„Reaktivierungstest von EVA-00 beginnt“, verkündete Ritsuko Akagi eigentlich völlig über-flüssigerweise.
Shinji stand im Hintergrund des Kommandoraumes des Test-Areals, neben ihm lehnte Misato gegen die Wand.
Weiter vorn stand Gendo Ikari mit Ritsuko Akagi an der großen Panzerglasscheibe, auf der an-deren Seite der Scheibe war die große Hangarhalle, nur war die Ach ja, dies ist die
FSK 16 - Version !sesmal das LCL abgelassen und
EVA-01 in einen anderen Raum der Anlage gebracht worden, so daß sich nur EVA-00 im grel-len Licht der Scheinwerfer befand, an den Schultern noch von den Klammern gehalten.
Der Plug mit Ayanami war bereits eingeführt worden, einer der vielen Bildschirme im Raum zeigte die Übertragung aus dem EntryPlug, zeigte Ayanamis blasses Gesicht.
„Rei, bist du bereit?“
„Bestätigt.“
Ihre Stimme klang so tonlos...
Was, wenn der EVA erneut Amok lief... hatte sie wirklich keine Furcht?
Shinji starrte auf den Rücken seines Vaters, welcher mit hinter dem Rücken verschränkten Händen dastand und sich ebenfalls keine Emotion anmerken ließ.
Hatte Ayanami in ihn wirklich ein solches Vertrauen?
Was hatte dieses Vertrauen begründet, warum hatte sie solch ein Vertrauen?
Was hatte sein Vater getan, um dieses Vertrauen zu verdienen?
Er konnte sich keine Antwort vorstellen...
In seinen Augen würde sein Vater Ayanami fallenlassen, sobald sie ihm nicht mehr von Nutzen war, ebenso wie er ihn jederzeit fallenlassen würde...
Ayanami...
Ob sie nervös war?
Ob sie auf ihn wütend war, ob dies Auswirkungen auf den Test haben würde?
Die Systeme von EVA-00 wurden, eines nach dem anderen, online geschaltet.
„Ersten Kontakt öffnen... Hauptstromquelle angeschlossen... Akkus geladen... Kritischer Punkt der Spannung überwunden. Alles Systeme bereit.“
„Beginnen mit Phase 2.“
„Bestätigt. Öffnen der Kontakte zwischen EVA-00 und Pilotin... Synchratio ansteigend... Not-wendiger Basis-Level erreicht... Standard-Ratio des First Children erreicht...
Synchratio hat sich eingepegelt. Lebenszeichen des Piloten normal. Puls ruhig. Synchronisation stabil. Alle Nervenverbindung geschlossen! Verbindung zum Zentralnerv steht.“
„Maya, Gegencheck!“
„Check 1 bis 2590 klar! Noch 2,5 bis zur absoluten Grenzlinie! 1,7! 1,2! 0,9...“
Shinji lauschte den Angaben Maya Ibukis, sah dabei am Rücken seines Vaters vorbei auf EVA-00. Der EVANGELION zeigte keine Reaktion, brach nicht aus seinen Fesseln aus, spielte nicht
verrückt... tat nichts, daß... Ayanami in Gefahr gebracht hätte...
„0,5... 0,4... 0,3... 0,2... 0,1...“
Gendo Ikari versteifte sich ein wenig.
Wahrscheinlich war Shinji der einzige, der den kurzen Muskelreflex wahrnahm.
Sein Vater war also auch unruhig, rechnete möglicherweise mit dem schlimmsten...
„Borderline klar! Aktivierung von EVA-00 abgeschlossen!“
„Übergang zum Getriebe-Test!“
„Beginnen mit Testlauf...“
Irgendwo im Raum summte ein Telefon.
Einer der Techniker nahm ab, reichte den Hörer dann an Kommandant Ikari weiter.
„Was ist, Fuyutsuki?“
Ikari lauschte, legte dann den Hörer auf.
„Den Test abbrechen! EVA-01 einsatzbereit machen! Alarmstufe Eins!“
Shinji zuckte zusammen.
„Was...“
Seine Frage ging im Jaulen der Sirenen unter, welche Blauen Alarm verkündeten - Engelalarm!
„Zieh dich besser um“, sagte Misato. „Ich muß in die Kommandozentrale.“
„Uh... ja...“
Er wandte sich zum Gehen, warf einen letzten Blick auf seinen Vater, der immer noch durch die Glasscheibe blickte, sah im Hintergrund, wie der EntryPlug aus EVA-00 entfernt wurde.
Sein Vater drehte sich immer noch nicht um, obwohl Shinji sich wünschte, er möge sich ihm nur kurz zuwenden, ihm nur knapp bestätigend zunicken...
Doch dies geschah nicht, wie üblich war er für ihn Luft.
Shinji verließ den Raum, ging das kurze Stück über den Gang und betrat die Umkleidekabine.
Hastig zog er sich aus und schlüpfte in die PlugSuit.
Wie üblich legte sich das Material eng auf die Haut.
Als er sich umdrehte, um die Kabine durch die Tür zu verlassen, stand Ayanami in der Tür.
Er zuckte zusammen.
„Ayanami...“
„Ikari-kun.“
„Weiß du... uhm, weißt du, was los ist?“
„Nein. Ich soll mich in Bereitschaft halten.“
„Dann wird es wohl ein Engel sein...“
„Wahrscheinlich.“
Also mußte er wieder hinaus, um zu kämpfen...
EVA-00 würde wohl im Hangar bleiben, da der Reaktivierungstest nicht abgeschlossen worden war und seine volle Funktionsfähigkeit damit nicht mit Sicherheit feststand.
Ayanami würde sich also nicht in Gefahr begeben. - Ganz im Gegensatz zu ihm...
Ob sie wohl noch auf ihn wütend war?
Vielleicht würde er nicht zurückkommen...
„Ayanami... ich... wollte dir noch etwas sagen...“
Sie blinzelte.
„Was?“
„Es tut mir leid.“
„Das hast du bereits gesagt... mehr als einmal.“
„Dann... bist du nicht ärgerlich?“
„Nein.“
„Nicht? Ich dachte... uhm... du würdest mich hassen...“
„Wofür? Warum sollte ich dich hassen?“
„Weil ich... weil ich dich nackt gesehen habe... und weil ich... ah...“
Er starrte wieder auf seine Hand.
„Weshalb sollte ich dich dafür hassen? - Dann müßtest du mich jetzt auch hassen.“
„Ich? Warum? Uh...“
Da dämmerte es ihm, wahrscheinlich hatte sie ihn beobachtet, wie er die PlugSuit angelegt hat-te.
„Also?“
„Aya-Ayanami, wie könnte ich dich hassen?... Doch nicht deswegen...“
„Genau.“
„Dann... besteht zwischen uns kein... böses Blut?“
Wieder blinzelte sie, schien über seine Formulierung nachzudenken.
Blut...
Sie haßte Blut, der Anblick erregte bei ihr Übelkeit.
Weshalb hatte Ikari-kun diese Formulierung verwenden müssen?
Er schien ein Freund solcher Redewendungen zu sein...
„Nein.“
„Dann... das ist gut... Hm, ich... uhm, ich muß wohl los.“
„Ja.“
Sie gab den Weg frei.
Ikari-kun schien unendlich erleichtert.
Trotzdem machte Shinji keine Anstalten, den Raum zu verlassen, stattdessen hielt er ihr die Hand entgegen, fühlte, daß er diesen Augenblick ausnutzen mußte, der sich vielleicht
nie wie-derholen würde.
„Ayanami... Freunde?“
Rei blickte auf die ihr entgegengestreckte Hand.
Was meinte Ikari-kun?
Freunde...
Er bot ihr seine Freundschaft an... warum? Weil sie nicht wütend auf ihn war? Oder aus ande-ren Gründen?
Freundschaft...
Ihr waren zwei Definitionen dieses Begriffes bekannt, der erste war eine andere Bezeichnung für Kameradschaft, der andere eine für eine Beziehung, die mit menschlicher Paarung in
Ver-bindung stand. Welche Art von Freundschaft meinte Ikari-kun?
Würde er auf eine Paarung abzielen, hätte er dies bereits in ihrem Apartment versuchen kön-nen, schließlich waren sie in dieser Beziehung kompatibel... also ging es ihm wohl
mehr um Kameradschaft. Ja, dies war auch die logischere Alternative, sie waren beide Piloten, sie muß-ten einander im Falle eines gemeinsamen Einsatzes vertrauen können... aber dazu
war sie ohne-hin bereit - er nicht? Oder weshalb bot er ihr seine Freundschaft an? Vielleicht war es auch eher eine Art zwischenmenschliches Ritual, bei dem man sich seine gegenseitige
Unterstützung ver-sicherte...
Andererseits... sie hatte beobachtet, wie Ikari-kun und die Mitschüler Suzuhara und Aida sich untereinander verhielten... es war verbunden mit einem Grad an Vertraulichkeit, mit dem ihr noch
niemand begegnet war, auch nicht der Kommandant, und sie wußte nicht, ob sie selbst dazu bereit war...
Und weshalb hatte sie ihn beim Umziehen beobachtet, ohne etwas zu sagen? Und weshalb hat-te sie sein Hinterteil mit dem Begriff ´knackig´ assoziiert?
Aber es war Ikari-kun, um den es ging...
Langsam hob sie die Hand, brachte sie der seinen entgegen.
Der Kontakt war nur kurz, bestand aus einem schwachen Händedruck seinerseits.
Hielt er sie für so zart, daß er es nicht wagte, fester zuzudrücken?
Weshalb war er selbst kurz zusammengezuckt?
Er schien zufrieden.
„Ich... ich muß los.“
Shinji verließ die Umkleidekabine, betrat durch die gegenüberliegende Tür den Hangarbereich, eilte über Stege und Brücken zum EntryPlug, der sich bereits in Stellung
über dem Steuernerv von EVA-01 befand. Seine Hand schmerzte leicht von dem schraubstockartigen Griff, den Ayanami ausgeübt hatte...
*** NGE ***
„Die Verbindung ist abhörsicher, Sie können mit Ihren Leuten in ASGARD ohne Bedenken Kontakt aufnehmen, Gospodin.“
Larsen nickte.
Er vertraute auf die Aussage des früheren KGB-Agenten.
Seine eigenen Leute, die anderen fünf RABEN, waren längst zu ihren neuen Einsatzorten auf-gebrochen, nur er war zurückgeblieben, war bei Sergej in einem früheren Unterschlupf
des KGB in Istanbul untergekommen.
Die Einrichtung des Gebäudes entsprach dem neuesten Stand der Technik, nach dem Zusam-menbruch der UdSSR hatte Sergej sich als Schmuggler und Informationshändler selbständig
gemacht.
„Danke.“
Er wandte sich dem Terminal zu.
Sergej klopfte ihm auf die Schulter... schlug plötzlich heftig gegen seinen Hals...
„Was...“
Seine Hand zuckte hoch, berührte die Stelle, wo der Russe ihn getroffen hatte.
Dort war etwas, an der synthetischen Haut klebte etwas... ein Gerät...
Er versuchte es abzureißen, doch er spürte seine Finger nicht mehr.
Dann kippte er zur Seite...
*** NGE ***
Wolf Larsen schob sich aus dem Versorgungsschacht, der zu einem Netzwerk von Schächten gehörte, welches unter Wilhelmshaven lag. Die Tatsache, daß bisher kein Alarm angeschlagen
hatte, konnte nur bedeuten, daß die Sicherheitssysteme in Bezug auf seine Person blind waren, daß es seinen Verbündeten gelungen war, seinen Zugang zu sichern.
Vor drei Tagen war er in der Arkologie am Ufer der immer noch zugefrorenen Nordsee einge-troffen, seit dem Impact hatte sich das Klima in Nordeuropa derart abgekühlt, daß der
Konti-nent bis zu den Alpen das halbe Jahr lang unter Eis und Schnee lag und selbst während der kur-zen Sommermonate waren die Temperaturen nicht einmal mehr ansatzweise jene, die gegen Ende
des letzten Jahrhunderts geherrscht hatten. Die Explosion in der Antarktis hatte zuviel Staub in die Atmosphäre geschleudert, als Folge erreichte nur noch ein Teil der bisherigen
Sonneneinstrahlung die Oberfläche. Und die Tatsache, daß sich die Erdachse spontan mit ei-nem großen Sprung verschoben hatte und der magnetische Nordpol jetzt knapp nördlich
von Island lag, hatte es auch nicht einfacher gemacht.
Die Überlebenden der großen Katastrophe hatten sich in südlichere Gefilde geflüchtet, einige jedoch hatten sich entschieden zu bleiben und die Industriestandorte nicht dem
Eis zu überlas-sen. So waren die Arkologien entstanden, Städte unter mächtigen Kuppeln aus verstärktem Plexiglas, jede durch Treibhäuser und eigene Kraftwerke
größtenteils unabhängig.
Wilhelmshaven war der nördlichste europäische Hafen, der während knapp sieben Monaten im Jahr benutzt werden konnte, der gesamte Frachtverkehr ins Inland lief über die
Arkologie ab, die inzwischen zwei kleinere Ableger gegründet hatte.
Larsen war mit einem Passagierflugzeug aus Istanbul gekommen, versteckt im Bereich des Fahrwerkes. Kälte und Luftmangel hatten ihn weit weniger betroffen, als dies bei einem norma-len
Menschen der Fall gewesen wäre, dennoch war er froh gewesen, nach der Landung sein Versteck verlassen zu können.
Die nächsten Tage hatte er größtenteils im Untergrund der Stadt mit Warten verbracht, aus Sicherheitsgründen verlief die Kommunikation mit seinem Vorgesetzten nur
langsam.
Doch jetzt war es soweit, er hatte Order zum Zuschlagen bekommen.
Wenn ihm nur nicht alles so unwirklich erschienen wäre...
Häufig hatte er den Eindruck, sich selbst über die Schulter zu blicken, dann wieder schienen ganze Tage im Zeitraffer zu vergehen, während der er nichts tat, außer zu
warten.
Der Hauptrechner des ODIN-Hauptquartiers, der auch die Sicherheitssysteme kontrollierte, würde für genau fünf Minuten abgeschaltet werden, ausreichend Zeit, um Direktor Cedrick
Büro zu stürmen und ihn festzusetzen.
Die einzige Frage, die sich Larsen stellte, war die, weshalb der Stellvertretende Direktor nicht selbst gegen den Verräter in ihren Reihen vorging. Doch Spender hatte seine
diesbezüglichen Zweifel zerstreut, indem er ihm erklärt hatte, niemandem sonst vertrauen zu können.
Der Versorgungstunnel endete im untersten Kellergeschoß der ODIN-Anlage.
Larsen hielt sich an den Plan, wandte sich den Aufzugsschächten zu.
Eine der Kabinen setzte sich in diesem Moment in Bewegung, er spurtete los, hängte sich an die Unterseite. Sein Körper ermüdete nicht, die kybernetischen Hände würden
ihren Griff erst lösen, wenn er am Ziel angekommen war...
Es ging aufwärts, Stockwert um Stockwerk.
Cedricks Büro lag im sechzehnten Stock des Hauptquartiers, der Aufzug würde im siebzehnten halten.
Der Boden des Schachtes war in der Dunkelheit längst verschwunden, als die Liftkabine hielt.
Larsen trat heftig von innen gegen die Schachttüren, trat sie aus ihren Leitschienen, stieß sich dann kräftig ab und rollte in den Korridor dahinter.
Jemand schrie erschrocken auf.
Er ignorierte die Stimme, zog im Aufstehen seine Waffe.
Bis zu Cedricks Büro waren es nur wenige Schritte.
Wieder fühlte er sich einen Moment lang wie eine Marionette, die an unsichtbaren Fäden hing und den Weg einschlug, der ihr vom Puppenspieler vorgegeben wurde. Doch der Auftrag, den man
ihm gegeben hatte, war klar - Cedrick eliminieren, sowie jeden Widerstand.
Die Tür zu Cedricks Vorzimmer flog krachend aus den Angeln, als er sie eintrat.
Die Sekretärin des Direktors sprang auf, streckte die eine Hand nach dem Alarmknopf, die an-dere nach ihrer Dienstwaffe aus.
Sie erreichte weder den einen noch die andere, sackte in der nächsten Sekunde zusammen, als seine Kugel ihr die Stirn zertrümmerte.
Die nächste Tür wurde von ihm niedergewalzt.
Direktor Cedrick ließ fassungslos den Telefonhörer sinken, in den er gerade noch gesprochen hatte.
„Larsen... Sie leben!“
Er hob die Waffe, der Lichtstrahl des Laserzielgerätes bildete einen roten Punkt über Cedricks Herzen.
„Ich habe Ihren Hinterhalt überlebt.“
„Was...“
Larsen krümmte den Finger um den Abzug, wunderte sich dabei selbst über seine Handlung.
Die Sekretärin hatte keine Gefahr bedeutet, er hätte sie ebensogut niederschlagen können, ehe sie den Alarmknopf erreicht hätte...
„Legen Sie die Waffe weg, Commander!“ stieß Cedrick hervor.
Der andere mußte sterben, wenn die SEELE-Verschwörung zerbrochen werden sollte... aber das war doch gar nicht nötig, es gab andere Möglichkeiten, ihn unschädlich zu
machen...
Sein Finger bewegte sich ohne sein Zutun, zog den Abzug durch.
Cedrick flog nach hinten.
Er hatte ihn erschossen, kaltblütig getötet... dabei wäre Cedrick lebend wertvoller gewesen...
was geschah mit ihm?
In der nächsten Sekunde sackte sein kybernetisches Bein zusammen, als die Servomotoren aus-fielen... nein, nicht ausfielen, abgeschaltet wurden...
Sein anderes Bein konnte die plötzliche Gewichtsverlagerung nicht ausgleichen
Er fiel...
Der Versuch, den Sturz mit den Händen abzufangen, schlug fehl, seine Arme gehorchten ihm nicht mehr. Lang schlug er hin. Seine Augen übertrugen kein Bild mehr, von einer Sekunde zur
anderen war er blind. Nur sein Gehör funktionierte noch.
Jemand betrat den Raum, mehrere Personen.
„Direktor Cedrick ist tot, Sir.“
„Das sehe ich.“
Larsen identifizierte die Stimme als die von Direktor Rabinowitz, einem Mitglied des Triumvi-rates, welches ODIN leitete.
„Und sein Mörder liegt hier am Boden - der abtrünnige Agent Wolf Larsen.“
Es war die Stimme des Stellvertretenden Direktors, die Stimme seines Vorgesetzten...
Larsen wollte etwas antworten, doch auch sein mechanischer Kiefer versagte den Dienst, er spürte nicht einmal mehr sein gesundes Bein.
Da begriff er - jemand hatte die synthetische Schnittstelle zwischen seinem Gehirn und seiner Kybernetik abgeschaltet. Seine Lungen waren ohne Stimulation durch die Kybernetik nicht im-stande zu
atmen, sein Herz nicht zu schlagen... er würde in Bälde sterben...
Und in diesem Augenblick sah er die Dinge so klar wie selten zuvor...
„Ist er tot?“
„Ich kann keine Verletzungen erkennen.“
„Dann wird die Sicherheitsschaltung angesprochen haben“, erklärte Spender.
Welche Sicherheitsschaltung? Er hörte zum ersten Mal davon... was wußte Spender? Warum stellte der Mann, der ihn ausgebildet hatte und dem er mehr vertraute als sonst jemandem
in-nerhalb des Dienstes, ihn als Mörder da? Er besaß doch die nötigen Unterlagen, um alles auf-zudecken, um die Verschwörung um SEELE zu enttarnen.
„Es war richtig von Ihnen, damals die Installation einer Notabschaltung zu empfehlen, ich habe Larsen nie getraut... er war zu sehr Maschine, viel zu wenig Mensch, hier sehen wir, wa
pas-siert, wenn wir die Kontrolle verlieren.“
„Ich stimme Ihnen zu, Direktor.“
„George, Sie werden bis auf weiteres den Posten des verstorbenen Direktors einnehmen.“
„Ja, Sir.“
Spender... Wie hatte er nur so dumm sein können... Spender hatte ihn erst auf SEELE ange-setzt, hatte dafür gesorgt, daß er Ryoji Kaji bei NERV einschleuste, hatte
unterstützt, daß Asuka zur EVA-Pilotin ausgebildet wurde... Er hatte ihn davon überzeugt, daß Cedrick eine Gefahr darstellte... und dabei hatte er ihm ODIN ausgeliefert...
und ihm wahrscheinlich dabei geholfen, an die Spitze von SEELE vorzurücken, indem er seine RABEN in die Nähe der wichtigsten Mitglieder des Zirkels ausgeschickt hatte... wie hatte er
ihm nur glauben können...
Dann wurde es dunkel um ihn, auf eine Art, die nichts mit Sehen zu tun hatte...
*** NGE ***
„Und?“ fragte Wilforth F. Cedrick leise und blickte auf die liegende Gestalt auf dem Tisch hinab.
Wolf Larsen war mit Stahlklammern an den Tisch gefesselt, ein visor-artiges Gerät befand sich über seinen Augen. Sein linkes Bein zuckte unkontrolliert.
„Er sieht und hört alles, was wir ihn sehen und hören lassen.“ erwiderte Sergej.
„Sehr gut. Richten Sie unserem Freund meinen Dank aus.“
„Das werde ich.“
Der Russe blickte auf Larsen.
„Armer Narr...“
„Wenn wir mit ihm fertig sind, wird er ein noch besserer Killer für SEELE sein, als er ohnehin schon war. Wir nehmen ihm das Vertrauen in den Dienst und seine
Verbündeten.“
„Hm...“
„Sie klingen, als würden Sie bedauern, ihn verraten zu haben... Sie waren befreundet, nicht wahr?“
„Freundschaft füllt nicht den Magen.“
„Gut, daß wir uns verstehen. Wenn wir die Welt neu erschaffen, werden wir Ihre Dienste nicht vergessen. - Und unser... Freund hier... er wird uns NERV auf dem Silbertablett liefern,
sobald wir Ikari nicht mehr benötigen. Sie haben recht, er war ein Narr... ein Narr, indem er glaubte, es mit SEELE aufnehmen zu können.“
*** NGE ***
Um Shinji herum stiegen kleine Bläschen auf, als das LCL-Gemisch die Luft aus seinen Lungen preßte.
Die Monitore vor ihm leuchteten auf, verkündeten Einsatzbereitschaft.
„Shinji?“
„Misato.“ bestätigte er den Kontakt.
„Wir haben ein Objekt geortet, welches sich Tokio-3 nähert. Die MAGI-Rechner haben es als Engel identifiziert, Codebezeichnung: Ramiel.“
„Verstanden, wann schickt ihr mich raus?“
„Gleich. Wir wollen noch einen Augenblick warten, bis der Engel in Waffenreichweite ist.“
Einer der kleineren Monitore zeigte den Abendhimmel über Tokio-3, ein roter Punkt symboli-sierte den Engel, der im wahrsten Sinne des Wortes vom Himmel herabstieg.
„Uhm, wo kommen die eigentlich her?“
„Das wüßten wir auch gerne - dann könnten wir endlich einen Gegenangriff zumindest planen.“
Engel... wenn es wirklich Engel waren, würde Misato wahrscheinlich sogar die Himmelspfor-ten stürmen lassen, um dem Schöpfer die Meinung zu sagen...
Shinji fror plötzlich, doch es lag nicht an dem LCL, das hatte wie immer Körperwärme.
Ihm war, als hätte ihn etwas kaltes gestreift.
Er lauschte mit geschlossenen Augen, lauschte nach einem Geräusch, nach einem Beweis, daß er nicht allein in der Kapsel war, daß da etwas lauerte...
Während der Tests hatte er immer nach Zeichen gesucht, ob da noch etwas war, doch die Ein-drücke, die während der bisherigen Kämpfe über ihn eingebrochen waren, hatten
sich nicht wiederholt.
Also war er doch die Quelle dieses verzehrenden Hasses...
Und jetzt würde er wieder kämpfen müssen. Er verspürte Furcht, nicht vor dem Engel, sondern vor dem, was er tun könnte, wenn ihr wieder die Dunkelheit umfing...
„Wir haben Sichtkontakt. Shinji, Start wird eingeleitet - 20 Sekunden Countdown.“
„Uh... Klar.“
Inzwischen routinemäßig überprüfte er den Sitz seiner Gurte, damit die Beschleunigung, mit der der EVA an die Oberfläche katapultiert werden würde, ihm nicht die
Luft abschneiden würde, checkte noch einmal die Anzeigen.
Wieder überlief es ihn eiskalt, so als wäre jemand über sein Grab gelaufen...
Seltsamer Gedanke...
Der Engel ähnelte vom Äußeren her einem langsam rotierenden tiefblauen Edelstein, hatte gar keine Ähnlichkeit mit seinen beiden Vorgängern.
„Hey, Shinji-kun, was meinst du, ob es irgendwo eine passende Fassung dafür gibt?“ versuchte Misato, welche denselben Vergleich gezogen hatte, die Lage etwas aufzulockern.
Der Countdown wurde langsam herabgezählt.
Dann raste EVA-01 im Aufzug an die Oberfläche.
„Ein Waffenbunker mit Positronengewehr befindet sich zu deiner Linken.“
„Verstanden.“
Misatos Hinweis war überflüssig, er wußte längst, wo die über die ganze Stadt und die nähere Umgebung verteilten Waffenlager lagen. Dasselbe galt für die
Anschlußstellen der Energiever-sorgung. In den letzten Wochen hatte er die Standorte mit einer Intensität lernen müssen, daß er sich imstande fühlte, sie im Schlaf zu
nennen.
Der Abstand zur Oberfläche verringerte sich.
Shinji bereitete sich auf den Ruck vor, mit dem der Lift zum Stehen kommen würde.
Im gleichen Moment würde er nach dem Gewehr greifen und das Feuer eröffnen... und den En-gel hoffentlich vernichten, bevor es zu einem Nahkampf kommen konnte...
„Shinji, der Engel lädt sich mit Energie auf! Sei vorsichtig!“
Der erwartete Ruck erfolgte, das Gewehr flog förmlich in seine ausgestreckte Hand...
„Shinji! Ernergieentladung! Weg da!“
Im gleichen Augenblick, in dem sich die Finger des EVAs um das Gewehr schlossen, schoß von dem Engel ausgehend ein dunkelroter Energiestrahl auf den EVA zu, traf ihn frontal gegen die
Brust.
Shinji brüllte auf vor Schmerz, vermeinte, selbst getroffen worden zu sein.
Im Plug heizte sich das LCL auf, kochte einen Augenblick lang.
Shinjis Lungen brannten... sein Herz raste schneller und schneller...
Eine entsetzliche Angst überfiel ihn, Angst um seine Existenz, Angst, derart schwer verletzt worden zu sein, daß er die Schäden nicht mehr regenerieren konnte, Angst, am Herzen
verletzt worden zu sein, Angst, daß sein Kern beschädigt worden sein konnte...
Es war zuviel für ihn - sein Herz blieb stehen...
Schlaff sank er im Pilotensitz zusammen.
Es wurde dunkel um ihn...
Leise verhallte ein dumpfes Pochen in der Finsternis
*** NGE ***
„Shinji-kun! Antworte! Bitte!“ brüllte Misato in das Mikrophon ihres Headsets. „Antworte!“
Der EVA auf dem Monitor hing leblos in den Halteklammern, ein großes schwelendes Loch in der Brustpanzerung... und das nach nur einem Treffer.
Die Waffe, welche der Engel benutzte, mußte eine unglaubliche Energieentfaltung besitzen.
Und der Engel selbst schien mit dem Auftauchen von Einheit-01 gerechnet zu haben.
Doch daran dachte sie nicht, ihr Blick galt allein dem Jungen, der leblos in den Gurten des Pilo-tensitzes hing.
Er hatte ihr vertraut, hatte darauf vertraut, daß sie ihn anleiten würde...
Er war ihr anvertraut worden...
„Lebenszeichen des Piloten im kritischen Bereich!“
„Holt ihn zurück!“
„Bestätigt.“
Der EVA verschwand wieder im Aufzugsschacht...
„Überwachung meldet Herzstillstand bei Pilot Ikari!“
„Ein Medo-Team in den Hangar!“
„Medo-Team verständigt. Ankunft von EVA-01 im Hangar in vierzig Sekunden! Kühlung vorbereitet.“
Misato sah hinauf zu Gendo Ikaris Kommandostand.
Wie üblich zeigte der bärtige Mann keine Regung, selbst jetzt, da sein einziger Sohn mit dem Tod rang.
„Kaltherziger Bastard...“ flüsterte sie so leise, daß nur sie selbst es hörte.
*** NGE ***
Vom über dem Steuernerv von EVA-00 schwebenden EntryPlug aus beobachtete Rei Ayanami das Geschehen. Auf dem obersten Bildschirm der InterKom-Verbindung konnte sie das aus dem Plug von EVA-01
übertragene Bild sehen.
Ikari-kun war verletzt... der Engel hatte ihn verletzt!
Dem Gesprächswechsel in der Zentrale nach, welchen sie ebenfalls hören konnte, stand sein Herz still... Ikari-kun war tot...
Kälte faßte nach ihrem Herzen.
Gerade eben noch hatte sie mit ihm gesprochen, hatte seine angebotene Freundschaft ange-nommen... und jetzt warteten die Ärzte darauf, daß EVA-01 in den Hangar zurückkehrte.
Hoffentlich... nein, sicher konnten sie Ikari-kun helfen... und wenn nicht sie, dann der Kom-mandant. Der Kommandant hatte sie erschaffen, sicher konnte er auch Ikari-kun retten!
Ikari-kun mußte leben... er war ihr einziger Freund...
EVA-01 kam im Hangar an, stand noch nicht ganz ruhig, als der EntryPlug schon evakuiert wurde. Die Mediziner handelten sehr schnell, holten Ikari-kun aus dem Plug, begannen noch vor Ort mit
Wiederbelebungsmaßnahmen.
„Rei, was ist los, deine Synchrate ist plötzlich um ganze zwei Punkte abgefallen!“ kam Doktor Akagis Stimme aus dem Lautsprecher. Doch für Rei klang es, als spräche sie
aus weiter Entfer-nung zu ihr, zu sehr konzentrierte sie sich auf die Mitglieder des Medo-Teams.
„Wir haben einen Herzschlag! Weiter beatmen, wir bringen ihn auf die Krankenstation!“
Leise nur kam die Stimme aus dem Lautsprecher des Außenbeobachtungssystems, doch Rei hätte völlig taub sein müssen, um sie nicht zu hören.
Zugleich war ihr, als finge ihr eigenes Herz wieder an zu schlagen.
Ikari-kuns Herz schlug wieder. Er würde leben.
Sie blickte auf den Hauptmonitor, sah durch die Augen ihres EVAs, wie Ikari-kun auf einer Rolliege aus dem Hangar gebracht wurde.
„Er lebt, hört ihr, er lebt!“ hörte Rei die Stimme des Captains über Funk aus der Zentrale.
Sie konnte nichts für ihn tun...
Ihr Blick fiel auf jenen Monitor, der das Bild des Engels von der Oberfläche übertrug.
Der große geschliffene Diamant war über der Stadt zum Stehen gekommen.
... aber sie konnte ihn rächen...
„Captain Katsuragi?“
In der Kommandozentrale zuckte Misato heftig zusammen, als Rei Ayanamis geisterhaft flü-sternde Stimme aus dem Lautsprecher ihres Headsets drang, während Maya Ibuki bestätigte,
daß sich Reis Synchronrate wieder stabilisiert hatte..
„Ja, Rei?“
„Schicken Sie mich nach oben. Jemand muß den Engel aufhalten.“
„Rei, das...“
„Nein.“ warf der Kommandant in den Raum und schwieg dann wieder.
Misato schluckte.
„Rei, du bleibst in Bereitschaft. Wir wissen zuwenig über den Gegner.“
Rei nickte.
Der Kommandant hatte es befohlen und sie mußte seinen Befehlen folgen... aber sie mußte es nicht mögen...
„Wie ist Ikari-kuns Status?“
„Er kommt durch.“
„Gut.“
Sie ließ nicht zu, daß ihre Stimme ihre Erleichterung verriet.
*** NGE ***
Der Engel hatte eine Extremität ausgefahren und mit dem Boden in Kontakt gebracht. Kurz darauf entpuppte sich das, was auf den ersten Blick als Standbein durchgegangen wäre, al
gi-gantischer Bohrer.
„Was zum...“ stieß Misato hervor. In den letzten Minuten hatte ihre Aufmerksamkeit mehr Shinjis Zustand gegolten.
„Ein Bohrer?“
„MAGI sind bei der Auswertung!“ - „Erste Panzerungsschicht durchbrochen!“
Auf dem Bildschirm tauchte ein Querschnitt des Gebietes auf, zwischen Tokio-3 und der Geo-front lagen insgesamt 24 Panzerungsschichten, jede fünfte war von einer besonderen Dicke.
Nicht zum ersten Mal, doch erstmalig in solcher Intensität, fragte Misato sich, weshalb die En-gel mit ihren Angriffen auf das NERV-Hauptquartier abzielten. War es, weil sich hier die EVA
befanden, die es mit ihnen aufnehmen konnten? - Eher unwahrscheinlich, die Engel hät-ten überall auf der Welt zuschlagen können, ohne daß die EVAs rechtzeitig vor Ort
hätten auftauchen können. Was also zog sie nach Tokio-3?
Es mußte etwas sein, daß sich im Hauptquartier befand... oder vielleicht darunter...
Misato wußte, daß sich unter dem CentralDogma, dem inneren Bereich des Hauptquartiers, ein weiterer Bereich lag, das TerminalDogma, welcher jedoch nur Kommandant Ikari und einer
Handvoll anderer, zu denen sie nicht gehörte, zugänglich war.
War dort das, was die Engel suchten?
Die drei Supercomputer der MAGI-Klasse, welche nicht nur als Hauptrechner von NERV dienten, sondern auch fast alle Vorgänge in der Stadt über ihnen steuerte, hatten inzwischen
berechnet, wie lange der Engel brauchen würde, um in die Geofront vorzudringen, demnach würde er am morgigen Tag kurz nach Mitternacht die letzte Panzerungsschicht durchdringen.
Wieviel Zeit ihnen dann noch blieb bis zum prophezeiten Third Impact, war ihr nicht bekannt.
Jetzt war es fast Mitternacht, sie hatten etwas mehr als vierundzwanzig Stunden, um den Engel aufzuhalten...
*** NGE ***
Mit dem Morgen lagen nach einer durchwachten Nacht erste Erkenntnisse vor, denenzufolge der Engel auf jede auch nur potentielle Bedrohung innerhalb des Stadtgebietes mit aller Macht und
maschinenhafter Präzision reagierte, sobald etwas, das er als Gefahr einzustufen schien, in einen bestimmten Radius eindrang, wurde es unter Beschuß genommen und zerstört.
Und dieser Radius war größer als die Wirkungsreichweite der Positronengewehre.
Nicht sicher jedoch war, ob die Waffenreichweite des Gegners auch diesem Radius entsprach, oder ob sie größer war und der Engel nur sein direktes Umfeld freihalten wollte.
Allerdings war es durch mehrere Versuche mit Hilfe der Verteidigungssysteme der Stadt, wel-che dabei größtenteils vernichtet worden waren, gelungen, die ungefähre Stärke de
AT-Feldes zu bestimmen, welches das Ziel: Ramiel umgab.
Während Misato beim MAGI-System in Auftrag gab, in der Umgebung mögliche Standorte zu bestimmen, von denen aus man den Engel unter Beschuß nehmen konnte, und während in
ich-rem Kopf ein Plan heranreifte, wie man den Engel vielleicht noch stoppen konnte, verließ Gen-do Ikari das Hauptquartier mit unbekanntem Ziel, nachdem er das Kommando seinem
Stellver-treter, Kozo Fuyutsuki übergeben hatte.
Misato Katsuragi machte sich nicht die Mühe, die Motive des Kommandanten zu hinterfragen, sie war sich sicher, ohnehin nur aufzulaufen. In ihren Augen war es jedoch bezeichnend, daß
der Oberbefehlshaber von NERV bei der ersten wirklichen Krise seine Stellung verließ und verschwand, während sein Sohn auf der Krankenstation immer noch nicht das Bewußtsein
wie-dererlangt hatte und die Techniker unter Akagi hektisch daran arbeiteten, die beschädigten Tei-le der Panzerung von Einheit-01 auszutauschen und die Regeneration des darunterliegenden
Gewebes zu beschleunigen.
Und Rei befand sich immer noch in voller Bereitschaft in der Steuerkapsel von Einheit-00.
Bei letzterem Gedanken lächelte Misato plötzlich.
Ohne Kommandant Ikaris Veto konnte sie beide EVAs und beide Piloten in ihren Plan mitein-beziehen. Mit dem Sub-Kommandanten würde sie schon klarkommen, dieser stand in ihren Au-gen mit
beiden Beinen fest auf der Erde und würde die Notwendigkeit einsehen.
Sie mußte nur noch klären, von wo aus der Engel unter Beschuß genommen werden sollte, wie dies geschehen würde und wer wann letztendlich den Abzug betätigen
würde.
Die MAGI nannten einstimmig den Tokio-3 gelegenen Hang des Fugotoyama als besten Punkt, von dem aus ein Angriff gegen das Ziel: Ramiel gestartet werden konnte.
Verblieb nur zu klären, ob es auch eine Waffe mit einer entsprechenden Reichweite gab, die imstande war, einen ausreichend fokussierten Energiestrahl abzufeuern, mit dem man das AT-Feld de
Engels knacken konnte. Auch hierzu hatten die MAGI bereits Berechnungen ange-stellt, die benötigte Energiemenge hatte bei einem der Brückenoffiziere zu dem Ausruf geführt,
daß man damit ja das ganze Land versorgen konnte.
Und damit hatte Misato schon das Wo und das Womit beantwortet, verblieben nur noch das Wie und das Wer.
Bei letzterem würde sie Shinji wegen seiner höheren Synchronrate bevorzugen, vorausgesetzt, er wachte in den nächsten Stunden auf und war fit genug für einen Einsatz.
Und das Wann war nicht wirklich ein Problem, der Angriff mußte erfolgen, bevor der Engel in die Geofront vorstieß, also spätestens kurz nach Mitternacht.
Bezüglich des Wie ließ sie bereits Nachforschungen entstellen und erfuhr, daß die Entwick-lungsabteilung von NERV an einem bis dahin nicht getesteten Energiegeschütz
arbeitete, von dem allerdings schon ein Prototyp existierte, den man mit dem Zielcomputer eines EVAs kop-peln konnte.
Als schließlich Shigeru Aoba von der Brückencrew äußerte, daß vielleicht ein zweiter Schuß notwendig werden würde, modifizierte sie den Plan entsprechend
unter der Voraussetzung, daß der Engel möglicherweise imstande war, auch den Hang des Fugotoyama unter Beschuß zu nehmen. In dieser Version ihres Planes würden beide EVAs,
die ihnen zur Verfügung stan-den, zum Einsatz kommen, der eine als Schütze, der andere als Schild.
Eine weitere Recherche im Arsenal des Hauptquartiers stieß Misato auf eines der Dinge, die ganz klar unter die Rubrik ´hier sammelt sich wirklich alles an´ fielen - die
keramikbeschich-tete Unterseite eines alten Space Shuttles, hitzebeständig genug, um die Reibungshitze beim Eintauchen in die Atmosphäre auszuhalten, und - wie die MAGI berechneten -
auch dem Ener-giestrahl des Engels eine Minute zu widerstehen.
Misato brauchte eigentlich alles nur zusammenzutragen, die EVAs auf dem Berg Stellung be-ziehen lassen und zu beten, daß der Plan klappte. Und natürlich mußte Shinji aufwachen,
damit auch zwei Piloten zur Verfügung standen.
Für den Transport zum Einsatzort würden Schwertransporter sorgen, ein Liftausgang für die EVAs befand sich auch außerhalb des Angriffsradius´ des Engels innerhalb der
Hügel, so daß der Feind die Vorbereitungen vielleicht nicht einmal bemerken würde.
Katsuragi rückte ihr Headset zurecht, fühlte sich so wach und bereit wie schon lange nicht mehr, wobei sie hoffte, daß dieser Zustand auch anhalten würde.
„Rei?“
Der Kopf des Mädchens im EntryPlug von EVA-00 ruckte hoch.
„Ja, Captain?“
War es soweit? Würde sie nach oben in den Kampf geschickt werden?
In den letzten Stunden war sie in Gedanken mehrere verschiedene Szenarien durchgegangen. Abhängig von der Reaktionsgeschwindigkeit des Engels und dem Punkt, an dem sie die Ober-fläche
erreichte, könnte es ihr durchaus möglich sein, einen, maximal zwei Schüsse aus einem mitgebrachten Positronengewehr auf ihn abzufeuern
Sie fürchtete den Tod nicht. Sie war ersetzbar...
„Wir gehen einkaufen.“
*** NGE ***
Eine halbe Stunde später hatte Misato alles, was sie benötigte, das heißt, EVA-00 schleppte die gepanzerte Shuttlehälfte auf dem Rücken und trug den Prototypen de
Lasergeschützes in den Händen, während Misato in einem kleinen Elektroauto vor ihm durch die hohen Gänge des Hauptquartiers fuhr, dabei ab und an kurz den Kopf drehte und der
Pilotin beinahe fröhlich zuwinkte.
Sie brachten die beiden Teile nach draußen, wo sie auf Schwertransporter verladen und abge-fahren wurden.
Am Berg selber sollten inzwischen Bautrupps damit beschäftigt sein, eine Stellung auszuheben, während Technikerteams die nötigen Energieleitungen verlegten und Kühlaggregate
installier-ten, damit das Geschütz nicht aufgrund der immensen Energiemenge, die durch es hindurchge-leitet werden sollte, eventuell beschädigt wurde, ehe es überhaupt zum Einsatz
kam.
Zugleich wurden im ganzen Land Vorbereitungen für eine kurzfristige Überlastung des Strom-netzes, sowie ein Umleiten der Energie von den Kraftwerken nach Tokio-3 getroffen.
Katsuragi beorderte Rei aus dem Plug in einen Besprechungsraum, wo sie in Gegenwart des Subcommanders, Doktor Akagis und ihrer Assistentin, sowie der verschiedenen Sektionschefs den Plan noch
einmal in allen Einzelheiten durchkaute und auf mögliche Schwachstellen unter-suchte.
Akagi gab bekannt, daß Shinji bis zum Mittag aufgewacht sein sollte, er hatte keine bleibenden Schäden davongetragen.
Misato wandte sich Rei zu.
„Geh auf die Krankenstation und warte bei Shinji. Wenn er erwacht, will ich unverzüglich ver-ständigt werden. Du kannst ihm dann den Zeitplan erklären.“
„Verstanden.“
Rei nickte und setzte sich in Bewegung.
Sie sollte über Ikari-kun wachen... eine profane Aufgabe, welche ihre Fähigkeiten nicht einmal ansatzweise auslasten würde, und die auch andere ausführen konnten, wozu
verfügte NERV sonst über einen umfangreichen Stab von qualifizierten Ärzten, Schwestern und Sanitätern?
Allerdings erkannte sie die Bedeutung, die Ikari-kun für Captain Katsuragis Plan hatte. Vielleicht sollte sie ja sicherstellen, daß Ikari-kun bis zum Beginn des Einsatzes nicht
zustieß.
Andernfalls würde sie selbst das Geschütz bedienen... dann würde Ikari-kun gar nicht erst in Gefahr geraten... wahrscheinlich würde sie EVA-01 benutzen können, da die
Reaktivierungs-test mit Einheit-00 nicht abgeschlossen worden waren.
Und weshalb rief die Aussicht, längere Zeit mit ihm allein zu sein, ein seltsam prickelndes Ge-fühl in ihrer Magengegend hervor? Sie hatte doch nichts zu sich genommen, das eine
allergi-sche Reaktion hätte hervorrufen können...
Immer noch über die Situation nachdenkend, erreichte sie die Krankenstation des Hauptquar-tiers. Der vorherrschende sterile Geruch erinnerte sie an die Zeit, die sie selbst dort verbracht
hatte, nachdem sie bei EVA-00s Amoklauf schwer verletzt worden war. An diesem Ort hatte sie die Einsamkeit in ihrem Herzen mit voller Macht gespürt, wenn teilweise Tage vergingen, in denen
nur ab und an eine Schwester nach ihr sah und die Transfusionströpfe austauschte.
Ikari-kuns Zimmer hatte sie schnell gefunden, im Augenblick war nur eines auf der ganzen Sta-tion belegt. Die Krankenstation im Hauptquartier war nur für NERV-Angehörige vorgesehen,
für Zivilisten gab es medizinische Einrichtungen auf der Bunkerebene, welche wie ein vergra-bener Ring die Stadt umgab. In diesem Moment dachte sie kurz an die Schwester von Mitschü-ler
Suzuhara, welche sich immer noch dort befand, vertrieb den Gedanken aber rasch wieder.
Ikari-kun lag auf dem Bett, die dünne weiße Decke zeichnete seinen darunterbefindlichen Kör-per ab. Demnach trug er keine Kleidung. Seine PlugSuit hing über der Lehne eine
Stuhles.
Rei fand seinen Anblick seltsam interessant und besorgniserregend zugleich.
Interessant, weil der von der Decke ab der Brust verborgene Teil seines Körper ihre Phantasie auf eine zuvor nicht vorgekommene Weise anregte, besorgniserregend, weil er immer noch schlief,
wobei sein Gesicht eine wächserne Blässe angenommen hatte.
Atmete er auch richtig? Ja, wahrscheinlich, seine Brust hob und senkte sich in regelmäßigen Abständen. Wenn sie genau hinsah, konnte sie sehen, wie seine Halsschlagader unter der
Haut pochte. Die Augen hinter den geschlossenen Lidern schienen sich zu bewegen.
Ob er wohl träumte? Sie fragte sich, wie es wohl war zu träumen, sie selbst konnte sich nicht genau erinnern, jemals geträumt zu haben, weder während ihrer Zeit im Klontank,
noch in der Reifungskammer oder später, es gab nur Erinnerungsfetzen, die mit der Dunkelheit in EVA-00 in Verbindung standen. Vielleicht würde sie ihn später fragen, wie es war zu
träumen...
Doch vorerst mußte sie darauf warten, daß er erwachte, ganz wie es der Captain befohlen hat-te.
So nahm sie auf dem Stuhl neben seinem Bett Platz und wachte über seinen Schlaf...