Am nächsten Morgen wurde Shinji von Misato vor dem Schulgebäude der Tokio-3-High abge-setzt.
„Du bist in Klasse 2-A. Ich habe gestern alles mit dem Direktor abgesprochen, Bücher und ein Laptop werden gestellt, wende dich am besten an die Klassensprecherin, sie heißt,
äh...“
Misato holte ein kleines Notizheft hervor und schlug nach.
„... Hikari Horaki. Ach, und bevor ich es vergesse...“
Sie griff in die Innentasche ihrer Jacke und reichte Shinji dann ein Handy.
„Hier. Darüber kannst du mich erreichen, die Nummer ist eingespeichert. Schalte es nie ab und führe es immer mit dir - sonst können wir dich vielleicht nicht
verständigen, falls ein Engel auf-tauchen sollte. Verstanden?“
„Ja.“
„In Ordnung. Ich werde dich nicht vom Unterricht abholen können, hast du dir den Weg ge-merkt? - Oder, was soll´s, nimm den hier.“
Damit drückte sie ihm einen Stadtplan in die Hand.
„Hast du dein Mittagessen?“
„In der Tasche...“
„Schön. Den Stundenplan soll dir die Klassensprecherin verraten. Willst du ein Bier, bevor´s zum Unterricht geht? Ich glaube, im Handschuhfach ist noch eine volle
Dose.“
„Äh, nein, Misato.“
„Na gut, muß ich nicht teilen.“
Sie grinste, boxte Shinji leicht gegen die Schulter.
„Und jetzt mach, daß du in deinen Klassenraum kommst.“
„2-A.“
„Genau. Bis heute abend!“
Er stieg aus, wartete, bis sie abgefahren war, und wandte sich dann dem Schulgebäude zu.
Der Hof war menschenleer, in dem Fahrradschuppen, den er passierte, waren nur zwei Räder angekettet. Leer waren auch die Flure der Schule, leer und still.
Zu Shinjis Glück befand sich im Eingangsbereich ein Orientierungsplan, so mußte er nicht den Hausmeister wecken, der in seinem Kabuff den Schlaf der Gerechten schlief. Sein Klassenraum
lag im ersten Stock, so daß er kurz darauf, nachdem er mehrere leere Klassenzimmer passiert hatte, diesen auch erreichte.
Die Tür stand offen, zögernd trat er ein. Ein Lehrer war nicht anwesend, auch war nur die Hälfte der Pulte belegt, größtenteils von Schülern, welche ein absolut
desinteressiertes Gesicht machten oder noch ein wenig Schlaf nachholten.
Um einen Tisch standen mehrere Mädchen herum und unterhielten sich, verstummten aber, als Shinji eintrat.
Eines der Mädchen löste sich aus der Traube und kam zu ihm.
„Hallo, kam ich dir helfen?“
Es hatte das Haar seitlich zu zwei Zöpfen geflochten, das freundlich lächelnde Gesicht war vol-ler Sommersprossen.
„Uhm, ja, vielleicht. Ich suche, äh, Hikari Horaki, die Klassensprecherin.“
„Das bin ich. Laß mich raten - du mußt Shinji Ikari sein, der Neue, stimmt´s?“
„Äh, ja.“
„Schön, komm mit, das Lager ist gleich auf der anderen Seite des Flures.“
„Ja.“
Er folgte ihr über den Flur, wo sie einen großen Schrank aufschloß. In den Schrankfächern la-gen zahlreiche Schulbücher.
„Mal sehen...“
„Das sind... ah... viele Bücher.“
„Ja, die Schule wurde für viel mehr Schüler gebaut, als es tatsächlich in Tokio-3 gibt. Und jetzt, nach dem Angriff des Engels, sind einige im Krankenhaus und andere wurden
von ihren Eltern an ungefährlichere Orte geschickt.“
„Uhm, verstehe.“
„Naja. Hier...“
Sie reichte ihm ein Buch nach dem anderen, bemerkte schließlich, daß er ins Schwanken kam unter der Last, nahm ihm die oberen Bücher wieder ab.
„Die brauchen wir heute ohnehin nicht, eigentlich brauchen wir keines davon.“
„Wieso?“
Sie sah ihn mit einem seltsam resignierenden Blick an.
„Glaub mir, das erfährst du noch früher als dir lieb ist. Aber hier, den Laptop wirst du brauchen können, du mußt nur dein eigenes Passwort einrichten.“
„Ja, danke...“
„Wie lange bist du schon in der Stadt?“
„Uhm, seit vorgestern.“
„Dann hast du ja den Angriff miterlebt...“
Er nickte nur.
„Arbeitet dein Vater auch für NERV?“
Wieder nickte er nur, verzog dabei säuerlich das Gesicht, was bei ihr einen betroffenen Blick hervorrief.
„Der Unterricht fängt gleich an.“
Shinji folgte Hikari zurück in den Klassenraum, in dem eine Änderung erfolgt war - auf einem der vormals leere Plätze bei den Fenstern saß Rei Ayanami, einen Arm immer noch
eingegipst und in geschient, ein Bein immer noch bandagiert, ebenso der Kopf. Sie trug eine blau-weiße Schuluniform, hatte den Kopf aufgestützt und blickte aus dem Fenster.
Shinji stoppte.
Hikari, die sein Anhalten falsch interpretierte, deutete auf die leeren Plätze.
„Such dir einen aus, sind genug frei.“
„Uh, danke.“
Er lächelte nervös, deutete eine Verbeugung an und stellte seine Tasche neben eines der freien Pulte weiter hinten im Raum, platzierte dann die Bücher und den Laptop auf dem Pult
und sah sich erneut um.
Das blasse Mädchen blickte immer noch aus dem Fenster. Vielleicht sollte er es begrüßen, im-merhin waren sie in gewisser Weise nicht nur in der selben Klasse, sondern Kollegen,
steckten also beide mittendrin in der gleichen Sache. Und vielleicht konnte er von ihr etwas über seinen Vater erfahren...
Einen tiefen Atemzug später setzte Shinji sich in Bewegung.
„Ahm, hallo.“ sagte er leise, als er neben Rei Ayanamis Pult stand.
Langsam wandte sie den Kopf und sah ihn an.
Der Blick aus ihrem scharlachroten Auge schien sich in seine Seele zu brennen.
Sie nickte ihm knapp zu.
„Ähm, ich wollte nur fragen, wie es dir geht...“
Als Antwort hob sie den eingegipsten Arm, dann wandte sie sich wieder der Betrachtung des leeren Hofes zu.
Shinji stand noch einen Moment neben ihrem Pult, darauf hoffend, daß sie vielleicht doch noch etwas sagen würde, gab dann aber schließlich auf und ging zu seinem eigenen
Platz
*** NGE ***
Eine Stunde, die ihm wie eine Ewigkeit vorgekommen war, später, wußte Shinji, was Hikari gemeint hatte. Eigentlich hatte Japanisch-Unterricht auf seinem Stundenplan gestanden, doch der
Lehrer hat die Zeit damit verbracht, einen endlosen Monolog über den Second Impact ab-zuliefern. Und zu Shinjis Entsetzen unterrichtete derselbe Lehrer die Klasse auch in Geschich-te,
Erdkunde und zwei weiteren Fächern. Das würden sehr lange Stunden werden...
Ab und an irrte sein Blick zu Rei Ayanami hinüber, diese zeigte ebensowenig Interesse an dem Unterricht, wie die meisten anderen, doch im Gegensatz zu diesen schlug sie die Zeit weder mit
Schlafen noch im Chatten über das schuleigene Intranet tot, sondern blickte nur aus dem Fen-ster. Sie hätte genausogut gar nicht anwesend sein können, aber zumindest bei diesem
Lehrer galt das wohl für die ganze Klasse, hatte er doch seinen Monolog begonnen, kaum daß er den Raum betreten hatte, ohne die Anwesenheitsliste zu überprüfen oder die
Schüler auch nur zu beachten. Dazu kam noch, daß er seinen Monolog anscheinend an einem Punkt, an dem er zu-letzt abgebrochen hatte, direkt wieder angesetzt hatte... Shinji hatte die
ersten zehn Minuten lang versucht, den weitschweifenden Ausführungen zu folgen, hatte schließlich aber kapituliert und sich dem Laptop zugewandt; nachdem er sein eigenes Passwort
installiert hatte, war seine erste Handlung die Suche nach irgendwelchen, mit dem Betriebssystem mitgelieferten, Spielen gewesen...
Was Shinji jedoch nicht bemerkte, war die Tatsache, daß Rei die Reflexionen in der Fenster-scheibe studierte, wobei sie seinem Spiegelbild besondere Aufmerksamkeit zukommen ließ,
ebenso wie sie das leise Getuschel und die Blicke bemerkte, welche die anderen ihm immer wieder zuwarfen...
*** NGE ***
Während der kurzen Pause sah Shinji sich plötzlich von dreien seiner Mitschülerinnen umringt
„Sag mal, du, Ikari, können wir dich mal ´was fragen?“
„Äh...“
„Stimmt das Gerücht?“
Sein Gesichtsausdruck erinnerte an ein großes Fragezeichen.
„Was für ein Gerücht?“
„Stell dich nicht dumm!“ - „Na, daß du der Pilot von dem Roboter bist, dem purpur-grünen.“
„Uhm...“
Shinji sah sich hilfesuchend um, doch die einzige Person, die ihm vielleicht hätte helfen können, deren Blick er suchte, ohne es sich einzugestehen, wandte ihm weiterhin den Rücken
zu, blick-te weiterhin aus dem Fenster.
Er schluckte.
„Ja, es stimmt.“ murmelte er.
„Was?“ - „Er sagt, es stimmt!“
Wie auf ein geheimes Signal hin umstanden im nächsten Moment seine übrigen Mitschüler sein Pult und begannen, auf ihn einzureden. Die unerwartete Aufmerksamkeit war ihm zwar
pein-lich, gefiel ihm aber auch, schließlich war dies in seinen Augen auch soetwas wie die Anerken-nung, auf die er nach dem Kampf von den Erwachsenen vergeblich - außer von Misato
natür-lich - gehofft hatte.
Rei hingegen blieb an ihrem Platz und blickte weiterhin aus dem Fenster, schüttelte nur kurz unmerklich den Kopf.
Das Third Children hatte nicht verstanden... es ging nicht um Ruhm oder Anerkennung, nur die Mission selbst war wichtig...
Die Fragen prasselten nur so auf Shinji ein - wie er ausgewählt worden war, wie es gewesen war, den Roboter zu steuern, wer, wo, wie, was, warum... schließlich fragte ein Mädchen
nach dem Monster und wo es hergekommen war.
Shinji, der sich in einem heftigen Anfall plötzlichen Lampenfiebers bisher seine Antwort mehr schlecht als recht zusammengestottert hatte, hob die Schultern.
„Ich... weiß es auch nicht genau... uhm... sie nennen diese Wesen Engel...“
„Engel? Warum denn Engel, das paßt doch überhaupt nicht.“ - „Ist sicher ein Codename.“ - „Was weißt du denn darüber?“ -
„Aber...“ - „Laßt ihn doch ausreden.“
„Uhm, anscheinend weiß niemand so genau darüber Bescheid.“
„Und der Roboter, wie heißt der?“
„Das, ah, das ist ein EVANGELION, aber, uh, das ist eigentlich alles, ahm, geheim und...“
„Na klar. Alles geheim. Tut mächtig schlau, hat aber selbst keine Ahnung. Stimmt doch, oder nicht?“ war eine laute zornige Stimme zu hören.
Mit einem Schlag war alles still.
Der Sprecher war ein hochgewachsener Junge in einem Trainingsanzug, der, die Arme vor der Brust gekreuzt, mit dem Rücken gegen die Wand gelehnt stand und Shinji finster ansah.
Die Klassensprecherin trat zwischen den Jungen und Shinji.
„Suzuhara! Du hast die ganze Woche unentschuldigt gefehlt...“
„Halt die Klappe!“ schnauzte der andere sie an, daß sie erschrocken einen Schritt zurückwich, dann stieß er mehrere der Schüler, die Shinjis Pult umstanden, zur
Seite und stützte sich mit den Händen auf, beugte sich vor, bis seine Nasenspitze die Shinji Ikaris beinahe berührte.
„So, Neuer, du warst also der Pilot. Komm mal eben mit raus!“
Damit wandte er sich ab und verließ den Raum.
„Uhm...“
Shinjis Blick irrte von einem seiner Mitschüler zum nächsten, doch keiner von ihnen begegnete seinem Blick, entweder blickten sie zu Boden oder zur Seite oder hatten plötzlich
etwas furcht-bar wichtigeres zu tun.
Langsam stand Shinji auf.
„Bleib hier.“ flüsterte Hikari. „Suzuhara ist furchtbar übellaunig.“
„Aber, was... ah... was will er von mir?“
„Keine Ahnung.“
Shinji zögerte.
Er hatte keine Ahnung, was ihn draußen erwartete. Allerdings konnte er fast spüren, wie die Blicke der anderen an ihm klebten, wenn er sie nicht ansah. Er begriff, daß der
andere, von dem er nur den Nachnamen kannte, ihn herausgefordert hatte, daß er soeben aufgefordert wor-den war, zu zeigen, wo in der internen Hackordnung innerhalb der Klasse er sich
einordnen wollte, so interpretierte Shinji das Auftreten Suzuharas jedenfalls.
Und wenn er der Aufforderung, nach draußen zu kommen, nicht folgte, würden sie ihn als Feigling abstempeln...
„Vielleicht... vielleicht ist es nur ein... Mißverständnis... Vielleicht kann ich mit ihm reden.“ sagte er, nicht um Hikari zu beruhigen, sondern, um sich selbst Mut zu
machen.
Und damit verließ er den Klassenraum.
Genau zehn Sekunden später erhob sich Rei Ayanami, nahm ihre Tasche und ging langsam zur Tür.
„Ayanami, der Unterricht...“ setzte Hikari an, wurde aber von einem stummen Blick aus einem einzelnen roten Auge zum Schweigen gebracht.
Ohne weitere Unterbrechungen verließ auch Rei den Raum.
Hikari ließ sich auf ihren Stuhl sinken.
„Nimmt mich denn keiner mehr ernst?“ murmelte sie leise.
*** NGE ***
Shinji fand Suzuhara hinter der Schule auf dem Sportplatz in Begleitung eines zweiten Jungen, der optisch das genaue Gegenteil war, wo Suzuhara groß und durchtrainiert war, war der an-dere
klein und vermittelte eher den Eindruck einer Couchkartoffel mit Brille.
Shinji ging direkt auf Suzuhara zu, wollte Rückgrat beweisen, um ihm zu zeigen, daß er ihn nicht einfach herumstoßen konnte.
„Hör mal, ich weiß nicht...“
Weiter kam er nicht, denn da landete der Junge im Trainingsanzug schob einen kräftigen Faust-schlag mitten in Shinjis Gesicht, der Shinji von den Beinen holte. Hart schlug er mit der ganzen
Körperlänge auf die Aschenbahn.
„Jetzt hör gut zu!“ verkündete Suzuhara, während er sich die Ärmel hochkrempelte. „Meine kleine Schwester liegt verletzt im Krankenhaus! Was glaubst du, wer
an ihrem Zustand schuld ist?“
„Was...?“ fragte Shinji, dem Blut aus der Nase lief.
„Was? Was? Ist das alles? Es ist deine Schuld, daß sie vielleicht nie wieder laufen kann - weil du mit deinem verdammten Roboter das Haus über ihr zum Einsturz gebracht
hast!“
Shinji schluckte.
Das hatte er nicht gewußt.
Er hatte angenommen, daß die Stadt während des Kampfes bereits völlig evakuiert gewesen war.
„Tut mir leid.“ sagte er leise.
Auf Suzuharas Stirn schwoll eine Zornesader an. Der andere Junge versuchte ihn zurückzuhal-ten, während Shinji langsam aufstand.
„Willst du mich verarschen? Es tut dir leid? Ja, verdammt, es wird dir sehr leid tun!“
„He, Toji, es reicht!“ versuchte der andere Junge ihn zu beschwichtigen,
„Schnauze, Kensuke! Dieser... Typ ist schuld an Maris Zustand!“
Shinji blickte Suzuhara in die Augen, sah nur rasende Wut.
Er selbst fühlte Bedauern, gerade eben noch hatte er im Klassenraum als großer Held gefühlt, umschwärmt von den anderen, doch davon war nichts mehr übrig, nur bittere
Leere, nachdem er mit den Konsequenzen seines Handelns konfrontiert worden war, schließlich hatte er den EVA gesteuert... Und auch, wenn er Toji Suzuharas Schwester nicht kannte, so
verspürte er doch starke Schuldgefühle.
„Ich sagte, daß es mir leid tut... Ich wußte nicht,... daß noch Menschen in den Häusern wa-ren... niemand hat...“
„Niemand hat... ja, schieb es nur auf andere...“ grollte Suzuhara.
„Was willst du eigentlich? Soll ich auf die Knie fallen und... und um Vergebung bitten? Ich tue es, wenn du glaubst, es würde deiner Schwester helfen...“
Suzuharas Augen quollen fast aus den Höhlen.
Dann schlug er wieder zu, diesesmal in den Magen.
Wieder flog Shinji rückwärts, hatte plötzlich sein Frühstück wieder im Mund.
Suzuhara baute sich vor ihm auf, den anderen mit der Brille, der immer noch versuchte, ihn zu-rückzuhalten, wie ein lästiges Anhängsel am Arm.
„Machst du dich über mich lustig? Komm, steh auf... nach komm schon!“
Vom Rand des Feldes aus hatte Rei das Geschehen beobachtet.
Warum wehrte Pilot Ikari sich nicht? Lag es daran, daß der andere ihm körperlich überlegen war? Oder war er vielleicht vor Angst gelähmt?
Und wo waren die Sicherheitskräfte, welche die Piloten eigentlich überwachen und beschützen sollten? Momentan konnte sie nicht einmal die beiden ihr zugeteilten Männer in
Schwarz sehen, obwohl sie darin inzwischen recht geübt war; wo war Ishiren-san?
Wenn Pilot Ikari sich nicht wehrte, Schüler Suzuhara allerdings damit fortfuhr, ihn körperlich zu mißhandeln, konnte er bleibende Schäden erleiden, welche seine
Funktionsfähigkeit beein-trächtigen konnten. Und dann würde der Kommandant ihn wahrscheinlich dorthin zurück-schicken, von wo er ihn hatte kommen lassen. Und dann würde
sie wieder die einzige EVA-Pi-lotin in Tokio-3 sein, diejenige, welche allein die Verantwortung für die Mission trug... und sie würde wieder allein sein...
*** NGE ***
Wolf Larsen musterte die Mitglieder seines Einsatzteams. Es waren vier Männer und zwei Frauen. Die RABEN ODINs operierten entweder zu zweit oder in Siebenergruppen, wenn der Einsatz ein
größeres Aufgebot erforderte – Einsatzleiter und drei Zweierteams.
Kurz informierte er sie über Hintergrund und Ziel des Einsatzes.
Jeder von ihnen nickte.
Sie befanden sich an Bord eines Stealth-Hubschraubers, dessen gedämpfte Motoren kaum Lärm verursachten, einer Spezialmaschine, die genau zu dem Zweck gebaut worden war, um kleine
Einsatzgruppen schnell und unbemerkt ins Zielgebiet zu bringen. Wie ein Schatten glitt die Maschine über das nächtliche Bergland Kurdistans.
Jedes Mitglied des Teams trug einen schwarzen Tarnanzug und war mit mehreren Waffen ausgestattet.
Larsen blickte jedem von ihnen ins Gesicht.
Die Hälfte von ihnen hatte er selbst ausgebildet, die anderen waren von Leuten trainiert wor-den, denen er vertraute wie sich selbst. Und doch war einer von ihnen ein Verräter, ein
Maul-wurf, den ODIN-Direktor Wilforth F. Cedrick, seines Zeichens früherer General bei den US-amerikanischen Streitkräften und Mitglied einer Verschwörergruppe namens SEELE, deren
Einfluß bis in die höchsten Etagen von Politik, Militär, Wirtschaft und Kirche reichte.
SEELE stand hinter NERV, hatte dafür gesorgt, daß der bis dahin völlig unbekannte Gendo Ikari die Mittel erhalten hatte, um NERV aus dem Boden zu stampfen und das Projekt E in die
Wege zu leiten, dem die EVANGELIONs entsprungen waren.
Bereits vor fünf Jahren war Larsen auf die Spuren SEELEs gestoßen, die auch vor Erpressung und Mord nicht zurückschreckten, um ihre Ziele zu erreichen. Er selbst hatte zwei
Menschen, beides hochrangige Wirtschaftsführer, im Auftrag ODINs liquidiert, doch dann waren ihm Zweifel gekommen, ob es sich bei diesen beiden wirklich die Urheber staatsfeindlicher
Machen-schaften gehandelt hatte. Bei seinen Ermittlungen auf eigene Faust war er auf die Verbindung Cedricks zu SEELE gestoßen und hatte nur mit Mühe seine Spuren verwischen
können, ohne die Hilfe seines Vorgesetzen, der ebenfalls eigene Recherchen anstellte, wäre er wahrscheinlich damals schon aufgeflogen. Er war ein Killer, ja, aber er versuchte stets bei
jedem seiner Aufträ-ge Abstand zu wahren, um niemals die Schwelle vom Killer zum Mörder zu überschreiten, der aus persönlichen Motiven handelte; er tötete, doch er
tötete jene, die durch ihre Taten selbst das Urteil über sich verhängt hatten. Der Rat von ODIN entschied darüber, gegen wen er ins Feld geschickt wurde. Doch Cedrick hatte
die Spielregeln verändert, er hatte Larsen zu seinem persönlichen Auftragsmörder gemacht, hatte alle Grundsätze, welche dieser für sich selbst auf-gestellt hatte, mit
Füßen getreten. Und das machte Larsen zornig.
Doch es gab noch einen anderen Grund für ihn, gegen SEELE zu ermitteln - Asuka, die Paten-tochter seiner Frau, welche seit zehn Jahren bei ihnen im Haushalt lebte, Asuka, für die er
sich verantwortlich fühlte, in deren Interesse er sogar seine besonderen Fähigkeiten eingesetzt hat-te, um ihren Vater derart einzuschüchtern, daß er zustimmte, ihm und Ann
Larsen das Sorge-recht über seine Tochter zu übertragen, Asuka, welche von NERV als EVA-Pilotin rekrutiert worden war und wahrscheinlich bald angefordert werden würde...
Und nun hockte er in einem Hubschrauber und versuchte herauszufinden, welcher seiner Be-gleiter der Verräter war, der dafür sorgen sollte, daß der Einsatz zwar gelang, der aber
auch als einziger Überlebender ins ODIN-Hauptquartier, ASGARD, zurückkehren sollte...
Der Hubschrauber setzte zur Landung an, viel weiter südlich als in den Einsatzakten vorgeschlagen, um jede Möglichkeit eines vorbereiteten Hinterhaltes auszuschließen.
Die sieben Schwarzgekleideten verließen die Maschine, die mit derselben gespenstischen Laut-losigkeit wieder abhob, mit der sie auch gelandet war
Wolf Larsen erlaubte sich einen letzten ruhigen Atemzug, in dem er die Bergluft einsog, in dem er den letzten friedlichen Augenblick genoß.
Einer seiner Begleiter war ein Verräter... ein Verräter, der wahrscheinlich imstande war, ihn zu töten, wenn er ihm die Gelegenheit gab...
Mit einer knappen Handbewegung wies er seine Begleiter an, einen Halbkreis zu bilden.
Noch einmal musterte er sie. Die Dunkelheit war kein Problem, aufgrund seiner besonderen... Ausstattung... war er in der Lage, jede Einzelheit zu erkennen, jedes Muskelzucken, jedes Auf-flackern
in den Augen...
„Planänderung. Die Mission ist kompromittiert, wir werden abbrechen.“
„Sir...“ flüsterte ein Mann zu seiner Linken. Es war keines der Teammitglieder, die er selbst ausgebildet hatte.
„Es handelt sich um eine Falle. Der Gegner weiß von unserer Anwesenheit, wahrscheinlich kennt er sogar den Zeitplan.“
Die anderen wechselten betroffene Blicke.
„Und der Virus?“ fragte eine der beiden Frauen.
„Existiert.“
„Dann müssen wir auch handeln.“
„Nein.“
„Aber wir sind RABEN, wir sind besser ausgebildet als der Gegner, wir sind ihnen überlegen, egal, was sie über uns wissen, oder wo sie uns erwarten.“
Aus den Augenwinkeln fixierte er den Sprecher, wartete auf eine Reaktion.
„Wir brechen ab.“
„Ja, Sir. Bestätigt.“
Larsen nickte unmerklich.
Die andere wirkte nicht gerade begeistert davon, die Aktion abbrechen zu müssen, aber die je-weilige Reaktion fiel ansonsten völlig ruhig aus.
Bei zwei weiteren Mitgliedern seines Teams kam er zu dem gleichen Schluß.
„Ihre Befehle, Sir?“
„Wir teilen uns auf und schlagen einen weiten Bogen. Wir sind auf uns allein gestellt, keine Rückendeckung, keine Unterstützung.“
„Das ist Verrat!“
Larsen hatte seine Waffe im gleichen Augenblick aus dem Halfter wie der Sprecher, hatte die Mündung im gleichen Augenblick auf dessen Stirn gerichtet, wie er selbst in eine
Pistolenmün-dung blickte.
Natürlich war es keiner derjenigen, die er selbst ausgebildet hatte...
Er registrierte jedes Zucken der Augenwinkel, jede Veränderung der Atmung.
„Sie arbeiten mit dem Gegner!“
Die anderen Agenten verhielten sich ruhig, hatten zwar die Hände auf ihren Waffen, wirkten je-doch unschlüssig, eine solche Situation gehörte nicht zu ihrer Ausbildung, Zweifel an
den Be-fehlen der Vorgesetzten gehörten nicht zur Ausbildung... außer natürlich, man wurde von Toby Simmons ausgebildet, der sogar an sich selbst zweifelte...
„Direktor Cedrick arbeitet mit dem Feind.“ erklärte er völlig ruhig - und ließ sich nach hinten fallen, schwenkte den Lauf seiner Waffe herum auf den Agenten, der
gerade, während die an-deren abgelenkt waren, seine Waffe gezogen hatte, zog den Abzug durch, stanzte dem anderen ein kreisrundes Loch in die Stirn.
Der andere kam nicht mehr dazu, seine Waffe abzufeuern, stürzte lautlos nach hinten.
Dabei hätte er mit diesem Manöver rechnen müssen, schließlich hatte Wolf ihn trainiert...
Larsen fing seinen eigenen Sturz ab, kam wieder auf die Beine, blickte in die Mündungen von vier großkalibrigen Waffen. Der sechste Agent des Teams kümmerte sich gerade um den
Nie-dergeschossenen, schüttelte nur stumm den Kopf.
„Überprüfen Sie seine Waffe.“ flüsterte Larsen, während er mit abgespreizten Armen dastand, die eigene Waffe locker in der Hand zu Boden gerichtet.
Der Agent befolgte seine Anweisung automatisch, richtete sich dann langsam auf.
„Panzerbrechende Explosivmunition...“
Larsen verzog das Gesicht..
Das hätte wehgetan... wenn ich es denn überlebt hätte...
Ohne Hast steckte er seine Waffe zurück ins Halfter.
„Stimmt es?“ fragte Simmons Schüler.
Larsen nickte.
„Das ganze Team sollte geopfert werden - bis auf den da...“
Er deutete auf den Toten.
„Verstecken?“
„Verstecken.“
Die fünf anderen begannen, wie ein Uhrwerk zu funktionieren - während drei von ihnen nach allen Seiten absicherten, nahmen zwei weitere die Ausrüstung des Toten an sich, dann
schleif-ten sie ihn zwischen mehrere Sträucher und deckten die Leiche mit Steinen ab.
„Weitere Anweisungen, Sir?“
Larsen ließ sich sein inneres Aufatmen, die Gruppe wieder unter Kontrolle zu haben, nicht an-merken.
„Wir teilen uns auf, ich werde allein ins Zielgebiet vordringen, Sie ziehen sich zurück. Ein Transportmittel erwartet uns an einem geheimen Treffpunkt, die Koordinaten finden Sie in
ich-ren zusätzlichen Unterlagen.“
„Sie wollen das Unternehmen allein durchziehen, Sir?“
„Ja. der Gegner erwartet eine kleine Armee, keinen einzelnen Mann.“
„Aber das Risiko...“
„Ist akzeptabel.“
„Wäre es nicht trotzdem besser...“
„Ich habe Sie als Mitglieder meines Teams ausgewählt, obwohl ich wußte, was passieren könn-te. Damit bin ich für Ihre Sicherheit verantwortlich... soweit mir
möglich. Für die Organisation sind wir zum Zeitpunkt des Abfluges als Verluste abgeschrieben worden. Ich bin für Ihre Lage verantwortlich, aber ich habe mich für Sie
entschieden, weil Sie die besten sind, weil ich mir si-cher bin, mit Ihrer Unterstützung die Verschwörung, welcher Direktor Cedrick angehört, aus-hebeln zu können. Aber dazu
müssen Sie überleben. Sollte ich nicht zurückkommen, wird je-mand anders Sie kontaktieren.“
*** NGE ***
Toji Suzuhara hatte Shinji am Kragen seines Hemdes gepackt und holte gerade wieder zum Schlag aus, als jemand sich zwischen ihn und den jungen Ikari schob und er unvermittelt in ein
scharlachrotes Auge blickte, welches ihn ohne zu blinzeln anstarrte.
Vor Überraschung ließ er Shinji los, trat einen Schritt zurück.
„Aus dem Weg!“
Rei Ayanamis Gesicht zeigte keine Regung, immer noch blinzelte sie nicht, schien den größe-ren und kräftigen Jungen niederstarren zu wollen.
„Was geht hier vor?“ rief da die Klassensprecherin Hikari, die nun ebenfalls vor Ort aufge-taucht war, mehrere Mitschüler im Schlepptau. Sie wirkte ziemlich wütend.
Toji warf einen letzten Blick auf den am Boden hockenden Shinji Ikari, verzog verächtlich das Gesicht, dann verließ er den Sportplatz.
Hikari und die anderen versammelten sich um Shinji und Rei, welche immer noch wie eine Sta-tue dastand. Zwei Mädchen halfen Shinji auf die Beine.
„Das ist ja gerade noch mal gut gegangen.“ - „Suzuhara macht aber nur Ärger!“ - „Wenn ihn ein Lehrer gesehen hätte, hätten sie ihn von der Schule
geworfen.“ - „Bist du in Ordnung?“ - „Deine Nase...“
„Es geht... danke...“ murmelte Shinji und wehrte jeden weiteren Hilfeversuch ab. „Ich... ich wäre gern allein...“
Sie blickten ihn an, als zweifelten sie an seinem Verstand; nur Hikari nickte.
„Falls ein Lehrer fragt... sage ich ihm, daß du dich nicht wohlgefühlt hast.“
„Ja...“
Shinji nickte. Das würde nicht einmal gelogen sein.
„Und ich werde deine Sachen in meinem Pult einschließen.“
Er nickte wieder, sah dann zu, wie die Klassensprecherin ihre Mitschüler in den Klassenraum zurückbeorderte und die Gruppe den Platz verließ.
Jetzt war nur noch Ayanami bei ihm.
Sie drehte sich langsam um, blickte ihn an.
„Warum hast du dich nicht gewehrt, Pilot Ikari?“
Die Frage überraschte ihn.
„Was... was hätte das genutzt...?“
Sie blinzelte überrascht.
„Warum hast du mir geholfen?“
Sie antwortete nicht, betrachtete stattdessen sein Gesicht.
„Deine Nase blutet.“
Er tastete sich mit der Hand über das Gesicht.
„Äh... ja...“
„Dort drüben kannst du dich waschen.“
Sie führte ihn zu einem Wasserbecken.
„Ich... Ayanami, danke.“
Sie nickte nur knapp, bevor sie sich abwandte und ging.
2. Zwischenspiel:
Gendo Ikari stand vor dem nicht-existenten Tisch in dem nicht-existenten Raum und musterte die ebenfalls nicht-anwesenden Mitglieder des Komitees. Wie üblich fand das Treffen in einem
virtuell-simulierten Raum statt, während die Teilnehmer über die ganze Welt verteilt waren.
Vorsitzender der Gruppe war ein alter Mann, dessen Augen hinter einem metallenen Visor ver-borgen lagen.
„Ikari, berichten Sie.“
„Der Engel, welcher mit der Bezeichnung Satchiel versehen wurde, konnte aufgehalten und vernichtet werden. Leichte bis mittlere Schäden an den beiden EVANGELIONs, einer der Pi-loten
wurde verletzt.“
„Bei ihnen klingt das immer alles so einfach... vergessen Sie nicht, daß Sie uns alles verdanken, was Sie sind, wir haben Ihnen die Mittel besorgt, NERV aufzubauen. Ohne un
wären Sie im-mer noch ein unbedeutender und unbekannter Wissenschaftler.“ knurrte ein Mann ebenfalls fortgeschrittenen Alters zu Ikaris Linken. Überhaupt waren außer Ikari
alle Anwesenden alters-gemäß irgendwo zwischen alt, uralt und scheintot einzuordnen.
„Kein Grund, sich aufzuregen.“ erklärte ein dritter Mann. „Auch wenn die Reparaturkosten für die beiden EVAs hoch genug sind, um eine kleinere Nation in den Ruin zu
treiben.“
„Wo gehobelt wird, da fallen Späne. Der Sieg über den Engel sollte im Vordergrund stehen, immerhin war es der erste Einsatz der beiden EVAs.“ schloß sich ein vierter
Mann seinem Vor-redner an.
„Ja, aber mußte er EVA-01 seinem Sohn geben? Gab es keinen anderen Kandidaten?“
„Nein. Es war kein anderer Kandidat zur Hand. Die Versuchsgruppe hat bisher ebenfalls nie-manden hervorgebracht.“
„Das Second Children kann jederzeit nach Japan geschickt werden, nur Einheit-02 benötigt noch einige Wochen bis zur völligen Fertigstellung aufgrund der Modifikationen, welche die
Serienfertigung gegenüber den beiden Urmodellen auszeichnen.“
„Der fünfte Kandidat ist ebenfalls fast soweit.“
Ikari schwieg, lauschte dem Gespräch der Mitglieder von SEELE...
„Haben Sie endlich alle Vorkehrungen getroffen, um die Erziehungsberechtigten des zweiten aus dem Weg zu räumen?“
„Ja. Die Einmischung Commander Larsens kann den Plan nur unwesentlich verzögert. Die Pa-tentante des Second Children liegt infolge langfristiger Verabreichung von Injektionen im
Ster-ben und der Cyborg selbst wird den morgigen Tag nicht mehr erleben.“
„Auch eine dieser notwendigen Ausgaben. Der Commander war ein exzellenter Vollstrecker. Aber anscheinend war doch noch genug von ihm selbst übrig, um den menschlichen Elternin-stinkt
anzusprechen.“
„Das Kapitel kann als abgeschlossen betrachtet werden.“
„Sind Sie sicher, daß Larsen kein Risiko mehr darstellt?“
„Die Falle, in die er hineinläuft, wurde von mir von langer Hand vorbereitet. Damit es für die anderen Direktoren ODINs glaubwürdig aussieht, war ich gezwungen, ein ganze
Spezialisten-Team zu opfern.“
„Wo gehobelt wird...“
„Nicht noch mal“, seufzte der Vorsitzende und wandte sich an Ikari. „Ich beglückwünsche Sie zum Sieg über den Engel. Aber Sie dürfen die Hauptsache nicht
vergessen - den Plan zur Ver-vollkommnung des Menschen.“
„Es ist mir bewußt, daß der Plan die einzige Hoffnung darstellt.“
„Auf alle Fälle darf das Auftauchen eines Engels den Plan nicht weiter verzögern.“
„Ich arbeite zweigleisig an der Sache.“
„Gut. Wir können es uns nicht leisten, daß die Ausführung des Planes im letzten Moment von einem Gegner gestört wird.“
„Verlassen Sie sich ganz auf mich.“
„Wie sieht es mit der Veränderung der Berichte aus?“
„Ich habe alles in der Hand, meine Untergebenen erhalten nur die Informationen, welche sie be-nötigen, um ihre Funktionen zu erfüllen.“
„Dann ist das alles. Sie können uns verlassen.“