es die Menschheit zu retten, wenn die Menschen einander nicht lieben oder vertrauen konnten...
Er musste beginnen daran zu glauben... Daran, dass alles, was er tat, einen Sinn hatte. Dass es einem Zweck diente... Und dass etwas Gutes dabei heraus kommen würde...
Selbst wenn das Ergebnis all seiner Mühen auch nur ein Augenblick wie dieser war... und sein Lohn nicht mehr, aber auch nicht weniger, als das sanfte, zufriedene Lächeln auf
dem Gesicht seiner Freundin.
Shinji fragte sich ob sein Vater und seine Mutter auch Momente wie diesen geteilt hatten...
Der zynische Teil seines Verstandes bezweifelte es zwar, aber der romantische Teil, der immer noch ein wenig Hoffnung hatte, konnte sich die Szene bereits bildlich vorstellen...
In einem kleinen Appartement wie diesem... säße Yui nach einem langen, arbeitsreichen Tag an der Universität, selbst zu fortgeschrittener Zeit noch immer über ihren
Lehrbüchern. Etwas gelangweilt würde Gendo sie beobachten, und bemerken, dass das Wetter seiner zukünftigen Frau ein wenig zu schaffen machte. Er würde sie
überraschen wollen, und seine Hände auf ihre Schultern legen... sie würde zusammenzucken, und sich mit einem Lächeln auf den Lippen zu ihm umdrehen. Sicher würde
sie ihm sagen, dass es ihr gut ging... und dass er nicht tun müsse, was er im Begriff war zu tun...
Doch Gendo, dickköpfig wie er war, würde natürlich nicht auf sie hören, und statt dessen beginnen ihre Haut mit langsamen kreisenden Bewegungen seiner Finger zu
massieren. Yui würde sich wohl noch ein oder zwei mal beschweren... sagen, dass sie noch so viel zu tun hätte... dass es wichtige Arbeit wäre... doch am Ende würde
Gendos Beharrlichkeit siegen, und sie würde nachgeben.
Und dann würde Yui vielleicht irgendwann beginnen, die Hände zu küssen, die ihr so sehr dabei halfen ihren Stress los zu werden...
Moment...
Halt mal...
Der Kuss... das war Asuka...
Augenblicklich kehrte Shinji aus seiner Fantasiewelt zurück, und musste verwundert blinzeln, als er eine sehr entspannte und zufrieden aussehende Asuka bemerkte, die sich inzwischen
ein wenig zu ihm umgedreht hatte, und gerade dabei war seine linke Hand zu küssen, die vor Sekunden noch ihren Nacken massiert hatte. Sie hatte ihre Augen halb geschlossen... und sah
sehr... sehr... na ja...
"Mmmm...Shinji-kun...", flüsterte sie und berührte dabei weiterhin flüchtig mit den Lippen seine Hand.
"Pssssttt...", erwiderte er sanft und schmunzelte. "Entspann' dich einfach..." Eine kleine Stimme in seinem Kopf fragte sich, wo er nur gelernt hatte so zu sprechen...
Asuka nickte. Mit einem zufriedenen Seufzen lehnte sie sich wieder in ihren Stuhl zurück und genoss das Spiel seiner Hände auf ihrer Haut. "Vielen Dank Shinji... Das ist genau
das, was ich gebraucht habe..."
"Gibt es denn noch etwas, was ich für dich tun kann?", fragte Shinji.
"Vielleicht...", erwiderte Asuka mit einer derart verführerisch klingenden Stimme, dass es Shinji sofort einen Schauer über den Rücken jagte...
Doch allen aufkommenden Gedanken zum Trotz entschied sich der junge Ikari das Schicksal nicht herauszufordern, und es bei der Massage ihrer Nackenpartie zu belassen... Obwohl seine
Hände inzwischen merklich auszuschweifen begannen...
* * *
"Als Nächstes kommen wir zu einem Kollegen, der heute zum ersten Mal vor der Versammlung der Lehrer des dritten Schuldistrikts von Japan sprechen wird." Der Sitzungsleiter begann zu
lächeln. "Begrüßen Sie mit mir; Miyazaki Kaoru-
san!"
Ein leises Raunen machte die Runde, als Kaoru hinter das Podium trat und sich vor dem Lehrer, der die Versammlung leitete, verbeugte. Der verhaltene Applaus, der ihm entgegen gebracht
wurde, erinnerte ihn einmal mehr an die Aufgabe, die nun vor ihm lag. Er würde das Lehrerkollegium beeindrucken müssen, wollte er nicht riskieren, dass sie gegen Ende hin alle
einschliefen.
Der Sitzungsleiter richtete das Mikrofon am Podium noch schnell auf die Körpergröße des neuen Redners ein, und trat schließlich mit einer leichten Verbeugung von
der Bühne. "Viel Glück."
"Danke." Kaoru seufzte als er in die knapp hundert oder mehr Gesichter blickte, die alle nur darauf warteten, dass er endlich beginnen würde. Dann aber fiel sein Blick auf Rei; Ihr
Lächeln brachte ihn wieder auf den Boden der Tatsachen zurück, und erinnerte ihn an den Grund, aus dem er hergekommen war.
"Nun, zu allererst..." Er räusperte sich. "Muss ich Sie enttäuschen; Ich habe keine ellenlange Liste mit Danksagungen vorbereitet. Ich persönlich empfinde es immer al
äußerst langweilig fünf Minuten lang die Namen anderer Leute hören zu müssen, bevor der Redner dann zum Thema kommt. Und in diesem Sinne möchte ich jetzt
auch direkt zum Punkt kommen..." Er warf Rei ein kleines Lächeln zu. "Obwohl, eine Danksagung möchte ich doch schon ganz gern machen... Und zwar möchte ich meinen
Schülern danken, denn sie sind der Grund, warum wir alle heute Abend überhaupt hier sein dürfen."
Die anderen Lehrer klatschten Beifall, und auch wenn es alles andere als ein Begeisterungssturm war, so war es doch ernst gemeinter Applaus.
"In den wenigen Monaten, die ich jetzt hier unterrichte, habe ich mit eigenen Augen die Auswirkungen des Krieges gegen die Engel sehen können... Da werden in Sekunden riesige
Schneisen der Verwüstung in die Stadt Tokio-3 gepflügt.... ganze Häuserblocks werden niedergetrampelt, oder sonstwie in Schutt und Asche gelegt..." Er blickte in die
überraschten Gesichter der Zuschauer. "Wir können nur mutmaßen, wie sich die Kinder fühlen, die in Mitten dieses Horrors leben müssen. "
Einige der Lehrer im Saal nickten zustimmend.
"Na ja, ich denke, ich weiß, wie sich die Kinder fühlen.", meinte Kaoru schließlich mit einem Blick über den Rand seiner Brille. "Sie fühlen sich so, wie wir
uns gefühlt haben... wie sich unsere ganze Generation gefühlt hat... damals, als der 'Second Impact' über uns hereingebrochen ist... Auch die Kinder von heute empfinden
Angst und Verunsicherung. - Wenn auch nicht in diesem globalen Maßstab wie wir, dann aber doch im Rahmen dessen, was sie ihre Heimat nennen. Auch sie verspüren diese
Gefühl der Verzweiflung und der Wut, wenn wieder einmal die Alarmsirenen ertönen, und Tonbandansagen die Evakuierung der Klassenzimmer befehlen, und sie auffordern, die
nächstgelegenen Schutzbunker aufzusuchen."
Er hielt inne und blickte in die Runde.
"Wir als Lehrer... und ich meine uns alle... wir haben uns schuldig gemacht, indem wir unseren Schülern falsche Hoffnungen gemacht haben. Wir glauben, dass die Kinder zum
überleben so etwas wie Hoffnung brauchen. Hoffnung,- und die Illusion in Mitten eines Krieges ein normales Leben führen zu können."
Kaoru schmunzelte als er sah, dass die Reaktionen auf seine letzten Sätze zweigeteilt waren; Obgleich etliche seiner Lehrerkollegen verärgert die Stirn runzelten, ließen
sich andere trotz der gegen sie vorgebrachten Beschuldigungen zu einem zustimmenden Nicken hinreißen.
"Die Hoffnung an sich, ist etwas Gutes. Hoffnung hat uns geformt. Hoffnung hat auch dafür gesorgt, dass die menschliche Rasse überlebt. Und nicht zuletzt ist es die Hoffnung
auf eine bessere Zukunft, die uns antreibt... und uns dazu bringt, uns weiter zu entwickeln... Doch was ist das für eine Zukunft, auf die wir hoffen?"
Kaoru hielt inne und blickte kurz auf seine Notizen.
"Ist es eine Zukunft in der die Menschheit von Großindustriellen und Organisationen regiert wird, die alles vernichtende Waffen herstellen? Oder wird die Menschheit der Zukunft nur
mehr ein Schatten ihrer Selbst sein, weil sie gerade mal mit dem Leben aus dem Krieg gegen die Engel hervor gegangen ist?" Kaoru schüttelte seinen Kopf. "Doch egal wie Ihre Antwort
lautet,- hier und jetzt kann ich Ihnen nur sagen, dass es keine Zukunft geben wird... Zukunft kann nicht allein aus Hoffnungen bestehen."
Sein Blick ging zu Rei.
"Unsere Zukunft liegt in den Kindern von heute... Kinder, die lernen müssen WARUM... warum es so wichtig ist niemals die Hoffnung zu verlieren."
* * *
Sie hatten die Beleuchtung ausgeschaltet und das von draußen hereinfallende, bläuliche Mondlicht ließ das kleine Appartement kalt und fremd erscheinen. Dennoch lag auch
so etwas wie Wärme in der Luft und vermittelte ein Gefühl der Vertrautheit.
Den harten, kalten und unordentlichen Küchentisch hatten sie schon vor einiger Zeit verlassen, und es sich statt dessen anderweitig bequem gemacht. Asuka hatte auf dem Boden Platz
genommen und lehnte mit dem Rücken gegen den Stuhl auf dem Shinji saß, während dieser die Massage ihrer Rückenpartie fortsetzte.
Asuka genoss die Art und Weise wie Shinjis Hände zärtlich aber dennoch kraftvoll ihre Schultern bearbeiteten, und sich hin und wieder, fast wie zufällig, ein wenig tiefer
ihren Rücken hinab verirrten, oder hoch zu ihrem Haaransatz fuhren... Es war ein himmlisches Gefühl, dem sie sich voll und ganz hingab... Sie entspannte sich, und der
Wirbel-sturm, der in ihrem Kopf tobte, begann sich ganz langsam zu legen. Stück für Stück verschwanden all ihre Sorgen, und alles was übrig blieb, war das wohlige
Gefühl von warmen Händen auf ihrer Haut. Sie spürte jede seiner Berührungen, und immer wenn Shinji auf einen Muskel traf, ging ein wohliger Schauer durch ihren
Körper und brachte sie dazu sich genüsslich unter seinen Händen zu rekeln. Wahrscheinlich hätte er sie auf diese Weise sogar zum Tanzen bringen können und sie
hätte sich nicht einmal dagegen gewehrt.
Der Gedanke entlockte ihr ein leises Lachen, und Shinji konnte nicht anders als verwundert zu blinzeln. "Asuka?"
"Schon gut...", säuselte sie. "Ich glaube, ich genieße das hier gerade nur ein wenig zu sehr..."
Shinji wurde rot, aber lächelte dennoch. "Das ist schön."
"Shinji...", begann sie mit schläfrig klingender Stimme. "Kann ich dich was fragen?"
"Sicher, Asuka-chan.", antwortete er und legte sein Kinn auf ihren Kopf. Als er den wundervollen Duft ihres Haarschampoos wahrnahm, kam ein zufriedener, kleiner Seufzer über seine
Lippen. "Frag' ruhig wenn du was auf dem Herzen hast. Ich bin ganz Ohr."
"Du...du wirst mich doch nicht verlassen, oder?", fragte sie leise, und obwohl ihre Stimme entspannt und irgendwie verträumt klang, lag doch so etwas wie Angst und Sorge in ihren
Worten.
Shinji unterbrach seine Massage einen Moment lang, während er über eine passende Antwort nachdachte... immerhin wollte er doch nichts Falsches sagen... Als seine Hände
ihre Arbeit schließlich wieder aufnahmen, umspielte ein Lächeln seine Lippen. "Ich werde dich nicht verlassen.", flüsterte er sanft in ihr Ohr. "Ehrenwort."
Sie summte und nickte zufrieden. "Wunderbar..."
Doch irgendetwas durchzuckte in diesem Moment ihren Kopf, und vermittelte ihr den Eindruck, dass etwas nicht stimmte... Sie spürte wie sich seine Hände langsam ihrem Hal
näherten...
Und dieses Gefühl, dass sie mit einem Mal verspürte, jagte ihr eine Heidenangst ein...
Sofort schüttelte Asuka die Schläfrigkeit ab und sammelte ihre Gedanken... Hektisch drehte sie sich um und...
EIN BLITZ!
Sie sah zwei Augen... zwei furchteinflößend dreinblickende, hell glühende Augen, die sie anstarrten und ihr das Blut in den Adern gefrieren ließen. Der Kopf, in den
die Augen gehörten, war dagegen von Schatten verdeckt und warf mit seinen wild zerzausten Haaren einen merkwürdigen Schatten an die Decke des Zimmers...
"M...Mama?"
Sie versuchte zurückzuweichen und zu fliehen, doch die fremden Hände umfassten mittlerweile ihren Hals und ließen nicht los... Die wilden, glühenden Augen waren die
ganze Zeit über unbewegt, dennoch war die Frau, die sich hinter dieser Erscheinung zu verbergen schien, lebendig... und atmete in langsamen, tiefen Zügen.
"Mama! Lass mich los!", bettelte Asuka.
"Asuka... sei ein braves Mädchen.", sagte die Gestalt mit einem Mal in einer klaren, dennoch irgendwie körperlosen Stimme. "Lass nicht zu, dass das andere Mädchen sieht,
wie du dich mir widersetzt. Sie denkt nachher noch, dass du keine gute Tochter bist!"
Die Hände, die um ihren Hals lagen, begannen noch fester zuzudrücken, und Asuka versuchte zu schreien, doch dazu fehlte ihr einfach die nötige Luft.
"Papa ist weg...", fuhr die Stimme fort. "Er hat uns verlassen..."
"Das interessiert mich nicht!", röchelte Asuka. "Ich kann auf mich selbst aufpassen und mein eigenes Leben führen!"
"Nein, Asuka... Bitte sag doch nicht so was. Sei doch nicht dumm.", meinte die Stimme ihrer Mutter, und es kam ihr vor als würde ein Lächeln über das von Schatten
verhüllte Gesicht huschen. "Wir werden immer zusammen sein... du selbst hast es mir versprochen."
"NEIN!"
"Und jetzt, komm mit mir..."
"NEEEEIIIIIIIINNNNNNN!"
"Stirb mit mir, Asuka..."
"NEEEIIINNN!!", schrie sie, und versuchte sich mit letzter Kraft loszureißen, doch ihre Glieder waren mittlerweile taub... "ICH BIN NICHT DEINE PUPPE!"
"Stirb mit mir!!!"
EIN BLITZ!
Als er Asuka aufschreien hörte, zog Shinji panikartig seine Hände zurück. Er hatte schreckliche Angst, dass er ihr vielleicht weh getan hatte... doch mit dem was dann
folgte, hatte er beim besten Willen nicht gerechnet...
Er hatte den Schlag gar nicht kommen sehen... Und noch bevor er wusste wie ihm geschah, traf auch schon ein Tritt seinen Kopf und fegte ihn glatt vom Stuhl.
"NEEEIIIINNNN!", schrie Asuka völlig hysterisch. Blind vor Wut, Angst und Schrecken, ließ sie den halb bewusstlosen Shinji einfach liegen, und rannte in ihr Zimmer.
Das Zuschlagen ihrer Zimmertür holte Shinji in die Realität zurück. "ASUKA!", schrie er ihr noch nach und versuchte hinter ihr her zu rennen, doch sein Körper
versagte ihm die Kooperation, und ließ ihn statt dessen die Schmerzen der eingesteckten Schläge spüren.
Als er schließlich wieder auf den Beinen war, tobte in seinem Kopf bereits ein Sturm. Die vorangegangenen Ereignisse erfüllten ihn mit Angst und Schrecken und während er
zu ihrem Zimmer stürmte, malte er sich bereits das Schlimmste aus... Vielleicht war sie gerade dabei aus dem Fenster zu springen... oder hatte ein scharfes Objekt an die samtweiche
Haut ihrer Handgelenke gelegt... Nur mit Mühe konnte er sich davon abhalten die Tür zu ihrem Zimmer einfach einzutreten... Dann aber merkte er, dass die Tür wider Erwarten
gar nicht verschlossen war...
Als er sie fand, lag sie zusammengerollt auf dem Boden und weinte. Wie es schien hatte sie es nicht einmal mehr bis zu ihrem Bett geschafft, bevor sie sowohl körperlich, als auch
geistig zusammengebrochen war... Shinji stand eine ganze Weile lang einfach nur wie versteinert in der Zimmertür, und beobachtete wie Asuka am ganzen Körper zitterte und leise
vor sich hin wimmerte.
Doch dann begann auch er zu weinen, und mit seinen Tränen, kehrte das Leben in seinen Körper zurück. Panisch stürzte er zum Telefon und versuchte sich bereits auf dem
Weg dorthin an die Nummer von Misatos Mobiltelefon zu erinnern.
Nach vier Klingelzeichen und einer endlos scheinenden Zeit des Wartens wurde endlich abgehoben.
"Moshi Mo..."
"MISATO! HILFE!!!"
* * *
"Na ja, das ging ja besser als erwartet.", meinte Kaoru mit einem Lächeln, während er und Rei gemeinsam nach Hause fuhren.
Rei wurde rot. "Sensei, Sie haben den ganzen Sitzungssaal in Aufruhr gebracht. Ich habe noch nie derart viele Lehrer zur gleichen Zeit schreien gesehen."
"Mmmm... Ich schätze ich hätte die Witze nicht auslassen sollen.", erwiderte er mit einem Grinsen. Dann aber sank er etwas in seinem Sitz zusammen. "Obwohl ich wünschte
sie hätten dich nicht auch noch mit da hinein gezogen, Rei. Das war unfair."
"Das ist... nicht schlimm...", antwortete Rei immer noch leicht rosa um die Wangen herum. "Es ist nicht Ihr Fehler. Ich hätte meine Schuluniform anziehen sollen, damit man mich
nicht für ihre Freundin hält."
Kaoru stöhnte auf und seufzte.
Rei blickte ihn an, und ihre Gesichtsfarbe normalisierte sich langsam wieder. "Vielen Dank, dass Sie mich eingeladen haben."
Er blinzelte, Diesen Satz hatte er beim besten Willen nicht erwartet. "Miss Ayanami?"
Sie schenkte ihm ein Lächeln. "Ich habe Ihre Rede genossen."
"Wirklich?", entgegnete er mit einem Schmunzeln. "Dann war der Abend wohl doch kein kompletter Reinfall.
Sie nickte zustimmend. "Es war schön zu hören, dass sich ihre Einstellung nicht geändert hat."
"Wie bitte?", Kaoru blinzelte verwundert.
"Damals... als ich bei Ihnen zum Abendessen eingeladen war...", begann Rei, "...da haben Sie gesagt, dass Sie unterrichten, weil Sie den Schülern sehr wichtige Dinge, sehr schnell
beibringen müssten, damit sie in der Lage wären ein gutes Leben zu führen..."
Er nickte traurig. "Ahh, das meinst du. Ja, ich erinnere mich daran. "
"Bisher hatte ich es nicht verstanden, aber in Ihrer Rede heute, haben Sie erklärt, was genau Sie damit meinten.", sagte Rei. "Dass Sie wissen, dass wir verletzt werden, und da
Sie wollen, dass wir uns damit auseinandersetzen, um darüber hinweg zu kommen... Damit wir etwas daraus lernen, und es nicht einfach nur überleben..."
Kaoru blinzelte und versuchte seine Verwunderung mit einem Lächeln zu überspielen. "Na ja, ich sehe es zwar nicht ganz so pessimistisch, Rei... aber ja, ich denke das ist im
Großen und Ganzen der Grund aus dem ich unterrichte."
"Warum denken Sie überhaupt, dass wir überleben werden?", fragte Rei und wandte sich ihm zu.
Miyazaki dachte einen Moment lang nach. Als sie an einer roten Ampel anhalten mussten, wandte er sich schließlich dem blauhaarigen Mädchen zu. "Weil die Menschen immer einen
Weg finden, zu überleben. Das Leben wird immer einen Weg finden, weiter existieren zu können. So wie die Evangelions." Er schmunzelte, als er Reis Reaktion sah. "Du weißt,
dass die Evangelions überdauern werden, egal was passiert. Und genau so gut kannst du auch sagen, dass die Menschen überleben werden, denn die Menschen haben die EVA
geschaffen, oder etwa nicht?"
Rei nickte.
"Aber einfach nur überleben reicht nicht, Rei... was wäre, wenn die EVAs zwar die Engel besiegen würden... dabei aber Japan völlig zerstört würde... oder
sogar die ganze Welt? Sicher, es gäbe Überlebende, doch wie sähe das Leben danach aus?"
"Es wäre schrecklich...", stimmte Rei zu.
"In der Schule bringt man euch bei, zu überleben... man bringt euch bei, logisch zu denken... Schlussfolgerungen zu ziehen..." Er schüttelte den Kopf. "Aber das ist alle
weitaus weniger wichtig, als euch beizubringen, warum ihr überhaupt überleben sollt." Er schmunzelte. "Manchmal muss man wissen, warum man kämpft, um gewinnen zu
können."
Rei nickte, obwohl sie immer noch einen leicht verwirrten Eindruck machte. "Ich werde darüber nachdenken."
"Das ist gut.", erwiderte Kaoru während die Ampel umsprang und sie ihre Fahrt fortsetzten.
Eine ganze Weile lang fuhren sie still durch die Dunkelheit, doch dann begann sich ein musikalisches Zwiegespräch zwischen den beiden zu formen, als Rei hier und da eine Note summte
und Kaoru mit der dazu passenden Fortsetzung aufwartete... Fast wie von selbst einigten sie sich schließlich auf ein Musikstück,- und als sie an der nächsten Roten Ampel
ankamen summten Kaoru und Rei bereits Beethovens Neunte: Ode an die Freude.
Sie schenkte ihm ein kleines Lächeln, als der Wagen an der Ampel zum Stehen kam. "Musik ist etwas, wofür es sich zu Leben lohnt."
"Stimmt.", erwiderte er mit einem Schmunzeln...
Doch kaum, dass er es gesagt hatte, wurden mit einem Mal die Türen des Mietwagens aufgerissen, und große Männer in schwarzen Anzügen zerrten sie aus dem Auto...