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Fear of the Dark

Geschrieben von René Köhler

Vorwort:

Dobry Dien,
im folgenden meine 2. FF. Ist mal was ganz anderes ... mancher mag es als billiges Klischee bezeichnen (wobei ich da teilweise sogar zustimmen muß), aber man kann's ja nicht jedem recht machen. Für eine Demonstration, welches Potential NGE auch in dieser Hinsicht bietet, ist es allemal gut geeignet.
Ich habe immerhin viel Zeit hinein investiert, also muß ich doch schon ein wenig davon überzeugt sein! Diejenigen unter euch, welchen "Bleeding Heart" gefallen hat, werden hier ein bißchen enttäuscht sein (is' umgekehrt genauso). Aber entscheidet selber.
Ach so, es gibt keinen direkten Bezug zur Serienhandlung, also wundert euch nicht ...


[ "bla" = Sprache; <bla> = Gedanken ]

Ein dumpfer Schlag.
Erwachen.
Grelles Licht.
Menschen.
Weiß.


Aufregung herrschte in Sektor 3 des Terminal Dogma. Verschiedene Wissenschaftler in weißen Kitteln rannten hektisch umher und schrieen unverständliche Befehle.
"ZU MACHEN !!!"
"Automatik ausgefallen!"
"MANUELL !!!"
"Ich brauch' hier Hilfe!"
"Alle Mann hierher! Es darf auf keinen Fall beschädigt werden!!!"


"Zelle 05 hat oberste Priorität." dröhnte die Stimme des Kommandanten aus den Lautsprechern.
Mühsam wuchteten die Helfer verschiedenste Hebel, Riegel und Sicherheitsbarrieren um, während das weißgekleidete Personal eifrig hinter Bildschirmen kauernd diverse Paßwörter auf die Tastaturen einhämmerte.
"Genese bei 79% angelangt ... 79,2 ... 79,4 ..."
"LCL-Dichte um 2000 Einheiten erhöhen!" rief eine Frau mit schulterlangen, blonden Haaren.
"Hai!"

...

"Reaktion?!"
"79,8 ... Genese gestoppt! ... Nein, halt, der Graph zeigt Minimalwachstum!"
"Status in 6 Stunden?"
"103%, Erntepunkt überschritten!"
"Das können wir schaffen!"


Erneut begann es zu donnern. Bruchstücke der Deckenpanzerung fielen herab und landeten krachend in Sektor 1. Das Geräusch zerberstenden Glases hallte bis in die 3. Ebene, gefolgt von einem wuchtigen Knall, dessen Echo sich an den hohen Genese-Zylindern brach, um nun in ein beständig leiserwerdendes Glucksen auszulaufen.
Das Licht begann zu flackern, gefolgt von weiteren dröhnenden Stößen.
"Schotten 300 bis 317 defekt!"
"Ich brauche noch 4 Minuten!" schrie Dr. Akagi, doch anhand des Lärms konnte sie der orangeuniformierte Mann ohnehin nicht verstehen.
"Sofortige Totalevakuierung der Sektoren 1 bis 8!" schrie er mit zugehaltenen Ohren.
"NEIN !!!" - sie klammerte sich mit einer Hand an einen Stahlträger, um nicht umzustürzen; während die andere derartig schnell weitere Befehle auf die Tastatur schlug, daß die Bewegungen nicht mehr als einzelne zu erkennen waren.
Doch Ritsukos Gegenwehr nutzte nichts, sie wurde grob von zwei weiteren Helfern an den Armen gepackt und in den Aufzug geschleift.
Mit einem Surren der letzten noch funktionstüchtigen Sevo's schlossen sich die Panzertüren. Das Notlicht blinkte noch einmal, danach sprühten kurz Funken und es herrschte nun Finsternis.

* * *


Schwärze.
Stille.
Leere.


Etwas bewegte sich in Genese-Zelle 05. Der Klon-Behälter wurde durch die Erschütterungen des Engelangriffs, der etliche Etagen oberhalb stattgefunden haben mußte, nicht vollständig zerstört. Einer der schweren Eisenträger war von der Decke derart günstig herabgefallen, daß er den Glaszylinder wie eine schützende Hand überdeckte, ohne ihn zu zertrümmern.
Dennoch erstreckte sich ein meterlanger Riß vom oberen Rand des Gefäßes bis in dessen Mitte. Nachdem es sich ein zweites mal, wenn auch für menschliche Augen nicht sichtbar, bewegte, begann sich der Riß plötzlich zu verlängern; fächerte auf; Sekundenbruchteile später zerbarst auch diese letzte Genese-Zelle. Viskose LCL ergoß sich über das Bodengitter und vereinigte sich dort mit dem der anderen Behälter.
Ein in unregelmäßigen Abständen aufleuchtendes Funkensprühen der defekten Notbeleuchtung ließ die Schlieren, die das zähe LCL mit dem Flüssigen bildete, erkennen.
In die Rinnsale tropfte noch etwas anderes:
Blut. Dickes, dunkles, venöses Blut. Menschliches Blut.
Die Quelle dafür war ein auf dem Boden der Zelle verbliebener, düsterer Haufen; bei der Dunkelheit nur schemenhaft zu erkennen, geschweige denn zu identifizieren.

Schwere.
Erschöpfung.
Geburt.


* * *


"Ritsuko-san, kannst du mir jetzt vielleicht verraten, was heute mit euch da unten passiert ist?"
Misato sprach unüblich langsam und ernst. Der unerbittlich fordernde Unterton in ihrer Stimme war nicht zu überhören.
Nachdem EVA-01 und EVA-02 den Engel trotz mittelschwerer Schäden innerhalb der Geofront besiegt hatten, wurde Ritsuko zum "Abendessen" bei Misato und den Children eingeladen.
"Du hast gekocht, oder?"
"Verdammt, Ritsuko, lenk nicht ab!"
Misatos sonst so freundliches Gemüt war diesmal eine voll von Wut gespannte Feder; es brauche nur noch eines weiteren kleinen Anlasses wie diesen, und sie würde sich entladen.
"Gut, nachher."
Ritsuko wußte wohl über Misatos Anspannung, blieb aber kalt wie immer.
"WAS DENN ??? ICH will es auch wissen!!!" platzte Asuka rein.
Als Shinji ebenfalls dazu ansetzte, etwas sagen zu wollen, brachte ihn Misato mit einem nur für ihn erkennbaren Gesichtsausdruck zum Schweigen. Er lächelte, ebenfall flüchtig und nur für Misato kenntlich, als Zeichen dafür, daß er verstanden habe.
"Nichts wichtiges, Asuka."


Nach dem Essen verschwanden Asuka und Shinji in ihren Zimmern, um die Hausaufgaben nachzuarbeiten.
Shinji's Tür öffnete sich einen kleinen Spalt; er verstand das Zeichen und kam in die Küche, wo Ritsuko und Misato auf ihn warteten.
"Sei leise, wir wollen sie nicht stören." flüsterte Misato mit einer Geste auf Asukas Zimmertür.
"Hai. Also ... was ist ... passiert?"
"Der Engel heute ist ganz schön tief eingedrungen. Die Panzerplatten im Terminal Dogma haben sich gelöst und ... einige Zellen zerstört." begann Ritsuko leise.
"Scheiße." fluchte Misato. "Ist jemandem was passiert?"
"Nein ... nicht ... direkt. Wir wurden alle rechtzeitig evakuiert."
"Was soll das heißen, 'nicht direkt' ?!"
"Scht ... leiser, Misato-san." unterbrach Shinji.
"Ich hatte gerade ein Experiment laufen ..."
"Was? Ich denke, du hast alle Klone zerstört?!" Misato wurde wieder lauter.
"Alle Rei-Klone." berichtigte Ritsuko. "Wir ... entwickeln aber immer noch EVA's."
"???"
"Im neusten Projekt ... Kommandant Ikari hat befohlen, die EVA-Synthese wieder aufzunehmen."
<Otousan.>
"Wir haben nicht genug Children, und die Dummykapseln sind ohne Rei-Klone sinnlos."
"Deshalb ... sind die neuen EVA's nicht viel größer als Menschen und vollkommen selbständig existierende Lebensformen. Wir steuern sie durch Manipulation der Gehirnströme. Nach der "Geburt" müssen wir ihnen dazu eine Sonde implantieren ... das ist alles höchste Geheimhaltungsstufe!
Wenn das jemand erfährt ..."
"Schon gut. Es wird niemand erfahren. Shinji?"
"Hai."

* * *


Kraft.
Stärke.


Nach schier endlos erscheinender Zeit der Ruhe begann es sich erneut zu räkeln. Aus dem unscheinbaren schwarzen Haufen wuchs ein Körper hervor.
Die Kurzschlußfunken warfen spärliche, flackernde Schatten auf die unzählige Dornenauswüchse. Nur in der Bewegung konnte man Beine, Arme und Rumpf unterscheiden, da diese alle gleichsam von Adern, Sehnen, Fasern und eben Stacheln bedeckt waren - aus diesen bestehen zu schienen. Schließlich stand es vollends auf. Jetzt war auch etwas wie ein Kopf (?) sichtbar.
Mit einem scharfen Geräusch hob sich der Brustschild.

Der erste Atemzug.

Darauf blitzen zwei schmale, blauweiße Lichtspalten auf.
<Flimmerndes Dämmerlicht.>
Seine Bewegungen strahlten eine unheimliche, spürbare Kraft aus. Es senkte sich kurz, spannte sich unmerklich und war plötzlich verschwunden. Sekundenbruchteile später war ein lautes Klirren zu vernehmen.
Jetzt herrschte wirkliche Finsternis.

* * *


Sie saß wie immer alleine am Fenster und starrte, die Augen auf einen imaginären Punkt gerichtet, hinaus. Es regnete dünne Fäden, die trotz der Zierlichkeit sofort die Jacken einiger über den Hof eilender Schüler bis auf die Haut durchdrangen.
<Das Klima regeneriert sich.>
Trotz der hellen Deckenbeleuchtung wirkte für sie alles dämmerig; eine Dunkelheit, die ohne erkennbare Quelle ihre Gedanken einhüllte. Alles wirkte kalt, leer und trostlos. Doch sie fühlte sich auf eine seltsame Art und Weise wohl darin.
"Ayanami ... ähm ... ich soll von Misato-san ausrichten, das morgen Synchron-Test ist. 13 Uhr 45."
"Hai. Ich weiß schon." bemerkte sie beiläufig.
Shinji hatte sich unbemerkt von den anderen, die sich um Kensuke's Computer drängelten, entfernt und versuchte nun, aus Rei's Augen den Punkt zu ermitteln, auf den sie starrte.
So stand er ebenfalls am Fenster und betrachtete die Rinnsale an den Scheiben.
Plötzlich wurde er auch von der Welle der Dunkelheit erfaßt; das Licht um ihn herum ließ nach und er fühlte sich ebenfalls auf einmal wohl und geborgen.
<Wo bin ich?>
Diesmal war es nicht sein Unterbewußtsein, sondern eine tiefe, fremde Stimme.
Rei zuckte zusammen. Sie schien es ebenfalls wahrgenommen zu haben. Shinji schüttelte verwirrt den Kopf und blickte auf sie herab. Erst jetzt bemerkte er, das sie ihm in die Augen sah. Sie sprachen keine Worte, allein ihre Körperhaltungen, für die anderen unerkennbar, zeigte, daß sie diese Stimme zugleich vernommen hatten.
Als eine gewisse Zeit vergangen war, bemerkten nun beide, daß sie sich immer noch anstarrten; umringt von der gesamten lästernden Klasse. Erschrocken begann Shinji zu stammeln, worauf das Grinsen auf Toji's Gesicht noch breiter wurde. Rei dagegen wandte sich ab und blickte erneut in den Regen hinaus.


"Sei froh, daß Asuka heute nicht da ist!" griente Kensuke.
Hikari's Miene verfinsterte sich:
"Shinji , du BAKA HENTAI !"
"Wwwwiso ... was hab' ich denn gemacht!?"


Nachdem der Lehrer die Pause beendet und damit das Geschwätz ein wenig eingedämmt hatte, begann er nun erneut von den Strapazen nach dem Second Impact zu faseln. Shinji hingegen war wieder in Gedanken versunken und lauschte in sich hinein.
<Nichts.>
Das Gefühl der Geborgenheit war verschwunden; die flimmernden Leuchtstoffröhren blendeten wieder.
<Was war das vorhin?>
<Wer war das?> die vertraute Stimme seines Unterbewußtseins beruhigte ihn.
Nein, nicht sie schien ihn zu entspannen, sondern das finstere Netz. Wieder fühlte er sich wohlig warm; lauschte hinein. Diesmal wartete er vergeblich auf die tiefe Stimme.
Als er sich gefangen hatte, blickte er zu Rei hinüber.
Diese zeigte plötzlich einen erschrockenen wie auch verängstigten Gesichtsausdruck; die Augen weit geöffnet. Sekunden später brach sie bewußtlos auf der Schulbank zusammen.
"Ayanami!!!"

* * *


Es bewegte sich behende an den Wänden empor, kletterte mit dem sicheren Halt seiner rasiermesserscharfen Klauen an der Decke herum und schien trotz der absoluten Finsternis alle wahrzunehmen. Seine Gedankenwelt bestand zunächst aus nicht mehr als der Erfassung der Sinneseindrücke; wie ein niederes Tier. Plötzlich verspürte es ein Stechen an den Schläfen:
<Wo bin ich?>

Gedanken.

Es hielt inne. Die schmalen Augenschlitze weiteten sich; schließlich verlor es den Halt und stürzte etliche Meter tief auf den Boden herab. Im Fall drehte es sich mit den Reflexen einer Katze herum und landete federnd leichtfüßig neben den Scherben der Genese-Zellen. Trotzdem trieb ihm der Aufprall einen kleinen scharfkantigen Splitter in die Hand.

Schmerz.

Unwahrscheinlich vorsichtig zog es diesen nach einer ausgiebigen Betrachtung mit den Zähnen heraus. Ein leichter Druck breitete sich von der Wunde bis in den Arm aus. Das Gefühl wurde zu einem stärkeren Kribbeln; und die kleine Öffnung begann sich zu verschließen!
<Was bin ich?>
Nach 2 Minuten war das Kribbeln vorbei; keine Wunde mehr zu erkennen. Doch damit waren nicht die Schmerzen hinter der Stirn verschwunden. Plötzlich begann es, am linken Oberarm erneut zu bluten. Es drehte den Kopf herum und erkannte einen winzigen Einstich, der sich sofort wieder zu schließen begann.
"Rrrrrrrrhhhhh."

Erschrecken.

<Wer bin ich?>

* * *


"Ayanami!"
"Ruhig, sie schläft noch."
"Wie geht es ihr?" fragte Misato. Sie hatte Shinji nach der Schule abgeholt und mit auf die NERV-Krankenstation gebracht.
"Wieder ganz gut." meinte Ritsuko nach einem Blick auf die Anzeigen der Instrumente. "Wir mußten ihr eine Beruhigungsspritze verpassen. Sie zeigte extremes REM [Rapid-Eye-Moving]. Shinji, du warst doch dabei, als es passierte. Ist dir vorher irgendwas Besonderes aufgefallen?"
"Uhm ... hai ... ääh ... nein. Sie saß ganz normal da, und ... dann ist sie ganz plötzlich zusammengebrochen."


<Wo bin ich?>
"Wo bin ich? Was ist passiert?" - Rei erwache schließlich und betrachtete verwirrt die Gesichter.
"Du hattest einen Kollaps in der Schule. Wir haben dich auf die NERV-Krankenstation gebracht." Ritsukos Stimme wurde, wie immer, wenn sie über Rei sprach, von einer eisigen Kälte beherrscht.
Shinjis Blick kreuzte den Misatos. Sie wußten beide genau, was der jeweils andere gerade über diese Feststellung dachte.
Dann blickte ihm Rei in die Augen. Misato versuchte, die verschlüsselte und für Außenstehende unsichtbare Mimiksprache zu entziffern; aber es war eine andere als sie mit ihm verwendete.
Shinjis Mund verengte sich zu einem schmalen Spalt, während er den Blick senkte und leicht nickte. Aber alle Bewegungen waren so minimal, daß nur derjenige sie verstand, für den sie bestimmt waren.
Rei verstand; erwiderte also nichts.

* * *


Unruhe.
Neugier.


Er hatte Stunden dagesessen. Er hatte gedacht.
Nun wurde es Zeit, einen Ausweg aus dieser Festung zu finden. Mit einem Satz befand er sich schon fünf Meter hoch und festgekrallt an der Wand. Mit traumwandlerischer Sicherheit fand er gezielt das Gitter der Lüftungsanlage an der Decke, aus dem ein leichter Zug wehte. Es war seltsam.
Seine scheinbar gefühllose, stachel- und plattenbewehrte Körperoberfläche konnte jede noch so feine Brise empfinden.
Für einen kurzen Moment roch er den unendlich verdünnten Duft eines Frauenparfüms; bevor er das Gitter mit einem Hieb zerbrach und in den Schacht schlüpfte. Die Bewegung wirkte trotz seiner waffenstarrenden Statur elegant, kraftvoll und wohl dosiert.


Er war schon eine ganze Weile durch verschiedenste Röhren, Gänge und Tunnel gekrochen; hatte diverse Abzweigungen probiert und gestoppte Rotoren passiert. Immer wieder gab e neue Kreuzungen, verschlossene Barrieren, und überall herrschte die gleiche beruhigende Finsternis.
Er war, wie überall, noch nie hier gewesen, folgte jedoch zielstrebig einem imaginären Pfad. Dieser leitete ihn zielsicher an ein Gitter, durch das gleißende Lichtstrahlen stachen. Er setzte schon zu einem weiteren Hieb an, als er Stimmen vernahm.
Leise robbte er direkt hinter den Ausgang und kauerte sich zusammen. Durch die Schlitze war im grellen Gegenlicht nichts zu erkennen.

Menschen.
Weiß.



"So, wir geh'n dann schon mal." wollte Ritsuko aufbrechen.
"Es gibt noch viel wiederaufzuräumen. Shinji, wir sehen uns erst heute Abend wieder. Bis dann ... du bist heute mit Kochen dran!"
Misato und Ritsuko verschwanden, ehe er etwas hätte erwidern können.
<Die haben's aber ganz schön eilig.>
"Du hast es auch gespürt, nicht wahr?"
Rei's Frage kam so direkt, daß Shinji gute 10 Sekunden brauchte, um sich zu sammeln.
"Hai. War das der Grund, warum du ..."
"Es fühlte sich warm an." unterbrach sie.
"Hai ... 'Wo bin ich'"
Shinji wiederholte die Frage aus seinem Gewissen betont und mit tiefer Stimme.
"Was bin ich?"
Er erschrak und wurde sichtlich blasser.
"Wer bin ich?"
Shinji wußte nicht, was es war; der erneut auf die Fensterscheiben perlende Regen oder ihre Worte, aber etwas in ihm schien sich erneut zu regen.
"Aber es war dunkel." bemerkte er nach einer Pause.
"Es ist dunkel."
Rei hatte recht. Das schleichende Gefühl breitete sich diesmal derart langsam aus, daß er die zunehmende Dunkelheit, die auf seinem Gemüt lastete, erst jetzt bemerkte.
<Wer seit ihr?>
Shinji hatte an diesem Tag schon zuviel durchgemacht, um jetzt noch überrascht zu wirken. Rei's Pupillen schrumpften zu winzigen Punkten, als sie ihm in die dunkelblauen Augen sah.
"Was ist das?" versuchte er die Situation zu überbrücken.
"Es ist hier."
Anstatt einer direkten Antwort sagte sie nur das, was sie wirklich wußte. Sie spürte es stärker als er und wartete nun darauf, daß die Stimme fortfuhr. Doch es folgte nichts weiter. Warum auch? Was auch immer es war, es wartete auf eine Antwort. Aber wie nur sollte sie antworten? Shinji war ebenso ratlos.
<Was soll das? Wir sind ... Menschen, und?>
In dem Moment öffnete sich die Tür.

Licht.

Der Kommandant trat herein.
"Wie geht es dir, Re ..." er hielt inne. Der überraschte Shinji hatte nicht gemerkt, das sie während des Trancezustandes unbewußt näher zusammengerückt waren.
"Otousan."
"Dr. Akagi hat gesagt, daß du noch zwei Tage im Bett bleiben sollst, bis sie herausgefunden haben, was mit dir passiert ist."
Gendo schien der Anwesenheit seines Sohnes keine Aufmerksamkeit zu widmen.
"Hai." brachte Rei mit gesenktem Kopf heraus.
Die Tür schloß sich wieder, doch diesmal blieb es hell.

* * *


Er hatte die ganze Zeit hinter dem Gitter gekauert und jedes der Geräusche wahrgenommen; doch sie ergaben keinen Sinn.
<Sie sind Menschen.>
Zumindest das wußte er jetzt.
Als nur noch einer der Menschen in dem Raum verblieben war und keine weiteren Informationen preisgab, kam ein neues Gefühl über ihn, das sich dennoch seltsam vertraut und wohltuend bemerkbar machte. Er wurde müde. Ohne auch nur das kleinste Geräusch zu verursachen, bewegte er sich wieder einige Meter tiefer in den Schacht zurück und kugelte sich noch enger zusammen. Eine angenehm dämmerige Wärme umschloß den gesamten Körper; er fühlte sich erstmals wieder so geborgen wie in der Genese-Zelle. Schließlich schlief er ein.

Ruhe.

* * *


Mittlerweile war es Nacht. Diesmal herrschte echte, natürliche Dunkelheit. Rei war ohne äußerlich sichtbaren Grund aufgewacht. Sie wollte aufstehen; wurde jedoch durch das darauf hereinbrechende Schwindelgefühl dazu gezwungen, zunächst sitzen zu bleiben.
Nachdem die Benommenheit etwas verflogen war, stand sie auf und zog sich vorsichtig die über dem Bettende hängenden Kleider an. Nach einem letzten verächtlichen Blick auf das Lüftungsgitter in der Wand hinter dem Bett verließ sie leise und unbemerkt das Zimmer.


Es dauerte eine gute Stunde, bis sie das EVA Control-Terminal erreichte. Da sie bemüht war, nicht die Aufmerksamkeit der zahlreichen Wachen zu erregen, waren einige kleinere Umwege vonnöten. Ihr Gang vereinte auf eine unverwechselbare Weise Kälte mit Eleganz, sowie absolute Lautlosigkeit. Selbst die Schritte auf dem dünnen Blechboden in der Halle von
EVA-00 gaben nicht das kleinste Geräusch preis. Als sie direkt vor dem Evangelion angelangt war, setzte sie sich, zog die Beine an den Körper und ließ den Kopf zwischen die Knie sinken.
<Konban wa.>

* * *


Er wachte auf, als sein feines Gehör ein Klicken vernahm. Leise kroch er wieder an das Gitter; konnte jedoch niemanden erkennen. Diesmal brachte die Dunkelheit keine Wärme; er fror vielmehr.

Allein.

Nachdem er sich wiederholt vergewissert hatte, das von dem Raum keine Gefahr ausging, krallte er sich vorsichtig an das Gitter und stieß es mit einem kurzen Ruck aus der Halterung. Leise glitt er aus der Öffnung und legte es gefühlvoll auf dem leeren Bett ab.
Das erste mal seit etlichen Stunden konnte er wieder aufrecht stehen und sich strecken. Doch er hatte keine Zeit, darüber nachzudenken; denn schon ein Schritt in Richtung Tür brachte ihm einen Bruchteil der verlorenen Wärme zurück. Ebenso wie Rei's Gang wirkte seiner trotz der zahlreichen Panzerplatten flüssig und gleitend, und so folgte er unbemerkt ihrer Fährte.

Nach 10 Minuten hatte er sie erreicht. Den letzten Kilometer mußte er wieder durch enge Lüftungsschächte kriechend zurücklegen. Zu viele Wachen, zu viele Sicherheitsbarrieren versperrten ihm den offiziellen Weg.

Da saß sie nun, von dunkler Nacht umhüllt; zierlich und verlassen. Doch der Schein trog.
<Wer bist du?>
Er ächzte, doch es war nur ein plötzliches Luftausstoßen.

Überraschung.

Sie mußte seine Wärme schon lange gespürt haben, wie er der ihrigen gefolgt war. Doch die Verwirrung hielt nur kurz an; er antwortete schnell:
<Wer ich bin? Das weiß ich nicht. Das habe ich dich schon einmal gefragt, erinnerst du dich?>
<Zeig dich.>

Von weit oben an der Decke der Halle dröhnte ein Laut. Er schob das Gitter beiseite und ließ sich einfach 30m tief direkt neben sie Fallen. Er gab keinen Aufschlag, er war einfach plötzlich da.
<Sieh mich an.> forderte er, nachdem Rei's Kopf weiterhin unbeeindruckt auf ihren Knien lag.
Schließlich sah sie auf.
Von einem undefinierbaren Punkt der Halle drang ein blasser Lichtstrahl und wandelte seine Oberfläche in ein schemenhaftes Netzgewebe aus Adern, Sehnen, Fasern, Stacheln und Panzerplatten. Schatten huschten wie Spinnen durch die Schluchten seines zerfurchten Äußeren; bis er die Augen öffnete.
Zwei gleißend weiße Lichtspalten glommen auf und schienen Rei im ersten Moment zu blenden. Sie wirkte jedoch keinesfalls überrascht; auch nicht, als er sich aus seiner Landeposition heraus zu voller Größe erhob.
Sie stand ebenfalls auf, reichte ihm aber gerade bis an den Hüftpanzer.
<Gomen. Ich weiß nicht, was du bist. Du siehst aber aus wie ein E... >

"Halt, wer ist da?!" brüllte eine tiefe Männerstimme aus Richtung Halleneingang.

Weiß.

Jetzt wurde sie wirklich geblendet; sah überhaupt nichts.
Eine Minute geschah auch nichts weiter; bis sie endlich menschliche Schritte hörte, unsanft an der Schulter ergriffen und in Richtung Ausgang des EVA Control-Terminals dirigiert wurde.
"Du weißt doch, daß du dich ohne Erlaubnis nicht immer hierher schleichen sollst." sprach der orangegekleidete Sicherheitsposten.
"Hai. Gomen."

* * *


Der Morgen dämmerte bereits, als sie wieder in ihr Krankenzimmer gebracht wurde. Diesmal blieb zwar keine Wache vor der Tür stationiert, doch sie konnte sicher sein, daß die Kontrollmonitore ab jetzt genauer in Augenschein genommen wurden ...
Ebenso wie sie sich sicher war, das er ihr gefolgt war. In dem Moment kam auch die mittlerweile vertraute Welle von Dunkelheit und Wärme über sie.
<Evangelion.>
<Was ist ein Evangelion?>
Die Sicherheitsangestellten hatten das Lüftungsgitter wieder eingebaut, hinter welchem er sich verbarg.
<Ein von Menschen geschaffenes Lebewesen, das die Menschen vor den Engeln beschützt.>
<Was sind Engel?>
<Die Menschen sagen, es sind ihre Feinde. Ich weiß nicht, was Engel sind.>

Erschöpfung.

<Wo bist du?>
Als ihr die Sonnenstrahlen ins Gesicht stachen, wurde es kalt.
Sie war wieder allein.
Die lange Nacht forderte nun ihren Tribut; sie schloß die Augen, um nicht geblendet zu werden, und schlief schließlich fröstelnd ein.

* * *


"Machst du bitte auch eine Tasse für mich mit?" bat Misato Ritsuko, die gerade Kaffe hohlen wollte.
"Hai. Hast du eigentlich heute nicht frei? Die Aufklärer melden keine Engel, und du hast dir eine Pause verdient."
"Schon, aber die Kinder sind in der Schule; was soll ich denn da den ganzen Tag machen?"
"Hm."


Als sie wieder zurückkam, erwartete sie ein wieder vollkommen ernster Major Katsuragi mit einem Stapel Blättern in der Hand.
"Laß uns runter gehen. Ich will sie sehen."
"Du sollt doch nicht in den Sachen anderer Leute ..."
Die Falte zwischen Misatos Brauen ließ Ritsukos Schmunzeln schwinden.
"Das ... geht nicht." entgegnete sie leise.
"Warum nicht?"
"Scht ... nicht so laut. Das Risiko ist zu groß. Es könnten welche überlebt haben ... wir haben sie nicht unter Kontrolle."
"Was? Du meinst, daß da unten eins von diesen Wahnsinnsbiestern rumrennt und ..."
"Hai. Es könnten auch mehrere sein."
"Und was willst du unternehmen? Abwarten und ... Kaffe trinken!? Oder bis die sich gegenseitig abgeschlachtet haben !?!?"
"Ruhig, du sollst leiser sein." zischte Ritsuko. "Außerdem ist Abwarten momentan wirklich das Beste." Sie lächelte wieder.
"DU ..."
"Scht, du weiß doch nichts. Sie sind nicht ... sie haben alle einen Defekt an der Hypophyse, wodurch die Signalhormon-Bildung gestört ist. Durch das LCL bekamen sie da fehlende Thyroxin eingeimpft. Als Absicherung ... wenn es nicht künstlich 'zugefüttert' wird, sterben sie über kurz oder lang."
"Uhm ... soll das heißen, daß ..."
"Hai. Ruhe jetzt, Maya kommt."

* * *


Er hatte aufmerksam Ritsukos Gedanken verfolgt, doch sie waren mehr als verwirrend für ihn.

Freude.
Evangelion.
Tod.
Ikari.


Im Central Dogma gab es nicht viele Möglichkeiten, sich zu verbergen; weshalb er diesen Ort verließ, da am frühen Morgen noch nicht so viel Betrieb herrschte. Das er mehr als eine Stunde bis ins Terminal Dogma brauchte, schob er auf seine mangelnde Konzentrationsfähigkeit. Auf dem Weg dorthin gingen ihm Ritsukos Gedanken nicht mehr aus dem Kopf.

<Ich bin ein Evangelion.>

Schwäche.

Als er schließlich Sektor 3 erreichte und aus dem Schacht an der Hallendecke kroch, wollte er den umständlicheren Weg, in Form einer Kletterpartie entlang der Wände, zum Boden nehmen, um eine erneute Verletzung zu vermeiden.
Doch er rutschte ab und fiel.

Schmerz.


Nach einer intensiven Betrachtung der Hände und Füße waren weder Glassplitter noch andere Fremdkörper zu erkennen. Trotzdem taten sie ihm weh, und das ohne wirklichen Grund.

<Hormone. Das Blut!>

Es fiel ihm sichtlich schwerer, aufzustehen und sich auf die zerbrochenen Genese-Zylinder zuzubewegen. Seine Bewegungen wirkten nun bei weitem nicht mehr so elegant wie zuvor, sondern steif, krank.
Nach einer ausgiebigen Durchsuchung der Gitterroste am Boden um die Zellen war nichts für ihn Verwertbares aufzufinden. Alles LCL war bereits verdunstet.

Es kostete ihn zusehends mehr Anstrengung, die Wände erneut zu erklimmen und sich entlang der Decke zum Schacht zu hangeln.
Diesmal schien der Weg zur Krankenstation endlos. Er mußte öfters Pausen einlegen; seine Hände schmerzten noch immer. Einige der Lüftungsrotoren waren wieder eingeschaltet worden, was zusätzliche Umwege bedeutete. Doch eine undefinierbare Kraft trieb ihn immer weiter, wie eine letzte Reserve, die nun vollends ausgeschöpft wurde.

Rei mußte sein Keuchen deutlich hören können. Die Aura der Dunkelheit, die ihn sonst umgab, verbreitete bei Weitem nicht mehr die Gefühlswärme wie zu Beginn.
Er ließ sich hinter dem ungeschickt reparierten Lüftungsgitter entgültig fallen und blieb rücklings liegen.
<Ich werde sterben.>
Das Licht flimmerte.
Rei hatte vor gut zwei Stunden nach einem Schwächeanfall das Bewußtsein verloren.
<Warum?>
<Ich brauche das Blut ... unserer Mutter, um zu überleben.
Warum haben mich die Menschen geschaffen, wenn sie mich jetzt töten ?>
<Was heißt Tod?>

Nichts.

<Ich bin schon mehrmals gestorben, war nie tot.>
<Würdest du gerne tot sein?>
<Vielleicht.>

Die beiden Leuchtstoffröhren flimmerten ein letztes mal.

Ende


Nachwort:

Nun? Recht schnelles, trauriges Ende für Rei, ich weiß. Aber was macht man nicht alles, um den allgemeinen Erwartungen nicht zu entsprechen ... an der Stelle: ich mag Happy End's nicht sonderlich (Rei dagegen um so mehr (schon komisch, eine FF über seinen Lieblingscharakter zu schreiben und ihn darin umkommen zu lassen (das habe ich nicht für die Asukafans gemacht!))).
Die Anmerkung, daß ich ein Fan vom Kinofilm "Aliens" (Teil 1 und vor allem 2) bin, dürfte an der Stelle keinen mehr überraschen. Übrigens sind die Namen meiner FF' die Songtitel bedeutender Hymnen ("Bleeding Heart" von Jimi Hendrix; "Fear of the Dark" von Iron Maiden muß sich einfach jeder mal angehört haben).
Die Story dieses Teils ist aber auch teilweise aus dem Songtext "Iron Man" von Black Sabbath entwickelt worden; seht zu, daß ihr das alles mal hören könnt!

Hier noch ein selber-skizziertes Bild des Es:



Wenn ihr's euch anders vorgestellt habt: auch gut. Aber das Bild hatte ich schon vor der FF entworfen und fand das Vieh einfach ... so genial, daß ich die Story drumherum entwickelt habe. Falls ihr euch fragt: in den Schulterstücken befinden sich die S2-Organe ...

An der Stelle danke ich wiederum Ayumi Ikari und SEELE als Rezensenten sowie dem Webmaster für seine Mühen.

Fragen? Meinungen (sind mir wichtig!)? Asukafans dürften diesmal weitestgehend verschont geblieben sein (ihr blutrünstigen, ihr). Müßt wissen, daß es ziemlich deprimiert, wenn man keine Mails bekommt ... Typhlops@gmx.de


Copyright 2001 by René Köhler

Copyright of the Charakter by GAINAX / Text by René Köhler