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Retelling a Story (Abzweigung 04)

Kapitel 09 - Befehlsverweigerung

Geschrieben von Ulrich Alexander Schmidt

Legal Boilerplate:
Sämtliche Fehler in der Charakterisierung sind ganz allein mir selbst zuzurechnen.

Dieser FanFic enthält:
Spoiler, endlose langweilige Dialoge, Warm and Fuzzy Feelings, Asuka in Bestform, Sex, Drogen und sinnlose Gewalt

Ach ja, dies ist die FSK 16 - Version !
Nein, es gibt keine anderen Versionen.

Alle Figuren, die nicht Eigentum von GAINAX sind, sind frei erfunden, jede Ähnlichkeit mit lebenden, toten oder sonstigen Personen ist unbeabsichtigt und daher rein zufällig. Mich verklagen zu wollen, würde nichts bringen, schließlich habe ich kein Geld
Zu riesigen Problemen essen Sie bitte die Packungsbeilage und fragen Sie den Arzt Ihres Apothekers.

Noch bevor Shinji und Rei die U-Bahnstation erreicht hatten, begannen die Gebäude von To-kio-3 langsam im Boden zu versinken. Die Bevölkerung wurde über Lautsprecher aufgefor-dert, sich in die Schutzräume zurückzuziehen.
Von überall her strömten Menschenmassen auf den Eingang zur Bahnstation hin, mit einem Mal schienen alle Verkehrsregeln außer Kraft gesetzt worden zu sein, Reifenquietschen und das laute Scheppern vom Zusammenstößen war zu hören.
Der Menschenstrom riß die beiden Piloten mit sich.
Shinji griff nach Ayanamis Hand, um sie nicht zu verlieren, sie erwiderte den Druck seiner Fin-ger, ihr Auge verriet einen Anflug von Panik, als das Gedränge immer dichter wurde.

„Laßt uns durch!“ rief Shinji. „Wir müssen...“
Da bemerkte er, daß Rei seine Hand losgelassen hatte. Sie war gestürzt. Jemand hatte sie der-art heftig angerempelt, daß sie das Gleichgewicht verloren und ihn beinahe mit sich zu Boden gerissen hatte.
Der Menschenstrom trug ihn fort von ihr.
Er biß die Zähne zusammen und kämpfte sich, Faustschläge und Tritte austeilend, zu ihr zu-rück, bekam dabei selbst einen Ellenbogen gegen den Hinterkopf und wurde mehrmals im Ge-sicht von Händen gestreift.
„Rei, komm!“
Er versuchte, sie auf die Beine zu ziehen, doch sie verzog einen Sekundenbruchteil lang schmerzhaft das Gesicht.

„Mein Fuß. Ich kann nicht auftreten.“
Ihre Stimme verriet keine Gefühle, keinen Schmerz, gab nur die Beobachtung, die sie gemacht hatte, weiter, teilte ihm das Resultat der Tatsache mit, daß ihr Sturz darin begründet war, daß sie in Folge des heftigen Stoßes, den sie in den Rücken erhalten hatte, einen Augenblick lang nicht aufgepaßt hatte, wohin sie trat, daß sie heftig mit dem Fuß umgeknickt war und daß sie das in ihren Ohren laute Knacken immer noch zu hören glaubte.
Diese Unachtsamkeit hätte ihr nicht geschehen dürfen, spätestens seit dem Aufheulen der Sire-nen befand sie sich im Einsatz. Und Unachtsamkeit im Einsatz konnte zum Scheitern der Mis-sion führen, wie der Kommandant es ihr immer wieder eingeschärft hatte.

„Ich... ah... ich trage dich...“

„Nein, das schaffst du in dem Gedränge nicht. Laß mich hier.“

Wieder erhielt er einen Tritt in den Rücken, brüllte ihn jemand an, daß er nicht einfach im Weg hocken solle.
„Ich... Nein.“

„Und der Engel? Die Mission hat absoluten Vorrang.“
Ihre Stimme erinnerte ihn an einen Computer, der ihn lediglich über Fakten aufklärte, so als ob es ihr egal war, was mit ihr geschah.
„Ikari-kun, geh zurück zu dem Platz vor der Schule, dort kann ein Hubschrauber landen.“

„Und woher soll dieser Hubschrauber kommen, Ayanami?“
Einen Moment lang blickte er ihr in das eine Auge, welches nicht von einem Verband verdeckt war, griff ihr dann unter die Achseln, entschuldigte sich zugleich bei ihr für den Körperkontakt.

„Geh, ich halte dich nur auf.“

Er schleppte sie zum nächsten Hauseingang, half ihr, sich auf die Schwelle zu setzen, wo sie ihr eigenes Handy hervorholte.
„Ich rufe im Hauptquartier an. Und jetzt geh.“
Diesesmal klang ihre Stimme nicht emotionslos, diesesmal schwang ihre Bitte darin mit, er mö-ge sich endlich um die Mission kümmern, sie selbst war ohne Bedeutung, war ersetzbar...

„Ich... ja...“
Damit nahm er den Kampf gegen die Strömung wieder auf, war schon einen Moment später aus ihr heraus. Jetzt kamen ihm nur noch vereinzelte Menschen entgegen, die zu den Notunter-künften unterwegs waren.
Kurz zögerte er, überlegte, ob er Ayanami nicht doch noch holen sollte, da tauchte über ihm bereits ein schwarzer Militärhubschrauber mit dem NERV-Symbol an der Unterseite auf, der den nahen Schulhof ansteuerte und über ihm langsam tieferging.

*** NGE ***


Gendo Ikari nahm die Mitteilung, daß die Piloten über die geplante Route nicht ins Hauptquar-tier hatten gelangen können, mit der üblichen unbewegten Miene zur Kenntnis. Auch daß sein Sohn über den zentralen Hauptschacht in die Geofront eingeflogen wurde, entlockte ihm keine Reaktion. Als er erfuhr, daß das First Children sich eine Knöchelverletzung zugezogen hatte, blitzten seine Augen kurz auf; umgehend befahl er ein Evakuierungsteam zu Rei Ayanamis Standort.
„Die Evakuierungspläne müssen überarbeitet werden, wir können uns solche Verzögerungen nicht leisten.“ erklärte er leise, um den Kopf zu drehen.

Subkommandant Kozo Fuyutsuki, der schräg hinter ihm stand, nickte.
„Wahrscheinlich gibt es durch die Panik wenigstens genauso viele Verletzte wie bei einem An-griff.“

Ikari reagierte nicht.
Ob es Verletzte oder gar Tote gab, war ihm egal. Die Menschen, die in Tokio-3 lebten, ganz gleich, ob sie für NERV direkt arbeiteten, oder für das Funktionieren der Stadt selbst zuständig waren, waren alle nur Bauern in seinem Spiel. Und Bauern waren dazu da, um geopfert zu werden, wichtig war nur die Erfüllung des Planes, bei welcher Rei eine wichtige Rolle spielen sollte - sie zu diesem Zeitpunkt zu verlieren, wäre nicht akzeptabel gewesen.

„Engel dringt in japanische Hoheitsgewässer ein!“ vermeldete ein Brückenoffizier.

„Auf den Schirm.“
Misato Katsuragi stand in der Mitte des Kommandoareales, bemüht, den bohrenden Blick des Kommandanten in ihrem Rücken zu ignorieren, bemüht, sich auf ihre Aufgabe als taktischer Commander zu konzentrieren.

Der Hauptbildschirm zeigte mehrere Ansichten derselben Region des japanischen Meeres, noch über zehn Meilen vor der Küste.
Aus der Frontansicht hatte der Engel Ähnlichkeit mit einem großen bonbonfarbenen Käfer, der mit zahllosen kurzen Beinen über die Wasseroberfläche tanzend sich der Küste näherte. Von oben aus Satellitenansicht hingegen erinnerte er mehr an eine Qualle, die ihre Tentakel zusam-mengelegt hatte.
Im nächsten Moment erlosch die Übertragung der Frontalansicht, wurde von der Übertragung einer anderen Kamera ersetzt, die weiter von dem Gegner entfernt war.

„Auswertung der Bilder läuft.“ - „Third Children ist in der Geofront eingetroffen.“ - „Bergung des First Children läuft an.“

„Shinji soll sich sofort zum Hangar begeben. Schacht neun vorbereiten, EVA-01 wird den En-gel in Quadrant delta-zwölf abfangen.“

„Bestätigt.“ - „Direktlink zum Hangar geöffnet!“

„Ritsuko?“
Misato hielt die Augen auf den großen Bildschirm gerichtet, sah die Chefwissenschaftlerin, de-ren Gesicht auf einem Bildschirm neben ihr erschienen war, nicht an.

„Startvorbereitungen laufen, ich brauche noch etwa zehn Minuten. - Und natürlich den Pilo-ten.“

„Shinji ist unterwegs. - Aoba, wann erreicht der Engel schätzungsweise die Stadtgrenze?“

„Unter Beibehaltung der momentanen Geschwindigkeit in sechzehn komma drei Minuten.“

„Du hast es gehört, Ritsuko, keine Verzögerungen!“

„Ziel: Shamsiel durchbricht Küstenabwehr! Erste Landverteidigungslinie wird aktiv!“

„Misato, Shinji ist jetzt da. Ich umgehe die Testprotokolle, das gibt uns etwa eine weitere halbe Minute.“

„Ja. Warte meinen Startbefehl ab.“

„Natürlich.“

„Engel hat erste Verteidigungslinie durchbrochen!“ - „Das Komitee verlangt den umgehenden Einsatz des EVANGELIONs!“

Misato schüttelte unmerklich den Kopf.
Das Komitee mochten aus denjenigen bestehen, welchen Gendo Ikari Rede und Antwort zu stehen hatte, doch von Taktik und Strategie hatten sie offensichtlich keine Ahnung..

„Der Engel wird schneller! Er fliegt!“

Sie verbiß sich einen Fluch.
Die noch nicht einmal zu 10% wieder instandgesetzten Verteidigungsanlagen waren darauf an-gelegt, einen Gegner am Boden zu verlangsamen.
„Ritsuko, kriegst du den EVA vielleicht noch etwas schneller klar?“

„Ich arbeite daran.“
Sie unterbrach die Verbindung.

„EntryPlug wird eingeführt, Testcenter meldet: alle Funktionen klar.“

„Ritsuko, du bist ein Genie...“ murmelte Misato. „Verbindung zum Piloten. - Shinji, hörst du mich?“

„Ja.“
Der Tonfall, mit dem er dieses eine Wort sprach, drückte alles aus, was in diesem Moment in ihm vorging. Er hatte genug, hatte den Kanal gestrichen voll. Wieder saß er in dieser verfluch-ten engen Kapsel, ohne es wirklich zu wollen, wieder sollte für andere eine Schlacht schlagen, wieder sollte er den braven Soldaten Shinji spielen, den Piloten Ikari, der die Stadt retten wür-de, ohne Dank zu erhalten, der von seinem Vater wahrscheinlich nur noch mehr ignoriert wer-den würde, der es nicht geschafft hatte, ein Mädchen, welches ihn eben noch aus einer mißli-chen Lage gerettet hatte, in Sicherheit zu bringen.
„Ich kann dich gut verstehen, du brauchst nicht so zu schreien.“

„Ich... Der Engel erreicht gleich die Stadt. Neutralisiere einfach sein AT-Feld. Wenn du die Oberfläche erreichst, öffnen wir dir einen Waffenbunker mit einem Positronengewehr, damit müßtest du das Feld ausreichend schwächen können, um den Engel im Nahkampf zu begegnen. Verstanden?“

„Ja“, brummte er.
Einfach das AT-Feld neutralisieren - na klar, alles ganz einfach, er wußte ja nicht einmal, wie er es beim ersten Mal gemacht hatte. Und das Gewehr müßte imstande sein, da AT-Feld des En-gels zu knacken - natürlich, müßte... etwas mehr Sicherheit war wohl nicht drin...

Misato schloß kurz die Augen, zählte innerlich bis fünf. Dann rief sie:
„EVA-01! Abschuß!“

*** NGE ***


Shinjis Mitschüler hatten sich inzwischen fast komplett in einem der Evakuierungsbunker unter der Stadt eingefunden, einschließlich Toji Suzuhara und Kensuke Aida.

Suzuhara hockte im Schneidersitz auf einer Decke, während Aida hin- und herzappelte und da-bei mit seiner Videokamera hantierte.

„Kensuke, kannst du nicht stillstehen, das regt auf!“ brummte Suzuhara.

„Ach, daß sie uns gerade jetzt in die Notunterkünfte schicken müssen, wo es oben doch sicher spannend wird. Ich hätte das so gerne aufgenommen!“

Suzuhara seufzte.
„Du bist verrückt, weißt du das?“
Dann warf er Hikari Horaki, welche gerade in seine Richtung sah, ein ebenso breites wie seiner Ansicht nach charmantes Grinsen zu. Sogar in dieser Lage behielt sie die Übersicht, auch wenn er meinte, sie führte sich teilweise wie eine Glucke auf.
Sie zeigte ihm einen Vogel, doch das berührte ihn nicht weiter, dazu war sein Ego viel zu aus-geprägt.

Aida derweil stand neben der schweren Metalltür, die aus dem Raum hinausführte.
„Toji, komm mit! Wir schleichen uns raus.“

„Du spinnst wohl!“

„Wieso? Und du übersiehst eins - der Neue, dem du so gerne den Kopf abreißen würdest, hat uns eigentlich das Leben gerettet.“

„Öh...“

„Komm, vielleicht können wir ihn anfeuern, oder so, ich finde, das schulden wir ihm.“

„Aber sonst geht´s dir noch gut, was? Das ist doch...“

Aida hielt dem größeren Jungen den Mund zu und zog ihn mit sich.
„Wir gehen mal schnell auf die Toilette!“

*** NGE ***


Verschiedene noch schwach flackernde Feuer erhellten die kalte Nacht.
Gerade waren die letzten Schüsse verhallt, der letzte Sprengsatz explodiert.
Zwischen in Flammen stehenden Zelten brannten zwei russische Jagdbomber allmählich aus. Die brennenden Zeltbahnen flatterten im Wind, erzeugten ein makabres Spiel von Licht und Schatten. Zwischen den Zelten lagen die Leichen von Menschen verschiedenster Haut- und Haarfarbe, die meisten gekleidet in khakifarbene Tarnanzüge, viele hatten Waffen in direkter Nähe liegen, zu Boden gefallen, so wie sie selbst gefallen waren, Gewehre, Pistolen, sogar ein Granatwerfer.

Zwischen den Feuern bewegte sich eine einzelne Gestalt, huschte von Leiche zu Leiche, drehte sie auf den Rücken, betrachtete das Gesicht des jeweiligen Toten.
Schließlich fand der Sucher, was ihn noch an diesem Ort des Todes hielt. Aus der Hemdstasche eines bärtigen Mannes holte er eine Dose mit einem Mikrofilm.
Er war kein Überlebender dieses Blutbades, er war der Verursacher...

Rasch sah er sich um, bevor er den linken Ärmel seiner schwarzen Tarnkombination hochkrem-pelte. Dunkles Metall kam zum Vorschein, eine stählerne Armprothese, in der er ein Fach öff-nete, worin er den Mikrofilm verstaute. Dann schloß er das Fach wieder, schob den Ärmel wie-der hinab. Der Auftrag war erfüllt, die Virusformel ebenso gesichert wie die Probe, welche er bereits einem anderen Toten abgenommen hatte.

Die Männer und Frauen, die er in dieser Nacht getötet hatte, waren Terroristen gewesen, der Ort, der nun brannte, ein Treffpunkt im kurdischen Bergland.
Die Falle, die man ihm gestellt hatte, hatte nicht funktioniert...
Sein Tarnanzug hing teilweise in Fetzen an ihm herab, ebenso wie Teile seiner Haut. Ein stäh-lerner Kieferknochen lag offen, seine Augen waren nur rotglühende Kameralinsen.
Der rechte Ärmel des Anzuges diente nun als behelfsmäßiger Verband an seinem linken Ober-schenkel, wo sich der schwarze Stoff mittlerweile dunkelrot verfärbt hatte. Da Gerinnungsmit-tel müßte bald zu wirken beginnen.
Das Oberteil war voller Einschußlöcher, durch welche Metall glitzerte. Obwohl der Gegner möglicherweise seine Schwachstellen gekannt hatte, hatten die Schützen auf Brust und Kopf gezielt, ohne seine Körperpanzerung durchdringen zu können...

Er hob im Feuerschein die linke Hand auf Augenhöhe, aus den Handrücken ragten drei blutige Metallkrallen. Mit säuerlicher Miene nahm er zur Kenntnis, daß sie sich immer noch nicht ein-fahren ließen, eine Kugel hatte eine Delle in seinen Handrücken geschlagen und die Mechanik seiner kybernetischen Hand beschädigt.
Mit der rechten griff er nach einer Maschinenpistole, zog sie aus den erkaltenden Händen eines der Männer, die er getötet hatte. Dann verließ Wolf Larsen das Lager in südwestlicher Rich-tung, wo er sich mit dem Rest seines Teams treffen würde, um das weitere Vorgehen bespre-chen zu können...

*** NGE ***


Der Ausgang der Bunkeranlage, den Kensuke Aida ausgewählt hatte, lag am Fuße eines der Hügel am Stadtrand. Ohne zu zögern kletterte er weiter den Hügel hinauf, zur Kuppe hin, um einen möglichst guten Überblick zu erhalten, während Toji Suzuhara ihm nörgelnd und um einiges vorsichtiger folgte.
Die Hügelkuppe war schnell erreicht, der Anblick um einiges atemberaubender als erwartet, denn direkt vor ihnen schoß EVA-01 aus dem Boden, während sich von der See her eine rie-sige Kellerassel näherte.

„Wow!“ gab Kensuke von sich und hob die Kamera ans Auge.

„Meinst du wirklich, daß das so schlau ist...“ setzte Toji an, kam aber nicht weiter, denn die Erde erzitterte derart stark, daß sie den Boden unter den Füßen verloren und den Hügel auf der anderen Seite herabrutschten...

*** NGE ***


Der Engel war gleich das erste, was Shinji sah, als er die Oberfläche erreichte.
Ohne wirklich hinzublicken, holte er das angekündigte Gewehr aus dem Waffenbunker, wel-cher als gewöhnliches Lagergebäude getarnt war, dessen scheinbare Fensterfront jedoch wie ein Jalousie hochrollte, legte es auf den Gegner an, wie er es geübt hatte, feuerte.
Schießen - Durchladen - Schießen - Durchladen - Schießen...
Jeder Schuß traf, das ging jedenfalls aus der Meldung des Zielcomputers hervor. Allerdings er-zeugte die Explosion jeder energetischen Positronenladung eine mittlere Rauchentfaltung, so daß Shinji nach dem fünften Schuß seinen Gegner nicht mehr sehen konnte.

„Shinji, Feuer unterbrechen und Positionswechsel! Magazinwechsel! Abwarten, bis die Sicht wieder klar ist!“

Er hörte Misatos Stimme, doch er ignorierte sie.
Gerade jetzt hatte er den Engel direkt vor sich und heizte ihm ein, wieso sollte er da seine vor-teilhafte Position aufgeben? Und im Magazin waren noch weitere fünf Schuß, Nachladen wür-de ihn auch nicht sonderlich aufhalten, schließlich mußte der Engel schwer angeschlagen sein. Er mußte ihn nicht sehen, um ihn zu treffen, mußte einfach so weiterfeuern, kein Problem. Wenn Misato wollte, daß es anders ablief, mußte sie sich beim nächsten Mal halt die Mühe ma-chen, und selbst in die Kapsel klettern!
Er vernahm ein dumpfes Grollen, blickte unwillkürlich zum Himmel. Ein Gewitter?

Aus der Rauchwolke zuckten zwei leuchtende Peitschenschnüre... nein... Tentakelarme aus Energie! auf EVA-01 zu. Der eine säbelte ihm die Beine unter dem Leib weg, brachte ihn so zu Fall, der andere zerschnitt den Lauf seines Gewehres wie Butter.

„Shinji, beweg dich!“

Die Panzerung der Beine wies an mehreren Stellen Beschädigungen auf, allerdings waren es eher Kratzer als wirklich Bruchstellen.
Allerdings hatte der Sturz auf den Rücken Shinji die Luft aus den Lungen getrieben und er glaubte, sich die Rückseite grün und blau geschlagen zu haben.

„Wir schicken dir das Reserve-Gewehr, Bunker 9!“

Mühsam kam er auf die Beine - da wuchs der Engel vor ihm in die Höhe, stellte sich plötzlich mit tanzenden Tentakelarmen auf.
Shinji warf sich zur Seite / befahl EVA-01 auszuweichen, entkam nur knapp einem Tentakel-schlag, der neben ihm den Straßenbeton aufriß, duckte sich unter einem anderen Hieb hin-durch, welcher die oberen Stockwerke eines Gebäudes abriß, wich weiteren Schlägen aus, schlug einen Haken nach dem anderen.
Wo war der verdammte Bunker mit dem Gewehr?
Wieder spürte er diese dunkle Wut in sich aufsteigen.
Der Engel hatte ihn verletzt, jagte ihn jetzt durch die Straßen.
Das war mit seinem Stolz nicht vereinbar, schließlich sollte er der Jäger sein, sollte er den Engel zu Fall bringen, um ihm das Herz herauszureißen, um sich die dringend benötigte Energie zuzuführen, nach der es ihm so dürstete...
Shinjis Atem ging schneller, in der LCL-Flüssigkeit stiegen kleine Bläschen auf, Spuren des Sauerstoffes, der sich in seinen Lungen gehalten hatte.
Was dachte er da?
Waren das wirklich seine eigenen Gedanken?
Gedanken, die sich mit Töten und Verletzen beschäftigten, die Gedanken eines gnadenlosen Killers...

Er spürte einen schwachen Ruck.
Der Engel hatte das Kabel der Energieversorgung durchtrennt!
Auf einem der kleineren Monitore begann der Countdown zu laufen.
00 : 05 : 00
00 : 04 : 59
00 : 04 : 58


„Shinji, du hast nur noch interne Energie! Beeil dich, du mußt ihn schnell besiegen!“

Er hatte nicht einmal Zeit, in Gedanken Widerworte zu geben, denn der Engel packte seinen Knöchel und schleuderte ihn durch die Luft, auf die Hügel zu. Mit rudernden Armbewegungen versuchte er, den Sturz zu kontrollieren, schaffte es tatsächlich, sich so in der Luft zu drehen, daß er auf dem Rücken landete, auch wenn eigentlich eine Landung auf allen Vieren geplant gewesen war.
Wieder zuckte Schmerz durch seinen Rücken.
Wieder spürte er dumpf den Schrei nach Rache, den Ruf nach dem Leben des Engels, glaubte er sich von dunklen Schatten umgeben, welche in der Kapsel tanzten, vermeinte er, nicht allein zu sein, nahm er eine furchtbare eiskalte Präsenz wahr, die nach Leben gierte...

„Bist du okay, Shinji?“

Misatos Ruf brachte ihn in die Wirklichkeit zurück.
Niemand war in der Kapsel, weder ein blutdurstiger Killer, noch tanzende Schatten. Es gab nur ihn...

„Shinji?“

Der taktische Computer vermeldete Bewegung direkt in seiner Nähe.

Er blickte schräg nach unten, sah zwischen den gespreizten Fingern der linken Hand des EVA zwei zusammengekauerte Figuren, zwei Personen, die er kannte...

Der Computer, der immer noch mit dem Hauptrechner in der Geofront verbunden war, iden-tifizierte die beiden, zeigte ihre Daten auf einem der anderen Bildschirme. Es waren Toji Suzu-hara und Kensuke Aida...

Shinji erinnerte sich an die beiden Schläge, die der größere der beiden ihm am Vortag verpaßt hatte, erinnerte sich an die Drohungen, die er ausgestoßen war, erinnerte sich an den Ausdruck seiner Augen.
Etwas schien ihm zuzurufen, einfach die Finger zu bewegen, die beiden einfach zu zerquet-schen, wie die lästigen Insekten, die sie waren. Es würde keinen Aufwand bedeuten...
Der Junge starrte auf die purpurnen Finger, die ohne sein Zutun zu zucken schienen...
Nein, das war nicht er...
Das waren nicht seine Gedanken...
Das wollte er nicht...
Er war kein Mörder!
Aber er war allein in der Kapsel, woher sollten diese Gedanken und Gefühle stammen, wenn nicht von ihm selbst...

„Shinji, steh auf! Schnell!“

Der Engel tauchte wieder ihm auf, war blitzartig über ihm.
Die Energietentakel zuckten auf ihn zu.

Er konnte nicht weg, wenn er aufstand, würde er Aida und Suzuhara zermalmen...
Na, und?
Nein, nein, nein...
War es nicht egal? Es waren nur Menschen, verletzliche kleine Menschen mit begrenzter Le-benszeit, die ohnehin in ein paar Jahren sterben würden, was machte es da schon aus, wenn sie etwa eher starben?
Doch, es machte etwas aus! Denn sie würden durch seine Hand sterben!

Durch meine Hand...

Shinji riß die Augen auf.
Das... das war er nicht gewesen, ganz bestimmt nicht...

Die Tentakel kamen auf ihn zu.
Er packte sie an den zuckenden Enden, spürte die Hitze, glaubte, das versengte Fleisch seiner Hände riechen zu können.
„Kein Schmerz... nicht mein Schmerz... kein Schmerz...“ preßte er hervor.
Er zog an den Tentakeln, zog den überraschten Engel in seine Reichweite, zog zugleich das Knie an und rammte dem Engel kräftig den Fuß in die ungepanzerte Unterseite. Obwohl er nicht damit gerechnet hatte, durchdrang sein Tritt das AT-Feld und warf den Riesenkäfer zu-rück, verschaffte ihm etwas Zeit.

„Shinji, steh endlich auf!“

„Du hast gut reden - dann zerquetsche ich die beiden!“
Was sollte er nur tun?
Einfach aufstehen, was ihm von Herzschlag zu Herzschlag als akzeptablere Möglichkeit er-schien? Oder...

„Shinji, was tust du?“

Die Bewegung, die er ausführte, gehörte zu den Grundlagen, welche Akagi ihm am Vortag er-klärt hatte, eine einfache Drehung beider Steuergriffe in entgegengesetzte Richtungen, dazu ein leichter Zug in seine Richtung.
Er löste die Verbindung des Plugs mit dem Steuernerv größtenteils, sorgte manuell für eine teilweise Evakuierung des Plugs, bei der gerade genug von diesem herausgeschoben wurde, um die Einstiegsluke freizulegen. Danach würde der EVA hoffentlich noch ausreichend reagie-ren, daß er den Plug wieder einführen konnte...
Die Idee war unvermittelt dagewesen, und das, obwohl Akagi ihm nur die komplette Noteva-kuierung erklärt hatte, so als ob sie ihm jemand ins Ohr geflüstert hätte.
Aber natürlich konnte dies nicht der Fall gewesen sein, schließlich war er immer noch allein der Kapsel - auch wenn dieser Zustand sich gleich ändern sollte...
Sogar die Einstiegsluke ließ sich vom Sitz aus entriegeln, sie befand sich direkt über dem Bo-den. Der LCL-Pegel war in der Kapsel mit der Evakuierung gefallen, befand sich nun auf Shin-jis Brusthöhe.

Der Engel lag immer noch zappelnd auf dem Rücken, versuchte mit seinen Tentakeln Halt zu finden, um sich umzudrehen.

Shinji ignorierte den Vorschlag seiner inneren Stimme, die beiden Jungen draußen zu vergessen und dem Engel jetzt, wo er hilflos war, den Rest zu geben.
„Ihr da draußen, kommt in die Kapsel! Beeilung!“ brüllte er.

„Shinji, halt! Du kannst keine Zivilisten ohne Genehmigung...“

„Laß mich in Ruhe! Ich erledige den Engel schon noch für euch!“

Tatsächlich leisteten Suzuhara und Aida seiner Aufforderung Folge, kraxelten schnell den Hü-gel hoch und schwangen sich durch die Luke in das Innere der Kapsel.
Kaum waren sie drinnen, verriegelte Shinji die Luke wieder und leitete den Einführungsprozeß ein, indem er über noch schwach vorhandene Verbindung zum EVANGELION diesen die Hand heben und sanft den Plug in die Öffnung in den Nacken hineindrücken ließ. Trotzdem wurden sie kräftig durchgeschüttelt, denn das, was ´sanft´ nach menschlicher Auffassung be-deutete, war nicht zwangsläufig das gleiche, was der EVA darunter zu verstehen schien.
Dennoch gelang der Plan.
Zugleich stieg der LCL-Pegel in der Kapsel wieder an.
Die beiden Neuankömmlinge wurden davon derart überrascht, daß sie die Flüssigkeit atmeten, bevor sie überhaupt wußte, wie ihnen geschah.

„Neuer, bist du das?“ stieß Suzuhara hervor. Seine Stimme klang seltsam gedämpft, zugleich etwas höher als gewöhnlich.

„Sprich mich nicht an. Stört mich nicht, das lenkt mich ab.“ erklärte Shinji unwirsch.
Die beiden stellten Fremdkörper dar in seiner Verbindung zum EVA, einem Hintergrundrau-schen nicht unähnlich, welches sich nur schwer ignorieren ließ und an der Konzentration zehr-te.
Zu allem Überfluß zeigte der Energiecountdown an, daß nur noch für knapp zwei Minuten Energie in den Akkus war. - Und der Engel war gerade dabei, sich herumzudrehen!

„Du Idiot!“ schimpfte Misato. „Warum hast du meine Anweisungen nicht abgewartet?! Deine Eigenmächtigkeit hat uns wertvolle Zeit gekostet!“

Shinji knurrte leise.
Welche Ideen hätte sie ihm schon nennen können? Steuerte sie den EVA oder er?
„Scheiße!“ brüllte er - und gab dem Blutdurst nach...

EVA-01 stemmte sich in die Höhe, wandte sich dem Engel zu, der gerade wieder auf seinen vielen Beinchen stand.

„Shinji, Rückzugsroute 34! Wir holen dich zurück in die Geofront!“

„Vergiß es.“

„Was?“

Toji Suzuharas Kopf tauchte neben ihm auf, der größere Junge hielt sich an der Rückenlehne fest.
„He, Neu... ich meine, Ikari... Sie hat ´was von Rückzug gesagt...“

„Das kommt nicht in Frage.“ grollte er und kniff die Augen zusammen.
Die Schwachstelle des Engels befand sich an seiner Unterseite. Diese mußte er entblößen, wenn er seine Tentakel einsetzen wollte. Wenn er an sie heranwollte, begab er sich in die Reichweite des Engels...

„Bist du bekloppt?“

Er mußte seine eigene Reichweite verlängern...
In der Schulterpanzerung befand sich ein PROGRESSIVE-Messer.
Der Gedanke, das Wissen war plötzlich da, ebenso die Kenntnis um die nötigen Anweisung und Steuerungsbefehle, um das Messer freizugeben.
Nicht viel, aber immerhin etwas, ein geeignetes Werkzeug, um das Herz des Engels herauszu-schneiden...

Langsam zog EVA-01 das Messer aus der Scheide.
Die Klinge vibrierte rasend schnell, das Metall erinnerte an einen rauschenden Wildbach.
Ja, ein gutes Werkzeug...

„Shinji, sofort zurückkehren!“ brüllte Misato.

Seine Antwort bestand aus einem langgezogenen Wutschrei, der nichts menschliches an sich hatte, als er EVA-01 loslaufen ließ, als er den Roboter den Hügel hinabrasen ließ, den Messer-griff mit beiden Händen umklammert.

Der Engel verhielt sich wie erwartet, angesichts des nahenden Gegners entschied er sich zum Einsatz seiner eigenen Waffen. Er richtete sich auf, entblößte dabei seine Unterseite, wo Shinji, wo EVA-01, das starke Pulsieren seines Herzens wahrnehmen konnte, von dem ein stiller Sire-nenruf auszugehen schien, der Shinji/EVA-01 anlockte.

Shinji wurde nicht langsamer, lief direkt in die heranpeitschenden Tentakel hinein, verspürte in der nächsten Sekunde starken Schmerz beidseitig in der Nierengegend, als die Energiefinger die Panzerung des EVAs durchdrangen und diesen durchbohrten, Schmerz, welcher von einer weiteren Flut Haß, der aus der Dunkelheit aufzusteigen schien, hinfortgespült wurde.
Sein eigener Schwung trieb ihn weiter vorwärts, er mußte die Arme nur leicht heben, um dem Engel die Klinge in den Leib zu rammen. Und sein Gegner konnte nichts dagegen tun, nun, nachdem er die Tentakel an seinen eigenen Körper gebunden hatte.

Noch 30 Sekunden Energie...

Shinji brüllte erneut auf, trieb den Schmerz zurück, als die Energiefinger sich in den Wunden bewegten, konzentrierte sich ganz darauf, die Klinge zu halten, Druck auszuüben, bi sie bis zum Heft im Körper des Engels verschwunden war, sie darin zu halten, während der Engel hoffentlich - starb...
Vor seinen Augen waberten blutrote Nebel, er nahm weder Misatos Stimme wahr, die ihn auf-forderte zu antworten, noch Suzuharas Versuch ihn anzusprechen, oder die Anzeige des Countdowns, der sich unaufhaltsam der dreifachen Doppel-Null näherte.

Dann erloschen die Tentakel, was blieb, war ein dumpfer Schmerz.
Und auch der verging, als dem EVA die Energie ausging und der Riese völlig still wurde, nur noch deshalb aufrecht dastand, die Arme immer noch ausgestreckt, die Messerklinge immer noch im Leib des Engels, weil dieser als Gegengewicht fungierte, weil beide in gewisser Weise gegeneinanderlehnten...

Shinjis verspürte rasende Kopfschmerzen, preßte eine Hand gegen die Stirn.

„Ikari, bist du in Ordnung?“
Suzuharas besorgte Stimme drang wie aus weiter Ferne zu ihm durch.

Er atmete stoßartig.
Die Erinnerung an die letzten Sekunden war nur bruchstückhaft vorhanden, doch eines war sicher - jetzt fühlte er weder Wut, noch Zorn oder Mordlust und Blutdurst, sondern nur Er-schöpfung. Warum tat er sich das an, warum erlaubte er anderen, ihn in eine solche Lage zu bringen... wozu tat er es eigentlich? Es erschien alles so sinnlos...
Der EVA brachte nur Schmerz, er mochte eine Superwaffe sein, doch was nützte dies, wenn sein Pilot jede Beschädigung spürte, als wäre er selbst verletzt worden...

„Ikari?“

„Ich... ich bin... okay...“ murmelte er und kippte nach vorn, bemerkte schon nicht mehr, daß Suzuhara ihn auffing.
3. Zwischenspiel:

George Spender, Stellvertretender Direktor bei ODIN und Leiter der Abteilung für Spezial-einsätze, drehte sich überrascht um, als in seinem Rücken die Tür seine Büros aufgestoßen wurde, und ließ fast die Zigarette fallen, die er in der Hand hielt.
Seine Hand zuckte zu der Waffe im Schulterhalfter, sein erster Gedanke war, daß SEELEs Häscher kamen, um ihn zu töten, weil sie seinen internen Untersuchungen auf die Schliche gekommen waren, weil er jetzt, da Commander Larsen nicht mehr in Wilhelmshaven war, kei-ne Rückendeckung mehr besaß.
Doch statt des erwarteten Killerkommandos sah er sich einem rothaarigen Mädchen gegen-über, dessen Augen vor Wut funkelten.
Unwillkürlich fragte er sich, ob ihm mit ein paar Killern nicht besser gedient gewesen wäre...

„Wo ist mein Onkel?“ fragte die etwa vierzehnjährige, stemmte die Fäuste in die Hüften und stampfte mit dem Fuß auf. „Sie sind doch sein Chef, Sie müssen es wissen!“

Hinter ihr tauchte ein Asiate mit Stoppelbart auf und machte eine Geste der Entschuldigung, dazu ein paar fahrig wirkende Handbewegungen, welche ihre eigene Bedeutung hatte.
*Konnte sie nicht aufhalten.*

Spender sah das Mädchen an.
„Asuka, nicht wahr?“

„Ja, genau. Asuka Soryu Langley. Wo ist mein Onkel - Sie haben ihn doch am Krankenhaus abgeholt.“

„Gibt es Komplikationen mit seiner Frau?“ wandte er sich an Ryoji Kaji.

„Nein, ihr Zustand ist unverändert.“

„Ja.“

„Hey, ignorieren Sie mich nicht! Oder muß ich mit meinem EVA wiederkommen?“

Der ältere Mann holte tief Luft.
„Asuka, dein Onkel, Commander Larsen... wir haben jeden Kontakt zu seinem Team verloren. Es ist mit dem Schlimmsten zu rechnen.“

Ihre Selbstsicherheit bröckelte, machte Entsetzen Platz.
„Nein... Wo ist er?“

„Das darf ich dir nicht sagen. Wir setzen aber alle Hebel in Gang, um ihn zu finden.“
Dann blickte er sie an, als wollte er sie trösten, obwohl seine folgenden Worte ebenso an ihn selbst gerichtet waren, um ihn selbst zu beruhigen.
„Dein Onkel ist unser bester Mann, ich kann mir keine Situation vorstellen, die er nicht mei-stern könnte.“

Sie war blaß geworden, schien ihn gar nicht mehr zu hören.
„Erst Mama... dann Tante Ann... und jetzt Onkel Wolf...“

Spender blickte Major Kaji an, den Mann, den ODIN bei der deutschen Abteilung von NERV als Sicherheitschef eingeschleust hatte und der seine Befehle ausschließlich von Direktor Ce-drick erhielt - zumindest theoretisch. Praktisch allerdings spielte die Tatsache, daß er von ei-nem gewissen Wolf Larsen nicht nur mit dem Schutz von dessen Ziehtochter beauftragt, son-dern von selbigem auch ausgebildet worden war, womit er offiziell ein Spion auf der Gehaltsli-ste von NERV war, inoffiziell für SEELE arbeitete und tatsächlich beide Parteien für die kleine Gruppe von Verschwörern ausspionierte, welche mehr über SEELEs Pläne in Erfahrung brin-gen wollten, bevor sie entschieden, ob und wie sie SEELE aufhalten sollten...
„Major, kümmern Sie sich um sie, ja?“

„Natürlich. Am besten bringe ich Asuka zu NERV.“
Auch Kaji war sich des Drahtseilaktes voll bewußt, den er ohne Netz, doppelten Boden oder gar Sicherheitsleine vollzog. Aber nach nunmehr sechs Jahren bei NERV schien seine Tarnung hieb- und stichfest zu sein.

Der Stellvertretende Direktor sah auf die Uhr.
Es war Zeit...
„Ich bringe Sie nach unten.“

„Ja. Komm, Asuka.“

„Kaji, warum? Warum verlassen mich alle? Ich brauche sie nicht... aber warum?“

„Asuka, ich... ich weiß es nicht...“

Sie nahmen das Mädchen in die Mitte und verließen das Büro.

„Major, angesichts der Ereignisse in Japan - wann ist damit zu rechnen, daß NERV auf seine hiesigen Ressourcen zurückgreift?“

Kaji kratzte sich am Kopf.
*Unbekannt.*
„Wahrscheinlich in Bälde, keine Ahnung.“
*Etwas seltsames ist passiert.*

„Ja?“
*Was?*

„Ich bin auf alle Fälle reisebereit.“
*In Verbindung mit den Engeln. Weiteres unbekannt. Auftrag.*

„Nun ja, alles Gute.“
*Informieren Sie mich.“

„Danke.“
*Tue, was ich kann.*
Er führte Asuka, die an seiner Seite ging wie eine Puppe, zu einem der zahllosen Elektrowa-gen, die in der Arkologie unterwegs waren.

Ein anderer Wagen hielt gerade vor dem Hauptgebäude, aus dem Fahrersitz schälte sich ein breitschultriger Mann, der sich außerhalb des Wagens schwer auf einen Gehstock stützte.
„Ach, Herr Direktor!“

„Commander Decker, lange nicht gesehen!“
Spender reichte dem anderen die Hand. Während des Kontaktes wechselte eine hauchdünne Mikrofilmfolie den Besitzer.

„Kunststück, ich komme ja kaum aus dem Keller heraus.“

„Wie geht die Arbeit voran?“

„Die Umstellung von HEIMDALLs Betriebssystem auf die neuen Anforderungen wird noch ein paar Tage in Anspruch nehmen, aber dann können sich diese MAGI-Einheiten warm anzie-hen!“

„Wirklich?“

„Naja, zumindest von der Rechengeschwindigkeit und Speicherkapazität her ziehen wir mit dem NERV-Rechner gleich, an der künstlichen Intelligenz bastele ich immer noch.“

„Na dann, frohes Gelingen. Ich würde die Ergebnisse Ihres Projektes gerne noch sehen, ehe ich in Pension gehe.“

Copyright of the Charakter by GAINAX / Text by Ulrich Alexander Schmidt