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Lektion Einundvierzig: Ballade
Geschrieben von Strike Fiss , 1999
Homepage: http://www.geocities.com/Tokyo/9110
Übersetzt von Melissa Schneider
editiert von Christian Winkler, Markus Ehreke und Stefan Tumczak
Misato hatte letzte Nacht wieder einmal lange wach gelegen und fühlte sich im Augenblick wie gerädert. Wie jeden Tag begann sie auch heute ihren Morgen
damit, sich zum Kühlschrank zu schleppen, um ihr 'Guten-Morgen-Bier' runterzukippen, wobei sie zumindest versuchte darauf zu achten, dass sie nicht wie eine Müllhalde stank
und auch nicht halb nackt durch das Appartement lief.
"Mein Gott, was für ein Tag ist denn heute eigentlich?", murmelte sie, als sie im Vorbeigehen einen Blick auf den Kalender warf. Musste sie heute zur Arbeit gehen, oder hatte sie
frei? Ehrlich gesagt hatte sie ihr Zeitgefühl gänzlich verloren...
Erst ein Anruf im NERV Hauptquartier brachte ihr schließlich die Bestätigung, dass es tatsächlich ihr freier Tag war. Wie es schien, war alles ruhig, und man untersuchte
Einheit-02 immer noch auf Schäden aus dem letzten Kampf, während Rei Bereitschaftsdienst hatte, und sich für einen schnellen Einsatz im Hauptquartier zur Verfügung
hielt. Wahrscheinlich aber tat auch sie nichts anderes als herumzusitzen und irgendwelchen Tests zuzusehen.
Misato teilte dem diensthabenden Offizier mit, dass sie ihren freien Tag nutzen, und nicht zur Arbeit erscheinen würde,- und schaffte es gerade noch rechtzeitig aufzulegen, bevor
sie sich in die Küchenspüle übergeben musste.
"Uff."
"Wuahh.", stimmte Pen-Pen zu und lehnte sich als Ausdruck seiner Unterstützung an Misatos Bein. Das wiederum ließ die dunkelhaarige Frau erkennen, dass sie zumindest eine Hose
tragen musste. 'Gut.', dachte sie, denn nun konnte sie mit dem Wechsel ihrer Kleidung getrost warten, bis das Zimmer aufhörte sich zu drehen.
Misato lächelte und beugte sich zu dem kleinen Kerlchen hinunter, um ihm sanft über das Gefieder zu streicheln.
"Na, Pen-Pen, wie geht es dir mein Großer? Hmm?"
"Wuaaagh.", antwortete er und zupfte an ihrer Hose.
Misato dachte zuerst, dass der Vogel noch nicht gefüttert worden war, doch dann sah sie, dass in seinem Fressnapf bereits die Reste seines Frühstücks klebten. Warum nur
wollte er sie mit aller Macht dazu bewegen wollte, zum Küchentisch zu gehen?
"Was ist? Bist du noch hungrig?"
Sie blinzelte verwundert als sie sah, dass die Balkontür einen Spalt weit offen stand. Nicht dass sie etwas gegen den frischen Luftzug hatte, der durch die Wohnung wehte,- im
Gegenteil, es half sogar ihren Kater ein wenig zu lindern.- Nein, was sie verwunderte, war vielmehr die Tatsache, dass überhaupt jemand den Balkon benutzte,- diente er doch meist nur
als vorübergehende Mülldeponie zwischen zwei Abfuhrtagen.
Es muss wohl nicht erwähnt werden, dass Misato noch ein wenig mehr überrascht war, als sie Shinji und Asuka dort draußen eng aneinander gekuschelt unter einer Decke
liegen sah. Allem Anschein nach waren die beiden bereits wach und beobachteten einfach nur gemeinsam den Sonnenaufgang, und Misato konnte nicht umhin zuzugeben, dass sie die beiden noch
nie derart ruhig und harmonisch zusammen gesehen hatte.
Sie gab ihr Bestes, nicht laut loszubrüllen, als sie bemerkte, dass die beiden unter der Decke völlig nackt waren...
Statt dessen ging sie an Pen-Pen vorbei zurück in die Küche, um den Tag auf die bestmögliche Weise zu beginnen: Nämlich mit einem Bier und einem Stoßgebet an
die Schutzheiligen der Verhütung.
Pen-Pen war erstaunt, wie gut sie die Neuigkeiten verkraftete und watschelte zu ihr herüber um sich als Ausdruck seines Mitgefühls wieder an ihr Bein zu lehnen.
Misato seufzte. "Pen-Pen, du bist der einzige Mann, den ich kenne, der noch alle Tassen im Schrank hat."
"Wuuaagh!", erwiderte Pen-Pen, obwohl er es vorzog, den Teil über die Tassen und den Schrank nicht weiter zu kommentieren.
Draußen auf dem Balkon merkte Shinji derweil auf, als er feststellte, dass die Beleuchtung im Appartement inzwischen eingeschaltet worden war. Er seufzte träge und wandte sich
der jungen Frau zu, die sich geradezu um seinen Körper geschlungen hatte. "Wie es aussieht ist Misato gerade aufgewacht."
"Mmm...", antwortete Asuka einfach nur. Offensichtlich widerstrebte es ihr gewaltig, ihren Freund bereits jetzt loslassen zu müssen.
Shinji nickte verständig. "Trotzdem sollten wir bald aufstehen, denke ich...", meinte er schließlich...
"Noch nicht... Es ist gerade so gemütlich...", entgegnete sie leise. "Die anderen können warten..."
* * *
Das Licht der aufgehenden Sonne tat ihm in den Augen weh... Ehrlich gesagt schien ihm in den letzten Wochen einfach alles weh zu tun... "Ich hasse diesen Tag jetzt schon.", meinte er
halblaut.
Kaji seufzte und nahm mit zittrigen Händen kleine Schlucke aus seinem Becher. "Wieso? Was ist so schlimm an diesem Tag?"
"Bist du dir sicher, dass du es wissen willst?" Kaoru grinste, aber zuckte zusammen, als ihn der Schmerz seiner erlittenen Verletzung wieder einholte. "Oder versuchst du nur eine
belanglose Unterhaltung anzuzetteln?"
"Ich würde eine belanglose Unterhaltung vorziehen.", gab Kaji zu. "Ich hasse nämlich den Gedanken, dass das Ende der Welt schon vor der Tür steht. "
"Es wird nicht das Ende sein.", meinte Kaoru und wandte sich dem anderen Mann zu. "Ich weiß, dass du sie hassen musst... doch so lange es die EVAs gibt, wird es auch kein Ende
geben."
"Dann erklär' mir mal, warum zum Teufel in letzter Zeit alles den Bach runter zu gehen scheint?" Er seufzte und blickte auf den Becher mit Orangensaft in seinen Händen. "Und
das gerade jetzt, wo Misato und ich wieder zusammen sind..."
Ein Ausdruck von Schmerz machte sich auf Kaorus Gesicht breit.- Ein Schmerz, der ausnahmsweise einmal nicht von seinen Wunden herrührte. "Es... es tut mir leid..."
"Es muss dir aber nicht leid tun...", erwiderte Kaji "Sie ist eine erwachsene Frau... Sie kann tun und lassen, was sie will."
"Nein." Kaoru runzelte die Stirn. "Ich hätte es besser wissen müssen. Ich habe mich einfach zu sehr hinreißen lassen..." Ein Grinsen huschte über sein Gesicht. "Von
allem... Den Lehrer spielen... Gott spielen... Was auch immer,- jetzt ist mir klar, dass es nichts weiter als ein riesengroßes Pokerspiel ist." Er seufzte.
Kaji wandte seinen Blick von dem anderen Mann ab. "Nur mit dem Unterschied, dass der Einsatz unser Leben ist...", entgegnete er. "Aber wenn du jetzt passt, und deinen Einsatz so einfach
aufgibst, dann bist du keinen Deut besser als Gendo."
Der andere Mann konnte nicht anders als grinsen. "Weißt du, ich wünschte, ich würde ihn verstehen. Wenn du dich einmal mit der ganzen Sache beschäftigst, dann
hält es dich so gefangen... dass du einfach nicht aufhören kannst."
Der Windstoß, der über den Balkon fegte, schien unnatürlich kalt.
"Wie viele noch?"
"Zwei... Dann wird es enden...", meinte er und schmunzelte. "Oder halt beginnen..."
"Mist... wirklich schon so bald?..." Kaji seufzte.
"Weißt du, es hängt alles von diesen letzten Beiden ab." Kaoru seufzte. "Ich habe alles versucht... und mein Bestes gegeben, ihnen beizubringen, was sie wissen müssen. E
war zwar nichts, dass ich ihnen mit Tests und schulischem Drill hätte einpauken können, doch so lange sie auch nur ein wenig von dem verstanden haben, was ich ihnen vermitteln
wollte..." Er richtete seinen Blick auf die aufgehende Sonne. "...haben wir vielleicht eine Chance zu verhindern, dass sich das alles hier wiederholt."
"Haben..." begann Kaji und schaute zu Boden.
"Nein." Kaoru schüttelte den Kopf. "Keiner von euch hat es überlebt... Zumindest nicht meines Wissens nach..." Er senkte den Kopf. "Als Shinji deine letzte Nachricht auf
Misatos Anrufbeantworter hörte, ist er daran zerbrochen."
Eine lange, bedeutungsschwere Stille setzte ein.
"Du liebst die Kinder,- nicht wahr?", fragte Kaji und sah den Lehrer an.
Kaoru nickte und wandte seine Blicke von dem anderen Mann ab. "Anderenfalls wäre ich sicher nicht hier..."
Die beiden Männer seufzten und richteten ihre Blicke auf den Horizont. Mit einem Mal runzelte Kaoru die Stirn und kniff seine Augen zusammen...
"Er ist hier."
Kaji blinzelte verwundert und sah Kaoru an. "Wer?"
"Almisael." antwortete Kaoru mit einem Stirnrunzeln. "Der Engel des Ursprungs."
Fast lautlos fuhr Misatos Wagen durch die Straßen von Tokio-3. Asuka jedoch nahm keine Notiz davon. Sie war zu sehr damit beschäftigt Shinjis Hand zu halten, und auf den
Himmel über der Stadt zu starren. Shinji dagegen hatte den für Misato so untypischen Fahrstil längst bemerkt, und begann sich bereits Sorgen zu machen, als er im
Rückspiegel die stechenden Augen seines Vormundes aufblitzen sah...
"Misato-san?", fragte er leise und ein wenig eingeschüchtert.
Anstelle einer Antwort steuerte Misato eine Tankstelle an. "Ich werde uns was zu Essen holen.", sagte sie, als sie den Wagen abstellte. "Du kommst mit, Shinji."
Asuka kam sich einen Moment lang vernachlässigt vor, doch dann wurde ihr klar, dass sie in ihrer momentanen Verfassung sicher keine große Hilfe wäre. "Ich nehme 'Beef
Djerkey', wenn die sowas haben."
Ein Lächeln huschte über Shinjis Gesicht und er nickte. "Sicher... "
Doch da packte ihn Misato auch schon bei seinem Hemdkragen und zerrte ihn aus dem Wagen...
Wutentbrannt warf die ältere Frau die offene Autotür zu und schleifte den Jungen hinter sich her, bis sie außer Hörweite des Rotschopfes waren.
"WAS ZUM TEUFEL HAST DU LETZTE NACHT GEMACHT!!?"
Shinji zuckte zusammen. "Misato-san... es ist nicht was du..." Er hielt inne und blinzelte, als ihm einfiel, dass es sehr wohl das war, was sie dachte. "Oh..."
Misato blinzelte verwundert. "Oh? OOHH?!!!! Ist das etwa alles, was du zu sagen hast, nachdem... nachdem..." Sie schlug ihre Hände vors Gesicht. "Oh mein Gott... ich will nicht mal
daran denken... AHH VERDAMMT, JETZT HABE ICH DOCH DARAN GEDACHT!!!" Sie presste ihn gegen die Wand des Tankstellenhäuschens und begann bedrohlich zu grollen. "Du bist doch ein kluger
Junge, Shinji..."
Shinji nickte... doch weniger aus Überzeugung, als vielmehr aus purem Selbsterhaltungstrieb... "Ähh... öhh...hai!"
"Ja... genau... Und darum bin ich mir auch sicher, dass du Asukas Verfassung NIEMALS ausgenutzt hättest, nicht wahr?"
Doch Shinji sagte kein Wort.
"BITTE sag mir, dass du es nicht tun würdest..." bettelte Misato.
Shinji wandte sich ab. "Ich hätte niemals irgendetwas in dieser Richtung ausgenutzt oder mich an ihr vergriffen, Misato-san. Ich schwöre es."
Doch diese Antwort führte nur dazu, dass sich der Ausdruck von Sorge auf dem Gesicht der dunkelhaarigen Frau noch vergrößerte. "Wa... was ist denn dann passiert?"
"Es war nicht meine Entscheidung...", begann er mit gesenktem Kopf. "...zumindest nicht allein. Wir wollten es beide."
Misato fletschte ihre Zähne und zitterte vor Wut.
"Wir beide wussten genau, was wir taten.", erklärte Shinji gelassen und ruhig.
Misato spürte wie ihre Knie weich wurden und sie musste sich auf den Bordstein vor dem Tankstellenhäuschen setzen, um nicht umzufallen. "Warum... warum nur musste ich mich
gestern Abend wieder derart betrinken..." seufzte sie und stöhnte. "Oh halt, jetzt weiß ich es wieder! Ich habe es getan weil ich dachte, dass es nicht schlimmer kommen
könnte... Nun Shinji, ich danke dir, dass du mich gerade vom Gegenteil überzeugt hast..."
Shinji sah hinüber zu Misatos Wagen. "Es tut mir leid, wenn du jetzt denkst, dass wir etwas ganz Schlimmes getan haben." erwiderte er und runzelte verärgert die Stirn. "Aber du
steckst nicht in unserer Haut. Du weißt nicht, was wir fühlen..." Er wurde rot und wandte sich ab. "Misato... Ich liebe sie... Und sie liebt mich..."
"Schau sie dir doch an! Sie ist im Moment überhaupt nicht sie selbst!", schrie Misato mit einem Mal. "Im Moment gehen ihr eine Million Gedanken durch den Kopf, und ihr Herz steht
kurz davor zu zerbrechen! NATÜRLICH wird sie dir sagen, dass sie dich liebt, wenn du der Einzige in ihrer Nähe bist! Shinji, ich will nicht, dass du verletzt wirst... Sie hat
sehr viel mitmachen müssen und..."
"Als sie fünf war hat ihre Mutter Selbstmord begangen und dabei die Puppe, von der sie dachte, dass es Asuka wäre, in ihren Armen gehalten.", ergänzte Shinji mit gefasster
Stimme. "Und das gerade mal zwei Tage nachdem man Asuka gesagt hatte, das sie EVA-Pilot werden würde. Sie hat mir erzählt, dass sie selbst Wochen später, als sie die Sachen
ihrer Mutter zusammengepackt haben, immer noch den Geruch des Todes in diesem Zimmer wahrnehmen konnte."
Misato sagte kein Wort und hörte gespannt zu.
"Und sie hat mir auch erzählt, wie dieser Engel in ihren Verstand eingedrungen ist, und sie diese Tage immer und immer wieder hat erleben lassen...."
"Shinji..."
"Misato, hör mir zu. Ich war weiß Gott nicht bereit all das zu hören.", sagte er, und blickte zum Himmel. "Aber ich bin froh, dass sie es mir erzählt hat, und ich so
ihren Schmerz mit ihr teilen konnte. Du denkst vielleicht, dass es uns letzte Nacht einfach nur darum ging Sex miteinander zu haben... doch das stimmt nicht.", erklärte er und
schüttelte den Kopf. "Es ging um viel, viel mehr... Wir haben erkannt, dass wir zusammen gehören." Er reichte Misato seine Hand um ihr auf die Beine zu helfen. "Und ich
weiß jetzt, warum ich hier bin."
Misato seufzte. "Na gut. Ich werde mir keine Sorgen mehr machen.", erwiderte sie und wurde rot. "Es ist euer Privatleben, und das geht mich eigentlich ja ohnehin nichts an."
Shinji seufzte und nahm Misato in den Arm. "Danke, Misato."
Die ältere Frau erwiderte seine Geste und begann zu weinen. "Ach Shinji. Ich wünschte nur, dass ich mehr für euch hätte tun können. Es ist nicht richtig, da
ihr beiden erst all diesen Schrecken und dieses Leid habt durchmachen müssen, um zusammenzufinden."
Es dauerte noch eine Weile, bis die beiden eingekauft hatten, und zum Auto zurückkehrten.
Shinji lächelte und küsste Asuka sanft auf den Mund.
Das nachdenkliche Gesicht des Rotschopfes erhellte sich. "Und? Alles in Ordnung?" fragte sie.
"Ja, ich denke sie versteht es." antwortete er und wurde rot. "Hier, ich habe dir dein 'Beef Djerkey' mitgebracht."
Asuka kicherte und nahm das mitgebrachte Essen dankbar an. "Vielen Dank, Shinji-kun." flüsterte sie und küsste ihn auf die Lippen, bevor sie sich schließlich an seine
Schulter lehnte, um genüsslich an ihrem luftgetrockneten, geräucherten Stück Rindfleisch zu knabbern. "Ahh du bist so gut zu mir..."
Und auch wenn ein derartiger Satz Asuka Langley Sohryu früher niemals über die Lippen gekommen wäre, konnte Shinji nicht anders als sich in ihrem Lob zu baden, und den
Moment zu genießen.
Doch dann durchbrach das Heulen der Alarmsirenen die Stille, und während überall um sie herum die Gebäude in die Sicherheitspositionen fuhren, schien die traute
Zweisamkeit von vorhin mit einem Mal nicht mehr als ein vergangener Traum.
Mit einem Lächeln auf dem Gesicht hielt Shinji seine Asuka in den Armen. Dieses Mal würde er sie beschützen.
Von jetzt an würde sie niemals mehr leiden müssen.
* * *
Als Gendo sie fand, schwamm Rei wie immer schwerelos in dem mit LCL-gefüllten Bassin. Er beobachtete sie einen Augenblick lang, und wunderte sich insgeheim, warum sie ihn noch nicht
bemerkt hatte. Normalerweise würde sie seine Anwesenheit spüren, sobald er auch nur in der Nähe war. Es musste wohl etwas mit Adam zu tun haben.
Ein Gefühl des Unbehagens durchzuckte ihn, und er konnte nicht anders als seine handschuhverhüllte, rechte Hand ein paar Mal zu bewegen.
Es war beinah vollbracht... und das Ziel so nah... Die 'Alten Männer' spielten immer noch wie blinde Narren den ihnen zugedachten Part in seinem großen Ganzen. Shinji und
seine... Widerspenstigkeit... würde dem Plan nicht im Wege stehen. Und was Kaoru betraf, so hatte er sich um ihn gekümmert.
'Er hätte nicht denken sollen, dass er sich mir in den Weg stellen könnte.', dachte Gendo und schmunzelte als er einmal mehr an seinen meisterhaften Plan dachte... Der Plan,
der sich um seine größte Schöpfung drehte... Eine Schöpfung, die jeder kannte,- doch keiner kannte ihren Wert... Ja, sie war seine Trumpfkarte...
Rei.
Kleine, perfekte Rei. So einfach... und doch so wunderschön. Sie war seine Rettung... und seine Erlösung zugleich. Sein Meisterwerk...
Doch man hatte sie befleckt. Beschmutzt. Zuerst hatte es ihm Sorgen bereitet, dass die Rollen von Qumran auch dies voraussagten, doch inzwischen hatte er eingesehen, dass es von Vorteil
war... und zum Wohle seines Planes.
Und dass es einmal mehr genau zur richtigen Zeit geschehen war.
Rei wandte sich ihm zu, blickte ihn an, und ließ sich langsam an die Oberfläche treiben. Gendo musterte sie einen Moment lang.
"Ein Engel greift an."
"Hai."
"Du wirst gegen ihn kämpfen."
"Hai."
"Gut."
Sie kletterte aus dem Becken und folgte ihm, nackt wie sie war, aus dem Raum...
* * *
Misato hatte schon den ganzen Tag über dieses komische Gefühl von drohendem Unheil... Sicher, zum Teil lag es natürlich daran, dass die Kinder, für die sie
verantwortlich war, in der letzten Nacht den Matratzen-Tango getanzt hatten... dass sie selbst Kaji seit Tagen nicht mehr gesehen hatte... und dass nun auch noch zu allem Überflu
an allen Ecken und Enden Engel auftauchten... Doch was ihr wirklich Sorgen bereitete, war die Art wie Gendo... ja... beinahe lächelte...
Sie wollte schon Ritsuko fragen, was nur in den Kommandanten gefahren war, doch dann fiel ihr auf, dass ihre Freundin nicht gerade bester Laune war, und dass ihr irgendetwas auf der
Seele lastete. Allein schon die Art wie sie und ihre rechte Hand Maya die Befehle an den Rest der Crew geradezu herunter leierten...
... bedeutete, dass irgendetwas passieren würde...
Misato seufzte und setzte sich an die Kontrollkonsole für die Com-Verbindungen. "Shinji und Rei... Ihr geht auf Angriffsposition. Asuka, du hältst dich bitte im Hintergrund und
konzentrierst dich darauf, dein A.T.-Feld zum Einsatz zu bringen."
Toji räusperte sich. "Und ich?"
Misato lächelte und schüttelte den Kopf. "Wenn Shinji und Rei erfolglos sind, darfst du dein Glück versuchen. Ich will dieses Ding möglichst schnell aus dem Weg
räumen, damit wir früh nach Hause gehen können."
Toji und Shinji nickten zustimmend. Rei hingegen zeigte keine Reaktion.
Im Inneren seiner Zugangskapsel öffnete Toji derweil eine separate Com-Verbindung zu seinem Freund Shinji... "Meinst du, sie wird sich daran erinnern, dass es mich auch noch
gibt?"
Shinji schmunzelte. "Ich glaube, sie hat einfach nur Angst, dass noch mehr schief geht.", meinte er und seufzte. "Sei vorsichtig, okay?"
"Du auch."
Und kurz darauf wurden Rei und Shinji auch schon mitsamt ihren Kampfmaschinen von katapultartig hochschnellenden Aufzugsplattformen an die Oberfläche geschossen.
Inmitten der Stadt Tokio-3 angekommen, manövrierten sie ihre Evangelions zu den nächstgelegenen Waffendepots, um je ein Gewehr aufzunehmen. Shinji grinste Rei über die
interne Com-Verbindung an. "Wollen wir dem mal zeigen was 'ne Harke ist, was Rei?"
Doch Rei antwortete einfach nur mit "Hai."
Und Gendo lächelte still in sich hinein.
Misato dagegen verspürte ein nervöses Kribbeln und beschloss, sich allein auf die bevorstehende Mission zu konzentrieren, zumal der Engel mittlerweile bereits über der
Stadt schwebte...
Er hatte die Form eines Heiligenscheins, der langsam zu rotieren schien und Misato fand, dass die Engel in letzter Zeit zunehmend Merkmale 'richtiger Engel' besaßen. Sie fragte
sich, wie der nächste Engel wohl aussähe... Wenn er Flügel, einen Heiligenschein und ein Schwert hätte, würde sie wohl in Ohnmacht fallen.
"Ich brauche Daten über das Zielobjekt."
Maya blickte auf ihren Bildschirm. "Sein A.T.-Feld hat ein unbekanntes Wellenmuster. Die Scanner können keine weiteren Daten liefern."
Der dunkelhaarige Einsatzoffizier wandte sich Ritsuko zu. "Hast du irgendwelche Ideen?"
Der Doktor zuckte mit den Schultern. "Wie wär's mit 'möglichst schnell töten'?", erwiderte sie mit einem Lächeln.
"Guter Plan.", kicherte Misato. "Okay Rei, geh in Position."
Der blaue Evangelion erstarrte in Mitten seiner Bewegung und stand mit einem Mal kerzengerade da. "Nein..." kam die Antwort seines blauhaarigen Piloten. "Er kommt..."
Der Engel veränderte seine Position und die DNA-Doppelhelix, die eben noch den an einen Heiligenschein erinnernden Ring geformt hatte, brach an einer Stelle auf, und formte nunmehr
etwas, das wie eine Schlange aussah...
Und dann schoss es auf Einheit-00 zu...
Rei hatte kaum Zeit zu reagieren, doch was sie schließlich tat, erinnerte sehr an die brutale, effiziente Vorgehensweise, die das Dummy-Plug-System beim Testlauf von Einheit-03
gezeigt hatte...
Obwohl der Engel geradewegs durch ihr A.T.-Feld brach und wie ein Speer in den Bauchbereich ihres EVAs eindrang, gelang es Rei den Engel mit ihrer freien Hand zu packen, während sie
mit der anderen Hand ihre Waffe auf den Schlangen-gleichen Körper des Angreifers presste, und abdrückte.
Ein Keuchen ging durch den Kontrollraum, als klar wurde, dass Rei nicht aufhören würde zu feuern, auch wenn der Engel mittlerweile bereits die Panzerung ihres EVA durchdrungen
hatte. Es war ein seltsames, beängstigendes Schauspiel, bei dem der gesamte Kontrollraum gebannt den Atem anhielt.
"REI!", schrie Misato schließlich, doch ihr Ruf wurde übertönt vom Rumpeln der Aufzugsplattformen, mit deren Hilfe die beiden noch verbliebenen EVA-Einheiten an die
Oberfläche katapultiert worden waren...
Kaum dass die Haltebolzen gelöst waren, rannte Toji auch schon los, doch dann bemerkte er, dass Asuka noch immer wie angewurzelt auf ihrer Plattform stand. "Hey! Was ist mit dir,
Roter Teufel! Kommst du?"
"Ich versuch's ja!", schrie sie noch zurück, doch dann erkannte sie, dass alle Versuche den EVA zu bewegen, erfolglos bleiben würden. Und so blieb ihr am Ende nichts andere
übrig als wütend zu werden. "BAKA!"
Misato ließ den Kopf sinken als sie Asukas Sync-Wert sah...
Drei Prozent.
"Mist.", platzte sie heraus und wandte sich Maya zu. "Schnell, fahr den Lift mit Einheit-02 wieder runter! Asuka ist nichts weiter als Kanonenfutter da draußen!"
Asuka zitterte am ganzen Körper als sich die Aufzugsplattform wieder in Bewegung setzte, und sie mit ihrem roten Evangelion letztlich unverrichteter Dinge in die Tiefen des NERV
Hauptquartiers zurückkehren musste.
"Ich hasse dich.", knurrte sie und warf den Kontrollhebeln in ihrer Zugangskapsel böse Blicke zu.
Der EVA dagegen schien wenig interessiert am Wutausbruch seines Piloten und sagte kein Wort.
"Ich hasse dich.", wiederholte sie. "Ich schwöre dir, wenn wegen dir jemand stirbt..."
Der EVA gab keine Antwort.
Außer sich vor Wut schrie der Rotschopf auf und versetzte den Kontrollhebeln einen Tritt. Sie brachen zwar nicht ab, aber gaben zumindest ein vernehmbares und irgendwie
Befriedigung auslösendes Krachen von sich...
Frustriert kauerte sich Asuka auf ihrem Pilotensitz zusammen und weinte bittere Tränen.
* * *
Irgendetwas fühlte sich nicht richtig an. Rei konnte sich zwar an bestimmte Dinge erinnern... Dinge wie den Kampf... Dinge, die davor waren... doch... irgendwie war sie im Moment
gerade mehr ein außen vor stehender Zuschauer, als ein Teil der Handlung.
Wie eine langsam fortschreitende Infektion breitete sich ein Schmerzgefühl in ihrem Körper aus... Es beschmutzte sie, und sie fühlte, wie sie daran zerbrach...
Doch das war nicht alles, denn auch der EVA litt unter dem Angriff. Sie spürte seine Schmerzen, und das machte sie traurig...
"Warum bist du traurig?"
Aufgeschreckt von der fremden Stimme blickte sie sich um.
"Ich bin nicht traurig."
Als sie nach der Quelle der zweiten Stimme Ausschau hielt sah sie, dass dort eine zweite Rei war...
und...
noch eine Dritte...
Die beiden anderen Reis saßen ihr gegenüber, sahen einander an, und schienen sie wiederum völlig zu ignorieren.
Sie beobachtete ihre Ebenbilder mit großem Interesse. Die Rei auf der linken Seite machte irgendwie einen mürrischen Eindruck... dennoch lächelte sie. Sie hielt ihren
Kopf gesenkt, so als ob sie noch nicht gelernt hatte, ihn aufrecht zu halten. Ihre Stimme hatte ruhig und sanft geklungen, dennoch ausdrucksstark, ohne Umschweife und genau.
Die Rei auf der Rechten hingegen, schien nicht ganz ins Bild zu passen...
Sie sah verärgert aus und hatte die Stirn gerunzelt.
Doch aus welchem Grund war sie so wütend?
"Warum bist du traurig?", fragte die Rei auf der linken Seite von Neuem.
"Weil sie mir leid tut.", antwortete die Rei zur Rechten. "Und ich bin auf mich selbst wütend."
"Warum bist du wütend?", fragte links.
"Weil du mein Feind bist.", kam die Antwort von rechts.
"Aber wir sind vom gleichen Schlag.", warf die Linke ein, und obwohl sich ihre Lippen bewegten, ließ sie ihren Kopf immer noch leblos hängen; so als wäre sie eine Puppe
ohne Puppenspieler an den Fäden.
"Du bist mein Feind. Du nimmst mir die Dinge, die ich liebe, und darum muss ich dich bekämpfen.", erklärte die Rechte.
Rei war verwirrt. Keines der beiden Ebenbilder verhielt sich so, wie sie es getan hätte... doch wenn es an ihr gewesen wäre zwischen den beiden zu wählen... dann
hätte sie sich wohl für die rechte Rei entschieden... Denn sie schien irgendwie real und lebendig... Wohingegen die Linke...
Ja, die Linke musste der Engel sein.
Doch am Ende verwirrte sie diese Erkenntnis nur noch mehr... Denn wenn ihre Persönlichkeit von der rechten Rei repräsentiert wurde, warum war sie selbst dann hier?
"Was nehme ich dir denn?", fragte die Linke Rei schließlich die Rechte.
"Das Leben.", kam die Antwort. "Ich will leben. Du und deine Art, ihr habt in der Vergangenheit viele Leben genommen. Ist es darum nicht logisch, dass ich annehme, dass ihr mich
töten werdet?"
"Ja. Es ist logisch. Aber nicht die Wahrheit.", sagte die Linke.
Die rechte Rei stand auf. Sie alle saßen auf Stühlen, doch es war nicht das Klassenzimmer. "Dann wirst du mich also nicht töten?"
Die Linke nickte. "Wir wollen uns mit dir vereinigen."
Und dann passierte etwas, das der Rei, die alles beobachtete, Angst einjagte...
Die Rei auf der rechten Seite begann mit einem Mal zu lachen.
Und es war ein lautes, verärgertes, und gehässiges Lachen.
"Du willst dich mit mir vereinen? Etwa so, wie sich deine Art mit dem 'Second Children' vereinigt hat?" Wütend ballte sie ihre Hände zu Fäusten. "Dann würde ich doch
lieber sterben!"
Die linke Rei schien überrascht, ebenso wie die Rei, die alles beobachtete.
"Ich werde mich nicht mit dir vereinen. Du bist mein Feind."
"Dennoch werde ich dich nicht töten... Warum bist du also wütend auf mich?"
Die rechte Rei sah einen Augenblick lang die beobachtende Rei an, und wandte sich dann beschämt ab. "Ich bin wütend, weil ich gezwungen war, das hier zu tun, um dich
auszutricksen..."
Die beobachtende Rei begann sich Sorgen zu machen...
Die Rei auf der linken Seite begann zu lächeln. "Und trotzdem bist du noch mit ihr verbunden. Wenn du dich nicht mit uns vereinen willst, dann ist das in Ordnung.", sagte sie. "Doch
es ist bereits zu spät um den Prozess aufzuhalten..."
"Ich weiß.", erwiderte die Rechte und drehte sich nach links, so dass sie die beobachtende Rei ansehen konnte. "Und darum müssen wir beide es nun gemeinsam tun."
Die beobachtende Rei zitterte als sie sah, wie die rechte Rei auf sie zukam, und sie schließlich sanft in die Arme nahm. "Bitte... zum Wohle aller... musst du es tun."
Rei keuchte und riss ihre Augen weit auf... Mit einem Mal sah sie sich einer Unzahl von Gefühlen gegenüber... Es war wie Feuer und Eis zugleich... All der Schmerz, den sie
verspürte, war mit einem Mal verschwunden, und hatte sich in nichts aufgelöst. In ihrem Kopf begann ein Reigen der Erinnerungen... sie durchlebte Träume... spürte
Liebe und Schmerz... und erlebte Verzweiflung und Glück... Und die ganze Zeit über versuchte sie sich gegen diese Gedanken zu widersetzen... Eindrücken zu widerstehen, die
so fremd waren...
Und dennoch so real...
Und als sie schließlich ihre Augen wieder öffnete, da tropften Tränen in das LCL, das sie umgab. Doch was sie sah, war nicht mehr länger die reale Welt, sondern
vielmehr eine Welt basierend auf Erinnerungen... Sie erlebte die Freude, die es mit sich brachte frei zu sein... Sie sah, wie die Leute sie anlachten, wenn sie lächelte... und sie
spürte wie diese kleinen, unscheinbaren Gesten sie dazu bewegten noch mehr, und noch öfter zu lächeln...
Aber unter all den Erinnerungen, die die andere Rei ihr mit auf den Weg gegeben hatte, war auch eine von Traurigkeit geprägte Entschuldigung, die ihr deutete, dass es ein
Abschiedsgeschenk war...
Dennoch hatte sie keine Furcht... und keine Sorge, wegen dem was passieren würde. Sie hatte eine Pflicht zu erfüllen...
Draußen, in der realen Welt, tobte derweil die Schlacht gegen den Engel... Sie hörte wie Toji - ein Junge, den sie bis vor einem Gedanken noch nicht kannte - einen Kampfschrei
ausstieß, und versuchte den Engel in Stücke zu hacken, während Shinji verzweifelt dem peitschenartig vor und zurück schnellenden Angreifer auszuweichen suchte.
Und dann - in Mitten all der chaotischen Rufe und Schreie auf dem Com-Kanal - kam er, der Befehl an sie, sich zurückzuziehen...
"Nein... geht nicht... muss das A.T.-Feld aufrecht erhalten..."
Misato musste nach Luft schnappen, als sie Reis Antwort hörte und sah, wie das blauhaarige Mädchen die Selbstzerstörung auslöste...
Gendo sagte kein Wort.
Und kurz bevor es zu Ende war...
...drehte sie sich wieder herum...
...blickte nach vorn...
...und machte sich bereit alles mitzuerleben...
Wie gern hätte sie diesen beeindruckenden Moment mit der Rei in ihrem Geist geteilt. Sie hätte sicher einen Weg gefunden, all das Leid, den Schmerz und das Schlechte, das in
diesem Moment auf sie einströmte, aufzuhalten...
Doch so würde sie sich diesen Emotionen einfach ausliefern müssen...
Sie wünschte sich, dass sie diese Erfahrung, und die Flut von Gefühlen, der sie sich mit einem Mal gegenüber sah, mit der anderen Rei hätte teilen können... Al
Dank für all die Erinnerungen, die sie ihr geschenkt hatte...
Ein letztes Mal sah sie das Lächeln des Lehrers...
bevor das gleißend helle, weiße Licht sie umhüllte.
* * *
Fassungslosigkeit sprach aus den Gesichtern der Zuschauer, die beobachteten wie Einheit-00 den Engel...
... und sich selbst auslöschte.
Gendo aber rückte nur seine Brille zurecht.
In der Dunkelheit seiner Zugangskapsel ließ Shinji beschämt den Kopf hängen... Schon wieder war einer seiner Freunde schwer verletzt worden... oder vielleicht sogar
tot...
Wie gern hätte er gesehen, was in der Welt um ihn herum vor sich ging, doch die Explosion hatte das Versorgungskabel seines EVA durchtrennt, und das Aufrechterhalten des A.T.-Felde
hatte seine noch verbliebenen Energiereserven aufgezehrt.
Und während Einheit-01 zur Untätigkeit verurteilt da stand, sah Shinji von seinen Kontrollhebeln auf, und starrte an die metallene Wand der Zugangskapsel. "Rei... hoffentlich
ist dir nichts passiert...", flüsterte er. "Ich will, dass wir das alles hier überstehen. Wir müssen es einfach überstehen... Wir alle... Zusammen... Ein jeder von
uns..."
Copyright of the Charakter by GAINAX / Text by Strike Fiss, 1999
Translated by Melissa Schneider / Edited by Christian Winkler,Markus Ehreke and Stefan Tumczak