Mit Misatos Erlaubnis blieb Shinji am nächsten Morgen der Schule fern und schlief sich richtig aus.
Als er am späten Vormittag die Augen öffnete und zur Decke sah, war es in seinem Denken keine fremde Zimmerdecke mehr.
Er war zuhause...
*** NGE ***
Das erste, was er nach Waschen, Ankleiden und Frühstücken tat, war Einkaufen zu gehen, Mi-sato war am Vortag nicht dazu gekommen und die Schränke waren für Shinjis Auffassung
schon wieder recht leer, schließlich konnte man nie wissen, wann ein voller Vorratsschrank le-bensnotwendig werden könnte.
Draußen allerdings, als er schon wieder dabei war, die Einkaufstüten von Laden an der Ecke zurückzuschleppen, vertraten ihm Toji Suzuhara und Kensuke Aida den Weg.
Shinjis Laune sank auf den Tiefpunkt, wahrscheinlich wollte der größere und stärkere Junge ihn wieder einschüchtern.
Aber diesesmal nicht... diesesmal würde er die Wange nicht hinhalten, sich nichts mehr gefallen lassen...
Doch Suzuhara gab sich seltsam zurückhaltend.
„Ikari, ich muß mit dir reden.“
„Ja?“
Shinji zog die Augenbrauen hoch, blieb aber bereit, einem Schlag auszuweichen.
„Toji möchte dir ´was sagen.“ grinste Kensuke.
„Also, Ikari, ich... Ach, verdammt, ich kann das nicht!“
„Na los, Großer!“
„Hrmpf. Gut, gut, Aida... Also, Ikari, ich wollte dir sagen, daß es mir leid tut. Ähm...“
„Toji, das hatten wir doch geübt!“
„Okay, okay, nerv nicht! - Ikari, ich möchte mich bei dir entschuldigen... Ich habe dich geschla-gen, ohne nachzudenken...“
„Das passiert ihm öfters.“
„Schnauze, Kensuke! - Also, ich wollte nur... ich war so wütend wegen meiner Schwester und...“
Shinji nickte. Das hatte er ja schon gewußt.
„Ist schon in Ordnung.“
„Und ich... Häh? Schon in Ordnung?“
„Ja, kein Problem.“
„Nein, nein. Ich schulde dir ´was.“
Er baute sich vor Shinji auf, reckte das Kinn vor.
„Verpaß mir eins, schlag zu, so hart wie du kannst.“
Shinji starrte ihn an.
„Nein.“
„Was? So eine Gelegenheit gebe ich dir nie wieder!“
„Ich find´s ganz gut, wenn du in meiner Schuld stehst.“ erklärte Shinji, ging an den beiden vorbei und grinste dabei über das ganze Gesicht.
„Argh! Das darf doch nicht wahr sein!“
Leise lachend marschierte Shinji auf den Apartmentkomplex zu, wo er jetzt wohnte.
Neben ihm hielt mit quietschenden Reifen ein Wagen.
Noch bevor er den blauen Sportwagen richtig erkannt hatte, war ihm schon der Name seiner Mitbewohnerin durch den Kopf geschossen - solche Bremsmanöver führte nur eine Person in Tokio-3
aus, die er kannte.
„Hallo, Misato!“
„Shinji, du bist ja richtig guter Dinge. Spring rein, Ritsuko will ein paar Synchronisationstests machen.“
„Muß das sein?“
Seine gute Laune verflog langsam.
Misato zuckte mit den Schultern.
„In der Frage ist sie höherrangiger als ich.“
„Ja.“
Das war der Deal, den er mit Misato geschlossen hatte. Damit man ihm erlaubte, in Tokio-3 zu bleiben, würde er im Gegenzug als Pilot von Einheit-01 zur Verfügung stehen. Aber deshalb
mußte es ihm noch lange keinen Spaß machen...
„Ich bringe nur schnell die Einkäufe nach oben.“
Sie sah auf die Uhr.
„Keine Zeit, pack die Sachen auf die Rückbank.“
Toji und Kensuke schlossen zu ihm auf.
„Hey, Ikari, ist das deine Mutter? - Guten Tag, Frau Ikari!“
„Nein, nein, Toji, dazu ist sie nicht alt genug, sicher seine Schwester! - Hallo!“
Misato lachte.
„Weder noch. Hallo, Jungs, ihr seid doch die beiden von gestern, oder?“
„Äh?“
„In der Steuerkapsel.“
„Uh, ja.“ - „Gehören Sie auch zu NERV?“
„Ja. Aida, stimmt´s? Ich bin Captain Misato Katsuragi, Shinjis Mitbewohnerin.“
„Mit“ - „Be“ - „Woh“ - „Ne“ - „Rin?“
Die beiden starrten Shinji an.
„Ikari, stimmt das?“
„Uhm, ja.“
„Wahnsinn“, flüsterte Kensuke. „Öh, also, ich bin Kensuke. Und das ist Toji.“
„Hi!“ Suzuhara grinste über das ganze Gesicht.
„Tja, Jungs, hat mich gefreut, euch kennenzulernen, aber wir müssen los. - Shinji?“
„Äh, ja.“
Wie geheißen stellte er die Tüten auf die Rückbank, besann sich dann eines besseren und verstaute sie im Fußraum, damit sie Misatos Fahrstil überlebten, bevor er sich
auf dem Beifah-rersitz niederließ.
Misato winkte noch einmal und fuhr dann an.
„Wahnsinn!“ erklärte Toji.
„Ja, heiße Braut.“
„Und die beiden wohnen zusammen. Verdammter Glückspilz, dieser Ikari!“
„Und einen heißen Wagen hat sie.“
„Häh? Darauf habe ich gar nicht geachtet.“
„Verdammter Glückspilz...“
*** NGE ***
Rei Ayanami humpelte den Korridor zwischen dem Hangar-Areal und dem Haupteingang entlang, sie hatte die Nacht in einem der selten benutzten Bereitschaftsräume verbracht. Und am Morgen war
ihr, als sie das Hauptquartier verlassen wollte, Doktor Akagi über den Weg gelaufen, die sie sogleich zu einer Reihe von Tests abkommandiert hatte.
Sie hatte damit gerechnet, mit EVA-01 getestet zu werden, dem besten EVANGELION, über den NERV im Augenblick verfügte, doch dies war nicht geschehen.
Auf ihre Frage hin hatte der Doktor ihr mitgeteilt, daß Ikari-kun zu NERV zurückgekehrt war - und sich dann gewundert, daß Reis Synchratio einen plötzlichen Sprung von 0,6
Punkten nach oben gemacht hatte.
Das Mädchen ließ es sich nicht anmerken, doch die Tatsache, daß der Captain es geschafft hat-te, Ikari-kun zurückzuholen, erzeugte bei ihm ein seltsames Gefühl von
Zufriedenheit, wie sie es zuvor selten verspürt hatte.
Ikari-kun hatte die Stadt nicht verlassen... er hatte sie nicht zurückgelassen... sie war nicht al-lein...
Jetzt fühlte sie sich wieder in der Lage heimzugehen.
Durch den Haupteingang kam ihr der Captain entgegen.
Ikari-kun war bei ihr.
Die beiden Teenager blieben stehen, musterten einander.
„Du bist also zurück.“ stellte Rei fest. Ihre Stimme verriet nicht, daß sie sich innerlich ganz un-ruhig fühlte. Warum schlug ihr Herz schneller? War sie krank? Dabei
war sie noch nie krank gewesen. Und die Symptome entsprachen keiner ihr bekannten Krankheit.
„Uhm, ja, Ayanami.“
„Ich dachte, du wärst gegangen.“
„Ich... ahm... nein, ich habe es mir anders überlegt.“
„Gut. Sonst hätte ich EVA-01 übernommen.“
Sie setzte sich wieder in Bewegung, humpelte an ihnen vorbei.
„Aya... Ayanami...“
„Ja?“
Sie blieb stehen, drehte sich aber nicht um.
„Dein Fuß - wie geht es dir?“
Er hatte sich nach ihrem Zustand erkundigt, obwohl ihm ihre Funktionsfähigkeit egal sein konnte, schließlich war er der Pilot von EVA-01, von dem alles abhing, und damit vielleicht der
einzige Mensch, dem es hätte egal sein können, ob sie funktionierte... Ihre Gedanken be-wegten sich im Kreis.
Was sollte sie antworten?
- Die Wahrheit...
„Das heilt.“
Und damit ging sie.
„Misato... Hat Ayanami etwas gegen mich?“
„Nein, Shinji-kun... Ich glaube, sie ist zu jedem so. Wahrscheinlich hat sie nie gelernt zu lä-cheln...“
Er sah noch einmal über die Schulter, doch das schwere Tor hatte sich bereits wieder ge-schlossen.
„Aber, Shinji-kun...“
„Ja, Misato?“
„Sie hat eben mit dir mehr Worte gewechselt, als bei jeder anderen Gelegenheit, die ich beo-bachtet habe. Vielleicht mag sie dich sogar.“
„Ahm...“
Misato fuhr ihm neckend durchs Haar.
„Du Frauenheld, du!“
Er lief tiefrot an.
„Misato!“
Sie lachte.
„Komm jetzt, suchen wir Ritsuko.“
*** NGE ***
Der EVA-Hangar war riesig, und er war nicht der einzige Raum dieser Größe im Hauptquar-tier. Überhaupt schien die ganze Anlage für Riesen gebaut worden zu sein.
In Shinjis Augen leuchtete es durchaus ein, daß NERV seine Kommandozentrale unterirdisch in der Geofront errichtet hatte, ein Engel hätte das Hauptquartier wahrscheinlich mit ein paar
einfachen Schlägen gegen tragende Pfeiler zum Einsturz bringen können.
Dennoch hatte er nicht mit dem gerechnet, was sie schließlich in der Halle, in welcher sie end-lich Ritsuko Akagi antrafen, ebenfalls vorfanden.
In der Halle befand sich der Leichnam des Engels, den er am Vortag besiegt hatte, er mußte während der Nacht vom Kampfplatz ins Hauptquartier gebracht worden sein, wo er jetzt von
Wissenschaftlern untersucht wurde, die im Vergleich zu ihm wie Ameisen wirkten.
Und es stank in der Halle.
Die Belüftungsanlage, deren Dröhnen die Halle erfüllte, schien mit dem Gestank überfordert zu sein.
Es roch nach Tod.
Ritsuko Akagi stand auf einem Laufsteg in gut fünf Metern Höhe und machte sich Notizen, sie trug einen Schutzhelm und ein Headset, wahrscheinlich bekam sie von den wissenschaftlichen
Teams Informationen, die sie sogleich verwertete.
Neben ihr stand ihre Assistentin, Maya Ibuki, mit einem Laptop.
„Hier.“
Misato reichte ihm einen Helm von einem Tisch neben dem Eingang.
„Wozu?“ fragte er laut, um die Belüftungsanlage zu übertönen.
Sie zuckte mit den Schultern.
„Sicherheitsbestimmungen. Obwohl Gasmasken wohl angebrachter wären.“
Ohne Widerrede ließ er sich von ihr den Helm aufsetzen, dann stiegen sie die Metalltreppe hinauf.
„Du bist also wirklich zurückgekommen.“ wurde Shinji von Ritsuko Akagi begrüßt, während ihre Assistentin ein „Hallo“ und ein kurzes freundliche
Lächeln für ihn übrig hatte, bevor sie sich wieder ihrem Computer zuwandte.
Shinji entschied sich, nicht näher darauf einzugehen.
„Das ist also der Engel, den ich besiegt habe.“
„Ja. Er ist bereits in einen Verwesungszustand übergegangen, daher der Gestank.“
„Und ich dachte, du hättest wieder mit dem LCL experimentiert“, versuchte Misato zu scher-zen, was ihr allerdings nur einen bösen Blick von Ritsuko und Maya einbrachte,
letztere konnte es nicht ausstehen, wenn jemand an ihrer Chefin Kritik übte.
Misato tat, als hätte sie es nicht bemerkt, drehte dann den Kopf und verdrehte die Augen.
Daß Ritsuko aber auch überhaupt keinen Spaß verstand! Aber so war sie schon auf der Uni ge-wesen...
„Was macht ihr gerade?“
„Maya, erklär´s ihr!“ forderte Akagi ihre Assistentin auf.
Ibuki war höchstens zwanzig, sie trug einen der NERV-Standard-Overalls.
„Äh ja, ich habe eine Direktverbindung zu den drei MAGI-Computereinheiten, welche als un-ser Hauptsystem fungieren. Sie sind gerade mit der Analyse der Gewebeproben beschäftigt,
die wir dem Engel entnommen haben.“
„Und?“
„Das Gewebe, aus dem der Engel besteht, entzieht sich jeder uns möglichen Analyse.“
„Toll. Und dafür der ganze Aufwand? Das sind Aliens, sollte eigentlich klar sein, daß wir sie nicht verstehen können.“
„Nicht ganz, wir...“
Ibuki blickte Akagi fragend an.
Diese übernahm.
„Eine Gewebeprobe aus der äußersten Schicht des Herzens hat ergeben, daß sein genetisches Muster dem menschlichen zu 99,89% entspricht. Nur der Rest entzieht sich unseren
Möglich-keiten.“
„99,89%? Das ist recht viel... Hm, das Viech hat überhaupt keine Ähnlichkeit mit uns... Mo-ment mal, Ritsuko, die Zahl kommt mir bekannt vor...“
Vor ihrem geistigen Auge sah sie die beiden EVANGELION-Einheiten.
„Genau wie bei den EVAs...“
„Korrekt, Misato.“
„Warte mal... Du hast mir nie gesagt, woraus du sie gezüchtet hast... irgendwas mußte noch das Grundmaterial gewesen sein, ich dachte bisher immer, du hast menschliche Zellen
modifi-ziert oder so... oder die eines Primaten... Ritsuko, du hast doch nicht...“
Akagi sah sie an, schüttelte hastig den Kopf, machte eine Geste, sie solle schweigen.
„Misato, das unterliegt oberster Geheimhaltungsstufe! Stell keine Fragen in diese Richtung.“
Dabei schielte sie schräg nach unten.
Misato folgte ihrem Blick.
„Kommandant Ikari...“
Shinji, der das Gespräch der beiden Frauen nicht verfolgt, sondern lieber das Gewusel in der Halle beobachtet hatte, froh, daß sein Aufenthalt im EntryPlug noch etwas hinausgeschoben
worden war, hatte das Eintreffen seines Vaters schon vorher bemerkt, aber geschwiegen.
Gendo Ikari hatte die Halle betreten und im selben Moment schien die Temperatur um mehrere Grad zu fallen, als seine Gegenwart bemerkt wurde.
Er sah kurz zu dem Laufsteg hinauf, beachtete seinen Sohn aber nicht, ließ sich nicht einmal anmerken, ihn überhaupt gesehen zu haben, ebensowenig wie er sich anmerken ließ, ob
ihn der starke Verwesungsgestank störte oder nicht.
Sein ganzes Interesse schien einem fleckigen zusammengefallenen sackähnlichen Objekt zu gel-ten, welches sich auf der Ladefläche eines Transporters befand.
„Das ist also sein Herz...“ murmelte Ikari.
„Ja, Sir.“ bestätigte einer der Wissenschaftler.
Sein Kopf schoß herum, die Augen hinter den dunklen Brillengläsern fixierten den Mann, jag-ten ihm eine Heidenangst ein.
„Ich habe nicht mit Ihnen gesprochen.“
Der andere nickte hastig und entfernte sich.
Der ältere Ikari zog seine Handschuhe aus und strich über die Oberfläche des Objektes.
Seine Handinnenflächen waren von hellen Narben überzogen... wie von Verbrennungen...
Shinji kniff die Augen zusammen.
„Misato?“
„Ja?“
„Hat Vater sich die Hände verbrannt?“
Katsuragi nickte.
„Das ganze passierte vor etwas über einem Monat beim ersten Komplett-Aktivierungstest von EVA-00. Ich war damals noch nicht in Tokio-3 - ich bin selbst erst vor gut vier Wochen in
Hauptquartier versetzt worden. Aber Ritsuko war dabei.“
Akagi blickte von ihren Notizen auf, als ihr Name fiel.
„Hm?“
„Könntest du Shinji erzählen, was beim ersten Aktivierungstest von Einheit-00 geschehen ist?“
„Na gut. Alles fing ganz normal an - der DummyPlug wurde eingeführt, alle Systeme waren online, der ganze Prozeß halt. Nur daß der EVA erstmalig nicht von Halteklammern
gefesselt wurde, sondern sich frei bewegen konnte. Rei schien alles unter Kontrolle zu haben, ihr Syn-chronwert erreichte schnell den üblichen Wert. Doch als wir den EVA über das Kabel
mit ex-terner Energie zu versorgen begannen, drehte er plötzlich durch und begann, auf die Wände einzuschlagen. Der Notabschaltbefehl wurde ignoriert, worauf wir die Energieversorgung
trennten. Die Ladung in den internen Akkus reichte nur für zwei Minuten, aber diese Zeit ge-nügte EVA-00, um das Test-Areal in Trümmer zu legen - wir sind dann in die neuen
Räume umgezogen. In dieser Zeit wurde die Bakelit-Versiegelung eingeleitet, so daß der EVA am En-de bis zu den Knien quasi einbetoniert war.“
„Und Rei, vergiß Rei nicht.“ warf Misato ein.
Akagis Gesicht verdunkelte sich.
„Wie könnte ich sie vergessen...“
Es klang nicht ironisch, eher wie ein versteckter Fluch.
„Das First Children aktivierte auf Befehl des Kommandanten die manuelle Notevakuierung des Plugs, allerdings reichte der Platz im alten Testcenter nicht, daß der Plug in sicherer
Entfer-nung landen konnte, vielmehr schoß er wie eine Billardkugel durch die Halle.“
„Und, ah, Ayanami?“
„Gleich, Shinji. Was sind ihr alle ungeduldig, muß wohl Misatos schlechter Einfluß sein.“
„Hey!“ beschwerte sich diese.
„Gut, gut. Der Plug landete schließlich in einer Ecke des Areals. Kaum stand EVA-00 still, stürmte Kommandant Ikari aus dem Kommandoraum und zum Plug, wo er die
glühendheiße Einstiegsluke mit bloßen Händen öffnete, statt auf die Profis zu warten. Daher rühren die Nar-ben. Rei hatte es übel durchgeschüttelt, der
Mensch ist nicht dafür gemacht, mit zweihundert Stundenkilometern durch die Gegend geschleudert zu werden, selbst Rei nicht. Aber was sagte sie, als Ikari sie fragte, ob sie in Ordnung
wäre? - ´Ja´. Sie sagte ´ja´. Schweres Schleudertrau-ma, Gehirnerschütterung, innere Blutungen, gebrochene Knochen, aber sie sagt einfach ´ja´, weil
sie ihn nicht irgendwie enttäuschen will.“
Ritsuko schüttelte nur noch den Kopf.
„Vater hat sie also gerettet?“
Shinji versuchte, sich den Vorgang in Gedanken vorzustellen, doch es gelang ihm nicht, seinen Vater in den Handlungsablauf einzubringen, der Mann, welcher die Luke aufbrach, blieb ein
gesichtloser Fremder.
„Naja, die paar Sekunden, die er eher vor Ort war, hätten nun auch keinen Unterschied mehr gemacht.“
„Ritsuko, du bist furchtbar!“
„Und? - So, Shinji, hier gibt es nichts mehr zu sehen, laß uns die Tests durchführen...“
*** NGE ***
Neben dem Frachthubschrauber stand ein Mann in einer abgewetzten Lederjacke.
Larsen stieg aus dem Jeep und ging zu dem anderen hinüber.
„Lange her, Sergej.“ rief er auf Russisch.
„Ja, Gospodin“, lachte der andere, wurde aber todernst, als er die blankliegenden stählernen Kieferknochen sah.
„Ich hatte ja gehört, daß es Sie während des Impact übel erwischt hätte, aber das...“
„Kein Grund zur Aufregung. Danke, daß Sie gekommen sind.“
„Hach, natürlich bin ich sofort gekommen, als ich Ihre Nachricht erhalten hatte. Ihre Freunde sind recht schweigsam.“
Larsen musterte den anderen.
Sergej Roshenkov hatte sich in all den Jahren kaum verändert. Gegen Ende des Kalten Krieges hatten er und der Mann vom damals noch existierenden KGB öfters die Klingen gekreuzt,
spä-ter mehrfach zusammengearbeitet. Nur einige dumme Zufälle in der beidseitigen Terminpla-nung hatten vereitelt, daß der Russe sein Trauzeuge gewesen war.
„Ich benötige Ihre Hilfe, Sergej.“
„Deshalb bin ich hier, mein Freund. Wir haben uns gegenseitig Kugel um die Ohren gejagt und wir haben einander den Rücken gedeckt, wie könnte ich Ihnen da meine Hilfe
verweigern?!“
„Danke. Könnten Sie mich und meine Leute hier wegbringen?“
„Kein Problem, wohin soll´s gehen?“
„Zunächst einmal zurück in die Zivilisation. Ich benötige einen Mechaniker und einen Arzt.“
„Oi... Gut, kein Problem. Was noch?“
„Sergej, ich will Sie nicht in Schwierigkeiten bringen - ich stehe derzeit auf der Vermißtenliste meines Dienstes, ebenso mein Team. Wir müssen untertauchen.“
„Da.“ – ja – „Alles kein Problem. Falsche Pässe - besorge ich. Kleidung, Waffen, Geld - kann ich alles organisieren, ich weiß, daß Sie mich nicht
hängenlassen mit der Rechnung.“
„Nein, natürlich nicht.“
„Also, worum geht es?“
„Eine Verschwörung auf höchster Ebene. Haben Sie schon einmal etwas von einer Gruppe na-mens SEELE gehört?“
„Heilige Madonna... man munkelt einiges in Agentenkreisen. Mächtige Leute, sehr mächtige Leute. Sie haben direkt in ein Wespennest gestochen. Naja, rufen Sie Ihre Leute zusammen,
ich fliege Sie alle ersteinmal hier ´raus.“
*** NGE ***
Vier Flugstunden und einen Nachmittag bei einem Arzt, der Larsens Verletzungen behandelte, später saß die Gruppe zusammen in einer Hotelsuite.
Larsen verteilte mehrere Stapel Papiere an die Mitglieder seines Teams.
„Jeder von Ihnen wird sich um ein Mitglied der SEELE-Gruppe kümmern. Ihre Mission be-steht darin, der Zielperson so nahe wie möglich zu kommen. Führen Sie aber keine weiteren
Aktionen aus, sondern warten Sie meine Anweisungen ab. Ich werde mich zurück ins Haupt-quartier begeben und Direktor Cedrick ausschalten, so daß ODIN SEELEs direkten Zugriff entzogen
wird. So ich Erfolg habe, kann ich Ihnen dann weitere Unterstützung zukommen las-sen, wenn ich mich allerdings nicht binnen drei Wochen melde, brechen Sie Ihre Observationen ab und tauchen
unter.“
Niemand widersprach ihm.
„Ich habe hier die fünf Personen, welche innerhalb der Verschwörung den größten Einfluß aus-üben: Lorenz Keel, Eigner von Keel Industries...“
Die erste Akte wechselte den Besitzer.
„Chen Li-Tsu, der ewige zweite Mann im Politbüro der Volksrepublik China.“
Eine Agentin nahm die Akte in Empfang.
„Kardinal Gaius Vinzenzo, die rechte Hand des Papstes – oder besser der letzten drei Päpste. Francois Gellefair, der französische Außenminister. Scheich Abu Said
Mustaffah, Öl-Milliardär und Waffenhändler im großen Stil“
„Larsen, wenn Sie alle diese Männer töten lassen, hat das ein Chaos zur Folge... die Weltwirt-schaft...“
Er nickte ob des Einwurfes des Russen.
„Genau deshalb müssen wir Schritt für Schritt vorgehen...“
Dann blickte er auf die letzten beiden Akten in seiner Hand, die eine enthielt Informationen über ODIN-Direktor Wilforth F. Cedrick, die andere über Gendo Ikari, den Kommandanten der
UN-Organisation NERV...
*** NGE ***
Die Tage gingen ins Land.
Für Shinji stellte sich langsam Routine ein, vormittags ging er zur Schule, während es an jedem zweiten Nachmittag im Wechsel mit Ayanami im Testcenter anzutreten hieß, um
Synchronisa-tionsübungen durchzuführen, um Waffentraining zu absolvieren, um Unterricht in Taktiken und Strategien zu erhalten und um sich genau mit den Funktionen des EVA
auseinanderzusetzen.
Auch im Kontakt mit Rei Ayanami stellte sich eine Art von Routine ein, die morgendliche Be-grüßung bestand aus einem stummen Nicken, das gleiche, wenn sie mittags in verschiedene
Richtungen das Schulgelände verließen.
Mit der Zeit heilten auch Rei Ayanamis Verletzungen ab, anfangs war es nur die Kopfbandage, die sie nicht mehr trug, sondern sich auf ein großes, mit Pflastern über dem Auge
befestigtes Stück Verbandsmull beschränkte, dann die Krücke, schließlich der Verband um ihren Arm.
So sehr Shinji auch den inneren Drang verspürte, sich mit Rei zu unterhalten, welche vergli-chen mit ihm sich viel besser mit den EVAs auskannte, und die auch einen anscheinend viel besseren
Kontakt zu seinem Vater besaß als er, er verspürte stets Hemmungen, sie anzuspre-chen. Und sie selbst begann auch kein Gespräch, obwohl es ihr ähnlich ging...
Eines Tages, gute drei Wochen nach seiner Ankunft in Tokio-3, beobachtete Shinji von der ausfahrbaren Wartungsbrücke aus, welche EVA-01 zu diesem Zeitpunkt auf Schulterhöhe um-gab, wie
Ayanami den ausgefahrenen EntryPlug von EVA-00 inspizierte.
Natürlich, morgen waren die Reaktivierungstests für Einheit-00, wahrscheinlich wollte sie ganz sicher gehen, daß alles stimmte.
Und ihre PlugSuit paßte ihr wie angegossen, betonte ihre Figur, daß es eine Freude war, ihr zuzusehen. Zugleich schämte er sich ein wenig, daß er sie einfach anstarrte.
Jede ihrer Bewe-gungen schien zugleich durchdacht und elegant.
Dann tauchte sein Vater im Hangar auf und gesellte sich zu Ayanami, welche sofort ihre Arbeit unterbrach. Die beiden unterhielten sich miteinander, doch Shinji konnte nicht hören, worum e
ging. Allerdings konnte er sehen, wie sein Vater kurz zu lächeln schien.
In diesem Moment stach die Eifersucht wie ein glühendes Messer in sein Herz.
Warum sah er sie so an, weshalb konnte er ihn, seinen eigenen Sohn nicht so ansehen, oder we-nigstens mit ihm sprechen...
Mit hängendem Kopf verließ er den Hangar und gab sich den Rest des Tages seinen Depressio-nen hin.