Mit leerem Blick saß der Junge auf der Schaukel und starrte dem dunklen Wagen hinterher, der in der Ferne verschwand, den Wagen, in dem sein Vater saß, welcher gerade einen seiner
selte-nen - und in Zukunft immer seltener werdenden - Besuche bei ihm beendet hatte..
Langsam schwang er vor und zurück, die Kette quietschte jedesmal vernehmlich.
Sein Name war Shinji Ikari, er war fünf Jahre alt. Und vor etwas über einem halben Jahr hatte er mit ansehen müssen, wie seine Mutter bei einem Experiment die Steuerkapsel eine
Mechas bestiegen hatte, ohne diese jemals wieder zu verlassen.
An diesem einen Tag hatte er seine Mutter verloren - und kurz darauf seinen Vater, der ihn mit den Worten, er könnte ihn nicht gebrauchen, bei Pflegeeltern zurückließ...
Shinji fühlte sich allein, furchtbar allein. Er begriff nicht, was mit seiner Mutter geschehen war. Er verstand nicht, weshalb sein Vater ihn im Stich gelassen hatte. Er wußte nicht,
warum sein Vater sich ihm gegenüber derart kalt und abweisend verhielt...
*** NGE ***
Das Mädchen in dem Glaszylinder beobachtete mit wachem Blick die Aufzeichnung, welche einer der Bildschirme zeigte. Dabei sah es über die Schulter eines dunkelhaarigen bärtigen
Mannes, welcher trotz der herrschenden Lichtverhältnisse eine dunkle Brille trug.
Der Name des Mädchens war Rei Ayanami. Äußerlich schien sie etwa fünf Jahre alt zu sein, tatsächlich jedoch betrug ihr Alter kein halbes Jahr. Und dabei war sie bereit
die zweite Rei, welche den großen Klontank in den Eingeweiden des Terminal Dogma in der Geofront verlas-sen hatte, der zweite Körper mit blasser Haut, blauen Haaren und roten
Augen...
Es würde noch einige Wochen dauern, bis sie den mit LCL-Flüssigkeit gefüllten Glaszylinder verlassen konnte, bis das genetische Verbesserungsprogramm abgeschlossen war, welche
die-sen Körper von seinem Vorgänger unterscheiden sollte.
Dunkel erinnerte sie sich an das Schicksal, welches die erste Rei erlitten hatte, die Bilder waren nur verschwommen - und doch nur allzu real und... beängstigend
Ihr war langweilig, furchtbar langweilig.
Längst hatte sie die Kunst gemeistert, ihre Umgebung bis ins kleinste Detail wahrnehmen zu können, ohne sich irgendetwas anmerken zu lassen.
Die einzige Abwechslung in der ewigen Monotonie war der Kommandant, der sie wenigstens einmal am Tag besuchte, selbst wenn er sie die meiste Zeit ignorierte und an seinen Projekten arbeitete. Rei
fragte sich, ob dies die normale Art war, in welcher Menschen miteinander interagierten.
Der Bildschirm zeigte den Kommandanten, den bärtigen Mann, der sich nun die Aufzeichnung ansah, sowie einen dunkelhaarigen Jungen. Die beiden wechselten nur wenige Worte, verhiel-ten sich
wie Fremde. - Dabei waren sie Vater und Sohn.
Ihr Verhalten war ein weiterer Baustein in Rei Ayanamis Theorie zur zwischenmenschlichen Interaktion.
Der Kommandant hielt die Aufzeichnung an, das Standbild zeigte das Gesicht seines Sohnes.
Gendo Ikari seufzte leise, dann stand er auf und verließ für einen Moment das Labor.
Während seiner Abwesenheit blickte Rei wie gebannt in das Gesicht auf dem Bildschirm, das Gesicht Shinji Ikaris. Und sie fragte sich, weshalb der Sohn des Kommandanten nicht bei sei-nem
Vater war, vielleicht hätte sie in ihm sogar einen guten Spielgefährten gefunden...
*** NGE ***
Mit unbewegter Miene blickte das rothaarige Mädchen auf das frische Grab.
Es fühlte nur Wut und Enttäuschung.
Es hieß Asuka Soryu Langley und das Grab, vor dem es stand, war das Grab seiner Mutter.
Asuka fühlte sich alleingelassen.
Ihr Vater rief ihren Namen, doch sie reagierte nicht, auch nicht, als er sie erneut rief.
Vor einem guten halben Jahr hatte ihre Mutter einen schweren Nervenzusammenbruch gehabt. Danach war es nur noch abwärts gegangen, jeden Tag war Kyoko Soryu mehr in den Wahn-sinn abgerutscht,
bis sie sich schließlich vor einer knappen Woche das Leben genommen hatte. Und Asuka hatte sie gefunden...
Wieder rief ihr Vater sie, wieder ignorierte sie ihn, sie wünschte sich, er würde ohne sie fahren, würde sie in Ruhe lassen. Sie brauchte ihn nicht, schließlich war er nicht
dagewesen, als ihre Mutter und sie ihn gebraucht hatten, hatte stattdessen die Krankheit ihrer Mutter als Grund für die Scheidung angegeben, um für seine Geliebte frei zu sein, welche
selbst jetzt im Wagen saß. Sie spürte heiße Wut in sich aufsteigen, wollte sich umdrehen und ihren Vater anbrüllen, er sol-le verschwinden. Doch sie konnte nicht sprechen,
ihr Hals war wie zugeschnürt, während ihre Augen feucht wurden. Trotzdem drehte sie sich um, als sie hörte, wie ein Automotor angelas-sen wurde.
Sie blinzelte, sah, wie der Wagen ihres Vaters langsam vom Parkplatz rollte, erwiderte den traurigen Blick ihres Vaters mit einem verkniffenen Gesichtsausdruck.
Er ließ sie tatsächlich allein...
Sie ließ ihren Tränen freien Lauf.
Eine Hand legte sich auf ihre Schulter.
Asuka blickte auf, sah in das Gesicht ihrer Patentante.
„Tante Ann...“
Die dunkelblonde Frau nahm sie schweigend in den Arm, ignorierte die schwache Gegenwehr des Mädchens.
Neben der Frau stand ein hochgewachsener schwarzhaariger Mann, dessen Augen seltsam leblos wirkten.
„Dein Vater war damit einverstanden, daß du fürs erste bei uns bleibst, Asuka“, flüsterte er.
Das rothaarige Mädchen nickte nur.