Er träumte nicht.
Zum Träumen benötigte man eine Seele...
Sein letzter Traum lang über vier Jahre zurück, seitdem war Schlaf nur noch ein anderes Wort für Regeneration des Körpers.
Ein Computer in seinem Schädel sorgte dafür, daß sein Ego nicht verwehte, daß seine Erinne-rungen nicht schneller verblaßten als bei einem gewöhnlichen
Menschen.
Es war seine Entscheidung gewesen, das Opfer, das er für ein anderes Wesen gebracht hatte...
Prolog II:
Gendo Ikari wälzte sich auf seinem Futon im Schlaf hin und her.
Auf seiner Stirn stand kalter Schweiß, sein Pyjama wies nasse Flecken unter den Achselhöhlen auf.
Seine Lippen bebten, formten Worte, die niemand hörte.
Im Gegensatz zu einem anderen Menschen hatte er Träume, auch wenn er sich nur selten an sie erinnerte. Doch dieses Mal war es ein äußerst realistischer Traum.
* * *
"Yui!"
Gendo schrie den Namen der Frau vor ihm, die ihm den Rücken zuwandte, rannte los, um zu ihr zu gelangen.
Es waren nur wenige Schritte, doch es hätten auch unendliche Entfernungen sein können, denn er kam ihr keinen Zentimeter näher.
"Yui!" brüllte er verzweifelt ihren Namen, den Namen seiner Frau.
Irgendwann konnte er nicht mehr laufen, blieb schweratmend stehen, den Oberkörper nach vorn gebeugt, die Hände auf die Oberschenkel gestützt.
"Yui, bitte..."
Langsam drehte sie sich um, blickte ihn an.
Er richtete sich auf, alle Erschöpfung schien von ihm abzufallen. Ihr Blick hatte immer schon genügt, um sein Herz zu besänftigen.
"Yui..."
Er streckte die Hand aus.
"Gendo..."
Seine Augen füllten sich mit Tränen beim Klang ihrer Stimme.
Wieder nannte er ihren Namen, voller Liebe.
Sie trat auf ihn zu, überwand die Entfernung mit einem Schritt, nahm seine Hand.
"Komm, ich muß dir etwas zeigen..."
Die Umgebung veränderte sich. Wo eben noch eine endlose weiße Ebene ohne Konturen ge-wesen war, befand sich jetzt ein scheinbar endloser Strand, das Ufer eines blutroten
Meeres.
"Weißt du, was das ist?"
Sie deutete auf das Meer hinaus.
Er schluckte.
"Ja... LCL-Flüssigkeit... Das Blut eines Engels..."
"Das Blut der Menschheit."
"Geschieht das, wenn die Engel bis ins Terminal Dogma vordringen können? Sieht so das Ende aus?"
"Dies ist die Folge des Third Impact... deines Third Impact..."
"Meines...?"
"Gendo, sieh..."
Am Strand ragte ein purpur-grüner Gigant aus dem Meer, umgeben von neun schneeweißen weiteren Riesen, durchbohrt von zahlreichen Speeren.
"EVA-01... Dein Gefängnis..."
"Ja. Sieh dich um, du wirst die gesamte Menschheit opfern, um mich zu befreien."
"Wenn mein Plan gelingt, wirst du frei sein!"
Sie sah ihn nur traurig an, dann schüttelte sie den Kopf.
"Was... Was willst du mir sagen?"
"Wir werden nie wieder zusammen sein, Gendo."
"Nein... NEIN!"
"Dein Plan ist perfekt... aber du hast etwas übersehen, um den Impact und die Vereinigung der Seelen auszulösen, sind zwei Kompenten nötig, LILITH und ein erwachter
EVANGELION, ich weiß, daß du beide Komponenten zusammenbringen wirst, doch diese Komponenten wer-den nicht an der Vereinigung beteiligt sein."
"Dann werde ich in EVA-01 sein..."
"Nein, so wird es nicht gelingen, das weiß du. Sieh dort drüben..."
Am Strand standen zwei einsame Gestalten.
"Also stirbt nicht die ganze Menschheit."
Irgendwie beruhigte ihn diese Erkenntnis.
"Sieh genauer hin."
"Das sind... Pilotin Langley und... Shinji..."
"Unser Sohn."
"Ja... Wieso..."
"Unser Sohn, den du bereit bist zu opfern."
Er blickte in ihr Gesicht, sah Zorn, sah Haß.
"Yui, ich..."
"Gendo, du bist nicht mehr der Mann, in den ich mich verliebt habe, den ich geheiratet habe, dessen Sohn ich geboren habe..."
"Ich kann es wieder werden."
"Wirklich?"
Langsam hob sie eine Hand, berührte seine Wange. Etwas ging von ihr auf ihn über, ein Strom von Bildern.
"Wirklich?"
* * *
Ikari fuhr schweratmend hoch, riß die Augen auf.
Ein Tränenschleier verzerrte seine Sicht.
Noch immer glaubte er, die Berührung ihrer Hand auf seiner Wange zu spüren, glaubte noch immer, ihre Worte zu hören.
<Wirklich?>
"Ja..." flüsterte er.