In den nächsten Tagen traf auf Winters Ruf hin eine Handvoll Männer und Frauen aus der ganzen Welt in Tokio-03 ein, alles Angehörige der
Traditionen.
Das EVA-Testcenter wurde in ein Labor umgewandelt, das große Ähnlichkeit mit der Werkstatt eines Alchemisten aufwies, das Ziel war die Rekonstruktion zweier menschlicher
Körper aus einigen wenigen DNA-Strängen.
Mit jedem Tag alterte der Erzmagus mehr, verlor er mehr an Kraft, schließlich dirigierte er die Arbeiten nur noch von einem Stuhl im Kontrollraum aus, verweigerte dabei aber jede
angebo-tene Hilfe und verwies auf das große Projekt.
Misato Katsuragi überlebte ihre Verletzungen, ebenso Gendo Ikari.
Das NERV-HQ wurde unter absolute Quarantäne gestellt, niemand kam hinein und niemand hinaus, die Magi ausgenommen, denn die Welt war nicht reif für die Entwicklung, die sich im
Inneren der Pyramide abspielte...
* * *
„Meister?"
Der uralte Mann blickte auf, kniff die Augen zusammen, um den anderen besser erkennen zu können.
„Ah, Michael..." flüsterte Winter.
„Wir... wir sind soweit."
„Gut."
Er lächelte, deutete auf das Amulett, welches vor ihm auf dem Tisch lag.
„Du kannst es haben."
„Euer Talisman?"
„Ja. Ich habe keine Verwendung mehr für ihn."
Ächzend erhob er sich, legte alle Konzentration in einen letzten Zauber, der ihm ein Tor durch die Spiegelgrenze öffnete.
„Ich gehe dann, mein Junge."
„Meister, wohin geht Ihr?"
„Ihr braucht mich nicht mehr."
„Das stimmt nicht, der Orden braucht Euch, wir brauchen Euch und Eure Erfahrung..."
Er sah seinen letzten Schüler an, lächelte zahnlos.
„Nein, ich habe an dich und die vor dir alles mitgegeben, was ich weiß... Dies ist ein Neuan-fang, ich schließe die Augen, und ich sehe die Zukunft, eine Zukunft, in
der es keinen Orden mehr gibt, keine Traditionen, auch keine Technokratie, nur eine Gemeinschaft... die Zukunft gehört euch, macht das beste daraus."
„Meister..."
„Nicht zu herrschen, sondern zu lehren ist unsere Aufgabe, vergiß das nie... Ich sehe, daß die EVANGELIONs den Sturm brechen werden, sehe die Rückkehr der
Verschollenen... richte ihnen meine Grüße aus, teile ihnen mit, daß ich kein weiteres Mal versagt habe..."
„Geht nicht, Meister..."
Er schüttelte den Kopf, wandte sich dem großen Bildschirm zu, warf einen letzten Blick in den Hangar zu den Wissenschaftlern, welche die Wachstumskammern umstanden, und zu
jenen Magiekundigen, die sich mehr zur Geisterwelt hingezogen fühlten, und die Gesänge der Brüder des Akashas unterstützten, um die Seelen in den Kerlen zu
schützen und auf die Reise vorzube-reiten.
Die Kammern gaben ein sanftes Leuchten ab, während zugleich die Kerne erloschen.
„Transfer abgeschlossen."
Er nickte.
„Doktor Ikari, Doktor Soryu, meine besten Wünsche begleiten Sie."
Damit drehte er sich um und verschwand durch das Portal...
* * *
Zur gleichen Zeit wurde in der Kantine des Hauptquartiers eine Zeremonie vollzogen, deren Teilnehmer wahrscheinlich noch viel aufgeregter gewesen wären, hätten sie
gewußt, was im Testcenter geschah.
Es war der Tag der Trauung von Shinji Ikari und Rei Ayanami...
Die mittlerweile hochschwangere Rei saß in einem Rollstuhl, während Shinji stand, als Trau-zeugen fungierten Asuka und Kaji, die Zeremonie vollzog Kozo Fuyutsuki, während
Shinjis Vaters an der Seite stand. Der frühere Professor hastete durch seinen Text, denn bei Rei kamen die Wehen inzwischen in immer kürzer werdenden Abständen. Nachdem sie
ihr ´Ja´ herausge-schrien und Fuyutsuki die Abschlußworte gesprochen hatte, ging es im Laufschritt auf die Krankenstation.
Gendo blieb vor dem OP zurück, während Shinji Rei hineinbegleitete, zuvor seinen Vater aber noch einmal ansah, die Tränen in dessen Augen bemerkte.
* * *
Wieder stand er am Rande der Klippe oberhalb des wirbelnden Sturmes, blickte hinab in das tobende Chaos, sah die Gesichter jener, denen sein Herz gehörte.
Er spürte die Gegenwart eines anderen Menschen, mußte sich nicht erst umdrehen, um zu er-kennen, daß es die blinde Seherin war.
„Es tut mir leid, Magus diArgio."
„Ja... Ihr habt es gesehen, nicht wahr? Mein Ende..."
Seine Stimme war nicht mehr als ein Wispern, doch es war alles, was er noch zustandebrachte. Die alte Narbe an seiner Kehle brannte wie damals, als der Auftragsmörder ihm mitten in
der Nacht die Klinge über den Hals gezogen hatte.
Cassandra sah ihn nicht an, hielt ihre milchig weißen Augen gesenkt.
„So ist es."
„Konntet Ihr mich nicht warnen? Hätte ich gewußt, daß ich Cagliostro begegnen würde..."
„Es lag nicht in meiner Macht."
„Verstehe."
Ein Rauschen zog seine Aufmerksam auf den Sturm zurück.
Aus dem allgegenwärtigen Chaos formte sich langsam eine Gestalt, die über den Winden schwebte. Der Magier erkannte in ihr das Wesen wieder, welches all die langen Jahrhunderte
in ihm existiert hatte, blickte das Frostwesen erwartungsvoll an. War es gekommen, seine Exi-stenz zu beenden als Rache für die Jahre der Gefangenschaft?
Die Worte des Umbrood übertönten das Rauschen des Sturmes, waren zugleich aber leise und einflüsternd.
„Ich überbringe euch SEIN Urteil, Lillims... Ihr habt SEINE Prüfungen bestanden, die Zukunft gehört euch..."
Mit dem letzten Wort kehrte der achtzehnte Engel in den Sturm zurück.
„Verbreitet das Wort." flüsterte Winter. „Wir sind frei von Himmel und Hölle..."
„Das werde ich."
Lächelnd tat er den letzten Schritt, wurde von dem Mahlstrom verschluckt...
Und eine goldenstrahlende geflügelte Erscheinung löste sich aus den Wirbeln und strebte hinauf, der Spiegelgrenze entgegen...
* * *
Der Abt des Klosters der Bruderschaft hob den Kopf, als ein tiefschwarzer Rabe vor ihm landete und ein leises Krächzen von sich gab. Der alte Mann machte eine klatschende
Handbewegung, jedoch nur mit einer Hand.
Als Reaktion begannen die Glocken des Klosters zu läuten, zeitgleich geschah dasselbe in zahllosen Tempeln und Schreinen im ganzen Land...
* * *
Shinji Ikari konnte den Blick nicht von seinem Sohn lösen, der friedlich in den Armen seiner Frau schlief, einen Ausdruck auf dem Gesicht, den Shinji nur als zufrieden bezeichnen
konnte.
„Er ist wunderschön."
Rei lächelte, erschöpft, aber glücklich.
„Unser Sohn..."
„Ja."
Er strich ihr durchs Haar in einer liebevollen Geste.
Es klopfte an der Tür des Krankenzimmers, die Tür wurde einen Spaltbreit geöffnet.
„Darf ich... hereinkommen?" fragte Gendo Ikari mit bebender Stimme.
Hinter ihm war Asuka zu sehen, die den Kommandanten düster anblickte.
Shinji sah zu seinem Vater, dann zu Rei.
„Ja."
In diesem Moment konnte er ihm vergeben...
* * *
<Wer bist du?>
„Ich bin Rei Aya... Rei Ikari."
<Was tust du?>
„Ich lebe."
<Warum lebst du?>
Sie blickte auf das Kind in ihren Armen, den wenige Tage alten Jungen, der sie aus eisgrauen Augen lachend ansah, blickte zu Shinji, der neben ihr stand, den Arm um ihre Schultern
gelegt,
blickte zu Misato, die mit ihrem Rollstuhl von Kaji hineingeschoben wurde, blickte zu Gendo Ikari hinüber, der weinend zusammengebrochen war, als Yui den Raum betreten hatte,
blickte zu Yui Ikari, die nach so langen Jahren endlich die Freiheit zurückerhalten hatte, blickte durch die Trennglasscheibe in den EVA-Hangar hinab, wo Asuka und ihre Mutter
einander wortlos in den Armen lagen.
„Braucht es noch weitere Gründe, um zu leben?"
Epilog
Yui Ikari stand an der Wiege ihres Enkels und blickte stumm in das Gesicht des Kindes.
Es war spät geworden, sehr spät. Alle anderen schliefen bereits; Shinji und Rei zum ersten Mal in ihrem Ehebett in ihrer neuen Wohnung, während Asuka und Misato in deren
Apartment ge-gangen waren.
Nur sie hatte es mitten in der Nacht zu dem kerngesunden Jungen gezogen, dem ihr Sohn und ihre Schwiegertochter den Namen Fuyu gegeben hatten, so als hätte er sie gerufen.
Gerade, als sie sich abwenden wollte, als sie das Kinderzimmer verlassen wollte, um zum er-sten Mal seit über elf Jahren wieder in einem Bett zu schlafen, öffnete der Junge
seine Augen.
Fuyu Ikaris Augen waren von eisgrauer Farbe und für einen Augenblick war Yui, als spiegelte sich in ihnen die Ewigkeit wieder
Yuis Augen weiteten sich.
„Ihr..." flüsterte sie...
ENDE