Higher Learning
Lektion Dreiundvierzig: Die Schule ist aus
Geschrieben von Strike Fiss , 1999
Homepage: http://www.geocities.com/Tokyo/9110
Übersetzt von Melissa Schneider
editiert von Christian Winkler, Markus Ehreke und Stefan Tumczak
Der Ausdruck, mit dem Kaji Misato ansah war irgendwie merkwürdig. Es war eine Mischung aus Bewunderung und Sorge. Sorge, wegen der Ereignisse der letzten Tage
und dem Stress, dem die dunkelhaarige Frau an seiner Seite ausgesetzt war.- Und Bewunderung, weil er einfach nicht umhin konnte festzustellen, wie hinreißend Misato doch war.
Sie hatten sich getroffen um ungestört miteinander reden zu können, und da der größte Teil von Tokio-3 beim letzten Kampf gegen die Engel zerstört worden war,
blieb ihnen nichts weiter übrig, als sich einen ruhigen Platz außerhalb der Stadt zu suchen.
Die Luft war feucht wie in einer Sauna. Die Selbst-zerstörung von Einheit-00 hatte Millionen Kubikmeter Wasser verdampfen lassen... Wasser, das selbst jetzt noch wie ein dichter
Nebel in der Luft hing und alles bedeckte. Misato hatte sich bereits mehrfach darüber beschwert, dass die hohe Luftfeuchtigkeit ihr Haar total verkleben würde, und e
strähnig und unordentlich aussehen ließ... Kaji dagegen fand weder Misatos Haar noch das Wetter abstoßend.
Sie hatten einen kleinen Picknickkorb zusammengepackt, und saßen nun auf dem Bergrücken einer der Hügelketten, die die Stadt umgaben. Auf ihrem Weg hinauf hatten sie de
öfteren zurück auf die Ruinen des einst so stolzen Tokio-3 geschaut, und es war ein schrecklicher Anblick gewesen. Trümmer so weit das Auge reichte, und selbst jetzt wurden
immer noch Verletzte und die leblosen Körper weniger glücklicher Leute aus den noch halbwegs intakten Gebäuden geborgen. Seit drei Tagen arbeiteten die Rettungsteam
bereits unter Hochdruck und die Flackerlichter der Einsatz- und Unfallfahrzeuge schwirrten wie Leuchtkäfer durch die ganze Stadt. Doch in Mitten des langsam wieder einsetzenden
Alltagstrotts hatte man sich an den Anblick bereits gewöhnt.
Von der Spitze des Bergrückens aus, war jedoch von all diesem Chaos nichts mehr zu sehen. Die Wolken, die über der Stadt hingen, verdeckten die Sicht und hüllten alles in
einen Schleier von feinem Dunst. Beschienen vom Licht der Sonne sah es fast wie die Eisschicht auf einem zugefrorenen See aus, aus der die Spitzen der höchsten Gebäude wie
Wasserpflanzen herausragten, während die flackernden und blitzenden Warnlichter der Rettungsfahrzeuge der Szenerie ein wenig Leben einhauchten, indem sie wie Sterne am Nachthimmel
funkelten...
Es war ein unbeschreiblich schönes Erlebnis diesen Anblick bei einem guten Glas Wein mit einer solch wundervollen Frau wie Misato zu teilen,- und Kaji spürte sofort wie seine
Anspannung nachließ, und der Stress der ganzen letzten Tage von ihm abzufallen schien.
"Ich werde wohl nicht daran vorbei kommen, es Asuka heute zu sagen.", flüsterte Misato leise während sie ihren Kopf in seinen Schoß legte.
"Wirklich?", fragte Kaji und ließ seine Finger zärtlich durch ihr langes, purpurfarbenes Haar gleiten.
"Ja. Jetzt wo Einheit-00 nicht mehr Existiert, müssen wir dringend einen neuen Piloten für Einheit-02 finden. Wenn nicht, dann..."
"Ich weiß.", unterbrach Kaji und nickte. "Sie wird zwar alles andere als glücklich sein, zu hören, dass jemand anders ihren EVA bekommt... aber ich glaube kaum, dass sie
dir deshalb Vorwürfe machen wird."
"Und genau das ist der Teil, vor dem mir graut!", erwiderte Misato. "Du weißt doch, was sie tun wird, oder?"
"Nö, was denn?" Kaji grinste als er ihr den Unwissenden vorspielte. Natürlich konnte er sich denken, worauf sie hinaus wollte...
"Sie wird anfangen zu heulen. Und kaum dass die erste Träne fließt, wird Shinji sie tröstend in den Arm nehmen, wofür sie sich dann natürlich bei ihm bedankt,-
und wenn ich dann heute Abend nach Hause komme, treiben sie es bereits wie die Karnickel.", erklärte sie und schrie auf. "AHHH VERDAMMT ICH WILL GAR NICHT DARAN DENKEN!"
"Das ist schon in Ordnung.", entgegnete Kaji und lehnte sich zurück so dass sie beide auf den dunstverhangenen, blauen Himmel blicken konnten, der sich über ihnen erstreckte.
"Shinji ist kein schlechter Kerl. Immerhin ist er ja auch bei den klügsten Köpfen dieser Generation in die Lehre gegangen."
"Damit meinst du jetzt nicht rein zufällig dich selbst, oder?", kicherte Misato.
Kaji grinste. "Naja, irgendwie schon. Aber nimm doch mal dich selbst, Misato. Du behauptest zwar immer, dass du nicht mehr als ein Vormund und eine Mitbewohnerin bist, doch in
Wirklichkeit bist du viel mehr als das; du bist Freund und Familie für ihn."
"So lieb das auch gemeint ist, aber irgendwie jagt mir diese Vorstellung Angst ein.", erwiderte sie mit einem Lächeln. "Ich hasse es nämlich in irgendeiner Weise mit Gendo in
Verbindung gebracht zu werden."
"Weißt du... So gesehen ist Gendo auch kein schlechter Lehrmeister.", meinte Kaji.
"WAS!??", platzte Misato hervor und setzte sich aufrecht hin, um ihm mit einem teils unverständigen, teils wütenden Blick in die Augen starren zu können.
"Na klar doch.", erklärte Kaji grinsend. "Pass auf, dass du nicht so wirst wie er,- und du kommst garantiert in den Himmel."
Misato seufzte und kuschelte sich wieder in seinen Schoß. "Ja, ich denke du hast schon recht, was die beiden und ihre Liebe betrifft. Nur kommen sie mir irgendwie noch viel zu jung
für sowas vor."
"Sie sind sechzehn, Misato.", erwiderte er mit einem Seufzen. "Und wenn du bedenkst, dass man in unserem Land schon mit 14 heiraten darf..."
Misato schenkte ihm ein hämisches Grinsen. "Sechzehn? Hmm. dann erklär' mir eins, Doktor Algebra... Asuka und Shinji wurden beide im Jahre 2001 geboren. Wie können sie
dann sechzehn sein, wenn wir das Jahr 2015 schreiben?"
Kaji zuckte mit den Schultern. "Ich weiß nicht. Andererseits waren sie beide felsenfest davon überzeugt, dass sie in diesem Jahr ihren sechzehnten Geburtstag feiern
würden."
Ein lange Stille setzte ein.
"Das ist nicht witzig, Kaji.", meinte Misato plötzlich und setzte sich auf, um ihm von Neuem in die Augen sehen zu können. "Das kommt doch alles nicht hin. Irgendwo muss doch
ein Trick sein? Sag schon, was hast du herausgefunden?"
"Nichts.", antwortete Kaji mit einem Schulterzucken. "Die MAGI-Computer beziffern das Alter der Kinder korrekt,- wohingegen die letzten medizinischen Untersuchungen der Kinder aufzeigen,
dass sie dem Entwicklungsstand nach zu urteilen, tatsächlich sechzehn Jahre alt sind,- plus minus ein paar Monate." Misato blickte ihn mit weit aufgerissenen Augen an, doch der ewig
unrasierte Mann lächelte nur. "Was meinst du wohl, wie ich mir in den letzten Tagen den Hintern aufgerissen habe, um die Antwort auf dieses kleine, aber feine Rätsel zu
finden?"
"Zwei Jahre?" Misato blinzelte,- sie konnte es immer noch nicht glauben.
"Zwei Jahre, die in den Köpfen der Kinder und auf ihrer biologischen Uhr vergangen sind,- an die wir uns aber zumindest nicht erinnern.", verbesserte Kaji und zuckte mit den
Schultern. "Natürlich sind auch die MAGI-Computer der Meinung, dass es das Jahr 2015 ist... Und das sollte tatsächlich stimmen, denn die Sternkonstellationen passen nämlich
in dieses Jahr. Ich habe dazu extra eigene Berechnungen angestellt, und mich mit Experten und Hobbyastronomen auf der ganzen Welt unterhalten. Es wäre schon eine gigantische
Verschwörung, wenn wir nicht tatsächlich das Jahr 2015 schreiben würden."
Misato blickte ihn ungläubig an. "Und was ist mit uns?"
"Wie es scheint, sind zunächst einmal nur die Children, und alle anderen Schüler in Shinjis und Asukas Klasse von diesem Phänomen betroffen. Jeder von ihnen denkt, dass er
in diesem Jahr seinen sechzehnten Geburtstag feiert... oder gefeiert hat..." Kajis Blicke ruhten auf der Dunstglocke, die immer noch die Stadt bedeckte. "Bei all den Fortschritten im
Bereich der Gentechnologie und beim Klonen, wer weiß... Ich hab da so eine Theorie..."
"Lass mich raten... es hat was mit EVA zu tun?"
"Ganz genau." Kaji seufzte. "Ich bin zwar kein Experte...", meinte er und schenkte Misato einen liebevollen Blick. "Aber bei all den Gesprächen, die ich in den letzten Monaten mit
diesem Kaoru geführt habe, habe ich genug aus ihm heraus quetschen können, um mir ein Bild darüber zu machen, was hier vor sich geht."
"Er... er gehört nicht hier hin, oder?", flüsterte Misato.
"Ich weiß es nicht.", erwiderte Kaji und nahm sich die Zeit, ihnen beiden noch einmal ein Glas Wein einzugießen. "Aber... ich denke, dass er auch kein Engel ist..."
"Dann bist du dir also nicht sicher?" Misato musste blinzeln, als ihr die Tragweite von Kajis Worten bewusst wurde...
... und es setzte eine lange Pause ein, in der keiner von beiden auch nur ein Wort verlor...
"Vor ein paar Tagen habe ich versucht ihn zu erschießen...", begann Kaji schließlich mit leiser Stimme zu erzählen. "Aber kaum dass ich den Abzug gedrückt hatte,
erschien ein A.T.-Feld, und hat ihn gerettet." Er schaute Misato tief in die Augen. "Ich glaube, dass er es auch war, der mich damals gerettet hat."
"Wann genau war das denn?" Misato merkte auf.
"Vor vier Tagen."
"Aber..."
Kaji schmunzelte. "Ja, ich weiß. Die Sensoren haben kein A.T.-Feld detektiert..." Er hielt inne und zuckte mit den Schultern. "Aber ich weiß, was ich gesehen habe, Misato.
Das war nicht einfach ein Blitzlicht, oder ein verirrter Sonnenstrahl oder sowas... Was ich gesehen habe, war eine ausgewachsene Wand aus orange-gelbem Licht!"
"Das ist alles ein einziger, großer Alptraum, nicht wahr?", meinte Misato und seufzte als sie ihn ansah.
"Vielleicht.", erwiderte Kaji und zuckte von Neuem mit den Schultern. "Aber wie es aussieht, könnten wir schon sehr bald daraus erwachen."
* * *
Die Mitglieder des Idiotentrios seufzten als sie über die in Trümmern liegende Stadt blickten.
Toji hatte seine Arme vor der Brust verschränkt... während Hikari sich an ihn klammerte und, an seiner breiten Schulter vorbei, hin zu dem Geröllhaufen starrte, der einst
ihre Heimatstadt war. "Wow."
Einhelliges Nicken machte die Runde.
Dann aber schüttelte Kensuke den Kopf. "Das ist fürchterlich!"
Rei wurde für ihre Verhältnisse feuerrot und seufzte.
Als Shinji ihre Reaktion bemerkte schmunzelte er. "Keine Angst. Er beklagt sich nicht über die Zerstörung der Stadt, sondern über all den Militärkram, der mit hoch
gegangen ist."
"Verdammt richtig!", gab Kensuke zu, und schenkte Rei ein versöhnliches Lächeln für den Fall, dass sie seine Bemerkung als Beleidigung aufgefasst hatte. "Nächste
Mal, wenn du wieder vorhast die Stadt in die Luft zu sprengen, dann sag bitte vorher Bescheid, damit ich schon im Vorfeld ein wenig plündern gehen kann."
Rei errötete noch ein wenig mehr und ließ den Kopf sinken.
Asuka dagegen grummelte sich etwas in ihren nicht vorhandenen Bart... "Hör nicht auf sie, Rei. Das sind doch einfach nur Idioten. Die haben doch überhaupt keine Ahnung.",
meinte sie schließlich und rümpfte in gespielter Arroganz die Nase.
Rei konnte nicht anders, als zu schmunzeln. "Ich bin nur froh, dass niemand verletzt wurde."
"Und Misatos Appartement war weit genug vom Stadtzentrum entfernt, um nicht in Mitleidenschaft gezogen zu werden! Herz, was willst du mehr!", setzte Asuka mit einem zufriedenen Grinsen
hinzu. "Übrigens, wenn du willst, kannst du gerne eine Weile bei uns wohnen, Rei."
Ein ungläubiges Keuchen machte die Runde, und selbst Shinji starrte Asuka mit weit aufgerissenen Augen an. Solch eine noble und selbstlose Geste von Asuka hatte er nicht mehr
erlebt, seit... ja seit, ähh... na ja, seit sie sich kannten...
"Ihr braucht gar nicht so blöd zu gucken!", knurrte Asuka und schenkte Rei ein von herzen kommendes Lächeln. "Das war wirklich ernst gemeint, Rei. Wenn du magst kannst du gerne
bei uns wohnen."
Rei lächelte. "Ich schätze, es wäre ganz gut, wenn ich zumindest mal heute Nacht bei euch unterkommen könnte."
"Abgemacht!", antwortete Asuka enthusiastisch. "Kommt, dann lasst uns gehen!"
Die sechs Freunde, allen voran Asuka und Rei, machten sich auf den Weg zurück zur Haltestelle der Monorail-Bahn, die durch die Randbezirke von Tokio-3 verlief. Es war eines der
wenigen noch in Betrieb befindlichen Massenverkehrsmittel.
Und während Shinji sich immer noch wunderte, warum sein Rotschopf und das blauhaarige Mädchen so gut miteinander klar kamen, tauchten nach einigen Schritten Hikari und Toji an
seiner Seite auf. "Na ja, soviel dazu."
Shinji schmunzelte. "Stimmt. So brauchen wir uns wenigstens keinen Kopf darum zu machen, wie wir Rei dazu bewegen können auch auf die Party zu kommen. Und wie ich Misato kenne, ist
sie mit den Vorbereitungen bestimmt auch fast fertig."
"Weißt du was erstaunlich ist?", meinte Hikari mit einem glücklichen Lächeln auf dem Gesicht. "Asuka scheint mir in letzter Zeit so viel fröhlicher zu sein.."
Jeder in ihrem Freundeskreis machte sich natürlich so seine Gedanken, was die Beziehung zwischen Asuka und Shinji anging, doch sie besaßen alle genug Anstand um ihre
Spekulationen für sich zu behalten. Shinji dagegen fühlte sich noch immer ein wenig unwohl, wenn ein Thema angeschnitten wurde, das in diese Richtung führte.
"Na ja, sie versucht halt sich abzulenken, und sich mit anderen Dingen zu beschäftigen.", antwortete er dann auch leise. "Sie will einfach nicht mehr über EVA nachdenken al
nötig."
"Na ich bin sicher, dass die Party eine nette Abwechslung darstellen wird.", meinte Kensuke, der sich inzwischen auch der Gruppe um Shinji angeschlossen hatte und gerade seine Brille
richtete. "Selbst ein roter Dämon sollte an seinem Geburtstag nicht ignoriert werden."
"PSSST!" Sofort hielten Toji und Shinji ihm den Mund zu. "Nicht so laut!", sagte Toji."
"Außerdem war ihr Geburtstag schon letzte Woche.", fügte Shinji im Flüsterton hinzu.
"Na ja, es ist aber trotzdem ihre Geburtstagsparty.", warf Hikari mit einem Schmunzeln ein. "Und außerdem wette ich, dass sie und Shinji an ihrem Festtag letzte Woche viel lieber
allein waren."
Toji grinste... ein wenig zu einfältig. "Ja, an dem Abend haben sie bestimmt viel Spaß gehabt."
Shinji musste schlucken und betete, dass niemand bemerkte wie feuerrot er mittlerweile war.
* * *
Gemächlich kam Gendo die Treppen hinunter, passierte das als Ablauf gekennzeichnete Bodengitter, und strebte dem Beobachtungsdeck zu, von wo aus er auf die LCL-Tanks und da
Kontrolldeck der Dummy-Plug-Produktion hinab sehen konnte. Den ganzen Weg über redete er mit sich und der Dunkelheit, die ihn umgab.
"Das Leben darf niemals in ungeordneten Bahnen verlaufen. Leben muss ein Ziel haben, Rei.", behauptete er, während er langsam zwischen den hier noch ungefähr brusthohen Tank
umher schritt. "Dennoch gibt es viele Situationen und Momente, die den Lauf des Lebens verändern, und das Endresultat schwer vorhersehbar machen." Er schmunzelte. Doch es war kein
überhebliches, kontrollierendes Lächeln.- Nein, es hatte viel mehr etwas Gütiges, Stolzes, und irgendwie Familiäres an sich.
"Ich bin stolz, dass wir so weit gekommen sind.", flüstere er dem abgedunkelten Raum zu, in dem er stand.
"Um dem Leben einen Sinn... und einen Zweck zu geben, bedarf es einer weitreichenden, genauen Planung. Es kostet viel Mühe." Er hielt inne und seufzte. "Und man muss bereit sein
Opfer zu bringen."
"Ahh, und in genau dem Punkt bist du wohl ein Experte, was?"
Gendo blinzelte verwundert und blickte sich ungewohnt hektisch um. Er war so sehr in seine Selbstgespräche und die an Rei gerichtete Rede vertieft gewesen, dass ihn die fremde
Stimme, die plötzlich geantwortet hatte, völlig aus dem Konzept brachte.
Schnell umrundete er die letzten der Test-Tanks und trat vor das kreisrunde Becken, das Ritsuko so scherzhaft das 'Reiquarium' nannte. Und da sah er sie... Die Quelle der Stimme.
Es war ein junger Mann, der im Widerschein der bernstein-farbenen Beckenbeleuchtung lässig auf dem Rand des großen Bassins lehnte, während schräg unter ihm die
Überreste der sich auflösenden Rei-Klone langsam durch das LCL trieben. Die losgelösten Arme, Beine, und Köpfe der Kreaturen warfen gespenstisch anmutende Schatten und
verliehen der ohnehin schon unwirklich erscheinenden Szene etwas Teuflisches.
Gendo versuchte den Schrecken, den er bekommen hatte, nicht zu zeigen,- doch die Art wie er seine Schritte merklich beschleunigte, zeigte nur zu deutlich, dass ihn die eigenmächtige
Tat des guten Doktors kalt erwischt hatte.- Weder hatte er sie vorausgeahnt, noch davon gewusst.
Kaoru dagegen stand einfach nur da und polierte seelenruhig mit einem Zipfel seines Hemdes die Gläser seiner Brille. "Tja, das Leben ist weiß Gott nicht fair. Und warum sollte
diese weltbewegende Erkenntnis gerade dir vorenthalten bleiben?", meinte er und blickte mit einem Schmunzeln auf die nun fast leeren Tanks. "Ja ja, deine kleine Puppe ist jetzt nicht
mehr. Keine Ersatzkörper, keine lebenden Ersatzteillager, und vor allem keine Kopien, mit denen du jegliche Entwicklung einer Persönlichkeit bei ihr rückgängig machen
kannst... Es gibt jetzt nur noch Rei. Die Eine... Die wahre Rei."
"Du...", zischte Gendo, und stand erstaunlich still für jemanden, dem im Moment zig-tausend Emotionen und Gedanken durch den Kopf schossen. "Was willst du hier."
Er hatte es nicht als Frage gemeint, und darum verspürte Kaoru auch keinen Drang ihm zu antworten.
"Ich habe Jahre gebraucht um diesen Moment vorzubereiten.", erwiderte der Sensei während er seine blank polierte Brille wieder aufsetzte.
"Du...", begann Gendo und wich ein paar Schritte zurück. "Du wirst mich jetzt umbringen."
"Nein.", entgegnete Kaoru und begann zu grinsen. "Obwohl es mir ehrlich gesagt verdammt viel Freude machen würde, dir eine Kugel durch den Schädel zu jagen... Nur leider habe
ich einst versprochen, dass ich es nicht tun werde. Und an dieses Versprechen fühle ich mich nun mal gebunden."
"Was ist es dann...", fragte der alte Ikari deutlich verwirrt.
"Das hier ist der Moment, an dem es heißt: 'Alles wieder zurück auf Anfang'.", erklärte Kaoru gelassen, wobei er sich die Zeit nahm die Worte gründlich auf seinen
Gegenüber einwirken zu lassen. "Alles, was du getan hast, wird ungeschehen gemacht. Alles was du kontrollierst, wird deiner Kontrolle entrissen. Und jeder, den du jemals in
irgendeiner Weise missbraucht oder verletzt hast..." Er hielt inne und setzte ein fieses Grinsen auf. "...bekommt jetzt die Chance sich dir zu widersetzen, und sich zu rächen."
Verdeckt durch seine getönten Brillengläser, musterten Gendos Augen den Sensei der Children, der begonnen hatte den Kommandanten zu umkreisen,- fast so wie ein Hai immer um
seine Beute herum kreist, bevor er zuschlägt. "Was willst du damit erreichen?"
"Dich interessiert doch gar nicht, was ich will." antwortete Kaoru gelassen. "Aber um dir den Gefallen zu tun... Ich will, dass die Dinge endlich wieder so laufen, wie es von Anfang an
vorherbestimmt war. Ich habe zu viele Geschichten über dich gehört, und zu viele deiner Taten mitangesehen, um dich einfach gewähren zu lassen."
Kaoru, der mittlerweile hinter Gendo stand, legte äußerst behutsam, aber mit einem Grinsen auf den Lippen seine Hand auf die Schulter des alten Ikari.
"Aber Eines muss ich dir ja lassen...", meinte Kaoru schließlich. "Es war nicht einfach. Du hast gute Arbeit geleistet... und es besteht die Möglichkeit, dass du das Ruder
immer noch herum reißen kannst. Vielleicht gewinnst du ja am Ende doch noch,- oder bekommst zumindest das, was du erreichen wolltest."
"Ich muss dich warnen. Ich bekomme immer, was ich will.", warf Gendo ein, und ignorierte die Hand, die auf seiner Schulter ruhte.
Kaoru begann zu grinsen. "Ahh jaa. Nun gut, ich denke, so unrecht hast du da nicht.", stimmte er zu und lehnte sich ein wenig vor um in Gendos Ohr flüstern zu können. "Nur sieh
dich vor. Du bist nicht mehr ganz allein der große Zampano. Du hast Mitspieler und Gegner bekommen, und sie alle haben jetzt etwas zu sagen, nicht nur du."
Gendo sagte kein Wort.
"Aber jetzt musst du mich entschuldigen. Mein Urlaub ruft.", fuhr Kaoru schließlich mit einem Grinsen fort. "Dein Sohn wird demnächst eine sehr wichtige Entscheidung zu
treffen haben.", erklärte er und begann zu strahlen. "Aber ich bin sicher, dass er das Richtige tun, und am Ende triumphieren wird."
"Und wenn nicht?", warf Gendo mit einem fiesen Grinsen ein. "Du setzt zu viel Vertrauen in dieses Kind."
"So wie du.", antwortet Kaoru. "Du sollst vorsichtiger sein, und besser nicht darauf vertrauen, dass er die gleichen Fehler machen wird, die du gemacht hast."
"Mm.", grummelte Gendo.
"Glaube mir, ich war ihm ein besserer Lehrer als du es warst."
Und kaum dass die letzte Silbe verklungen war, war Gendo wieder ganz allein in dem großen Raum. Er drehte sich um und suchte nach dem Eindringling, doch niemand war mehr da.
Er verfluchte sich dafür, seine Waffe vergessen zu haben.
Doch andererseits... hätte es wohl ohnehin nichts gebracht...
Er musste nach Luft schnappen, als ihm plötzlich siedendheiß wieder einfiel, warum er eigentlich hierher gekommen war... Bei einer Routineprüfung hatten die MAGI-Computer
felsenfest behauptet, dass Rei sich immer noch an diesem Ort aufhalten würde... Mit schnellen Schritten trat er an den zentral gelegenen LCL-Tank...
Und tatsächlich... als er sich über diesen etwas tiefer liegenden Tank beugte, sah er undeutlich, und ein wenig verschwommen, die Silhouette einer blauhaarigen, jungen Frau im
LCL treiben. Verwundert über die Tatsache, dass sie seine Anwesenheit zu ignorieren schien, reichte Gendo hinunter in das LCL und griff das Mädchen bei den Haaren. Ihm war
gelinde gesagt ein wenig unwohl, als der Kopf der jungen Frau vom Rumpf abriss, kaum dass er leicht daran zog.
Der einzelne Kopf, den er schließlich in den Händen hielt, sah nicht zuletzt durch die merkwürdigen, verästelten Läsionen, die im entferntesten an
hervortretende Adern erinnerten, schrecklich entstellt aus. Dennoch lag auf den Lippen dieses Kopfes das wohl zufriedenste und glücklichste Lächeln, das Gendo je gesehen
hatte.
Ein lautes, ekelhaftes Platschen verband sich mit dem Geräusch eines zerberstenden Schädels als der Kommandant den Kopf des offensichtlichen Rei-Klons mit voller Wucht gegen
die Wand dieses alptraumhaften Raumes schleuderte.
Er stürzte förmlich hinaus, fest entschlossen dem Zerfall seines schönen Planes Einhalt zu gebieten. Wenn er doch nur wüsste, wie weit die Veränderungen bereit
gegangen waren.
Die Überreste der restlichen Klone, die im 'Reiquarium' nebendran langsam gänzlich verschwanden, konnten ihm darauf keine hinreichende Antwort geben.
* * *
"Ich hasse euch!", grummelte Asuka vor sich hin und knirschte mit den Zähnen...
Natürlich war diese Aussage nur zum Teil wahr, und der Grund für diesen Missmut wahr wohl hauptsächlich darin zu suchen, dass man ihr ein kleines Papphütchen
aufgesetzt hatte, mit dem sie absolut lächerlich aussah. Der Umstand, dass Kensuke das Ganze dazu dann auch noch mit seiner Videokamera festhielt, war auch nicht gerade geeignet,
ihre Laune zu verbessern.
Kaji und Misato versuchten unterdessen krampfhaft nicht in lautes Gelächter auszubrechen... doch am Ende versagten sie kläglich.
"Oh, komm schon, Asuka-chan!", kicherte Hikari und umarmte ihre Freundin nun schon zum x-ten mal an diesem Tag. "Lach doch mal. Immerhin ist es deine Party! Oder muss ich dir erst
befehlen, dich zu amüsieren?"
"Wag' es ja nicht.", warnte Asuka und gab sich alle Mühe mürrisch und total unglücklich auszusehen... Leider nur verriet das Funkeln in ihren Augen, dass sie sich
prächtig amüsierte...
Angesichts der Vorfälle der letzten Zeit freuten sich ihre Freunde sehr darüber, dass sie ein wenig Spaß zu haben schien... und so fiel es ihnen auch leicht die
rüden Bemerkungen und Drohungen zu ignorierten, die Asuka ausstieß während sie ihre Geschenke überreicht bekam.
"Ich hasse euch al.." Sie hielt inne und musste erstmal nach Luft schnappen, als sie Hikaris Geschenk öffnete und sah, was es war. "WOW! DIE NEUE CD VON RAMMSTEIN! DANKE DANKE
DANKE!", rief sie und fiel ihrer Freundin um den Hals. Die arme Klassensprecherin war derart überrascht von diesem stürmischen Gefühlsausbruch, dass es sie und Asuka
buchstäblich von den Beinen holte.
Toji grinste als er sah wie sich seine Hikari wieder hochrappelte. "Ich verstehe deine Aufregung nicht! Das ist doch nichts weiter als eine Gruppe von durchgeknallten, brutalen
Deutschen, die Musik zum Takt marschierender Ameisen machen! Na ja... passt irgendwie zu dir!", meinte er zu Asuka und wandte sich Rei zu, die um die Wangen herum ein wenig rot geworden
war. "Außerdem hat Rei gesagt, dass du diese Art von Musik gut finden würdest."
"Wirklich, Rei?" Asuka strahlte über das ganze Gesicht. "Vielen Dank!" Sie nahm das arme blauhaarige Mädchen sofort in den Arm. "Das ist wirklich ein wundervolle
Geschenk."
Rei wurde richtig rot als sie ihrerseits die von herzen kommende Umarmung erwiderte. "Na ja, ich habe ein Faible für Ameisen."
Asuka wurde rot und warf Hikari ein Lächeln zu. "Auch dir vielen Dank. Ich freue mich wirklich über das Geschenk. Ich hatte in letzter Zeit kaum Gelegenheit etwas anderes al
klassische Musik zu hören."
"Was ist denn so schlimm an Klassik?", warf Shinji ein.
"Nichts, aber bei den Einsätzen gegen sie Engel hatte ich plötzlich Bilder von Napoleons Kriegszügen und der französischen Revolution im Kopf." Sie zwinkerte Shinji
zu. "Und das war dann doch recht störend."
"Okay. Mach das da als nächstes auf!", bat Kensuke fröhlich und zeigte dabei auf eine Schachtel, die direkt neben ihr auf dem Fußboden lag.
"Von wem ist es?" Asuka blinzelte als sie Toji, Kensuke und Shinji ansah, und das breite, konspirative Grinsen auf ihren Gesichtern bemerkte. "Oh mein Gott! Doch nicht etwa..."
Doch! Es waren tatsächlich die DVD Ausgaben aller Filme und Sketche der 'Three Stooges', dem wohl bekanntesten Idiotentrio der Filmwelt.
Sofort war Asuka auf den Beinen und gab jedem der Drei eine Kopfnuss.
Die drei Jungs hielten sich ihre schmerzenden Schädel und versuchten zu lächeln, doch "Aua!" war zunächst einmal alles, was sie zu Wege brachten.
Asuka streckte ihnen die Zunge heraus. "Geschieht euch recht!" Dann aber verbeugte sie sich leicht und meinte mit einem leichten Seufzen, aber dennoch von Herzen kommend. "Trotzdem,
vielen Dank... Bakas."
"Haai!", war die einstimmige und fröhliche Reaktion der drei besten Freunde.
"Na jetzt beruhigt euch mal wieder ihr drei... wir wollen ja auch nicht die gute alte Misato hier vergessen.", warf Kaji ein und musste schmunzeln, als er sah wie Misato zu grummeln
begann als ihr klar wurde, dass sie gerade 'alt' genannt worden war..."
Asuka seufzte als die dunkelhaarige Frau ihr ein schlampig eingepacktes Objekt in die Hand drückte, das irgendwie an eine Flasche erinnerte... "Oh, danke Misato.", meinte sie und
setzte ein fieses Grinsen auf. "Was ist es? Ein Pony? Ich habe mir schon immer ein Pony gewünscht!"
Misato seufzte. "Hey! Ich hatte viel zu tun!", entgegnete sie, aber begann sofort wieder zu schmunzeln. "Seid froh, dass sich einer unter Einsatz seines Lebens dazu durchringt, euch
minderjährigen Pänzen eine Flasche teuren Sake zu kaufen."
Pen-Pen war ein wenig angesäuert. Er hatte den zwischen den Zeilen liegenden, abschätzigen Kommentar über SEINE Wahl bei der Marke des Sake deutlich verstanden. Misato
hatte doch keine Ahnung! Der Stoff, den er Shinji zum Geburtstag geschenkt hatte, war erstklassig gewesen,- und kein Billigschund, wie die Marke, die sie gekauft hatte.
"Wuaagh!"
"Seht ihr?! Pen-Pen stimmt mir sogar zu!", erklärte Misato mit einem zufriedenen Grinsen. Das Lachen wäre ihr wohl im Halse stecken geblieben, hätte Pen-Pen einen
Mittelfinger gehabt, um das Zeichen, das er mit seinen Flügeln zu formen versuchte, deutlicher zu gestalten.
Dann aber waren mit einem Mal alle Augen auf Shinji gerichtet, der kurz verschwunden war, und nun mit einem Paket in den Händen zurückkehrte. Der junge Ikari grinste wie ein
Honigkuchenpferd.
Asuka sah ihn fragend an. "Oh, sag bloß Baka-kun will mir auch was schenken?"
Instinktiv stieß Hikari ihrem Toji den Ellenbogen in die Rippen, um jeglichen dummen Kommentar von seiner Seite schon im Keim zu ersticken.
Shinji übergab ihr die Schuhkarton-große Schachtel, und allein schon die Art, wie er das Paket behandelte, ließ Asuka vermuten, dass es sich um etwas empfindliches oder
zerbrechliches handeln musste.
Klar, die anderen Geschenke waren auch nett gewesen, doch sein Geschenk war etwas ganz besonderes...
Freudig überrascht aber auch fragend sah sie in seine Augen. Er strahlte. "Es... es ist nichts besonderes, aber ich hoffe dass es dir gefällt.", erklärte Shinji und wurde
zusehends rot. "Ich habe mich an unser Versprechen erinnert, und... na ja, da dachte ich mir..."
Misato runzelte die Stirn. Nein, für einen Verlobungsring war das Paket ein wenig zu groß,- also musste es etwas anderes, weniger Folgenschweres sein. "Na los, Asuka!",
drängte sie. "Mach es schon auf!"
Sprachlos begann Asuka das Paket zu öffnen. Der Karton unter dem Geschenkpapier sah tatsächlich ein wenig wie ein brauner Schuhkarton aus,- doch die teuersten Geschenke kamen
ja meist in den unscheinbarsten Verpackungen...
Asuka war sehr vorsichtig als sie den Deckel abhob und sich durch die Unmengen von weißem Einwickelpapier wühlte, die im Inneren der Schachtel lagen. Dann aber fand sie einen
der sorgsam eingewickelten Gegenstände und musste sofort nach Luft schnappen. "Shinji! Das... das ist ja..."
Überwältigt von ihrer Neugier drängelte sich Hikari zwischen ihre Freunde. "Oh mein Gott! Ein Sake-Set!"
Sofort scharten sich alle um Asuka, die mit leicht zittrigen Händen begann, die Einzelteile des Gedecks auszupacken. Traditionelle Sake Gedecke bestanden aus einem
größeren Keramik-Krug, der etwas von einer Vase oder Karaffe an sich hatte,- sowie einer unterschiedlichen Anzahl von kleinen Becherchen, die entweder auch aus Keramik oder
feinem Ton gefertigt waren, und gerade mal soviel Sake fassen konnten, dass es für ein paar Mal daran Nippen reichte,- oder halt für einen größeren Schluck,- je
nachdem was man bevorzugte.
Das Gedeck war einfach atemberaubend. Tiefdunkles, leicht violett angehauchtes Blau unterlegte ein in hellem Grau und warmen Blautönen gezeichnetes Dekor, das durch stilisierte
Zeichnungen von Federn und Blättern ergänzt wurde, während ein Goldrand oben und unten das Gesamtbild abrundete, und eine perfekte Verbindung zum einfachen, aber
nichtsdestotrotz wundervollen Eichenholztablett herstellte, auf dem das ganze Service Platz fand.
Asuka hatte Angst, dass die Gefäße in ihrer Hand zerbrechen würden. Das Porzellan sah so dünn aus und war beinahe durchsichtig, dennoch wäre es hart genug um
jahrzehnte-langen Gebrauch unbeschadet überstehen zu können.- Ein meisterliches Beispiel traditioneller japanischer Handwerkskunst.
Asuka schaffte es gerade noch das Gedeck vorsichtig wieder in die Schachtel zurückzulegen, bevor sie von ihren Gefühlen überwältigt wurde und sich Shinji an den Hal
warf. Sie drückte ihn so fest sie nur konnte an sich, während die ersten ihrer Tränen bereits auf sein Hemd tropften. "Ach Shinji... du bist der Beste...", flüsterte
sie leise. "Vielen, vielen Dank..."
Shinji schloss seine Freundin in die Arme und wurde ein wenig rot. Alle Augen waren auf ihn gerichtet, doch die Nähe von Asuka half ihm die Unsicherheit zu überwinden, die ihn
früher in ähnlichen Situationen paralysiert hätte. "Es war mir ein Vergnügen, Asuka-chan.", flüsterte er. "Herzlichen Glückwunsch!"
Kaji konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. "Also dann; Hoch lebe Asuka! Und alles Gute zu ihrem sechzehnten Geburtstag!"
Sofort umringten die anderen Jugendlichen das Geburtstagskind und stimmten in die Umarmung des jungen Liebespaares ein. Selbst Rei beteiligte sich an dieser Gruppen-Umarmung. Ehrlich
gesagt fand sie sie sogar recht interessant, und auf eine gewisse Weise aufregend... Immerhin lernte man in der Schule ja so gut wie nichts über zwischenmenschliche
Beziehungen...
"Soll ich den Sake schon einmal anwärmen gehen?", bot Rei schließlich an, als sie sich an ein Highlight der letzten Wochen erinnerte...
"Nein, noch nicht.", erwiderte Asuka und wurde ein wenig rot. "Ich habe Shinji versprochen, dass wir später noch ein Glas oder zwei zusammen trinken... Aber im Moment will ich
einfach nur ein wenig mit euch allen feiern."
"Ich bin glücklich, dass wir heute Abend alle zusammen sein können.", meinte Misato zufrieden, aber auch mit einer gewissen Portion Schwermut in der Stimme, als sie
hinüber zu Rei ging und das blauhaarige Mädchen in den Arm nahm. "Es wäre unfair, wenn sich einer außen vor gelassen, und wie das fünfte Rad am Wagen fühlen
müsste."
Rei nickte glücklich.
"Ja, das Leben ist wundervoll.", zitierte Kaji mit einem Grinsen. "Aber wenn jetzt einer anfängt Weihnachtslieder zu singen, dann bekomme ich Zahnschmerzen."
Misato wollte noch etwas erwidern, doch da klopfte es plötzlich an der Türe.
Als sie öffnete, war jedoch keiner zu sehen, und das einzige, was ihr auffiel, war das kleine Päckchen, das auf der Türschwelle lag.
* * *
"Asuka wird nicht sehr glücklich darüber sein.", seufzte Maya als sie den letzten Testbericht durchsah.
"Wenn du mich fragst, kämpft Asuka im Moment mehr gegen den Drang Selbstmord zu begehen, als gegen alles andere." entgegnete Ritsuko mit einem Kopfschütteln. "Ich denke eine
Pause wird ihr gut tun." Sie zuckte mit den Schultern. "Wer weiß, vielleicht spornt das 'Fifth Children' sie ja dazu an den Kampfgeist wieder auszugraben, den sie früher an den
Tag gelegt hat."
"Aber... die große Frage ist doch, wird er überhaupt in der Lage sein, mit EVA-02 zu synchronisieren.", warf Maya ein.
Ein Geräusch ließ die beiden aufmerken und wie auf Kommando zum gleichen Bildschirm sehen. Es war eine Mitteilung, die über das NERV-interne Kommunikationsnetzwerk kam,
und besagte, dass SEELE in ein paar Tagen den nächsten EVA-Piloten, das 'Fifth Children', schicken würde.
"Ich habe das Gefühl, dass irgendwas großes passieren wird.", flüsterte Ritsuko. "Es schmeckt mir irgendwie ganz und gar nicht, dass wir gerade jetzt noch einen neuen
Piloten dazu bekommen. Ich meine Toji hat große Fortschritte gemacht, kein Zweifel, aber trotzdem ist er noch bei weitem nicht so gut wie Asuka oder Shinji."
Maya schmunzelte. "Aber vielleicht hat der Neue ja das Talent zum Piloten. Training scheint nicht alles zu sein. Man muss wohl auch das Herz am rechten Fleck haben, so wie Shinji und
Asuka."
"Wie war das gerade, Maya?", merkte der Doktor auf und wandte sich seiner Assistentin zu. "Woher dieser plötzliche Anflug von Gefühlsduselei?" Sie begann zu lächeln. "Du
weißt doch, dass in unserem Job Gefühle nur hinderlich sein können."
"Du klingst schon wie Gendo.", murmelte Maya leise.
Ritsuko blinzelte und wurde rot, als sie bemerkte, wie recht ihre Freundin hatte. "Tut mir leid."
"Muss es nicht.", erwiderte Maya, willens die Sache auf sich beruhen zu lassen. "Trotzdem, ein wenig Sentimentalität hin und wieder könnte dir sicher nichts schaden."
"Wenn wir die Sache mit den Engeln hinter uns haben, wollte ich mir sowieso ein Lehrbuch über die Gefühle der Menschen besorgen.", scherzte Ritsuko, doch es war nur zu
offensichtlich, dass Maya die Bemerkung gar nicht witzig fand.
"Vielleicht solltest du dann auch direkt mal nach einem Buch über Humor Ausschau halten. Ich hab' schon mal mehr gelacht...", erwiderte Maya.
Ritsuko schmollte. "Wie du meinst, Liebelein."
* * *
In dieser Nacht lag Shinji länger als gewöhnlich wach.
Misato und Kaji hatten die Party bereits recht früh verlassen und waren zu einem gemeinsamen Dinner aufgebrochen. Die dunkelhaarige Frau hatte zwar anklingen lassen, dass sie
später am Abend zurückkehren, und nach dem 'Rechten' sehen würde, doch wie es schien hatte der Charme ihrer männlichen Begleitung dafür sorgen können, da
die Kinder für den Rest des Abends nicht weiter gestört wurden.
Ihre Freunde hingegen waren erst vor einigen Stunden gegangen, wobei das junge Paar ein wenig nachgeholfen hatte, indem es vorgab hundemüde zu sein.
Wie versprochen, hatten Shinji und Asuka zusammen Sake getrunken. Wenn er sich nicht irrte, dann würde dieses Ritual wohl zu einer Art Tradition zwischen ihnen beiden werden. Er
rätselte noch immer, warum es so viel besser geschmeckt hatte als beim letzten Mal. Natürlich hatten sie diesmal anstelle der Plastikbecher das traditionelle Sake-Set
verwendet,- aber irgendwie war Shinji fest davon überzeugt, dass es doch eher an den liebevollen Küssen lag, die sie zwischendurch geteilt hatten. Wie auch immer... Er war
glücklich...
Sein Blick fiel auf Asuka, die ihren Kopf auf seine Brust gelegt hatte, und selig vor sich hin schlummerte. Die Müdigkeit hatte sie eingeholt, kurz nachdem sie sich geliebt hatten.
Doch selbst jetzt - Stunden später - war er immer noch ein Teil von ihr,- so wie sie es sich gewünscht hatte. Shinji lag einfach nur da und genoss dieses wohl intimste aller
Gefühle. Er hoffte, dass sie das Richtige taten,- und dass es auch ihr half, die dunklen Träume zurückzudrängen, die sie sonst immerzu plagten.
Das Paket, das Misato auf der Türschwelle zu ihrer Wohnung vorgefunden hatte, hatte zwei Dinge enthalten: Ein SDAT-Band und ein kleines, handgearbeitetes Armband.
Was das Schmuckstück betraf, so zierte es inzwischen Asukas Handgelenk, das ruhig an seiner Flanke ruhte. Das Armband war wundervoll und in seiner Schönheit und Machart
sicherlich einzigartig.
Das SDAT-Band dagegen sah etwas ramponiert aus, schien aber dennoch funktionstüchtig zu sein. Obwohl im gleichen Paket wie das Armband, hatte Asuka sofort angenommen, dass das Band
allein für Shinjis Ohren bestimmt war. Sie hatte sich zwar gefragt, was wohl auf dem Band drauf war, doch das Gefühl ihren Liebsten bei sich zu haben, und im Schutz seiner
Wärme einschlafen zu können, hatte am Ende über ihre Neugier gesiegt. Wenn es wichtig war, würde sie es sicher erfahren.
Vorsichtig, ohne seine Freundin zu wecken oder die Verbindung ihrer Körper zu trennen, griff Shinji nach seinem SDAT-Player und legte das mysteriöse Band ein.
Der kleine, und allem Anschein nach neu aufgebrachte Aufkleber an der Seite des Tonträgers hatte Shinjis Interesse geweckt, kaum dass er ihn bemerkt hatte.
'Eisenbahngleise'...
... stand darauf,- und allein schon dieses Wort - zusammen mit der merkwürdigen Art und Weise, wie dieses Band aufgetaucht war - waren Grund genug gewesen, so lange wach zu
bleiben.
Vorsichtig legte er seine Kopfhörer an und regelte vorsichtshalber die Lautstärke herunter, bevor er seinen SDAT-Player einschaltete. Um keinen Preis der Welt wollte er Asuka
aufwecken.
Leise Musik setzte ein, doch im Hintergrund war ganz leise, und kaum vernehmbar, auch ein anderes Geräusch zu hören... Es war eine Art Rauschen... und damit für die
digitale SDAT-Technologie eher ungewöhnlich, aber dennoch durchaus erklärbar, wenn man davon ausging, dass bei der Aufnahme ältere, analoge Geräte verwendet worden
waren.
Nach einer Weile jedoch verschwand das Hintergrundgeräusch, und machte der vertrauten Stimme von Sensei Kaoru Platz.
"Hallo, Shinji. Hier ist dein guter alter Lehrer.", begann die Stimme und hielt kurz inne, um leise zu kichern. "Na ja, zumindest hoffe ich, dass ich ein guter Lehrer war.- Aber das wird
sich ja herausstellen, denke ich."
Shinji musste schmunzeln. "Hai."
"Ich hoffe, dass du gesund bist,- und dass es dir auch sonst gut geht. Ich habe zwar nicht viel Zeit und muss mich kurz fassen, aber dennoch möchte ich dir noch ein paar Worte
sagen, bevor ich gehe. Die Schule ist zerstört, und es wird wohl eine ganze Weile dauern, bis wir uns wiedersehen werden. Ich bete, dass wir uns eines Tages als Erwachsene
gegenüber treten können,- und nicht als Lehrer und Schüler, denn das erinnert mich zu sehr an Vater-Sohn-Beziehungen... Und ich denke gerade du wirst mich verstehen, wenn
ich dir sage, dass ich Unterhaltungen auf solchem Niveau vermeiden möchte..."
Shinji konnte nicht anders als nicken.
"Mein Vater war ein großartiger Mann, Shinji, und ich bin froh, dass du die Gelegenheit bekommen wirst ihn zu treffen. Wir waren von je her zu unterschiedlich, und sind unsere
eigenen Wege gegangen... Doch ich werde mir nie verzeihen können, dass ich nicht schon viel früher eingesehen habe, was für eine gute Seele in diesem Mann steckte... Und
als ich es schließlich bemerkte, war es zu spät, und wir waren beide bereits viel zu alt... und zu dickköpfig, um es zuzugeben, und aufeinander zuzugehen..." Kaoru
seufzte. "Wie dem auch sei, Shinji... Du erinnerst mich sehr an meinen Vater. Und in meinen Augen bist du kein Schüler, sondern mindestens eben so ein Lehrer wie ich es bin... und
wie er es war."
Eine kleine Pause setzte ein.
"Die nächsten Jahre könnten eine harte Zeit für dich und Asuka werden. Wahrscheinlich werdet ihr hart kämpfen müssen, um zusammen bleiben zu können,- aber
ich bin zuversichtlich, dass ihr es schaffen werdet, denn eure Liebe ist eine ehrliche, tief empfundene und von Herzen kommende Liebe. Trotzdem bitte ich euch; habt Geduld. Und seid immer
füreinander da."
Shinji lächelte als sein Blick auf die wunderschöne junge Frau fiel, die sein Herz erobert hatte. "Das werden wir. Ich verspreche es.", flüsterte er, und fast so als wolle
sie ihm zustimmen seufzte Asuka leise im Schlaf.
"Doch bevor ich gehen kann, möchte ich dir noch schnell die letzte Lektion auf meinem Lehrplan näherbringen.", fuhr Kaoru schließlich mit seiner warmherzigen, aber
dennoch von lehrerhafter Strenge erfüllten Stimme fort. "Und darin geht es um die Herzen anderer Leute." Er hielt kurz inne und lachte leise. "Und ich empfehle Ihnen gut aufzupassen,
Mister Ikari! Denn der Lehrstoff dieser Lektion ist Teil der Abschlussprüfung, und macht 100% Ihrer Gesamtnote aus."
"Bei Ihnen passe ich immer gut auf, Sensei..", erwiderte Shinji mit einem Lächeln.
"Manchmal, Shinji,...", begann Kaoru. "...wenden sich Leute, die du liebst, und denen du bedingungslos vertraust, plötzlich gegen dich. Ohne erkennbaren Grund werden sie zu deinen
Feinden, und versuchen dich zu verletzen. Ich weiß, dass du diese Erfahrung bereits gemacht hast... Doch möchte ich dir einen Ratschlag mit auf den Weg geben: Hasse diese Leute
nicht... und laufe auch nicht vor ihnen weg... sondern rette sie."
"Kaoru...?"
"Du hast die Macht Großes zu tun, Shinji. Gutes und Böses. Und manchmal, wird das Ergebnis deiner Taten genau das Gegenteil von dem sein, was du beabsichtigt, oder erhofft
hast. Manchmal ist es das Klügste zurückzustecken und aufzugeben. Dann aber wiederum gibt es Zeiten, wo du deiner Wut freien Lauf lassen musst, und es klüger ist, sich von
Angst anstatt von Verstand leiten zu lassen...
Manchmal... ist es richtig, einfach wegzulaufen... Doch es gibt Situationen, wo es deine Pflicht ist, stehenzubleiben, und all die anderen, die weglaufen, aufzuhalten." Kaoru nahm einen
langen, tiefen Atemzug. "Stelle dich jeder Herausforderung, und lasse niemals zu, dass die Stimme der Gefühle lauter wird, als die Stimme deines Herzens. Du MUSST das Richtige
tun."
Shinji nickte wortlos.
"Nimm dir diese Worte zu Herzen, und ich bin sicher, dass die Welt in guten Händen ist."
Der junge Ikari wurde rot. "Arigato.", flüsterte er leise.
"Es tut mir leid... aber ich kann nicht bleiben, um dir zu helfen. Ich werde aber zurückkommen. Bitte gib acht auf dich, und all die anderen. Wenn du irgendeinen Ratschlag oder
Hilfe brauchst, rede mit Kaji oder Misato-chan." Er hielt kurz inne und seufzte. "Und sag' ihnen, dass ich sie vermissen werde."
"Das werde ich...", erwiderte Shinji und legte seine Arme um Asuka...
Der Rotschopf seufzte leise im Schlaf...
"Auf Wiedersehen... Shinji-sempai."
Und damit endete die Musik...
Mit seinem Kopf voller Sorgen, aber einem Gefühl von Stärke und dem festen Glauben, dass alles gut werden würde, schlief Shinji wenige Minuten später ein.
Leider verpasste er dadurch den zweiten Teil der Aufnahme. Sein Unterbewusstsein und seine Alpträume taten ihm diesen Gefallen jedoch nicht...
Copyright of the Charakter by GAINAX / Text by Strike Fiss, 1999
Translated by Melissa Schneider / Edited by Christian Winkler,Markus Ehreke and Stefan Tumczak