Es hat etwas trauriges an sich, anzunehmen, dass die Mutter die 'Erste Andere' ist.
Sie ist die erste Person, die man trifft.
Die erste Person, die man kennenlernt.
Die Erste, zu der man spricht, und der man vertraut.
Und selbst wenn man nicht mehr als die paar Laute Babysprache beherrscht, so versucht man doch mit dieser Frau zu kommunizieren. Und man versucht es, weil man sie kennt. Und weil man
annimmt, dass sie sich um einen sorgt, und dass man dieser Frau am Herzen liegt,- weil man ja sonst nicht auf der Welt wäre.
Doch manchmal funktioniert diese Verständigung nicht so, wie sie sollte.
Vielleicht weil die Mutter nicht Willens ist, sich zu verständigen... oder nicht Liebevoll genug...
Oder das Kind ist nicht Willens, oder liebevoll genug...
Wie auch immer, die 'Perfekte Liebe', die Mutter und Kind am Anfang ihres gemeinsamen Lebens teilen, kann nicht ewig halten...
Und wie eine jede wahre Liebe, verdörrt sie irgendwann, oder wird über die Jahre hinweg schal und fad; halt eben einfach alt.
Als der Engel in Asukas Gedanken eindrang, erschrak ihn diese Erkenntnis beinahe zu Tode. Er konnte nicht begreifen, warum etwas so perfektes, wie die Liebe zwischen Mutter und Tochter,
einen derart falschen und fatalen Weg eingeschlagen hatte...
Vergewaltigung?
Beinahe hätte er seine Mission an dieser Stelle beendet... Er war schockiert... auf eine ganz besondere Art. Dieses Wort... dieses schreckliche, schreckliche Wort aus dem Munde
dieses Kindes zu hören war wie...
Ja, es war als ob ein kleines Mädchen ihren Vater der Vergewaltigung bezichtigte.
Und das machte den Engel traurig. Trauriger, als er es mit Worten oder Emotionen dem Kind gegenüber je hätte ausdrücken können. Doch er konnte nicht einfach so
aufhören... Er würde auch nicht aufhören... Es war seine Aufgabe zu Enthüllen... und die Prophezeiung wahr werden zu lassen... Egal was es kostete.
Und da war es wieder... dieses Wort; Vergewaltigung,... das unausgesprochen mitklang, als das Mädchen schrie "Geh weg von mir! Dring nicht noch tiefer in meinen Geist ein!"
Hätte dieser Engel die selbe Gestalt und die selben Fähigkeiten wie der 'Engel des Freien Willens' gehabt, so wäre er jetzt sicher zusammengezuckt. Nein, er wollte diesem
Mädchen keine Gewalt antun... er wollte ihr nicht weh tun...
Dennoch musste es getan werden... Es musste einfach geschehen... Noch nie war seine Mission so wichtig gewesen wie dieses Mal.
Doch der Engel hatte Vertrauen und glaubte fest daran, dass der, der da als Lehrer bekannt war, helfen würde. Der Lehrer würde alles planen und die Geschicke der anderen
leiten... und diesmal alles zum Guten führen...
Und fest im Glauben zu sein war nun einmal die Tugend eines jeden Engels.
Und so machte er sich daran, in die Gedanken des Mädchens einzudringen... Jeden noch so kleinen, unbedeutend erscheinenden Gedanken holte er aus den Tiefen ihres Unterbewusstsein
hervor und zeigte ihn Asuka. Ohne Reue und ohne Unterlass. Er war wie eine Maschine,- angetrieben allein von seinem Glauben,- doch das reichte aus.
Und selbst als der einäugige Riese das blendend weiße Licht auf ihn abfeuerte hielt der Engel stand und ließ keine Sekunde lang von seiner Aufgabe ab... Diese Verdammte,
von den Lilim geschaffene Maschine. Sicher würde sie einen zweiten Angriff auf ihn starten... der dann vielleicht nicht mehr ganz so wirkungslos verpuffen würde...
Asuka... das arme Kind... Der Engel hatte Mitleid mit ihr... aber irgendwie fühlte er sich auch als eine Art Richter über sie. Ihre Arroganz und der Hass, der in ihr lebte,
wären ihr Untergang. Allein die Liebe konnte sie retten...
Und der Engel betete, dass ihr der Lehrer bei Zeiten genau DAS verständlich machen würde... Aber vielleicht hatte er es ja schon getan... Doch wie dem auch sei, es war nicht
die Sorge und Aufgabe dieses Engels...
AUFGEHANGEN!
So fühlst du dich also, Asuka? Fühlt es sich wirklich so an, wenn alles was dich noch am Leben hält, der Schmerz ist? Wenn man dir die Luft und den Platz zum Atmen nimmt?
Wenn es heißt; kämpfe, oder ersticke?
HASS!
Du hasst die Leute, die dir am nächsten stehen? Selbst wenn es Lilim sind wie du? Warum? Warum nur hasst du sie so sehr, Kind?
SCHMERZ!
Es tut doch nicht weh, Kind. Ich greife dich doch nicht an... Ich schneide dir doch nicht ins Fleisch... Und ich zerstöre auch nicht deinen Geist... Woher kommt nur all dieser
Schmerz in deinem edlen, kleinen Körper?
SCHAM!
Ein merkwürdiges Gefühl für jemanden, der so Stolz ist wie du... doch halt... ja... es gibt da eine gewisse Logik, auch wenn sie weit hergeholt scheint... Dennoch gibt e
nichts Schrecklicheres als den Hass nach innen auf sich selbst zu richten. Warum? Warum nur denkst du so schlecht von dir, wenn jeder andere Lilim sein Leben opfern würde, um dein
Leben zu führen...
SELBSTMORD!
Ist das deine Triebfeder; Der Wunsch, getötet zu werden, und nicht einfach nur zu sterben?... Den Tod durch die Hand eines anderen zu erfahren?... Du beschäftigst dich viel zu
sehr mit dem Tod, Kind. Du kannst nicht sterben, so lange du nicht gelebt hast.
EINDRINGLING!
Ich bin nicht in dich eingedrungen, Kind. Besonders nicht in diesem Sinne... denn das wäre Blasphemie... Und ich werde auch nicht Besitz von dir ergreifen... Mein Ziel ist es, dir
die Wahrheit vor Augen zu führen...
BEHAGLICHKEIT
Ahh... ja... jetzt erkennst du es, nicht wahr? Und du versuchst Eins zu werden mit deinem Schmerz... Doch warum? Warum nur fällt es dir so leicht Schmerzen zu verdrängen...
Nein, das werde ich dir nicht erlauben...
Ich werde dir nicht erlauben, das alles hier so einfach zu vergessen, und es in dir zu vergraben... Ich werde nicht zulassen, dass du dadurch meine Arbeit und alles andere einfach
zerstörst...
Auch wenn du selbst vielleicht noch nicht in der Lage bist, dich dem anstehenden Test zu unterziehen,- wir anderen sind alle soweit.
Wir Alle...
Ihr Lilim, Deine Familie, Deine Mutter, Shinji, Rei...
Sie alle sind bereit sich der Prüfung zu stellen...
Und meine Aufgabe ist es dafür zu Sorgen, dass auch du bereit bist...
Enttäusche all die anderen nicht.
* * *
Shinji hörte alles mit...
Er hatte keine andere Wahl...
Wie versteinert saß er in seiner Zugangskapsel... und selbst wenn seine Mutter ihm hätte helfen wollen, sie hätte es ohne die Zustimmung seines Vaters nicht geschafft.
Und so war alles was er tun konnte, zuzuhören...
Er konnte hören, wie Ayanami und Toji verzweifelt versuchten gegen den Engel anzukämpfen. Wie es schien hatte Toji die Kanone für den Langstreckenbeschuss von Rei
übernommen, und setzte nun das Feuer auf den Engel fort... Er befahl sich und der Maschine, den Feind zu töten, doch das wollte einfach nicht funktionieren. Selbst mit all ihren
Errungenschaften und all ihrem Wissen konnten sie diesem Engel nicht beikommen.
Rei bekam einen Befehl und verschwand daraufhin für einen kurzen Moment. Shinji betete, dass es ihr gut ging... und dass nicht auch sie von diesem... diesem... DING misshandelt
worden war.
Doch trotz all der Wut, die in ihm brodelte, fühlte er sich wie sein EVA... leblos... kraftlos... irgendwie tot...
Es war ein seltsames Gefühl; beruhigend... und beängstigend zugleich.
"Mutter..." flüsterte er.
"Mutter... ist es das, was du fühlst?"
Doch es kam keine Antwort, und alles was er hörte, waren Asukas verzweifelte Schreie, die über die Com-Verbindung zwischen den EVAs zu ihm drangen.
"Es tut mir so unendlich leid, Mutter... ich wünschte, ich könnte helfen..." flüsterte Shinji.
Es würde nicht mehr als acht Sekunden dauern, den EVA zu aktivieren, und in seinem jetzigen Zustand bräuchte Shinji nicht einmal eine Aufzugsplattform um an die Oberfläche
zu gelangen... Er würde sich seinen Weg mit bloßen Händen graben... Er würde schlichtweg Alles tun, um Asuka zu helfen...
Doch er konnte nicht...
Für einen Moment übermannte ihn seine Wut, und alles woran er denken konnte, war wild um sich zu schlagen und sich von den Halterungen loszureißen, die ihn und seinen EVA
festhielten. Doch in Wirklichkeit würde er sich keinen Millimeter bewegen können,- nicht eher bis sein Vater es erlaubte...
"Wir können nicht riskieren, dass Einheit-01 verseucht wird." hatte er geantwortet, als Shinji gebeten hatte mit seinem EVA rausgehen zu dürfen.
Und so blieb ihm nichts anderes übrig als tatenlos zuzusehen...
Und bittere Tränen zu weinen...
* * *
Maya beobachtete die Szene mit blankem Entsetzen. Und als der Engel schließlich begann den roten Evangelion mit einem unscheinbaren, hellen Lichtstrahls zu bombardieren,
genügte der jungen Wissenschaftsassistentin ein Blick auf die Anzeigen vor ihr, um zu erkennen, was passierte...
Asuka wurde regelrecht zerstört... durch und durch...
Der ganze Kontrollraum hielt die Luft an, als sie die Reaktion des Evangelion sahen... Er umklammerte seinen Kopf und wand sich, so als ob er bei lebendigem Leibe verbrennen würde.-
Und was vor Minuten noch eine Kampfmaschine mit Verstand gewesen war, schien mittlerweile völlig durchgedreht und hilflos, jetzt, da sein Pilot angegriffen wurde... Verzweifelt, wie
sie war, hatte Asuka zuerst noch blind mit ihrem Positronen-Gewehr auf den Angreifer gefeuert... doch es war vergeblich gewesen.
Die fehlgeleiteten Energiestöße aus ihrer Waffe hatten große Schneisen der Verwüstung in die Stadt Tokio-3 geschlagen, die wie tiefe, verbrannte Wunden aussahen...
Doch sie waren nichts im Vergleich zu den Wunden, die Asuka davon tragen würde...
Der Kommandant aber schaute einfach nur zu, und wartete bis Rei wieder auftauchen würde... Seine wunderbare Rei... Sein Schatz... Seine Puppe...
Und dann endlich kam Rei zurück... Nach Stunden des Wartens... untermalt von Asukas Wimmern und ihren nicht enden wollenden Schreien, kam Rei zurück um sie zu retten...
Toji gab derweil sein Bestes, doch so sexistisch es auch klingen mag, war dieser Kampf wohl nicht dazu bestimmt von den Männern unter den Piloten gefochten, und gewonnen zu werden.
Nachdem er noch mehrmals erfolglos mit der Positronen-Kanone für den Langstreckenbeschuss auf den Engel gefeuert hatte, beschränkte er sich nun allein darauf, den Feind im
Fadenkreuz zu behalten, um nötigenfalls zumindest Deckungsfeuer geben zu können...
Die Com-Verbindung aus Reis Zugangskapsel war auf Audio geschaltet und zeigte kein Bild ihres Gesichtes. Keiner sollte sehen, dass sie weinte. Asukas Wimmern und Schluchzen, und nicht
zuletzt ihre Schreie hatten die Erinnerungen zurück gebracht... Erinnerungen daran, wieviel Schmerz es bereitete verletzt und misshandelt zu werden...
Sie wartete nicht einmal auf den Countdown.
Die Lanze war groß und hatte eine in sich gedrehte Spitze. Sie schien etwas lebendiges an sich zu haben... Eine Verbindung von etwas Organischem und Metall, die geführt von
der Hand des Evangelions zum Leben erwachte und sich ganz leicht zu bewegen schien. So als ob sie bereits ihr Ziel und ihre Bestimmung kannte...
Rei kannte den Schmerz, den Asuka verspürte... Sie wusste, wie der Rotschopf sich fühlen musste... denn in diesem Moment überkam auch sie dieses Gefühl der
Hilflosigkeit... das Gefühl gegen einen Feind machtlos zu sein... Egal wer auch immer dieser Feind war...
Sie flehte sich selbst an, nicht wütend zu sein und den Schmerz zu unterdrücken... Doch dieses Mal konnte sie sich nichts vormachen... besonders nicht, als sie von Neuem Asuka
Schreie hörte, und den Todeskampf der roten Einheit-02 sah...
Sie konnte nicht länger zusehen... Und als die Lanze des Longinus schließlich die Hand von Einheit-00 verließ, steckte in ihr auch all die Wut und der Hass, den Rei tief
in ihrem Herzen empfand.
Sie musste nicht einmal zielen um zu treffen.
* * *
'Endlich' dachte der Engel noch, als er das Objekt auf sich zu rasen sah... Und dann verlosch seine Existenz mit einem lauten Krachen, das von überall her widerzuhallen schien.
* * *
Die Folgen dieser Begegnung waren für die Beteiligten unterschiedlich... Dennoch konnte keiner von ihnen behaupten, dass sich sein Leben nicht verändert hatte, oder dass alle
so war, wie zuvor...
Das 'Fourth Children'
Toji saß auf seinem angestammten Platz im Klassenzimmer und lehnte sich in seinen Stuhl zurück. Die rote Abendsonne half ihm dabei die dunklen Gedanken zu verdrängen, die
ihn seit dem Vorfall plagten... Er wollte die Ereignisse der vergangenen Stunden vergessen, und die trügerische Stille des Sonnenuntergangs kam ihm dabei gerade recht. Auch wenn die
untergehende Sonne alles in tiefes Rot tauchte...
Blutrot...
Die Farbe von Einheit-02.
Ein Ausdruck von Angst und Schmerz huschte über sein Gesicht, als er sich an Asukas Schreie erinnerte.
"Suzuhara?" Toji zuckte zusammen, und die arme Hikari wäre vor Schreck beinahe umgefallen. "Bist du okay, Toji-chan?"
"Nein." erwiderte Toji abwesend und blickte wieder aus dem Fenster... "Es tut mir leid, wenn ich dich gerade erschreckt habe. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass noch jemand hier
ist."
"Ich hatte bei dir zu Hause angerufen, und deine Schwester hat gesagt, dass du noch nicht nach Hause gekommen wärst..." Sie wurde rot und wandte sich ab. "Ich weiß, ich
hätte es damit bewenden lassen sollen, aber... ich... ich wusste nicht, ob es dir gut geht... und Asuka ist auch unauffindbar..."
"Sie ist...", begann Toji und zuckte zusammen. "Sie ist mit Shinji zusammen." Und das war die Wahrheit. Asuka hatte sich geweigert ins Krankenhaus zu gehen, und so hatte Shinji sie
entgegen den Befehlen seines Vaters mit nach Hause genommen... Misato hatte es nicht einmal gewagt, zu widersprechen... Nicht nach all dem was die ihr anvertrauten Kinder an diesem Tag
hatten durchmachen müssen...
"Oh.", flüsterte die Klassensprecherin und setzte sich an das Pult neben Toji. "Geht es ihnen denn gut?"
"Nein."
Hikari richtete ihren Blick nach vor auf die Tafel. Seine Antwort hatte so lässig geklungen... Sie wusste beim besten Willen nicht, wie sie seine Worte auffassen sollte.
"Ich denke es gibt keinen bei NERV, dem es jetzt noch gut geht. Nicht nach alldem, was heute passiert ist, Hikari.", erklärte Toji. "Und das schlimmste ist, ich konnte nichts tun,
um zu helfen." Er seufzte und sah hinauf zu den Wolken. Ein Loch klaffte in der ansonsten geschlossenen Wolkendecke... genau an der Stelle, wo die Lanze des Longinus hindurch gefahren
war. "Da hätte ich genau so gut diesem verdammten Ding helfen können."
"Welchem... Ding?"
"Dem Engel.", antwortete Toji. "Und obwohl ich heute nichts falsch gemacht habe... hab' ich nichts reißen können." Er ließ seinen Kopf hängen. "Die Geschichte
meines Lebens, nicht wahr, Hikari-chan?"
"Wa... wie meinst du das?", fragte sie und wurde rot.
"Egal was ich auch tue, und wie sehr ich mir den Arsch aufreiße... es kommt nichts dabei heraus.", erklärte Toji mit leiser Stimme. "Das ist mein schlimmster Alptraum, und er
bewahrheitet sich immer wieder..." Er seufzte und stöhnte auf, als längst vergessen geglaubte Bilder wieder seinen Kopf durchzuckten. "Damals, als ich Shinji verprügelt
habe, kaum dass ich ihn kennengelernt hatte, da war ich mir sicher, dass ich damit meiner Schwester und mir helfen würde, über die Sache hinweg zu kommen..." Er schüttelte
den Kopf. "Doch am Ende war das auch nichts weiter als horrender Schwachsinn, den ich mir eingeredet habe, um mich besser zu fühlen..."
"Man braucht sehr viel Mut um sich seine Fehler einzugestehen, Toji.", entgegnete Hikari. "Außerdem seid ihr beide - Shinji und du - inzwischen gute Freunde. Und wenn du deinen
Fehler nicht eingesehen hättest, dann würdet ihr zwei euch wohl jetzt immer noch aus dem Weg gehen."
"Trotzdem tauge ich als EVA-Pilot bisher höchstens zum Schleppen von Waffen und Munition."
Eine unangenehme Stille setzte ein, dann aber seufzte Hikari mit einem Mal. "So etwas zu sagen ist dir selbst gegenüber nicht fair."
"Fair?" Toji drehte sich um, und blickte seine Freundin an. "War es denn fair, dass der Engel sich heute an Asuka vergriffen hat und vor aller Augen in ihren Geist eingedrungen ist?"
Von Neuem setzte diese schreckliche Stille ein.
Toji stand auf und trat an das Fenster. "Es ist mir egal, wer es ist, oder warum er es tut...", begann er mit leiser Stimme. "Sobald ich mitbekomme dass irgendwer irgendjemanden
vergewaltigt oder sich sonstwie an ihm vergeht, dann werde ich den Schuldigen eigenhändig umbringen,- egal ob Frau, Mann oder Ding..."
Die Klassensprecherin zitterte, als sie hörte, welche Eiseskälte in Tojis Stimme lag. Und sie fragte sich was ihren Freund nur dazu gebracht hatte, solche Worte von sich zu
geben.
"Ich weiß nicht, wie Shinji es schafft damit klar zu kommen... ", fuhr Toji schließlich fort. "Ich... ich würde durchdrehen... Ich weiß wirklich nicht was ich tun
würde..."
Sie sagte kein Wort. Die Bilder, die sich in ihrer Fantasie formten, schockierten sie... Asuka... Oh Gott, was war ihr nur zugestoßen? Doch obgleich sie sich um das Wohl ihrer
Freundin sorgte, traute sie sich nicht die Fragen zu stellen, die ihr auf der Zunge brannten... und sie wollte auch nicht noch mehr über den Vorfall erfahren...
"Warum habe ich ihr nicht helfen können?", meinte Toji schließlich, und in seiner Stimme lag so etwas wie Sorge um den Rotschopf; ein Unterton, den Hikari noch nie gehört
hatte. "Wie gern hätte ich ihr geholfen... VERDAMMT! Da gehorcht mir dieser scheiß EVA endlich einmal, und trotzdem kann ich nichts tun......" Langsam sank er auf den Boden vor
dem Fenster.
Hikari schnappte erschrocken nach Luft und rannte zu ihm hinüber. Ohne zu zögern legte sie liebevoll ihre Arme um seine Schultern. "Toji..."
Etwas feuchtes tropfte auf ihren Arm... Tränen. Toji weinte, doch er gab sich alle Mühe es vor seiner Freundin zu verbergen.
"Das ist nichts schlimmes, Toji... wein' ruhig, wenn dir danach ist... Ich bin für dich da.", flüsterte Hikari leise während sie liebevoll ihr Gesicht auf seine Schultern
legte, und ihn zärtlich, aber dennoch bestimmt, in die Arme schloss. "Es tut mir so leid, dass ich dir nicht mehr helfen kann..."
"Nein.", sagte Toji plötzlich. "Ich habe nicht das Recht zu weinen..."
"Warum nicht?", fragte Hikari mit sanfter Stimme, während nun auch ihr die ersten Tränen die Wangen hinunter liefen, und auf Tojis Schulter tropften.
"Weil ich nicht derjenige bin, den man misshandelt hat... Und ich habe auch nicht mit ansehen müssen, wie man etwas derartiges meinem geliebten Schatz angetan hat.", erwiderte Toji
mit leiser Stimme. "Es tut mir leid, aber ich denke, ich habe kein Recht zu weinen..."
Hikari nickte. Sie zitterte ein wenig, als sie ihre Umarmung lösen musste, weil Toji aufzustehen begann. "Ich... ich verstehe dich..."
Toji, der inzwischen wieder stand, sah ihr in die Augen. "Vielen Dank...", sagte er, und legte seine Arme um ihre Taille.
"Keine Ursache...", erwiderte Hikari kaum lauter als ein Flüstern und stellte sich auf die Zehenspitzen um ihm einen Kuss zu geben...
Und selbst als die Sonne schon längst untergegangen war, stand das junge Pärchen immer noch Arm in Arm im leeren Klassenzimmer...
* * *
Katz und Maus
Ritsuko starrte auf die holographischen Projektionen im Terminal Dogma. Sie waren der beste Weg sich einen Überblick von Tokio-3 zu verschaffen, und wenn man nichts gegen die
abgestandene Luft hatte, hätte man tatsächlich dem Eindruck erliegen können, dass es real war.
Die wild umher feuernde Asuka hatte mit Einheit-02 Schneisen der Verwüstung durch die Stadt getrieben. Es war alles andere als ein friedvoller Anblick. Immer noch lodernde Feuer und
rauchende Trümmer vermischten sich mit den rot-weißen Blinklichtern der Rettungs- und Notfall-fahrzeuge und zeugten von dem vorangegangenen Kampf.
Kampf... nein, das war nicht das richtige Wort. GAU schien eine passendere Bezeichnung... Größtes Anzunehmendes Unheil... Was schief gehen konnte, war schief gegangen...
Im Augenblick war sie allein im Kontrollraum. Das Computerterminal zu ihrer Rechten summte leise vor sich hin, gespeist von der Energie und den Daten der MAGI-Computer. Ritsuko
fühlte sich kalt und einsam... Und genau das machte ihr zu schaffen...
Und selbst wenn es nur die Anspannung und die Ereignisse der vergangenen Tage waren, die jetzt ihren Tribut forderten... Eines war klar... dieses Gefühl nagte an ihr und begann sie
langsam von innen heraus aufzufressen.
Die bedauernswerte Ritsuko schaffte es gerade noch rechtzeitig zur Toilette, bevor sie sich übergeben musste.
Erst nachdem sie sich ein wenig erholt hatte und von dem Waschbecken aufblickte, in das sie sich übergeben hatte, bemerkte sie, dass sie Gesellschaft hatte...
Eine junge Frau hockte mit dem Kopf über einer der Toilettenschüsseln... "S...Sempai?"
Ritsuko stöhnte auf und ließ sich auf den Boden sinken. "Maya..."
Die junge Wissenschaftlerin war kreidebleich, sogar jetzt noch, wo sie andeutungsweise rot wurde... "Entschuldigung. Ich wollte Sie nicht stören..."
Die blondhaarige Frau stöhnte von Neuem, als sie sah, wie Maya versuchte auf die Beine zu kommen. "Setz dich hin verdammt, bevor du dir nachher noch weh tust, Maya."
Maya befolgte den Ratschlag ihres Mentors und schaffte es gerade noch rechtzeitig zu dem Waschbecken neben Ritsuko, bevor ihre Beine nachgaben, und der nächste Brechreiz sie
überkam. "Go...gomen...", flüsterte sie. "Ich... ich kann einfach nicht aufhören... Asuka-chan... Ich...." Sie musste von Neuem würgen. "Ich... Es war einfach
schrecklich."
"Ich weiß.", antwortete Ritsuko, und irgendwie verlieh ihr die Gefühlskälte, die zu ihr zurückkehrte, Kraft.
Maya zitterte und ließ sich ebenfalls auf den Boden sinken. "Ich schätze Sie haben genug andere Dinge im Kopf, um die Sie sich Sorgen machen müssen... Es tut mir leid.
Ich hätte es nicht erwähnen sollen. "
"Du musst denken, dass ich ein kaltherziges Miststück bin.", meinte Ritsuko trocken.
Maya schüttelte zwar den Kopf, aber sagte kein Wort. Sie war sich nicht sicher, ob ihre Freundin nicht vielleicht doch recht hatte.
"Ach Scheiße...", meinte die ältere der Beiden und seufzte. "Weißt du, Maya... ich denke, das ist genau der Grund, warum ich dir niemals die ganze Wahrheit über all
das hier erzählt habe. Ich dachte... dass ich auf diese Weise zumindest eine Zeit lang verhindern könnte, dass auch du mich hasst.."
"Sempa..."
"WARTE!", befahl Ritsuko ungewohnt energisch, und Maya blieb das Wort im Halse stecken. "Das war jetzt KEIN Versuch, dein Mitleid zu erlangen." Sie wandte sich ab. "Ich will, dass du
weißt... Dass ich dich ab jetzt nicht mehr länger wie ein unreifes, kleines Schulmädchen behandeln werde, Maya. Du hast besseres verdient." Sie seufzte. "Ich habe da
alles hier so satt! Und das Schlimmste ist, das meiste von alledem hier ist meine Schuld..." Sie seufzte noch einmal und lehnte sich dann zurück, wobei sie mit ihrem Kopf an da
Waschbecken stieß. "Autsch!"
Maya ließ ihren Kopf hängen. "Ja, ich denke, da ist etwas wahres dran."
Ritsuko blinzelte. Sie war von Mayas Antwort überrascht, hatte sie doch erwartet, dass die junge Frau ihr entschieden widersprechen würde. Dennoch beließ sie es dabei und
nickte einfach nur. "Asuka wird uns wohl als Pilot nicht mehr weiter zur Verfügung stehen,- es sei denn es tritt ein absoluter Notfall ein.", meinte sie schließlich und rieb
ihre Schläfen. "Wir werden uns wohl nach einem Ersatz für sie umsehen müssen." Sie seufzte. "Ich bin dieses Spiel langsam leid. Die Leute um mich herum scheinen in letzter
Zeit wie die Fliegen zu sterben." Dr. Akagi wandte sich ihrer Assistentin zu. "Und das gefällt mir nicht."
"Was würde Ihnen denn gefallen?", fragte Maya nach einem Moment des Schweigens.
Ritsuko blinzelte. "Ich weiß nicht... Es ist lang her, dass ich das letzte Mal etwas getan habe, was mir gefällt."
"Warum sind Sie dann hier?", fragte Maya mit einem Schulterzucken. "Sind Sie nicht hier, weil Ihnen die Arbeit Spaß macht?"
"Nein." Ritsuko seufzte. "Nicht, wenn soviel von meiner Arbeit abhängt." Sie hielt einen Augenblick lang inne. "Ich schätze es gab eine Zeit, da hat mir meine Arbeit Spaß
gemacht... Ich erinnere mich noch an Tage, wo ich morgens mit dem Gefühl aufgewacht bin, dass ich durch meinen Job die Welt zum Besseren verändern würde."
Maya lächelte zaghaft. "Das hört sich fast genau so an wie der Grund, aus dem ich jeden Tag herkomme."
Ritsuko nickte und seufzte. "Ich bin sicher, dass viele Mitarbeiter von NERV wahrscheinlich genauso denken... anderenfalls hätten wir diesen Krieg nämlich schon vor langer Zeit
verloren..." Sie blickte ihre Assistentin an. "Kann ich dich was fragen?"
Maya nickte. "Klar."
"Wie kommst du über die Tage hinweg, an denen du viel lieber im Bett liegen, und einfach nur faulenzen würdest?"
"Sempai?"
Ritsuko seufzte leise. "Ich erinnere mich an einen Tag... es muss wohl letzten März gewesen sein... wo ich endlich mal frei hatte. Es war wundervoll, einen ganzen Tag lang einfach
mal nichts zu tun... Und wenn ich so darüber nachdenke, dann ist Faulenzen wohl das Einzige, dass mir im Moment Spaß machen würde." Ihr Lächeln wirkte ein wenig
verlegen. "Ich bin den ganzen Tag lang einfach im Bett geblieben; habe fern gesehen, meine Katzen gestreichelt, wenn sie zufällig zu mir kamen, und mich die ganze Zeit über
gefragt, warum ich immer noch zu Hause war, und nicht bei der Arbeit."
Maya schmunzelte und errötete leicht. "Das hört sich nach einem sehr gemütlichen Urlaubstag an, Sempai."
"Stimmt... aber wie würdest du denken, wenn es die einzige Freude wäre, die dir vergönnt wäre?", entgegnete Ritsuko mit einem Kopfschütteln. "Und genau diese
Frage quält mich immerzu... denn ich würde viel lieber mein ganzes Leben so wie diesen einen Tag verbringen, als aufzustehen um NERV und seinen geisteskranken Commander davor zu
bewahren, zur Hölle zu gehen."
Maya blickte einen Moment lang ziellos durch die Damen-Toilette und zuckte schließlich mit den Schultern. "Ich habe immer etwas, auf dass ich mich freuen kann, wenn ich zur Arbeit
komme... "
"Und das wäre?", fragte Ritsuko neugierig.
Maya wurde knallrot, was sehr verwunderlich war, wenn man bedachte wie blass sie vor ein paar Sekunden noch gewesen war. "Der Kaffee..."
Doktor Akagi blinzelte verwundert.
Maya seufzte. "Wenn ich einmal ganz und gar keine Lust habe zur Arbeit zu gehen... dann erinnere ich mich einfach daran, dass ich dort die Gelegenheit bekomme, gemeinsam mit Ihnen am
Morgen eine Tasse Kaffee zu trinken... oder an manchen Tagen auch nochmal zwischendurch..."
Ritsuko grinste. "Maya... wenn das der einzige Grund ist, aus dem du dich..." Sie hielt inne und wandte ihren Blick ab. "Na ja... aus dem du dich deinem Arbeitgeber so verbunden
fühlst, dann könnten wir sicher auch jemand anderen finden, mit dem du Kaffee trinken kannst."
Maya runzelte die Stirn. "Sempai, wenn ein Schwätzchen bei einer Tasse Kaffee der einzige Grund wäre, dann hätte ich schon vor langer Zeit aufgehört, Sie zu
bewundern." Verwundert über ihre eigenen Worte und ihre Offenheit blinzelte sie, und schaute verlegen zu Boden. "Denn sie sind nicht sehr gesprächig... Auch nicht nach ihrer
zweiten Tasse..."
Ritsuko warf Maya einen fragenden Blick zu. "Warum dann?"
"Weil es die einzige Gelegenheit ist, bei Ihnen zu sein, ohne die nervenden Blicke und blöden Sprüche der anderen ertragen zu müssen...", sagte sie und seufzte leise. "Ich
bin nun einmal gern in Ihrer Nähe... Die anderen denken sogar, dass ich verrückt bin, denn jedes mal wenn ich in Ihr Büro komme und anbiete, Ihnen einen Kaffee zu holen,
endet es damit, dass Sie mir einen großen Batzen Arbeit auflasten. Der Rest Ihrer Mitarbeiter würde sich wohl lieber beide Arme abhacken lassen, als Ihnen einen Kaffee zu
holen!", meinte sie und schüttelte den Kopf. Dann aber begann sie leise zu lachen. "Irgendwie ist es sogar lustig, die Reaktionen der anderen zu beobachten, wenn ich dann
zurückkomme. Sie sehen mich mit so einer Art dankbarem Blick an... so als ob ich mich gerade freiwillig auf eine Handgranate geworfen hätte, um ihr Leben zu retten. "
Ritsuko konnte nicht anders als zu Lächeln.
"Trotzdem... das ist nicht der Grund, aus dem ich es tue." Sie wurde rot. "Ich... na ja... verehre Sie, weil Sie eine außergewöhnliche, brillante Person sind.", gab sie
schließlich zu als sie ein wenig mehr Selbstvertrauen gewonnen hatte. "Ich habe die Gelegenheit an Ihrer Seite zu arbeiten, und das ist eine gewaltige Ehre für eine
unbedeutende, wissenschaftliche Assistentin wie mich."
"Also... gibt du dich mit mir ab, weil du auf Genies stehst?", fragte Ritsuko und blinzelte.
Maya musste nach Luft schnappen und versuchte ihr knallrotes Gesicht zu verbergen. "NEIN!", antwortete sie und keuchte. "Ich.. ich stehe nicht auf Genies... Es ist nur..." Sie
schüttelte den Kopf. "Ich.. ich bewundere Sie und versuche Ihnen nachzueifern." Sie blickte zu Boden. "Ich... ich weiß es hört sich schmalzig an... aber ich denke es ist
so wie bei... wie bei Ehepaaren, wo der eine die 'Bessere Hälfte' des anderen ist... und sie sich gegenseitig ergänzen. "
Obwohl die gute Ritsuko nicht viel von solchen Dingen wie Ehe und wahrer Liebe zwischen Männern und Frauen verstand, so entging ihr dennoch nicht die tiefere Logik, die in Maya
Worten steckte. "Also dann... magst du mich, weil wir zusammen ein gutes Team sind?"
"Im Prinzip ja... aber es ist viel komplizierter...", flüsterte Maya und errötete noch ein wenig mehr.
"Die Gefühle der Menschen sind nun mal etwas Kompliziertes.", seufzte Ritsuko und drehte Maya den Rücken zu. "Wenn es dir nur um so etwas wie Teamwork ging, dann könnte
man genau so gut sagen, dass Shinji in Einheit-01 verliebt ist, und Asuka in Einheit-02."
"Oder der Commander in Fuyutsuki-Sensei.", fügte Maya hinzu.
Als sie sich vorstellte, wie der Kommandant und sein Vize von purer Lust getrieben übereinander herfallen, konnte Ritsuko nicht anders als zu schmunzeln. Und das genügte um da
Eis in ihrem Herzen zu brechen. Und am Ende lachte sie so laut, dass jeder, der in diesem Moment hereingekommen wäre, sie für verrückt gehalten hätte. "MAYA! DAS...
DAS IST ABARTIG!"
Maya kicherte. "Tut mir leid... War nur so ein Gedanke.. ich meine, sie sind immer zusammen da oben in ihrem kleinen Büro..."
Ritsuko tat einen tiefen, langen, irgendwie reinigenden Atemzug und stand langsam auf... Dann reichte sie Maya ihre Hand. "Komm mit."
"Hä?" Maya blinzelte verwundert, nahm aber die Hilfe an, um wieder auf die Beine zu kommen. "Wo gehen wir hin?"
"Die Arbeit morgen wird sicher wieder die Hölle.", meinte Ritsuko und seufzte, während sie gemeinsam aus der Damen-Toilette traten. "Aber heute Abend werden wir auch nicht
mehr daran ändern können. Ich sag' dir was... lass uns ausgehen und gemeinsam eine Tasse Kaffee trinken."
"Wirklich?" Maya blinzelte und wurde rot. "Und es... es würde Ihnen nichts ausmachen. Auch nicht, nachdem ich Ihnen gesagt habe, was ich für Sie empfinde?"
Ritsuko schüttelte den Kopf. "Maya... Das ist doch keine Verabredung zu einem romantischem Abendessen bei Kerzenlicht, mit Tanz und anschließender Kissenschlacht im Bett." Sie
stöhnte als sie sah, dass Maya inzwischen rot wie eine Tomate war. "Ich will einfach nur mit meiner Mitarbeiterin Kaffee trinken gehen. Einverstanden???"
Maya nickte. Sie war schrecklich verlegen, doch ihrem Herzen zu Liebe würde sie es durchstehen. "O...okay, Sempai."
"Und das heißt Ritsuko. Tu mir den Gefallen, wenn auch nur für heute Abend, okay?" Sie schmunzelte "Das ist das wenigste, was du für mich tun kannst, nachdem du mich mit
deiner Theorie von Gendos und Fuyutsukis heißen Liebesspielen zu Tode geängstigt hast..."
Maya sah betreten zu Boden. Dennoch lächelte sie. "Wie Sie meinen, Ritsuko-san."
"Schon viel besser, Maya-san.", antwortete sie und lächelte. "Und jetzt lass uns zusehen, dass wir hier raus kommen, sonst hasse ich diesen Ort nachher noch mehr, als ich es ohnehin
schon tue."
* * *
Spion und Lehrer
"Wen haben wir denn da?... Na wenn du im Moment keinen erbärmlichen Eindruck machst, dann weiß ich es auch nicht.", meinte Kaji mit einem breiten Grinsen während er die
Tür öffnete und die karge Gefängniszelle betrat.
"Ich... Ich hasse dich...", schrie Kaoru und schnappte nach Luft, als das von draußen hereinfallende Licht seine blutunterlaufenen, roten Augen traf. Es war offensichtlich, da
ihn die Schmerzen und der enorme Blutverlust bereits in eine Art Schockzustand versetzt hatten...
"Nun, ehrlich gesagt habe ich dich auch nicht gerade in mein Herz geschlossen.", erwiderte Kaji gewohnt gelassen, während er neben den am Boden liegenden, zitternden Mann
niederkniete. "Aber freu dich, ich bin hergekommen um dich von deinen Qualen zu erlösen."
Kaorus Körper hörte augenblicklich auf zu zittern, als er spürte, wie der Lauf einer Pistole gegen seine Schläfe gepresst wurde. "Was... was zum Teufel machst du
da?"
"Wie es aussieht wurdest du nur angeschossen, und da dachte ich mir halt, warum die angefangene Arbeit nicht hier und jetzt zu Ende führen?", antwortete der Spion gelassen.
"Ich habe aber noch etwas zu erledigen.", entgegnete Kaoru leise und biss vor Schmerzen auf die Zähne. "Und so lange ich nicht verblute werde ich nicht sterben. Du wirst dich mir
nicht in den Weg stellen."
"Und was hast DU die ganze Zeit über getan?", erwiderte Kaji ohne auch nur einmal verwundert zu blinzeln. "Du hast mir vor einiger Zeit mal gesagt, dass du etwas Wichtiges zu tun
hättest... und dass es eine Aufgabe sei die Dinge zu verändern, und den Leuten zu helfen. Aber alles was ich bisher von dir gesehen habe war, dass du dich Gendo in den Weg
gestellt hast." Er schmunzelte. "Nicht, dass es mir nicht gefallen hätte, wie du dem Commander auf den Schlips getreten bist, nur frage ich mich, ob du noch zu was anderem fähig
bist als nur Possen zu reißen und mit den Gedanken anderer Leute Spielchen zu spielen."
"Es freut mich, dass dir meine Vorstellung gefallen hat.", meinte Kaoru als eine neue Welle des Schmerzes seinen Körper erzittern ließ.
"Mmm..." Kaji nahm seine Pistole und prüfte demonstrativ das Magazin. "Und wie gefällt dir meine Vorstellung gerade?"
"Mach..." Kaorus Stimme versagte und er begann zu husten. "Tut mir leid, aber wie du siehst geht es mir nicht ganz so gut..."
"Oh, das macht nichts. Ich habe zehn Minuten, bis die Wache draußen vor der Tür wieder wach wird.", meinte Kaji mit einem Schmunzeln. "Lass dir ruhig Zeit."
Kaoru stöhnte vor Schmerzen als er sich aufsetzte und seinen Rücken gegen die Wand lehnte. "Weißt du eigentlich wie schwer es ist, Leute zu manipulieren?", meinte er
schließlich und ignorierte die Waffe, die immer noch auf seinen Kopf gerichtet war...
"Ja, ich habe schon öfter gehört, dass es eine wirklich anstrengende Sache ist.", antwortete der Spion und runzelte die Stirn. "Auch für Leute wie Gendo, die es ja
tagtäglich tun. "
"Na ja... eines kannst du mir glauben... es ist nochmal um Ecken schwieriger, wenn du versuchst es aus den richtigen Gründen zu tun.", sagte Kaoru während er seinen verletzten
Arm hielt und mit einigen tiefen Atemzügen die Welle des Schmerzes zu unterdrücken versuchte.
"Ahhh, verstehe... Und Misato zu vögeln ist einer dieser 'richtigen' und 'noblen' Gründe, nicht wahr?"
"Halt die KLAPPE!" zischte der Sensei wütend, aber mit müde klingender Stimme. "Du hast gesagt ich hätte zehn Minuten Zeit, und die werde ich auch nutzen..."
"Mittlerweile nur noch Acht. Oder besser Sieben, denn ich brauche noch eine Minute um unbehelligt hier herauszukommen, nachdem ich dich umgelegt habe."
"Na Toll.", grummelte Kaoru. "Na gut, dann lass mich dir eine Frage stellen... gibt es Momente in deinem Leben,- oder deinem Job,- wo du gern etwas tun würdest... es aber nicht
kannst?"
"Meinst du damit sowas, wie... dass ich dich jetzt am liebsten erschießen würde, aber mein Gewissen mich dazu zwingt, dir nochmal eine Chance zu geben, weil ich nicht sicher
bin, ob du für mich nutzlos bist, oder nicht?"
"Ja... sowas in der Art.", meinte Kaoru trocken.
"Ohhh, ja..." Kaji schmunzelte. "Solche Situation kenne ich zur genüge..."
"Dann wirst du sicher auch verstehen, dass ich jetzt nicht einfach so Schluss machen kann.", erklärte Kaoru gefasst und mit leiser Stimme. "Nicht jetzt, wo bereits alles vorbereitet
ist... und wir so nah dran sind..."
"Nah dran an WAS?", fragte Kaji und verlieh mit einer Bewegung seiner Pistole seiner Forderung nach Auskunft Nachdruck. "Ich habe mir den ganzen Tag lang Misatos Gejammer anhören
müssen, wegen dem was dieser Engel der armen Asuka angetan hat! WAS IST SO VERDAMMT RICHTIG,GUT UND NOBEL DARAN, DASS JEMAND IN ASUKAS KOPF EINDRINGT UND SICH AN IHREN GEDANKEN UND
ERINNERUNGEN VERGREIFT!?"
Kaoru blinzelte. Er war sichtlich verwundert.
"Es... es ist bereits passiert?", fragte er und sah Kaji aus weit aufgerissenen Augen an.
"Was ZUM TEUFEL meinst du mit 'BEREITS'!?", zischte Kaji. "Du meinst, du WOLLTEST, dass es passiert? Du.. Du WUSSTEST, dass es passieren würde und hast nichts, aber auch GARNICHTS,
dagegen unternommen?"
"Ich... ich wusste nicht... es ist... Ich meine...", stotterte Kaoru und musste schwer schlucken. "Du musst mir glauben... Ich... ich wollte auch nicht, dass es passiert! Aber wenn e
nicht geschehen wäre..."
"Wenn es nicht geschehen wäre...?", knurrte Kaji gefährlich. "Du hörst dich ja schon wie Gendo an."
Kaoru schüttelte den Kopf. Die Neuigkeiten, die er soeben erfahren hatte, verwirrten ihn noch immer. "Ich... ich hatte nicht damit gerechnet, dass es bereits so früh geschehen
würde. Etwas... Irgendetwas läuft schief... SEELE... sie müssen etwas herausgefunden haben... etwas, von dem ich nie gedacht habe, dass sie es herausfinden
würden..."
Kaji zuckte zusammen. Die Art und Weise, wie der Sensei redete, war irgendwie... unheimlich... und angsteinflößend. Dieser Kaoru redete wie Gendo, und er verhielt sich auch
schon so wie Gendo. Verflucht nochmal, er trug sogar die gleiche Brille wie dieser Bastard. Oh, wie sehr er doch diese Brille hasste...
"Ja... SEELE hat bestimmt herausgefunden, dass du nichts weiter als ein zweiter Gendo bist.", antwortete Kaji schließlich während er von Neuem die Waffe auf den Sensei
richtete. "Nichts weiter als ein gottverfluchter Puppenspieler, der jeden manipuliert und nach seiner Pfeife tanzen lässt." Er entsicherte seine Pistole.
Kaoru schaute auf und sah dem anderen Mann in die Augen. "Kaji... bitte... tu's nicht...", sagte er mir ruhiger Stimme und schüttelte den Kopf. "Es dauert noch eine Weile bis e
passiert. Wir können sie immer noch retten..."
"Jetzt verstehe ich es... Du bist auch nichts anderes als ein verdammter Puppenspieler... jemand der uns nur an der Nase herumführt, und uns kontrollieren will..." Kaji richtete von
Neuem seine Waffe auf den Sensei und schloss seine Augen. "Du bist zwar gut... so gut, dass sogar Gendo beeindruckt war..."
Kaoru zuckte zusammen.
"Aber jetzt ist Schluss..."
Ein Schuss hallte durch die karge Gefängniszelle...
Doch kaum dass die Kugel den Lauf verlassen hatte, mischte sich ein lautes Grollen darunter, und für Sekundenbruchteile war ein heller Blitz zu sehen...
Der Wachposten draußen vor der Zellentür hat jedoch weder etwas gehört, noch etwas gesehen... denn er wurde augenblicklich von einem A.T.-Feld getötet.
Das 'First Children'
Langsam aber sicher empfand sie den Geruch des LCL als abstoßend. Doch im Endeffekt... und wenn nichts anderes mehr half... war es das einzige, das ihr zumindest ein wenig da
Gefühl von Geborgenheit schenkte...
Trotzdem hasste sie es.
Warum empfand sie dieses Gefühl der Geborgenheit nicht, wenn der Kommandant in ihrer Nähe war? In der Vergangenheit hatte er ihr doch so viel Liebe und Fürsorge entgegen
gebracht. Er war immer für sie da gewesen... Er war der Grund aus dem sie existierte...
Sie hasste es, nicht mehr als ein Mittel zum Zweck zu sein...
Zum ersten Mal in ihrem Leben waren Rei Ayanami die Tränen ausgegangen. Sie hatte sich immer gefragt warum Leute einfach aufhörten zu weinen, obwohl der Grund, aus dem sie
weinten, immer noch präsent war... oder warum sie nicht von Neuem weinten, wenn der gleiche Grund wieder auftauchte...
Egal wie schlimm es war... irgendwann würden sie alle aufhören zu weinen...
Sie hatte immer gedacht, dass es daran läge, dass der Mensch lernen würde mit den Schmerzen zu leben. Sich damit abzufinden... und sie vielleicht sogar irgendwie als angenehm
zu empfinden...
Doch da hatte sie unrecht.
Die Bilder des Zwischenfalles und Asukas Schreie verfolgten sie immer noch... Und ihre Augen brannten bei dem Versuch noch mehr Tränen zu vergießen... Doch sie konnte einfach
nicht mehr weinen... Selbst nicht, als sie sich vorstellte, wie es gewesen wäre, hätte der Engel sich an ihr vergriffen, statt an Asuka...
Als er angefangen hatte, den Geist des EVA-Piloten zu vergewaltigen, hatte sie sich wirklich einen Moment lang gewünscht, selbst das Opfer zu sein...
Doch dann... wurde ihr erst richtig klar, was genau der Engel tat... und dass sie selbst etwas derartiges bereits durchgemacht hatte.
Dass sie dieses Trauma schon so oft durchlebt hatte...
Doch die Erinnerungen daran waren nicht durchweg schlechter Natur...
Sie erinnerte sich, welches Wohlbehagen es mit sich gebracht hatte, zum ersten Mal menschliche Wärme zu spüren und in die Arme genommen zu werden. Sie fühlte sich so
verwirrt und fehl am Platze... damals, kurz nach ihrer Geburt...
Sie spürte in Gedanken noch die Stiche der Nadeln, die die Ärzte in ihren Körper gestochen hatten... und wie jeder Schluck Wasser und jeder Bissen sie schläfrig
gemacht hatte, obwohl es ihr doch eigentlich Kraft und Stärke hätte verleihen sollen.
Und alle diese Erfahrungen dienten einzig und allein nur dem Zweck, ihren Geist mit Gewalt für die Welt um sie herum zu öffnen, und ihre Seele mit metallenen Fäden an den
EVA zu binden...
Und all das... all das war eine einzige Vergewaltigung.
Selbst wenn sie in körperlichem Sinne immer noch jungfräulich war...
Nein, Gendo hatte sie nie im herkömmlichen, körperlichen Sinne vergewaltigt... Es gab zwar immer wieder hier und da so gewisse Gerüchte... doch ein Blick in seine sanften
Augen würde sie dann stets vom Gegenteil überzeugen.
Sie mochte den Ausdruck von Sanftmut in seinen Augen.
Vielleicht war das ja auch der Grund, aus dem er seine Augen immer zu verbergen suchte... doch Rei hatte hinter die getönte Brille sehen können, die er immer trug... Es war
zwar schon einige Zeit her... doch es kam ihr vor als wäre es erst gestern gewesen.
Dennoch brachten diese sanften Augen sie auch dazu Dinge zu tun, die sie nicht tun wollte. Und mittlerweile glaubte sie sogar zu verstehen, warum er sie stets mit solch sanften Augen
angeschaut hatte...
Sie tat ihm leid... Sie tat ihm so leid, dass er sie nicht wirklich, körperlich...
Rei rollte sich zu einem kleinen Häufchen Elend zusammen, während sie schwerelos in ihrem mit LCL gefüllten Bassin trieb. Das Echo ihres Herzschlages kam ihr vor wie der
Herzschlag der Welt dort draußen. Bis heute hatte sie nicht gewusst, dass es auch andere Arten des Missbrauchs und der Vergewaltigung gab... andere Arten, sich an jemandem zu
vergreifen...
Sie wollte weinen, doch sie konnte nicht.
Heute aber... heute hatte sie begonnen, sich gegen das Unrecht, das man ihr und anderen antat, zu wehren...
Und... eher zufällig... hatte sie einen Weg gefunden, den Engel abzulenken, und ihn dazu gebracht, seinen Angriff für einen Augenblick zu unterbrechen.
Hätte sie es nicht getan... wäre Asukas Geist zusammen mit dem Engel gestorben...
Rei trieb immer noch schwerelos im LCL.
Sie schloss die Augen, als der Schmerz in ihrem Herzen sie wieder einholte, und versuchte, sich auf etwas angenehmeres zu konzentrieren...
Und sie begann wieder 'Ode an die Freude' zu summen.
* * *
Der Ritter und die schöne Maid
Es war völlig dunkel im Appartement.
Und totenstill.
Das Schluchzen aus Misatos Zimmer hatte schon vor einer ganzen Weile aufgehört. Sie hatte versucht für ihre beiden Kinder da zu sein... Tapfer zu sein...
Doch es war ihr nicht gelungen, und so blieb ihr einzig und allein die Einsamkeit ihres Zimmers und der Schlaf, um vielleicht in ihren Träumen ein wenig Trost zu finden.
Shinji hatte versprochen die ganze Nacht über bei Asuka zu bleiben, doch Misato hatte sich bei ihm noch nicht einmal bedankt. Sie schämte sich den beiden Piloten derart hilflo
gegenüber zu treten.
Die beiden Kinder hockten auf dem Boden im Wohnzimmer. Asuka war in Mitten des Zimmers regelrecht zusammen-gebrochen, und Shinji hielt sie nun in seinen Armen. Er hatte eine Decke um
ihre Schultern gelegt, damit sie es warm hatte und nicht so sehr zittern würde... Doch das half nicht... Sie zitterte immer noch... viel zu stark um Schlaf finden zu
können...
"Shinji...", flüsterte sie leise.
"Hai?"
"Lass mich jetzt bitte nicht allein..."
"Hai.", flüsterte er zurück. Es war bereits das neunte Mal allein in dieser Stunde, dass sie ihn bat, sie nicht allein zu lassen... doch egal wie oft sie es noch fragen
würde... Shinji würde niemals müde werden, ihr die Antwort zu geben, die sie hören wollte, und die aus seinem tiefsten Herzen kam. Selbst wenn der Boden nachgeben
würde und sie hundert Stockwerke tief in den Tod stürzten... er würde sie niemals loslassen.
"Shinji...?"
"Hai?"
"Ich will mich nicht so fühlen müssen...", sagte sie mit leiser Stimme.
Shinji blinzelte. "Hai." Er war überrascht. Seit Stunden hatte sie nichts anderes als seinen Namen und 'lass mich nicht allein' gesagt.
"Ich will es dir erzählen, Shinji.", sagte sie schließlich.
"Asuka...?"
"Ich will dir erzählen, was der Engel mir gezeigt hat.", flüsterte der Rotschopf leise. "Ich will, dass auch du es weißt..."
"Nicht Asuka...", entgegnete Shinji, und mit einem Mal stieg dieses Gefühl der Angst in ihm hoch. "Bitte, Asuka... du darfst nicht mehr..."
"Shinji...", unterbrach sie und sah ihm in die Augen. "Ich... ich werde nicht zulassen, dass der Engel der Einzige ist, der weiß, was in mir vorgeht... Der junge Mann, den ich von
ganzem Herzen liebe, muss es auch erfahren...", erklärte sie mit sanfter Stimme. "Es.. es ist der einzige Weg..."
"Aber davon zu reden, wird weh tun...", flüsterte Shinji. Er spürte, wie nun auch seine Augen begannen feucht zu werden.
"Es wird aber auch nicht besser, wenn ich mich keinem anvertraue..."
Shinji versuchte sich ihren Blicken zu entziehen. "Aber es ist vielleicht nicht mehr ganz so schlimm, wenn du es mir nicht erzählst... und versuchst es zu vergessen..."
Asuka schüttelte den Kopf. "Shinji... Ich habe mich bereits entschieden.", erwiderte sie leise, und mit einer Stimme die zwar ein wenig zitterig war, aber dennoch ruhig und gefasst
wirkte. "Wenn ich es dir jetzt nicht erzähle, dann hat der Engel gewonnen... und nimmt mir das Wichtigste überhaupt..."
Shinji nickte zaghaft.
"Du... du hast dich den Anweisungen deines Vaters widersetzt um bei mir sein zu können...", sagte sie leise. "Bitte... bitte lass mich jetzt nicht allein... nicht jetzt, wo ich dich
so sehr brauche..."
Er nickte und sah ihr tief in die Augen. Sie waren so wunderschön... Und auch wenn sie viel von ihrem lebensfrohen Funkeln eingebüßt hatten... gaben sie ihm dennoch neue
Kraft und neuen Mut...
"Ich bleibe bei dir und werde dir zuhören, mein Liebling...", sagte er mit sanfter Stimme und einem leichten Kopfnicken. "Ich verspreche es..."
Sie setzte sich ein wenig auf und lehnte sich an seine Brust, während er sie sanft in seine Arm schloss und vorsichtig ihre Hand nahm...
Und dann begann Asuka zu erzählen...
Von ihrer Mutter... ihrem Vater... dem Projekt-E...
Davon, wie sie gefühlskalt wurde, als es an der Zeit war zu weinen...
Und wie ihr Vater und ihre Stiefmutter zu einer Familie zusammenwuchsen, und sie allein zurückblieb...
Sie erzählte ihm vom Tod ihrer Mutter...
Warum sie an ihrem Grab nicht einmal hatte weinen können... Und wie sich der Anblick ihrer Mutter - tot am Seil baumelnd, mit der Puppe in der Hand - mit einer derartigen Kraft in
ihr Gedächtnis gebrannt hatte, dass der Schock sie beinah umgebracht hätte.
Und vielleicht hatte ihre Mutter sogar genau darauf gehofft...
Shinji weinte als Asuka ihm erzählte, dass sie sich immer noch an den Geruch des Todes erinnern konnte, der an jenem schicksalhaften Tag das Zimmer ihrer Mutter erfüllt hatte.
Und dass nicht nur die Bilder, sondern auch dieser Geruch sie verfolgte, und sie ihn manchmal sogar zu riechen glaubte... selbst wenn sie mit ihm oder Misato zusammen war.
Sie erzählte ihm, dass Rei mit ihrem Wesen und ihrem Verhalten genau die Art von Tochter darstellte, die sich ihre Mutter immer gewünscht hatte, und dass sie daher da
blauhaarige Mädchen nur zu gern als Puppe bezeichnete.
Aber sie erwähnte auch, dass sie sehr froh und irgendwie auch stolz war, dass sie sich geirrt hatte, und Rei keine Puppe war,- ebensowenig wie sie selbst eine war.
Der letzte Teil hatte Shinji ehrlich gesagt ein wenig überrascht, doch er sagte nichts, und wartete geduldig bis sie fertig war...
Asuka erzählte bis tief in die Nacht, und wenn sie einmal vor lauter Weinen und Schluchzen nicht weiter wusste, dann hat Shinji sie einfach etwas fester in seine Arme geschlossen
und ihr durch seine Nähe die Kraft gegeben, die sie brauchte um weiter zu machen...
Und dann begann Shinji von seiner Mutter zu erzählen...
Und auch er ließ kein Detail aus. Er erzählte, wie sein Vater ihn in dem Moment verstoßen hatte, da er ihn am meisten gebraucht hätte. Er erzählte von den
Jahren... den unendlich langen Jahren... die er allein, und in sich gekehrt verlebt hatte, ohne eine Wahl gehabt zu haben.
Asuka lauschte gebannt und mit Tränen in den Augen, und sie weinte offen, als Shinji sich daran erinnerte, wie er jede Woche nach dem Cello-Unterricht allein und einsam nach Hause
gegangen war, obwohl seine Mitschüler immer wieder versucht hatten sich mit ihm anzufreunden, indem sie ihm Mitfahrgelegenheiten bei ihren jeweiligen Vätern oder Müttern
anboten...
Doch er war zu schlau gewesen, um den Schmerz zu übersehen, den solche und ähnliche Angebote und Freundschaften mit sich brachten. Er war schon immer ein aufgeweckter, kluger
Junge gewesen... der sich vor Schmerzen fürchtete,- sich vor ihnen versteckte,- und vor ihnen floh...
Und irgendwann in dieser Nacht... nachdem jeder von beiden geweint, seine Geschichte erzählt, und dem Partner zugehört hatte... verschwammen die Grenzen... und sie merkten,
dass es keinen Unterschied machte, ob er aus seinem Leben erzählte, oder sie aus ihrem... denn die Geschichten war die Selben... Nur die Namen und die Orte waren andere... Und wa
für den einen das Cello, war für den anderen die Geige, und zerfledderte Stoffpuppen erfüllten den gleichen Zweck wie SDAT-Player.
Irgendwann in dieser Nacht fanden die beiden Teenager zum ersten Mal in ihrem Leben zueinander und einigten sich auf einen gemeinsamen Nenner, der es ihnen erlaubte einander zu
verstehen...
Eine ganze Stunde lang lagen sie einfach nur eng umschlungen da, und lauschten dem Atem des anderen. Keiner von ihnen brachte auch nur ein einziges Wort hervor, oder vergoss eine weitere
Träne. Sie verspürten keinen Schmerz, keine Freude, gar nichts,- Sie waren einfach nur beisammen. Und das war alles, was sie brauchten.
"Ich muss mal...", flüsterte Asuka mit einem Mal.
"Ich auch.", erwiderte Shinji mit einem herzlichen Lächeln. "Geh du zuerst, ich warte hier."
Asuka begann mit einem Mal zu zittern und schüttelte den Kopf. "Nein. Bitte komm mit."
Er wollte schon protestieren, doch sie schmiegte sich so eng an ihn, dass er garnicht umhin kam, zuzustimmen. "Okay..."
Und so stolperten die beiden letztlich gemeinsam, Arm in Arm, ins Badezimmer, und Shinji konnte nicht anders, als sich zu wundern, wie absurd die ganze Sache doch war. Es war ihm zwar
nicht allzu peinlich, dass er neben Asuka stand, während sie ihren Schlüpfer auszog und sich auf die Toilette setzte, aber trotzdem war es irgendwie ein merkwürdige
Gefühl, besonders da sie die ganze Zeit über ihre Arme um seine Hüfte gelegt hatte.
Bei ihm dagegen gestaltete sich die Sache ein wenig einfacher, da er die ganze Angelegenheit im Stehen verrichten konnte, während Asuka ihn die ganze Zeit über mit einem
gelassenen und fast schon emotionslosen Ausdruck auf dem Gesicht beobachtete.
Als er fertig war sah sie ihn an.
"Shinji?"
"Hai?"
Eine Träne rollte ihre Wange hinunter. "Ich fühle mich schmutzig."
Er nahm sie in den Arm und drückte sie an sich. "Wie kann ich dir helfen?"
"Ich will ein Bad nehmen.", antwortete sie und senkte den Kopf. "Aber ich möchte nicht allein sein."
Shinji verstand und nickte. "Okay..."
"Entschuldige, dass ich dich damit belästige. Ich weiß, wie unbequem das für dich ist.", sagte sie und vermied es ihm in die Augen zu sehen. "Du hältst mich jetzt
sicher für eine schrecklich selbstsüchtige Person."
"Nein.", antwortete er mit Bestimmtheit und sah ihr in die Augen. "Ein Bad reinigt Körper und Seele. Ich will dir helfen. Ich will nicht, dass du dich schmutzig fühlst."
Das Bad schien viel zu klein für zwei Personen, doch im Moment hätte wohl keiner die beiden voneinander trennen können. Und so ließ er ihr das Wasser ein, und half
ihr schließlich sich gänzlich zu entkleiden.
Ihm fiel auf wie blass Asuka doch aussah, und er wünschte sich, dass es in dem kleinen Raum doch nur etwas wärmer wäre, damit sie nicht mehr so zittern würde.. Shinji
hatte keine Einwände und auch keine Hintergedanken, als sie sich ganz eng an ihn schmiegte und seine Arme um ihren Körper legte, so als wolle sie ihn als Decke benutzen. Er
hoffte, dass der Dampf des heißen Wassers, das in die Wanne plätscherte, sie ebenfalls ein wenig wärmen, und sie beruhigen würde...
Dann aber geriet er einen kurzen Moment lang in Panik, als Asuka sich zu ihm umdrehte, und begann sein Hemd aufzuknöpfen. Doch die Art und Weise, wie sie ihm dabei in die Augen sah,
ließ all seine Sorgen kurz darauf mit einem Schlag verschwinden....
"Du wirst doch ganz nass, Dummerchen...", flüsterte sie leise.
"Hai..."
Sie nickte und kniete nieder um ihm beim Ausziehen seiner Hose zu helfen. Als er schließlich nur noch mit seinen Boxershorts bekleidet vor ihr stand, reichte sie ihm ihre Hand und
ließ sich von ihm in die Wanne helfen.
Asuka ließ sich langsam in das Wasser sinken. Es schien ein wenig heiß zu sein, doch sie beschwerte sich nicht. Die ganze Zeit über hielt sie zärtlich seine Hand,
aber drückte ein wenig fester zu, damit Shinji wusste, dass er sich keine Sorgen machen musste, als sie einen Moment lang ihren Kopf untertauchte. Der junge Mann verstand ihr Zeichen
und beobachtete sie mit einem ruhigen und gelassenen Ausdruck auf dem Gesicht. Zu einer anderen Zeit hätte er sicher befürchtet, dass sie sich vor seinen Augen ertränken
würde.
Als sie wieder auftauchte, schnappte sie kurz nach Luft und belohnte sein Vertrauen mit einem sanften Kuss auf die Nase. "Vielen Dank..."
"Gern geschehen.", antwortete Shinji mit einem ebenso sanften Kuss auf ihre Nase.
"Kommst du zu mir in die Wanne?"
"Okay."
Vorsichtig ließ sich Shinji in die Wanne sinken, während überschüssiges Wasser überlief und eine Pfütze auf dem Boden bildete. Augenblicke später
hatte er seinen Platz in der engen Wanne gefunden, und schließlich schauten nur noch die Köpfe der beiden Teenager aus dem Wasser heraus, während ihre Körper, eng
aneinander geschmiegt, die Wärme des Bades und die Nähe des anderen genossen.
"Fühlst du dich immer noch schmutzig?", fragte Shinji nach einer Weile, als das Wasser begann langsam abzukühlen.
"Nein.", antwortete Asuka und gähnte. Sie schmiegte sich noch etwas enger an ihren Freund und seufzte zufrieden. "Jetzt nicht mehr.", summte sie an seine Brust gelehnt.
"Bist du immer noch... traurig?", fragte Shinji mit einer Stimme, die sanft und leise wie ein Windhauch war.
"Ja.", antwortete sie mit einer ebenso leisen Stimme. "Aber ich werde darüber hinweg kommen... das verspreche ich dir..."
"Ich auch...", erwiderte Shinji und streichelte in Gedanken versunken zärtlich mit seinen Fingerspitzen über ihren Unterarm.
Eine Bewegung und das Geräusch von Wasser, das auf den Boden plätscherte, ließen ihn aufmerken... Asuka hatte sich ein wenig aufgesetzt und herumgedreht, damit sie ihm in
die Augen sehen konnte... vorsichtig beugte sie sich über ihn... "Shinji?"
"Hai?" fragte er und blinzelte noch, dann aber sah er diesen Blick in Asukas Augen, und wandte verschämt den Kopf ab... "Asuka..."
Sie reagierte mit einem Kopfschütteln. "Shinji..."
Langsam drehte er den Kopf in ihre Richtung und sah ihr wieder in die Augen. "Du... Ich... Wir sollten nicht... nicht nach allem, was heute passiert ist.", sagte er, und schenkte ihr
einen Blick, der gleichzeitig um Vergebung und Verständnis bat.
"Nein.", antwortete sie jedoch und schüttelte den Kopf. Ihr Haar war nass und fiel wie von selbst auf seine Schultern, als sie noch näher kam, und sich noch enger an ihn
schmiegte, bis ihre Lippen nur noch Zentimeter von seinen entfernt waren. "Zerstör' bitte nicht den Zauber dieses Augenblicks, indem du mich jetzt *daran* erinnerst...", hauchte
sie.
Er sah ihr noch etwas tiefer in die Augen und musste schwer schlucken, als Asuka ihm einen sehr zärtlichen und gefühlvollen Kuss auf den Mund gab.
"Ich will heute Nacht mit dir zusammen sein.", flüsterte sie. "Der Engel hat mir so viel meiner selbst genommen... Mehr als ich dir je erzählen kann..." Sie schüttelte den
Kopf. "Aber dir Shinji... dir will ich viel mehr geben, als nur einen Einblick in mein verkorkstes Leben. Ich will dir etwas geben, das der Engel mir nicht nehmen konnte. Etwas, das EVA
mir nicht nehmen kann... Etwas, das niemand mir nehmen kann... und das nur ich selbst dir geben kann."
Shinji nickte. "Dann lass mich dir das gleiche Geschenk machen. Heute Nacht gehöre ich dir...", flüsterte er leise in ihr Ohr.
"Heute Nacht."
"Heute Nacht."
"Gleich jetzt."
"Nein."
Asuka blinzelte verwundert als Shinji mit einem Mal aufstand und ihr aus der Wanne half. Sie warf ihm fragende Blicke zu und war überrascht, dass sie statt einem besorgten und
leicht verängstigten Ausdruck, ein beruhigendes, gelassenes Lächeln auf seinem Gesicht sah.
"Ich habe gehört, dass Wasser nicht der beste Ort ist, um intim zu werden.", erklärte Shinji scheu.
Asuka blinzelte, dann aber begann sie zu lächeln und küsste ihn flüchtig auf den Mund. "Okay...", hauchte sie gegen seine Lippen und schnappte sich ein große
Badetuch um sie beide darin einzuwickeln. "Dein Zimmer oder meins?"
"Mir egal. Was näher liegt..."
"Dann gehen wir in dein Zimmer..."
"Hai..."
Es war ein schrecklicher Tag gewesen. Der Schrecklichste in ihrem ganzen bisherigen Leben. Doch am Ende hatte Shinjis Liebe Asuka gerettet und ihr Trost gespendet.
Beide wünschten sich, dass sie auf eine andere Weise zueinander gefunden hätten. Ohne den Angriff des Engels, und ohne all den Schmerz und Hass, der damit verbunden war.
Doch egal wie schlimm es auch gewesen war, sie würden sich immer erinnern, dass sie die letzten Stunden über glücklich waren, und dass alles, was nun noch geschehen
würde, ohne Reue wäre, und allein der Ausdruck ihrer tief empfundenen Liebe.
Und so schenkten sie einander diese Nacht und suchten in den Armen des Partners nach Geborgenheit und Linderung für den Kummer des vergangenen Tages.
Zittrige Hände gewannen an Stärke und gaben neue Kraft, als sie auf das Bett sanken und begannen einander zu liebkosen. Auch wenn keiner von ihnen etwas derartiges jemals zuvor
getan hatte, verspürten sie dennoch sofort ein Gefühl der Vertrautheit; alles fühlte sich so natürlich und selbstverständlich an.
Als sie zum ersten Mal in dieser Nacht Eins wurden, verspürte Asuka einen Moment lang Schmerzen, doch die waren nichts, im Vergleich zu den Qualen, die sie viele Stunden zuvor
durchlebt hatte,- und schon bald gab sich die junge Frau wieder den Wonnen hin, die die Verbindung mit ihrem Liebsten mit sich brachte...
Die Nacht verging langsam... und das junge Paar genoss jede Minute. Keiner von beiden sprach ein Wort und alles, was man hörte, war das leise Rascheln der Bettücher und die
Geräusche lustvoller, leidenschaftlicher Küsse.
Sie waren wirklich Eins; ein Körper und ein Geist,- und sie bewegten sich in völligem Einklang, bis sie schließlich gemeinsam zum Ziel kamen und in einem Moment
höchster Ekstase miteinander verschmolzen.
Das Morgengrauen des neuen Tages beendete ihre erste Liebesnacht... Und als die ersten Sonnenstrahlen gerade mal über die Häuserdächer kamen, zog Shinji die Decke seine
Bettes über ihrer beider Körper. Asuka hielt ihn immer noch eng umschlungen, und er war immer noch ein Teil von ihr.
Und als die Morgensonne sie küsste, kuschelten sich die beiden jungen Menschen noch etwas enger aneinander,- Engel im Herzen und in den Gedanken des anderen.
Wirkliche Engel.
Ende der Lehrer-Ausgabe Teil 4
Fortsetzung folgt...
Anmerkung von Author:
Das ist es also. Das Ende der Lehrer-Ausgabe Teil 4. Die Episoden hierin sind wohl mit die verrücktesten Lektionen im gesamten Werk. Nicht nur vom Erzählstil und von der
Handlung her, sondern auch von der Zeit her, die es mich gekostet hat sie fertigzustellen. Noch einmal vielen Dank, dass ihr so lange durchgehalten, und tapfer gewartet habt bis ich
dann mal in die Pötte kam, eine neue Lektion zu schreiben. Komischerweise lag es nicht mal so sehr an Faulheit, sondern mehr daran, dass ich in letzter Zeit fast keine Freizeit
mehr habe. Na ja, wie dem auch sei, wo ich ja jetzt aus meinem Urlaub zurück bin, da werde ich wohl einen Zahn zulegen, und die letzten zehn Lektionen oder so an einem Stück
runterpinnen. (Berühmte letzte Worte *g*). Ich bin euch sehr dankbar für all eure Kommentare und die anderen E-Mails, die ich so bekommen habe, und auch wenn ich eine Antwort
innerhalb einer Woche nicht garantieren kann, so seid versichert, dass ich auf jeden Fall antworten werde.
Besonderen Dank auch für eure Kommentare zu Lektion 40. Es war sehr schwierig diese Lektion zu schreiben, ohne dabei unterzugehen, oder in schnulzige oder gar pornographische
Darstellungen abzudriften...
Bleibt am Ball, denn wir nähern uns dem Finale!
Homepage: http://www.geocities.com/Tokyo/9110
E-Mail: strikef@bigfoot.com
Strike Fiss, Ninja Crowbotics 2000. Khattam-Shud, EOF.