Der Second Impact hatte das Angesicht der Welt verändert.
Küstenlinien hatten sich verändert, als durch die geschmolzenen Wassermassen, die zuvor als Eis die Antarktis bedeckt hatten, der Meeresspiegel angehoben wurde. Ganze Inselgruppen
versanken im Ozean, ganze Nationen wurden binnen eines Herzschlages ausgelöscht.
Die Erde selbst erbebte, als sich infolge der Explosion, welche sich im Südpol ereignet hatte, das Magnetfeld verschob.
Weltweit brachen aktive und längst inaktiv geglaubte Vulkane aus und schleuderten glut-flüssiges Gestein kilometerweit durch die Luft. Asche- und Funkenregen fielen auf die Städte
und Dörfer der Menschen.
Stille Bäche schwollen zu reißenden Flüssen an und rissen mit sich, was sie zu fassen bekamen.
Stürme rasten über das Land, wirbelten fort, was sich in ihrem Weg befand.
Häuser stürzten ein, in die Schluchten der Großstädte fielen tödliche Regen aus feinen Glasscherben und Betontrümmern.
Gewaltige Feuer fraßen ganze Stadtviertel, ganze Städte verschwanden vom Angesicht der Welt.
Milliarden von Menschen fielen auf die Knie und beteten zu ihren Göttern.
Armageddon war gekommen...
Doch die Welt ging nicht unter, sie veränderte sich nur.
Die Erdachse hatte sich soweit verschoben, daß das Klima verrückt spielte, als die Natur sich
auf die Folgen des Second Impact einzustellen versuchte.
Vier verschiedene Jahreszeiten gab es nicht mehr, nur noch Sommer und Winter, fast ohne
Übergangszeiten.
An einem Tag starben mehr Tier- und Pflanzenarten aus, als während des ganzen zwanzigsten
Jahrhunderts. Und mit ihnen starben über drei Milliarden Menschen, begraben unter Asche und Lava, verschüttet in den Trümmern ihrer Häuser, ertrunken in den herantosenden
Was-sermassen, fortgetragen und achtlos fallengelassen von rasenden Winden, erschlagen von fallenden Trümmerstücken.
Ihre Schreie hallten um die Welt, waren an manchen Orten noch Jahre später zu hören...
Für die Generationen, die vor dem Second Impact geboren waren worden, hatte sich die Welt in eine Hölle verwandelt.
Die Zeit nach dem Second Impact sah gewaltige Flüchtlingsströme, die sich aus unbewohnbar gewordenen Gebieten in erträglichere Regionen der Welt wälzten, sah Kriege um diese
Regio-nen und die verbliebenen Rohstoffe, sah weiteres Sterben, sah mehrere Selbstmordwellen, die um den Globus zu rasen schienen, sah vormals fromme Menschen ihren Gott verfluchen...
Der Mensch hatte dies selbst über die Welt gebracht, als er Dinge antastete, für die er viel-leicht noch nicht reif war.
Aber die Menschheit bestand fort, paßte sich an, setzte eine neue Generation in diese Welt, begann mit dem Wiederaufbau...
Und irgendwo weinte ein Gott bittere Tränen um das Schicksal seiner Schöpfung...
*** NGE ***
Wenige Tage zuvor:
Niemand würde im Stande sein, über die Ereignisse an jenem verhängnisvollen Tag in der Antarktis zu berichten, die einzige Überlebende der Katsuragi-Expedition würde
für Jahre in einen katatonischen Schockzustand verfallen und den Großteil ihrer Erinnerungen verdrängen...
Das Eisfeld nahe dem Südpol war zu einem Schlachtfeld geworden.
Das Experiment mit dem schlafenden Giganten war fehlgeschlagen, ein winziges Abweichen vom Plan hatte genügt, den schlafenden Engel ADAM zu erwecken.
Endlos lange Minuten hatten die Menschen der Expedition verharrt und zu dem Riesen empor-geblickt, der sich so unvermittelt aufgesetzt hatte, der sich zu orientieren schien.
Doch mehr als dieser kurze, ungenügende Moment war ihnen nicht vergönnt gewesen...
Plötzlich wurde der polarsommerliche Himmel in grelles Licht getaucht. Und mit einem don-nernden Laut fiel ein zweiter Riese vom Himmel, eine weiße humanoide Gestalt mit
rotglühen-den Augen.
LILITH, der Zweite Engel, hatte die Erde erreicht...
Panik erfaßte die Menschen, fluchtartig strebten sie fort von der Ausgrabungsstelle.
ADAM richtete sich auf, wandte sich dem Neuankömmling zu, beugte den Oberkörper nach vorn wie ein Stier, der seinen Gegner erwartet. Um ihn, wie auch um den anderen Giganten, baute sich
ein Feld knisternder Energie auf, welches bei Kontakt Eis und Schnee und den da-runterliegenden Fels einfach zerschmolz, und blitzendes Wetterleuchten hervorrief.
Einer der Wissenschaftler hielt in seiner Flucht inne, wandte sich den Riesen mit einem Meßge-rät in den Händen zu, warf einen einzigen Blick auf die Anzeigen und ließ da
Gerät fallen.
Ein anderer Mann rief ihm zu, er solle laufen, doch er schüttelte nur den Kopf. Flucht war sinn-los, zwischen den beiden Wesen bauten sich mächtige gegenpolige Kraftfelder auf, die bei
Kontakt genügend Energie freisetzen würden, um die Erde zu zerreißen...
Und dann betrat mit einem zuckenden Lichtblitz ein dritter Riese das Feld, ein weitaus men-schenähnlicheres Wesen in Purpur und Grün mit glühenden Augen. Es schien eine schwere
Panzerung zu tragen und aus der Stirn ragte ein einzelnes Horn.
Auf den Unterarmschienen der Panzerung war ein Schriftzug zu lesen:
EVANGELION-01-TESTMODELL...