„Komm. Gendo.“
- Nur zwei Worte...
Nur neun Buchstaben...
Mehr enthielt der Brief von seinem Vater, das erste Lebenszeichen seit über einem Jahr, nicht.
Nur zwei Worte...
Shinjis Hände begannen zu zittern, während seine Augen wieder und wieder über das Papier huschten, vergeblich nach weiteren Worten suchten. Nervös wendete er das Papier in
seinen Händen.
Dann blickte er auf, sah die beiden älteren Leute an, die sich in den letzten zehn Jahren um ihn gekümmert hatten, seine Pflegeeltern, entfernte Verwandte seiner verstorbenen Mutter. -
Allein der Gedanke an seine Mutter versetzte ihm immer noch einen Stich mitten ins Herz.
In den Gesichtern seiner Pflegeeltern stand Erwartung zu lesen... und Hoffnung...
Shinji wurde klar, daß sie den Inhalt des Briefes von seinem Vater kannten... und daß sie hoff-ten, er würde seinem Ruf folgen... Sie wollten ihn loswerden...
Er preßte die Lippen zusammen, zerknüllte das Blatt Papier in der Hand, drehte sich um und rannte aus dem Haus...
*** NGE ***
Zwei Tage später:
Shinji Ikari stand auf Bahnsteig Nummer 4 vom Hauptbahnhof in Tokio-3 in der warmen Früh-lingssonne.
Vor fünf Minuten war der Zug, mit dem er gekommen war, abgefahren. Der Bahnsteig war mittlerweile bis auf ihn menschenleer.
Nachdem er sich zum wiederholten Mal umgesehen hatte, holte er den zerknitterten Umschlag aus der Tasche hervor, dessen Eintreffen vor zwei Tagen sein Leben völlig aus der Bahn ge-worfen
hatte, zog den Inhalt heraus. Die zerknüllte und eingerissene Nachricht seines Vaters stopfte er achtlos zurück in den Umschlag, ebenso das entwertete Zugticket, besah sich statt-dessen
das Photo, welches sich ebenfalls in dem Umschlag befunden hatte. Es zeigte eine junge, recht gutaussehende - jedenfalls nach den Maßstäben eines pubertierenden vierzehnjäh-rigen
Jungen - Frau mit purpurnen Haar. Sie trug Shorts und eine ärmellose tiefausgeschnittene Bluse, aufgrund ihrer vorgebeugten Körperhaltung war der Ansatz ihres Busens zu erkennen, wa
noch durch einen Pfeil mit den Worten: ´Sieh dir das an!´ untermalt wurde. Um den Hals trug sie ein silbernes Kreuz.
Kurz zuckten Shinjis Mundwinkel. Dann drehte er das Photo um, las die Nachricht auf der Rückseite: ´Anbei die Zugfahrkarte. Hole dich vom Bahnhof ab. Misato Katsuragi.´
Natürlich kannte er die Worte inzwischen auswendig, während der mehrstündigen Zugfahrt hatte er sie immer wieder gelesen und sich darüber Gedanken gemacht, wer diese Misato
Katsuragi war und in welchem Verhältnis sie zu seinem Vater stand. Das letzte, was er wollte, war zu erfahren, daß sein Vater vielleicht eine neue Frau oder Lebensgefährtin hatte,
daß er das Andenken an seine Mutter beschmutzen könnte...
In der Ferne donnerte es.
Dann flog eine Staffel Kampfflugzeuge über ihn hinweg. Automatisch folgte er ihnen mit den Augen. Und selbige weiteten sich bis zum Anschlag, als er sah, daß die Kampfflieger Raketen
auf einen schwarzen Riesen abfeuerten, der gerade hinter den Hügeln in der Ferne aufgetaucht war.
„Was...?“ flüsterte Shinji.
Der Anblick eines riesigen Urzeit-Dinosauriers hätte ihn möglicherweise nicht derart über-rascht, wie das Erscheinen dieses dunklen menschenähnlichen Wesens, selbst auf die
Entfer-nung hin konnte er erkennen, daß das Wesen lange affenartige Arme und keinen Kopf hatte, dafür befand sich ein vogelartiges Gesicht mitten auf der Brust.
Ein schwaches Flimmern umgab den Giganten.
Im nächsten Moment explodierten mehrere der Flugzeuge in der Luft. Zugleich erschien ein gutes Dutzend Panzer in Shinjis Sichtfeld und schoß eine weitere Fliegerstaffel heran.
Der Junge stand nur da und starrte. Dann setzte der Fluchtreflex ein. Er warf sich herum - und sah das Mädchen...
Es stand nur da, ein Mädchen in seinem Alter. Es hatte hellblaues Haar und blasse Haut, seine Augen schienen einen gewissen Rotschimmer zu haben, es trug eine Schuluniform aus weißer
Bluse und dunkelblauer Jacke und Rock, dazu weiße Socken und blaue Schuhe. Das Mädchen schien ihn direkt anzusehen.
Shinji erstarrte in der Bewegung. Irgendetwas an dem Mädchen schien ihm seltsam vertraut. Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, um der anderen zuzurufen, was dort in der Ferne vor
sich ging...
Ein Schwarm von Tauben flog durch sein Blickfeld, verbarg einen Sekundenbruchteil lang das Mädchen vor seinen Augen. Als die Vögel wieder verschwunden waren, war auch das Mäd-chen
fort.
Shinji blinzelte, sah sich rasch um, ohne das Mädchen wiederzufinden.
Dafür konnte er erkennen, daß der Riese sich langsam der Stadt näherte, dabei weitere Kampf-flieger zum Absturz oder zur Explosion brachte, Panzerstellungen einfach
zerstampfte.
Mit quietschenden Reifen kam ein blauer Sportwagen neben dem Bahnsteig zum Stehen.
Die Fahrerin nahm ihre Sonnenbrille ab.
„Shinji Ikari, das bist du doch, oder?“
Der Junge drehte sich um, sah sie an.
Es war dieselbe Frau wie auf dem Photo, nur trug sie jetzt eine rote Jacke und ein schwarzes Barett.
„J-ja.“ stammelte er. „Das bin ich.“
Sie blickte an ihm vorbei zu dem Riesen in der Ferne.
„Schnell, spring rein, wir haben nicht viel Zeit!“
„Ich... ah...“
„Los!“
Im nächsten Moment hatte er seinen Koffer schon auf die Rückbank geworfen und saß auf dem Beifahrersitz. Noch bevor er den Gurt angelegt hatte, gab die Fahrerin bereits Gas und
raste los. Glücklicherweise war die Straße leer, inzwischen bemerkte Shinji die Alarmsirenen, die laut heulten, fragte sich, weshalb sie ihm nicht vorher aufgefallen waren.
„Misato Katsuragi... Captain Misato Katsuragi.“ fand die Frau endlich Zeit, sich vorzustellen.
„Ahm... sind Sie bei der Armee?“
„UN-Friedenstruppen. Ich arbeite für NERV...“
Dieser Begriff sagte ihm etwas, wenn auch nur wenig. Er wußte, daß sein Vater damit in Ver-bindung stand. Im nächsten Moment bestätigte sie seine Überlegungen.
„... für deinen Vater.“
„Vater... so...“
Er fühlte Bitterkeit in sich aufsteigen. - Und Übelkeit, denn Misato Katsuragi fuhr wie ein Hen-ker...
Immer wieder warf er einen Blick zurück über die Schulter. Und jedesmal mußte er feststellen, daß der schwarze Riese nähergekommen war.
„Was ist das?“
„Der Feind.“ antwortete die Frau mit zusammengebissenen Zähnen. Ihre ganze Aufmerksam-keit war der Straße gewidmet, die zahlreiche Schlaglöcher und Dellen aufwies;
hätte Shinji Ge-legenheit gehabt, diese näher in Augenschein zu nehmen, wäre er möglicherweise zu der Er-kenntnis gelangt, daß auf dieser Straße zumindest ein Teil
der Panzerfahrzeuge, die er zuvor gesehen hatte, gegen den Riesen ausgerückt war.
„Er kommt näher!“
„Er will zum Hauptquartier.“
Sie fuhr eine scharfe Kurve, die ihn fast aus dem Wagen schleuderte.
„Ah...“
Wieder riß er die Augen auf - eine zweite riesenhafte Gestalt erschien zwischen den Hügeln am Stadtrand, menschenähnlicher als die andere, ein Gigant in weiß und orange mit
nur einem großen Auge auf der Stirn.
„Da... da ist noch einer!“
Katsuragi blickte nicht hinüber, sah nur auf die Straße vor ihnen, auf welcher jetzt zahlreiche verlassene Pkws standen, fuhr Slaloms um die Wagen herum.
„Der gehört zu uns.“
„Ah... Ist das ein Roboter?“ war alles, was Shinji zustandebrachte.
Der einäugige Riese näherte sich dem anderen mit hoher Geschwindigkeit, holte dabei zum Schlag mit einem entsprechend proportionierten Messer aus. Der andere bemerkte den Angriff, trat
zur Seite, fing den Angriff ab, schleuderte seinen Angriff lässig zur Seite.
Der weiß-orange Zyklop landete auf allen vieren, kam schwankend wieder hoch, griff erneut an, wurde wieder abgeblockt. Der schwarze Riese landete mehrere Schläge in der Leibesmitte
seines Kontrahenten, jeder Schlag wurde von einer grellen Lichtexplosion begleitet.
„Ein EVANGELION...“ Jetzt sah auch Misato Katsuragi zu den Kämpfenden hinüber, der ein-äugige Riese war klar im Nachteil, steckte nur noch ein, flog in diesem
Augenblick nach einem gewaltigen Schwinger rückwärts in einen Hügel hinein, wo er einen Ganzkörperabdruck in der Topographie hinterließ.
„Mein Gott... Rei...“ flüsterte Misato.
„W-Was?“
Der orange-weiße Riese rappelte sich wieder auf, bewegte sich dabei wie ein Betrunkener, führte fahrige Schläge in die Luft, welche weit, sehr weit, danebengingen. Mit einem fast
läs-sigen Schlag mit der flachen Hand gegen den Kopf schleuderte der dunkle Gigant ihn wieder zurück.
„Er macht sie fertig... holt sie doch endlich zurück...“ stieß Katsuragi hervor.
In diesem Moment schossen erneut Kampfflugzeuge heran und nahmen den schwarzen Riesen mit dem Vogelgesicht unter Beschuß, gaben seinem besiegten Gegner Gelegenheit, sich
zu-rückzuziehen. Torkelnd verschwand der Gigant in weiß und orange zwischen den Hügeln.
Der schwarze beachtete die Flugzeuge nicht, die ihn wie Insekten umschwirrten, sondern setzte seinen Weg in der ursprünglichen Richtung - auf die Stadt zu - fort.
„Was ist das für ein Ding?“ rief Shinji panisch.
„Ein Engel... so nennen wir sie jedenfalls man kann ihm mit konventionellen Mitteln nichts anhaben... die Küstenverteidigungslinien der UN sind bereits durchbrochen - halt dich
fest!“
Wieder trat sie das Gaspedal bis zum Anschlag durch.
Raketen schossen über ihnen durch die Luft, explodierten kurz, bevor sie den Giganten trafen, so als umgebe ihn eine unsichtbare Schutzschicht. Eine vom Kurs abgekommene Rakete traf eine
der Gebäude in der Nähe, in der nächsten Sekunde raste Misato durch einen Trümmerha-gel. Immer wieder warf sie jetzt einen nervösen Blick nach oben.
Dann sah sie, wonach sie Ausschau gehalten hatte.
„Sie wagen es tatsächlich... Runter, Shinji!“
Noch während sie in die Bremsen stieg, warf sie sich zur Seite und über den Jungen.
Der Wagen war noch nicht ganz zum Stehen gekommen, da ging die Welt in einem grellen Blitz, dem ein dumpfes Grollen und ein leichtes Beben folgten, unter...
*** NGE ***
Es war noch nicht zu Ende, dies stellte Shinji jedenfalls fest, als er die Augen wieder öffnete.
Der Sportwagen lag auf dem Dach, Misato Katsuragi kroch gerade durch das Fenster ins Freie.
Shinji tat es ihr nach, nachdem er sich aus dem Gurt befreit hatte.
„Mein schöner Wagen!“ Misato schien den Tränen nah. „Mein Baby! Mein armer Liebling! Dabei ist er noch ganz neu!“
Shinji blickte wieder in die Richtung hinüber, in welcher der Riese sich befunden hatte.
Er war noch da! Allerdings bewegte er sich nicht mehr, sondern stand nur da, steif wie eine Statue.
„Er... ah... er rührt sich nicht mehr!“
Misato blickte erst ihn an, dann zu dem Riesen hinüber, nahm langsam die Sonnenbrille ab.
„Sie haben es tatsächlich getan...“
Der Riese stand mitten in einem großen Krater, in welchem sich auch der Stadtrand befunden hatte. Die Erde um ihn herum war verbrannt, von den Gebäuden am Stadtrand, die sich im
Ra-dius der von den Streitkräften eingesetzten Waffe befunden hatten, standen nur noch die Grundmauern. Auch weiter in die Stadt hinein hatten die Gebäude Schaden genommen.
„... sie haben tatsächlich eine N2-Bombe eingesetzt... minimale Sprengkraft, sonst wäre von uns nichts mehr übrig Verdammt, ich müßte jetzt in der Kommandozentrale
sein...“
„Ist er... ist der Engel...“
„Tot? - Nein, nur vorläufig aufgehalten, aber der erholt sich wieder. Wir sollten sehen, daß wir ins Hauptquartier kommen.“
Sie besah sich den Wagen.
„Komm, faß mit an, den kriegen wir wieder hin.“
„Uhm... ja, Misato-san.“
Tatsächlich gelang es ihnen, den Wagen erst auf die Seite und dann auf die Räder zu drehen, er war aufgrund seiner windschnittigen Bauweise vergleichsweise leicht. Die Windschutzscheibe
war gesplittert, die Seite eingebeult und der Seitenspiegel abgerissen.
Mit mißmutigem Gesicht begutachtete Misato den Schaden, schlug kräftig auf die verbeulte Motorhaube, um sie unten zu halten, woraufhin sich die Stoßstange scheppernd löste
und sie nur mit Mühe einen Wutschrei unterdrückte.
„Uhm, Misato-san...“ melde sich Shinji aus dem Wageninneren.
„Ja?“
„Hier piept etwas.“
„Was?“
Sie lief um den Wagen herum und schwang sich ins Innere.
„Mein Handy...“
Der Verschluß des Handschuhfaches klemmte, was sie mit einem Faustschlag behob. Zusammen mit dem Handy ergoß sich eine wahre Flut aus Zetteln, Nagellackfläschchen,
Lip-penstiften, einer leeren Bierdose und diversem anderen Zeug über Shinji.
Misato schnappte sich das immer noch piepende Handy.
„Ja? - Ja, wir sind noch unterwegs. Ich brauche einen Car-Train an Eingang 4. - Ja, bis gleich.“
Sie unterbrach die Verbindung und warf das Handy in den Fußraum zu dem anderen Zeug.
„Und los geht´s!“
Beim dritten Versuch sprang der Motor an, es klapperte und schepperte an verschiedenen Stellen des Wagens, als Misato anfuhr.
„Ah, schaffen wir es denn überhaupt?“
„Ja, sicher, der nächste Eingang ist ganz in der Nähe.“
Sie steuerte den Wagen in einen Tunnel in eine Bahnstation, wo bereits ein Zug auf sie wartete, danach ging es auf dem Autozug weiter, der Tunnel führte abwärts.
Und als sie den Tunnel wieder verließen, stand Shinjis Mund vor Überraschung offen...
Vor ihnen erstreckte sich eine gewaltige Höhle, ein kuppelförmiger Hohlraum unter der Erde, einer eigenen kleinen Welt mit eigenem Himmel und Horizont nicht unähnlich. Durch
verschie-dene Schächte fiel von der Oberfläche Licht in den Hohlraum. Von der Decke hingen zahlrei-che Gebäude – quaderförmige Hochhäuser
Shinjis Blick richtete sich von der Decke auf den Boden des riesigen Hohlraumes. Im Zentrum der Höhle erhob sich eine obsidianschwarze Pyramide, vor welcher der Schienenstrang im Bo-den
verschwand.
„Das... das ist die Geofront...“ stieß er aufgeregt hervor.
Natürlich hatte er bereits von diesem Ort gehört, über welchem die Stadt Tokio-3 errichtet worden war, so seltsam es in einer von Erdbeben erschütterten Region wie Japan war,
es han-delte sich um einen natürlichen Hohlraum von mehreren Kilometern Durchmesser.
„Ja, die letzte Schutzburg der Menschen, unsere Festung gegen die Engel. Von hier aus be-ginnt der Wiederaufbau - wenn es uns gelingt, die Engel aufzuhalten.“
Wieder verschwand der Zug unter der Erde, nur um kurz darauf in einen Endbahnhof einzufah-ren.
„Endstation.“ erklärte Misato und stieg aus, warf ihrem Wagen einen letzten traurigen Blick zu, ehe sie sich dem Ausgang zuwandte. „Komm mit, dein Vater wartet sicher
schon.“
Es ging durch scheinbar endlose Gänge und Flure, über lange Rolltreppen und dann wieder durch ein Labyrinth von Gängen.
„Seltsam“, murmelte Misato. „Eigentlich...“
„Haben Sie sich verlaufen, Captain Katsuragi?“ erklang eine Frauenstimme hinter ihnen.
Misato drehte sich um, vor den offenstehenden Türen einer Aufzugskabine stand eine Frau ich-res Alters mit wasserstoffblondem Haar, sie trug einen knielangen Rock und etwas, das wie da
Oberteil eines Taucheranzuges wirkte, unter einem langen Laborkittel.
„Ah, Ritsuko, du kommst wie gerufen!“
„Der Kommandant wartet bereits auf dich und den Jungen - das ist er doch, der dritte Kandi-dat, oder?“
„Ja, Ritsuko, das ist Shinji Ikari. - Shinji, Doktor Ritsuko Akagi, unsere Chefwissenschaftle-rin.“
„Dritter Kandidat?“ fragte Shinji.
„Der Kommandant wird es dir erklären.“ wich Misato ihm aus.
Sie traten in den Aufzug.
*** NGE ***
Rei Ayanami sah nur verschwommen.
Alles war Schmerz...
Die Leuchtkörper unter der Decke jagten dahin, schienen zu einem einzigen zu verschmelzen.
Dumpf erinnerte sie sich, daß sie sich auf einer Trage befand.
Undeutlich drangen die Stimmen der Sanitäter und Ärzte an ihr Ohr, welche die Trage scho-ben, oder neben ihr herliefen.
„Vermutlich Milzriß.“ - „Mehrfach gebrochener Arm.“ - „Gehirnerschütterung.“ - „Hoher Blutverlust...“
Jemand drückte ihr eine Sauerstoffmaske auf das zerschrammte Gesicht.
Das Atmen fiel ihr etwas leichter, schmerzte aber immer noch.
„Verdacht auf mehrere gebrochene Rippen.“ - „Die Kleine hat nur knapp überlebt.“ – „Selbst bei ihrer Konstitution wird es Wochen dauern, bis“
Die Trage rumpelte über eine Türschwelle, der eigentlich schwache Ruck schickte eine Welle von Schmerz durch ihren Körper.
„OP ist bereit!“ - „Blutkonserven...“
Abrupt wurde die Trage gestoppt.
Rei Ayanami stöhnte unterdrückt vor Schmerz auf.
„Pilotin Ayanami kann noch nicht in den OP gebracht werden.“ erklärte die Stimme eines älte-ren Mannes. „Sie muß möglicherweise noch einmal in den
Einsatz.“
„Sir, das...“ setzte einer der Ärzte an. „Das ist unverantwortlich - sie hätte gar nicht erst aus ihrem Krankenbett geholt werden dürfen!“
Das Gesicht eines grauhaarigen Mannes schob sich in Reis Blickfeld.
„Rei, das Third Children ist eingetroffen, aber der Kommandant ist nicht sicher, ob es auch be-reit ist. Du mußt vielleicht noch einmal raus, verstehst du?“
Sie hob langsam den Arm, der weniger schmerzte, entfernte die Sauerstoffmaske. Sofort glaub-te sie wieder, flüssiges Feuer zu atmen.
„Ja, Subkommandant... verstehe...“
„Es tut mir leid, Rei.“
„... ist... meine... Pflicht...“
Der ältere Mann nickte, wandte sich dann wieder den Medizinern zu.
„Geben Sie ihr etwas gegen die Schmerzen. Aber sie darf nicht einschlafen.“
„Ja, Subkommandant Fuyutsuki.“ murmelte einer der Umstehenden. Die Art, wie er den Na-men des Mannes betonte, wirkte, als meinte er in Wirklichkeit den Leibhaftigen...
*** NGE ***
Mit wuchtigen Schlägen und Tritten bearbeitete Asuka Soryu Langley den Sandsack vor ihr.
Das rothaarige Mädchen trug einen Trainingsanzug und Kickbox-Handschuhe und -Fußbe-kleidung, der Anzug wies an Nacken und Achseln große Schweißflecken auf, ihr ebenfall
ver-schwitztes Haar wurde von einem Stirnband zurückgehalten.
Jeder ihrer Schläge war Ausdruck der Wut, die in ihr steckte.
Heute war der Todestag ihrer Mutter, sie war gerade vom Besuch am Grab Kyoko Soryus zurückgekehrt, den sie in Begleitung ihres Vaters gemacht hatte, so wie er darauf bestanden hatte. Und
natürlich war seine zweite Frau dabeigewesen, die es glücklicherweise längst aufge-geben hatte, von Asuka ´Mutter´ genannt werden zu wollen, dabeigewesen.
Jetzt befand sie sich im Ausbildungszentrum des deutschen NERV-Zweiges in der Arkologie von Wilhelmshaven und baute ihren Frust ab.
Selbst nach all den Jahren versuchte ihr Vater immer noch, wenn ihm der Sinn danach stand, eine Verbindung zu seiner Tochter aufzubauen, auch wenn er inzwischen Asukas Patentante die
Vormundschaft über das Mädchen übertragen hatte.
Mittlerweile schmerzten ihre Hände von den Schlägen, doch sie machte mit zusammengebisse-nen Zähnen weiter.
An jenem Tag, an dem ihre Mutter sich erhängt hatte, war sie vom MARDUK-Institut als Pi-lotin eines EVANGELIONs ausgewählt worden, das Training war ihre Art gewesen, den Tod der Mutter
zu verdrängen. Doch unterschwellig waren all die Gefühle noch vorhanden, Wut, Enttäuschung, Haß...
„Asuka.“
Die Stimme riß sie aus ihrem tranceartigen Zustand.
Sie ließ die Fäuste sinken, drehte sich langsam um.
Ihre Augen leuchteten auf, als sie den hochgewachsenen dunkelhaarigen Mann sah, der neben der Eingangstür stand, einen unrasierten Japaner mit Drei-Tage-Bart. Er wirkte ungewohnt ernst.
„Kaji!“ rief sie und wollte auf den ihr zugeteilten Sicherheitsexperten zulaufen, stoppte aber, als sie seiner ernsten Miene gewahr wurde.
„Kaji, was ist?“
„Dein Onkel hat gerade angerufen - deine Tante wurde ins Krankenhaus gebracht.“
Asuka wurde blaß.
„Was ist mit Tante Ann?“
„Asuka, sie ist krank, sehr krank...“
*** NGE ***
Der Mann saß mit vorgebeugtem Oberkörper auf einem Plastikstuhl auf dem Krankenhausflur, das Gesicht in den Händen verborgen. Gekleidet war er in einfache Jeans und ein karierte
Hemd, neben ihm lag achtlos hingeworfen eine leichte Jacke. Er hatte schwarzes Haar und kantige Gesichtszüge.
Und er wünschte, imstande zu sein, weinen zu können...
Schritte kamen den Gang hinab.
Er sah auf, sah Kaji und Asuka auf ihn zukommen. Das Mädchen trug noch immer den ver-schwitzten Trainingsanzug.
„Onkel Wolf, was ist geschehen?“ rief Asuka und beschleunigte ihre Schritte. „Wo ist Tante Ann?“
Er deutete auf die Tür, neben der er gewartet hatte.
„Sie untersuchen sie noch... Asuka, deine Tante liegt im Koma. Sie hat... sie hat...“
Er preßte die Lippen zusammen, ansonsten wirkte sein Gesicht seltsam unbeweglich.
„Es ist ein Gehirntumor... inoperabel“
„Nein...“
„Sie wußte es schon seit einiger Zeit, aber...“
„Mein Mitgefühl, Commander Larsen.“ murmelte Ryoji Kaji.
„Danke, Major Kaji.“ erwiderte der Mann dumpf, ohne den anderen anzusehen.
Schweigend warteten sie.
Das Erscheinen eines weiteren Mannes unterbrach die Stille, doch es war keiner der Ärzte, nie-mand, der etwas über den Zustand Ann Larsens aussagen konnte, sondern ein Mann in grauem
Anzug, schütterem ergrautem Haar und ungesund gelbstichiger Gesichtsfarbe, der einen star-ken Nikotingeruch mit sich brachte.
„Commander Larsen, endlich finde ich Sie.“
„Sir, kann das nicht...“
Der andere schüttelte den Kopf.
„Tut mir leid, das kann es nicht. In Tokio-3 ist ein Engel aufgetaucht.“
Seine Mimik veränderte sich unmerklich, wurde noch mehr zu einer starren Maske.
„Oh, verdammt... und was tut NERV?“
„Die UN-Truppen sind weltweit in Alarmbereitschaft, das gleiche gilt für sämtliche ODIN-Agenten. Wir haben versucht, Sie zu erreichen, aber Ihr Handy...“
„Ich habe es abgestellt.“ antwortete Larsen ohne Gefühlsregung. „Es beginnt also... was ist nun mit NERV?“
„Die UN hat NERV das Oberkommando über die Aktion zugewiesen, nachdem auch der Ein-satz einer N2-Miene keinen Erfolg gebracht hat. Der EVANGELION-Prototyp ist im Nah-kampf hoffnungslo
unterlegen.“
„Also werden sie EVA-01 einsetzen, das Testmodell... wissen Sie inzwischen näheres?“
„Nein, noch nicht, keine Ahnung, weshalb unsere Freunde immer derart unruhig werden, so-bald sie über Einheit-01 sprechen.“
„Und Asuka?“
„Man wird sie wahrscheinlich in Bälde anfordern.“
Larsen senkte den Kopf.
„Ich will sie nicht auch noch verlieren...“