Seine Ohnmacht dauerte nur kurz, dennoch hatte Shinji das Gefühl, nicht er selbst zu sein, völ-lig neben sich zu stehen und sich selbst dabei zu beobachten, wie er die mechanischen
Verrie-gelungen des EntryPlugs löste, welcher sodann durch den Druck des herausgepreßten LCL ausgefahren wurde.
Aida und Suzuhara sprachen ihn beide an, Suzuhara wirkte irgendwie erschüttert, während Aida ihn mit Ach ja, dies ist die
FSK 16 - Version ! Fragen über NERV und den EVA bombardierte, bis Toji ihn anherrschte, mal die
Klappe zu halten.
Auch das Auftauchen der Bergungstrupps berührte ihn nicht.
Er fühlte sich nur müde und leer, so als hätte der Kampf ihm jede Energie entzogen.
Mit einem Kran wurde der Plug gesichert und zu Boden gebracht, während Schwertransporter vor Ort erschienen, um EVA und Engel abzufahren.
Am Boden wurde Shinji von den anderen beiden getrennt und umgehend ins Hauptquartier ge-bracht, wo er sich duschen und umkleiden konnte.
Wieder gratulierte ihm niemand zu seinem Sieg, von Dank für die Rettung der Stadt ganz zu schweigen.
Was wohl mit Ayanami war... Ob sie wohl immer noch in dem Hauseingang hockte, wo er sie zurückgelassen hatte?
Unter der Dusche lauschte er in sich hinein, suchte nach Anzeichen für den Haß, den er wäh-rend des Kampfes, den er während beider Kämpfe verspürt hatte, doch er
fand keine. Lag es an dem EVA? War es der Kontakt mit dem Roboter, der diese Gefühle in ihm hochspülte? Und hatte nur er dieses Problem, oder erging es Ayanami genauso?
Als er die Umkleidekabine verließ, wartete Misato bereits auf dem Gang auf ihn, sie war stink-sauer.
„Dort rein, junger Mann.“
Sie öffnete die Tür zu einem kleinen Besprechungsraum.
„Was hast du dir dabei gedacht? Lassen wir mal durchgehen, daß du die beiden in den Entry-Plug geholt hast, aber warum hast du meine Befehle ignoriert? Was wäre passiert, wenn du
den Engel nicht besiegt hättest? - Ich sag´s dir: Wir wären alle tot! Und ich fühle mich noch ein we-nig zu jung zum Sterben!“
„Ich... uhm... tut mir leid.“
„Shinji, das genügt leider nicht, damit ist es nicht getan. Ich bin für dich verantwortlich. Du hast meinen Befehlen zu folgen, verstanden?“
Daher wehte also wieder der Wind...
Natürlich... einen Augenblick lang hatte er tatsächlich geglaubt, sie hätte sich um ihn Sorgen gemacht, dabei ging es ihr doch auch nur darum, daß er für sie in die
Bresche sprang.
„Ja... Für dich bin ich einfach nur ein Untergebener, der brave Pilot Shinji, nicht wahr?“
Sie sah ihn überrascht an und aus Überraschung wurde Entsetzen, als er weitersprach.
„Daß ich bei dir wohne, willst du doch nur, damit du mich besser beaufsichtigen kannst... und ich dachte tatsächlich, du würdest mich mögen...“
„Shinji, was redest du da?“
„Es reicht, hör auf mit dem Schauspiel. Ich habe schließlich gewonnen. Ich habe getan, was ihr von mir wolltet...“
Misato starrte ihn an.
Ihre Lippen begannen zu beben und Tränen traten in ihre Augen.
Wie konnte er ihr soetwas ins Gesicht sagen, wie konnte er sie derart falsch einschätzen...
Zorn stieg in ihr auf.
Dann ohrfeigte sie ihn.
„Nimm endlich deine Aufgabe ernst! Unser aller Leben hängt davon ab!“
Im nächsten Augenblick bereute sie den Schlag schon, als er sie ansah wie ein waidwundes Tier. Doch das Echo des klatschenden Geräusches, welches noch im Raum zu verhallen schien, stand
zwischen ihnen. Und die Stille sprach ebenso wie der leere Blick, mit dem er sie ansah, mehr als tausend Worte.
„Ach, es reicht... geh nach Hause.“
„Ja.“ antwortete er leise und verließ den Raum.
*** NGE ***
Shinji fuhr mit dem Aufzug an die Oberfläche.
Er hockte allein in der Kabine, nur er und seine Gedanken...
Seine Wange brannte immer noch...
Warum hatte sie ihn geschlagen, er hatte ihr doch nur gesagt, was er dachte...
Oder konnte es sein, daß er sich irrte...
Der Aufzug hielt an.
In der Bahnstation warteten mehrere Menschen auf den Zug.
Shinji reihte sich ein, starrte nach unten auf die Schienen.
Der Zug fuhr ein, zusammen mit den anderen stieg er ein, der Wagen war nicht voll, er fand problemlos einen Sitzplatz. Der Zug fuhr an.
Shinji starrte aus dem gegenüberliegenden Fenster in die Dunkelheit des Tunnels, erhaschte immer wieder Blicke auf die Wände.
Er fühlte sich so leer und ausgelaugt...
Der Zug erreichte die nächste Haltestelle, an der übernächsten würde er aussteigen müssen.
Menschen stiegen aus und andere stiegen ein, der Zug fuhr weiter.
Warum verhielten sich ihm gegenüber alle so?
Tat er nicht genau das, was sie wollten?
Mußte er auch noch vorspielen, als würde es ihm gefallen, sein Leben zu riskieren?
Der Zug erreichte seine Haltestelle.
Er blieb sitzen, wollte jetzt noch nicht nach hause.
Er wollte fort, wollte nicht mehr zurück...
Aber wohin sollte er?
Seine Pflegeeltern hatten sich immer noch gemeldet, dabei hatte er sie am Vortag angerufen und ihnen auf den Anrufbeantworter mitgeteilt, wo sie ihn erreichen konnten...
Nur zu gut konnte er sich an ihre Blicke erinnern, als die Nachricht seines Vaters eingetroffen war... sie waren froh gewesen, ihn loszuwerden... Dabei hatten sie sich all die Jahre lang gut um
ihn gekümmert... die Schecks seines Vaters waren ja auch immer pünktlich gekommen...
Er fühlte bittere Galle in sich hochsteigen.
Da war die Sache mit dem Fahrrad gewesen... er erinnerte sich so gut, als wäre es gestern ge-wesen. Er hatte sich so oft ein Fahrrad gewünscht, doch seine Pflegeeltern hatten ihn immer
ig-noriert, hatten ihm gar nicht zugehört. Und dann hatte er das Fahrrad gefunden, es lag im Re-gen an einer Böschung, steckte teilweise im Matsch, hatte schon Rost angesetzt.
Doch ihm war es wie ein Geschenk vom Himmel erschienen, so als hätte jemand dieses Fahrrad dort ganz allein für ihn liegengelassen. Er war die Böschung hinabgerutscht, Matsch war
auf seinen Regenmantel gespritzt, als er nach dem Lenker griff. Schmatzend hatte das Rad sich vom Untergrund gelöst. Er würde es reinigen müssen, vielleicht brauchte es auch eine
neue Kette. Der Vorderscheinwerfer war kaputt, das Glas gesprungen. In Gedanken hatte er bereits zusammengerechnet, war zu dem Schluß gekommen, daß sein Erspartes gerade ausreichen
würde, um das Rad wieder flottzumachen... Mühsam hatte er es aus dem Graben geholt, hatte den Rahmen notdürftig mit seinem Taschentuch abgewischt.
Er war noch keine hundert Meter weitgekommen, als der Polizist vor ihm gestanden hatte, ihn gefragt hatte, ob das Rad ihm gehörte. Er hatte die Frage verneint, hatte zu erklären
versucht, daß er es gefunden hatte, daß der Eigentümer es vor mehreren Tagen im Graben liegengelassen haben mußte. Doch der Beamte hatte ihm nicht weiter zugehört,
hatte ihn auf das Revier mit-genommen und angesehen wie einen Schwerverbrecher. Dann hatte er seine Pflegeeltern ange-rufen, seine Pflegetante war völlig aufgelöst und panisch
erschienen, hatte ihm Vorwürfe ge-macht - sie würden ihm doch alles kaufen, was er wollte, er hätte es doch nur zu sagen brau-chen, hätte das Rad nicht stehlen müssen...
doch seinen Unschuldsbeteuerungen hatte sie nicht zugehört, hatte ihn zuhause auf sein Zimmer geschickt. Er erinnerte sich, gehört zu haben, wie sie mit seinem Vater telefonierte,
erinnerte sich daran, wie eingeschüchtert sie geklungen hatte. Es hatte ihm zwei Wochen Hausarrest eingebracht, ein Fahrrad hatte er auch später nicht be-kommen...
Nein, dorthin konnte er nicht mehr zurück...
Mittlerweile war der Zug weitergefahren, hatte den Tunnel verlassen und fuhr nun an der Oberfläche, hielt in kleineren Entfernungsabständen.
Er fuhr bis zum Endpunkt der Linie, blieb auch dann noch sitzen, fuhr wieder zurück.
Auch diesesmal stieg er nicht aus...
*** NGE ***
Misato fühlte sich völlig fertig.
Sie hätte Shinji nicht schlagen dürfen, hätte sich stattdessen mit seinen Worten auseinander-setzen müssen... aber auf soetwas hatte sie niemand vorbereitet...
Sie betrat Ritsuko Akagis Büro zwischen der Krankenstation und dem Testcenter.
„Ritsuko, bist du da?“
Das Büro war Katzenmotiven übersät, eine Katzenuhr über dem Schreibtisch, Katzenbilder an den Wänden, spielende Katzen als Bildschirmschoner auf dem Computer, sogar der
Bezug des Bürostuhles hatte ein Katzenmuster.
„Hier drüben.“
Die Stimme aus dem Nebenraum, wo Akagi ihr Labor hatte.
Misato folgte der Stimme.
Akagi war nicht im Raum, eine Tür, die in den Bereich der Krankenstation führte, stand offen; auf einer Untersuchungsliege saß Rei Ayanami, den rechten Schuh und die Socke
ausgezogen. Der Knöchel war dick angeschwollen und der Fuß bis zu den Zehen rot-dunkelgrün-schwarz verfärbt.
„Hallo, Rei. Das sieht übel aus.“
„Ja.“
„Tut sicher ganz schön weh.“
„Ja.“
Misato seufzte innerlich.
Das Mädchen vor ihr war alles andere als dumm, dies belegten jedenfalls ihre Schulnoten - trotz der häufigen Abwesenheit vom Unterricht aufgrund von Tests oder, wie in den letzten
Wochen, Verletzungen. Allerdings war sie, was soziale Interaktion anging, ein völlig unbe-schriebenes Blatt.
„Kannst du laufen?“
„Nicht gut.“
„Hm, ja.“
In diesem Moment betrat Ritsuko Akagi den Raum, ein Röntgenbild in der Hand.
„Hallo, Misato. Einen Augenblick, ja? - So, Rei, ich habe das Ergebnis der Röntgenuntersuchung. Gebrochen ist nichts, aber du hast eine wirklich üble Verstauchung und dazu eine
Bänderüberdehnung, Glück in doppelter Hinsicht, das hätte auch schlimmer ausge-hen können. Außerdem benötigst du größere Schuhe, ich werde den
Quartiermeister anweisen, dir welche zu besorgen.“
„Größere Schuhe?“
„Du bist noch im Wachstum. Hattest du noch nicht gemerkt, daß deine Schuhe zu eng gewor-den sind?“
„Nein... Ich habe nicht darauf geachtet.“
„Hm, verstehe. Schuhe und Hühneraugen sind im Vergleich zur Bekämpfung der Engel natür-lich Kleinkram... aber sieh´s so: wenn du nicht auf dich achtest, könnten
deine Fähigkeiten da-runter leiden.“
„Ja.“
„Ich werde den Knöchel mit Salbe einreiben und einen Verband anlegen, du mußt ihn wenig-stens einmal täglich wechseln und neue Salbe auftragen.“
„Verstanden.“
„Und du darfst den Fuß nicht belasten, du bekommst eine Krücke und ich sorge dafür, daß du vom Sicherheitsdienst mit einem Wagen abgeholt und gebracht
wirst.“
„Ja.“
Misato hatte sich derweil in Akagis Labor umgesehen.
Ihr war ein penetranter Geruch nach Erdbeeren aufgefallen. Der Geruch war im hinteren Teil des Raumes, auf der dem Lüftungsschacht gegenüberliegenden Seite, besonders stark, schien von
einem Glas mit klarer, leicht rötlicher Flüssigkeit auszugehen.
„Ritsuko, wonach riecht das hier?“
Sie nahm das Glas in die Hand, schnupperte.
Der Geruch war derart intensiv, daß sich ihr Magen umdrehte.
„Urgh!“
„Jetzt mecker nicht gleich wieder! Du wolltest doch, daß ich mir einen neuen Geschmack für das LCL ausdenke.“
„Erdbeere?“
„Wieso? Ich mag Erdbeeren.“
„Aber so stark? Das stinkt ja richtig.“
„Ach was.“
„Warte mal...“
Sie ging mit dem Glas zur Liege hinüber.
„Hier, Rei, riech mal. Aber nur ein wenig, nicht zu stark einatmen.“
„Der Geruch ist... kräftig.“
„Sag doch, daß es stinkt.“
„Es stinkt.“ befolgte sie die Anweisung ihres vorgesetzten Offiziers.
„Siehst du, Ritsuko?“
„Kann man dir denn nichts recht machen? Weshalb bist du eigentlich hergekommen? Doch nicht nur, um an mir herumzunörgeln, oder?“
„Nein... es geht um Shinji.“
„Hm, so...“
Misato stellte das Glas wieder zurück, Akagi folgte ihr in den anderen Teil des Raumes, die beiden hatten Rei, welche immer noch auf der Liege saß, fast vergessen.
Das blasse Mädchen hingegen hörte genau zu.
„Er verhält sich seltsam... hat mir Vorwürfe gemacht, ich würde ihn nur ausnutzen. Eigentlich meint er, wir alle würden ihn nur ausnutzen.“
„Inwiefern?“
„Ritsuko, er will EVA-01 nicht steuern... er tut es nur, weil wir es von ihm verlangen.“
„Ja. Aber es muß sein, wir haben keinen anderen geeigneten Piloten für Einheit-01.“
„Aber verstehst du denn nicht? Innerlich scheint sich alles in ihm zu sperren. Ich habe vorhin bei mir zuhause angerufen, inzwischen hätte er da sein müssen, aber er ist nicht
drangegangen.“
„Vielleicht ist er einkaufen. Oder er trödelt herum.“
„An sein Handy ist er auch nicht gegangen... er hat es abgestellt, Ritsuko. Und der Sicherheits-dienst hat ihn auch verloren.“
„Das ist schlecht, wie sollten wir ihn denn in einem Notfall erreichen?“
„Siehst du, genau das meinte ich, genau so ein Verhalten wirft er uns vor, daß wir nur einen Pi-loten brauchen, der unsere Anweisungen ausführt.“
„Brauchen wir doch auch. Misato, ich würde auch lieber mit Erwachsenen arbeiten statt mit Kindern, die kennen ihre Pflichten viel besser. Oder Rei zum Beispiel, an ihr sollte Shinji
sich orientieren, sie macht keine Probleme.“
„Ritsuko, du bist unmöglich.“
„Und wenn schon.“
„Sag mal... du hast da gesagt, dieses LCL würde die regenerativen Kräfte des Körpers unter-stützen, könnte es auch bei Rei helfen? Ich meine, so ein dicker
Fuß ist ziemlich lästig.“
„Nein, Misato, ich kann das LCL bei Rei nicht benutzen. Sie ist dagegen resistent.“
„Ach.“
„Ja. Ihre Widerstandskraft gegen Krankheiten, oder auch gegen Gifte, ist phänomenal, ähnli-ches kann man von ihrer Konstitution behaupten.“
„Das sieht man ihr gar nicht an.“
„Du hast Recht. Ihr Knöchel heilt bereits, die Verfärbung des Blutergusses ist erst in den letzten zehn Minuten eingetreten. Unsereiner würde mit sowas die nächsten
zwei, drei Wochen herumlaborieren, bei ihr sollte in einer Woche alles wieder in Ordnung sein.“
„Das ist...“
Misato blickte Rei an, blickte ihre immer noch vorhandenen sonstigen Verletzungen an, den eingegipsten Arm und das immer noch verbundene Auge.
„Aber dann... dann waren ihre Verletzungen noch schwerer als ich gedacht hatte...“
„Ja. Aber sie würde durch die Hölle gehen, wenn Kommandant Ikari es ihr befehlen würde...“
Rei hörte zu.
Die beiden Erwachsenen unterhielten sich über sie, als befände sie sich gar nicht im gleichen Raum. Der Major schien Anteil an ihren Verletzungen zu nehmen, soetwas war sie nicht
ge-wohnt. Nur der Kommandant erkundigte sich öfters nach ihrem Zustand, nach ihrer Funktions-fähigkeit. Warum verhielt sich der Major so, als kümmere es sie?
Und Ikari-kun... wenn es stimmte, was sie sagten, dann widersetzte er sich den Befehlen... er war der Sohn des Kommandanten, weshalb tat er soetwas? Kannte er keine Loyalität dem
Kommandanten gegenüber? Der Mission gegenüber? Oder wußte er zuwenig über die Mission, um ihre wahre Bedeutung zu erkennen?
Sie hatte ihn in gewisser Weise aufwachsen sehen, hatte die Bilder und Videoaufzeichnungen gesehen, welche die NERV-Sicherheitsagenten angefertigt hatten, die ihn zeit seines Leben
beschützt hatten, die dafür gesorgt hatten, daß ihm nichts zustieß, damit er bereit war, wenn EVA-01 aktiviert wurde... und in dieser Sekunde verstand sie, durchbrach die
Wahrheit den Schleier der Konditionierung, welche der Kommandant ihr gegeben hatte... Der Kommandant brauchte seinen Sohn nur als Piloten, weil sie verletzt war, weil sie aufgrund ihre
niedrigeren Synchratios nicht imstande war, effektiv mit EVA-01 zusammenzuarbeiten, er brauchte ihn, um die Engel zu bekämpfen, damit sie am Tage der Prophezeiung bereit war - für den
Komman-danten war Ikari-kun nur ein weiterer Bauer...
Sie blinzelte.
Ihre Gedanken enthielten Kritik am Kommandanten, dabei hatte man ihr immer gesagt, daß der Kommandant keine Fehler beging, daß es nur unzuverlässige Gefolgsleute gab, welche
eigent-lich perfekte Pläne durch ihr Verhalten zum Scheitern brachten...
Und wenn das nicht stimmte?
Die einander jagenden Schlußfolgerungen waren verwirrend, sie war es nicht gewohnt, eigene Entscheidungen zu treffen, hatte während ihrer ganzen Existenz nur Befehle befolgt.
Dunkel erinnerte sie sich, ihre erste Existenz verloren zu haben, als sie den Befehl des Kom-mandanten befolgte, als sie Naoko Akagi die Worte sagte, welche der Kommandant ihr aufge-tragen hatte.
Die letzte Erinnerung an ihre erste Existenz waren die Hände der Mutter des Doktors, welche sich um ihren Hals legten und zudrückten. Und ihr erster Gedanke nach dem Wiedererwachen war
gewesen, daß sie versagt haben mußte, daß sie den Plan des Komman-danten nicht korrekt ausgeführt haben mußte, sonst wäre es wohl kaum nötig gewesen, einen
weiteren Körper zu aktivieren.
Und wenn sie nicht versagt hatte?
Wenn der Kommandant das Ende ihrer ersten Existenz bewußt riskiert hatte?
Wenn sie auch nur ein Bauer war?
Ihr Kopf begann zu schmerzen.
So viele Gedanken, so viele Möglichkeiten...
Ikari-kun...
Was, wenn er nicht zurückkam?
Er hatte nach ihrer Hand gegriffen, um sie im Gedrängel nicht verlieren, hatte sie trotz ihres Protestes nicht einfach zurückgelassen, sondern zuerst aus der direkten Gefahr in
Sicherheit gebracht... sie war ihm wichtiger gewesen als die Stadt... warum? Weil sie ihm geholfen hatte, Mitschüler Suzuhara zu entkommen?
In den letzten zwei Tagen hatte sie während der endlosen Monologe des Lehrers immer wieder seinen Blick in ihrem Rücken gespürt, hatte in der Reflektion im Fenster gesehen, wie er
sie an-geblickt hatte... er war der erste Mitschüler, der sie angesprochen und sich nicht von ihrer Art hatte verjagen lassen, der erste Mensch, der sich nicht für sie interessiert
hatte, weil es um ihre Funktionsfähigkeit, oder einen Langzeitplan gegangen war... konnte dies das Phänomen sein, welches Menschen als Freundschaft bezeichneten? Hatte er ihre
Freundschaft gesucht?
Es wurde immer komplizierter...
„Doktor Akagi, kann ich gehen?“
Ritsuko blickte auf, nahm überrascht zur Kenntnis, daß Rei Ayanami noch da war.
„Ja, natürlich.“
„Ich...“ sie überlegte. „Ich könnte Ikari-kun suchen.“
Akagi lachte kurz auf, es klang nicht sonderlich sympathisch.
„Nicht mit dem Fuß, junge Dame. Ich sorge dafür, daß man dich heimfährt, wo du den Fuß hochlegen und ruhigstellen wirst.“
„Ja. Verstanden.“
„Warte, Rei.“ mischte sich Misato ein. „Weißt du vielleicht, wo Shinji sein könnte?“
Sie blickte den Major mit unbewegtem Gesicht an.
Woher sollte sie wissen, wo Ikari-kun sich befinden könnte?
„Nein.“
Rei stand auf von der Liege, nahm die Krücke entgegen und humpelte hinaus.
„Armes Ding“, murmelte Misato.
„Was meinst du?“
„Immer ist sie verletzt... jedenfalls solange ich sie kenne.“
„Nein.“ Akagis Stimme klang ablehnend. „Sie erholt sich von allem.“
„Das ist kalt.“
„Pah.“
„Hat Rei niemanden?“
„Sie hat Kommandant Ikari, ihren Vormund.“
„Keine Eltern oder Geschwister?“
„Nein. Ihre Eltern sind während der Nachwehen des Second Impact gestorben.“
„Und nur der Kommandant kümmert sich um sie? Das ist wirklich seltsam... Weshalb hat er sie und nicht seinen Sohn... Die beiden hätten zusammen aufwachsen
können...“
„Für Ikari gelten ganz andere Maßstäbe, Misato, ganz andere...“
*** NGE ***
Shinji blickte von einer Anhöhe aus auf die Stadt hinunter, er befand sich in den gleichen Hü-geln, in denen er am Vormittag desselben Tages gegen den Engel gekämpft hatte, von
seinem Standort aus konnte er die tiefen Gräben sehen, welche die energetischen Tentakel des Engels in den Boden gerissen hatten.
In mehreren Kilometern Entfernung befand sich das von Scheinwerfern hell erleuchtete Areal mit dem toten Engel. Um den Körper herum waren große Zelte aufgestellt worden, zwischen denen
Menschen in Overalls herumliefen und den Engel untersuchten.
Shinji spürte kein Verlangen, die Entfernung zu überwinden, er wollte mit den Leuten von NERV nichts zu tun haben.
Stattdessen wandte er sich um und ging weiter, ließ die Stadt hinter sich, betrat das hügelige Waldgebiet.
Es war bereits dunkel. Und es war kalt, das milde Frühlingsklima machte die Tage zwar ange-nehm, doch nachts fielen die Temperaturen. Schon bald stolperte er zitternd durchs Unterholz, da
Licht der Sterne und der fahle Mond am Himmel halfen ihm nicht sonderlich weiter, da er das Gelände nicht im geringsten kannte, gab es auch keine Orientierungsmerkmale, die er hätte
nutzen können.
In ihm stieg das Gefühl auf, vom Regen in die Traufe gekommen zu sein, sein Wunsch, mög-lichst weit weg von NERV zu kommen, hatte dazu geführt, daß er hungrig und frierend im
Wald gelandet war, wo ihn vielleicht wilde Tiere zerfleischen konnten oder wo er einfach hun-gers sterben könnte...
Da war doch etwas vor ihm, ein Licht...
Er ging auf das Licht zu.
Schließlich stolperte er auf eine Lichtung mit einem kleinen See.
Am Ufer des Sees stand ein Zelt, vor dem ein Lagerfeuer brannte.
Und über dem Feuer hing ein Topf, dessen Inhalt auf den ausgehungerten Jungen eine starke Anziehungskraft ausübte.
Shinji sah sich um, konnte niemanden sehen.
Wem das Zelt wohl gehören mochte?
Langsam ging er darauf zu, hockte sich ans Feuer. Die Wärme der Flammen vertrieb die Kälte der Nacht, dafür spürte er seinen leeren Magen umso stärker.
In dem Topf köchelte eine Suppe vor sich hin.
Ob es wohl ausfallen würde, wenn er einen Löffel für sich abzweigte? Schließlich wollte er ja nicht die ganze Suppe auslöffeln... Und er hatte seit dem Morgen nicht
mehr gegessen, und auch da nur einen Happen, weil er ja die Wohnung hatte verlassen wollen, bevor Misato auf-stand. Sein Magen knurrte, wie ihm schien laut genug, um sämtliche wilden Tiere
des Waldes anzuziehen.
Wie die Suppe duftete...
Ihm lief das Wasser im Mund zusammen.
„Hände hoch!“ zischte eine Stimme hinter ihm und ein Gewehrlauf bohrte sich zwischen seine Schulterblätter.
Shinji fiel fast nach vorn ins Feuer.
Wie angewiesen hob er die unkontrolliert zitternden Hände.
„Hey, schon gut, war nur ´n Spaß.“
Der Druck in seinem Rücken verschwand.
„W-w-w-was?“
Vorsichtig stand er auf, drehte sich um.
„Aida?“
Vor ihm stand der brillentragende Junge, gekleidet in eine khakifarbene Armeeuniform und ein Gewehr in den Händen. Kensuke Aida grinste ihn an.
„Was machst du denn hier draußen?“
„D-das könnte ich dich auch fragen. Sei vorsichtig damit!“
„Was? Ach, das ist nur ein Spielzeuggewehr.“
Aida lachte.
„Setz dich ruhig, willst du ´was essen, ist genug da.“
„Uhm, ja, danke. Also, was machst du hier?“
„Och, ich bin öfter hier draußen.“
„In diesem Aufzug?“
„Ja, weißt du, mein älterer Bruder war bei der Armee, er wird seit den Rohstoffkriegen von 2006 vermißt.“
„Und... du spielst hier Krieg?“
„Nein, ich bereite mich vor.“
„Ja.“ murmelte Shinji, während er sich etwas von der Suppe in eine Schale schaufelte, die Aida ihm gereicht hatte.
Der war doch völlig durchgeknallt, trieb sich nachts allein im Wald herum, wo sonstwas passie-ren konnte...
„Und warum bist du hier?“
„Uhm... ich brauchte etwas... Abstand...“
„Verstehe.“
„Ja?“
„Klar, so wie du dich während des Kampfes verhalten hast... du warst hinterher ja völlig fertig, so als ob der EVA dich regelrecht ausgesaugt hätte.“
„Ja.“
Er war überrascht, Aida zeigte ein Verständnis, daß er ihm gar nicht zugetraut hätte.
„Aber ich bin froh, daß es dir wieder gut geht. Nimm dir ruhig noch ´was, ich kann auch noch eine Dose Bohnen aufmachen.“
„Äh...“
„Weißt du, ich beneide dich total.“
„Warum?“
„Hey, du kannst diesen Roboter steuern, das ist voll cool!“
Womit der Eindruck, den Shinji gehabt habe, wieder verschwand.
„Wenn ich bloß auch so denken könnte...“
Aida blickte ihn nicht mehr an, starrte stattdessen an ihm vorbei.
„Was ist denn?“
„Ich glaube... die wollen zu dir...“
Shinji warf den Kopf herum.
Vom Waldrand her näherte sich eine Gruppe von Männern in dunklen Anzügen.
„Shinji Ikari?“
„Äh, ja...“
„NERV-Sicherheit. Du wirst uns folgen!“
*** NGE ***
Bald darauf befand er sich im Hauptquartier, er hockte auf einem harten Metallstuhl in einem ansonsten unmöblierten Raum, die einzige Lichtquelle unter der Decke war direkt auf ihn
ge-richtet.
Er kam sich vor wie auf der Anklagebank.
Misato betrat den Raum.
Sie schien müde und übernächtigt, hatte die Lippen zusammengepreßt.
„Und?“
Keine Begrüßung...
„Hat dir dein kleiner Ausflug Spaß gemacht? Hat dich die Herumtreiberei etwas aufgeheitert?“
Er senkte den Blick.
„Es tut mir leid.“
Es tat ihm leid, daß sie seinetwegen nicht geschlafen hatte, es tat ihm leid, daß sie sich Sorgen gemacht hatte...
„Ich möchte dich nur eins fragen: Willst du in Zukunft weiterhin ein EVA-Pilot sein, oder nicht?“
Shinji hob den Blick nicht an.
„Ich hatte es dir doch von Anfang an gesagt... ich bin nicht eingestiegen, weil ich es wollte... aber, was ändert das schon? Ihr braucht einen Piloten, Ayanami ist immer noch verletzt,
also braucht ihr mich immer noch und werdet mich wohl kaum gehen lassen.“
„Darum geht es nicht. Ich will wissen, was du denkst... Shinji-kun...“
Misatos Blick wurde weich.
„Wenn du nicht wieder Pilot sein willst, ist das okay... du kannst jederzeit zu deinem Onkel und deiner Tante zurück.“
Er sah sie nur an, konnte nicht glauben, was sie sagte, konnte nicht glauben, daß sie bereit wa-ren, ihn gehenzulassen.
„Es bringt nichts, wenn du nur halbherzig dabei bist, du setzt nur dein Leben unnötig aufs Spiel... Natürlich könnten wir dich als Piloten gebrauchen, aber wir schreiben da
Betriebssys-tem von EVA-01 auf Rei um, sie hat keine Bedenken, trotz ihres Zustandes einen EVA zu steuern.“
Misato preßte kurz die Lippen zusammen.
Die Worte kamen ihr nicht leicht über die Lippen, sie wollte ihn eigentlich nicht gehen lassen, denn schon jetzt glaubte sie zu wissen, daß ihr Apartment seltsam leer sein
würde.
Sie schluckte.
„Verzeih mir, ich hätte nie versuchen sollen, dich zu überreden... es war falsch. Kehre in dein altes Leben zurück und vergiß uns.“
Sie wandte sich der Tür zu, war schon halb aus dem Raum, als sie noch einmal zurückblickte, hoffte, daß er nicht sah, daß ihre Augen feucht waren.
„Leb wohl...“
Damit ging sie.
Die Tür schlug laut hinter ihr zu.
Shinji sackte wieder in sich zusammen.
„Misato...“
Also war er ihr nicht egal... also sah sie mehr in ihm als nur den braven Piloten Shinji...
Wie hatte er nur so gemein zu ihr sein können...
Die Tür wurde wieder geöffnet, doch statt des Captains traten zwei der Männer in Schwarz ein.
„Komm mit.“
Wortlos stand er auf und folgte ihnen.
Sie brachten ihn zum Haupteingang, dort wartete Ritsuko Akagi auf ihn.
„Shinji, ich habe ein Nachricht von deinem Vater. Er läßt dir ausrichten: ´Auftrag erfüllt. Geh heim.´“
„Ja.“
Irgendwie überraschte ihn das nicht.
Es überraschte ihn nicht, daß sein Vater nicht selbst gekommen war, es überraschte ihn nicht, daß er ihm selbst jetzt alle Anerkennung verweigerte...
„Ritsuko... Doktor Akagi...“
„Ja?“
„Wo... wo ist Misato? Ich würde mich gern... von ihr verabschieden...“
Und sich entschuldigen...
Akagi blickte ihn an wie einen Fremden.
„Shinji, du gehörst nicht mehr zu NERV, du hast keine Forderungen mehr zu stellen. Im Ge-genteil, du wirst dich so schnell wie möglich aus dem Hauptquartier, der Geofront und
Tokio-3 entfernen. Diese beiden Herren werden dich zum Zug bringen und dafür sorgen, daß du mit ihm die Stadt verläßt. Deine Sachen werden dir nachgeschickt. Alle
Gute.“
Damit wandte auch sie sich ab.
Einer der Sicherheitsleute gab ihm einen leichten Stoß.
„Komm, Junge.“
In die Bahnstation fuhr gerade ein Zug ein, ein einzelner Passagier stieg aus - Rei Ayanami.
„Ayanami“, stieß Shinji hervor.
Es war das erste Mal, daß er sie sah, seit er sie am Vormittag in der Stadt zurückgelassen hat-te, die Tatsache, daß sie sich schwer auf eine Krücke stützte,
erschreckte ihn.
„Bist du... in Ordnung?“
Sie sah ihn mit ihrem gesunden Auge an, über dem anderen befand sich jetzt ein großes Pflaster statt der Bandage. Der Blick des scharlachroten Auges schien sich in seine Seele zu
bohren.
Ayanami nickte knapp.
„Kein Gespräch.“ brummte der Mann in Schwarz und deutete dem Jungen, in den Waggon zu steigen.
Er spürte Ayanamis Blick auf seiner Haut wie Feuer. Trotz der Ermahnung drehte er sich noch einmal halb um.
„Ayanami...“
Ihr Blick war furchtbar traurig.
„Leb wohl, Ikari-kun...“
„Komm jetzt!“
Sie stießen ihn in die Bahn.
Shinji starrte durch die Fensterscheibe, hielt mit ihr Blickkontakt, bis die Bahn anfuhr und die Station verließ...
*** NGE ***
Die Schlußlichter der Bahn verschwanden im Dunkel des Tunnels.
Rei sah noch eine ganze Weile in die Dunkelheit, meinte, einen Lichtschimmer wahrzunehmen, wandte sich schließlich um.
Sie war wieder allein...
In ihren Augen hatte sich Feuchtigkeit angesammelt, dabei hatte sie nicht den Eindruck, etwas im Auge zu haben. Sie wischte sich mit dem Ärmel über das gesunde Auge.
Langsam humpelte sie in Richtung des schweren Panzerschotts, sie hatte es noch nicht ganz erreicht, als es von innen geöffnet wurde und sie sich Kommandant Ikari gegenübersah.
Der Mann lächelte eines seiner seltenen Lächeln, doch in diesem Lächeln lag kein Gefühl, es war ebenso tot wie die Augen hinter der Brille.
„Rei, was tust du hier?“
„Ich habe gehört, daß das Third Children aufgefunden wurde.“
„Ja. Er hat uns verlassen. Rei, jetzt liegt es an dir, die Mission zu einem Erfolg zu führen.“
Sie nickte knapp, eilte an ihm vorbei, während sie wieder spürte, wie ihre Augen feucht wur-den.
Warum hatte der Kommandant Ikari-kun gehen lassen? Hätte er ihn nicht überzeugen können zu bleiben?
Ihr Bild von der Unfehlbarkeit des Kommandanten begann zu bröckeln...
*** NGE ***
Der Geländewagen bockte wie ein wilder Stier, es erforderte Larsens ganze Aufmerksamkeit, ihn auf dem Trampelpfad zu halten, dem er seit einiger Zeit folgte.
Den Wagen selbst hatte er in der Nähe des Camps gefunden, umgeworfen von der Druckwelle einer der Explosionen. Jetzt näherte er sich langsam dem vereinbarten Treffpunkt, wo sein Team
auf ihn warten würde.
Am Horizont ging die Sonne auf.
Die Tankanzeige bewegte sich bereits im roten Bereich, einen Reservekanister hatte er nicht.
Er hoffte, daß der Sprit noch ein wenig reichen würde, die Schußverletzung an seinem linken Bein würde es ihm nicht erlauben, weite Strecken zu laufen, sie mußte
dringend von einem Arzt versorgt werden.
Während der Fahrt schlichen sich immer wieder Erinnerungsbilder vor sein geistiges Auge, Bil-der aus einer Zeit, als er noch mehr Mensch gewesen war als Maschine.
Es war im Jahre 2000 gewesen, kurz nach seiner Beförderung zum Sektionsleiter innerhalb des MAD, des Militärischen Abschirmdienstes der Bundesrepublik Deutschland. Der Posten brach-te
ausreichend Sicherheiten, daß er daran denken konnte, eine Familie zu gründen, er würde nicht mehr ständig unterwegs sein, hatte endlich Gelegenheit, etwas Ruhe zu
finden.
Zu diesem Zeitpunkt war er bereits fast zwanzig Jahre im Geheimdienstgeschäft gewesen, man hatte ihn direkt von der Militärakademie rekrutiert und dann bei verschiedenen
verbündeten Geheimdiensten unterweisen lassen. Das Ende des Kalten Krieges hatte für ihn zur Folge ge-habt, daß er selbst mehr im Ausbildungs- und Verwaltungsbereich tätig
geworden war, die Zahl der Einsätze, die er geplant hatte, ging in den dreistelligen Bereich. Zur Jahrtausendwende hatte er seine Jugendliebe Ann geheiratet, ihre Flitterwochen verbrachten
sie an der Nordsee in einem kleinen Küstendorf, wo seine Familie ein Landhaus besaß. In seiner Familie gab es eine lange Tradition von Armeeangehörigen, einer seiner Verfahren
hatte unter Blücher gegen die Franzosen gekämpft. Und dort, an der Nordsee, überraschte sie der Second Impact.
Mit einem Schlag war der Himmel dunkel geworden und die See unruhig, kurz darauf peitschte der Wind über das Meer und eine Flutwelle überrollte die Küste, brach die Deiche,
schwemmte Menschen, Vieh und Häuser fort...
Sie hatten bereits wenige Stunden zuvor vom Kommen der meterhohen Flutwelle erfahren, hatten Vorbereitungen getroffen und sich im Haus verschanzt, da sämtliche Straßen bereit
verstopft waren und niemand beim MAD daran dachte, den Chef des Planungsstabes und seine Frau mit einem Helikopter herauszufliegen, andere Personen hatten Vorrang.
An die Sekunde der Katastrophe selbst erinnerte er sich nicht mehr, nur daß die Wassermassen das Haus mit sich gerissen hatten und daß eine eiskalte Hand ihn gegen eine Betonmauer
ge-schleudert hatte, daß er gehört hatte, wie sein Rücken brach, wie Hüfte und Schulterblätter zerschmettert wurden, daß er Blut gespuckt hatte und die Welt in
einem Strudel aus Rot und Schwarz untergegangen war.
Irgendwie hatte er die Katastrophe überlebt, irgendjemand hatte ihn gefunden, ein zerschmet-tertes blutiges Bündel Fleisch... Als er im Krankenhaus an zahllose Apparaturen angeschlossen
zu sich kam, blind und nicht in der Lage, auch nur einen Muskel zu bewegen, hörte er jeman-den sagen, daß man ihn nicht im Stich lassen würde, daß man tun würde, wa
möglich war. Doch hätte er sprechen können, hätte er nur darum gebeten, sterben zu dürfen...
Über drei Jahre hatte er sich in diesem Zustand befunden, am Leben erhalten von Maschinen, war mit der Zeit mehr und mehr zu einem Versuchsobjekt geworden, einem Symbol für den Wettlauf
der Ärzte mit dem Tod. Schließlich jedoch hatten sie endlich die Geräte abgestellt - und sein Herz hatte von selbst weitergeschlagen, seine Lungen von selbst weiter geatmet, sein
Körper hatte weitergelebt, hatte ihn betrogen. Dies hatte den Ausschlag gegeben für ein toll-kühnes Unterfangen. Und zwei Tage später, nachdem vier Ärzteteams in
Schichten an seiner Wiederherstellung gearbeitet hatten, war er imstande gewesen, wieder zu sehen. Kameralinsen hatten seine Augen ersetzt, eine neuentwickelte Schnittstelle den Sehnerv, ein
Klumpen bioor-ganischen elektodengespickten Gewebes einen Teil seines Gehirns. Eine Ummantelung aus tita-niumangereicherten Tripolymerstahl war benutzt worden, um seine zersplitterten
Schädelkno-chen zusammenhalten, ebenso waren seine Rückenwirbel rekonstruiert worden. Panzerplatten waren für Rücken und Brust genutzt worden, um die Organe zu schützen,
die längst aufgrund fortschreitender Nekrose entfernten Arme und das rechte Bein waren durch Prototypen neuer Prothesen ersetzt worden, die über das sogenannte PROPHET-Interface von
seinem Gehirn gesteuert werden konnten.
Im Laufe der Zeit waren neue Modifikationen hinzugekommen, hatte man ihn verbessert.
Das linke Bein war durch implantierte knochenverstärkende Schienen in die Lage versetzt wor-den, das erhöhte Gewicht seines Körpers zu tragen, künstliches Muskelgewebe war
verwandt worden, um es auf einen Leistungsnenner mit dem kybernetischen rechten zu bringen. Und schließlich hatte er die Krallen erhalten, kurz nachdem er zur neugegründeten
Organisation ODIN gewechselt war...
Die Rückkehr in sein altes Leben war fast unmöglich gewesen, er hätte es verstanden, wenn Ann ihn verlassen hätte, wenn sie es mit dem Monster, zu dem sie ihn gemacht hatten,
nicht unter einem Dach ausgehalten hätte. Doch sie war für ihn dagewesen, hatte ihm nicht den Rük-ken zugekehrt. Dafür war er ihr dankbar, denn ohne sie hätte er e
wahrscheinlich nicht ge-schafft, seine Menschlichkeit zu bewahren, seine Persönlichkeit im Inneren des Metallschädels nicht zusammenhalten können.
In guten wie in schlechten Zeiten...
Die Erinnerung an das Versprechen, welches sie einander gegeben hatten, ließ seine Mundwin-kel zucken. Die Mimik war sparsam, doch besser als nichts.
ODIN hatte keinen Meisterstrategen benötigt, sie hatten eine lebende Waffe gebraucht, welche auch die gefährlichsten Aufträge ausführte. Und so war zu seinem Decknamen
gekommen - Loki. Loki der Verräter unter den Nordgöttern... Die Ironie entging ihm nicht, würde seine nächste Aktion doch auf den Fall Direktor Wilforth F. Cedrick
hinarbeiten...
„Commander?“
Instinktiv griff er nach der Maschinenpistole, welche neben ihm auf dem Sitz lag, schloß die stählernen Finger dann jedoch doch nicht um den Griff, sondern brachte den Wagen zum
Ste-hen.
Die Stimme war vertraut, sie gehört einem seiner Agenten.
Der Mann trat aus dem Schatten eines Felsens.
„Haben Sie es geschafft, Sir?“
„Ja. Wo sind die anderen?“
„Ich zeige es Ihnen.“
Der andere kletterte in den Jeep, deutete auf einen kaum erkennbaren Pfad.
„Dort entlang.“
Der Pfad endete in einem Canyon, dort hatten die ODIN-Agenten ihr Lager aufgeschlagen - und dort wartete ein Frachthubschrauber.
Larsen fühlte eine tiefe Ruhe in sich aufsteigen. Die erste Hürde war erklommen. Seine alten Kontakte funktionierten noch...
*** NGE ***
Rei Ayanami humpelte den breiten Hauptkorridor entlang.
Sie hatte kein Ziel vor Augen, wollte einfach nicht in ihr leeres Apartment zurückkehren, wo die Einsamkeit, welche sie in diesen Momenten spürte, unerträglich gewesen wäre,
wo nur der helle Mond am Nachthimmel ihr Gesellschaft geleistet hätte.
Plötzlich hörte sie ein Schluchzen.
Sie folgte dem Geräusch, fand auf einer Bank neben einem Trinkwasserspender den Ursprung des Schluchzens, dort saß Captain Katsuragi, das Gesicht in den Händen verborgen.
Rei betrachtete die ältere Frau eine Weile lang.
„Captain?“
Misato blickte auf.
„Ja?... Ach, Rei, du bist es...“
„Fühlen Sie sich unwohl? Soll ich Doktor Akagi verständigen?“
„Nein.“
Sie schüttelte den Kopf, holte ein Taschentuch hervor, faltete es auf die Größe einer Tisch-decke auseinander und schneuzte sich kräftig.
„Aber danke.“
Rei blickte sie an.
Weshalb bedankte Captain Katsuragi sich bei ihr? Sie hatte doch nur eine Maßnahme zur Er-haltung ihrer Funktionsfähigkeit vorgeschlagen, die sie sicher selbst kannte.
Misato sah Rei an.
„Er ist weg... Shinji ist fort.“
„Ich weiß.“
„Ja? ... egal... ich kann ihn sogar verstehen... wir alle haben ihn nur benutzt, haben gehofft, daß er sein Leben für uns riskiert...“
Rei sagte nichts.
Warum erzählte der Captain ihr das? Zog sie sie etwa ins Vertrauen? Behandelte sie sie gerade wie einem Menschen und nicht wie eine Puppe, wie ein Werkzeug?
„Er hat es nicht mehr ausgehalten... und ich habe ihn gehen lassen... dabei kann er nirgends hin-gehen... ich wollte mich um ihn kümmern, aber nicht einmal das habe ich geschafft. Und
jetzt - jetzt sitze ich hier und jammere...“
„Sie wollten nicht, daß er geht.“
„Nein. Aber ich konnte ihn auch nicht halten.“
Rei war versucht, den Kopf zu schütteln.
Ikari-kun hatte nicht wirklich gehen wollen, er hatte seine neuen Bekanntschaften nicht einfach zurücklassen wollen, sonst hätte er sich in der Bahnstation wohl kaum so verhalten.
Und der Captain hatte auch nicht gewollt, daß er ging.
Die Lösung war so einfach, lag auf der Hand, erforderte nicht einmal besondere Logik.
„Sagen Sie es ihm.“
„Was meinst du, Rei?“
„Warum sagen Sie ihm nicht einfach, daß Sie möchten, daß er bleibt... daß Ikari-kun bleibt, nicht Pilot Ikari...“
Misato schluckte. Reis Worte begannen einzusinken.
Sie sprang auf.
„Rei, du bist ein Genie!“
Damit rannte sie los.
„Ich weiß.“ murmelte Rei. In ihrer Stimme schwangen weder Stolz noch Protzerei mit, nur die nackte Feststellung. Schließlich war sie so erschaffen worden, daß ihr
Intellekt über dem Durchschnitt lag, weit über dem Durchschnitt.
Und sie hoffte, daß der Captain es schaffen würde, mit Ikari-kun zu sprechen, bevor dieser die Stadt verließ... und daß Ikari-kun ihr zuhörte...
*** NGE ***
Misato fuhr wie der Teufel - und dies sogar für ihre Verhältnisse.
Zu ihrem Glück war nur wenig Verkehr.
Mit quietschenden Reifen fuhr sie auf den Parkplatz vor dem Bahnhof, sprang aus dem Auto, ließ es einfach mitten auf dem Platz stehen, hechtete die Stufen zum Bahnsteig hinauf, als hinge
ihr Leben davon ab.
Der Zug, mit dem Shinji zurückfahren würde, war gerade eingefahren...
Dann sah sie den jungen Ikari, der vor einer offenen Tür stand und sich nicht bewegen zu wol-len schien, denn die beiden Sicherheitsleute, die ihn begleitet hatten, waren gerade dabei, ihn
in den Waggon hineinzubugsieren. Er wehrte sich nicht, tat aber selbst auch keinen Schritt.
„Shinji!“ brüllte Misato aus Leibeskräften.
Er drehte den Kopf, seine Augen weiteten sich.
„Misato...“
Die beiden Männer in Schwarz hielten in ihrem Tun inne.
„Captain...“
„Meine Herren, ich übernehme ab hier, Sie werden nicht mehr gebraucht.“
„Wir haben Anweisungen...“
„Ihre Befehle sind widerrufen.“
„Ja, Sir.“
Die beiden entfernten sich.
Misato keuchte.
„Shinji-kun, ich muß dir noch etwas sagen... ich...“
Sie schnappte nach Luft.
„Hör zu, ich möchte nicht, daß du gehst. Ich meine, wir kennen erst seit ein paar Tagen, aber... weißt du, ich habe dich bei mir einquartiert, weil ich dachte, e
wäre nett, jemanden in der Nä-he zu haben, jemanden, mit dem man sich unterhalten kann...“
Sie grinste.
„Einen Mann im Haus, der Einbrecher verjagt und den Müll rausträgt... Shinji-kun, verstehst du? Ich wollte soetwas wie eine Familie... versteh mich bitte nicht
falsch...“
In ihren Augen glitzerte es feucht.
Shinji sah sie stumm an.
Ihr Interesse galt tatsächlich ihm, wie bei einer Mutter... nein, wohl eher wie bei einer großen Schwester... aber es war das erste Mal, daß jemand ihm soetwas sagen, daß
er nicht allen egal war...
Er spürte einen dicken Kloß in seinem Hals.
Seine Knie bebten plötzlich.
„Misato... ich will nicht zurück... egal, was daraus erwächst... egal, was ich tun muß... ich will nicht wieder zurück...“
Die Türen des Zuges schlossen sich und er fuhr ab.
Die beiden registrierten es nur am Rande.
„Shinji-kun?“
„Ja?“
„Laß uns nach Hause gehen.“