"Erklär' mir doch nochmal, warum wir hier wie zwei Möchtegern-Trapper durch die Wildnis gurken?", brüllte Kaji laut, während er einmal mehr den
Halt verlor, und rückwärts den steilen Hang hinunter rutschte.
Kaoru grinste. Langsam wurde Kaji richtig gut in diesen unfreiwilligen Abstiegen... Mittlerweile schaffte er es nämlich schon den ganzen Satz zu brüllen, bevor er unten ankam.
"Vertrau mir, ich weiß was ich tue! Komm mir einfach nach!", rief der Sensei schließlich zurück.
Kaji klopfte sich den Dreck von der Kleidung und machte sich mit Murren und Knurren wieder an den Aufstieg. Der untere Teil des bewaldeten Hanges war relativ flach und so konnte er recht
schnell und ohne große Mühe vorankommen. Dann aber wurde die Sache mit einem Mal steiler, und der glitschige Boden zwang ihn dazu mehr Vorsicht walten zu lassen, wollte er
nicht im Eiltempo wieder unten landen. "Ich weiß ganz genau wo dein Weg uns hinführt! Geradewegs in die Hölle! Nur das Dumme ist, dass er uns mitnimmt."
Kaoru seufzte. "Weißt du, die ersten dreißig Mal war es ja noch lustig, aber mittlerweile ist deine ständige Meckerei nur noch nervtötend!" Er fasste in seinen
Rucksack und holte ein Seil heraus. "Und jetzt bleib stehen wo du bist, damit ich dich raufziehen kann... du Weichei!"
"Wenn ich es mir recht überlege, dann hasse ich dich wahrscheinlich deshalb so sehr, weil wir uns so ähnlich sind!", knurrte Kaji.
"Ich bin zutiefst gerührt! Soll ich jetzt lachen oder weinen?", konterte der andere Mann mit einem Lächeln während er das Seil hinunter ließ. "Na ja nehm' ich es mal
als Kompliment. Danke, Kaji-san!"
Mit einem Seufzen griff Kaji nach dem Seil und wartete bis Kaoru das andere Ende an einem Baum festgebunden hatte. "Wäre es für dich nicht viel einfacher, hier herunter zu
fliegen und mich auf die Schultern zu nehmen? Oder wie wäre es mit einem A.T.-Feld? Warum schickst du mir kein A.T.-Feld und lässt mich damit zu dir hoch schweben?"
"So wie du dir das vorstellst funktioniert das aber nicht.", antwortete Kaoru ehrlich und ohne Flachs. "Außerdem bin ich noch ein wenig eingerostet, was A.T.-Felder betrifft. Ich
bin nicht mal halb so gut wie du denkst, und müsste sicher erst einmal üben, um sowas fertig zu bringen... Nur wirst du dich sicher nicht als Testobjekt zur Verfügung
stellen wollen."
Kaji seufzte und begann am Seil hinauf zu klettern. Er brauchte geschlagene fünf Minuten um oben anzukommen, und schnaufte danach wie ein altes Dampfross. Doch das lag weniger an
mangelnder Kondition, als vielmehr am schwül-warmen Klima und der dünnen Luft. Gott sei Dank war das der letzte Teil ihrer beschwerlichen Reise, der 'bergauf' führte. Im
Augenblick standen sie gerade auf dem 'japanischen Schild',- einer Hügelkette, die wie ein Damm das Innere des Landes vor den steigenden Wassermassen schützte,- und
geschützt hatte. Auf ihren Weg hinauf waren sie einem alten, überwucherten Wanderpfad gefolgt, der früher vielleicht einmal breit genug für einen Jeep gewesen
wäre, aber mittlerweile durch Erosion und andere Einflüsse selbst für geübte Waldläufer eine Gefahr darstellte.
Die Aussicht von dort oben war jedoch atemberaubend schön. Hinter ihnen erstreckten sich, von Dunstschleiern verhüllt, die Bucht und die Täler Tokios. Riesige Täler,
die ihre Existenz größtenteils dem Einsatz von N2-Minen in den letzten zehn Jahren verdankten. Doch selbst diese Quadratkilometer großen Krater waren bereits mehr al
eine Tagesreise entfernt... Eine Tagesreise, die sie größtenteils mit einem NERV-Jeep zurückgelegt hatten.
Vor ihnen lag die tiefe Schlucht eines alten Flussbettes, das von wild gewachsenen Bäumen gesäumt war, und an dessen Ende sich der Ozean anschloss. Er schien so klar und
blau... und erstreckte sich in alle Richtungen bis zum Horizont. Kaji hielt seinen Atem an. Das Meer zu sehen, war eine Sache... aber aus eigener Kraft dorthin zu reisen, eine ganz
andere. "Wow!", flüsterte er.
"Ich wusste, dass es dir gefallen würde.", erwiderte Kaoru mit einem Schmunzeln. "Wenn alles gut geht, erreichen wir unser Ziel morgen Abend." Er zeigte auf einen kleinen Flecken
Land in der Ferne. Es war das letzte, noch nicht versunkene, und glücklicherweise auch am nächsten zur Küste gelegene Eiland der 'Izu'-Inselgruppe.
"Wenn diese Reise doch so wichtig ist, wie du sagst...", schnaufte Kaji, während er sein Seil an einem Baum befestigte und sich auf den Abstieg vorbereitete. "Warum machen wir sie
dann erst jetzt?"
Kaoru schmunzelte. "Erst die Schule, dann die Freizeit. Hat dir deine Mutter denn gar nichts beigebracht? Außerdem würde ich bei der Abschlussprüfung sowieso nur
stören."
"Du nennst es also 'Abschlussprüfung', was? Ich werde den Lehrerhumor wohl nie verstehen.", seufzte Kaji und begann sich zum ersten Felsvorsprung abzuseilen. "Trotzdem verstehe ich
nicht warum du mich mitgeschleppt hast!"
Bevor Kaoru ihm folgte, wandte er sich noch einmal Tokio-3 zu. "Der letzte Engel...", seufzte er. "Ich hoffe, ich habe ihm genug beigebracht." Er hielt inne und begann zu lächeln.
"Nicht nur ich, wir beide... Viel Glück."
Auch wenn der Abstieg der Beiden schnell und reibungslos verlief, hatte ihre wirkliche Reise doch gerade erst begonnen.
* * *
"Asuka...", flüsterte Shinji während er durch die kleine Fensterscheibe in das Krankenzimmer sah.
Er wusste nicht zum wievielten Male er bereits ihren Namen geflüstert hatte. Oft... sehr oft... viel zu oft vielleicht.
Das Zimmer, vor dem er stand, gehörte zu dem Teil des NERV-Krankenhauses, den die Angestellten gerne als 'Idioten-station' oder schlichtweg 'die Klapse' bezeichneten.
Ein Tropf führte mit einem durchsichtigen Schlauch zu einem Verband an Asukas linkem Arm. Shinji nahm an, dass es diese Infusion war, die sie ruhig stellte, und gleichzeitig am
Leben hielt.
Zumindest fürs Erste.
Die Ärzte waren bereits vor Stunden nach Hause gegangen, und der Wachmann hatte ihm nach langem Hin und Her erlaubt, einen Blick auf Asuka zu werfen.
"Was hat man mit ihr gemacht?", fragte Shinji mit einem Blick auf den Wachmann.
Er war ein älterer Mann... und im Gegensatz zu den meisten Wachleuten bei NERV ein Gentleman. Trotz allem Drill hatte er ein gewisses Maß an Mitgefühl nicht verloren,-
auch wenn dieses Mitgefühl nicht ausgeprägt genug war, um die Befehle des Kommandanten zu missachten, und die Türe zu Asukas Zimmer zu öffnen.
"Ich weiß nicht genau. Ich glaube sie hatte eine Auseinandersetzung mit einem der Ärzte. Sie hat ihn wohl geschlagen, und er hat daraufhin angeordnet, sie ruhig zu
stellen."
"Aber sie ist doch überhaupt nicht verrückt.", erwiderte Shinji und schüttelte den Kopf. "Warum ist sie dann hier?"
"Als der Kommandant nach dem Grund für ihren tätlichen Angriff auf ihn fragte, hat sie wohl auf Unzurechnungs-fähigkeit plädiert." Der Mann schüttelte den Kopf.
"Aber soweit ich weiß, hat man keine größeren Untersuchungen bei ihr gemacht."
Shinji ließ den Kopf sinken und überlegte, was er tun konnte. Es war hoffnungslos... Das war kein normales Krankenzimmer aus dem man einfach so heraus spazieren konnte, wenn
einem danach war. Vielleicht sollte er seinen Vater dazu bewegen, Asuka freizulassen.. Doch wenn er es nicht schaffte ihn zu überzeugen, dann würde sein alter Herr die geplanten
Untersuchungen wohl ohne Angabe von Gründen aufschieben, und das deutsche Mädchen wäre noch etliche Tage oder Wochen... oder gar Monate... in diesem Zimmer gefangen.
Er begann zu zittern, als er an all die Dinge denken musste, die Asuka ihm erzählt hatte. Die Geschichte mit ihrer Mutter... und die Sache im Krankenhaus...
Was ihr selbst in diesem Moment passierte, war viel zu ähnlich, als dass es sie nicht an die Erlebnisse von damals erinnern, und alte Wunden wieder aufreißen würde.
Toji hatte ihm berichtet, was im Büro seines Vaters vorgefallen war. Asuka hatte den ganzen Zorn des Kommandanten auf sich geladen, damit Toji mehr oder weniger unbehelligt davon
käme, und da wäre, um Shinji im Falle eines Angriffes beizustehen. Doch um welchen Preis? Auf Kosten ihrer geistigen Gesundheit?
"Asuka... ich will dich nicht verlieren...", flüsterte er und hoffte, dass sie in irgendeiner Weise reagieren würde...
Doch Asuka lag einfach nur da und bewegte sich nicht... Es sah aus, als ob sie schliefe...
"Asuka...", flüsterte Shinji und legte seine Hände auf die trennende Glasscheibe. "ASUKA! WACH AUF!", schrie er und klopfte so fest er nur konnte gegen das Glas.
Doch die einzige Reaktion kam vom Wachmann, der ihn von der Scheibe wegzerrte. "Bitte! Junger Mann! Benimm dich! Du bringst mich noch in Schwierigkeiten!", flehte er.
Shinji sackte in sich zusammen. Selbst jetzt starrte er immer noch auf die schlafende Gestalt seiner Freundin und hoffte auf ein Wunder. "Es tut mir leid...", flüsterte er.
Der Wachmann dachte, dass die Worte ihm gegolten hätten, und sagte noch: "Ist schon gut.", doch da hatte sich Shinji bereits abgewandt.
Der alte Mann blinzelte als er sah, wie der junge Ikari im Laufschritt der Korridor hinunter stürmte, der zum Ausgang führte. "Armer Kerl.", seufzte er.
* * *
Shinji war nach rennen zu Mute... schnell... weit... für immer...
Er wollte vor sich selbst wegrennen... vor dem Leben... vor dem Schmerz... vor den Dingen, die ihm Freude bereiteten... vor einfach allem. Mittlerweile war ihm alles egal. Er musste
einfach wegrennen...
"Wohin rennst du?", fragte mit einem Mal eine Stimme in seinem Kopf. Sie klang ungemein weise und irgendwie verärgert, und rüttelte ihn mit ihrer Deutlichkeit geradezu
wach.
Er schaute sich um. Die Korridore und Aufenthaltshallen im NERV-Hauptquartier waren zwar leer, dennoch fühlte er sich wie ein Idiot als er der Stimme in seinem Kopf laut
antwortete.
"Ich weiß nicht wohin ich renne...", keuchte er atemlos, aber ohne anzuhalten.
Seit seinem Besuch auf der Krankenstation rannte er nun schon mehr oder weniger ziellos umher... und er hielt erst an als er vor lauter unnützer Hast beinahe gegen eine Wand
gelaufen wäre. Geistig erschöpft, aber körperlich okay, schnappte er nach Luft.
"Du rennst vor dem Schmerz weg, nicht wahr?", sagte die Stimme von Kaoru-Sensei in seinem Kopf.
Langsam ließ sich Shinji zu Boden sinken. Er schnaufte immer noch.
"Nein.", antwortete er leise. Der Gedanke, dass die Stimme in seinem Kopf inzwischen noch mehr an Deutlichkeit gewonnen hatte, ängstigte ihn ein wenig.
"Wohin rennst du dann?"
Für einen Augenblick war alles um ihn herum in gleißendes Licht getaucht...
Als er die Augen wieder öffnete, war er in seinem alten Klassenzimmer. Er saß an seinem angestammten Platz und sah sich um.
Vorn an der Tafel stand in großen, hastig hingekrakelten Kanji-Zeichen "ABSCHLUSSPRÜFUNG", doch vor ihm auf dem Tisch lagen weder Stift noch Papier.
Es waren auch keine Mitschüler da... und die einzige andere Person im Raum war der Sensei, der auf der Ecke seines Lehrertisches saß, und in nervtötender Weise mit den
Fingern auf der Tischplatte trommelte.
"Eine richtige Antwort ist nichts wert, so lange du nicht den Weg kennst, der zu dieser Lösung führt." Kaoru seufzte und schüttelte den Kopf. "Wie oft habe ich dir da
gepredigt! Hast du mir denn gar nicht zugehört? Oder meinst du etwa du kommst mit Raten ans Ziel?"
"Aber ich kenne die Antwort...", erwiderte Shinji. "Ich... ich weiß zwar nicht wie ich darauf gekommen bin... trotzdem habe ich die richtige Antwort! Sie können mir doch nicht
erzählen, dass das gar nichts wert ist!", schrie er.
Der Sensei seufzte und schüttelte den Kopf. "Na schön... du denkst also, du hast die richtige Antwort parat. Die eine, ultimative Lösung für alles... Doch so einfach
ist das nicht, Mister Ikari.", entgegnete er, und richtete seine Brille, während er sich dem Licht der untergehenden Sonne zuwandte.
Rotes Licht... Und immer Sonnenuntergang, wie es schien...
"Das Leben ist keine Mathematische Gleichung. Du bekommst die Punkte nicht für das Endresultat..." Er schmunzelte. "Denn wenn es so wäre, würden wir alle mit Eins Plu
abschneiden, allein schon weil wir sterben... Nein, was in dieser Prüfung zählt ist der Weg, der zum Endergebnis führt. Denn ohne ihn ist jede noch so richtige Antwort
wertlos." Er hielt inne. "Es kann natürlich sein, dass du den Lösungsweg bereits gefunden hast... nur aufgeschrieben hast du ihn noch nicht."
Und mit einem Mal war ihm, als könne er die Anwesenheit seiner Mitschüler spüren... und die ungeduldigen Blicke, während alle auf die richtige Antwort warteten...
oder die richtige Frage... Oder was auch immer...
Von Neuem blickte Shinji durch das Klassenzimmer, das im letzten halben Jahr für ihn so etwas wie ein zweites Zuhause geworden war. Der Gedanke, dass er diesen Raum so klar vor sich
sah, obwohl er nunmehr zusammen mit halb Tokio-3 zerstört unter Wasser lag, war irgendwie merkwürdig. Letztlich aber wandte er sich wieder Kaoru zu...
"Ich will Asuka beschützen. Meine Freunde. Ich will, dass sie glücklich und zufrieden sind... Und ich will dieses Gefühl mit ihnen teilen.", erklärte er. "Das ist die
einzige Antwort die ich geben kann. Und die einzige Antwort, die ich brauche."
Kaoru rutschte von seinem Lehrertisch herunter und trat vor seinen Schüler. Aufgebracht schlug er mit der Faust auf Shinjis Pult. "WIE!?", fragte er ungewohnt laut und
befehlend.
"Wie 'Wie'?" Shinji blinzelte verwundert.
"Verdammt richtig! Wie?", wiederholte Kaoru und beugte sich über Shinjis Pult damit er dem Jungen direkt in die Augen starren konnte. "Denkst du etwa, nur weil du etwas 'willst',
muss es dann auch passieren? Du bist kein Gott... und selbst wenn du seine Macht hättest, wäre dein Geist überhaupt nicht in der Lage mit einer solchen Gabe umzugehen." Er
machte eine kurze Pause und rückte etwas von Shinji ab, um den jungen Mann nicht noch mehr zu bedrängen. "Und jetzt sag mir... wie willst du sie retten? Auf welche Weise willst
du die Frau, die du liebst retten? Dadurch, dass du wegläufst?"
"NEIN!", schrie Shinji. "Ich werde nicht weglaufen! Nicht jetzt!"
Mit einem Mal erbebte der ganze Raum. Doch Kaoru schien nichts davon zu merken. "Was dann? Kämpfen? Sterben? Was wirst du tun, Mister Ikari?", fragte er und begann zu grinsen.
"Deine Zeit wird knapp, und du hast den Test noch nicht mal zur Hälfte hinter dir."
"Ich werde... werde..." Shinji hielt inne und blinzelte als ihm klar wurde, dass er nicht wusste, was er tun würde.
Das Beben verebbte und der Raum war wieder still wie zuvor. Dann aber begann das Sonnenlicht zu verschwinden... und urplötzlich fand er sich zusammen mit Sensei Kaoru im unbehaglich
hellen Lichtkegel eines Theaterscheinwerfers wieder.
"Hmmm. Versuchst du es etwa wieder mit Ratespielchen?", fragte Kaoru und griff seufzend nach einem Stuhl, der irgendwo jenseits des erleuchteten Fleckens stand, der ihre Realität
markierte.
"Ja.", gab Shinji zu, während sich der Sensei vor das Pult des Jungen setzte. "Ich habe keine Antwort auf diese Frage. Ich weiß nicht, was ich tun werde."
"Was ist mit EVA?", warf Kaoru mit einem Schmunzeln ein. "Warum benutzt du nicht deinen EVA?"
"Ich..." Shinji hielt inne und warf seinem Lehrer einen bösen Blick zu. "Sie wollen mich ködern, und in die Irre führen..."
"Wer? Ich?" Kaoru begann zu grinsen. "Nicht doch. Ich zeige dir nur mögliche Antworten auf."
Shinji nickte. "Klar. Und ganz am Ende kommt dann die Antwortmöglichkeit schlechthin: 'Nichts von alledem'. So ist es doch oder?"
Kaoru lachte. "Möglich.", antwortete er. "Aber vielleicht ist das auch nur die Antwort, die du hören willst. Oder die Antwort, die ich hören will. Doch darum geht e
nicht..." Er lehnte sich vornüber um Shinji besser mit seinen Blicken fixieren zu können. "...die Frage ist, was davon ist die Antwort, die du suchst?"
"EVA.", antwortete Shinji und seufzte.
"Mmm." Kaoru lehnte sich in seinen Stuhl zurück und nickte. "Ich verstehe."
"Nein... ich denke nicht, dass Sie verstehen.", entgegnete Shinji mit einem Lächeln. "Mutter... sie ist in meinem EVA. Richtig?"
"Da weißt du mehr als ich.", antwortete Kaoru und beugte sich wieder ein wenig zu seinem Schüler hinüber.
"Die Mutter ist die 'Erste Andere'. Die erste Person, zu der man eine Beziehung aufbaut, richtig? Aber die Mutter ist gleichzeitig auch der erste Lehrer.", erklärte Shinji und
blickte zu seinem Sensei auf. "Zwar kann ich mit Lehrern wie Ihnen keine Stadt platt treten..." Er schmunzelte. "Dennoch haben Sie und EVA meiner Meinung nach doch etwas gemeinsam..."
Kaoru schmunzelte. "Und das wäre?"
"Mein EVA ist auch ein Lehrer.", flüsterte Shinji. "Und ich werde ihn nicht für Dinge einsetzen, für die er nicht bestimmt ist."
Kaoru seufzte und lehnte sich in seinen Stuhl zurück. "Na schön.", meinte er schließlich und stand auf. "Das ist zwar keine richtige Antwort... doch ich schätze mal,
dass es vorerst reichen muss."
Der Lichtkegel des Theaterscheinwerfers verblasste und das rötliche Licht der Abendsonne durchflutete wieder das Klassenzimmer. Kaoru ging zurück zur Tafel. "Dennoch, du musst
diese Frage unbedingt noch beantworten.", mahnte er während er begann das Wort 'Abschlussprüfung' auszuwischen. "Denn falls du sie unbeantwortet lässt, wirst du den Test
niemals bestehen."
Shinji nickte. "Ich weiß.", seufzte er und legte den Kopf auf das Schreibpult.
"Was wirst du jetzt tun?"
Und während ihm diese Frage immer und immer wieder durch den Kopf ging, kehrte er langsam in die Realität zurück...
Er saß immer noch zu einem Häufchen Elend zusammengekauert in einem Korridor irgendwo im riesigen NERV-Hauptquartier. Der Metallfußboden unter ihm war zwar kühl,
aber wirkte auch beruhigend, ja regelrecht zähmend auf den Wirbelsturm, der in seinem Kopf tobte.
"Ich muss einen Weg finden die Dinge aus einer anderen Perspektive zu sehen...", flüsterte er sich selbst zu. "Ich muss unbedingt eine Antwort finden..." Er seufzte und stand
langsam auf.
Wie ein Blinder tastete er sich an den Wänden entlang auf der Suche nach einem Ort, der ihm vertrauter wäre...
"Ich muss in Ruhe nachdenken...", sagte er, doch die menschenleeren Korridore antworteten ihm nicht.
* * *
Kensuke seufzte während er den Horizont entlang blickte und auf den Sonnenuntergang wartete, der noch ausstand. "Das ist alles Käse.", meckerte er.
Toji nickte. "Ich glaube jeder hier wünscht sich, dass es möglichst bald vorbei ist. Am liebsten würde ich das alles hier weit hinter mir lassen und mir die Zeit
gönnen, es zu vergessen."
"Du auch?" Kensuke schmunzelte. "Wir sollten alle mal gemeinsam Urlaub machen."
Rei, die den ganzen Abend recht schweigsam gewesen war, konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. "Ich wollte schon immer mal in die Berge fahren. Das könnte sicher lustig
werden."
"Ja, da gibt es zumindest erstklassige Hotdogs.", stimmte Kensuke zu. Dann aber schüttelte er lachend den Kopf als er bemerkte, dass Rei und Toji ihn merkwürdig fragend und
unverständig ansahen. "Ach so ihr könnt das ja gar nicht wissen... Manchmal, wenn ich in meinen Armee-Klamotten herumrenne und Soldat spiele, dann marschiere ich in die Berge...
raus aus dem Talkessel von Tokio-3, und vorbei an all dieser Zerstörung und dem Leid... Und irgendwann komme ich dann zu dieser kleinen, abgelegenen Ortschaft mit diesem
Schnellimbiss... Er nennt sich 'Fran's Food', oder sowas in der Art... Das Essen da ist nicht weltbewegend... doch eines Tages habe ich statt eines Hamburgers einen Hotdog bestellt... Sie
servierten das Ding auf einem Pappteller, und es war nicht mehr als eine Brühwurst, um die eine dicke Scheibe Weißbrot gewickelt war,- und selbst die war noch durchweicht mit
dieser ekelhaft aussehenden, fettigen grün-roten Soße." Er lächelte. "Aber ich war hungrig, und so habe ich es regelrecht verschlungen."
Er hielt inne und blickte auf die untergehende Sonne.
"Und weiter?" fragte Toji schließlich.
"Es war der beste Hotdog, den ich je gegessen habe.", gab Kensuke mit einem Schmunzeln zu.
Toji lachte und schüttelte den Kopf. "Hört sich gut an. Da sollten wir unbedingt mal hingehen."
Rei nickte. "Ja, ich hätte auch gern so einen Hotdog."
Wortlos beobachteten die drei Freunde wie auch die letzten Lichter in den Häusern der Stadt langsam verloschen, und das Zwielicht der Straßenbeleuchtung die Oberhand
gewann.
"Es ist spät geworden.", seufzte Toji.
"Ikari-kun wird heute Nacht nicht nach Hause kommen.", flüsterte Rei.
Kensuke nickte. "Denkst du, wir werden das hier überleben?"
Stille setzte ein, doch schließlich nickte Toji. "Ja. Shinji braucht einfach nur ein wenig Zeit um nachzudenken und sich darüber klar zu werden, wie er den 'roten Teufel'
retten kann."
Kensuke schien diese Antwort zu genügen, denn er nickte einfach nur und schwieg.
Es verging noch eine ganze Weile bis sie einer nach dem anderen zurück ins Appartement gingen, und sich schließlich auf den ihnen zugeteilten Futons schlafen legten. Sie
hofften auf süße Träume, und dass sie in dieser Nacht von Alpträumen verschont blieben.
* * *
Als Shinji aufwachte war es bereits taghell. Doch es war ein hartes und künstliches Sonnenlicht, das seine Augen blendete. Sein Blick ging durch eines der großen
Panoramafenster der NERV-Pyramide, und er fragte sich, wie man es nur geschafft hatte, eine riesige, dunkle Höhle wie die Geofront derart hell auszuleuchten...
Doch was ihn eigentlich viel mehr beschäftigte, war die Frage nach dem Warum...
'Der Mensch braucht Licht und Dunkelheit, um zu funktionieren.', kam es ihm in den Sinn, und er nahm an, dass das Spiel von Tag und Nacht notwendig war, damit das Tier Mensch einen
Tagesrhythmus hatte, an dem es seine innere Uhr, und die Phasen von Arbeit und Schlaf ausrichten konnte.
Brauchte der Mensch etwa stets äußere Einflüsse damit sein Leben gelenkt, und in bestimmten Bahnen verlief? War das vielleicht auch der Grund, aus dem man Asuka und ihn
getrennt hatte? Der Grund aus dem Jeder ihn verließ? Wollte man ihn dadurch vielleicht dazu bringen EVA zu steuern? Ja, das musste es sein! Eine Art Erpressung,- so wie man
unartigen Kindern damit droht, sie ohne Nachtisch ins Bett zu schicken, so drohte man ihm damit, dass er Asuka und all die anderen niemals wieder sehen würde, wenn er nicht in seinen
EVA stiege...
Doch so wie in der Natur, wechselten sich auch im Leben Licht und Schatten ab,- und auf den Tag folgte unweigerlich die Nacht...
Nur machten manche Nächte das Warten auf den nächsten Tag zu einer Qual...
"Du bist aber schon früh wach, Shinji-kun." Eine bekannte Stimme holte Shinji aus seinen Gedanken,- aber es dauerte noch einen Moment bis er sich auf der Couch, die sein Nachtlager
gewesen war, aufgesetzt hatte.
Shinji blinzelte noch einige Male bis seine Augen sich endgültig an das Licht der gerade aufgegangenen Sonne gewöhnt hatten, und wandte sich schließlich in die Richtung,
aus der die Stimme gekommen war. Es war Asukas Ersatz... oder anders ausgedrückt Kaoru-kun... "Ohayo...", begrüßte er den grauhaarigen Jungen und blickte gähnend zur
Wanduhr, die gerade mal Fünf Uhr Morgens zeigte. "Ich hatte garnicht bemerkt, dass es noch so früh ist."
Jetzt, da Shinji nicht mehr lang ausgestreckt auf der Couch lag, nahm Kaoru die Gelegenheit wahr und setzte sich neben den jungen Ikari. "Du hättest in meinem Zimmer
übernachten sollen, Shinji-kun. Es ist nicht gut auf harten Sitzmöbeln zu schlafen."
Shinji wurde rot und wandte sich ab. "Ich war ja zuerst auch nach Hause gegangen... doch dann habe ich erfahren, dass ein Freund hier im Krankenhaus liegt, und da musste ich einfach
zurück kommen."
Kaoru nickte mit einem Ausdruck ehrlicher Besorgnis im Gesicht. "Was ist passiert?"
"Sie hat den Zorn des Kommandanten erregt.", flüsterte Shinji. "Man hat sie ins NERV-Krankenhaus einweisen lassen, weil man denkt, dass sie verrückt sei... aber ich weiß
genau, dass das in Wirklichkeit das Werk meines Vaters ist."
Der andere Junge nickte. "Dann kommst du mit deinem Vater wohl nicht gut klar, oder?" Er schüttelte den Kopf. "Das ist schade... aber leider auch nicht allzu selten."
"Mag sein." Shinji stand auf und streckte seine Glieder während er vor eines der riesigen Panoramafenster trat. Der Wald auf den er hinab blicken konnte schien ruhig und friedlich.
Und so seltsam es auch klang, verglichen mit ihm selbst, machte die gesamte Geofront irgendwie einen zufriedenen und glücklichen Eindruck. "Die meisten Teenager in meinem Alter
mögen ihre Väter.", erklärte er schließlich begleitet von einem langen Seufzer. "Ich selbst bin es ja auch leid meinen Vater zu hassen... Ich würde es ja gerne
ändern... doch wie es scheint hat mein alter Herr keine Ambitionen unser Verhältnis zu verbessern. Er wird sich wohl niemals ändern."
"Väter verändern ihre Verhaltensweisen und Gewohnheiten nicht so schnell.", antwortete Kaoru. "Darum müssen ihre Söhne ja auch von ihnen lernen."
Shinji wandte sich Kaoru zu, der inzwischen hinter ihm stand. "Und du? Hasst du denn deinen Vater?" Er wurde ein wenig rot. "Ich meine..."
"Ist schon okay...", erwiderte Kaoru mit einem Schmunzeln, so als ob ihn nichts und niemand in Verlegenheit bringen, oder gar beleidigen könnte... "Nein, ich hasse meinen Vater
nicht. Ich liebe ihn sehr. Dennoch gibt es Momente, wo ich mit seinen Entscheidungen nicht einverstanden bin."
Shinji begann zu schmunzeln. "Wirklich? Und was machst du dann?"
"Ich vertraue seinem Urteilsvermögen.", antwortete Kaoru mit einem glücklichen Lächeln. "Er hat viel Wunderbares bewirkt, und ich wäre töricht, wenn ich an ihm
zweifeln würde. Ich maße mir nicht an, ebenso weise zu sein wie er, und so bleibt mir nichts, als fest daran zu glauben, dass seine Entscheidung richtig ist."
Der junge Ikari seufzte. "Bei meinem Vater... ist es manchmal genauso.", gab er zu und schaute zum Himmel der Geofront. "Doch andererseits... verletzt er so viele Leute und nimmt mir
immer wieder Dinge weg, die ich liebe. Auch wenn ich nicht sein Wissen habe,- oder die Weitsicht, zu erkennen wo das alles hinführt,- so fällt es mir doch schwer zu glauben,
dass er bei all seinen Taten nur Gutes im Schilde führt."
Kaoru nickte und machte kehrt um den Aufenthaltsraum zu verlassen. "Kommst du mit?"
Shinji folgte ihm, und es dauerte einige Schritte bis er ihn eingeholt hatte. "Hat dein Vater... jemals... schlechte und unrechte Dinge getan?" Er seufzte. "Ich meine... wirklich
schreckliche Dinge?"
"Sowas wie Leute umbringen? Befehle geben? Dich deiner Freiheit berauben?" Kaoru blieb stehen und grinste. "Meinst du sowas in der Art?"
Shinji nickte. "Ja."
"Ja.", antwortete Kaoru mit einem Kopfnicken. "Aber hat DEIN Vater jemals etwas Gutes getan? Etwas sehr Gutes? Weltbewegendes?"
"Ich..." Shinji nickte. "Ja, das hat er.
"So? Und was für Dinge waren das?", wollte Kaoru wissen.
Shinji musste einen Moment lang nachdenken, dann aber lächelte er. "Na ja, er hat die Menschheit gerettet indem er NERV gründete. Und ich denke, dass er meinem Leben dadurch
auch irgendwie einen Sinn und eine Richtung gegeben hat."
"Und obwohl du mit der Richtung, die er dir vorgegeben hat, nicht einverstanden bist...", ergänzte Kaoru. "... so bist du ihm dennoch dankbar dafür, dass er es getan hat, nicht
wahr?"
Shinji seufzte. "Ja, ich schätze schon."
Sie gingen noch einen Moment lang den Korridor entlang, doch dann blieb Kaoru plötzlich stehen und öffnete eine Tür zu seiner Rechten. "Weißt du, im alten
Griechenland gab es eine Tradition unter den Männern,- eine Art Ritual, bei dem sie ihre Gedanken austauschen, und sich einfach mal so von Mann zu Mann unterhalten konnten...", sagte
er. "Wie wäre es? Würdest du mich begleiten wollen?"
Erst jetzt bemerkte Shinji, dass sie vor der Männerumkleide standen,- und er musste unwillkürlich daran denken, wie sehr er sich gewünscht hatte, einmal das riesige Bad zu
benutzen, das hinter dieser Tür lag. Er wurde einen Moment lang rot, als ihm klar wurde, dass er sich in Gegenwart eines anderen Mannes entkleiden musste, um diesen Traum von einem
Bad benutzen zu können,- doch dann nickte er. "Sicher. Vielleicht bringt mich ja ein warmes Bad auf andere Gedanken."
Sie traten in die Umkleide und warteten bis die automatische Raumbeleuchtung ihre Anwesenheit bemerkte, und einschaltete. Allem Anschein nach waren sie die Einzigen, die so früh am
Morgen diesen Ort aufgesucht hatten.
Shinji griff sofort nach einem der bereit liegenden Handtücher. "Weißt du, ich bin noch nie hier drin gewesen.", meinte er und grinste. Das er einmal versehentlich in die
Männerumkleide gestolpert war, verschwieg er lieber.
"Ja, eigentlich ist das hier ja auch mehr ein Privileg der Älteren.", erwiderte Kaoru zufrieden, und es schien ihm nicht im geringsten peinlich, dass er mittlerweile völlig
unbekleidet war. "Ich wage zu behaupten, dass ein gemeinsames Bad die beste Methode ist, Männerfreundschaften zu pflegen.", fügte er auf dem Weg zur Dusche schließlich
noch hinzu.
"Ehrlich gesagt ist mir das Trinken da schon lieber.", seufzte Shinji und gab sein Bestes vor lauter Scham und Verlegenheit nicht rot anzulaufen. "Da musst du dich nicht ausziehen und
wenn du mal Quatsch redest kannst du es immer auf den Alkohol schieben."
"Oh, hast du etwa Angst, du könntest mir im Eifer des Gefechtes etwas allzu persönliches verraten, Shinji-kun?", rief Kaoru ihm aus der inzwischen schon laufenden Dusche
zu.
"Na ja... Ein wenig schon.", seufzte der junge Ikari und schüttelte den Kopf. "Normalerweise rede ich nämlich nicht mit jedem x-beliebigen Fremden über meinen Vater." Er
ging zu einer der abgeteilten Duschkabinen und drehte das heiße und kalte Wasser ganz weit auf. Die Tropfen, die auf ihn hernieder prasselten halfen jedoch nicht seinen noch leicht
verschlafenen Geist wachzurütteln.
"Ich bin aber kein x-beliebiger Fremder.", erwiderte Kaoru mit einem Lächeln. "Wir sind uns sehr ähnlich, und wenn du dich selbst kennst, dann kennst du auch mich."
"Vielleicht ist das ja genau der Grund, aus dem ich besorgt bin.", warf Shinji ein, doch seine Bemerkung ging irgendwie im Prasseln des Wassers unter...
Einige Momente später beendeten die beiden ihre Dusche und gingen schließlich in das angrenzende Bad. Der große Bildschirm, der über der riesigen gekachelten Wanne
hing, zeigte ein nettes, friedvolles Bild des 'Fujiyama', das im Zuge eines beginnenden Sonnenaufgangs mit sanften Farbtönen immer mehr die ansonsten kalte, bläuliche
Raumbeleuchtung ablöste.
Das Plätschern, das die beiden verursachten als sie ins Wasser stiegen, hallte noch eine ganze Weile nach, währenddessen sich Kaoru genussvoll gegen den Beckenrand lehnte, und
Shinji versuchte, dieses unerklärliche Gefühl von 'Deja-Vu' zu verdrängen, das ihn zusammen mit der einsetzenden Stille überkam.
"Worüber würdest du gern reden?", fragte Kaoru schließlich als nur noch das gelegentliche Tröpfeln eines verirrten Wassertropfens und das Geräusch ihres Atem
die Stille durchbrach...
Shinji seufzte leise vor sich hin. Ihm war klar, dass er jetzt besser etwas sagen sollte, wollte er nicht ungehobelt oder grob erscheinen. Im Sinne des Allgemeinwohls wäre es sicher
besser, wenn er nicht zuließe, dass sich seine Gefühle für Asuka, und das Unbehagen ihrem Ersatzmann gegenüber, dem Teamwork oder einer neuen Freundschaft in den Weg
stellten. Vielleicht wäre es das Beste sich einzureden, dass dieser Kaoru dort kein Geringerer als Sensei Kaoru war.
"Ich würde zu gern wissen, ob das was ich weiß - oder zu wissen glaube - richtig ist.", sagte Shinji schließlich und blickte auf das Videobild des riesigen Berges vor
ihm. "Ich will nicht warten müssen bis jeder stirbt, um herauszufinden, dass es falsch ist."
"Warum sollte es falsch sein?", fragte Kaoru.
"Nicht direkt... falsch...", seufzte Shinji. "Ich weiß halt nur nicht, ob es genau das ist, was ich wissen muss. Es kommt mir alles so vage und unnütz vor." Er schüttelte
den Kopf und lehnte sich gegen den Beckenrand. "Ich habe mehr Fragen über mich und mein Leben als Antworten. Und die Welt um mich herum hilft mir nicht gerade dabei diese Antworten
zu finden."
"Na ja, was willst du denn über dich selbst wissen?"
"Ich will wissen warum ich nicht glücklich sein kann.", murmelte Shinji, seinen Blick immer noch starr auf das Bild des 'Mount Fuji' gerichtet. "Warum kann ich nicht einfach
glücklich sein und ein mehr oder weniger unbeschwertes Leben führen wie all die anderen auch?"
Aus irgendeinem Grund musste er plötzlich an Asuka denken, und mit seinem geistigen Auge konnte er geradezu sehen, wie sie sich wieder einmal in ihrer typischen Art und Weise
über irgendwas beschwerte.
"Was bedeutet glücklich sein für dich?", fragte Kaoru und wandte sich ihm zu. "Bedeutet es einen liebenswerten und liebenden Vater zu haben? Eine fürsorgliche, liebevolle
Freundin, die du in Sicherheit weißt? Oder bist du eher glücklich, wenn du weißt, dass dein Leben einen Zweck und ein Ziel hat? Ist es das, was dich glücklich
macht?"
"Ja... aber das ist nicht alles." Er seufzte. "Vielleicht bin ich schon glücklich, wenn es den anderen gut geht,- aber vielleicht geht es mir dabei ja auch einzig und allein nur um
mich selbst. Ich weiß es einfach nicht."
Kaoru schmunzelte und konnte sich schließlich ein halblautes Lachen nicht mehr verkneifen. "Die Menschheit versucht schon seit Urzeiten die Antworten auf diese Fragen zu finden,
Shinji-kun. Es ist die Bestimmung der Menschen ihre Gefühle und sich selbst in Frage zu stellen."
Shinji schüttelte den Kopf. "Ich will doch einfach nur Wissen wo ich suchen muss, um sowas wie Glückseligkeit zu finden. Ich weiß immerhin, was ich will... ich kenne halt
nur die Antworten nicht."
"Mit der Glückseligkeit ist es wie mit dem freien Willen. Manche Leute halten es für das höchste Gut und streben danach,- andere aber nehmen es als selbstverständlich
hin, und wehren sich nur wenn sie im Begriff sind eines von Beiden zu verlieren." Er hielt inne und entspannte sich einen Moment lang im heißen Wasser. "Und wieder andere
fürchten sich regelrecht davor, und fühlen sich nur wohl, wenn sie bei ihren Handlungen geführt, und bei Entscheidungen kontrolliert werden." Er wandte sich Shinji zu. "Du
magst zwar nach Glückseligkeit streben... aber in Wirklichkeit findest du in der Traurigkeit die Geborgenheit, die du suchst. "
Der junge Ikari nickte nachdenklich. "Aber... was, wenn ich mich ändern will?"
"Wie willst du das bewerkstelligen? Und vor allem wie wird das Ergebnis aussehen?"
"Ich... ich will nicht länger allein sein. Ich will glücklich sein." Shinji seufzte. "Ich bin es leid, verletzt zu werden."
"Dann musst du allerdings allein bleiben.", entgegnete Kaoru. "Denn nur jemand, der sich zurückzieht, und jeden um sich herum ignoriert, kann nicht ausgenutzt, betrogen, oder
verletzt werden."
Unwillkürlich dachte Shinji an den Kommandanten, der wohl selbst in diesem Moment in seiner ihm eigenen Pose, allein hinter dem Schreibtisch in seinem abgedunkelten, unheimlichen
Büro saß, und begleitet vom unglaublich lauten Widerhall seiner Atemzüge, Pläne schmiedete.
"Doch wenn du dich zurückziehst, um nicht verletzt zu werden, dann wirst du niemals dieses Gefühl der Einsamkeit los werden.", fuhr Kaoru fort.
Shinji sah ein Bild von Rei Ayanami, die in irgendeinem Schwimmbecken trieb und gegen den Drang ankämpfte das Wasser einzuatmen, um herauszufinden was dann passierte. Doch noch mehr
schien sie sich gegen den Drang zu wehren, nach oben zur Wasseroberfläche zu sehen, um festzustellen dass niemand da war, der sich dafür interessierte, ob sie starb oder
nicht.
"Stimmt...", flüsterte Shinji leise, während immer neue Bilder und Visionen auf ihn einströmten...
"Niemand kann sich ein Leben lang vor Gefühlen wie Trauer und Leid verschließen.", erklärte Kaoru.
Und wie zur Untermalung erschien in Shinjis Kopf ein Bild von Asuka, die ihren Kopf in den Kissen ihres Krankenhausbettes vergraben hatte, und bittere, nur für seine Augen sichtbare
Tränen weinte.
"Es ist schwer, sich vor Schmerz und Leid zu verstecken, indem man es in verlockend klingender, aber dennoch unechter und trügerischer Glückseligkeit zu ertränken
versucht."
Shinji sah Misato Katsuragi; zusammengerollt auf ihrem Futon, in Mitten von leeren Bierdosen und kleinen Schnapsfläschchen, und mit einem Ausdruck auf dem Gesicht, der klar machte,
dass ihre Träume weit weniger berauschend waren, als der Alkohol.
Shinji runzelte die Stirn und warf dem jungen Mann einen traurigen Blick zu. "Das ist aber keine Antwort auf meine Fragen."
"Es sollte ja auch gar keine Antwort sein, Shinji-kun.", erwiderte Kaoru mit einem Schmunzeln. "Ich wollte dir damit nur aufzeigen, wie zerbrechlich das Herz eines Menschen doch ist...
Fast so zerbrechlich wie Glas... und wie mit allen kostbaren, zerbrechlichen Gegenständen, musst du auch mit deinem Herzen sehr sorgfältig umgehen. Auch du bist es wert geliebt
und geachtet zu werden."
Shinji wandte sich ab und betrachtete sein Spiegelbild im Wasser. "Warum fühlt es sich dann so an, als ob es bereits zerbrochen wäre?"
"Vielleicht weil dir bisher noch niemand die wahre Natur deines Herzens erklärt hat..." Kaoru lächelte sanft und legte seine Hand auf Shinjis Schulter. "Und dass du es wert
bist, geliebt zu werden."
Shinji wandte seinen Blick ab und fragte sich, ob diese letzte Bemerkung so gemeint war, wie sie geklungen hatte. "Und was ist mit dir? Wenn die Leute voreinander doch soviel Angst
haben, wie du sagst,- warum bist du dann so freundlich zu mir?"
"Weil..." Kaoru wandte sich ihm zu. "...ich dich liebe."
Vielleicht lag es an der Kombination aus Worten und Visionen, oder an seiner allgemeinen Verwirrung... Oder es war sein Gehirn, das schlussendlich Mitleid mit ihm hatte, und sich
entschloss seine Pforten zu öffnen, um alle Erinnerungen freizugeben, die es jemals gespeichert hatte...
Doch was auch immer es war... mit einem Mal tauchte eine Flut von Bildern vor seinem geistigen Auge auf...
Er sah sich selbst in einer Situation wie dieser...
...Szenen eines Kampfes gegen Einheit-02...
...Asuka, wie sie bewusstlos im Bett liegt...
...Explosionen, die das NERV-Hauptquartier erschüttern...
...den Befehl den letzten der Engel zu verfolgen und zu vernichten...
Diesen Jungen dort...
Shinji kam es vor, als bliebe sein Herz stehen, während die Visionen in seinem Kopf zerbröselten, und er mit einem Mal wieder in die Realität zurückkehrte.
Kaoru redete immer noch und schaute dabei auf den riesengroßen Bildschirm über dem Pool.
"Sein Herz anderen gegenüber zu öffnen ist der beste Weg einander zu verstehen. In dem Moment da ich dich sah, wusste ich, dass unser Zusammentreffen vorherbestimmt war.", fuhr
der grauhaarige Junge fort.
Shinji nickte bedächtig. "Doch ist das auch richtig so...", hörte er sich selbst fragen, und er spürte wie ihn die Bilder, die sein Verstand immer noch hervorbrachte,
erschaudern ließen. Bilder, in denen diesem Jungen dort der Kopf abgetrennt wurde, so als sei er nichts weiter als eine Spielzeugpuppe..
Zuerst wusste er nicht, welche Bedeutung er diesen Visionen zumessen sollte... Sie kamen so schnell... und waren ebenso schnell auch wieder verschwunden... Dennoch zweifelte er nicht an
den Dingen, die er vor seinem geistigen Auge vorbeihuschen sah... und traute den Gefühlen, die er verspürte...
Kaoru wandte sich dem jungen Ikari zu und bemerkte, dass etwas nicht stimmte. "Alles okay, Shinji-kun?"
"Nenn mich nicht Shinji-kun...", flüsterte der Angesprochene und stieg langsam, aber fest entschlossen aus dem Pool.
Eine Lüge... ja, es musste eine Lüge sein. Vielleicht machte sich der fehlende Schlaf der letzten Nacht auf diese Weise bemerkbar... Oder es war seine Phantasie, die ihm einen
Streich spielte....
Nein. Nicht dieses Mal.
Der Kloß in seinem Hals wurde keinen Deut kleiner als er die Bilder und Worte der vergangenen Minuten Revue passieren ließ. "Du... du hast gesagt, dass mein Herz zerbrechlich
sei. So zerbrechlich wie Glas."
"Ja." Das Lächeln auf Kaorus Gesicht kehrte zurück. "Es ist rein und unverdorben, so wie bei vielen Menschen. Es ist zerbrechlich, aber dennoch wert geliebt und beschützt
zu werden."
Shinji warf ihm düstere Blicke zu. "Doch wie bei allem aus Glas... schneidest du dich, wenn du drauftrittst."
Eine Hand legte sich auf seine Schulter und hielt ihn davon ab das Bad zu verlassen. "Shinji-kun... was ist los?"
Shinji fuhr herum und seine Faust landete geradewegs im Magen des anderen Jungen.
Kaoru sah ziemlich überrascht aus als er rückwärts ins Wasser fiel.
Der junge Ikari hingegen blickte nur auf seine Faust. Zuerst war er ein wenig überrascht und schockiert von seiner Handlungsweise, dann aber verschwand jegliches Schuldgefühl,
und er machte kehrt, um seinen Weg in den Umkleideraum fortzusetzen.
Kaoru blieb einen Moment lang allein im Pool zurück. Er seufzte... und stieg schließlich mit einem zufriedenen Lächeln aus dem Wasser, um dem anderen Jungen zu
folgen.
* * *
Shinji hatte bereits wieder seine Straßenkleidung angelegt als er von Neuem eine Hand auf seiner Schulter fühlte.
Der junge Mann schaute ihn mit unglaublich klaren, roten Augen an. "Shinji-kun."
Shinji wandte sich ab als ihn ein Gefühl der Kälte durchzuckte. "Aus welchem Grund bist du hier? Um mich zu verhöhnen? Um mich zu töten? Um uns alle zu
töten?"
"Ich denke du kennst die Antwort auf diese Frage bereits.", erwiderte Kaoru sanft und nahm seine Hand von der Schulter des anderen Jungen, so als ob er erkannte, wie unangemessen diese
Geste in diesem Moment doch war. "Ich bin hier, um dir die Wahl zu geben, Shinji-kun. Dir allein. Du bist der Einzige, der sich entscheiden darf." "
"Worüber entscheiden?", fragte Shinji.
"Ob du die Prüfung bestehst, oder versagst.", antwortete Kaoru bedächtig während er begann sich anzukleiden. "Wenn du deine Entscheidung getroffen hast, werde ich auf dich
warten."
"Ich sollte dich hier und jetzt töten!", meinte Shinji und zitterte einen Moment lang aus Angst vor seiner eigenen Entschlossenheit.
"Nein.", entgegnete Kaoru, der nun bereits auf dem Weg hinaus war. "Die Zeit ist noch nicht reif. Wie ich sagte, wenn du soweit bist, dann werde ich auf dich warten."
Und mit diesen Worten schloss sich die Tür hinter dem grauhaarigen Jungen.
Shinji hielt den Atem an als die Flut von Bildern in seinem Kopf versiegte... und er riss seine Augen weit auf als ihm mit einem Mal klar wurde, was er zu tun hatte... Er schüttelte
den Schrecken ab und stürmte aus der Umkleide...
* * *
Wie ein Wilder rannte Shinji die Gänge und Korridore entlang, die seinem Gefühl nach zu urteilen immer kleiner wurden,- seine Bewegungsfreiheit beschnitten,- und ihn regelrecht
einengten... So weit, bis er fast keinen Platz zum Atmen mehr hatte... Zuerst wusste er nicht woher diese Gefühle kamen... Warum er überhaupt rannte oder wohin...
Doch am Ende war er wenig überrascht festzustellen, dass er im Hangar von Einheit-01 stand.
Die ersten Technikerteams würden erst in einigen Stunden ihren Dienst beginnen,- und die meisten von ihnen lagen wohl zur Zeit noch glücklich und zufrieden in ihren Betten.
Und so gab es außer ihm selbst und der riesigen violetten Fratze vor ihm, niemanden, der das Echo seines verzweifelten Schreis hätte hören können. "MUTTER!"
Die Fratze jedoch zeigte keinerlei Reaktion.
Shinji runzelte die Stirn und warf der Fratze einen wütenden Blick zu. "Was ist passiert..." Er musste schwer schlucken. "Was ist beim letzten Mal passiert?"
Doch es kam keine Antwort.
"ICH WEIß, WAS ICH GESEHEN HABE!", schrie er. "Sag es mir, Mutter! Habe ich beim letzten Mal versagt? Ist das der Grund, aus dem wir diese Hölle von Neuem durchleben
müssen?!?"
Die Antwort kam in Form eines schrecklich lauten Krachens und Schepperns...
Es schien aus einem der Reparatur-Hangars zu kommen...
Einheit-02.
"Asuka.", flüsterte Shinji. "Nein..." Er schloss seine Augen, so als könne er die Aura des anderen Jungen geradezu spüren. "Kaoru."
Dunkelrote Warnlampen begannen zu flackern und lautes Sirenengeheul erfüllte die Luft...
...als das Ende der Welt begann.
* * *
Misato war nicht sonderlich überrascht als plötzlich ein Transporthubschrauber von NERV mitten auf dem Parkplatz des Appartementkomplexes landete, und dabei einige der dort
geparkten Autos recht übel zurichtete. Irgendwie freute sie sich sogar... Es geschah den Arschlöchern aus Appartement 119 ganz recht, dass ihr nerviger kleiner VW platt gemacht
wurde.
Misato und ihre Mitbewohner stellten keine weiteren Fragen und beeilten sich einzusteigen, zumal der Pilot unaufhörlich zur Eile drängte, und immer wieder betonte, dass es ein
Notfall wäre, und sie so schnell wie möglich zurück ins Hauptquartier müssten.
Den ganzen Flug über hatte Misato das Gefühl irgendwie noch zu träumen... Alles schien so unwirklich und irgendwie an ihr vorbei zu laufen... Überall um sie herum
waren ernste und angespannte Gesichter, die von dem Beginn eines weiteren, alptraumhaften Tages zeugten...
Maya und Ritsuko saßen in einer Ecke der Kabine und versuchten sich an Hand von Berichten und Daten, die unaufhörlich auf dem Computer der jungen Wissenschaftsassistentin
auftauchten, ein Bild über die Geschehnisse dieses Morgens zu machen. Einheit-02 hatte sich offensichtlich von selbst, und ohne jeglichen Piloten oder Dummy-Plug aktiviert, und
bahnte sich gerade seinen Weg durch die inzwischen abgeriegelten Sektionen des Hauptquartiers hin zum Terminal Dogma und Lilith.
Misato fragte sich, ob sie die Einzige war, die bemerkte, dass Maya mit Ritsuko flirtete.
Aus Platzgrünen hatten sie Kensuke und Hikari im Appartement zurücklassen müssen.
Was Toji betraf, so hatte man ihm seinen Einsatzanzug mitgebracht, damit er sich schon während des Fluges umziehen konnte und einsatzbereit wäre, sobald sie landen würden.
Er war ein guter Kerl. Ein tapferer, junger Mann mit rauher Schale, aber einem guten Herzen. Es schien als hätte ihm der gestrige Abend zusammen mit seinen Freunden und die Nacht mit
seiner Freundin Hikari neue Kraft und Mut gegeben... Er machte einen sehr entschlossenen und gefassten Eindruck, und wäre sicher ein würdiger Gegner für jeden Engel...
Rei hatte sich inzwischen ebenfalls umgezogen. Was Misato ein wenig beunruhigte, war die Tatsache, dass das blauhaarige Mädchen im Moment ein wenig aufgekratzt und regelrecht
nervös schien. Früher hätte sie nichts aus der Ruhe bringen können, doch die Zeiten hatten sich geändert, und Rei hatte sowas wie einen eigenen Willen,- einen
eigenen Geist,- und Gefühle entwickelt... Und von dieser menschlichen Warte aus betrachtet, war es wohl nur normal, dass sie sich fürchtete...
Misato selbst fühlte sich noch ein wenig verkatert, doch sie versuchte sich so gut es ging auf den vor ihr liegenden Tag vorzubereiten,- vielleicht den letzten Tag, den sie erleben
würden...
Als sie zusammen mit Ritsuko in den Kontrollraum stürmten, erwartete sie ein merkwürdiger Anblick. Der drei-dimensionale holographische Projektionsschirm zeigte nicht mehr
länger das gewohnte Bild von Tokio-3, sondern einen Querschnitt durch das 'Central Dogma' mit all seinen Gängen und Räumlichkeiten. Ein etwa stecknadelkopfgroßer,
roter Leuchtpunkt mit der Bezeichnung 'EVA-02' und 'Muster Blau' markierte die Position des vermeintlichen Angreifers, der weiterhin eine Barriere nach der anderen durchbrach, und
unaufhörlich immer in Richtung 'Terminal Dogma' vorstieß.
"Statusbericht!", befahl Misato.
"Einheit-01 hat bereits die Verfolgung aufgenommen!", antwortete Maya. "Asuka ist immer noch in ihrem Krankenzimmer,- sie kann unmöglich der Pilot sein. Es muss Kaoru sein!"
Misato seufzte, doch dann huschte mit einem Mal ein kleines Lächeln über ihr Gesicht. "Du hast uns nicht nur gewarnt, sondern uns sogar seinen Namen genannt, nicht wahr,
Sensei...?" Sie seufzte von Neuem. "Okay! Ich will alle Sensoren online! Ständige Messwerterfassung! Schickt Einheit-03 auf direktem Weg ins 'Terminal Dogma' sobald Toji fertig
ist!"
"Dann könnte es aber schon zu spät sein.", erwiderte Ritsuko mit einem Seufzen, aber bereitete nichtsdestotrotz die Ausführung der Befehle vor.
Gendo und der Vizekommandant beobachteten derweil das hektische Treiben von ihrem Logenplatz hoch über dem Kontrollraum.
"Die Ereignisse überschlagen sich. Es geschieht alles ein wenig zu schnell, nicht wahr?", stellte der ältere Mann fest.
Gendo nickte. "Ja, aber es verläuft alles nach Plan."
"Dann bleibt uns nur zu hoffen, dass es nicht nach SEELEs Plan verläuft."
* * *
Es ging alles so unglaublich schnell.
Shinji kam es vor, als würde er neben sich selbst stehen, und sein Handeln als stummer, teilnahmsloser Beobachter erleben. Er hörte, wie er die Worte sprach, von denen er
wusste, dass er sie sprechen würde. Er sah die Anspannung und die Angst auf Misatos Gesicht als sie ihn anflehte sich zu beeilen, und er fühlte wie er selbst im Gegenzug
innerlich schmunzelte, wohl wissend, dass er den Feind auch dieses Mal rechtzeitig würde stellen können.
Den Feind... Den Engel... Er erinnerte sich an seine Visionen. Visionen, von denen er nun wusste, dass es Erinnerungen an das letzte Mal waren. Damals war er ja geradezu in Kaoru
vernarrt gewesen... Wie dankbar war er gewesen, dass jemand diese drei Worte zu ihm gesagt hatte... Worte, die zu hören er sich ein Leben lang gewünscht hatte... Wie sehr hatte
ihn die Entscheidung, die er damals getroffen hatte, mitgenommen... Ja geradezu aus der Bahn geworfen hatte sie ihn...
Wie dumm war er damals nur gewesen. Am liebsten wäre er in der Zeit zurück gereist, und hätte sein damaliges Ich für dessen Naivität geohrfeigt...
"Ich habe mich entschieden, und dazu stehe ich.", flüsterte Shinji, während er und sein EVA immer tiefer und immer schneller den senkrechten Schacht hinunter kletterten, um den
roten Evangelion einzuholen, der weit unter ihnen schwebte... "Diesmal werde ich mich nicht von falscher und geheuchelter Liebe in die Irre führen lassen. Ich werde nicht zulassen,
dass es noch einmal passiert... Das alles hier darf nicht noch einmal von vorn beginnen." Mittlerweile war er so nah an die Angreifer herangekommen, dass er sogar Kaoru sehen konnte...
Verglichen mit dem roten Biest, das er kontrollierte, war er nicht mehr als ein kleiner Punkt, der von einer hell leuchtenden Aura umgeben war.
"Ich habe es endgültig satt!", maulte Shinji halblaut in der Einsamkeit seiner Zugangskapsel. "Ich will endlich nach Hause gehen, wo ich mit Leuten zusammen sein kann, denen ich
vertraue, und die ich liebe." Er fletschte seine Zähne. "Und dazu brauche ich keinen Engel! Und auch keinen Sensei!" Er genoss geradezu das Gefühl sein Prog-Messer zu
zücken, und dessen harten Schaft in Händen zu halten. "Zu Hölle mit all den Lektionen! Schluss mit den Prüfungen! Ich bin fertig! Und egal ob Bestanden oder nicht, ich
weiß ganz genau wer ich bin!"
Er sah wie der andere Junge lächelte, als EVA-01 mit der gesammelten Kraft seines freien Falls in nur einem Hieb das Schulterholster von Einheit-02 aufschlitzte, woraufhin dessen
Prog-Messer nutzlos in die Tiefe fiel.
"Shinji-kun!", kam Kaorus Stimme glockenhell. "Ich bin froh, dass du hier bist."
Noch bevor Shinji überhaupt die Möglichkeit bekam den Engel anzugreifen, packte Einheit-02 auch schon die Arme seines EVA und hielt sie mit einer selbst für einen
Evangelion unnatürlichen Kraft fest. Shinji knurrte vor Wut und versuchte mit allen Mitteln dem Griff des roten EVA zu entkommen,- doch es gelang ihm nicht. "KAORU! Was machst du da?
Ich weiß, was du im Schilde führst. Und ich werde es nicht zulassen!"
Im freien Fall begriffen stürzten die beiden EVAs durch ein weiteres Schott, das unter dem Gewicht der Kampfmaschinen und dem Druck der beiden AT-Felder wie ein Blatt Papier
zerriss. Augenblicke später weitete sich dann der vertikale Schacht, und sie waren mit einem Mal in einem riesigen Raum.
Shinji stöhnte auf als sein EVA ungebremst - zusammen mit Einheit-02 - auf dem Boden aufschlug.
Der Aufprall hatte Shinjis Wahrnehmung wieder zurecht gerückt und ihn dazu gezwungen, die Welt wieder durch seine eigenen Augen zu sehen,- und nicht als außenstehender
Beobachter.
Schnell und instinktiv brachte Shinji Einheit-01 dazu aufzuspringen, und den kleinen hell leuchtenden Lichtpunkt zu verfolgen, der sich bereits vom Ort des Geschehens entfernte. "Halt,
Kaoru! KOMM SOFORT HIERHER ZURÜCK!", schrie er noch, doch da spürte er plötzlich wie etwas sein Bein festhielt und ihn mit unbeschreiblicher Kraft am Vorwärtskommen
hinderte.
Es war EVA Einheit-02, die ihn aus vier glühenden Augen böse ansah.
Doch dann tauchte plötzlich, wie aus dem Nichts, eine riesige, dunkle Gestalt auf, die in einem wahren Sturmlauf auf den roten EVA zustürzte, und ihn nieder rang. Shinji war
überrascht, aber auch gleichzeitig beeindruckt als er die wild glühenden, gelblichen Augen von EVA Einheit-03 sah.
"Shinji!", schallte Tojis Stimme durch den Entry-Plug des jungen Ikari während gleichzeitig ein kleines Videofenster erschien. "Bist du okay, Kumpel?"
"Jetzt ja!", erwiderte Shinji mit einem Grinsen, während-dessen sich sein Eva wieder aufrichtete. "Schön dich zu sehen. Pass aber auf, dass du Einheit-02 nicht
beschädigst, sonst bringt Asuka dich um!"
"Keine Sorge, ich mach hier nur den Babysitter.", antwortete Toji schmunzelnd und hielt Einheit-02 mit den langen, gummiartigen Armen seines EVA in Schach. "Und jetzt sieh zu, dass du
dich um diesen Engel da kümmerst, okay? Ich kann schließlich nicht alles machen.- Hab ja auch nur zwei Hände!"
"Shinji! BEEIL DICH!", kam auf einmal Misatos Stimme über den Com-Kanal. "Er hat gerade die letzte Sperre durchbrochen!"
Shinji nahm einen tiefen Atemzug. Er wusste bereits was ihn jenseits dieser letzten Türe erwartete... Es war jedenfalls mehr als nur ein riesiger See von LCL...
Und so rannte er los...
* * *
Kaoru seufzte als er die riesige Kreatur anstarrte, die irgendwie an eine Mischung aus Marschmallow-Man und Michelin-Männchen erinnerte...
"Lilith.", flüsterte er "Einmal mehr sehe ich mich deiner widerlichen Fratze gegenüber."
Er hörte wie sich der EVA mit schnellen Schritten näherte und wusste, dass ihm nicht mehr viel Zeit blieb.
"Was ist mit dem Sensei und seinem Partner?", fragte Kaoru. "Stimmt.", meinte er plötzlich und begann zu lächeln, so als ob ihm die ans Kreuz genagelte Gestalt eine Antwort
gegeben hätte. "Wie es ausschaut haben die beiden ihre Sache gut gemacht. Die Menschen sind doch unverbesserliche Narren... und dennoch scheinen sie immer willens zu sein, ihre
Fehler wiedergutzumachen,- und erweisen sich als würdig, erlöst zu werden."
Doch Lilith sagte nichts und starrte statt dessen weiterhin regungslos das kleine, unscheinbare Männlein an, das vor ihr schwebte.
"Ich werde Shinji-kun vermissen.", meinte Kaoru ein wenig wehmütig. "Ja, du hast recht. Doch das Opfer, das zu bringen ich gezwungen bin, ist das Gleiche, wie beim letzten Mal."
Plötzlich wurde sein Körper von einer riesigen Hand umschlossen.
"KAORU!", schrie Shinji und packte noch etwas fester zu, damit der kleine Mann bloß nicht entkommen konnte.
Kaoru dagegen sah ihn mit einem Lächeln auf dem Gesicht an. "Shinji-kun. Es tut mir leid, dass wir uns dieses Mal nicht als Freunde gegenüberstehen... doch die Freude, die ich
beim letzten Mal empfunden habe, trage ich noch immer in meinem Herzen. Und ich bin sicher, dir geht es genau so."
Shinji fletschte die Zähne und knurrte gefährlich. "Warum? Warum hast du es getan? Warum hast du es wieder dazu kommen lassen? Warum musst du uns Menschen Schmerz und Leid
zufügen?"
"Shinji! Geht es dir gut? Was ist denn da los? Wir bekommen hier sehr merkwürdige Messwerte von deinem EVA..." Misatos Stimme verstummte als Shinji einfach die Verbindung zum
Kommandostand abschaltete.
Kaoru seufzte. Dann aber lächelte er Shinji an.
"Shinji-kun, dein Vater hat dir doch auch schon einmal eine zweite Chance gegeben, oder?"
Shinji warf dem Engel in Menschengestalt einen bösen Blick zu. "Ja, und weiter?"
"Doch er hat dir diese zweite Chance nur dann eingeräumt, wenn du sie dir auch verdient, und darum gebeten hast,- nicht wahr?", fuhr Kaoru fort zu erklären. "Siehst du, mein
Vater ist in diesen Dingen ganz genau so. Er lässt seine Kinder immer wieder von Neuem ihr Glück versuchen, sofern die Aussicht besteht, dass dadurch sein Plan eines Tages in
Erfüllung geht."
Eine lange, bedeutungsschwere Stille setzte ein.
"Aber...", hob Shinji an. "Aber warum verändert er nichts? Ich meine, ich habe diesen Kampf hier schon einmal gesehen... es ist wie 'Deja-Vu' für mich... Ich weiß jetzt
schon, wie das hier ausgehen wird..." Er keuchte auf, als ihm klar wurde, dass er nur noch einen Wimpernschlag davon entfernt war, den kleinen Jungen einfach so zu zerquetschen, und
sofort öffnete er die Hand seiner Kampfmaschine ein wenig, damit Kaoru wieder Luft bekam.
Kaoru holte tief Luft und stellte sich auf die Handfläche des Evangelion, umgeben von riesigen Fingern, die jederzeit zufassen, und ihn zerdrücken konnten. "Es ist der gleiche
Grund, Shinji, aus dem ihr Lilim euch gegenseitig bekämpft und verletzt.", erklärte er und grinste über das ganze Gesicht. "Du müsstest doch inzwischen wissen, dass du
ohne den Schmerz zu kennen, niemals Freude und Glückseligkeit empfinden kannst."
"Aber... all die Toten und Verwundeten... Das Leid... Warum muss sich das alles wiederholen?" Shinji ließ seinen Kopf hängen. "Willst du etwa sagen, dass ich dich noch
zig-tausend Mal töten muss? Bis in alle Ewigkeit? Sag mir, wie kann ich es beenden? Muss ich dich lieben, oder hassen? Oder bin ich dazu verdammt, all das hier wieder und wieder
durchzumachen?"
Kaoru zuckte mit den Schultern. "Das liegt ganz an dir. Aber Genaues wird erst die Zukunft zeigen. Zumindest aber hat dein Sensei seinen Job sehr gut gemacht. Durch seine Taten hat er
großes Leid verhindert. Er hat viele Leben gerettet. Leute, die normalerweise tot sein sollten, bekamen durch ihn eine zweite Chance." Der grauhaarige Junge hielt inne, und schaute
mit einem Lächeln auf den Lippen hinauf zur Decke der Halle.
Verborgen in der Dunkelheit, stand Rei auf einer kleinen Aussichtsplattform hoch oben unter der Hallendecke und blickte auf den Engel herab. Sie entspannte sich, als sich ihrer beider
Blicke trafen. Kaoru würde Ikari nichts antun... Nicht jetzt...
"Und der Sensei hat dir auch all das beigebracht, was du wissen musst, um dieses Mal überleben zu können.", fuhr Kaoru fort. "Wie gern würde ich ihn noch einmal treffen.
Er war ein großartiger Mann." Er wandte sich Shinji zu und lächelte. "Ich bin sicher, dass du dich freuen wirst, wenn ihr euch wiederseht."
Eine lange... sehr lange Stille setzte ein.
"Ich will dich aber nicht töten.", flüsterte Shinji schließlich und öffnete die Hand seines EVA noch ein wenig mehr. "Nicht, weil ich mich daran erinnere, wie sehr
es mich beim letzten Mal mitgenommen hat, sondern weil ich es einfach nur leid bin."
Kaoru seufzte, doch er sah immer noch glücklich und zufrieden aus. "Shinji-kun, das ist der Teil der Geschichte, der sich niemals verändern kann." Er hielt einen Moment lang
inne, um die richtigen Worte zu finden. "Egal was auch passiert,- ich bin gezwungen dich umzubringen. Es sei denn, du hältst mich auf. Mein einziger Daseinszweck ist es, dich auf die
Probe zu stellen. Die Menschheit auf die Probe zu stellen. Dennoch lege ich hier und jetzt mein Leben in deine Hand. Ich werde nicht gegen dich kämpfen. Doch nicht, weil ich de
Kämpfens überdrüssig bin, sondern weil du dir dieses Mal,- ebenso wie beim letzten Mal,- meinen tief empfundenen Respekt verdient hast, und ich dich liebe."
Shinji runzelte verärgert die Stirn und wandte sich ab. "Dein Vater ist meinem viel zu ähnlich."
"Und dennoch lieben wir beide unsere Väter, nicht wahr?", erwiderte Kaoru. "Und darum fällt es uns auch nicht leicht ungehorsam zu sein. Weißt du Shinji,..." Er
schmunzelte. "Ich wünschte, ich könnte dich sehen, wenn du selbst einmal Vater bist."
Shinji blinzelte und wurde ein wenig rot.
"Nein wirklich! Du wirst ein wundervoller Vater sein. Ich sollte mich geehrt fühlen, dass... na ja... lassen wir das. Die Zukunft ist ja nicht in Stein gemeißelt.",
schmunzelte Kaoru während er sich in sein Schicksal fügte, und wieder in der Hand von Einheit-01 Platz nahm.
"Kaoru-kun...", warf Shinji ein und schüttelte den Kopf. "Du könntest doch bleiben! Du könntest uns helfen!"
"Ich kann nicht.", erwiderte Kaoru. "Du selbst wolltest doch wissen, ob das, was man dich gelehrt hat, richtig ist... Ob du die Prüfung bestehen wirst, oder nicht... Und das hier,
Shinji, das ist die Prüfung... Zugeben, es ist nur Eine von den Vielen, die noch folgen werden, doch nichtsdestotrotz ist es eine sehr wichtige Prüfung..."
Shinji seufzte und schloss seine Augen. "Ich weiß."
Kaoru sah wie sich die Finger des violett-grünen Evangelion bewegten. "Ich bin froh, dich kennengelernt zu haben, Shinji Ikari... Mehr denn je..."
Langsam verließ Rei die Aussichtsplattform unter der Hallendecke. Sie wusste, sie würde nicht eingreifen müssen.
Nachdem Toji endlich die Batteriepacks von Einheit-02 herausgerissen hatte, beobachtete er die Geschehnisse vom Eingang der großen Halle her. Zuerst hatte er befürchtet, da
Shinji den Engel gehen lassen würde, denn die Hand seines EVA war offen, und er hielt sie so als ob er etwas Wertvolles und Zerbrechliches tragen würde...
Doch er kannte Shinji zu gut, um wirklich zu glauben, dass der junge Ikari sie alle enttäuschen, im Stich lassen, oder gar verraten würde...
Als er über die interne Com-Verbindung Shinjis Seufzen hörte, schloss er seine Augen...
Eine bedrückende Stille setzte ein, die mit einem Mal von einem kurzen, schlichten, schmatzenden Geräusch zerrissen wurde.
Die Hand von EVA-01 öffnete sich von Neuem und entließ den leblosen Körper von Kaoru Nagisa, der daraufhin in den darunter liegenden See von LCL stürzte.
* * *
Als Toji die Augen öffnete hielt Einheit-01 bereits eine andere Last in seiner Hand. Es war Shinji selbst, der nun aus der Nähe, und mit eigenen Augen sozusagen, den
Körper des letzten Engels betrachtete, der gerade einmal einen Steinwurf entfernt im LCL trieb.
"Und was jetzt, Ikari?", fragte Toji, der inzwischen seine Zugangskapsel ausgeworfen hatte, und nunmehr oben auf seiner Einheit-03 stand. "Bist du okay?"
"Ich bin okay.", erwiderte Shinji und warf seinem Kumpel ein zuversichtliches Lächeln zu. "Aber ich weiß nicht, was als Nächstes auf uns zukommt."
Toji lachte und schüttelte den Kopf. "Nein, so meinte ich das auch nicht. Ich wollte wissen, was wir heute Abend machen sollen?"
Der junge Ikari blickte wieder auf den leblosen Körper von Kaoru. Auch wenn er die Hand seines EVA nur kurz zur Faust geballt hatte, so hatte es doch gereicht den Körper de
anderen Jungen bis zur Unkenntlichkeit zu verstümmeln. Es war ein Anblick, den Shinji nicht mehr länger ertragen konnte, und so wandte er sich ab. "Misato wird sicher sauer
sein, weil wir die Com-Verbindung zum Kontrollraum getrennt haben..."
"Ach, wen juckt das schon!", erwiderte Toji. "Was will sie denn tun? Uns feuern?" Er lachte.
Shinji sah hinauf zu seinem Kumpel. "Wir haben gewonnen... oder nicht?"
Toji nickte. "Mehr oder weniger."
Shinji lächelte. "Dann ist es an der Zeit Asuka wieder mit nach Hause zu nehmen."
Toji nickte, aber seufzte schließlich. "Nur bezweifle ich, dass sie sie so einfach gehen lassen werden."
"Das interessiert mich wenig.", erwiderte Shinji.
Toji musste nach Luft schnappen als er sah, wie sich EVA Einheit-01 von allein reaktivierte. Ohne Befehl und völlig selbständig hob der violett-grüne Gigant seine Hand und
legte sie vorsichtig auf seine Schulter, damit sein Pilot von dort aus die Einstiegsluke im Nackenbereich erreichen konnte. "Was zum Teufel..."
* * *
Gendo seufzte, als er den Schaden in Augenschein nahm. "Kinder..."
Das NERV-Krankenhaus hatte ein hübsches, rundes, riesengroßes Loch in der Seite,- und zwar genau an der Stelle, wo die Faust von Einheit-01 durch die meterdicke
Außenwand gebrochen war. Die fünf Ärzte und Schwestern, die zu dieser Zeit gerade auf Station 3 Dienst hatten, saßen immer noch zitternd auf eilig herbei
geschleppten Stühlen, und murmelten irgendwas von 'Jungs, die mit Wänden aus orangefarbenem Licht umher werfen', oder sowas in der Art...
"Ich sollte ihm Hausarrest geben.", murmelte Gendo vor sich hin, und Fuyutsuki konnte sich ein kleines Lächeln nicht mehr länger verkneifen.
Draußen in der Geofront standen derweil die von ihren Piloten zurückgelassenen EVA Einheiten -01 und -03. Bewegungslos wie Statuen betrachteten sie mit düsteren,
irgendwie scheltenden Blicken das Schauspiel zu ihren Füßen.
Gendo konnte nicht anders als Einheit-01 ein fieses Grinsen zuzuwerfen. "Das hat er von dir geerbt, Yui!"
Einheit-01 bewegte sich zwar nicht, aber schien auf eine merkwürdige Art zu grinsen.
"Und was jetzt?", unterbrach Fuyutsuki, der mittlerweile ein ausgewachsenes Lachen zu unterdrücken suchte.
Gendo schüttelte den Kopf und wandte sich seinem Vize zu. "Es ist noch nicht vorbei. SEELE wird sicher nicht tatenlos zusehen. Wir sollten uns darauf vorbereiten in den
nächsten 48 Stunden angegriffen zu werden."
"Da bleibt uns aber nicht viel Zeit zur Vorbereitung.", entgegnete Fuyutsuki mit einem Kopfschütteln. "Einheit-02 muss repariert werden. Ebenso das 'Central Dogma'."
"Wir müssen es schaffen... rechtzeitig...", erwiderte Gendo, während er bereits den Ort des Geschehens verließ. "Wir haben keine andere Wahl."
"Was ist mit deinem Sohn?", fragte Fuyutsuki schließlich. Ihm schwante Böses, dennoch musste er einfach fragen.
Gendo hielt es nicht einmal für nötig, sich zu seinem alten Freund umzudrehen als er antwortete.
"Der Pilot von Einheit-01 hat heute gute Arbeit geleistet. Ich nehme an, dass ein freier Tag die Standard-Belohnung für gute Arbeit ist, oder? Wie auch immer, danach werde ich ihn
unter Hausarrest stellen."
Der Vizekommandant grinste verschlagen als er sich noch einmal Einheit-01 zuwandte, bevor er schließlich dem Kommandanten folgte.
"Shinji-kun...", fragte eine müde und verschlafen wirkende Stimme während sie die menschenleere Straße entlang liefen.
Der junge Ikari wandte sich Asuka zu und lächelte. "Ja, Asuka-chan?"
"Wie komme ich hier her?", fragte sie und blinzelte verwundert, als sie sich umsah. "Wieso bin ich nicht mehr im Krankenhaus?" Die Sonne war schon beinah untergegangen, und sie waren nur
noch wenige Querstraßen von dem Wohnblock entfernt, in dem Misatos Appartement lag.
Toji, der Shinji dabei half Asuka zu stützen, schüttelte den Kopf. "Baka-Shinji hat deinen Hintern vor den bösen Ärzten gerettet."
Shinji wurde rot wie eine Tomate. "Na ja, so ungefähr..."
Asuka schenkte ihrem Freund ein bezauberndes Lächeln und blieb stehen, um ihn ganz fest in die Arme zu nehmen. "Vielen, vielen Dank, mein Baka-Shinji-kun."
Aus Höflichkeit entschied sich Toji wegzusehen, und so zu tun, als ob die Zikaden und der Sonnenuntergang ein ungemein fesselndes Naturereignis wären. "Ehrlich gesagt, hat er
sogar mit ein paar A.T.-Feldern um sich geworfen. Mann Ikari! Ich hätte mir vor Angst bald in die Hose gemacht. Wo zum Teufel hast du das nur gelernt?"
"Ich weiß nicht...", gab Shinji zu, während sie langsam ihren Weg fortsetzten. "Ich denke, dass es Teil der Prüfung war, oder so... Vielleicht ist es aber auch nur eine
Nebenwirkung der Begegnung mit Kaoru... dem Engel... Ich weiß es wirklich nicht."
Sie gingen wieder etliche Meter bis Asuka schließlich das Wort ergriff.
"So so, ein Test?", fragte sie und rang sich ein müdes Lächeln ab. "Und hast du bestanden?"
Shinji tat einen langen, tiefen Atemzug und nickte. "Ich denke schon."
Asuka grinste halb fröhlich, halb spöttisch. "Was? Du DENKST, du hast bestanden? So redet doch nicht der große Shinji-sama."
Toji lachte und nickte zustimmend. "Verdammt richtig. Also Shinji, hast du nun bestanden oder nicht?"
Shinji seufzte und wandte sich seinen beiden Freunden zu. "Wir werden sehen."
* * *
Die Kulissen stehen, die Bühne ist bereit, und das Orchester wartet auf seinen Einsatz...
Ich habe keine Ahnung an welchem Punkt in meinem Leben ich gerade angelangt bin...
Ich weiß nicht, ob ich alle enttäuschen, und wieder versagen werde...
Ich bin mir ja noch nicht einmal sicher, ob ich mich selbst nun lieben, oder hassen soll...
Dennoch ist alles, was ich jetzt noch tun kann,
nach vorn in die Zukunft sehen...
Und nun macht euch gefasst auf
'End of Evangelion: Höhere Schule'
Ende der Lektionen und der Lehrer-Ausgabe Teil 5
Anmerkung von Author:
Das war sie also; Lehrer-Ausgabe Teil 5 und gleichzeitig der Prolog zum Abschluss von 'Höhere Schule'. ^_^ Ich hoffe, dass sich das Warten gelohnt hat.
Dennoch einige Anmerkungen... Wie ihr selbst gelesen habt, gibt es immer noch so einige Handlungsstränge, die noch nicht zum Abschluss gekommen sind, und etliche Geheimnisse, die
noch ungeklärt sind. Dennoch ist dies hier das 'Ende',- das Ende der Serie und der Lektionen wohlgemerkt. Letztendlich sollte nun auch dem letzten von euch klar geworden sein, da
Kaoru-Sensei nicht Kaoru-Engel-Junge ist. <kichert> Tja dumm gelaufen, sie sind nicht ein und die selbe Person.
Außerdem sollte nach dieser Lektion wohl endgültig klar sein, dass sich das NGE-Szenario sozusagen wiederholt hat, und unsere Akteure alles im Großen und Ganzen zum
zweiten Mal durchleben,- nur halt in etwas abgewandelter Form. Ich hoffe dass ihr jetzt nicht zu sehr enttäuscht seid, und verspreche, dass es kein schnulziges Ende geben wird...
na ja zumindest nicht mehr als bei mir üblich...
Und damit möchte ich mich bei euch einmal mehr für eure Geduld, eure Unterstützung und das Lesen bedanken. Ich bete, dass ihr euch bester Gesundheit erfreut,
glücklich und zufrieden seid, und euch trotz allem immer noch eine rege Phantasie bewahrt habt.
Passt gut auf euch auf!
-Christopher
E-mail: strikef@bigfoot.com
Homepage: http://www.studioshinnyo.com
Mirror 1: http://www.geocities.com/Tokyo/9110
Strike Fiss, Ninja Crowbotics 2001. Khattam-Shud, EOF.
Übersetzt von Melissa Schneider 2001-2002
An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an meine
treuen Testleser und Mitübersetzer
Christian Winkler und Markus Ehreke...
Stefan Tumczak hat zwar auch mitgeholfen, möchte aber
aus bestimmten Gründen, die wir selbstverständlich
respektieren, an dieser Stelle ungenannt bleiben...