"LASST MICH VERDAMMT NOCHMAL HIER RAUS!"
Erschrocken von dem plötzlichen Gefühlsausbruch ihrer Patientin zuckte die Krankenschwester zurück und ließ das Tablett mit den Infusionsnadeln, der Medizin, und dem
Glas Wasser darauf aus ihren Händen fallen.
Der Rotschopf auf dem sterilen Krankenhausbett tobte indessen immer noch, während die Infusionsnadel, die für ihren Arm bestimmt gewesen war, nutzlos am Bett hinunterbaumelte.
"NEIN! ICH WILL NICHT HIER BLEIBEN!!"
"Aber Miss Langley! So beruhigen Sie sich doch!", bat die arme Krankenschwester, und wich sichtlich schockiert und verängstigt immer weiter zurück. "Wir wollten doch nur ihren
Flüssigkeitsverlust wieder ausgleichen! Nichts anderes!"
Mittlerweile kamen auch Misato und einer der Ärzte ins Zimmer gestürmt. Beim Anblick der Szene blieben sie wie angewurzelt stehen. Der dunkelhaarige NERV-Major musterte Asuka
eine Weile, und lehnte sich schließlich gegen die Wand, vor der sie gerade stand. "Entspann dich Asuka.", meinte sie mit einem Seufzen zu dem feurigen Rotschopf. "Du bist
zusammengebrochen und wir hatten Sorge um dich. Sieh dich doch erstmal um."
Asuka blinzelte als ihr klar wurde, wo sie überhaupt war. Sie seufzte und sank zurück in die Kissen. "... ich verstehe..."
Der Doktor half der Krankenschwester inzwischen das heruntergefallene Tablett aufzuheben, und verließ kurz darauf zusammen mit ihr den Raum.
"Eigentlich solltest du ja noch über Nacht zur Beobachtung hier bleiben, aber wenn es dir schon wieder gut geht, dann werden die sicher nichts dagegen haben, dass du früher
nach Hause gehst..."
Asuka ließ ihren Kopf sinken. "Nein... ich denke, ich sollte die Nacht doch schon noch hier verbringen. Ich fühle mich noch nicht fit genug um..."
Misato seufzte und ging hinüber zu Asukas Bett. Vorsichtig setzte sie sich auf die Bettkante am Fußende. "Erinnerst du dich, was passiert ist?"
"Ich...ich denke...Shinji hat gerade...", begann sie, doch dann plötzlich schnappte sie erschrocken nach Luft. "Oh mein Gott. Shinji! Ist er in Ordnung???"
"Er ist etwas verstört... und äußerst besorgt um dich... aber ansonsten geht es ihm gut.", erklärte Misato mit einem herzlichen Lächeln. "Shinji hat mir
erzählt, dass er deine Schultern massiert hat...", fuhr sie mit einem seltsamen Unterton in der Stimme fort. "Bist du sicher, dass da nicht mehr zwischen euch passiert ist?"
Asuka wurde knallrot, aber nickte. "Er hat mir wirklich nur die Schultern und den Rücken massiert... Ich weiß selbst nicht... normalerweise wäre ich ganz bestimmt nicht
ausgerastet, aber..."
"Deine... 'Mutter'... hat angerufen?", fragte Misato, und allein schon an ihrem Tonfall erkannte man, dass sie die wahren Verwandtschaftsverhältnisse kannte.
Asuka nickte. "Ich...ich weiß einfach nicht was passiert ist..."
Eine unangenehme Stille setzte ein bis Misato letztendlich aufstand. "Eigentlich wollte ich mich ja heute Abend mit Ritsuko treffen, aber sie geht nicht an ihr Telefon. Wenn du nicht
dagegen hast, dann würde ich gerne noch was hier bleiben,- nur für den Fall, dass du jemanden brauchst, der NICHT mit Nadeln auf dich einstechen will."
Asuka lächelte dankbar. "Vielen Dank, Misato-san. Das ist wirklich sehr nett von dir."
"Gut.", erwiderte die dunkelhaarige Frau und seufzte. "Asuka... du hast in der letzten Zeit sehr viel durchgemacht. Du weißt sicher selbst am Besten, welche Erinnerungen diese
Jahreszeit immer für dich mitbringt..."
Das Schweigen des Rotschopfes war die bejahende Antwort, auf die Misato wartete.
"Du... musst dich einfach etwas entspannen. Und lass Shinji dir ruhig dabei helfen, wenn du magst.", meinte sie ohne Hintergedanken und mit einem von Herzen kommenden Lächeln. "Der
Junge benimmt sich vielleicht hin und wieder wie ein rückgratloser Idiot, doch wenn er mit dir zusammen ist, dann reißt er sich wirklich zusammen und hat immer nur dein Beste
im Sinn..."
"Na ja... das ist doch wohl auch das mindeste, was die großartige Asuka Langley Sohryu von ihren männlichen Bewunderern verlangen kann.", entgegnete das rothaarige
Mädchen. Doch so arrogant ihre Worte auch waren, die Unsicherheit in ihrer Stimme verriet, dass es einmal mehr nur eine Fassade war.
Misato nickte dennoch als sie langsam von der Bettkante aufstand. "Ich bin draußen auf dem Gang. Wenn du irgendwas brauchst, dann klingel einfach nach der Schwester."
Als der Major hinaus ging, durchflutete einen Augenblick lang warmes, gelbes Licht den Raum,- nur um Sekunden später mit dem Zufallen der Türe wieder dem kalten Blau der
gedämpften Zimmerbeleuchtung Platz zu machen.
Asuka weinte sich in den Schlaf.
* * *
"Der Mann ist ein Monster...", sagte Ritsuko mit eiskalter Stimme.
Maya seufzte einfach nur und nickte, während sie versuchte Ritsuko die Flasche Sake wegzunehmen, an die sie sich klammerte. "Das haben Sie bereits gesagt, Sempai."
"Und weißt du was...es interessiert ihn nicht mal wie man über ihn denkt, so lange es seinem grandiosen, meister-haften Plan nicht in die Quere kommt..", grummelte die
blondhaarige Wissenschaftlerin vor sich hin und setzte die Flasche Reiswein wieder an ihre Lippen, noch bevor Maya sie zu fassen bekam. "Uuuh...und noch was..", meinte sie begleitet von
einem Hickser. "Er... er hat noch nicht mal den Anstand, es mir selbst zu sagen.. er hinterlässt einfach eine Nachricht..."
"Ich verstehe immer noch nicht, warum jemand Mister Kaji tot sehen will...", entgegnete Maya und schüttelte den Kopf. "Er ist doch immer so nett und so höflich..."
"Die... dieser Idiooooottt.", seufzte Ritsuko und ließ ihren Kopf auf den Tisch plumpsen. "Er ist so sorglos, aber das wird ihn eines Tages noch umbring..." Sie hielt inne und
blinzelte. "...ich... ihn in Schwierigkeiten bringen." Sie seufzte und blieb mit ihrem Gesicht auf der weißen Plastiktischplatte liegen. "Ich bin Abschaum.", stellte sie fest und
zuckte zusammen. "Und mein Arm tut mir höllisch weh..."
Maya wollte Ritsuko schon einen Vortrag halten, wie unrecht sie mit ihrer Bemerkung über 'Abschaum' doch hatte,- dann aber dachte sie sich, dass sie mit ihrer Ehrlichkeit an diesem
Tag ohnehin schon genug Schaden angerichtet hatte, und meinte einfach "Ich.. ich werde Ihnen etwas gegen die Schmerzen holen, Sempai. Bin gleich wieder da." Dann stand sie auf und ging
hinüber ins Badezimmer. Auch wenn sie mit nackten Füßen darüber lief, hatte der weiche, blaue Teppich, mit dem der Boden ausgelegt war, heute ausnahmsweise nicht
beruhigendes und behagliches an sich. Es ging ihr einfach viel zu viel im Kopf herum...
Sie hatte, was ihre Gefühle für Ritsuko betraf, endlich die sprichwörtliche Katze aus dem Sack gelassen, und nun wartete sie darauf, was für Haarknäuel sie
hochwürgen würde.
Doch jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt um über solche Dinge nachzudenken... Ritsuko brauchte ihre Hilfe... besonders nachdem sie den Befehl bekommen hatte Kaji zu töten...
und sie am Ende neben merkwürdigen, verschwommenen Erinnerungen auch eine Schusswunde an der Schulter davon getragen hatte... Ganz zu schweigen von dem Gedanken, dass Sempai und
Gendo womöglich miteinander....
Erst als die Dose mit den Tabletten aus ihrer Hand fiel und mit einem lauten Scheppern im Waschbecken landete, schreckte Maya aus ihren Gedanken. Sie unterdrückte ein Seufzen, hob
das fallengelassene Schmerzmittel wieder auf und ging zurück in die Küche ihres Appartements... Doch Ritsuko war nicht da...
"Hey.", kam die Stimme des Doktors schließlich aus dem Wohnzimmer, wo sie sich inzwischen auf die Sitzcouch gelegt hatte. Maya runzelte die Stirn; Sie selbst schlief zwar auch de
öfteren auf dem kleinen aber bequemen Möbelstück, dennoch wäre es wohl in Anbetracht von Ritsukos Verfassung besser, wenn sie ihren Mentor dazu bewegen könnte da
Bett zu benutzen.
"Hier, bitte.", sagte Maya und schnappte dem Doktor mit einer schnellen Handbewegung die Flasche Sake vor der Nase weg. Ritsuko grummelte unverständliche Worte vor sich hin,
beruhigte sich dann aber, als ihr eine Rolle Schmerz-tabletten in die Hand gedrückt wurde. "Die Dinger wirken ziemlich schnell."
Eine lange Stille setzte ein, während Ritsuko die Tabletten nahm und sich zurück in die Kissen sinken ließ. Der Lichtschein einiger rosa leuchtender Lampen verlieh dem
ansonsten dunklen Raum eine gewisse Wärme.
"Er wird mich umbringen.", sagte Ritsuko schließlich.
"Sempai!?!"
Sie schloss einen Moment lang ihre Augen. "Wenn er herausfindet... dass Kaji immer noch lebt... dann ist alles vorbei. Weißt...weißt du was? Ich war noch nicht einmal
nervös bei dem Gedanken auf ihn zielen, und abdrücken zu müssen."
Maya wurde bleich. "Sempai..."
"Ich meine, ich sehe Tag für Tag dem Tod ins Auge... und mir war auch klar, dass sich Kaji früher oder später eine Kugel einfangen würde. Also warum dann nicht von
mir? Warum sich die Mühe machen und einen Scharfschützen anheuern, der den armen Kerl am Morgen beim löffeln seiner Miso-Suppe umlegt?" Sie zitterte bei dem Gedanken.
"Ich... ich schätze, ich habe wohl gedacht, dass ich es ihm irgendwie schuldig bin, es selbst zu tun..."
Maya zitterte am ganzen Körper, doch für eine Antwort fehlten ihr einfach die Worte.
"Der... der Grund warum ich solche Angst habe... was mich so aus der Fassung bringt, Maya...", begann sie und musste schwer schlucken. "... ist, dass ich versagte habe. Ich habe Ikari
enttäuscht, und das bedeutet, dass ich in seinen Augen nutzlos bin, und er keine Verwendung mehr für mich hat."
"Bitte...Sempai...sagen Sie doch sowas nicht...", meinte Maya und bemühte sich ein Schluchzen zu unterdrücken. "Sie sind nicht nutzlos... wir alle brauchen Sie... sogar dieser
alte Hurensohn..." Sie hielt inne und wurde rot. "Ich meine, 'der Commander'."
"Du bist zu gütig, Maya...", erwiderte Ritsuko mit einem Seufzen... und in einem Tonfall, der keinen Zweifel daran ließ, wie sarkastisch sie es meinte.
Maya aber schwieg. Wie es schien, gab es nichts, das Ritsuko an diesem Abend hätte aufmuntern können, und alles was sie im Moment tun konnte, war ihr ein guter Freund zu
sein... Sie setzte sich in den einzelnen Sessel, der in der Ecke des Zimmers stand und blickte durch den Raum. Schließlich starrte sie auf den Boden und meinte ohne Ritsuko
anzusehen: "Ich muss morgen erst später zur Arbeit... wenn Sie etwas brauchen, dann sagen Sie es ruhig. Ich werde noch etwas aufbleiben, Sempai."
"Deine Schicht beginnt um 12 Uhr, da musst du spätestens um 10 Uhr aufstehen. Es ist 2 Uhr morgens, also bleiben dir jetzt schon gerade 'mal Acht Stunden Schlaf.", erklärte
Ritsuko und stöhnte auf, als sie sich auf den Bauch rollte. "Ich habe dein Leben schon genug durcheinander gebracht. Geh zu Bett, Maya, es hat keinen Sinn nochmal ein oder zwei
Stunden aufzubleiben, nur weil du dir um eine alte Hexe wie mich Sorgen machst."
"Sie sind keine alte Hexe.", erwiderte Maya leise.
Ritsuko grummelte in die Kissen der Sitzcouch, und meinte schließlich "Das war nur mein bescheidener Versuch etwas poetisch zu klingen. Maya, bitte geh schlafen... Ich bin
müde... Wenn mich heute Nacht jemand umbringen will, dann wirst du sowieso nichts daran ändern können." Sie schüttelte den Kopf. "Geh' einfach zu Bett..."
"Ich denke ich werde mich morgen krank melden.", erwiderte Maya. "Außerdem habe ich noch ein paar Urlaubstage."
"Ich werde dich einfach nicht los, was?" Ritsuko seufzte.
Mit einem Mal setzte eine bedrückende Stille ein. Als Ritsukos in Gedanken die letzten Sätze ihrer Unterhaltung Revue passieren ließ, stöhnte sie auf.
"Ich habe das nicht so gemeint, wie es geklungen..."
Das Geräusch einer sich schließenden Türe am Ende des Korridors unterbrach sie und blieb ihre einzige Antwort. Ritsuko wartete... sie wusste nicht warum, aber sie hoffte,
dass Maya wieder zurück kommen würde... dass es vielleicht nur... Nein, sie hätte es nicht sagen dürfen... Sie musste es klarstellen... Aufstehen und die Sache
bereinigen... Aufstehen...
Doch sie konnte sich einfach nicht mehr bewegen.
"Scheiße.", fluchte die Blondine und seufzte. Vom Alkohol benebelt wurde ihr ganzer Körper schwer wie Blei, und Momente später schlief sie ein.
Vielleicht war es besser nichts zu tun. Zumindest nicht in dieser Nacht...
* * *
Wenn man allein ist und nichts zu tun hat, dann bemerkt man die seltsamsten Dinge... Dinge, die man vorher glatt übersehen hätte...
Wie zum Beispiel den Riss in der Ecke der Tafel. Bestimmt hundert Mal am Tag würde er während des Unterrichtes auf die Tafel schauen, doch bisher waren ihm weder die
Beschädigung noch ihr Ausmaß aufgefallen...
Oder die Art und Weise, wie die Putzeimer in der Ecke des Klassenzimmers aufgestapelt waren. Er fragte sich, ob es die Erdanziehung war, die den Stapel vor dem Umfallen bewahrte, oder
doch eher das Fehlen jeglicher Schwerkraft an diesem Punkt im Raum.
Und warum nur sah die Welt außerhalb des Klassenzimmers flach und zweidimensional wie ein Foto aus, wenn er durch das dickere Glas der oberen Fensterhälfte sah, wohingegen
alles wieder dreidimensional wirkte, sobald er durch das dünnere Glas auf Augenhöhe schaute?
Shinji saß hinter seinem angestammten Schreibpult und blickte sich um als ob er das Erste Mal in einem Klassenzimmer wäre... Während der Zeit, die er in der Schattenwelt
im Inneren von Einheit-01 gefangen war, hatte er gelernt zu beobachten ohne auffällig zu starren. Er hatte hinter die Dinge gesehen und so etwas herausfinden können, das anderen
Leuten entging. Und das gab ihm dieses Gefühl, wichtig zu sein...
Ein Lächeln huschte über sein Gesicht, als er sich fragte, ob das auch der Grund war, aus dem er den Part des Spions in ihrer Modellstadt gewählt hatte.
Aber wie dem auch sei... heute zumindest hatte er versagt.
Asuka...
Was war mit ihr los? Was hatte er übersehen?
"Du arbeitest zu hart.", kam auf einmal Kaorus sanfte Stimme.
Shinji fuhr herum und sah, dass der Sensei an einem leeren Schreibpult zu seiner Rechten Platz genommen hatte. "Ich arbeite noch nicht hart genug."
"Doch, du arbeitest wirklich hart.", entgegnete Kaoru mit einem Kopfschütteln. "Das war schon immer eine deiner Stärken."
"Ich will, dass andere Stolz auf mich sein können.", meinte Shinji und blickte auf sein Pult. "Ich will anderen mit meiner Arbeit helfen."
"Anderen, wie Asuka?", fragte Kaoru und zeigte nach vorn zur Tafel.
Auf dem alten dunkelgrünen Lehrmittel mit dem Riss in der Ecke war ein Bild von Asuka zu sehen, die in Mitten eines abgedunkelten Zimmers in einem Krankenhausbett lag. Obwohl sie
friedlich zu schlafen schien, jagte es Shinji einen Schauer über den Rücken. "Ja, auch Asuka." antwortete er schließlich seinem Sensei.
Kaoru stand auf und ging zur Tafel. "Du musst dir darüber klar sein, dass du nicht einem jedem helfen kannst."
"Ich kann es aber zumindest versuchen.", entgegnete Shinji
"Das ist kein Experiment, Shinji... oder irgendein Spiel. Du kannst nicht jedem helfen.", erwiderte er und zeigte auf das Bild von Asuka an der Tafel. "Würdest du SIE opfern, wenn
du dadurch die gesamte Menschheit retten könntest?"
Shinji sagte keinen Ton.
"Ein Teil von dir sagt ja... und der andere sagt nein.", meinte Kaoru während er den Schwamm aufhob und Zug um Zug begann das Bild von der Tafel zu wischen. "Und du weißt, da
beide Teile recht haben."
"Ja.", antwortete Shinji und ließ mit einem Seufzen seinen Kopf hängen. Dann aber schaute er wieder auf... "Aber, Sensei... Wenn ich noch nicht einmal eine Person retten kann,
wie kann ich dann die gesamte Menschheit retten?"
Kaoru nickte verständig und setzte sich auf die Kante seines Lehrertisches. Eine ganze Zeit lang dachte er darüber nach, wie er es Shinji erklären konnte...
"Du musst zwar hart arbeiten... aber auf eine andere Weise.", sagte er schließlich.
Shinji blinzelte.
"Du konzentrierst dich zu sehr auf das, was du bereits beherrschst...", meinte Kaoru mit einem Schmunzeln. "Wie zum Beispiel EVA... du strengst dich immerzu an noch besser zu
kämpfen... und noch besser mit deinem EVA zu synchronisieren, damit du andere beschützen kannst."
"Stimmt!", antwortete Shinji mit einem Kopfnicken.
"Aber was ist mit all dem Anderen?"
Shinji blinzelte verwundert. "Ich... ich weiß nicht..."
"Weißt du, was man zu tun hat, wenn man Erste Hilfe leisten will?", fragte Kaoru mit einem Schulterzucken. "Oder hast du gelernt, wie man jemandem das Bein schient?" Er begann zu
schmunzeln. "Oder hast du eine Ahnung, wie man ein Baby beruhigt, das mitten in der Nacht weint, obwohl es eine trockene Windel hat und satt ist?"
Shinji wurde rot und schüttelte den Kopf.
"Du arbeitest sehr hart.", begann Kaoru und ging zurück zu Shinjis Pult. "Und das ist sicher auch nichts schlechtes." Er setzte sich wieder an das freie Pult neben Shinji. "Aber du
darfst dich nicht allein darauf verlassen, was andere Leute dir sagen. EVA ist nicht alles. Glaub' nur nicht, dass es das einzig Wichtige in deinem Leben ist.", sagte er
schließlich. "Anderenfalls wird EVA uns alle vernichten."
Die Tafel explodierte mit einem gleißend hellen, roten Licht...
... und beendete abrupt Shinjis Traum.
* * *
"AHHHH!" Shinji schreckte auf und saß senkrecht in seinem Bett. Hektisch schaute er umher und versuchte herauszufinden, ob er noch immer in seiner Traumwelt gefangen war, oder
nicht.
Ein leichter Schmerz und ein merkwürdiges Ziehen in seiner Ohrmuschel machten ihm dann aber recht schnell klar, dass er wach war. Im Schlaf hatte sich eine der beiden Ohr-Kapseln
seines bügellosen In-Ohr-Kopfhörers tief in sein Ohr gepresst, und die Musik daraus ersetzte die Stille seines merkwürdigen Traumes. Er entspannte sich und sank zurück
in seine Kissen. Nach einer Weile schaltete er seinen SDAT-Player aus, legte den Kopfhörer ab, und stand auf.
Seine Schritte hallten laut durch das kleine, totenstille Appartement.
Als er in die Küche kam, watschelte Pen-Pen gerade aus seinem Eisschrank. "Wuaagh", meinte der Vogel und war besorgt, dass Shinji entgegen sonstigen Gewohnheiten keine frische
Kleidung angezogen hatte.
"Hallo, Pen-Pen.", begrüßte Shinji seinen tierischen Mitbewohner und lächelte als er sah, wie der Pinguin auf einen Stuhl am Esstisch kletterte. "Wie wär's mit
Frühstück?"
"Wuaagh!"
Shinji nickte und ging hinüber zum Kühlschrank. "Ich hoffe Asuka geht es gut...", sagte er und blickte ins Wohnzimmer.
Schlaflos vor Sorge um den Rotschopf hatte er es gestern Nacht noch in einem Anflug von Arbeitswut aufgeräumt... Wenn er schon nicht richtig helfen konnte, so würde er
wenigstens dafür sorgen, dass Asuka und Misato bei ihrer Rückkehr eine saubere Wohnung vorfinden würden.
Denn egal wie schlecht er sich letzte Nacht gefühlt hatte, Asuka hatte sich sicher noch schlechter gefühlt.
Die Bilder seines Traumes spukten immer noch in seinem Kopf herum, und mit ihnen das, was sie hatten sagen wollen... Auch wenn er zu EVA zurückgekehrt war, so gab es doch noch so
vieles, wogegen er einfach machtlos war... so viele Situationen, in denen er trotz EVA nicht helfen konnte... So viele Leute, die er nicht beschützen konnte...
Doch das war kein Grund aufzugeben, und es nicht weiter zu versuchen...
Oder etwa doch?
"Wuaaagh!", krächzte Pen-Pen als sich die Eingangstür des Appartements öffnete. Shinji fuhr herum und ließ vor Schreck die Pfanne auf den Ofen fallen, als er Asuka
und Misato hereinkommen sah. Sie machten einen müden und abgespannten Eindruck, und es war nur zu offensichtlich, dass keine von beiden in der vergangenen Nacht ausreichend Schlaf
bekommen hatte.
"Tadaima.", murmelte Misato und gähnte... dann aber merkte sie auf und blinzelte verwundert, als sie sah, wie Asuka und Shinji aufeinander zu stürmten und sich in die Arme
fielen. "Wow..."
Die beiden Jugendlichen standen einfach nur da und hielten aneinander fest. Es war eine liebevolle und zärtliche Umarmung, und Misato konnte nicht anders als zu lächeln. "Okay,
ihr zwei... jetzt reicht es.. Hey?"
Die Beiden wurden rot und ließen einander los. "Gomen...", sagten sie einstimmig
"Ist schon gut.", erwiderte Misato mit einem wissenden Lächeln. "Aber denkt dran, ihr habt nachher noch einen Sync-Test. "
Die beiden EVA-Piloten seufzten. "Hai."
"Ich werde jetzt erstmal ein Bad nehmen.", meinte Misato schließlich. "In zwei Stunden machen wir uns dann auf den Weg zum Hauptquartier, damit wir rechtzeitig zum Test da sind."
Sie zwinkerte den beiden Teenagern zu. "Also, macht es euch nicht zu bequem!", sagte sie noch, und war im nächsten Moment auch schon im Bad verschwunden.
Asuka seufzte. "Ich schwör dir, wenn sie noch mehr darauf 'rumreitet, werde ich knallrot wie mein EVA."
"Rot werden ist doch nichts schlimmes.", erwiderte Shinji mit einem Schmunzeln und nahm Asuka zärtlich bei der Hand. "Geht es dir denn gut? Ich hatte mir schon Sorgen gemacht, da
ich dir weh getan hätte oder so..."
Asuka sah einen Augenblick lang betreten zu Boden, dann aber lächelte sie ihn an. "Du hast mir bisher nie weh getan, Shinji. Nur fang jetzt bitte nicht damit an, okay?" Sie begann
zu zittern. "Ich mache gerade eine beschissene Woche durch..."
"Ich weiß... aber das wird schon wieder werden.", sagte er und nahm sie zärtlich in seine Arme. "Wie wär's, Asuka-chan, ich mache gerade Frühstück...
möchtest du auch etwas mitessen?"
Asuka lächelte Shinji an und nickte. "Gern.", sagte sie und seufzte, als ihr Freund sie aus seiner Umarmung entließ um hinüber zur Anrichte zu gehen. "Also, was steht
denn heute auf dem Speiseplan, Superkoch?"
"Miso-Suppe.", antwortete Shinji während er das Wasser aufsetzte. "Shinjis Heilmittel für all deine Sorgen."
Asuka seufzte. "Ich hoffe es.", murmelte sie vor sich hin und setzte sich neben den Pinguin an den Küchentisch um Shinji beim Kochen zuzusehen.
* * *
"Maya... ich hatte es doch nicht so gemeint.", sagte Ritsuko während sie versuchte mit dem Tempo ihrer jungen Assistentin mitzuhalten. Sie liefen förmlich den Korridor entlang,
und es waren Gelegenheiten wie diese, bei denen Ritsuko sich dafür verfluchte mit dem Rauchen angefangen zu haben. Im Gegensatz zu ihr war Maya in der Lage einen Dauerlauf durch die
Korridore und Gänge von NERV zu machen ohne dabei auch nur annähernd aus der Puste zu kommen.
"Ich weiß, Sempai.", antwortete sie mit einer monoton klingenden Stimme. Neun Mal hatte Ritsuko in der vergangenen Stunde bereits davon angefangen, und genau so oft hatte sie eben
diese Antwort bekommen. "Wir werden noch zu spät kommen. Wir reden später darüber."
Doktor Akagi seufzte und schüttelte ihren Kopf. Früher wäre sie nicht so versessen darauf gewesen die Sache zwischen Maya und ihr zu bereinigen, und hätte es al
Kinderei abgetan. Doch irgendwie hatte dieses blöde A.T.-Feld auch darauf Einfluss genommen. "Na gut. Dann reden wir halt später darüber."
Durch den lauten Widerhall ihrer eigenen Schritte überhörten sie die weitaus leiseren Schritte von Kommandant Ikari, der sich ihnen aus einem der Seitengänge herau
näherte... Maya war so in Gedanken, und hatte ihren Blick derart auf den Boden vor sich fixiert, dass alles, was sie sah ein Paar schwarzer Schuhe war, die mit einem Mal vor ihr
auftauchten. Sie brachte noch ein erschrockenes "Ahhh" heraus, dann aber krachte es auch schon...
Er war ein beeindruckender Zusammenstoß, unter dem Maya leider am meisten leiden musste. Auf Grund ihres zierlichen Körperbaus und des weitaus geringeren Körpergewichtes,
prallte sie wie ein Flummi vom Kommandanten ab und ging zu Boden. Der alte Ikari hingegen kam lediglich ein wenig aus dem Gleichgewicht, als er über Mayas Beine stolperte, sich aber
sofort an der nächstgelegenen Wand abstützen konnte.
Der Kommandant schaute einen Moment lang verwundert drein, und die beiden Damen hielten erschrocken die Luft an. Doch kaum, dass er die Situation genauer analysiert hatte und sich im
Klaren war, was passiert war, kehrte auch schon die eisige Aura zurück, die ihn sonst immer umgab. Er wandte sich Ritsuko zu und runzelte die Stirn.
Und so einfach diese Geste doch war, sie jagte der Wissenschaftlerin mehr Angst ein als alles, was sie bisher gesehen oder gehört hatte.
"Doktor.", sagte er schlicht und ergreifend, und ging schließlich an ihr vorbei... so dicht, dass er beinahe in sie hinein gerannt wäre. Fast so, als ob sie nicht mehr als ein
Geist oder eine Erscheinung war, vor der er keine Angst hatte.
Ritsuko hielt noch eine ganze Weile den Atem an... selbst nachdem er bereits gegangen war... Dann erst kam ein verzweifeltes Seufzen über ihre Lippen. "Oh mein Gott..."
* * *
Immer noch saß er auf dem kühlen, dreckigen Metallboden seiner Zelle, anstatt auf der harten Matratze der kargen Pritsche. Dieses Gefühl der Kälte war angenehm und
linderte ein wenig den pochenden Kopfschmerz, der ihn plagte.
Warum waren sie so weit gegangen ihn einzukerkern?
Als er einen Luftzug spürte und Augenblicke später eine Aura von eisiger Kälte den Raum erfüllte, erinnerte sich Sensei Miyazaki wieder, warum er an diesem Ort
war...
"Hey, Commander...", krächzte er. "Schön Sie wiederzusehen."
Der Kommandant war nicht sehr belustigt. Ehrlich gesagt war er recht ungehalten, was sich dann auch in der Art und Weise äußerte, wie er den einsamen Stuhl über den
Zellenboden schob um sich schließlich nur wenige Zentimeter von Kaoru entfernt nieder zu setzen. Mit einem zornigen Blick, so als wäre er Gott persönlich, blickte er auf
den Sensei hinab, der immer noch auf dem Boden lag.
"Wer sind Sie."
Kaoru stöhnte und setzte sich langsam auf, um schließlich doch auf der Pritsche, die zweifellos als Bett gedacht war, Platz zu nehmen. "Warum interessiert Sie das?"
Gendo wartete geduldig bis sich der andere Mann hingesetzt hatte. Dann wiederholte er seine Frage und benutzte dabei noch ein wenig mehr von seinem typischen Gendo-Charme...
"Wer sind Sie."
"Was wäre, wenn ich es Ihnen nicht sagen will?", entgegnete Kaoru mit einem Lächeln.
Gendo warf ihm einen bösen Blick zu.
"Na dann lassen Sie uns doch mal überlegen...", meinte Kaoru schließlich gelassen. "Ich könnte zum Beispiel ein guter Schauspieler sein, der sich als Lehrer getarnt in
eine Schule eingeschlichen hat, um Ihr junges Fräulein Ayanami zu belästigen..."
Die Raumtemperatur fiel um etliche Grade, als der Kommandant mit einem Mal aufstand, und für einen sehr kurzen Augenblick... tatsächlich irgendwie zu zittern schien.
"Oder...", warf Kaoru schnell noch ein, bevor der Kommandant etwas unternehmen würde. "Ich bin Ihr Gewissen. Und versuche ihre Fehler auszubügeln und die Dinge wieder in
Ordnung zu bringen, die Sie verbockt haben."
"Fehler?", fragte Gendo und entspannte sich, da er sich nunmehr an einem Thema festbeißen konnte, das ihm weitaus weniger Unbehagen bereitete. "Sie, junger Mann, haben doch gar
keine Ahnung davon, was ein 'Fehler' ist."
Dieses Mal war Kaoru an der Reihe seinem Gegenüber böse Blicke zuzuwerfen.
"Oder... vielleicht... aber auch nur vielleicht... bin ich ja auch so etwas wie der 'Zorn Gottes'?"
Gendo erwiderte den Blicke des Sensei.
"Aber vielleicht bin ich auch hier um Sie in die Hölle zu befördern, wo Sie hingehören.", flüsterte Kaoru. "Und weil das allein nicht Strafe genug ist, will ich sie
vorher noch ein wenig quälen."
Gendo setzte ein hinterhältiges Grinsen auf. "Sie haben sich zu lange mit Schülern aus der High-School abgegeben, Mister Miyazaki.", erwiderte der Kommandant und schob seine
Brille zurecht. "Denn das war gerade eine recht kindische Bemerkung von Ihnen..."
"War sie das?" Kaoru sah ihn an.
Eine ganze Weile lang saßen die beiden Männer einander stumm gegenüber.
Und jeder von ihnen wusste, dass der andere die Stille genoss.
"Wo ist Rei?", fragte Miyazaki schließlich.
"...Wo sie hingehört.", antwortete Gendo nach einer kurzen Pause.
"Wo genau? In diesem stinkenden Becken Schleim, das Sie für sie angelegt haben?" Miyazaki runzelte die Stirn.
"Dort fühlt sie sich am wohlsten. "
"Wahrscheinlich nur, weil Sie nicht bei ihr sind.", erwiderte Kaoru. "Zumindest nicht im Moment."
Ein gefährliches Grinsen huschte über Gendos Gesicht. "Erinnern Sie mich daran Mister Kaji zu gratulieren. Er ist ein sehr vielseitiger und nützlicher Mann, nicht
wahr?"
"So könnte man sagen.", antwortete Kaoru.
"Ich würde gerne wissen, wie Sie beide sich kennengelernt haben." Gendo verschränkte die Arme vor seiner Brust und lehnte sich in seinen Stuhl zurück. "War es bei einem
Sondereinsatzkommando? Dem Geheimdienst? Oder vielleicht sogar schon während Ihres Studiums?" Der Kommandant begann zu grinsen und beugte sich vor. "Oder sind Sie zwei vielleicht
sogar ein Liebespaar? Bei euch Yuppies heutzutage weiß man ja nie... "
"Wollen Sie es mal selbst versuchen?", entgegnete Kaoru mit einem nicht weniger breiten Grinsen. "Wenn Sie wollen, kann ich Ihnen gern ein paar meiner Homosexuellen Freunde
vorstellen."
"Sie sind nie um eine Antwort verlegen, oder?", meinte Gendo und lehnte sich wieder zurück. "Und dazu dann noch ihre Ausdrucksweise... Und da wundern sich die armen Eltern, da
ihre Kinder so ein schlechtes Benehmen an den Tag legen. "
"Sie sollten doch wissen, dass ich, was mein Benehmen und meine Ausdrucksweise betrifft, einen guten Lehrer gehabt habe.", erwiderte Kaoru ohne auch nur mit der Wimper zu zucken.
"Außerdem ist es keine Frage des Benehmens oder der Ausdrucksweise, sondern mehr eine Frage des Geistes und der Seele."
Gendo stand langsam auf und ging zur Türe. "Sagen Sie mir, verehrter Sensei... wenn Sie denn überhaupt einer sind..." Er hielt inne und drehte sich um, als er den Ausgang
erreicht hatte. "Glauben Sie, Nachsitzen hat einen erzieherischen Nutzen?"
Kaoru dachte einen Moment lang darüber nach. "Ich schätze schon. Es kann hin und wieder ganz lehrreich sein. Aber im Allgemeinen, denke ich, schürt es nur den Hass und die
Wut der betreffenden Schüler, ohne etwas Positives zu bewirken."
Gendo grinste heimtückisch. "Ganz meine Meinung.", sagte er und zog einen kleinen Revolver hervor. "Aus diesem Grunde kombiniere ich Nachsitzen auch mit Schmerzen."
Kaoru hatte keine Zeit zu reagieren, und noch bevor er sich versah, hallte auch schon ein Schuss durch die Stille der Zelle. Er stöhnte auf und musste nach Luft schnappen, als mit
einem Mal ein höllischer Schmerz durch seinen Arm ging.
Als der Pulverrauch sich verzogen hatte, lag Kaoru bereits zitternd auf der Pritsche, und bemühte sich nach Leibeskräften nicht vor Schmerzen zu schreien. Blut sickerte durch
sein Hemd und bildete einen immer größer werdenden Fleck an der Stelle, wo sein Ellenbogen war.
Gendo steckte beinahe beiläufig seinen Revolver weg und genoss dem Anblick seines Gegners, der sich vor Schmerzen wand...
"Das war für die Andeutung, dass Sie sich vielleicht an Rei vergreifen werden."
Er öffnete die Zellentür, während Kaoru immer noch vor Schmerzen keuchte. "Und die letzten Tage ihres miesen, kleinen, unbedeutenden Lebens werde Sie hier drin
verbringen,- als Dank dafür, dass Sie sich mir in den Weg gestellt haben.", meinte er mit einem Grinsen.
Wahnsinnig vor Schmerzen rollte Kaoru von der Pritsche herunter und fiel auf den harten, kalten Boden. Er war immer noch nicht in der Lage einen klaren Gedanken zu fassen oder zu
schreien. - Die Schmerzen der Kugel, die genau in seinem Ellenbogengelenk saß, beraubten ihn schlichtweg seiner Sinne.
"Auf Wiedersehen, Mister Miyazaki."
Die Tür schlug hinter Gendo zu und alles was Kaoru zustande brachte war ein lautes Winseln.
* * *
Warum hatte sie es getan?
Was hatte diese Reaktion ausgelöst?
Asuka kannte die Antworten...
Doch sie zwang sich dazu, weiterhin diese Fragen zu stellen... und die Antworten zu ignorieren...
Sie könnte sich auch auf etwas anderes konzentrieren... Sich mit anderen Gedanken ablenken. Doch drei Stunden allein in ihrer Zugangskapsel, und umgeben von einem Schleim, den sie
LCL nannten, waren eine lange Zeit...
Und derart lange untätig herumzusitzen hatte sie am Ende noch immer dazu gebracht, in sich selbst gekehrt, ihren eigenen Gedanken nachzuhängen...
... und sich mit all den unterdrückten Gefühlen und Erinnerungen auseinander zu setzten, die sie von innen heraus aufzufressen schienen.
Sie zwang sich dazu, sich zu konzentrieren. Jeder Gedanke in ihrem Kopf drehte sich ausschließlich darum, ihr Ziel zu erreichen... Wenn doch nur endlich dieser blöde Test zu
Ende wäre... Dann könnte sie wenigstens nach Hause gehen... und dort weiter weinen...
Doch so sehr sie sich auch anstrengte, es klappte einfach nicht. Sie konnte ihren EVA einfach nicht mehr länger spüren. Dieses Gefühl einer Präsenz, das sie sonst
immer verspürte, war immer noch da... Irgendwo knapp am Rande ihres Bewusstseins... Nur schien das alles so weit entrückt und so unerreichbar zu sein. Es kam ihr vor, al
würde sie versuchen einhändig einen Handschuh anzuziehen, der lose auf dem Tisch liegt; Sie konnte zwar mit den Fingerspitzen hinein gleiten, doch wenn sie versuchte die ganze
Hand hinein zu stecken, würde der Handschuh immer weiter weg rutschen... So lange, bis er irgendwann vom Tisch hinunterfallen würde, um von da an völlig außerhalb
ihrer Reichweite zu sein.
Es war ein ermüdendes Spiel, und ohne Aussicht auf Gewinn machte es sie verrückt. Sie hasste Spiele.
Aber WARUM MUSSTE ES AUSGERECHNET JETZT PASSIEREN!???!
Die letzten Monate waren doch großartig gewesen!
Na ja... größtenteils...
Okay... auch wenn es vielleicht nicht die wunderbarsten Monate ihres Lebens gewesen waren, so hatten sie ihr doch zumindest wieder das Gefühl vermittelt zu Leben... und die Freude
am Leben in ihr geweckt... Klar, es gab immer noch Momente, in denen sie das Leben als Trauerspiel ansah, doch zumindest hatte sie inzwischen einen Grund gefunden, für den es sich zu
kämpfen lohnte...
Und dieser Grund war Shinji...
Und die Beziehung, die sich langsam zwischen ihnen entwickelte...
Aber warum war das alles nur so schwierig??? Sogar jetzt noch.. Nach allem was passiert war?
'Stirb mit mir...' schoss es ihr durch den Kopf...
Es war wohl so schwierig, weil es noch so viele Dinge in ihrem Leben gab, mit denen sie sich noch nicht auseinandergesetzt hatte... so viele Probleme, die sie noch nicht gelöst
hatte... so viele Zweifel, die sie noch nicht hatte ausräumen können.
"Mama!", hörte sie sich in Gedanken rufen und sah eine kleine weinende Asuka... doch schnell unterdrückte sie den Gedanken, bevor er noch realer wurde und drohte, sie zu
überwältigen...
Shinji würde sie niemals verlassen...
Doch ihre Mutter verließ sie auch nicht... Zumindest nicht im Geiste...
Denn die Erinnerungen an sie kamen immer wieder zu ihr zurück...
Und mit jedem Mal wurde der Ruf ein wenig lauter...
Der Ruf, der sie anflehte, mitzukommen... sich ihr anzuschließen...
Damit sie im Jenseits wieder zusammen sein könnten... Zusammen, in der Leere des Todes.
Sie stellte sich vor, was für ein schönes Gefühl es doch sein müsste, einfach nichts mehr zu spüren... und nichts mehr zu fühlen... keinen Schmerz, keine
Freude, keine Liebe, gar nichts...
Wie gut täte es wohl, wieder kalt und emotionslos zu sein, so wie damals, bei der Beerdigung ihrer Mutter... Oder auf dem Kriegsschiff, als sie Shinji das erste Mal begegnet
war...
Doch die Gefühle, die sie so sehr zu unterdrücken suchte, hatten sie am Ende einfach überwältigt. Und es gab kein zurück...
Inzwischen war der Sync-Test vorbei, und Asuka stand schluchzend auf dem Laufsteg im EVA-Hangar. Mit verweinten Augen blickte sie auf ihre Einheit-02, und die Tränen, die ihre
Wangen hinunter rollten, tropften in das rosafarbene Kühlmittel, das die Maschine umgab. Mit Leichtigkeit lösten sie sich in der nach Vanille-Eis duftenden Flüssigkeit
auf... so leicht wie sich auch alles andere um sie herum aufzulösen schien. Nichts war von Dauer, und nichts hatte Bestand, - außer dem tief empfundenen Schmerz, der sie weinen
ließ.
"Ich hasse dich...", flüsterte sie Einheit-02 zu. "Warum lässt du dich nicht mehr von mir bewegen?"
Doch der rote Riese antwortete nicht und starrte weiterhin unbewegt auf die gegenüberliegende Wand der Halle.
Die Sync-Werte aller Piloten waren an diesem Tag eingebrochen. Asuka wusste genau, dass sie nicht die einzige war, die keine vernünftiges Synchronisation zustande gebracht
hatte...
Auch wenn Rei nach außen hin ruhig und gelassen ausgesehen hatte, so hatte das leichte Zucken ihrer sonst ausdruckslosen Gesichtszüge verraten, dass ihr irgendetwas Sorgen
machte...
Und was Shinji betraf, so hatte seine Sync-Rate eine regelrechte Talfahrt hingelegt, so dass am Ende selbst Toji ihn überholt hatte...
"ICH sollte diejenige sein, die diese Hornochsen anführt...", murmelte sie leise vor sich hin, während sie die Tränen abwischte und von Neuem versuchte, wenn schon nicht
ihren EVA, dann zumindest ihren eigenen Körper unter Kontrolle zu bringen. "ICH sollte diejenige mit der höchsten Sync-Rate sein und als Gewinner aus jedem Kampf
hervorgehen!"
Und für einen kurzen Augenblick blitzte tatsächlich so etwas wie Kampfgeist in ihr auf, doch dann sank sie auch schon wieder förmlich in sich zusammen...
...und alles was sie herausbrachte war ein gefühlskaltes Flüstern. "Ich sollte diejenige sein, die darüber entscheidet, ob du dich bewegst oder nicht. Du bist MEINE
Puppe."
Eine Flut von Bildern schoss ihr durch den Kopf, und sie zuckte regelrecht zusammen, als sie versuchte mit den hervorbrechenden Erinnerungen fertig zu werden...
"NEIN... NEIN..."
Sie sah in die Augen ihrer Kampfmaschine. "Ich bin Asuka Langley Sohryu... und ich bin dein Pilot."
Doch der EVA antwortete nicht...
"Und ich befehle dir, dich zu bewegen!"
Doch der EVA regte sich nicht...
Asuka seufzte und wandte sich ab. Sie wollte schon gehen...
Als plötzlich die Alarmsirenen losheulten...
"Ein Engel?", fragte sie und blinzelte verwundert. "Hört das denn nie auf...?"
* * *
Toji seufzte als er die Videobilder aus den Zugangskapseln der drei anderen Piloten betrachtete. Seine Freunde waren heute nur ein Schatten ihrer selbst.
Asuka machte irgendwie einen verstörten Eindruck, so als ob sie nicht bei der Sache war und sich mit allem anderen, nur nicht mit ihrer Aufgabe beschäftigte. Sie schien sich
nicht einmal zu trauen in die Kamera zu sehen... vielleicht hatte sie ja Angst, dass die anderen ihren Zustand bemerkten und ihr Hilfe anbieten würden.
"Einheit-02 ist bereit...", hörte er den Rotschopf sagen...
Als Rei an der Reihe war, nannte sie einfach nur die Bezeichnung ihres EVA, und starrte weiter unbewegt geradeaus. Früher wäre ihr Verhalten nicht einmal verwunderlich gewesen,
doch inzwischen widersprach es der positiven Entwicklung, die ihre Persönlichkeit in der letzten Zeit erfahren hatte. Es war fast so, als ob ein Teil von ihr einfach ausgewischt
worden war... Verdammt, sie war sogar wieder in ihrer dummen Schuluniform zur Besprechung erschienen...
Sein bester Kumpel Shinji sah noch schlimmer aus. Er schien müde... aber dennoch irgendwie rastlos. Krampfhaft umklammerte er die Kontrollhebel seines EVA. "Einheit-01
einsatzbereit.- Erwarte Befehle." flüsterte er, doch er wusste ganz genau, dass er und seine Maschine immer noch außer Dienst gestellt waren. Während die anderen drei EVA
auf ihren Aufzugsplattformen standen und darauf warteten, in den Kampf geschossen zu werden, stand Shinjis Einheit-01 immer noch im Hangar und wurde von einer Million
Sicherheitsverriegelungen am Ausrücken gehindert.
Toji schüttelte sich. Obgleich Shinjis Testergebnisse auch weit unter Durchschnitt lagen, jagte ihm der Ausdruck in den Augen des jungen Ikari einen Schauer über den
Rücken, und er war glücklich, dass sie auf der selben Seite standen....
"Einheit-03 bereit."
Misato machte unterdessen von ihrem Platz im Kontrollraum aus die selben Beobachtungen. Die Last auf ihren Schultern war indes weitaus größer, nicht zuletzt wegen der
merkwürdigen Stille, die herrschte, und den dunklen Blicken von Ritsuko, die wie ein Damoklesschwert auf ihr zu lasten schienen. Und auch die schlechte mentale Verfassung der Kinder
machte es ihr nicht gerade leichter... Von ihren miesen Sync-Raten mal ganz zu schweigen...
Glücklicherweise schien sich der Engel Zeit zu lassen... Und wenn Sie Glück hatten, ging es diesmal vielleicht ohne Kampf ab...
Ja... klar...
Vielleicht...
"Bericht!", befahl sie der Crew im Kontrollraum, und beinahe augenblicklich erschien ein Satellitenbild auf dem Hauptschirm.
Ein Satellit der UN schickte ihnen ein Bild aus einer erdnahen Umlaufbahn, auf dem ein seltsames Licht zu sehen war, das sich langsam zu nähern schien.
Einen Moment später schaltete das Videobild auf einen anderen Satelliten um, und das erste Bild des Engels erschien. Er war eine Art Mischung aus Schneeflocke und Insekt, mit
langen, strahlenförmigen, bizarr verästelten Flügeln, die von ihrem Aufbau her einem Eiskristall ähnelten. Es war ein beeindruckender und zugleich beängstigender
Anblick.
Misato fand, dass der Engel eigentlich recht hübsch aussah... Doch wie so oft gingen wohl auch hier Schönheit und Gefährlichkeit Hand in Hand.
"Na ja, soviel zu unserem Urlaub Leute...