Unter der Führung Ritsuko Akagis erreichten sie sehr bald eine gewaltige Halle, die Shinji an einen großen Wassertank erinnerte, denn anstelle auf festem Boden bewegten sie sich nun
über mehrere miteinander verbundene Stege zwischen seltsamen Käfigkonstruktionen, die größten-teils in einer leicht rötlichen Flüssigkeit versenkt waren.
Und schließlich standen sie einem weiteren Riesen gegenüber, nur befand dieser sich völlig reglos bis zu den Schultern in der Flüssigkeit. Der Schrecken über die
plötzliche derart direkte Konfrontation mit dem Riesen fuhr Shinji in die Glieder, zugleich stellte ein Teil seines Den-kens völlig unkritisch fest, daß das Wasser - oder worum
auch immer es sich bei der Flüssig-keit handelte - recht tief sein müßte, während ein wiederum anderer Teil zu der Erkenntnis kam, daß dieser größtenteil
versenkte Gigant mit keinem der beiden von draußen identisch war.
Shinji blickte direkt in zwei große leblose Augen, der Riese schien einen Helm mit einem ein-zelnen Horn zu tragen, die dominierenden Farben an dem von ihm sichtbaren Teil waren Pur-pur und
Grün. Unterhalb des Helmes konnte Shinji ein kräftiges Gebiß erkennen.
Die Schultern verbargen sich unter massiv erscheinender Panzerung.
„Noch ein Roboter...“ keuchte der Junge.
„Eigentlich ist es kein Roboter“, erklärte Akagi in schulmeisterlichem Tonfall, „sondern eine von Menschenhand geschaffene Kampfmaschine auf der Basis eines kybernetisch
verstärkten biologischen Organismus - der Humanoid EVANGELION. Unser letzter Trumpf. Dies hier ist Einheit-01, das Testmodell. Du hast draußen den Prototypen gesehen.“
„Ich... ah... ja... Der Engel hat ihn...“
„EVA-00 wurde schwer beschädigt, das ist korrekt, aber sein Einsatz hat uns die nötige Zeit verschafft.“
„Gehört... gehört das alles hier auch zur Arbeit meines Vaters?“
„So ist es.“
Es war keine der beiden Frauen gewesen, die ihm geantwortet hatte, sondern eine tiefe Män-nerstimme bar jeder Emotion.
Shinjis Blick wanderte nach oben. Dort, hinter einer Öffnung in der Wand, war die Silhouette eines Mannes vor hellem Lichtschein zu erkennen. Der Mann tat einen Schritt auf die Kante de
Beobachtungsdecks zu, so daß Shinji ihn erkennen konnte.
„Es ist lange her.“
„Papa...“ flüsterte der Junge.
Gendo Ikari verzog keine Miene, seine Augen wirkten kalt, während er seinen Sohn fixierte.
„Shinji! Hör gut zu, was ich dir jetzt sage: Du wirst in diese Maschine einsteigen und gegen den Engel kämpfen...“
Shinji glaubte, einen Faustschlag in die Magengrube erhalten zu haben.
Das konnte sein Vater nicht ernst meinen...
Sein Unterkiefer klappte herunter.
„Was...?“
„Warten Sie, Kommandant!“ rief Misato Katsuragi, die nicht weniger überrascht zu sein schien. „Er ist gerade erst angekommen, er ist völlig untrainiert - selbst Rei
hat über ein halbes Jahr gebraucht, um überhaupt Minimalsynchronisation zu erreichen!“
„Er muß nur einsteigen, mehr verlange ich nicht.“
Der ältere Ikari sprach von seinem Sohn in einem Tonfall, als wäre dieser gar nicht anwesend.
„Aber...“
„Captain Katsuragi, muß ich Sie daran erinnern, daß der Kampf gegen den Engel absoluten Vorrang hat? Das Ziel: Satchiel konnte zwar durch den Einsatz der N2-Mine vorerst
gestoppt werden, ist aber bereits dabei, die Schäden zu regenerieren! Wir müssen einen Menschen in den EntryPlug setzen, dessen Synchronisation mit dem EVA zumindest möglich ist -
oder haben Sie eine andere Lösung?“
Misato biß sich auf die Lippe, senkte den Blick, fühlte sich klein und schwach unter dem kalt brennenden Blick des Kommandanten. Zögerlich blickte sie zur Seite, sah Shinji an,
bewegte lautlos die Lippen zu einem „Ich habe es versucht...“
Ritsuko Akagi schob Shinji auf eine Metalleiter zu.
„Also, komm her, Shinji...“
Shinji Ikari hatte Schwierigkeiten, das Gleichgewicht zu halten, zu stark zitterten seine Knie. Zugleich konnte er nur langsam verarbeiten, was sein Vater von ihm wollte, daß er ihn nach
all der Zeit nur zu sich gerufen hatte, um ihn als... Versuchskaninchen zu verheizen...
„Das... das kann nicht dein Ernst sein... ich kann... ich kann das nicht!“
„Oh, doch! Du bist geeignet, sogar besser als jeder andere Kandidat.“
„Warum?“
Unbewußt öffnete und schloß er die Faust wieder und wieder.
Noch immer zitterten seine Knie. Sein Herz raste. Seine Lippen bebten.
„Ich verstehe das alles nicht!“ schrie er ohne zu seinem Vater aufzusehen, ohne ihm in die kalten Augen zu blicken, die fast so sehr spiegelten wie die dunkle Brille, welche er sonst
immer bei ihren Begegnungen getragen hatte.
„Ich verstehe nicht!“ wiederholte er, rang nach Atem.
„Das mußt du auch nicht. Steige ein und kämpfe!“
Bei Gendo Ikari klang dies fast so, als fordere er seinen Sohn auf, den Müll ´rauszutragen.
Shinji sah wieder in die leblosen Augen des Wesens namens EVANGELION und eine tiefe kreatürliche Angst überkam ihn. Der Riese kam ihm bekannt vor, erweckte die schlimmsten Erinnerungen
seiner Kindheit zu neuem Leben. Um keinen Preis der Welt würde sich diesem... Ding auch nur weiter nähern!
Und das sagte er seinem Vater auch:
„Nein, ich... ich will nicht! Ich kann das nicht... ich werde... ich werde auf keinen Fall einstei-gen!“
Sein Herz pochte sogar noch schneller. Eine eiserne Klammer schien um seine Brust zu liegen.
Eine Antwort blieb aus, sah man von dem eisigen Blick ab, den der Vater auf seinen Sohn rich-tete.
„Hast du mich nur deshalb hergeholt? ... - Damit ich sterbe? ... - Damit du mich endgültig los bist?“
Wieder herrschte erdrückendes Schweigen.
Dann antwortete der Mann über ihnen.
„Wenn du es nicht tust, wird die Menschheit ausgelöscht. Unser aller Leben hängt von dir ab!“
„Nein! Ich... ich glaube das... nicht! Ich will nicht!“
Mittlerweile liefen Tränen über Shinjis Wangen.
Die Temperatur in der gewaltigen Halle schien zu fallen, während Gendo Ikari auf seinen Sohn herabsah.
„Gut. Ich habe verstanden... Du kannst gehen, einen wie dich kann ich nicht gebrauchen, du bist nur ein nutzloser Feigling, der meine Zeit vergeudet.“
Shinji preßte die Lippen zusammen.
Feigling...
Sein Vater hatte ihn nie verstehen wollen, es nie versucht...
Feigling...
Und doch traf ihn dieses eine Wort mit unvorstellbarer Zielgenauigkeit mitten ins Herz, ließ nicht zu, daß er Erleichterung verspürte, nicht in die menschenähnliche Maschine
steigen zu müssen, erlaubte nicht einmal den Hauch von Befriedigung, ihm gegenüber seinen Willen durchgesetzt zu haben.
Gendo Ikari drehte sich halb um, wandte sich einem Monitor des Interkomsystems des Stütz-punktes zu.
„Fuyutsuki, bring Rei.“
„Ihr Zustand ist kritisch, die Verletzung sind teilweise wieder...“
„Sie ist noch nicht tot, oder?“
„Nein.“
„Dann schick sie mir!“
Der ältere Mann am anderen Ende der Verbindung nickte nur, seinem Gesichtsausdruck war anzusehen, daß er nur mit schwerem Herzen handelte.
Ritsuko Akagi trat von Shinji zurück, warf ihm einen Blick zu, mit dem man einen Haufen Ex-kremente begutachtet, in welchen man gerade hineingetreten ist, ehe sie die Metalleiter hinauf-lief
und in Richtung eines großen Plexiglasfensters, hinter dem sich undeutliche menschliche Umrisse bewegten, rief: „Schreibt das Betriebssystem wieder auf Rei um! Schnell, wir haben
schon genug Zeit verloren!“
Shinji stand nur da, den Oberkörper vorgebeugt, die Hände gegen die Oberschenkel gepreßt, und gab undeutliche schluchzende Geräusche von sich.
Misato Katsuragi legte ihm beruhigend die Hand auf die Schulter, erzielte aber keine Reaktion.
Diese trat allerdings ein, als zwei Männer in Ärztekitteln im Laufschritt eine Rolltrage herein-schoben, auf welcher ein Mensch lag, ein zerbrechlich wirkendes Mädchen in Shinji
Alter mit blasser Haut und blauem Haar. Es trug einen hauteng wirkenden weißen Anzug mit tiefblauen Absätzen, bei dem die Ärmel und ein Bein fehlten. Beide Arme waren verbunden,
der eine ein-schließlich der Schulter, während der andere zusätzlich in einem dicken Gips steckte. Ebenfalls verbunden war das Bein vom Oberschenkel bis zum Fuß. Eine
weitere Bandage war um ihre Stirn gewickelt, bedeckte dabei das linke Auge. Das andere starrte trüb vor Schmerz zur Dek-ke, es hatte eine tiefrote Farbe.
„Das...“ flüsterte Shinji leise, konnte den Satz aber einfach nicht vollenden.
Er hatte das Mädchen wiedererkannt, er hatte es bereits gesehen, vorhin auf dem Bahnsteig... vorhin... oder vor einer Ewigkeit...
Gendo Ikari ignorierte seinen Sohn vollkommen, sprach das Mädchen auf der Trage an, aus dessen Arm einer der begleitenden Mediziner gerade die Infusionsnadel entfernte.
„Rei... Wir können deinen Ersatzmann nicht gebrauchen... Du mußt noch einmal ´raus.“
Diesesmal klang seine Stimme nicht kalt und fordernd, stattdessen schwang in ihr sogar ein Hauch von Sorge mit.
Das Mädchen bewegte die Lippen, preßte ein „Gut“ hervor, ballte die Rechte zur Faust, ver-suchte dann, sich aufzusetzen und von der Trage aufzustehen. Der Versuch
scheiterte schon im Ansatz, sie schaffte es gerade, sich auf die Seite zu drehen.
Ihre Finger gruben sich in den Bezug der Trage, sie biß die Zähne zusammen, verschluckte ei-nen Schmerzensschrei, als sie glaubte, etwas in ihrem Inneren würde zerreißen.
Auf ihrem ver-zerrten Gesicht stand eine dicke Schweißschicht, durch welche heiße Tränen tiefe Bahnen gru-ben.
Shinji stand nur da und blickte sie an, konnte keinen Muskel rühren.
Der Anblick des Mädchens, welches um jeden Zentimeter kämpfte, während die beiden Medi-ziner nur teilnahmslos neben der Trage standen, fraß sich tief in sein Herz und sein
Denken.
Dieses Mädchen sollte für ihn kämpfen, obwohl es nicht einmal im Stande war, allein aufzuste-hen... In diesem Moment fühlte er sich wirklich wie Abschaum, wollte sich zu
seinem Vater hin umdrehen, als die Halle erzitterte. Shinji blickte zur Decke hinauf, ebenso Misato und Gendo.
Wieder wurde die Halle erschüttert, diesesmal heftiger.
Etwas krachte.
„Er... er will durchbrechen...“ vermutete Misato und meinte damit den Engel an der Oberflä-che.
Weitere Erschütterungen folgten, heftiger und rascher hintereinander.
Shinji bemerkte, daß die Mediziner eilig die Halle verließen, während das blauhaarige Mädchen immer noch versuchte, sich von der Trage zu schieben.
Die Trage wackelte heftig unter den Erschütterungen, schien auf dem Steg tanzen zu wollen, stürzte dann um.
„Vorsicht!“ brüllte Shinji im gleichen Moment und löste sich - endlich - aus seiner Erstarrung, lief zu dem Mädchen hinüber, welches nun auf dem Boden lag und
einen Schmerzenslaut nicht mehr unterdrücken konnte. Dennoch versuchte es sich weiterhin aufzusetzen, was ihm auch halbwegs gelang, bevor es kraftlos zurücksackte - genau in Shinji
Arme.
Er starrte in ihr Gesicht, während ihn eine weitere Erkenntnis überkam - der Name des Mäd-chens war Rei, und genau mit diesem Namen hatte Misato den anderen EVANGELION ange-feuert
- also mußte das Mädchen, dessen Gesicht eine einzige Maske von Schmerz war, das ihn nicht einmal wahrzunehmen schien, der Pilot gewesen sein...
„Shinji...“ zögerlich näherte sich ihnen Misato Katsuragi. „Shinji, wir brauchen dich! Du mußt...“ Sie schluckte. „Shinji, du wußtest,
daß es kein freudiges Wiedersehen mit deinem Vater werden würde, oder? Willst du seine Worte einfach so hinnehmen? Wenn du nicht handelst, dann muß... dann wird Rei einsteigen...
Bist du wirklich ein solcher Feigling?“
Shinji antwortete nicht.
„Lassen Sie ihn, Captain.“ befahl Gendo Ikari, bevor er sich an seinen Sohn wandte. „Shinji, wenn du gehen willst, dann verschwinde endlich!“
Langsam hob Shinji den Blick, traf den seines Vaters, wollte ihn zur Hölle wünschen, als ein Teil der Deckenkonstruktion herunterkam...
*** NGE ***
Shinji sah die fallenden Trümmer und handelte instinktiv, indem er sich schützend über das blasse Mädchen warf.
Doch der erwartete Schmerz, die Treffer, mit denen er gerechnet hatte, beides blieb aus.
Er blickte nach oben, dorthin, wohin auch ein völlig überraschte Misato Katsuragi blickte, wel-che gerade langsam die schützend über den Kopf gehobenen Arme wieder sinken
ließ.
Wie ein schützendes Dach schwebte über ihnen der Unterarm des EVANGELIONs, der die Trümmerstücke abgelenkt hatte. Vom Arm baumelten noch Teile der Käfigkonstruktion,
wel-che ihn in aufrechter Stellung hielten.
„Das... das...“ haspelte Misato. „Er hat reagiert, obwohl er gar keine Energie hat... wie ist das...“
Shinjis Aufmerksamkeit wurde von dem Mädchen in seinen Armen in Anspruch genommen, das ein dumpfes Stöhnen von sich gab und ihn jetzt direkt ansah, Reis nicht verbundenes Auge war klar
und wach.
„Bist du... bist du in Ordnung?“ fragte Shinji und hätte sich im nächsten Moment mit der Hand gegen die Stirn schlagen können. Natürlich war sie nicht in Ordnung.
Nichts war in Ordnung!
Ihre Lippen zitterten, im nächsten Moment wurde ihm klar, daß sie etwas sagte: „Ikari... Shinji Ikari...“
Er blinzelte heftig.
Sie kannte seinen Namen... woher?
Ehe er sie fragen konnte, spürte er, wie ihr Körper in seinen Armen erschlaffte, zugleich spürte er klebrige Nässe an der Hand, mit der er ihren Rücken stützte.
Langsam zog er die Hand hervor, stellte mit Entsetzen und aufsteigender Übelkeit fest, daß es sich um Blut handelte.
„Misato-san...“ flüsterte er.
Die Angesprochene warf den Kopf herum und eilte zu ihm.
Vorsichtig legte er Rei in ihre Arme.
„Sie... sie braucht einen Arzt, sofort...“
Dann richtete er sich langsam auf und sah seinen Vater an.
„Ich soll einsteigen?“
Er ballte die Fäuste derart fest, daß es schmerzte.
„Du willst es immer noch?“
Gendo Ikari gab keine Antwort.
„Gut, ich werde es tun...“
Damit wandte er sich ab und ging schlurfend und mit hängenden Schultern auf Ritsuko Akagi zu.
„Na also“, murmelte die Wissenschaftlerin. „Komm, ich erkläre dir das Steuerungssystem, wir haben nicht viel Zeit...“
Noch einmal blieb Shinji stehen, warf einen Blick zurück über die Schulter.
„... aber ich tue es nicht für dich...“
Den anderen Ikari schienen seine Worte nicht zu berühren, denn seine Mundwinkel zuckten zu einem kurzen triumphierenden Lächeln... als ob ihn das interessierte
1. Zwischenspiel:
„Meine Mutter ist tot, sie starb, als ich vier Jahre alt war. Mit meinem Vater habe ich wenig Kontakt, und das ist gut so. Ich lebe bei meiner Patin, Tante Ann, und ihrem Mann, Onkel Wolf.
Onkel Wolf ist mir all die Jahre ein besserer Vater gewesen, als mein Erzeuger je hätte sein können, deshalb schreibe ich über ihn und Tante Ann, anstatt über meine
Eltern.
Onkel Wolf arbeitet für ODIN, ODIN ist eine Organisation, die im Jahre 2003 zur Bekäm-pfung des Terrorismus gegründet wurde. Heute ist ODIN der wichtigste Geheimdienst der
Vereinten Nationen. Onkel Wolf gehört zu den Außendienstagenten, Tante Ann und ich hof-fen, daß er bald in den Innendienst versetzt wird, damit er mehr Zeit zuhause verbringen
kann. Wenn das Direktorium von ODIN zu dem Schluß kommt, daß ein böser Mensch dem Weltfrieden gefährlich werden kann, beauftragen sie Onkel Wolf und sein RABEN-Team, sich
der Sache anzunehmen. Er tötet den bösen Mann oder die böse Frau dann...“
Auszug aus einem als Hausarbeit verfaßten Aufsatz zum Thema „Was meine Eltern tun“ von Asuka Soryu Langley, Sommer 2007. Nichtüberarbeitete Erstfassung.