Higher Learning
Lektion Vierundvierzig: Allein
Geschrieben von Strike Fiss , 1999
Homepage: http://www.geocities.com/Tokyo/9110
Übersetzt von Melissa Schneider
editiert von Christian Winkler, Markus Ehreke und Stefan Tumczak
Asuka saß in Misatos Auto, und es kam ihr vor als hätte sie ihren Körper verlassen. Irgendwie hatte sie das Gefühl sich selbst zu beobachten...
So wie in einem Traum... einem allzu realen Traum. Sie wartete darauf, dass sie endlich aufwachen, und fröhlich wie ein junges Rehkitz herum springen würde...
Doch sie wachte nicht auf... Sie konnte auch nicht aufwachen... denn es war kein Traum. 'Verdammter Körper, beweg dich endlich' schimpfte sie mit sich selbst, doch es half nichts.
Ihr Körper war in Ordnung, nur mental war sie derart am Ende, dass sie einfach bewegungsunfähig war. Alles, was um sie herum vorging, schien sie nur noch passiv,- al
Mitläufer sozusagen,- und am Rande ihres Bewusstseins wahrzunehmen. Das Einzige, was noch zu ihr durchzudringen vermochte, war die Liebe, die Shinji ihr schenkte. In den Augenblicken
der Leidenschaft, die sie zusammen teilten, war sie noch ein wenig sie selbst. Doch selbst in diesen Momenten begann sie mehr und mehr die Kontrolle zu verlieren.. Alles, aber auch alles,
entglitt ihr langsam.
Selbst im Augenblick... zusammen mit Rei, Toji, Shinji und Misato... fühlte sie nichts... Sie war wie ein teilnahmsloser Beobachter... Wie eine lebendige Tote...
Dennoch redeten sie mit ihr. Und sie lächelten. Sie selbst musste etwas gesagt und ihnen geantwortet haben, doch sie wusste weder was sie gesagt hatte, noch was die Frage gewesen
war. Und da waren sie dann auch wieder; diese von Sorge erfüllten Blicke, die sie ihr immer schenkten. Ihre Freunde taten immer so, als wäre alles in Ordnung... So al
könnten sie nicht sehen, dass die Welt, die sie sich geschaffen hatte, immer mehr in sich zusammenbrach. Vielleicht wollten sie es auch nicht sehen.
Wahrscheinlich machte sie in diesem Moment einen geradezu erbärmlichen Eindruck.
Ein Teil von ihr verfluchte die Unterstützung, die die anderen ihr zukommen ließen. Bevor sie Freunde wie diese gefunden hatte, war es doch so einfach gewesen sich selbst die
Hölle heiß zu machen. Damals... als sie ganz allein war und keiner ihr half... da konnte sie mit allem fertig werden. Sie hatte die Kraft sich gegen all das zu wehren,- e
zurückzudrängen, und sich selbst anzuschreien. Doch jetzt... ja jetzt ertappte sie sich sogar dabei zu denken, dass es nicht ihre Schuld wäre... Dass sie alles andere al
ein Versager wäre... und weit davon entfernt, erbärmlich zu sein...
Vielleicht... wenn sie anderes darüber denken würde... wenn sie so wie früher darüber denken würde.. dann hätte sie sich durch ihre eigene Wut aus dieser
Lage befreien können. Dann hätte sie diese 'außerhalb-des-eigenen-Körpers-stehen-und-zusehen'-Sache wahrscheinlich sofort beenden, und zu ihrem normalen Leben
zurückkehren können. Doch im Moment schaffte sie es einfach nicht... und das ängstigte sie.
Regelrecht furchteinflößend war aber der Gedanke, dass sie vielleicht selbst in früheren Zeiten nicht in der Lage gewesen wäre, diesem Gefühl der Melancholie zu
entkommen, das sie im Moment gefangen hielt.
Was wäre, wenn sie ihrer Depression nie mehr würde entkommen können?
Was, wenn es nur eine Frage der Zeit war?
Mit einem Mal kamen die Erinnerungen an den Stoff der College-Vorlesungen zurück, die sie damals besucht hatte.- Und unwillkürlich begann sie sich selbst zu analysieren... mit
einem erschreckenden Ergebnis...
Sie war verloren.- Verloren in einem Sumpf von Verdrängung und Trübsinn.- Ein hoffnungsloser Fall.
Warum? 'Warum nur', fragte sie sich. Es musste doch einen Grund geben... Sie hatte wunderbare Freunde. Sie war zum ersten Mal richtig verliebt. Und es war die echte, wahre Liebe. Eine
Liebe, die sie gerettet hatte als der Engel ihr das Leben zur Hölle machte... Auch wenn sie die Erinnerungen an diesen schicksalhaften Tag weiterhin verfolgten...
Den Grund, nach dem sie eben noch so verzweifelt gefragt hatte, sprang ihr jedoch förmlich ins Auge, als sie den Car-Train erreichten,- eine Art Zug oder Lift, der Autos, wie da
von Misato, hinab in die Geofront trug.
Sie sah immer noch die Aufräumtrupps, die die Überreste der letzten Kämpfe beseitigten. Die Bilder ihres Kampfes gegen den vierzehnten Engel kamen zurück, und sie sah
von Neuem die Fluten von Blut, mit denen ihr Evangelion die Landschaft besudelt hatte, nachdem man ihm die Arme abgetrennt hatte... Vom Kopf ganz zu schweigen... Wenn ihre Verfassung e
zugelassen hätte, dann wäre ihr jetzt übel geworden...
Doch selbst das klappte nicht mehr. Sie saß einfach nur da und starrte aus dem Fenster, während ihr Geist über ihren Körper zu lachen schien. Sie war ja noch nicht
einmal mehr in der Lage sich angeekelt und speiübel zu fühlen. War sie wirklich so tief gesunken, dass sie sich erst noch HOCHARBEITEN musste, damit man ihren Zustand danach mit
Wohlwollen als 'erbärmlich' bezeichnen konnte?
Na toll!
Und schon bald würde sie wieder in diesen verdammten, nach Blut riechenden Schleim eintauchen, und versuchen ihrer Puppe Leben einzuhauchen. Doch wie sollte das klappen? Wie
könnte sie dieses mechanische Biest dazu bringen, sich zu bewegen, wenn sie das Gleiche nicht einmal bei ihrem eigenen Körper schaffte? Sie würde versagen... wieder
einmal... Und dann,- in der Abgeschiedenheit der Zugangskapsel, wo sie sicherstellen konnte, dass niemand sie sah oder hörte,- dort würde sie weinen, schreien, und fluchen...
doch danach würde sie heraus klettern, ohne sich etwas anmerken zu lassen. Sie würde sich mit schalem Wasser duschen und nach Hause gehen, um des Nachts in den Armen von Shinji
zumindest für Augenblicke zu sich selbst zurück finden zu können.
Doch ihre Träume waren alles andere als hilfreich. Es waren keine Alpträume im herkömmlichen Sinne. Vielmehr waren es Träume ihrer heldenhaften Taten... oder eher
Wunschträume von heldenhaften Taten, zu denen sie im Augenblick nicht in der Lage war.
Und wie heroisch diese Träume waren. In ihnen war sie stets die kraftvollste, beste, klügste, und furchtloseste unter den EVA-Piloten. Sie würde die anderen anführen
und als Erste in die Schlacht ziehen. Wie ein Berserker würde sie bis zum letzten Atemzug kämpfen... bis man sie und ihre Maschine mit Gewalt vom Schlachtfeld zerrte...
Und auch wenn ihr die Tatsache, dass sie nie die Gewinnerin war, Angst bereitete... so wollte sie doch wieder genau so sein wie die Asuka in ihren Träumen. Sie wollte auch bis zum
Umfallen kämpfen, und mit weiten Sätzen durch die Luft fliegen und Kopf voran ins Getümmel stürzen. Sie wollte dieses wunderbare Gefühl der Macht spüren...
den Rückschlag der riesigen halbautomatischen Gewehre, die Geschosse von der Größe eines Omnibusses abfeuerten... Wie sehr vermisste sie dieses schmatzende, irgendwie an
zerreißende, nasse Lappen erinnernde Geräusch, wenn sie mit einem Schrei ihr Prog-Messer zücken, und einen Engel aufschlitzen würde...
Sie vermisste das Geräusch, dass ihre Zugangskapsel machte, wenn ihr Syncrowert auf 80 Prozent kletterte... Die Art, wie dieses Geräusch und das Feedback ein Kribbeln durch
ihren Körper jagte, und ihr eine Gänsehaut machte. Wie jede Faser ihres Körpers vor freudiger Aufregung zitterte, und ihr Blut in Wallung geriet...
Sie versuchte sich zu erinnern, wann sie das letzte Mal körperlichen Schmerz empfunden hatte. Vielleicht sowas wie einen Knochenbruch? Merkwürdig, dieses nervige Jucken, da
eingegipste Körperteile nun mal so an sich hatten, schien ihr auf ein Mal weitaus weniger störend... ja, in gewisser Weise sehnte sie sich sogar danach!
Könnte sie doch nur wieder irgendetwas spüren... irgendein Gefühl, dass ihr zeigte, dass sie noch lebte...
Ihr Herz, das sich noch nicht verschlossen hatte, fühlte sich allein gelassen und einsam... doch was waren die Empfindungen des Herzens wert, wenn da kein Kopf, keine Seele und kein
Geist war, um diese Gefühle zu teilen - und zu begreifen.
Aber diese Gefühle mit Shinji teilen, wollte sie auch nicht. Vielleicht spürte er ja bereits was in ihr vorging... oder auch nicht... Wie auch immer... Wenn sie es nicht
schaffte, die Tristesse, mit der sie sich umgab, abzuschütteln, würde es ihn früher oder später auch in die Einsamkeit treiben.
Wie sehr wünschte sie sich, wieder sie selbst zu sein. Sie wollte wieder fühlen können. Lachen, weinen, Berührungen spüren... Schläge austeilen...
Sie flehte sich an, ihr Bestes zu geben, und alles zu versuchen...
Und selbst als sie diesen merkwürdigen Ausdruck von Mitleid auf den Gesichtern von Ritsuko und Maya sah, glaubte sie immer noch fest daran, dass der Sync-Test an diesem Tag die
Wende bringen würde, und nachher alles wieder so wäre, wie zuvor...
Sie sah, wie sich Misato für sie einsetzte,- wie sie schrie, und wild mit den Händen gestikulierte. Sie sah Shinji, der mit einem aufmunternden Lächeln auf den Lippen ihre
Hand hielt, und dessen Berührung das einzig wärmende in diesem See eisiger Kälte war.
Doch mit einem Mal verschwand selbst diese letzte, dumpfe Empfindung von Wärme und Kälte, und machte einer absoluten Leere Platz. Und das war der Moment, als ihr gesagt wurde,
dass EVA-02 einen neuen Piloten bekommen hatte...
Einen Moment lang keimte in ihr die Hoffnung auf, dass sie vielleicht schon mitten im Sync-Test war. Vielleicht war dieses ganze
'außerhalb-des-eigenen-Körpers-stehen-und-zusehen'-Ding inzwischen zu einem Scherz ihres wirren Verstandes während der Entspannungsphase mutiert...
Doch das Bild der Überwachungskamera aus EVA-02 bewies ihr das Gegenteil...
Ein junger Mann, vielleicht etwas älter als sie selbst, saß im Pilotensitz ihres Entryplugs. Er hatte merkwürdig hellgraue, fast weiße Haare, und einen Ausdruck
absoluter Ruhe und Zufriedenheit auf dem Gesicht.
Der Anzeige nach zu urteilen, lag sein Sync-Wert auf Anhieb bereits bei 75%. Asuka dagegen hatte trotz langjährigem Training die 75%-Marke erst im letzten Jahr nehmen
können.
Die Stimmung im Kontrollraum war geprägt von Erleichterung. Erleichterung darüber, dass der rote Evangelion nunmehr wieder in der Lage war, seine Aufgabe im Kampf gegen die
Engel zu erfüllen, und sie alle zu beschützen. Den Technikern im Raum huschte aus Freude über die unerwartet hohen Testresultate sogar das ein oder andere Lächeln
über das Gesicht.
Der verdammte Doktor und ihr immer präsentes Schoßhündchen hatten dagegen nur einen bemitleidenden Gesichtsausdruck für sie übrig...
Den Gedanken über den Doktor und das Schoßhündchen musste sie wohl laut ausgesprochen haben, denn Maya wurde sofort knallrot und Ritsuko warf ihr böse Blicke zu.
Noch immer irgendwie außerhalb ihres Körpers und als passiver Beobachter konnte sie mitansehen, wie sie sich von Shinji losriss, und aus dem Zimmer stürmte.
Sie nahm an, dass sie auf dem Weg zum Hangar war, um diesen Eindringling, der ihren EVA für sich beanspruchte, eigenhändig aus der Zugangskapsel zu holen. Wenn sie ehrlich war,
musste sie eingestehen, dass sie gewaltig wütend aussah als sie unterwegs auf Kommandant Ikari traf... Und dann spürte sie für einen Augenblick tatsächlich sowas wie
Befriedigung als sie sah, wie sie ihre Faust ballte und zum Schlag ausholte...
Doch viel weiter kam sie nicht, denn schon im nächsten Augenblick tauchte neben Gendo - wie aus dem Nichts - ein Mann in einem schwarzen Anzug auf. Er war groß wie ein
Kleiderschrank, und ohne zu Zögern setzte er sie mit einen Schlag gegen den Kopf außer Gefecht.
Und dabei lachte der Bastard auch noch dreckig!
* * *
Als sie aufwachte, sah sie ein Gesicht, das sie wohl am wenigsten erwartet hätte.
Toji seufzte und half ihr auf die Beine. "Hey, Langley, bist du Okay? Das Arschloch hat dir dermaßen eine verpasst, dass du glatt gegen die Wand geflogen bist. "
Der Rotschopf zuckte zusammen. Ein Gutes hatte der Zwischenfall ja gehabt... Ihr Geist und ihr Körper waren wieder Eins... Und auch ihr Wunsch, etwas fühlen zu können war
scheinbar erhört worden... Wie sonst sollte sie sich den pochenden Kopfschmerz erklären, der in ihrem Schädel tobte... Natürlich war Kopfschmerz nichts heroisches, wie
zum Beispiel der Schmerz eines im Kampf gebrochenen Beines, aber immerhin fühlte sie wieder etwas... und sie genoss jede Sekunde...
"Ja, mir geht es gut..." Sie holte scharf Luft und biss die Zähne zusammen als eine Welle des Schmerzes sie durchfuhr.
Sie hatten es sich inzwischen auf einer harten Metall-Pritsche 'bequem' gemacht, die wohl sowas wie ein Bett darstellte, und neben einer Toilettenschüssel in der Ecke der einzige
'Einrichtungsgegenstand' in diesem Raum war. Asuka blinzelte als sie sich umsah, und ihr klar wurde, dass sie sich in einer Art Gefängniszelle befanden...
"Was ist passiert?", fragte sie und wandte sich Toji zu. "Und was machst du hier?"
"Du bist auf den Commander losgegangen. Er wollte dich daraufhin in eine Zelle stecken, damit du dich abreagieren kannst, oder wie er sich ausdrückte.", erklärte Toji und sah
betreten auf seine Hände. "Na ja, ich wollte helfen. Aber am Ende hat er mich dann direkt mit eingekerkert."
"Baka! Warum hast du dich überhaupt eingemischt?", zischte Asuka böse. Wie es schien, konnte sie sich noch nicht mal mehr allein in die Scheiße reiten. "Ich habe dich
nicht um deine Hilfe gebeten!"
Toji begann zu schmunzeln. Der Gedanke, Asuka könnte jemanden um Hilfe bitten, war so abwegig, dass es bald schon lächerlich war. "Wenn ich nichts unternommen hätte,
hätte Shinji es getan. Er war nämlich schon drauf und dran seinem Vater einen Stuhl ins Kreuz zu werfen."
Asuka blinzelte verwundert. "Oh." Sie nickte und begann zu lächeln. "Dann hast du wohl das Richtige getan. Shinji im Knast wäre um etliches schlimmer gewesen."
"Keine Ursache.", erwiderte Toji und lächelte. Auch wenn Asuka es nicht ausdrücklich gesagt hatte, so erkannte er doch den Dank und die Entschuldigung, die in ihren Worten
steckte. Und es war ein schönes Gefühl sich so etwas wie ihre 'Anerkennung' verdient zu haben.
Langsam kam die Erinnerung zurück, und sie setzte sich aufrecht hin... "Wa... Habe ich mir das mit dem neuen Piloten nur eingebildet?"
Toji seufzte und schüttelte den Kopf. "Nein. Wie es scheint haben sie das 'Fifth Children' gefunden. Ich hatte noch keine Gelegenheit etwas über ihn in Erfahrung zu bringen,
doch der Sync-Test von ihm schien ganz gut zu laufen."
Asuka seufzte, aber nickte zustimmend.
"Es tut mir leid.", meinte Toji ein wenig mürrisch. "Ich kann mir denken, dass es alles andere als leicht ist, zusehen zu müssen, wie sich so ein kleiner Punk in deinen EVA
setzt." Er hielt inne und seufzte. "Weißt du, ich finde es ist nicht richtig, was sie tun..."
Asuka sah ihn an. "Brillante Einsicht! Das es nicht richtig ist, darauf bin ich auch schon selbst gekommen.", grummelte sie, doch dann wurde ihre Stimme deutlich sanfter und sie begann
zu lächeln. "Trotzdem vielen Dank für deine Meinung... Ich hatte mir schon Sorgen gemacht, dass ich die Einzige wäre, die so denkt."
Ihre Unterhaltung endete als sich mit einem Mal die Zellentür öffnete und weißes Licht den Raum durchflutete. Es blendete ihre an die Dunkelheit gewöhnten Augen, und
war so grell, dass es sogar das immer präsente, rot schimmernde NERV-Logo auf dem Zellenboden überstrahlte.
"Das 'Second-' und 'Fourth Children' sollen sich sofort im Büro von Commander Ikari melden.", schallte die unangenehm laute Stimme eines Sicherheitsbeamten durch den Raum, wobei er
die Zellentür offen stehen ließ und zur Seite trat, damit die 'Gefangenen' hinaus treten konnten.
"Ahh, Scheiße. Ich komme mir vor wie in der Schule.", meckerte Asuka als sie beide von der Pritsche aufstanden. "Da schickt man die widerspenstigen Schüler auch immer in
Büro des Direktors."
Toji nickte und verschränkte seine Arme. Als er an dem Sicherheitsbeamten vorbei ging, gab er sich alle Mühe dem Mann einen möglichst furchteinflößenden Blick
zuzuwerfen.
Der Wachhabende ließ sich nichts anmerken, doch innerlich schmunzelte er. 'Guter Versuch, Kind.', dachte er. 'Wenn du einen Kopf größer wärst, hätte e
vielleicht gewirkt."
* * *
Shinji fühlte sich wie ein eingesperrtes Tier und rannte ruhelos im Aufenthaltsraum umher.
Rei beobachtete ihn mit einem besorgten Ausdruck auf dem Gesicht.
Misato dagegen tat ihr Bestes, möglichst emotionslos auszusehen. Insgeheim aber wünschte sie sich in diesem Moment nichts sehnlicher, als eine Dose Bier zur Hand zu haben.
Alles war besser als diese... Kinder-Limonade. "Beruhige dich Shinji. Wir haben getan, was wir tun konnten. Wir können nur noch abwarten.", meinte sie halblaut als der junge Ikari
auf seinem Weg durch die Halle wieder mal an der Bank vorbei kam, auf der sie und Rei saßen.
"Man wird sie achtkantig rausschmeißen!", sagte Shinji und schüttelte den Kopf. "Mein Vater wird sie rauswerfen, und das wird sie in eine so tiefe Depression stürzen,
dass sie wegrennt, und ich sie nie mehr wiedersehe...... oder sie stellt was Dummes an, und bringt..." Allein schon der Gedanke daran ließ ihn innehalten, und zusammenzucken.
"Ikari-kun.", warf Rei plötzlich ein. "Asuka wird nichts Dummes tun."
Misato und Shinji blickten das blauhaarige Mädchen an.
"Das kannst du nicht mit Sicherheit sagen.", erwiderte der junge Ikari mit einem Stirnrunzeln während er begann von Neuem rastlos umher zu laufen.
"Doch, kann ich.", entgegnete Rei schnell und ungewohnt energisch, so dass es Shinji glatt die Sprache verschlug. "Ihr wird nichts geschehen. Außerdem ist Toji-kun bei ihr."
Misato musste schmunzeln als sie Shinji seufzen hörte und sah, wie er neben ihr auf der Bank Platz nahm. Selbst Rei huschte ein erleichtertes Lächeln über das Gesicht.
"Der Tag hat zwar schlecht begonnen.", meinte Misato schließlich und seufzte. "Aber lass uns trotzdem das Beste draus machen, Shinji."
Er warf Misato einen grimmigen Blick zu. "Und wie soll das gehen?"
"Na, als Erstes könnten wir dafür Sorgen, dass der neue Pilot sich willkommen fühlt.", erwiderte Misato mit ungewohnt strengem Blick. "Ich weiß wie du dich
fühlst, Shinji. Und ich verstehe, dass du am liebsten jeden lynchen würdest, der Asuka in irgendeiner Weise weh tut,- aber der Junge kann doch nichts dafür. Ich bezweifle,
dass man ihm gesagt hat, dass er hier ist, um jemanden zu ersetzen. Wahrscheinlich ist er erst gestern Abend mit dem letzten Flug eingetroffen, hat kaum was gegessen oder geschlafen, und
wurde heute morgen als Erstes zum Sync-Test in den Entryplug gesteckt."
Shinji seufzte von Neuem und ließ zusammen mit seinem Atem ein wenig mehr von seiner aufgestauten Wut hinaus. "Ja, du hast wohl recht."
"Der neue Pilot hat den Leuten Mut gemacht." Misato seufzte und streckte ihre müden Glieder. "Und wir können es wahrlich brauchen. Du weißt selbst, dass wir gegen die
letzten beiden Engel nur mit Müh' und Not siegen konnten, und welche Opfer es gekostet hat. Die Leute werden ungeduldig und wünschen sich mehr denn je ein schnelles Ende der
Angriffe. Sie wollen ihren Job erledigt wissen, und dann endlich die ganze Sache hinter sich lassen." Sie seufzte. "Du weißt, dass Asuka nicht in der Lage ist ihren EVA zu steuern.
Doch gerade jetzt, wo wir Einheit-00 verloren haben, brauchen wir jeden Evangelion. Wenn wir unsere Chancen, dies hier lebend zu überstehen dadurch verbessern können, dass wir
ihrem EVA einen neuen Piloten geben, dann sollten wir das auch tun,- und die Tatsache, dass wir sie damit verletzen als notwendiges Übel ansehen."
"Das ist eine kalte, und grausame Weise die Dinge zu sehen, Misato.", erwiderte Shinji.
"Mag sein. Aber du weißt, dass ich recht habe, oder?" entgegnete Misato.
Der junge Ikari schwieg eine ganze Weile lang, dann aber nickte er zustimmend. "Hai."
"Der einzige Grund, aus dem wir hier sind, Shinji, ist dass wir einen Job zu erledigen haben. Wir alle sind Teil des Ganzen." fuhr Misato fort und begann zu lächeln. "Asuka ist ein
ausgezeichneter EVA-Pilot, doch im Moment ist der Stress und der ganze mentale Druck, der auf ihr lastet, einfach zu viel für sie. Ich denke, auf eine gewisse Weise können wir
froh sein, dass sie aus dem Verkehr gezogen wurde. Oder wäre es dir etwa lieber, dass sie nachher als Kanonenfutter endet, und einen sinnlosen Tod stirbt?"
"Du hast recht.", meinte Shinji leise und schaute seinen Vormund an. "Ich will nicht, dass sie stirbt. Ich bin halt nur wütend darüber wie die Dinge gelaufen sind... denke
ich."
"Was das betrifft, da denken wir wohl alle so wie du, Shinji." Misato seufzte und stand auf. "Die Tatsache, dass sich dein Vater einen... Spaß... daraus macht, anderen Leuten ihre
Fehler vorzuhalten, macht die Sache natürlich nicht gerade einfacher... doch irgendwie ist es vielleicht sogar gut, dass Asuka in sicherer Verwahrung ist. Wenn das alles hier mal
vorbei ist, dann will ich nämlich noch in der Lage sein, dich und deine Asuka zu besuchen... In ein paar Jahren... wenn ihr zwei dann mal verheiratet seid... und überall in
eurer Wohnung Chibi-Shinjis und Chibi-Asukas herum rennen." Sie zwinkerte ihm zu. "Verstehst du, was ich meine? Wenn das hier mal vorbei ist, will ich, dass ihr beide miteinander ein
glückliches, unbeschwertes Leben führen könnt."
"Ja, das wünsche ich euch auch, Ikari-kun.", ergänzte Rei mir einem von Herzen kommenden Lächeln. "Ich habe gehört, dass Babysitten eine äußerst lehrreiche
und interessante Sache sein soll. Ich würde euch in dieser Hinsicht gern meine Hilfe anbieten."
Shinji lächelte und wurde knallrot. "Arigato, Rei-chan."
Misato lachte. "Rei als Kindermädchen im Hause Ikari. Na das wäre doch mal was!"
"Warum nicht? Ich habe gehört, dass es sehr wichtig ist, einen verlässlichen Babysitter zu engagieren, damit dem Ehepaar trotz ihrer Kleinkinder genug Zeit bleibt, Sex
miteinander zu haben.", erklärte Rei mit unbewegter Miene.
Die Kinnladen von Misato und Shinji klappten beinahe gleichzeitig zu Boden.
"Ähm...wo hast du diese Erkenntnis denn her?", fragte Misato und blinzelte verwundert.
"Habe ich einer deiner Illustrierten gelesen.", antwortete Rei mit einem Schmunzeln auf den Lippen. "Da standen auch einhundertvier... ähm... 'Sex-Tips' drin. Besonders der Tip mit
dem kalten Stein hinter seinem..."
"AHHH!", platzte Misato raus und legte ihre Hände auf den Mund des blauhaarigen Mädchens. "Rei, es schickt sich nicht in aller Öffentlichkeit über solche Dinge zu
reden."
Rei lächelte. "Ich habe ja auch nur einen Scherz gemacht, Misato."
Langsam machte sich Misato wirklich Sorgen. Woher hatte Rei nur ihren Sinn für Humor? Und wo hatte sie gelernt, Leute an der Nase herum zu führen?
Shinji aber lachte nur.
"Ich sag dir was, Shinji. Wie wär's wenn du uns Dreien was zu Essen holst, und wir bleiben hier, warten bis der Neue auftaucht, und halten dabei auch noch nach Asuka und Toji
Ausschau. Gute Idee?"
Shinji nickte. Er war glücklich eine Aufgabe zu haben, die ihn zumindest für eine Weile ablenken würde. "Ich will mal sehen, ob ich uns etwas Ramen holen kann.", versprach
er und war schon einige Schritte den Gang hinunter gegangen, als Misato aufmerkte.
"Und Bier!", rief sie ihm nach, und hoffte, dass er ihr den Gefallen tun würde... Doch darauf wetten wollte sie nicht...
* * *
Irgendwie war er nicht sehr verwundert anstelle des Ramen-Standes einen riesigen, wassergefüllten Krater vorzufinden.
Die Cafeteria von NERV hatte bereits geschlossen, und so war Shinji nichts anderes übrig geblieben, als woanders etwas Essbares aufzutreiben. Es gab einen kleinen Imbiss-Stand in
der Nähe des Hauptquartiers, an dem sie schon des öfteren gegessen hatten. Das Essen war nicht schlecht, und ehrlich gesagt zählten die Gedanken an die wenigen Mahlzeiten,
die sie dort zusammen eingenommen hatten, zu seinen schönsten Erinnerungen. Unglücklicherweise aber lag der Laden dann doch weitaus näher am Zentrum der von Einheit-00
ausgegangenen Explosion als er gedacht hatte.
"Ich hoffe, dass der Besitzer unbeschadet rausgekommen ist.", flüsterte er halblaut. Der Mann, dem der Stand gehörte, schien rund um die Uhr hinter dem Tresen zu stehen... und
wenn er - so wie viele andere Einwohner von Tokio-3 - die Alarmsirenen und Aufforderungen zur Evakuierung ignoriert hatte...
Nach den letzten Angriffen der Engel hatten viele Leute erkannt, dass ihnen die Schutzbunker nur wenig Sicherheit boten... Wenn das Ende käme, könnte nichts und niemand e
aufhalten...
Ein oder zwei Mal hatte er über Mayas Schulter hinweg einen Blick auf Berichte werfen können, die sie gerade bearbeitete... Soweit er die Zahlen deuten konnte, hatte der letzte
Engel mehr Opfer unter den Einwohnern der Stadt gefordert, als alle vorherigen Engel zusammen. Und vor allem war es so schnell gegangen... und von so verheerendem Ausmaß
gewesen...
Würde der nächste Engel sie vielleicht alle töten?
Die ganze Zeit über fragte sich Shinji bereits, was er nur falsch machte... Und was er richtig machte... Es musste doch einen anderen Weg geben, herauszufinden, was richtig und wa
falsch... Einen anderen Weg, als auf die Stimme seines Herzens zu hören, der er nämlich nicht mehr vertraute.
Aber was ihm wirklich Angst bereitete, war die Frage, was passieren würde, wenn der nächste Engel besiegt, und anschließend alles vorbei wäre? Würde er sich die
Erfahrungen, die er gemacht hatte, zu Herzen nehmen und daraus lernen,- oder würde er nur darunter leiden? Würde er endlich Frieden finden? Oder würde die einkehrende Ruhe
die Alpträume hervorbrechen lassen, die in den versteckten Winkeln seines Geistes nur darauf warteten ihn heimsuchen zu können?
Wo lag der Sinn all dieser Lektionen,- all dessen, was er gelernt, und verinnerlicht hatte,- wenn es am Ende doch nichts brachte,- und alles so blieb wie es war?
Aber dennoch flehte er sich an, nichts davon jemals zu vergessen. Er erinnerte sich an Lektionen, die er in seiner Kindheit gelernt hatte... Schmerzhafte Lektionen, die auch die Einsicht
beinhalteten, dass er seine Erfahrungen nicht auf die gleiche Weise wie die anderen Kinder sammeln konnte... Doch am besten in Erinnerung waren ihm wohl die Lektionen, die er erst
kürzlich gelernt hatte. Lektionen, die all das in Frage stellten, was er bisher angenommen, und sich eingeredet hatte. Dennoch schienen diese neuen Erfahrungen so passend, und so
richtig zu sein, dass er sie sofort mit offenen Armen und offenem Herzen verinnerlicht hatte.
Doch was, wenn er morgen starb?
Früher hatte Shinji sich eingeredet, dass es keinen Unterschied machen würde, ob er lebte, oder starb...
Doch inzwischen war er anderer Meinung.
Er konnte nicht sterben. Noch nicht. Denn zuerst musste er sich selbst noch etwas beweisen. Er musste beweisen, dass all dies einen Sinn hatte. Das all seine Anstrengungen zu etwas gut
waren, und dass er mehr war, als eine vergessene Lektion in irgendeinem Lehrbuch.
Der riesige Krater, der sich vor ihm erstreckte, schien jedoch anderer Meinung zu sein. Er konnte jederzeit sterben. Und er würde sterben... Und wenn er Pech hatte, dann würde
er zusammen mit all den Leuten sterben, in deren Gesellschaft er alt werden wollte.
Der Tod war nicht wählerisch. Wenn es an der Zeit war, verschonte er keinen. Auch nicht erfolgreiche Evangelion-Piloten namens Shinji... oder nette alte Männer, denen ein
Ramen-Stand gehörte.
Und mit einem Mal sah er die Explosion von Einheit-00 vor sich. Doch es war keine von Schrecken erfüllte Vision,- nein, es hatte etwas Beeindruckendes an sich. Zuerst sah er nicht
mehr als eine riesige Gestalt in der Ferne. Zu weit entfernt um Details ausmachen zu können. Der Gigant schien von einer hell weiß leuchtenden, schlangenartigen Kreatur umgeben
zu sein, und seine Bewegungen wirkten irgendwie abgehackt und unnatürlich. Dann aber, als das helle Licht begann sich auszudehnen, verschmolzen auch die Umrisse der beiden Gestalten
miteinander... Zuerst war es ein schrecklicher Anblick... doch irgendwie lag auch etwas Anmutiges darin, zu sehen wie die Zwangshalterungen von Einheit-00 abfielen, und die Kreatur
für Augenblicke ungezügelt und frei war.
Der Lichtschein der darauf folgenden Explosion blendete Shinji und brach sich in Form kleiner Regenbögen in seinen verweinten Augen. Auch wenn der Boden unter seinen
Füßen unbewegt blieb, so konnte er dennoch die Schockwelle, und die von der Explosion verursachten Erdstöße förmlich spüren. Eine dichte Wand au
radioaktiven Gasen und Wasserdampf verdeckte die Szenerie,- aber erhellte den Himmel mehr, als es die strahlendste Mittagssonne je vermocht hätte.
Er blinzelte während die Bilder seiner Vision langsam aus seinem Kopf verschwanden, und er sich wieder am Ufer des riesigen, wassergefüllten Kraters wiederfand, in dem sich da
Rot der untergehenden Abendsonne spiegelte. Eine leichte Brise kam auf, und trug die Melodie eines ihm wohl bekannten Liedes mit sich.
Ja... Wenn EVA sein Untergang wäre, dann würde er wohl genau so sterben. Irgendwie fühlte er sich geehrt, dass ein derart atemberaubendes Schauspiel das Ende eines,-
seines so unbedeutenden Lebens verkünden würde.
Shinji seufzte und schaute hinunter zu seinen Füßen, wo die auslaufenden Wellen der Brandung sanft seine Schuhe umspielten. Dann aber wurde ihm mit einem Mal bewusst, dass die
Melodie, die er hörte, nicht in seinem Kopf entstand.
Es war die Symphonie Nummer Neun. 'Ode an die Freude.'
Er sah auf die Wasserfläche vor ihm und erkannte neben seinem eigenen Spiegelbild auch das Bild eines anderen jungen Mannes. Er hatte graues Haar, und irgendetwas an seinem Aussehen
und Wesen erinnerte an Rei.
Die gesummte 'Ode an die Freude' verstummte, und der fremde junge Mann schenkte Shinji ein wohlwollendes, gütiges Lächeln. "Die Musik lässt diesen schönen Anblick
noch besser zur Geltung kommen, findest du nicht?"
Seine Stimme klang so vertraut, und dennoch so fremd. Es war eine wohlklingende, sanftmütige, und von Intelligenz zeugende Stimme. Und ob Shinji nun wollte oder nicht, er konnte
nicht anders als das Lächeln des Fremden zu erwidern. "Das soll ein schöner Anblick sein?", entgegnete er und wandte sich wieder dem Krater zu.
Der Junge saß mit herunter baumelnden Beinen auf der Spitze eines größeren Trümmerteils, das sehr nach den Überresten einer Telefonzelle aussah. Doch egal wa
es gewesen war, die Explosion hatte es zu einem Aussichtspunkt in Mitten der Uferbrandung werden lassen, von dem aus man den See überblicken konnte. Langsam aber behende kletterte
der junge Mann von seinem Hochsitz und lehnte sich an die Brocken Geröll die davor herum lagen. "Die Musik ist die größte Errungenschaft des menschlichen Geistes.",
erklärte er. "Wieso sollte es dann nicht den Anblick eines derart schönen Sonnenunterganges noch bezaubernder gestalten können?"
Shinji nickte und richtete seinen Blick auf die am Horizont untergehende Sonne. "Stimmt. Es lässt die Dinge tatsächlich schöner erscheinen als sie sind."
Der Fremde lachte. "Du siehst das Ganze einfach viel zu pessimistisch, Ikari Shinji-kun."
Shinji blinzelte und wandte sich dem Jungen zu. "Woher kennst du meinen Namen? Haben wir uns schon einmal getroffen?"
Der Junge begann zu schmunzeln während er zu Shinji herüber kam. "Ich persönlich vertrete ja die Auffassung, dass wir alle uns irgendwann, irgendwo schon einmal getroffen
haben, und uns wieder treffen werden." Er zuckte mit den Schultern. "Ist es nicht ein beruhigender Gedanke, sich niemals von jemandem verabschieden zu müssen? Und zur
Begrüßung bräuchtest du nichts weiter als 'Hallo Freund!' zu sagen."
Shinji schmunzelte und verbeugte sich leicht. "Na wenn das so ist dann... Hallo Freund! Schön dich wiederzusehen.", sagte er mit einem wohlwollenden Lächeln.
"Und ich bin Nagisa Kaoru.", antwortete der Junge.
"Nagisa..." Shinji blinzelte. "Meeresküste... Das ist ein schöner Name, Nagisa-san."
Der andere Junge begann zu lächeln. "Danke. Aber dein Name hat auch etwas, Shinji-kun.", meinte er schließlich und wandte sich dem Wasser zu. "Wenn Shinji 'Wahrheit' bedeutet,
dann wirst du mir sicher eine ehrliche Antwort geben können, warum du hier bist, und nicht zu Hause, wo du dich entspannen kannst."
"Eigentlich wollte ich für mich und meine Freunde nur etwas Ramen holen...", erklärte Shinji und sah auf seine Armbanduhr. Er versuchte nicht zusammen zu zucken als ihm klar
wurde, dass er bereits Stunden unterwegs war. "...aber wenn ich mir überlege, wie lange ich jetzt schon unterwegs bin, dann haben sich die anderen bestimmt schon selbst wa
geholt..."
"Wenn das so ist, dann sollten wir zurück ins NERV-Hauptquartier gehen, und sehen dass wir beide auch etwas zu Essen bekommen.", schlug Kaoru vor.
Shinji war ein wenig überrascht. "Du arbeitest auch bei NERV?"
"Ja." Der Junge lächelte und wandte sich ab. "Ich bin das
'Fifth Children'."
Einen Moment lang stand Shinji wie angewurzelt da und sah dem jungen Mann nach, der sich immer weiter entfernte und unbeirrt in Richtung Hauptquartier schritt. Irgendwie hatte er da
Gefühl, dass etwas nicht stimmte.
"Möchtest du mir beim Abendessen Gesellschaft leisten, oder lieber allein in den Sonnenuntergang starren?", kam die Stimme des Anderen.
Shinji seufzte und beschloss die kleine warnende Stimme in seinem Kopf zunächst einmal zu ignorieren.
"Ich komme mit.", meinte er und machte kehrt um dem neuen Piloten zu folgen.
* * *
"Behinderung des Projektes." Die Stimme von Kommandant Ikari klang nüchtern, während er mit gefalteten Händen hinter seinem Schreibtisch saß und die junge Frau vor
ihm aus funkelnden, aber von dunklen Brillengläsern verdeckten Augen ansah. "Tätlicher Angriff auf einen Vorgesetzten. Nichtbeachtung diverser Vorschriften und Protokolle." Er
hielt inne und wandte sich nun Toji zu. "Und hier ebenfalls der Vorwurf des tätlichen Angriffs auf einen Vorgesetzten, in Verbindung mit der Missachtung von Anordnungen, und Angriff
auf die Sicherheitskräfte."
Mit Handschellen gefesselt standen Toji und Asuka einfach nur da und rührten sich nicht. Ihre Gesichter waren ausdruckslos und zeigten keinerlei Gefühlsregung.
"Das alles sind sehr schwerwiegende Anschuldigungen.", fuhr Gendo fort. "NERV ist kein Kindergarten. Hier ist kein Platz für Kinder, die sich nicht benehmen können."
Asuka musste sich gewaltig auf die Zunge beißen, um nicht ein gutes Dutzend passender, und sehr sarkastischer Kommentare loszulassen. Doch war es weniger die Angst vor einer
Bestrafung, als viel mehr der neu gewonnene Respekt vor Rei und Toji, der sie zum Schweigen brachte. Auch wenn das blauhaarige Mädchen bisher stets eine nie versiegen wollende Quelle
der Inspiration für böse Scherze über NERV gewesen war,- und Toji ihrer Meinung nach nichts weiter als ein Idiot,- so wäre es trotzdem nicht gerecht, wenn die beiden
ebenfalls unter dem Zorn des Kommandanten zu leiden hätten, den sie mit ihren Bemerkungen sicherlich entfachen würde.
"Haben Sie irgendetwas zu ihrer Verteidigung zu sagen, Miss Langley?", fragte Gendo während er aufstand und zu ihr herüber kam. Er trat zwar nicht besonders nah an sie heran,
dennoch spürte sie die Wand aus eisiger Kälte, die ihn umgab. Sein Blick hingegen war trotz seiner getönten Brille lebendig und so durchdringend, dass er glatt als Waffe
hätte herhalten können. "Sie hatten immer den Eindruck erweckt, eine erwachsene, wohlerzogene und gebildete junge Frau zu sein. Und kein dummes, kleines Kind."
Asuka blickte ihm furchtlos ins Gesicht. "Ich plädiere auf Unzurechnungsfähigkeit."
Gendo war sichtlich verwundert, dann aber grinste er. "Wirklich? Nun, im Moment machen Sie aber einen ganz gesunden Eindruck."
"Seit wann sind Sie denn Experte, was das Befinden eines Menschen betrifft, alter Mann?", erwiderte Toji schnippisch. "Ich habe noch nie gesehen, dass Ihre Mitarbeiter Parties zur Feier
ihrer 'Weisheit' schmeißen, oder Ihnen zu Ihrem Mitgefühl gratulieren."
Gendo musterte den jungen Mann mit dem gleichen, unbeschreiblichen Grinsen wie Asuka Sekunden zuvor. "Und was Sie betrifft, Mister Suzuhara..."
"Ja? Was ist mit mir?", erwiderte er mit einem Grinsen. "Ihr Wachmann hat die junge Dame hier so hart geschlagen, dass sie gegen die Wand geflogen ist. Ich wollte nur sicherstellen, da
dieser verdammte Affe nicht noch mehr Schaden anrichtet."
"Vielleicht sollte ich Sie daran erinnern, dass wir im Moment mehr Piloten als Evangelions haben.", meinte Gendo inzwischen auf dem Weg zurück zu seinem Schreibtisch. "Rei ist
durchaus in der Lage Sie zu ersetzen."
Nun war es an Toji dem Kommandanten die Zähne zu zeigen. "Wenn Sie denken, dass sie mir damit drohen können, dann sind Sie aber auf dem Holz... "
"Genau das tue ich...", unterbrach Gendo mit einer gefährlich klingenden Stimme. "Ich drohe Ihnen. In dem Moment, da Sie für mich und das Projekt nicht weiter von Nutzen sind,
ist Ihre gesamte Existenz auch nicht mehr länger von Nutzen."
Toji musste schwer schlucken. Er konnte einfach nicht glauben, was ihm dieses Arschloch von Kommandant gerade an den Kopf geworfen hatte... und er zuckte zusammen als ihn mit einem Mal
die kalte Realität in ihrer vollen Härte traf... Er war ersetzbar... Und er war allein in einem Raum vor dessen Türen Wachen mit halbautomatischen Gewehren standen... und
der einzige Zeuge, der da wäre um ihm beizustehen, war ebenso 'ersetzbar' wie er selbst...
Gendo reagierte mit einem Schmunzeln als er bemerkte, dass seine Drohungen den gewünschten Erfolg zeigten.
Dennoch trat Toji einen Schritt vor. "Ich steuere den EVA um meine Freunde zu beschützen. Wenn Sie mich aufhalten wollen, dann tun Sie, was Sie nicht lassen können.", meinte
der großgewachsene Junge mit einer tüchtigen Portion Groll in der Stimme und ballte seine Hände so gut es ging zu Fäusten. "Anderenfalls würde ich vorschlagen,
dass Sie uns jetzt gehen lassen und nicht weiter unsere Zeit verschwenden."
Gendo wandte sich Asuka zu. "Nun gut, Mister Suzuhara. Sie können gehen. Melden Sie sich bei Major Katsuragi für weitere Befehle."
Asuka zuckte zusammen.
"Das 'Second Children' hingegen ist mental instabil. Sie ist eine Gefahr für sich selbst, und für andere.", sagte er mit einem Ausdruck auf dem Gesicht, der irgendwo zwischen
Lächeln und nicht-Lächeln lag. "Wir werden sie daher vorerst zur Beobachtung auf Station Drei der medizinischen Einrichtungen von NERV einweisen."
Wie aus dem Nichts tauchten plötzlich Sicherheitsbeamte auf. Wahrscheinlich hatten sie in einer dunklen Ecke des Büros auf ihr Stichwort gewartet.
Toji war schon drauf und dran auf einen der beiden loszugehen, als sich Asuka zu ihm umdrehte und Einhalt gebietend den Kopf schüttelte. "Nein"
"Aber..." Hilflos musste er zusehen, wie die Männer Asuka bei den Handschellen packten, und begannen, sie hinaus zu zerren. Sie wehrte sich nicht einmal.
"Sag Shinji... dass ich alles tun werde, damit es mir schnell wieder besser geht.", flüsterte sie noch. "Ich will versuchen euch zu helfen. Sag mir bitte Bescheid, wenn der
nächste Engel angreift. Okay?"
Doch bevor Toji noch etwas erwidern konnte, war Asuka bereits zur Tür hinaus.
Toji fuhr herum und wandte sich wieder dem Kommandanten zu. "Ich hasse Sie.", zischte er halblaut.
Gendo aber schmunzelte nur. "Keine Angst... das geht vorüber."
Von Neuem öffnete sich die Tür und gab die Sicht auf den leeren Korridor frei, der vor Gendos Büro verlief. Toji trat hinaus und wandte sich noch einmal dem Kommandanten
zu. "Nein.", sagte er und schüttelte den Kopf. "Das wird niemals vorüber gehen. Ich werde Sie ewig hassen."
Dann schloss sich die Tür ein weiteres Mal.
Gendo lehnte sich in seinen Stuhl zurück und blickte zum ersten Mal seit Tagen nicht mehr starr auf die gegenüber liegende Wand. "Die Zeit, die mir noch bleibt ist zu knapp um
sie mit sowas wie Hassgefühlen zu vergeuden.", flüsterte er. "Nicht mehr lange, dann erscheint der letzte Engel, und wir werden ihn auslöschen."
Minuten vergingen während Gendo stumm an die Decke starrte und die Lichtspiele beobachtete, die sich dort manifestierten...
"Bitte Yui... halte noch ein wenig länger durch."
* * *
"Du siehst aus, als ob dich etwas bedrückt, Shinji-kun.", stellte Kaoru fest als er einmal mehr von seiner Suppe aufsah. "Gibt es irgendetwas, das du mir sagen möchtest?"
"Ja." Shinji seufzte. "Und nein. Na ja... ich schätze ich kann es dir schon sagen,- nur musst du versprechen, dass du es mir nicht übel nehmen wirst."
Bei seiner Rückkehr ins Hauptquartier hatte Shinji feststellen müssen, dass Rei bereits gegangen war und Misato allem Anschein nach eine offizielle Besprechung hatte.
Da die Chancen etwas Essbares aufzutreiben inzwischen noch schlechter standen, als zu Beginn seiner Odyssee, hatten sie sich letztlich für eine Suppe und ein Sandwich aus dem
Automaten entschieden.
Und so saßen Shinji und Kaoru nun gemeinsam in der fast menschenleeren Cafeteria, während der einzige andere Gast ein Hausmeister war, der in der entfernten Ecke de
großen Raumes ein Nickerchen machte.
"Ich hatte gedacht, dass ich dich hassen würde, weil du hier bist um einen meiner Freunde zu ersetzen.", meinte Shinji unvermittelt und sah seinen Gegenüber mit einem
Lächeln auf den Lippen an. "Ehrlich gesagt hatte ich sogar ein wenig Angst so wütend zu werden, dass ich dich am Ende sogar zusammenschlage."
Einen Augenblick lang war Kaoru erstaunt und blinzelte verwundert, doch schon bald kehrte das Lächeln in sein Gesicht zurück. "Ich verstehe. Es ist immer schwer, sich mit neuen
Leuten anzufreunden... besonders wenn sie kommen um lieb gewonnene Freunde zu ersetzen."
Shinji seufzte und nickte, während er das Sandwich auspackte, das er sich geholt hatte. "Aber... es hat auch was Gutes; Ich habe jemanden wie dich kennenlernen können. Und da
du hier bist bedeutet ja nicht, dass ich deshalb einen meiner Freunde verliere. Es ist halt nur..." Shinji hielt inne und sah auf. "Fällt es dir genau so schwer neue Leute
kennenzulernen?"
"Ich denke das liegt wohl in der Natur der Menschen.", sagte Kaoru. "Sie wollen nicht verletzt werden, und darum errichten sie Mauern um ihre Herzen. Freunde sind auch so etwas wie eine
Mauer... Eine Mauer, die Bekanntes zusammen hält und Fremdes abwehrt."
"Aber... das kann nur dann funktionieren, wenn du selbst auch ein aktiver Teil dieser Mauer bist." Shinji seufzte und sah auf. "Es ist schwer eine Mauer zu sein und sich gleichzeitig
dahinter zu verstecken."
"Kann sein...", meinte Kaoru und zuckte lässig mit den Schultern. "Aber was bin ich dann?"
Shinji runzelte die Stirn und sah den jungen Mann einen Moment lang an. "Du bist dann wohl jemand, der durch einen Riss in der Mauer geschlüpft ist. Etwas unbekanntes, fremdes,-
aber nicht in schlechtem Sinn."
Kaoru lachte. "Dann siehst du mich also als Eindringling an? Vielleicht eine Art Dieb?"
Shinji wurde rot und setzte sich aufrecht hin. "Ganz und gar nicht! Das war doch einfach nur ein Vergleich." Er schmunzelte. "Aber vielleicht bist du ja auch ein Dieb... nur habe ich
nichts, was du stehlen könntest."
Kaoru dachte einen Moment lang darüber nach. Doch selbst jetzt schien er eine Antwort parat zu haben. "Was wäre, wenn ich ein Schlosser wäre?"
"Wie bitte?"
"Was, wenn ich gekommen wäre, um ein Tor in deiner Mauer aufzusperren? Ein Tor, durch das du deinem selbst geschaffenen Gefängnis entfliehen könntest. Ein Gefängnis,
in dem du dich Wohl fühlst,- das dir Schutz und Unterschlupf bietet,- in dem du aber gleichzeitig auch nicht gefangen sein möchtest." Er hielt inne um den Rest seiner Suppe zu
schlürfen. "Was wäre, wenn es vorherbestimmt war, dass wir uns eines Tages treffen würden, Ikari-kun?"
Shinji dachte einen Moment lang darüber nach. "Und was, wenn es nicht so wäre?"
Kaoru schmunzelte und stand auf. "Dann sind unser beider Leben nicht mit einander verflochten, und die Zukunft des einen hat keine Verbindung mit der Zukunft des anderen. Ich werde
meinen Weg gehen, und du deinen.", erklärte er, und ging hinüber zum Mülleimer, um sein leeres Suppenschälchen wegzuwerfen.
Shinji zuckte mit den Schultern. "Vielleicht."
"Aber..." Kaoru wandte sich wieder dem jungen Ikari zu. "Ich glaube fest daran, dass das Schicksal uns zusammengeführt hat." Er setzte ein zufriedenes Lächeln auf. "E
würde mich freuen, wenn wir diese Unterhaltung zu einem späteren Zeitpunkt fortsetzen könnten."
Shinji schreckte auf als mit einem Mal das Stundensignal seiner Armbanduhr ertönte und ihn daran erinnerte, wie spät es geworden war. "Ahhh! Ich sollte sehen, dass ich nach
Hause komme! Misato und die Anderen werden sich sicher schon Sorgen machen!"
"Es muss schön sein, ein Zuhause zu haben.", meinte der weißhaarige Junge mit einem sanftmütigen Lächeln.
Shinji blinzelte verwundert, aber nickte schließlich. "Naja... ähm... wo wirst du denn wohnen?"
"NERV hat mir ein Quartier zugeteilt.", erklärte Kaoru mit einem Schulterzucken. "Ich habe also bereits einen Ort, wo ich übernachten kann, Shinji-kun." Er hielt inne und
begann zu grinsen. "Es sei denn, du möchtest die Nacht zusammen mit mir verbringen."
Die Alarmglocken, die in diesem Moment in Shinjis Kopf losgingen waren beinahe zu hören. 'Die Nacht mit ihm verbringen???' Er versuchte das Unbehagen, das dieser Satz ihm verursacht
hatte, mit einem Lachen abzuschütteln. "Weißt du... ich sag' dir was... Darüber können wir uns später nochmal unterhalten." Er zuckte mit den Schultern und
lächelte. "Wie hört sich das an?"
"Sehr gut." Kaoru verbeugte sich leicht. "Du kannst die Nummer meines Zimmers oder Telefons ja dann bei der Rezeption erfragen." Er lächelte. "Du bist jederzeit willkommen. Es war
schön mit dir zu reden, Shinji-kun."
Shinji dachte einen Moment lang über seine Antwort nach. Er wollte nicht vorschnell antworten und eventuell zweideutig klingen, oder gar etwas vortäuschen... Und so entschied
er sich schließlich für den Mittelweg... "Unser Gespräch hat mir auch gefallen. Vielen Dank, Kaoru-kun."
Er sah dem anderen Jungen noch eine Weile nach, bevor er selbst schließlich auch die Cafeteria verließ.
"Noch ein Kaoru...", seufzte er und schüttelte den Kopf. "Na ja, vielleicht ist das ja ein Gutes Zeichen, und bringt Glück."
* * *
Major Katsuragi war nach etwas viel Stärkerem als Bier zu Mute während sie versuchte die 'Neuigkeiten des Tages' zu verdauen. Was war das nur für ein total verkorkster
Tag!
Sie schaute durch die Balkontüre in ihr Appartement, wo Maya, Toji und Kensuke vor dem Fernseher hockten. Es war alles andere als eine fröhliche Runde. Maya gab zwar ihr Beste
wenigstens ein kleines Lächeln zu Wege zu bringen, doch die beiden Jungs passten ihren Gesichtern nach zu urteilen eher auf eine Trauerfeier. Sogar Pen-Pen schien sich über
irgendetwas Sorgen zu machen.
Misato schüttelte den Kopf und wandte sich wieder den beiden anderen zu, die mit ihr zusammen auf dem Balkon standen. Ritsuko hatte sich bereits seit Minuten kaum merklich bewegt
und starrte immer noch in den Nachthimmel. Makoto hingegen schien irgendwie nervös und aufgeregt. Misato fragte sich, ob sie es war, die den jungen Mann so nervös machte, oder
eher die besorgniserregenden Erkenntnisse und Spekulationen, zu denen sie Anlass hatten.
"Wie ist denn deine Meinung, Major?", fragte Makoto dann auch ungewohnt förmlich.
"Es ist schon irgendwie merkwürdig, dass sich die letzten Engel unter anderem darauf konzentriert haben die Verbindung zwischen Asuka und ihrem EVA zu zerstören. Man
könnte fast denken, dass sie uns dazu zwingen wollten, einen neuen Piloten für Einheit-02 zu suchen...", flüsterte Misato leise. "Und wenn... ja wenn das 'Fifth Children'
wirklich ein Engel ist..." Sie schüttelte den Kopf. "...dann dürfen wir ihm auf keinen Fall erlauben, den EVA zu steuern. Noch nicht einmal zum Test. Ich wäre dafür,
dass wir ihn gut im Auge behalten,- nur um sicher zu gehen."
"Und was wenn ein Engel angreift und wir ihn als Pilot brauchen?", fragte Makoto.
"Dann werden wir ihn einsetzen.", antwortete Ritsuko schnell. "Wenn uns jetzt noch ein Engel angreift, dann können wir sicher sein, dass das 'Fifth' kein Engel ist. Ich bin sicher,
dass nur noch ein einziger Engel kommen wird.- Und so steht es auch in Ikaris Plänen. Selbst die Pläne der alten Männer von SEELE scheinen sich ihrer Vollendung zu
nähern."
"Und was ist mit Asuka?", fragte Misato. "Hast du herausfinden können, wo man sie festhält?"
Ritsuko nickte und sah durch die geschlossene Balkontüre ins Appartement. Ihr Blick richtete sich auf Toji, der tief in Gedanken versunken schien. "Der Junge hat seine Sache gut
gemacht. Station Drei des NERV Krankenhauses ist die Neurologie. Es war leicht herauszufinden, wo genau man sie festhält. Soweit ich gesehen habe, hat der Commander nur angeordnet,
sie in ihrem Krankenzimmer unter Arrest zu stellen... trotzdem... einige der Ärzte könnten über seinen Kopf hinweg Medikamente verordnen." Sie hielt inne. "Besonders wenn
Asuka sich Befehlen widersetzt und die Wilde markiert."
"Oh Scheiße...", fluchte Misato und begann trotz der warmen Brise am ganzen Körper zu zittern. "Ich will gar nicht wissen, was da alles passieren könnte... ich hab schon
genug Alpträume, die mich verfolgen." Sie holte tief Luft und wandte sich schließlich wieder der blonden Wissenschaftlerin zu. "Was ist mit der anderen Sache?"
Ritsuko wandte sich ab und starrte wieder in die Nacht hinaus. "Na ja... zuerst hatte ich gedacht, dass du verrückt wärst, oder so. Und normalerweise hätte ich den Kopf
geschüttelt, deine Bitte ignoriert, und mir einen Kaffee geholt..."
"Und warum hast du es dann nicht getan?", grummelte Misato leicht verstimmt.
"Weil... weil sich vor einiger Zeit jemand in den MAGI-Computer gehackt hatte, wir aber nichts feststellen konnten. Und da dachte ich halt, dass du vielleicht auf etwas gestoßen
wärst, das uns weiter gebracht hätte.", erklärte sie mit einem Grinsen. "Klar wäre es ein unverhältnismäßig großer Aufwand gewesen, sich in einen
Super-Bio-Computer zu hacken, nur um die Geburtsdaten und das Alter von ein paar Kindern zu ändern, doch es wäre vielleicht ein Anhaltspunkt gewesen. Ein handfester Hinweis, der
mir hätte helfen können, den wahren Grund herauszufinden, aus dem man die MAGI manipuliert hatte."
"Und?", fragte Misato neugierig.
"Gar nichts." Ritsuko lachte. "Bis auf die Kinder selbst ist jeder,- aber auch wirklich jeder, fest davon überzeugt, dass sie in diesem Jahr ihre vierzehnten Geburtstage gefeiert
haben, und somit inzwischen in ihrem fünfzehnten Lebensjahr sind."
"Verdammt." Misato seufzte. "So viel zu dem Thema."
Ritsuko schüttelte den Kopf. "Wie dem auch sei... Die Suche nach der Nadel im Heuhaufen hat Maya und mich auf eine andere Fährte stoßen lassen, die ein sehr interessante
Ergebnis lieferte." Der Doktor sah sich verstohlen um. "Es gibt keinerlei Aufzeichnungen über das 'Fifth Children'.-Ähnlich, wie bei Rei. Wer auch immer dahinter steckt, will
wohl mit allen Mitteln verhindern, dass jemand herausfindet wo das 'Fifth' herkommt. Ich tippe dabei schwer auf SEELE, weil Ikari nämlich zu denken scheint, dass der Neue nicht
weiter als ein stinknormaler, also ersetzbarer Pilot ist." Sie räusperte sich. "Aber der Hammer schlechthin sind die Testresultate des Jungen."
"Ja, die Sync-Rate lag ziemlich hoch, soweit ich das gesehen habe.", stimmte Misato zu.
"Schon, aber das ist nicht der Punkt.", erwiderte Ritsuko mit einem Kopfschütteln. "Klar, zuerst waren es hohe, aber nicht gänzlich unerwartet hohe Sync-Werte. Doch nach einer
Minute oder so begannen die Werte stark zu fluktuieren, so als ob er seine Sync-Rate bewusst, und vor allem gezielt kontrollieren könnte."
Misato blinzelte verwundert.
"Denk doch mal so... Der EVA ist zwar ein riesiges Monster, aber dort wo bei anderen ein Bewusstsein und eine Seele ist, ist bei ihm eine große Leere. Er MUSS also mit einem Geist
und einer Seele in Verbindung treten, um überhaupt funktionieren zu können. Und das wiederum verleihen ihm die Piloten. Doch der Mensch an sich, sprich der Pilot, ist es nicht
gewohnt seine Seele oder seinen Geist mit jemand anderem zu teilen... Er muss es also lernen... wobei das manchen von Natur aus leichter fällt als anderen.", erklärte Ritsuko
und machte anschließend eine kleine Pause um ihre Gedanken neu zu ordnen...
"Wenn jetzt der Pilot eine Verbindung zu dem EVA herstellen will, dann muss das 'Signal seiner Seele und seines Geistes', um es mal so zu nennen, aufgefangen, verstärkt und
sozusagen 'aufgeblasen' werden, damit es diese riesige Leere im EVA überhaupt ausfüllen kann,- in der Hoffnung, dass der EVA dadurch in der Lage ist sich zu bewegen... zu
kämpfen... was auch immer... Soweit klar?"
"Ja doch, klingt irgendwie einleuchtend.", meinte Misato und nickte.
"Gut. So... Jetzt ist aber die Technologie, auf der das Ganze basiert, immer noch recht neu für uns... und es gibt immer wieder Überraschungen, wie du ja bei dem Experiment mit
dem Dummy-Plug in Einheit-01 selbst gesehen hast. Der Dummy-Plug, der sozusagen ein reiner, auf 100% Sync-Rate getrimmter Pilot ist, wurde abgelehnt, weil der EVA sofort erkannte, dass er
nicht real ist.", erklärte sie und begann zu grinsen... Es war ein unheimlich anmutendes Grinsen. "Jetzt nimm aber mal Shinji dagegen... Er hat dem EVA nicht nur Geist und Seele zu
bieten, sondern auch Erfahrungen und Fähigkeiten, die nur jemand Lebendiges vorzuweisen hat... Und siehe da... die Sync-Rate steigt bis über die 400%-Marke... Oder ander
gesprochen... Die Leere im EVA wird nicht nur ausgefüllt, sondern überfüllt. Und das was zu viel ist, fließt sozusagen zum Piloten zurück... So dass am Ende EVA
und Pilot allein von dieser... na ja... 'Verstärkten Seele'... erfüllt sind." Sie begann zu lachen. "Das klingt jetzt sicher total verrückt, nicht?"
Misato schmunzelte. "Ein wenig. Aber mach ruhig weiter,- hört sich interessant an."
"Wir haben zwar gesehen, dass dieses neue Kind nicht die Sync-Werte erreicht, die Shinji und Asuka schaffen können, wenn sie gut drauf sind..." Sie hielt inne und seufzte. "Ich
weiß nicht wie ich es erklären soll... Ich glaube jedenfalls, dass der Neue die Verbindung zum EVA aufbauen kann, ohne dazu den Entry-Plug zu benutzen.- Er umgeht die Systeme
sozusagen..."
Der Major blinzelte verwundert. "Wie meinst du das denn jetzt?"
"So wie ich es gesagt habe. Er kann seine Seele ohne Hilfsmittel - einfach so - mit dem EVA teilen. So als ob er ein Stück Brot in einen Toaster stecken würde... oder sowas in
der Art..." Ritsuko seufzte und schüttelte den Kopf. "Ich weiß es ja auch nicht... aber wenn du mich fragst, dann braucht er die ganze Technologie gar nicht... Er braucht keine
Gehirnwellenmuster-Verstärkung... Sync-Kontrolle... oder sonstwas... Er gibt dem EVA einfach soviel von seinem Geist und seiner Seele, wie er gerade geben will... Im einen Moment
senkt er seine Sync-Rate auf 40% damit er nicht mehr als ein leichtes Kribbeln spürt, wenn man dem EVA 'ne Kugel verpasst, und eine Sekunde später steigert er sich auf 90% um
wie ein Berserker durch ein A.T.-Feld zu stürmen, und alles was sich dahinter verbirgt zu zerreißen."
Misato schüttelte den Kopf und tat einen tiefen Atemzug. "Verflucht."
"Und das ist noch nicht alles...", erwiderte Ritsuko mit einem Grinsen. "Wir haben auch herausgefunden, was dieser geheimnisvolle Hacker manipuliert hat. Und weißt du was da
Erschreckende ist... Das alles worüber wir uns gerade unterhalten haben... Das alles ist nicht einfach nur ein Witz oder eine Fehlinformation, mit der jemand die MAGI-Computer
gefüttert hat, um uns Angst einzujagen... Es ist die Wahrheit..."
"Dann..." Misato musste schwer schlucken. "Dann sag mir bitte, was verändert wurde?"
"Maya und ich, wir haben herausgefunden, dass einzig und allein eine einzige Personalakte manipuliert wurde. Und zwar genauer gesagt eine Geburtsurkunde und ein Führungszeugnis.
Sonst nichts." Ritsuko blickte Misato in die Augen und schüttelte den Kopf. "Der Vorname dieses Mannes ist Kaoru. So wie auch der Vorname des 'Fifth Children' - nur ist der Mann fast
doppelt so alt... Einen Moment lang hatte ich das Gefühl, ich wäre auf etwas ganz Großes gestoßen, doch dann haben sich alle Spuren in Luft aufgelöst..."
Misato wandte sich ab. "Mist."
Ritsuko seufzte und blickte hinauf in den Nachthimmel. "Irgendwie habe ich das dumme Gefühl als würde ich mir eine verdammt miese Seifenoper ansehen, ohne davon loskommen zu
können... und ohne eine Chance die Handlung oder das Ende zu verändern."
"Das ist es. Ja, das muss es sein! Alle haben zusammen gefunden und sind versammelt... Mein Gott, was war ich blind...", platze der Major hervor und ging zu ihrer Jacke, die über
der Reling des Balkons lag. Ritsuko und Makoto sahen sie mit fragenden Blicken an, doch Misato ignorierte ihre beiden Freunde, und holte stattdessen ihre Pistole heraus. Sie kontrollierte
das Magazin und die Reservemunition in ihren Jackentaschen. "Morgen wird es geschehen."
Makoto trat hinter Misato und legte vorsichtig seine Hand auf ihre Schulter. "Wovon redest du da, Misato-chan... was wird morgen passieren?"
Sie drehte sich zu ihm um, und versuchte zu verbergen, wie sehr sie zitterte. "Der Anfang vom Ende.", erklärte sie leise. "Morgen wird der letzte Engel angreifen."
* * *
Langsam schritt der grauhaarige junge Mann den Korridor entlang, der ihn zu seinem Zimmer führen würde. Er hatte es nicht eilig und begann scheinbar aus einer Laune herau
'Air' zu summen. Als die ersten Noten verklungen waren machte er jedoch plötzlich - und eher unerwartet - einen Schritt zur Seite, so dass er nunmehr in der Mitte des Korridors ging,
und nicht mehr länger auf dessen rechter Seite.
Es stellte sich nur Augenblicke später heraus, dass er richtig gehandelt hatte, denn sonst wäre sicher mit dem blauhaarigen Mädchen zusammengestoßen, da
unvermittelt aus einem Seitengang trat und sich ihm in den Weg stellte.
"Halt.", sagte Rei mit gewohnt leiser, jedoch ausdrucksvoller Stimme.
Kaoru war bereits stehen geblieben und drehte sich nun zu ihr um. Er fixierte sie mit stechenden, roten Augen.
"'First Children.' Ayanami Rei. Schön dich wiederzusehen."
Rei runzelte die Stirn und legte ihren Kopf ein wenig zur Seite. "Wir sind uns noch nie begegnet."
"Doch, sind wir. Und darum sage ich jetzt auch einfach nur 'Hallo Freund!'.", erwiderte Kaoru und ging, ohne sie weiter zu beachten, an ihr vorbei.
"Halt.", befahl Rei von Neuem.
Und wieder hielt Kaoru an und wandte sich ihr zu. "Ja?"
"Wir sind keine Freunde.", erklärte Rei, und irgendwie schlich sich ein Tonfall in ihre Stimme, den sie nie für möglich gehalten hätte. Es war so etwas wie... Wut...
"Wir sind bestimmt keine Freunde, da bin ich mir sicher."
Kaoru musterte das Mädchen einen Moment lang. Dann aber kehrte sein gewohntes Lächeln zurück. "Vielleicht hast du recht... trotzdem... ich bin wie du."
Rei runzelte noch etwas mehr die Stirn und trat dem jungen Mann schließlich gegenüber. "Ich werde es nicht zulassen, dass du Ikari-kun weh tust."
Kaoru blinzelte verwundert als Rei ohne weitere Worte wieder in dem Seitengang verschwand, aus dem sie vorhin herausgetreten war. Er wusste ihr Handeln genau zu deuten; Das gerade war
ihre Version eines wütenden 'Davonstürmens' gewesen...
Letztlich aber wandte sich der junge Mann wieder ab und setzte seinen Weg fort...
Nach ein paar Schritten begann er wieder die Melodie von 'Air' zu summen..
Copyright of the Charakter by GAINAX / Text by Strike Fiss, 1999
Translated by Melissa Schneider / Edited by Christian Winkler,Markus Ehreke and Stefan Tumczak