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Retelling a Story (Abzweigung 04)

Kapitel 04 - Die Bestie

Geschrieben von Ulrich Alexander Schmidt

Legal Boilerplate:
Sämtliche Fehler in der Charakterisierung sind ganz allein mir selbst zuzurechnen.

Dieser FanFic enthält:
Spoiler, endlose langweilige Dialoge, Warm and Fuzzy Feelings, Asuka in Bestform, Sex, Drogen und sinnlose Gewalt

Ach ja, dies ist die FSK 16 - Version !
Nein, es gibt keine anderen Versionen.

Alle Figuren, die nicht Eigentum von GAINAX sind, sind frei erfunden, jede Ähnlichkeit mit lebenden, toten oder sonstigen Personen ist unbeabsichtigt und daher rein zufällig. Mich verklagen zu wollen, würde nichts bringen, schließlich habe ich kein Geld
Zu riesigen Problemen essen Sie bitte die Packungsbeilage und fragen Sie den Arzt Ihres Apothekers.

Es war eng in der Steuerkapsel des EVANGELIONs, sie war ausgefüllt mit Monitoren und ei-nem einzelnen Sitz, von dem aus man Zugriff auf die Steuerung hatte. Für Shinji war gerade ausreichend Platz, um sich in den Sessel zu schieben, ohne größere Verrenkungen zu unter-nehmen.

Als er in dem Sessel Platz genommen hatte und seine Hände die pistolengriffartigen Steuerele-mente umfaßten, fühlte er sich plötzlich ganz ruhig, war die Angst verflogen, hatte dem Willen Platz gemacht, es seinem Vater zu zeigen, ihm zu beweisen, daß er sich irrte, daß er kein Feig-ling war, daß er kein Recht hatte, ihn so zu nennen... Sicher würde er das einsehen, wenn er für ihn gegen den Engel kämpfte...

Engel...
Wie konnte man nur auf eine solche Bezeichnung kommen?
Jeder, der das dunkle Wesen bei seinem Marsch auf die Stadt gesehen hatte, konnte es nur für einen Dämon halten, ein Ungeheuer, das einem Alptraum entsprungen war...

Ein Rucken verriet, daß die Kapsel bewegt wurde, zugleich erhellte sich ein kleiner Bildschirm seitlich des Hauptmonitors, einer von insgesamt sechs, das Bild zeigte Ritsuko Akagi zusam-men mit der Bildunterschrift: NERV-Kommandozentrale. ComLink Aktiv. Live-Übertragung.
„Der Plug wird jetzt in den Steuernerv des EVA eingeführt.“

Shinji nickte nur, starrte an ihr vorbei auf den immer noch dunklen Hauptbildschirm.

Der Sitz mitsamt der Steuerung bewegte sich leicht, paßte sich dem neuen Winkel der Kapsel an. Ein letzter Ruck, das Geräusch schließender Verankerungen und der EntryPlug hatte seine neue Position eingenommen.

Noch war der Bildschirm dunkel.

Akagis Gesicht war nicht mehr der Kamera zugewandt, sondern irgendwelchen Anlagen im Hintergrund.
Eine junge Frauenstimme meldete, daß die Fixierung des Plugs abgeschlossen war.
Akagi nickte.
„EntryPlug fluten!“

„Ah...“ setzte Shinji zum Protest an. Fluten - das klang gar nicht gut, das klang in seinen Ohren überhaupt nicht gut, zumal plötzlich aus dem Bodengitter eine klare, wenn auch leicht rötlich schimmernde Flüssigkeit aufzusteigen begann.
„Was... ich... wollt ihr mich ertränken?“ schrie er, der erneut erwachenden Panik nachgebend.

„Keine Angst“, kam es ruhig von Akagi, die nicht einmal auf den Bildschirm sah, „wenn deine Lunge mit LCL gefüllt ist, kann sie den Sauerstoff direkt aus der Flüssigkeit aufnehmen.“

Wieder setzte Shinji zum Protest an, schließlich hatte niemand etwas gesagt, daß er irgendwel-che Flüssigkeiten atmen sollte - außerdem war er kein Fisch, wie sollte er diese klare Brühe at-men können, das war doch völlig unmöglich! Doch die schnell ansteigende Flüssigkeit schlug über seinem Kopf zusammen.

Prustend versuchte er, den Kopf über Wasser zu halten, aber da machte ihm der Kreuzgurt ei-nen Strich durch die Rechnung, der ihn an den Sitz fesselte.
Shinji konnte nicht schwimmen, hatte es nie lernen wollen, sein stärkster Kontakt mit Wasser fand in der Badewanne statt - und eine der Sachen, die er am meisten haßte, war es, mit dem Kopf unterzutauchen.
Doch ihm blieb keine andere Wahl...

„Halt durch! Du gewöhnst dich schnell daran!“ versuchte Misato ihm Mut zu machen, welche Akagi zur Seite geschoben hatte.

Shinji blähte die Backen auf.
Kleine Luftblasen quollen ihm aus Mund und Nase.
Seine Lungen schrien förmlich nach Sauerstoff, zugleich fingen seine Augen an zu brennen.
Und schließlich gab er nach, konnte den Atem nicht länger anhalten, ergab sich den seiner An-sicht nach ertränkenden Wassermassen.
Die von Ritsuko Akagi als LCL bezeichnete Flüssigkeit drang ihm in den Mund, flutete Nase und Mundhöhle.
Er würgte, wollte die Flüssigkeit ausspucken, hatte einen Geschmack wie von alter feuchter Pappe im Mund... konnte atmen...
Der erste Atemzug geschah geradezu unbemerkt, der zweite machte ihm klar, daß er so schnell noch nicht sterben würde, daß die Flüssigkeit tatsächlich atembar war.

Nur mit halbem Ohr lauschte er den Durchsagen aus dem Kommandoraum.
„Steuerungsprogramm umgeschrieben.“ - „Hauptstromquelle angeschlossen, interne Akkus geladen!“ - „A-10 Nervenverbindungen geschlossen. Keine Komplikationen!“ - „Alle Primär-kontakte online.“ - „Synchronisationsfehler unterhalb von 0,3%!“

„Phantastisch...“ murmelte Akagi. „Und gleich auf Anhieb...“

Shinji spürte einen anwachsenden Druck in seinem Kopf, einen Druck, der sich direkt auf sei-nen Geist ausübte wie von einer Klammer. Er fühlte sich seltsam vergrößert, so als ob sein Körper plötzlich um ein Vielfaches gewachsen wäre, spürte nicht nur die LCL-Flüssigkeit, die seinen Körper, sondern auch den des EVAs bis zu den Schultern umgab, spürte das Metallgit-ter, auf dem der Koloß auf dem Boden der gefluteten Halle stand, spürte das Gewicht der Pan-zerung, spürte jeden einzelnen der Kontakte, wo der EVA noch mit dem Haltegerüst verbun-den war, Kontakte, die einer nach dem anderen gelöst wurden.
Der Hauptmonitor leuchtete auf, doch dies war eigentlich gar nicht nötig, denn Shinji glaubte, durch die Augen des EVAs zu blicken.

Es war atemberaubend, die Fülle an Eindrücken, die auf ihn einstürmte, unbeschreiblich.
Die Menschen im Testzentrum, die Techniker, die sich auf den verschiedenen Stegen befanden, alle wirkten wie Zwerge aus dem Blickwinkel des EVAs.

Auf dem ComLink-Monitor war deutlich zu erkennen, wie Misato Katsuragi schluckte. Dann erklärte sie mit fester Stimme: „Einheit EVANGELION-01, vorbereiten zum Start!“

Shinji spürte, wie unter ihm Maschinen anliefen, ein weiterer kleiner Monitor neben dem Hauptbildschirm, aber auf der anderen Seite als die ComLink-Monitore, verkündete in großen Lettern:
STARTVORBEREITUNGEN ABGESCHLOSSEN. ENERGIEVORRAT --:--:--

Die Segmente des Käfigs, der EVA-01 bisher gehalten hatte, öffneten sich.
Shinji fühlte sich angehoben, sah nach unten, sah durch die Augen des EVAs, daß dieser auf ei-ner Liftplattform aus dem großen LCL-Becken gehoben und schräg nach oben zu einem von mehreren senkrecht nach oben führenden Schächten transportiert wurde.

Versuchsweise ballte er eine Hand zur Faust, verfolgte, wie der EVA ohne Verzögerung seinen geistigen Befehlen nachkam.
Doch da war noch etwas...
Einen Moment lang hatte er das Gefühl, nicht allein in der Steuerkapsel zu sein, glaubte er, ei-nen huschenden Schatten wahrzunehmen.
„Mi-Misato-san...“ flüsterte Shinji, während seine Augen suchend hin- und herhuschten, ohne eine zweite Person in der Kapsel zu finden.

Katsuragi bemerkte seine Probleme nicht, denn sie blickte gerade zu Gendo Ikari hinauf, der von seinem höhergelegenen Kommandoposten aus das Geschehen in der Zentrale beobachtete.
„Sir, EVA-01 befindet sich in Gate 5 auf Stand-by. Starten?“

„Natürlich.“ erklärte der ältere Ikari, der mit gefalteten Händen hinter seinem Tisch saß, die El-lenbogen auf die Platte gestützt, und durch seine dunkle Brille über den Grat seiner Fingerknö-chel blickte. „Wenn wir den Engel nicht vernichten, gibt es für uns keine Zukunft.“

Misato nickte, wandte sich den Wissenschaftlern und Offizieren zu.
„Start!“

Und EVA-01 schoß in die Höhe, der Oberfläche entgegen...

*** NGE ***


Shinji wurde von den entstehenden Andruckkräften in den Sitz gepreßt, die ihm sogar das LCL aus den Lungen drückten.
Der Bildschirm links neben dem Hauptmonitor zeigte ihm die rasch schrumpfende Entfernung zur Oberfläche und den in wenigen Sekunden meßbaren Zeitraum, den er für die verbleibende Strecke noch benötigte.

Dann endete der Höllenritt ebenso abrupt, wie er begonnen hatte, als EVA-01 aus einer riesi-gen Toröffnung, welche sich im Boden einer der von Bäumen gesäumten Hauptverkehrsadern von Tokio-3 geöffnet hatte, schoß.

EVA-01 stand aufrecht mitten in der nächtlichen Stadt, über ein Versorgungskabel an seinem Rücken erhielt er Energie, das Licht der Sterne reflektierte sich in seiner Rüstung - und etwas tiefer das Licht der Straßenlaternen, denn EVA-01 überragte die meisten Gebäude von Tokio-3

Leider galt letzteres auch für den Engel, dem der EVANGELION sich gegenübersah...

Shinjis erster Reflex, auf der Stelle kehrtzumachen und aus der Stadt zu flüchten, wurde von den letzten Sicherheitssperren vereitelt. Selbst jetzt, wo er sich auf einer Höhe mit dem dun-klen Giganten befand, wirkte dieser nicht minder furchteinflößend.

„Shinji, alles klar?“ drang Misatos Stimme aus dem in die Kopflehne integrierten Lautsprecher.

Dem Jungen liefen trotz der Tatsache, daß er sich völlig in der LCL-Flüssigkeit befand, dicke Schweißperlen über das Gesicht, als er nickte und ein „J-j-ja“ stammelte.

„Letzte Sperren lösen! EVANGELION-01: Lift off!“ kam es aus dem Lautsprecher. Und dann leiser, viel leiser: „Viel Glück, Shinji-kun...“

*** NGE ***


Durch die Augen des EVA starrte Shinji den Engel an, bei dem es sich laut Computermittei-lung auf dem taktischen Schirm unterhalb der Energieanzeige um ´Ziel: Satchiel´ handelte.

Der taktische Schirm war in viele kleine Felder unterteilt, von denen jedes eine andere Körper-partie des Engels in Vergrößerung zeigte, bei der es sich um einen Schwachpunkt handeln konnte.

Ebenso schien der andere ihn zu mustern, ihn einzuschätzen zu versuchen.

Längst stand der EVA nicht mehr so kerzengerade wie zu dem Zeitpunkt, als er den Schacht verlassen hatte. Nach dem Lösen der letzten Klammern hatte er ohne Shinjis Zutun den Ober-körper vorgebeugt und erinnerte von einer Haltung her jetzt eher an einen Affen als an einen Menschen.

In der Vergrößerung wirkte der Engel noch bedrohlicher, unterhalb des mitten auf der Brust befindlichen Vogelschädels war der Brustkorb geteilt, zwei dicke Knochen, die mit rippenarti-gen Querverbindungen versehen waren, umschlossen ein pulsierendes Etwas, welches der Computer mit dicken roten Symbolen markierte, demnach handelte es sich mit 63,8%iger Wahrscheinlichkeit um das Herz des Engels.

Seit Auftauchen des EVAs hatte sich der Engel nicht gerührt, stand nur da, dunkel, schwei-gend und furchteinflößend, schien auf eine Reaktion des anderen zu warten, war sich vielleicht sicher, auch mit diesem Gegner leichtes Spiel zu haben, so wie mit dem anderen in den Hügeln.

„Shinji“, meldete sich Misato wieder, riß den Jungen damit aus seiner Betrachtung des Engels, „Du mußt loslaufen!“

„Laufen?“ wiederholte Shinji.
Der ungewohnte Körper des EVAs schien zu schwanken, die veränderte Perspektive flößte ihm fast noch mehr Angst ein, als der Engel. Es war eine Sache, durch die Augen de Giganten zu blicken, ebenso wie es eine Sache war, einzelne Finger zu bewegen, oder eine Faust zu bal-len - aber laufen?
„Wie... wie mache ich das?“

Misato wechselte einen kurzen Blick mit Akagi, welche Shinji wahrscheinlich eine viel bessere und detaillierte Erklärung hätte geben können, sich aber zurückhielt, so daß der Captain impro-visieren mußte.
„Du brauchst es nur zu denken. Konzentriere dich und denke ´Laufen´!“

Shinji nickte abgehackt, kniff die Augenlider zusammen.
Laufen...
Keine Reaktion...
Laufen...
Etwas geschah!
Der EVA bewegte sich, hob einen Fuß an, setzte ihn vor, verharrte in dieser Haltung wie ein Sportler, der auf den Startschuß für ein Rennen wartet.
„Es... es klappt!“
Der EVA drückte das Bein durch, zog den anderen Fuß nach, setzte nun diesen vor, tat den nächsten Schritt.
Für Shinji war es fast unglaublich, es kam ihm vor, als wäre er selbst es, der gerade die ersten Schritte tat.

Doch noch mehr beeindruckt waren die beiden Frauen im Kommandostand, Misato Katsuragi und Ritsuko Akagi, die eine, weil sie tief in ihrem Inneren an einem Erfolg gezweifelt hatte, die andere au Befriedigung, daß ihre Schöpfung funktionierte wie geplant.

Der EVA tat einen Schritt nach dem anderen, wurde dabei immer schneller, aus schrittweisem Schleichen wurde ein normaler Gang, daraus ein zügiges Ausschreiten, welches zu einem schnellen Lauf wurde, in dem der EVANGELION auf seinen Gegner zuraste.

Shinjis Hände krampften sich um die Steuerung. Er fühlte sich außerstande, den EVA anzuhal-ten. Da war es wieder, das Gefühl, nicht allein zu sein, doch diesesmal äußerte es sich in einer Art Gedankenecho, das aus einer tiefen Schlucht zu kommen schien. Er fühlte Wut, Wut auf seinen Vater, die sich nun gegen den Engel richtete. Er fühlte Zorn, selbstzerstörerischen Zorn, der ihn den EVA weiter auf den Engel zustürmen ließ. Er spürte ein schier unglaubliches Ge-fühl von Freiheit, als er zwischen den Häuserreihen auf den dunklen Giganten zustürmte. Und er spürte Haß, unendlichen Haß, der sich in sein Denken fraß, Den Haß eines anderen auf alles Leben, der in diesem Augenblick zu seinem eigenen wurde, eine kalte Dunkelheit, die nach sei-nem Herzen zu greifen schien, die ihn Misatos Aufforderung abzuwarten, ignorieren ließ, ihn stattdessen noch schneller rennen ließ.
Er wollte den Engel besiegen. Er wollte ihn töten, nicht, weil er dadurch die Stadt retten konn-te, sondern weil er den Gegner verletzen, weil er ihn zerreißen wollte...

Ein lauter Wutschrei kam über seine Lippen, ein Kampfschrei, der eher zu einem urzeitlichen Vorfahren des Menschen gepaßt hätte, als zu einem vierzehnjährigen Jungen.

Die Entfernung zu dem Engel verringerte sich, nur nebenbei nahm er die taktischen Anzeigen wahr, ignorierte das rote Warnleuchten.
Jetzt war er fast auf Armeslänge heran, grub in seiner Vorstellung bereits die Finger in die Hautmembran, die das Herz des Engels überzog, um es ihm herauszureißen, um es... zu... ver-speisen... glaubte bereits, den Geschmack heißen Blutes auf den Lippen spüren zu können und das letzte pulsierende Zucken seiner Beute, die unter seinen Händen ihr Leben aushauchte...

Und wurde gestoppt, als er gegen das unsichtbare Schutzfeld prallte, welches den Engel um-gab.
Schützend riß Shinji instinktiv die Arme vor das Gesicht.
Der EVA kam aus dem Rhythmus, stolperte, stürzte seitlich an dem Engel vorbei.
Zugleich verlor die Verbindung zwischen Maschine und Piloten an Kraft, wurde Shinji sich wieder seines eigenen Körpers in der Steuerkapsel gewahr.

EVA-01 stürzte nach vorn, rührte aus eigener Kraft keinen Finger, um den Sturz abzufangen, während der Junge im EntryPlug noch völlig unter dem Bann dessen stand, was er eben erlebt hatte.
Der Sturz endete schlagartig, als der Engel zupackte und den EVA in die Höhe riß. Der Hauptmonitor zeigte kein vollständiges Blick mehr, da eine Pranke des Engels teilweise die Augen bedeckte. Mit einer Hand stemmte der Engel den EVA an der Kopfpanzerung nach oben, begann, Druck auf den Schädel auszuüben.

Shinji schrie auf, vermeinte, sein eigener Kopf befände sich in einer langsam zudrückenden Schraubzwinge. Ein greller Blitz erhellte den EntryPlug, als aus der Hand des Engels ein Ener-giestrahl schloß und in die Schädelpanzerung einschlug, blendete den Jungen.
Der taktische Bildschirm zeigte einen Schadensreport zusammen mit einer Darstellung der ent-sprechenden Region. Der Kopfschutz zeigte Risse...

„Lauf weg! Shinji, du mußt... Bitte, hör zu, lauf weg!“ schrie Misato.

Shinji wollte den Arm heben, wollte EVA-01 dazu bringen, den Arm zu heben, um gegen den Griff des Engels vorzugehen. Doch dieser bemerkte die ruckartige Bewegung und griff seiner-seits zu, packte den Unterarm des EVANGELIONs, brach ihn mit einer spielerisch anmuten-den Geste, als handelte es sich um einen dünnen Zweig.

Ein mentaler Schrei hallte in Shinjis Kopf wieder, der Schmerz des EVAs durchfuhr den Jun-gen, pflanzte sich durch dessen Körper fort, schien von seinem eigenen Arm auszugehen. Shinji war unfähig, die Hand zu bewegen, der ganze Arm schien in Flammen zu stehen, obwohl dem Arm nichts derartiges anzusehen war, glaubte Shinji zu spüren, wie gebrochene Knochen an-einanderrieben.
Und jetzt brüllte auch er vor Schmerz.

„Shinji, beruhige dich! Was er festhält, ist nicht dein Arm, es scheint dir nur so wegen der Syn-chronisation! Du mußt da weg!“

Shinji hörte sie, doch er verstand die Worte nicht, die Schmerzen bildeten eine Mauer um sei-nen Geist, welche Misato nicht durchdringen konnte.
Dann wurde es erneut hell im EntryPlug, als der Engel seinen Energieblitz einsetzte.
Der Junge glaubte, mit einem Vorschlaghammer gegen die Stirn getroffen worden zu sein, preßte jene Hand, in der er noch Gefühl hatte, deren Arm er noch bewegen konnte, gegen die Stirn.

EVA-01 wurde schlaff im Griff des Engels.
Und wie ein Kind, welches kein Gefallen mehr an seinem Spielzeug fand, schleuderte dieser den EVANGELION wie eine Puppe, deren Schnüre durchtrennt wurden, fort. Mit voller Wucht flog der EVA in ein Gebäude hinein, sackte in sich zusammen.

*** NGE ***


Einen Moment lang herrschte völlige Stille in der Zentrale.
Der Engel hatte die einzige, die letzte Waffe der Menschheit besiegt, ohne sich dabei sonder-lich anzustrengen...

Jemand begann leise zu beten, während ein anderer die Schadensmeldungen herunterrasselte, die über die Verbindung zum taktischen Computer der Einheit hereinkamen.
„Schaden am Kopfbereich. Art: unbekannt. Schwere: unbekannt. Stromkreise im linken Arm unterbrochen. Kontrollnerven gestört. Synchronrate fällt rapide. Zustand des Piloten im kriti-schen Bereich, Puls fängt an zu stocken. Lebenserhaltung ausgefallen. Keine Reaktion auf Steuerungssignale. Keine Reaktion auf versuchte Fernsteuerung durch MAGI. Signale werden abgelehnt. EVA-01 ist völlig still! Wiederhole: Zustand des Piloten kritisch. Keine Reaktion von EVA-01 auf Steuerungssignale!“

Misato hörte nur mit einem Ohr den Meldungen zu, für sie war die Lage bereits aus dem Bild auf dem gewaltigen, aus vielen Einzelbildschirmen bestehenden Monitor in der Kommandozen-trale ersichtlich, welches den regungslosen EVA-01 zwischen den Trümmern des Gebäudes, in welches er wie eine Bombe hineingeschlagen war, zeigte.
„Operation abbrechen! Der Einsatz ist gescheitert! Wir müssen versuchen, den Plug zu bergen! – Und eine weitere N2-Sprengkapsel muß“

Ritsukos wissenschaftliche Assistentin wandte sich ihr zu.
„Unmöglich, Captain! Der EVA reagiert nicht, er ist völlig außer Kontrolle!“

„Was?“
Dann sah sie es selbst...

*** NGE ***


EVA-01 bewegte sich!

Die gerade erst scheinbar für immer erloschenen Augen glühten auf, heller und kräftiger als zu-vor.
Die Kiefer öffneten sich, entblößten ein kräftiges Gebiß.
Dann stieß der EVANGELION einen langanhaltenden Schrei aus, der ebenso von Schmerz wie auch von Wut und Haß kündete.
Mit einer einzigen ruckartigen Bewegung richtete er sich auf. Der verletzte, zerquetschte und gebrochene Arm zuckte. Unter der Oberfläche schien sich etwas zu bewegen, dann fügte sich der Knochen von selbst zusammen, regenerierte sich der Schaden schneller, als das menschli-che Auge es verfolgen konnte.
Der nicht vom Helm verborgene Teil des Gesichtes von EVA-01 schien sich zu einem breiten Grinsen zu verziehen, als wollte der EVA seinem Gegner zeigen, daß er bereit war zur zweiten Runde...

Der Junge jedoch, welcher den Koloß eigentlich in den Kampf steuern sollte, saß teilnahmslos mit glasigem Blick in seinem Sitz, anstatt auf der Steuerung lagen seine Hände in seinem Schoß und zitterten unkontrolliert...

Der EVANGELION beugte sich vor wie ein tollwütiger Stier, senkte den Kopf mit dem Horn, und rannte los, als wollte er den Engel aufspießen.

Der Engel wandte sich ihm zu, schien durch seine Haltung zu signalisieren, daß er bereits war, den Angriff anzunehmen, schien Siegesgewißheit auszudrücken, schließlich hatte er den pur-pur-grünen Gegner doch gerade erst regelrecht ohne nennenswerte Gegenwehr in den Boden gerammt.

Wieder raste EVA-01 auf seinen Gegner zu, schien dem gleichen Angriffsmuster zu folgen, wie beim ersten Mal.

Der Vogelkopf des Engels schien vor Erwartung leicht zu zittern, als der dunkle Riese sich leicht vorbeugte, um dem Ansturm des anderen besser begegnen zu können.

Doch unvorhersehbar für den Engel änderte der EVA seine Taktik, sprang plötzlich hoch in die Luft, flog, die zu Klauen gespreizten Finger seiner Hände voran, auf seinen Feind zu, Blutdurst in den Augen.
Wieder traf er auf das Schirmfeld des Engels, doch diesesmal prallte er weder ab, noch ließ er sich aus dem Takt bringen oder stürzte gar, diesesmal trieb er die Klauen direkt in da Feld hin-ein, schuf eine Lücke, die er kraftvoll erweiterte, indem er selbst ein ähnliches Feld projizierte. Dann hatte er die Barriere überwunden, griff den Engel selbst an.

Dessen Versuch einer Gegenwehr ging völlig in dem raschen, ebenso entschlossenen wie machtvollen Angriff des EVA unter. Mit einem kräftigen Tritt zerschmetterte EVA-01 das rechte Knie seines Gegners, so daß dieser zur Seite knickte und einen hellen zwitschernden Schmerzenslaut ausstieß, während der EVA selbst ein dumpfes Grollen von sich gab und noch einmal nachtrat, so als wollte er sich für die ihm zuvor zugefügten Schmerzen revanchieren.
Dann stieß er mit beiden Händen gleichzeitig zu, stieß sie in den Leib des Engels, stieß sie di-rekt in sein Herz.

Der Engel zuckte heftig, während die Hände des EVAs in seinem Inneren wüteten, warf sich mit einem letzten Kraftaufwand in die Höhe, schien seinen Gegner umarmen zu wollen, wäh-rend er zugleich von innen heraus zu leuchten begann.

Dann endete der so plötzlich von einem Ungleichgewicht zum anderen herumgeschwenkte Kampf in einer von einem Lichtblitz begleiteten Explosion...

*** NGE ***


Misato Katsuragi blickte wie gebannt auf den Bildschirm, beobachtete den Kampf des wieder-auferstandenen EVA-01 gegen seinen Gegner, nahm voller Überraschung die Regeneration de beschädigten Armes zur Kenntnis, wie auch Ritsuko Akagis Kommentar, daß Shinji eigentlich gar nicht der Lage sein dürfte, angesichts seiner kaum noch vorhandenen Synchronisation mit dem EVA irgendwelche Bewegungen, geschweige denn Kampfmanöver, zu vollziehen.

Dann prallte der EVA auf das Schirmfeld des Engels, noch immer übertrug der taktische Com-puter die gesammelten Daten zur Auswertung an den Hauptcomputer in den Eingeweiden des CentralDogma, dem Hauptquartier von NERV.

„Existenz des AT-Feldes bestätigt“, raunte einer der Brückenoffiziere, ein langhaariger noch recht junger Mann.

„Absolute Terror Field...“ murmelte Misato. „Der ultimative Schutzschild der Engel...“

„Captain, EVA-01 scheint... die Einheit baut ebenfalls ein AT-Feld auf!“

„Ritsuko?“

„Es stimmt, Misato... Und das ohne Training. Er baut ein AT-Felder mit dem des Engel gegen-läufiger Polarität auf!“

„Kann er... kann er das Feld des Engels durchbrechen?“

„Können? Er tut es bereits.“

Der Kampf näherte sich in rasender Eile dem Ende, EVA-01 schlug seinen Gegner regelrecht zusammen, stoppte jede Gegenwehr im Keim. Dann riß er ihm das Herz aus der Brust...

„Er hat den Kern des Engels separiert!“ - „Starker Energieanstieg festgestellt! MAGI warnen... - Der Engel hat eine Art Selbstzerstörung aktiviert!“

„Shinji, weg! Er sprengt sich selbst...“

Noch bevor Misato ihre Warnung beenden konnte, explodiert der Engel.
Erneut tobte eine Druckwelle durch die Straßen von Tokio-3, ließ Fenster zerbersten, entlaub-te und entwurzelte Bäume, brachte nahe Häuser zum Einsturz und atomisierte die nächstgele-genen. Dort, wo die beiden Giganten eben noch gegeneinander gekämpft hatten, tobte ein flammendes Inferno, die Flammen schlugen teilweise höher als die umliegenden Häuser.
Der mit dem städtischen Beobachtungssystem verbundene Hauptcomputer vermeldete einen Totalausfall der Kameras im betroffenen Block und schaltete auf weiter entfernte Geräte um.

„Oh, mein Gott... der arme Junge...“ flüsterte Misato.

Das Feuer wütete unkontrolliert, der Computer schätzte die Temperaturen im Zentrum, dort wo der Engel sich gesprengt hatte, vorsichtig auf hoch genug, daß selbst bester Stahl wie But-ter in der Sonne schmelzen würde.

Misato schluckte.
Sie hatten gesiegt... nein, der Junge hatte für sie gesiegt... doch das konnte er nicht überlebt haben...
Kurz blickte sie zu Kommandant Ikari auf, der immer noch nach vorn gebeugt an seinem Pult saß, immer noch über den Grat seiner gefalteten Hände auf das Geschehen hinabblickte. Seinem Gesicht war keine Regung zu entnehmen, kein Muskelzucken, weder Triumph über den Sieg, noch Bedauern über das Schicksal seines Sohnes.

„Captain Katsuragi...“ versuchte einer der Offiziere ihre Aufmerksamkeit zu erringen.

„Ja, Leutnant Hyuga?“

„Wir empfangen immer noch Signale vom taktischen Computer von Einheit-01... Der EVANGELION muß noch immer irgendwo in dieser Flammenhölle sein.“

„Wirklich?!“

„Misato, da!“
Ritsuko Akagi deutete auf den Bildschirm.

Ohne Anweisung zoomte die Kamera näher heran auf ein Objekt, das sich hinter der Flammen-wand bewegte, welches direkt aus der Hölle zu kommen schien.
Die Flammen brachen auf, wurden beiseite geschoben wie ein Vorhang von Geisterhand. Aus ihnen hervor trat EVA-01, dessen Haltung nur eines auszudrücken schien: Triumph!

Copyright of the Charakter by GAINAX / Text by Ulrich Alexander Schmidt