Die Wellen schlugen über ihm zusammen.
Shinji versank in den LCL-Massen, doch es war keine klare Flüssigkeit mehr, sondern eine ölige schwarze Brühe, in der undefinierbare Dinge schwammen und welche nach Fäulni
und Tod schmeckte.
Er konnte die Flüssigkeit herauswürgen, so wie es sein revoltierender Magen verlangte, doch sein Körper gehorchte ihm nicht mehr.
Er wollte mit panischen Bewegungen an die Oberfläche zurückgelangen, doch auch dies ge-lang ihm nicht.
Tiefer und tiefer sank er, verlor bald den letzten Lichtschimmer, der die Schwärze noch hatte durchdringen können, aus den Augen, verlor mit ihm jede Orientierung und
Zeitgefühl.
Oben wurde zu unten, schon bald wußte er nicht mehr, ob er noch sank oder vielleicht auf einer Störung aufwärts getragen wurde.
Dann veränderte sich etwas, es wurde heller!
Das mußte die Oberfläche sein...
Doch statt der erwarteten Rettung schälte sich nur ein einzelnes Objekt aus dem ewigen Dun-kel, es war ebenfalls völlig schwarz, schien auf eine gewisse Art sogar noch dunkler zu sein
als die Flüssigkeit, dabei aber von innen heraus zu leuchten.
In der Umgebung des Objektes verfärbte sich der schwarze Ozean blutrot.
Das Objekt hatte menschliche Ausmaße und Proportionen, schien auf Shinji zuzutreiben.
Konnte es vielleicht... ein Mensch sein?
Ein anderer Mensch, der ebenfalls in dieser Brühe festsaß...?
Dumpf erinnerte der Junge sich, daß er sich in der Steuerkapsel befunden hatte, daß er dort allein gewesen war... allerdings war in der Kapsel auch nicht genügend Platz für
einen sol-chen Ozean gewesen...
Jetzt konnte er Einzelheiten ausmachen - zwei Arme, zwei Beine, ein Kopf, ein Gesicht... das Gesicht!
Er kannte dieses Gesicht!
„Mutter!“ stieß er hervor.
Vor seinem geistigen Auge tauchte ein Erinnerungsfetzen auf, eine Erinnerung an das letzte Mal, daß er sie gesehen hatte, daran, wie sie noch einmal lächelnd über die Schulter
zurück-geblickt hatte, bevor sie die Kapsel bestiegen hatte... bevor sie gestorben war... bevor seine Welt zerbrochen war...
Das Wesen vor ihm hatte das Gesicht seiner Mutter! Es hatte ihre Augen!
„Mutter, ich bin es...“
Etwas geschah...
Die Gesichtszüge seiner Mütter gerieten in Bewegung, begannen zu zerfließen...
Die Haut löste sich auf, schwamm in staubigen Flocken davon.
Das Fleisch löste sich in dicken rasch verwesenden Brocken von den Knochen, enthüllte stäh-lerne Knochen, enthüllte ein anderes Gesicht...
Das Gesicht des EVAs...
Wo eben noch eine glatte Stirn gewesen war, wuchs jetzt ein einzelnes Horn, wo eben noch die gütigen Augen seiner Mutter gewesen waren, glommen jetzt dämonische Augen...
Shinji schrie...
Immer noch konnte er seine Arme und Beine nicht bewegen, immer noch näherte er sich dem Wesen, kam er dem Monstrum immer näher...
Es schien zu wachsen, wurde mit jedem Herzschlag größer und größer...
In der tiefschwarzen Haut des anderen bildeten sich weißglühende Linien, welche geometri-sche Muster formten. Aus der Brust schossen plötzlich schlangengleich zahllose Kabel,
wel-che auf Shinji zukamen, sich um ihn legten, ihn zu zerdrücken schienen, ihn fast völlig um-schlossen, ihn zu der Bestie heranzogen, auf die breite Öffnung zu, die sich in ihrer
Brust aufgetan hatte...
*** NGE ***
Japsend schoß Shinji Ikari in die Höhe, sah sich mit flackerndem Blick um.
Er befand sich nicht unter Wasser, weder in klarem, noch schwarzem oder blutrotem...
In seiner Nähe war auch kein Monster mit dem Gesicht seiner Mutter oder dem des EVANGE-LION...
Es gab nur ihn selbst, seinen keuchenden Atem und sein rasendes Herz, welches sich langsam beruhigte.
„Ein Traum... es war nur ein Traum...“ flüsterte er leise.
Jetzt endlich nahm er sich die Zeit festzustellen, wo er sich befand.
Er saß in einem Bett mit blütenweißen Laken, das Zimmer, in dem er sich befand, hatte alle Merkmale eines Krankenhauszimmers, vom Linoleumboden bis hin zum Geruch von
Desinfek-tionsmitteln. Der Raum hatte kein Fenster, ein rechteckiger Leuchtkörper unter der Decke er-hellte das Zimmer mit sterilem Licht, das einzige Möbelstück neben dem Bett war
ein Stuhl, auf dem ein zusammengefalteter Pyjama lag.
Erst jetzt stellte er fest, daß er nackt war. Jemand mußte ihm die Sachen ausgezogen haben...
Seine Haut juckte an den verschiedensten Stellen, eine Überprüfung ergab, daß eine leicht röt-liche Flüssigkeit eingetrocknet sein mußte, wahrscheinlich die
LCL-Flüssigkeit. Sie bildete kru-stige Flecken von einer Farbe, die etwas dunkler war als seine Haut. Unwillkürlich begann er sich nach einer Dusche zu sehnen.
Die Erinnerung an den Kampf kam wieder in ihm hoch.
Rasch betrachtete er seinen linken Arm. Seine Augen wurden groß, als er oberhalb des Hand-gelenkes dicke tiefrote Abdrücke wie von langen Fingern sah. Der Arm ließ sich aber ohne
Schmerzen bewegen, auch mit den Fingern gab es keine Probleme.
Vorsichtig taste er über seine Stirn, fühlte eine dicke schmerzhafte Beule.
Es war also real gewesen...
Aber an den Ausgang des Kampfes mit dem Engel fehlte ihm jede Erinnerung. Allerdings war die Tatsache, daß er noch am Leben war, wohl ein Zeichen dafür, daß er ihn besiegt hatte.
Sicherheit allerdings darüber würde er in diesem Krankenzimmer wohl kaum erhalten.
Der Raum hatte nur eine Tür.
Shinji holte noch einmal tief Atem, schüttelte dann kräftig den Kopf, um die letzten Erinnerun-gen an seinen Alptraum zu verbannen, bevor er schnell aus dem Bett kletterte, den Pyjama
er-griff und sich überzog. Unter dem Stuhl stand ein Paar Krankenhauspantoffeln in seiner Größe, in die er rasch schlüpfte.
Der Aufzug war in seinen Augen nicht optimal, aber immer noch besser, als nackt herumzulau-fen.
Langsam ging er zur Tür und zog sie auf.
Auf der anderen Seite lag ein Korridor, der sich nach links und rechts erstreckte. Auf hier gab es keine Fenster, sondern nur die kalten Leuchtkörper unter der Decke.
Shinji trat auf den Gang hinaus, sah in beide Richtungen.
An beiden Enden des Ganges waren breite Schwingtüren.
Von der einen Seite her kam eine Gruppe weißgekleideter Leute mit einer Rolltrage.
Shinji trat bis an die Wand, um sie durchzulassen.
Niemand sprach ihn an, niemand würdigte ihn eines Blickes, überhaupt war es seltsam still, sah man von den klappernden Geräuschen ab, welche die Trage von sich gab, und den
hastigen Schritten der Erwachsenen.
Auf der Trage lag das verletzte Mädchen aus dem Hangar... wie hieß sie doch gleich... Rei!
Als die Trage Shinji passierte, hatte er für eine kurze Sekunde Blickkontakt, konnte dem Ge-sicht des blauhaarigen Mädchens aber nicht entnehmen, ob es ihn wiedererkannte.
Wenigstens schien sie keine Schmerzen zu spüren.
Einen Augenblick lang spielte er mit dem Gedanken, der Trage zu folgen und jemanden anzu-sprechen, vielleicht sogar das blasse Mädchen, doch dieser Gedanke löste sich in Wohlgefallen
auf, als er sah, daß am anderen Ende des Ganges sein Vater stand.
Shinji stand stocksteif da, während Gendo Ikari ihn gar nicht wahrzunehmen schien.
Die Trage wurde auf der Höhe des NERV-Oberbefehlshabers gestoppt, er beugte sich vor, sagte etwas, das Shinji aufgrund der Entfernung nicht verstand. Das Mädchen drehte leicht den Kopf,
bewegte die Lippen.
Gendo Ikari sah auf, blickte zu Shinji hinüber, drehte sich dann abrupt um und ging... wie schon so oft.
Und wie jedesmal zerbrach etwas in der Brust des Jungen.
Kurz hatte er die Hoffnung gehegt, sein Vater würde mit ihm sprechen, ein paar Worte wech-seln, nur ein paar, ihm sagen, daß er kein Feigling war, daß er stolz auf ihn war,
daß...
„Kein einziges Wort...“ murmelte jemand hinter Shinji. „Wie gemein...“
Der Junge wandte sich um.
„Misato-san!“
Die junge Frau lächelte.
„Ich wollte dich abholen.“
„Ja.“
„Du hast keine schlimmen Verletzungen, nur ein paar blaue Flecken hier und da. - Und natür-lich diese dicke Beule auf der Stirn.“
„Ja... Ist... ist der Engel... habe ich es geschafft?“
„Du weißt es nicht?“
„Ich... nein... ich kann mich nicht erinnern.“
„Hm, vielleicht sollte Ritsuko dich noch einmal untersuchen... Ah, also, du hast den Engel be-siegt.“
„Dann... werde ich nicht mehr gebraucht?!“
„Shinji, das war nicht der einzige.“
„Es... es gibt noch mehr?“
Misato nickte nur.
„NERV hat dir hier im Hauptquartier ein Zimmer vorbereitet. - Du könntest natürlich auch bei deinem Vater wohnen, wenn...“
„Will er das denn?“
Misato blickte Shinji an, sah in dessen traurige Augen.
„Ich weiß es nicht.“ gestand sie.
„Ich komme wahrscheinlich allein besser zurecht.“ murmelte der Junge.
Misato sah ihn noch einmal an, sah ein menschliches Häuflein Elend, wo ein selbstbewußter Sieger hätte stehen sollen... aber wo hätte solches Selbstbewußtsein auch
herkommen sollen, wenn nicht einmal der eigene Vater ihm zu seinem Sieg gratulierte...
„Warte hier!“ entschied sie. „Ich hole deine Sachen aus der Reinigung. Und dann werde ich mich mit deinem Vater unterhalten! Wird nicht lange dauern!“
„Ahm...“
Sie deutete auf eine Reihe Plastikstühle an der Wand.
„Warten!“
„Ja.“ murmelte er, blickte ihr nach, bis sie durch die nächste Tür verschwunden war und schlurfte dann zu einem der Stühle.
*** NGE ***
Auf der anderen Seite der Welt, in einem großräumigen Büro im Hauptquartier des ODIN-Geheimdienstes in der Arkologie Wilhelmshaven, steckte Wolf Larsen gerade sein Handy
zurück in die Jackentasche.
„Und? Gibt es Neuigkeiten?“ fragte der ältere Mann, der ihn aus dem Krankenhaus geholt hatte.
„Nein, Sir. Sie ist immer noch nicht aufgewacht. Die Ärzte geben ihr keine große Chance mehr... vielleicht ist es besser so...“
Der grauhaarige Mann erhob sich aus seinem Sessel hinter seinem breiten Schreibtisch, ging um den Tisch herum und legte dem anderen die Hand auf die Schulter.
„Geben Sie nicht auf, das paßt nicht zu Ihnen. Wir haben Sie damals auch nicht aufgegeben.“
Larsen erwiderte nichts darauf.
Stattdessen machte er einige rasche Handbewegungen, auf welche der andere mit ebenso ra-schen Gesten zu antworten schien.
*Abhörgeräte?*
*Lüftungsschacht. Lampenschirm.*
*Kameras?*
*Keine.*
„Wolf, ich weiß, es kommt mehr als ungelegen - und glauben Sie mir bitte, ich habe versucht, Einspruch einzulegen - aber Sie haben einen neuen Auftrag.“
„Sir, ich kann jetzt nicht weg!“
*Wer?*
„Direktor Cedrick hat Sie und Ihr Team für diese Mission angefordert.“
*Himmelfahrtskommando.*
„Was für eine Mission?“
*Decker?*
„Aus einem militärischen Labor der Amerikaner ist ein neuartiger Nano-Virus verschwunden - mitsamt dem Entwickler.“
*Arbeitet an der Sache.*
„Verstehe. Was für ein Virus?“
„Einer von der Sorte, der binnen 24 Stunden eine Millionenstadt entvölkern kann. Hoch viru-lent, aber mit eingeschränkter Lebensdauer, eine taktische Biowaffe. Unsere
Nachforschungen haben ergeben, daß sich verschiedene Terrorgruppen für den Virus interessieren. Im kurdi-schen Bergland ist in einer guten Woche eine große Auktion
geplant.“
„Ja. Kann ich mir mein Kommando selbst zusammenstellen?“
*Weiß er es?*
„Natürlich.“
*Er ahnt etwas.*
„Gut. Ich werde sofort mit den Einsatzvorbereitungen beginnen.“
*Ich ebenfalls.*
*Ist Kaji sicher?*
„Ihnen stehen unsere besten Leute zur Verfügung, genau für solche Einsätze wurde ODIN gebildet.“
*Ja.*
„Ja, Sir.“
Larsen senkte den Blick.
„Versprechen Sie mir nur, daß ich informiert werde, wenn etwas geschieht...“
„Keine Sorge. Unsere besten Ärzte werden sich um ihre Frau kümmern.“
„Danke.“
Der Mann mit der gelbstichigen Haut kehrte hinter seinen Schreibtisch zurück und schob dem anderen eine Mini-Disk über den Tisch.
„Die Disk enthält alle verfügbaren Informationen.“
*Sie haben sich getroffen.*
Jede noch so kleine Geste, jede kurze Bewegung, sei es ein einzelnes Fingerglied, ein Finger oder die ganze Hand, alles hatte zusammen mit den gewechselten Worten eine eigene Bedeu-tung, die sich
nur den beiden Männern erschloß.
„Ich werde sie auf dem Flug nach Istanbul auswerten. Ich nehme an, der Auftrag umfaßt nicht nur, den Virus zurückzuholen, sondern auch den Wissenschaftler, sowie die Beseitigung
mög-lichst vieler Käufer.“
„Genau, Commander.“
„Haben wir Informationen, ob ein anderer Geheimdienst ähnliches plant? Ich möchte nicht schon wieder mit der NSA oder irgendwelchen Doppel-Null-Agenten des MI6 zusammenstos-sen,
das ganze Kompetenzengerangel ist irgendwo deprimierend.“
*SEELEs Reaktion auf den Sieg?*
„Uns ist nicht bekannt. Ich habe auch eine entsprechende Bitte an die Kollegen geschickt.“
*Zwiespältig. EVA-01 ist beschädigt.*
„Gut. Betrachten Sie den Auftrag als erledigt.“
*Geschieht ihnen recht.*
„Seien Sie vorsichtig. Sie wissen - wenn Sie oder ein Mitglied Ihres Teams getötet oder gefan-gen werden, wird die Organisation jede Kenntnis von Ihnen oder dem Einsatz
abstreiten.“
*Kann ich noch auf Sie zählen?*
Larsen trat an das breite Fenster des Büros seines direkten Vorgesetzten, blickte hinaus, sah auf die Grünfläche vor dem Gebäude, blickte dann schräg nach oben zum
Himmel, wo sich die Plexiglaskuppeldecke der Arkologie über Wilhelmshaven wölbte und das fast schon arktisch zu nennende Klima von der Stadt fernhielt.
„Das ist nicht die erste BlackOps, die ich leite.“
*Ich bin dabei.*
„Passen Sie trotzdem auf sich auf.“
*** NGE ***
Misato zögerte kurz, ehe an der Tür, hinter der Gendo Ikaris Büro lag, klopfte.
Plötzlich war sie sich gar nicht mehr so sicher, ob ihre Idee wirklich so gut war.
Dann klopfte sie dennoch an.
Es dauerte einen Augenblick, bis von drinnen ein „Herein“ kam, es klang nicht gerade freund-lich.
Misato preßte die Lippen zusammen, drücke das Kreuz durch und betrat Ikaris Büro.
Wie jedesmal raubte der Raum ihr den Atem - es war kein Raum, sondern eher ein Saal. Decke und Boden zeigten kabbalistische Zeichen und Symbole, an den Wänden hingen Tafeln mit Auszügen
aus verschiedenen religiösen Texten: hebräische Bibelzitate, arabische Suren aus dem Koran...
Und mitten in diesem Raum stand der mächtige hufeisenförmige Schreibtisch aus dunkler Ei-che, hinter dem Gendo Ikari residierte, die Ellenbogen auf die Tischplatte gestützt und ihr
in seiner typischen Körperhaltung entgegensah, einen Gutteil seines Gesichtes von den gefalteten Händen verborgen, während die Augen hinter der dunklen Brille nicht zu erkennen
waren.
Er war nicht allein, bei ihm war Ritsuko Akagi, welche Misato den Rücken zukehrte, als diese eintrat.
Noch einmal schluckte Misato, sie hatte das Gefühl, bei etwas zu stören.
„Captain?“ fragte Ikari nach einem scheinbar endlosen Moment des Schweigens. „Was führt Sie hierher?“
Misato wagte ein paar Schritte in das einschüchternde Büro hinein. Hätte man ein paar Wände eingezogen, hätte es genug Platz für eine zehnköpfige Familie zum
Leben geboten - mit einem eigenen Zimmer für jeden.
„Kommandant... es geht um Ihren Sohn.“
Auf Ikaris Stirn bildete sich eine leichte Furche.
„Was ist mit Shinji?“
„Ich nehme an, Shinji wird bei Ihnen wohnen, Kommandant?“
„Nein, Captain Katsuragi. Ich bin die Gesellschaft anderer nicht gewohnt, und er auch nicht.“
Misato Katsuragi blinzelte, wagte, dazu einen Kommentar abzugeben.
„Aber er ist Ihr Sohn...“
„In erster Linie ist er der Pilot von Einheit-01. Es ist besser so.“
Die Stimme des bärtigen Mannes deutete darauf hin, daß er dieses Thema nicht weiter zu dis-kutieren wünschte.
„Dann bitte ich um die Genehmigung, ihn bei mir aufnehmen zu dürfen.“
Ikaris Brauen wanderten nach oben, verrieten seine Überraschung.
„Sie wollen sich um ihn kümmern?“
„Er ist neu in Tokio-3, er kennt hier niemanden.“
„Hm... Ihr Vorschlag hat seine Vorteile, so können Sie ihn im Auge behalten.“
„Kommandant, ich...“
„Ich genehmige Ihr Ersuchen. Sie können ihn mitnehmen, wenn er aus dem Lazarett entlassen wurde. Doktor Akagi wird sich um die nötigen Unterlagen und Genehmigungen
kümmern.“
Ritsuko, die bisher unbeteiligt neben dem Schreibtisch gestanden hatte, zuckte heftig zusam-men, nickte dann.
„Danke, Kommandant.“
Katsuragi ging zwei Schritte rückwärts, aus irgendeinem Grund wollte sie dem Kommandanten hier, in der Höhle des Löwen, nicht den Rücken zuwenden. Doch dann zögerte
sie.
„Ist noch etwas, Captain?“
„Was ist mit Rei? Ich könnte mich auch um sie kümmern.“
Ikaris Stimme war eiskalt, verdeutlichte Misato, daß sie im Begriff war, mit beiden Händen bis zu den Schultern in ein Wespennest zu greifen.
„Rei ist nicht Ihre Angelegenheit. Sie können gehen, Captain Katsuragi.“
„Ja, Sir.“
Sie salutierte knapp, ehe sie das Büro mit einer Geschwindigkeit verließ, die nur sehr knapp nicht die Bezeichnung ´fluchtartig´ verdiente...
*** NGE ***
Shinji wartete immer noch dort, wo Misato ihn zurückgelassen hatte. Als sie ihn ansprach, blickte er auf.
„Hier.“
Sie reichte ihm seine Sachen, die sie wie versprochen aus der Reinigung geholt hatte, dann checkte sie den nächsten Raum ab.
„Da ist niemand drin, du kannst dich dort umziehen.“
Kommentarlos verschwand er in dem Zimmer, kehrte kurz darauf umgezogen zurück.
„Was jetzt?“
„Jetzt fahren wir zu mir.“
„W-wie?“
„Dein Vater hat gerade genehmigt, daß du bei mir einziehst, damit jemand dich besser im Auge behalten kann.“
Sie zwinkerte.
„Also, los, ich denke, das muß gefeiert werden, oder?“
„Ah... uhm... so ganz, ohne mich zu fragen?“
Sie verdrehte die Augen.
„Los, jetzt setz dich in Bewegung, oder willst du deinem vorgesetzten Offizier widersprechen?“
*** NGE ***
Misatos Wagen war in einem deutlich besseren Zustand als zu dem Zeitpunkt, als sie ihn nach der Ankunft im Hauptquartier in der Bahnstation zurückgelassen hatten, was sie freudestrahlend zur
Kenntnis nahm.
„Ich könnte die Mechaniker, die mein Baby wieder hergerichtet haben, küssen!“ verkündete sie, ehe sie sich hinter das Steuer schwang. An der Sonnenblende hing sogar
ihre Sonnenbrille, deren Bügel wieder geradegebogen waren. „Steig schon ein!“
Shinji saß noch nicht richtig auf dem Beifahrersitz, da gab sie schon Gas. Die Beifahrertür schlug beim Anfahren von selbst zu.
Zurück blieben zwei Mechaniker, die auf Misatos Worte hin freudestrahlend herbeigeeilt wa-ren, sich jetzt aber enttäuscht anblickten.
Der blaue Wagen fuhr durch einen langen kurvigen Tunnel, der schließlich an der Oberfläche am Stadtrand mündete. Anstatt in die Stadt hineinzufahren, fuhr Misato auf einer
Serpentinen-straße durch die Hügel.
Shinji blickte auf die Stadt. Die Schäden, die während des Kampfes entstanden waren, waren deutlich zu erkennen. Überall waren Konstruktionstrupps unterwegs.
„Misato-san...“
„Ja?“
„Uhm... Was ist mit dem Mädchen? Ich meine... äh... Rei...“
„Rei... Ach, du meinst Rei Ayanami, deine Kollegin... was soll mit ihr sein?“ fragte Misato aus-weichend. Die Reaktion des Kommandanten, als sie über Rei hatte sprechen wollen,
steckte ihr immer noch in den Knochen.
„Ja, uhm, was ich sagen wollte - wie geht es ihr?“
Misato seufzte.
„Sie kommt durch.“
„Ist sie schwer verletzt?“
Sie nickte.
„Aber das war nicht allein der Engel, die meisten - und schweren - Verletzungen stammten von einem Unfall vor ein paar Wochen.“
„Uhm... was ist zwischen ihr und... meinem Vater? Ich meine, ich habe gesehen, wie...“
„Ich weiß es nicht.“
Misato hob die Schultern. Dann wurde sie plötzlich knallrot.
„Äh... aber die beiden haben nichts miteinander, ich glaube, das dürfte sicher sein... ich meine, man kann über den Kommandanten wohl einiges sagen, aber mit
Kindern...“
Shinji starrte sie an, lief ebenfalls rot an.
„Ah... Nein, das... das meinte ich gar nicht.“
„Oh. Gut.“
Misato lachte verlegen.
„Gut. Ja. Okay. Dann vergessen wir das ganz schnell wieder, ja? - Also, ehrlich, ich weiß selbst nicht genau, warum er sich ihr gegenüber so verhält. Laut meinen Unterlagen
ist der Komman-dant Reis gesetzlicher Vormund, aber sie wohnt nicht bei ihm.“
„So.“
Shinji kniff die Augen zusammen.
Einen Moment lang hatte er geglaubt, den Grund für das abweisende Verhalten seines Vaters zu kennen...
Unvermittelt hielt Misato an.
„Misato-san, was ist?“
Der Wagen stand an einem Aussichtspunkt.
Misato warf einen Blick auf ihre Armbanduhr.
„Genau richtig... Ich will dir ´was zeigen!“
Sie stieg aus, ging zu dem Metallgeländer an der Hügelkuppe.
Shinji folgte ihr, stellte sich neben sie.
Es dämmerte bereits.
Von ihrem Standort aus hatten sie einen uneingeschränkten Blick auf die Stadt, eine Stadt, die während des Kampfes tiefe und schwere Wunden davongetragen hatte.
„Wa-warum zeigen Sie mir das? So viele zerstörte Gebäude...“
„Wart´s ab!“
Sirenen heulten auf.
Shinji sah sich erschrocken um, rechnete bereits mit dem Auftauchen eines weiteren Engels.
„Kein Grund zur Panik.“ erklärte Misato. „Schau...“
Sie deutete auf die Stadt.
Dort bewegte sich etwas.
An zahlreichen leeren Plätzen, die Shinji erst jetzt auffielen, öffneten sich Tore im Boden, die Einblick in tiefe Schächte gaben. An anderen Stellen kam Bewegung in Schutt und
Trümmer.
Aus den Schächten schoben sich rechteckige Gebilde, die langsam weiter und weiter wuchsen, schließlich als Gebäude zu erkennen wurden.
„Die... die Gebäude wachsen aus dem Boden...!“
Binnen Minuten verwandelte sich das Trümmerfeld in eine leuchtende Metropole.
„Ja. Das ist das wahre Tokio-3, die Stadt, die du heute gerettet hast.“
„Das...“
Gebannt blickte auf die jetzt hell erleuchteten Straßenzüge und Plätze, welche sich allmählich mit Menschen zu füllen begannen.
Seine Augen wurden feucht.
„Misato-san... ich habe das nicht für die Menschen getan... auch nicht für das verletzte Mäd-chen, als ich in den EVA stieg...“
„Ich weiß. Shinji, ich weiß. Und ich weiß, daß ich nicht ganz die richtige Person bin, um es dir zu sagen, aber... das hast du großartig gemacht. Du hast dich
phantastisch geschlagen.“
Shinji schluckte.
Dann brachen die Tränen durch.
Wie sehr hatte er sich gewünscht, diese Worte von seinem Vater zu hören...