Shinji konnte später nicht mehr mit Bestimmtheit sagen, wielange er Ayanami so festgehalten hatte, irgendwann hatten sie Misato draußen nach ihnen rufen gehört und Ayanami hatte
sich von ihm gelöst, ohne seinem Blick zu begegnen. Was blieb, war ein seltsames Gefühl von Lee-re - obwohl er es sich selbst nicht eingestehen wollte, war es kein schlechte
Gefühl gewesen, für jemand anderen Ach ja, dies ist die
FSK 16 - Version !dazusein.
„Sie suchen uns.“ flüsterte Rei.
Shinji nickte, rief dann in Richtung der Luke:
„Wir sind hier - Ayanami ist in Ordnung.“
Im nächsten Moment blickte er sie mit leichter Besorgnis an.
„Das, ah, bist du doch, oder?“
Sie nickte knapp.
„Ja. Wir sollten gehen.“
Rei wollte sich um den Sitz schieben, um die Kapsel verlassen zu können, verlor aber das Gleichgewicht.
Shinji griff zu ohne nachzudenken, fing Ayanami auf, ehe diese gegen den Sitz stürzen konnte.
Daß er dabei den Arm um ihre Leibesmitte gelegt hatte, rief bei ihm wieder starkes Erröten hervor.
„Ent-Entschuldige.“
Rei war, als dringe seine Stimme durch Watte an ihr Ohr.
Schwäche und Müdigkeit überkamen sie.
Natürlich - sie war jetzt seit zwei Tagen ohne Pause auf den Beinen, hatte sich keine Ruhe ge-gönnt. Und die kurze Phase der Bewußtlosigkeit konnte wohl kaum positiv ins Gewicht
fallen. Wenn Ikari-kun sie nicht festgehalten hätte, hätte sie sich möglicherweise verletzt, weshalb al-so entschuldigte er sich? Wegen der körperlichen Berührung? Oder
lag es nur in seiner Na-tur?
„Keine Entschuldigungen mehr... es gibt keinen Grund“, sagte sie leise und stützte sich auf die Armlehne des Pilotensitzes.
„Ich helfe dir“, murmelte Shinji.
Ayanami mußte ziemlich erschöpft sein, wenn sie ihre Schwäche derart offen zeigte.
Und sie war erschöpft, weil sie ihn vor dem Engel beschützt hatte...
„Bist du sicher, daß du unverletzt bist?“
„Ja.“
Er zögerte nur kurz, dachte nur kurz darüber nach, ob ihre Antwort seiner Frage oder seinem Hilfsangebot galt. Dann umrundete er den Sitz auf der anderen Seite und griff nach ihrem Arm,
um ihn sich um die Schultern zu legen. Sie ließ es geschehen, stützte sich bereitwillig auf ihn.
„Wir haben es geschafft... wir sind tatsächlich noch am Leben...“
„Ja, du hast den Engel vernichtet.“
Wieder sah er Ayanami an.
Und was war mit ihrer Leistung? Ohne sie wäre der Einsatz gescheitert.
„Nur dank dir. Vielleicht... vielleicht, wenn wir das alles hinter uns haben, wenn wir uns nicht mehr gegen weitere Engel verteidigen müssen... vielleicht werden wir uns dann an diesen
Tag erinnern und feststellen, wie gut es ist, am Leben zu sein...“
„Ikari-kun, wie meinst du das?“
„Ich... ahm... das ist...“
Draußen warteten bereits Misato, Akagi und eine gemischte Gruppe aus Technikern, Ingenieu-ren und Ärzten auf sie.
Misato begrüßte sie mit nach oben ausgestreckten Daumen.
„Gut gemacht! Der Einsatz war ein voller Erfolg!“
Doch ihre strahlende Siegermiene verdüsterte sich, als sie sah, daß Shinji Rei praktisch trug, daß diese kaum in der Lage war, die Füße voreinanderzusetzen.
„Ritsuko...“
Schon war sie bei den beiden Piloten und stützte Rei von der anderen Seite.
Akagi musterte Rei ohne mit der Wimper zu zucken.
Das First Children schien die Augen kaum noch offenhalten zu können.
„Keine äußeren Verletzungen, wahrscheinlich Erschöpfung. Also hat auch ihre Konstitution durchaus normale Grenzen.“
Misato blickte die andere wütend an.
„Bist du eigentlich noch Ärztin? Hilf ihr!“
Ritsuko Akagi deutete einem der Sanitäter, eine Trage zu bringen.
Dann wandte sie sich den Schäden an Einheit-00 zu. Für das First Children gab es im Terminal-Dogma genug Ersatzteile, sogar ganze Ersatzkörper, doch der EVA war weitaus schwerer zu
ersetzen...
„Bringen Sie sie ins Hauptquartier, ich kümmere mich nachher um sie.“
„Shinji, fahr mit.“ sagte Misato leise.
Ritsuko wanderte langsam um EVA-00 herum.
Die Schäden an der Brustpanzerung des EVAs waren schwer, die Legierungen waren ge-schmolzen und warfen auch außerhalb des eigentlichen Radius´, in dem der Strahl des Engel
getroffen hatte, noch Blasen und Wellen. Allerdings waren die Schäden in gewisser Weise den-noch nur oberflächlich, hatten den Kern, das Herz des EVAs, nicht freigelegt oder gar
beschä-digt. Das genaue Ausmaß und die voraussichtliche Dauer der Regeneration würde sie aller-dings erst ermitteln können, wenn EVA-00 wieder in seinem Käfig im Hangar
war, wo sie ihre Instrumente zur Verfügung hatte.
Sie seufzte leise, vor ihr würde wieder eine Reihe von Nacht- und Doppelschichten liegen, nur gut, daß Gendo nicht im Hauptquartier war und ihr daher nicht auch noch seine Forderungen
unterbreiten konnte.
„Misato, die Aufräumtrupps können anfangen, laß uns zurückfahren.“
*** NGE ***
Rei fühlte sich müde. Ihre Arme erschienen ihr bleischwer, die Augen ließen sich nur mit gros-ser Anstrengung offenhalten.
Am Rande hatte sie registriert, wie der Captain und Ikari-kun ihr geholfen hatten, sich auf die Trage zu legen und wie diese in einen Krankenwagen verladen worden war. Auch daß der Wa-gen
gleich darauf angefahren war, war ihr zwar aufgefallen, hatte im Augenblick aber keine Be-deutung.
Ihre Hand... was war mit ihrer Hand...
Ikari-kun... er hockte neben ihr und hielt ihre Hand... hielt sie, als wäre es eine Kostbarkeit von unermeßlichem Wert...
Seine Hände fühlten sich seltsam an... ja, sie waren bandagiert...
Sie blinzelte, um klarer sehen zu können.
Seine Wangen schimmerten feucht. Er weinte... warum weinte er? Was war so traurig, daß ihm die Tränen kamen? Oder hatte er Schmerzen?
„Ikari-kun... warum weinst du?“
„Es...“
Er blickte auf.
„Ich bin nur froh, daß du am Leben bist.“
„Ich verstehe nicht.“
Sie verstand nicht, weshalb er deshalb weinte.
„Man kann auch vor Freude weinen?“
„Ich... ah... ja... Ayanami... ich schulde dir mein Leben... und... uhm... danke.“
Dabei drückte er ihre Hand sanft.
„Ich hatte dir mein Wort gegeben, Ikari-kun.“
„Das... aber... Ayanami, deshalb... deshalb hättest du doch nicht... Bitte, versprich mir nur, nie wieder soetwas zu tun.“
„Was?“
Wieder verstand sie die Bedeutung seiner Worte nicht.
War er mit ihrem Tun nicht einverstanden? Hätte sie vielleicht untätig bleiben sollen? Aber das war ihr doch gar nicht möglich gewesen...
„Bitte, sag nicht wieder ´Lebe wohl´, es ist zu traurig... ich möchte nicht... möchte nicht darü-ber nachdenken, was...“
Shinji schluckte.
„Du hättest sterben können.“
„Ja.“
Das Risiko war ihr völlig bewußt gewesen. Wollte er denn nicht begreifen? Oder konnte er es nicht verstehen, weshalb sie so gehandelt hatte?
„Ayanami... ich... ich will dich nicht verlieren... ich will nicht, daß jemand wegen mir zu Scha-den kommt... verstehst du?“
Sie nickte stumm.
Sie bedeutete ihm tatsächlich etwas... nur was? Wo stand sie für ihn in der Bedeutung?
Ikari-kun nannte sie nur Ayanami, wenn auch auf eine Art, die anderen völlig abging. Auch an-dere riefen sie bei ihrem Nachnamen, doch nicht mit demselben Respekt wie Ikari-kun...
Ayanami... welche Bedeutung hatte der Name? Sie hatte keine Familie, nicht einmal im weite-sten Sinne. Die anderen Körper im Klontank, ihre Schwestern, waren nur leere seelenlose
Hül-len, die auf ihre Aktivierung warteten, wenn ihre derzeitige Hülle zu großen Schaden nahm... der Name war bedeutungslos, nur eine Bezeichnung. Es gab keine anderen Ayanamis,
keine El-tern, Großeltern, Onkel, Tanten, Geschwister... nur sie... es war die Maske, welche sie nach außen trug, eine Barriere zwischen ihr und den anderen, einem AT-Feld nicht
unähnlich in ihrer Wirkung.
„Ikari-kun... gestern hast du mir deine Freundschaft angeboten...“
„Ja.“
Worauf wollte Ayanami hinaus? Wollte sie ihm sagen, daß sie mit ihm nichts mehr zu schaffen haben wollte, weil sie wegen ihm verletzt worden war?
„Ich habe sonst keine Freunde... aber ich wäre gern dein Freund, wenn es dir recht ist...“
Ihre Augen fielen immer wieder zu, die Müdigkeit wurde mit jeder Sekunde stärker.
„Natürlich, Ayanami, natürlich ist es mir recht!“
„Ja. Ikari-kun...“
„Ayanami?“
„Nein, nicht Ayanami... Rei.“
„Ich... uhm... Rei...“
Er ließ die Buchstaben auf seiner Zunge rollen, befand, daß sie weit besser zu dem blassen Mädchen paßten, als der Nachname.
Fast feierlich nahm er ihre schmale Hand mit seiner bandagierten rechten.
„Und ich bin Shinji.“
„Es... freut mich... deine Bekanntschaft zu machen, Shinji-kun.“
Ihr Gesicht blieb unbewegt, verriet nicht, ob sie es ernst meinte, oder sich vielleicht über ihn lustig machte... noch letzteres wies er weit von sich, kaum daß der Gedanke aufgekommen
war.
Sie blickte ihn an, fragte sich, weshalb er sie halb erwartungsvoll, halb enttäuscht ansah.
„Shinji-kun, was ist?“
Unsicherheit kam in ihr auf, schaffte es sogar, den Schleier der Müdigkeit kurz beiseite zu fe-gen.
„Ich... ich weiß nicht, wie ich mich in so einer Lage verhalten soll.“
Niemand hatte sie darauf vorbereitet, sich mit einem anderen Menschen derart vertraulich zu unterhalten, niemand hatte sie darauf vorbereitet, daß jemand ihr Freund sein wollte. Warum
konnte ihr nicht einfach jemand befehlen, wie sie zu reagieren hatte, es hätte alles soviel leich-ter gemacht...
„Uhm, ich glaube... hm... du solltest... lächeln...“ flüsterte Shinji.
Lächeln...
Ja, eine solche Mimik war der Situation wohl angemessen...
Lächeln, ein Verziehen der Mundwinkel nach oben...
Ein Zeichen von Freundlichkeit...
Ihre Mundwinkel zuckten, wanderten langsam nach oben, formten ein Lächeln.
Shinjis Augen weiteten sich.
Er hatte Ayana... Rei nie zuvor lächeln gesehen. Doch es war nicht nur ihr Mund, der lächelte, sondern auch ihre Augen.
Warum sah er sie so überrascht an?
Machte sie etwas falsch? Hatte sie statt eines Lächelns eine verzerrte Grimasse produziert?
Ihre Mundwinkel sanken wieder nach unten in Ruhestellung.
„Ika... Shinji-kun, was ist?“ fragte sie sichtlich betroffen. Die Müdigkeit zehrte an ihrer Selbst-kontrolle.
„Nichts... nur... du hast ein wunderschönes Lächeln...“
Damit hatte sie nicht gerechnet.
Wunderschön...
Eine Wertung. Aber zugleich auch ein Kompliment...
Ihr erstes wirkliches Kompliment, keine Bestätigung ihrer Funktionsfähigkeit, keine Benotung oder Bewertung, nichts, um das sie gebeten oder das sie erhofft hatte... er hatte e
freiwillig und von sich heraus gemacht... ihr erstes Kompliment... auch darauf hatte sie niemand vorbe-reitet...
Eine feine Röte überzog ihre Wangen.
„Findest du?“
Shinji nickte nur, glaubte hinter der starren Maske, die sie sonst zur Schau trug, einen kurzen Blick auf ihr wahres Selbst erhascht zu haben.
„Danke.“
Rei schloß die Augen, war außerstande, sie länger offenzuhalten.
Aber das mußte sie auch nicht, sie konnte schlafen. Shinji-kun war an ihrer Seite, nichts konnte ihr geschehen...
*** NGE ***
Shinji blieb bei Rei auch nach dem Eintreffen im Hauptquartier und begleitete sie auf die Kran-kenstation, wo sie sich kraftlos - und mit ein wenig Hilfe von ihm und einer Krankenschwester - von
der Rolliege erhob und in das bereitstehende Bett begab.
Es war dasselbe Zimmer, in dem Shinji bereits zweimal zu sich gekommen war, unwillkürlich fragte er sich, ob die medizinische Sektion des Hauptquartiers vielleicht nur aus dem langen Flur
und diesem einen Raum bestand.
„Shinji-kun... du schuldest mir nichts.“ flüsterte Rei kaum verständlich, ehe sie sich zusammen-rollte und weiterschlief.
Kurz darauf trafen Misato Katsuragi und Ritsuko Akagi ein.
„Sie schläft“, wisperte Shinji und deutete auf das Bett.
„Ich muß sie untersuchen“, erklärte Akagi und gab sich keine Mühe, ihre Lautstärke zu däm-pfen.
Als Reaktion bewegte sich das Mädchen und öffnete die Augen.
„Doktor.“
Jemand war da, der ihr Anweisungen geben konnte, in dessen Gegenwart sie nicht denken mußte... Um Befehlen zu folgen, mußte sie nicht hellwach sein.
Schlaftrunken setzte sie sich auf. Die wenigen Minuten der Ruhe hatten zwar noch nicht aus-gereicht, aber sie fühlte sich ausreichend regeneriert, um die Untersuchung über sich ergehen
lassen zu können.
Automatisch betätigte sie den Dekompressionsschalter ihrer PlugSuit und begann sich aus dem Oberteil zu schälen.
Von Shinji kam ein dumpfes „Ah...“, zugleich preßte er die Hand gegen die Nase.
Akagi bedachte ihn mit einem strafenden Blick.
„Misato, nimm ihn mit, ich denke nicht, daß er hier zuschauen muß.“
„Ritsuko, ich...“ wollte Misato ihrer Wut über die andere Ausdruck verleihen, stoppte dann aber. Es war nicht gut, wenn sie sich vor den Kindern stritten, immerhin waren sie ihre
vorge-setzten Offiziere und damit Vorbilder.
Schöne Vorbilder...
Misato sah Akagi finster an.
„Wir unterhalten uns später. - Komm, Shinji, du willst sicher auch aus den Sachen heraus, oder?“
„Uhm, ja.“
Widerstandslos folgte er Misato, versuchte dabei das Bild von Reis Brüsten und den hellen Au-reolen, welche gerade unter dem Stoff der PlugSuit zum Vorschein gekommen waren, aus sei-nem Kopf
zu verdrängen - erfolglos...
*** NGE ***
Eine eiskalte Dusche später saß er umgezogen in Misatos Wagen und döste während der Fahrt auf dem Beifahrersitz. Seine Hände taten bereits nicht mehr so weh wie noch vor
einer guten Stunde, das lag wahrscheinlich an der kühlenden Salbe mit dem starken Erdbeeraroma, welche der Sanitäter noch im Krankenwagen aufgetragen hatte.
Misato ließ ihn in Ruhe, in ihren Augen hatte er sich den Schlaf redlich verdient, sie überlegte sogar, ihn für den heutigen Tag in der Schule zu entschuldigen, schließlich
sollte er auch mer-ken, daß sein Tun honoriert wurde - und für Misato, die selbst nur ungern die Schulbank ge-drückt hatte, war ein freier Tag durchaus eine Option.
Und vielleicht war auch noch genug Geld in der Kasse, um mit Shinji und Rei zur Feier des Sieges etwas essen zu gehen - und wenn nicht würde sie halt das entsprechende NERV-Konto für
Sonderausgaben anzapfen, die beiden hatten sich eine Abwechslung verdient!
„Shinji?“
„Hm?“
„Sag mal, was hältst du von Rei?“
„Uhm...“
Die Tatsache, daß er sofort tiefrot anlief, war ihr beinahe Antwort genug.
„Ihr habt gut zusammengearbeitet - oder gab es irgendwelche Probleme?“
„Nein.“
Die Antwort kam hastig, vielleicht etwas zu hastig.
„Wirklich keine?“
„Nein... wir sind Freunde.“
Misato brauchte einen Moment, um die Antwort zu verdauen.
Ihr oft deprimierter Schützling und das stille Mädchen hatten also Freundschaft geschlossen... Kurz darauf erschien ihr das gar nicht mehr so abwegig, die beiden schienen sich zu
ergänzen wie zwei Seiten einer Münze.
„Das ist gut... Ich glaube, sie ist sehr einsam, sie kann sicher einen Freund gebrauchen...“
*** NGE ***
Viel zu früh begann der Wecker zu piepen.
Shinjis erster Gedanke war, den Wecker aus dem Fenster zu werfen und sich wieder auf die an-dere Seite zu drehen, da fiel ihm ein, weshalb er die Weckuhr eine halbe Stunde vorgestellt hat-te.
Ohne Hast ging er ins Bad, wechselte die Verbände um seine immer noch stark geröteten Hände, kleidete sich an und ging dann in den Wohnraum, wo Misato halb auf dem Tisch lag und
schlief, den Kopf auf den gekreuzten Unterarmen, neben sich ein leeres Sechserpack ihrer Lieblingsmarke.
Während Shinji sich in der Nacht völlig fertig ins Bett geschleppt hatte, hatte sie noch ein paar Dosen geöffnet, um die nötige Bettschwere zu erreichen - nur hatte sie e
dann nicht mehr in ihr Bett geschafft.
„Misato?“ fragte Shinji leise.
Die Antwort bestand aus einem langgezogenen Schnarchlaut.
Er stieß sie vorsichtig mit dem Zeigefinger gegen den Oberarm an.
Ihre Antwort war ein weiteres Schnarchen.
Shinji zuckte mit den Schultern, hob ihre Jacke auf, die sie auf den Boden geworfen hatte, und hängte sie ihr über die Schultern, dann schlich er leise um sie herum und sammelte die
Dosen ein, belegte anschließend mehrere Scheiben Toastbrot mit Wurst, Käse und Salatblättern, wo-bei er immer noch eine Lautlosigkeit an den Tag legte, die einen Ninja in
Verlegenheit gebracht hätte, verstaute die Brote in seiner Frühstücksbox und diese dann in seiner Tasche, füllte an-schließend den Futternapf des Pinguins mit einem Rest
vom vorgestrigen Tag, den er noch im Kühlschrank gefunden hatte, und schlich dann aus der Wohnung.
Den Zettel, den Misato mit dem rechten Ellenbogen an den Tisch genagelt hatte, welcher ihm mitteilen sollte, daß er nicht zur Schule gehen müsse, sah er nicht.
*** NGE ***
Zwanzig Minuten später stand er zum wiederholten Male vor dem maroden Gebäude, in dem Ayanami... Rei, korrigierte er sich in Gedanken..., wohnte.
Sein Entschluß, nach ihr zu sehen, ob sie in Ordnung war, war während der Fahrt dorthin aller-dings ins Wanken geraten, schließlich war es durchaus möglich, daß sie
noch auf der Kranken-station im Hauptquartier war und sich ausschlief - oder daß sie dies in ihrer Wohnung tat und er sie nur stören würde.
Er ließ sich auf die Bank neben dem Hauseingang sinken und stützte das Kinn auf beide Hände.
Warum war alles nur so kompliziert...
Bei seinen Pflegeeltern hatte er einfach nur existiert, sie hatten nichts von ihm verlangt, waren froh gewesen, daß er sie in Ruhe gelassen hatte, hatten ihm sogar das Cello gekauft, damit
er sich beschäftigte... das Cello... es war bisher nicht angekommen, dabei hatten sie ihm gesagt, sie würden ihm alles, was nicht in seine Reisetasche gepaßt hatte,
nachschicken... ob es unter-wegs verlorengegangen war? Oder ob sie es - und ihn - vergessen hatten? Das Musikinstru-ment selbst war ihm dabei gar nicht wichtig, er spielte es zwar - und nach
Ansicht derer, die ihn hatten spielen hören, spielte er sehr gut -, doch sein Herz hing nicht daran.
Noch vor vier Wochen war alles soviel einfacher gewesen, bevor der Brief seines Vaters einge-troffen war und alles verändert hatte. Er hatte nichts erwartet und man hatte nichts von ihm
er-wartet... er hatte einfach... funktioniert...
Und jetzt...
Jetzt erwartete man von ihm, daß er mit einem Riesenroboter - vor dem er eine Scheißangst hatte - gegen irgendwelche Aliens für den Fortbestand der Menschheit kämpfte, wobei
Misato selbst ihm nicht hatte mehr sagen können. Jetzt wurde er jedesmal von besagten Aliens erst einmal kräftig durchgewalgt, eher er mit viel Glück doch noch siegen konnte... war
das eigent-lich ein besonderes Naturgesetz? - Um die Welt zu retten und den Engel schließlich besiegen zu können, mußte er sich erst halbtot schlagen lassen?
Auf der anderen Seite hatte er Freunde gefunden... Menschen, für die er kämpfte...
Wäre es nur um seinen Vater gegangen, es hätte ihm keine Probleme bereitet, die Stadt wieder zu verlassen, wahrscheinlich hätte er die Engel sogar noch angefeuert.
Einen langen Augenblick lang gab er sich der Phantasie hin, der erste Engel, der dunkle Riese namens Satchiel, würde seinen Vater durch die Straßen von Tokio-3 hetzen... wahrscheinlich
würde sein Vater bei weitem nicht so ruhig und unnahbar sein, vielleicht würde er sich sogar die Seele aus dem Leib schreien, damit irgendein armer Idiot ihm zu Hilfe eilte...
Shinji mußte lächeln bei dem Gedanken.
Seinetwegen konnte sein alter Herr geradewegs zur Hölle fahren und dort verrotten!
Aber wahrscheinlich würde sogar der Teufel sich von dem kalten Blick durch die getönten Brillengläser einschüchtern lassen...
Nein, wegen seines Vaters steuerte er EVA-01 definitiv nicht.
Und damit kamen seine Gedankengänge zu seinem nächsten Problem, einem Problem namens Rei Ayanami, wobei er sich Mühe gab, sie sich in bekleidetem Zustand vorzustellen.
Bei ihr hatte er das Gefühl, nicht jedes Wort vorher genau abwägen zu müssen...
Misatos Worte fielen ihm wieder ein, als sie ihn bat, Rei die ID-Karte vorbeizubringen... es war erst vor zwei Tagen gewesen, doch es schien bereits eine Ewigkeit zurückzuliegen...
vielleicht veränderte sich die Wahrnehmung von Zeit, wenn man beinahe gestorben war... sie hatte ihn gefragt, ob er in Rei verliebt sei, natürlich war es nur Spaß gewesen, hatte
sie ihn nur aufziehen wollen... doch inzwischen war ihm klar, daß er ihre Frage nicht mehr hätte wahrheitsgemäß verneinen können. Allerdings war er sich nicht sicher,
ob eine Bejahung der Wahrheit entspro-chen hätte, er wußte nur, daß er für Rei etwas empfand, das man nur als positiv bezeichnen konnte, Sympathie, Freundschaft... den
Wunsch, daß ihr nichts mehr zustieß...
Wie war es überhaupt verliebt zu sein? Er kannte niemanden, den er hätte fragen können. Sein Vater war definitiv kein Kandidat, der sich mit seinem einzigen Sohn in Ruhe hinsetzen
und ihm die ganze Sache erklären würde... Toji und Kensuke bewahrten vielleicht gewisse Hefte in ihren Spinden auf, würden ihm aber auch nicht weiterhelfen können... Misato
würde es ihm vielleicht erklären können, aber dazu würde er wahrscheinlich ersteinmal einen dem ihren annä-hernd gleichen Alkoholpegel im Blut benötigen, um sie zu
verstehen... Himmel, wenn PenPen doch nur richtig sprechen könnte, der Pinguin war in seinem Bekanntenkreis mit ziemlicher Si-cherheit der einzige, welcher auf dem Gebiet Erfahrung
besaß und sie mit ihm hätte teilen kön-nen...
Shinji seufzte.
Da saß er nun auf dieser alten Bank, während um ihn herum Baumaschinen ratterten und lärm-ten, und sinnierte darüber nach, mit einem Pinguin über den Sinn des Lebens zu
sprechen...
Es mußte am LCL liegen... ganz sicher...
Ein Schatten fiel auf ihn.
„I... Shinji-kun?“
Er sah auf, sah Rei in ihrer Schuluniform vor ihm stehen, sprang auf, kollidierte fast mit ihr.
„Ah... uhm... Rei... Guten Morgen.“
„Was tust du hier?“
Sie war überrascht.
Sollte Shinji-kun wieder etwas vorbeibringen? Dann hatte sie wohl nicht ausdrücklich genug klargemacht, daß er ruhig in ihr Apartment hätte kommen können.
Oder stand ein weiterer Einsatz an? - Wahrscheinlich nicht, sonst wäre sie bereits anderwei-tig verständigt worden.
Oder... wollte er sie vielleicht abholen?
Sie wünschte sich, über mehr theoretische Kenntnisse der Paarungsgewohnheiten und -rituale der menschlichen Spezies zu verfügen. Alles, was ihr in dieser Beziehung bekannt war,
stamm-te aus dem Biologielehrbuch - nur handelte es sich bei dem Biologielehrer der 2-A um densel-ben alten Lehrer, der in einem fort die offizielle Version des Second Impact wiederkäute.
Und jemand, den sie diesbezüglich fragen konnte, fiel ihr auch nicht ein. Der Kommandant war über derartiges sicher erhaben. Der Doktor würde sich in Fachbegriffen und dergleichen
ergehen und sie anschließend weiteren Tests und Untersuchungen unterziehen. Der Captain schien zwar durchaus entsprechende Lebenserfahrungen zu besitzen, kam aber nicht al
Informationsquelle in Betracht, da sie und Shinji-kun in einer Wohnung lebten. Und ansonsten... vielleicht gab es da eine Person...
„Ich... ahm... ich habe auf dich gewartet, weil, uhm, ich wollte wissen, wie es dir geht.“
Reis Mundwinkel zuckten kurz, brachten dann aber doch kein Lächeln zustande.
Freude und Besorgnis hielten einander die Waage, Freude darüber, daß sie Shinji-kun genug bedeutete, daß dieser vor ihrem Haus auftauchte, Besorgnis darüber, wie weit die
noch gehen würde und ob es vielleicht ihre Funktionsfähigkeit beeinträchtigen könnte.
„Es geht mir gut.“
„Das... uhm... freut mich.“
Shinji lächelte.
„Willst du zur Schule?“
„Ja.“
Sie hätte den Doktor um ein Attest fragen können - doch der Doktor hätte wahrscheinlich ihr Ersuchen abgelehnt, Akagi hegte spürbare Antipathien gegen sie. Sie hätte auch
daheim bleiben und später eine Entschuldigung schreiben und einreichen können - in der NERV-Charta gab es einen kleinen unauffälligen Passus, der sie dazu berechtigt hätte -,
da sie es insgeheim durchaus schätzte, ab und an länger zu schlafen, als eigentlich nötig war. Dennoch war sie aufgestanden, hatte sich fertiggemacht und die Wohnung verlassen -
weil sie gehofft hatte, Shinji-kun in der Schule begegnen, nur würde sie sich das wahrscheinlich nie eingestehen...
„Uhm, kann ich dich begleiten?“
Sie blickte ihn mit gerunzelter Stirn an.
Weshalb stellte er immer so viele überflüssige Fragen?
Mußten Menschen immer reden? Konnten sie nicht die Stille genießen?
Aber ihre Gedanken waren weder von Ärger, noch von Unwillen begleitet, eher von Unver-ständnis.
„Natürlich. Es ist derselbe Weg.“
Dabei kam es ihr alles andere als ungelegen...
Auf dem Weg zur Bahnstation und während der Minuten, die sie auf dem Bahnsteig warteten, setzte Shinji mehrmals zum Sprechen an, brachte aber nicht mehr als „Uhm...“ und
„Ahm...“ über die Lippen, was Rei jedesmal mit einem fragenden Blick quittierte.
Sie waren die einzigen Menschen auf dem Bahnsteig, auch der Zug, welcher endlich einfuhr, war kaum belegt, der hintere Waggon war völlig leer.
Rei setzte sich auf den nächstbesten Platz und griff aus Gewohnheit nach ihrem Notizbuch, während Shinji die gegenüberliegende Bank ansteuerte.
Sie sah auf.
Warum schien Shinji-kun Abstand zwischen sich und sie bringen zu wollen?
Warum hatte er auf sie gewartet, wenn er sich nun doch auf die andere Seite setzte?
Demonstrativ nahm sie ihre Tasche von dem Sitzplatz neben sich und stellte sie auf den Boden zwischen ihre Beine.
Wenn er das nicht verstand, war ihm nicht mehr zu helfen... und wenn er es nicht verstehen wollte... darüber wollte nun wiederum sie gar nicht erst nachdenken.
Shinji-kun hatte es bemerkt... sein Blick huschte fast panisch hin und her. Hatte sie ihn ir-gendwie in Angst versetzt? Es kam vor, daß manche Menschen sie seltsam anblickten, einmal hatte
eine Frau sie gefragt, ob sie an einer Krankheit leide... es mußte mit ihrer blassen Haut zusammenhängen... aber Shinji-kun kannte sie doch inzwischen wohl lange genug...
Endlich setzte er sich in Bewegung, setzte sich neben sie, dabei peinlich darauf bedacht, einen gewissen Abstand zu bewahren.
Sie wollte ihm zurufen, endlich etwas zu sagen oder wenigstens nicht ein Gesicht zu machen, als läge ihm ein kompletter Roman auf der Zunge... oder wenigstens diese undefinierbaren Laute zu
unterlassen... aber sie tat es nicht, weil es ihr nicht richtig erschien, ihn irgendwie un-freundlich zu behandeln. Dennoch hatte sie den Eindruck, er stünde kurz vor dem Platzen.
„Was möchtest du mir sagen?“ fragte sie freundlich.
Shinji zuckte heftig zusammen.
War es ihm so leicht anzusehen, daß er mit den Worten rang?
Er hatte nachgedacht... über den EVA... über den Haß, den er verspürt hatte...
Wenn es jemanden gab, mit dem er darüber sprechen konnte, dann wohl mit ihr. Rei würde ihn nicht gleich für verrückt erklären - hoffte er jedenfalls...
„Uh, also... Rei, ich wollte dich etwas fragen... wegen EVA... also...“
„Die EVANGELIONs unterliegen absoluter Geheimhaltung.“ erklärte sie.
„Ja, äh... ich wollte dich nur fragen... also, ich meine, so von Pilot zu Pilot... äh...“
Sie blinzelte.
„Was?“
„Es ist... wenn ich in EVA-01 steige... und es kommt zu einem Kampf... ich... ahm...“
Shinji preßte die Lippen zusammen, überlegte. Wie sollte er es ihr verständlich machen?
„Rei, ich sagte heute nacht, ich hätte Angst...“
„Ja. Das hast du gesagt. Angst zu sterben.“
„Das auch. Ja, auch Angst vor dem Tod. Aber... ah... auch vor etwas... anderem... vor der Dunkelheit...“
Er schluckte, wartete auf ihre Reaktion, hoffte, daß sie ihm nicht vorschlagen würde, dann halt künftig das Licht brennen zu lassen.
Ihr Kopf ruckte herum, sie sah ihn mit geweiteten Augen an. Neben dem Lächeln der vergan-genen Nacht war dies die wohl heftigste Reaktion, die er jemals bei ihr beobachtet hatte.
„Vor der Dunkelheit“, wiederholte sie.
„Ja...“
„Eine haßerfüllte Dunkelheit? Eine Dunkelheit, die wie eine Welle über dir zusammenzuschla-gen droht?“
„Uh... ja.“
Er starrte sie an.
„Du weißt, wovon ich rede.“
„Ja.“
Rei senkte den Blick.
Shinji-kun hatte die Dunkelheit auch gespürt, doch nicht in EVA-00, sondern in EVA-01... es lag also nicht an ihr... es waren keine unterdrückten Gefühle ihrerseits, welche der EVA
spie-gelte... und sie war auch nicht verwirrt, wie der Doktor es bezeichnet hatte, nachdem sie ihr nach dem fehlgeschlagenen Aktivierungsversuch von ihren Eindrücken erzählt hatte.
Er hatte Angst vor der Dunkelheit und dem Haß... sie konnte diese Angst verstehen und nach-vollziehen, spürte sie doch das gleiche.
„Spürst du es auch, wenn du EVA-00 steuerst?“
Sie schloß die Augen, etwas in ihr sperrte sich dagegen, die Erinnerungen hervorzuholen, woll-te nicht wieder mit den Eindrücken konfrontiert werden. Und wäre es nicht Shinji-kun
gewe-sen, der diese Frage gestellt hatte, hätte sie sie einfach ignoriert.
„Nicht jedesmal. Das erste Mal war bei dem Aktivierungstest.“
„Bei dem EVA-00 amokgelaufen ist? Bei dem du so schwer verletzt wurdest?“
„Ja.“
Die Erinnerung schmerzte, in wenigen Sekundenbruchteilen erlebte sie die Minuten noch ein-mal nach, glaubte jede Erschütterung, jeden Stoß noch einmal zu spüren, der durch die
Kapsel gegangen war. Damals hatten die Sitze noch über keine Gurte verfügt, sie war aus dem Sitz und gegen die Steuerung geschleudert worden; dann, als der Plug notevakuiert wurde und
wie ein Querschläger durch die Halle des Testareals geschossen war, war auch sie im Inneren her-umgeschleudert worden. Doch davor, in der Zeit zwischen der Aktivierung der
Synchronver-bindung und der evakuierungsbedingten Unterbrechung, waren die Wellen von Haß auf sie ein-geströmt, hatten ihr Bewußtsein zurückgetrieben und die Kontrolle
über Einheit-00 übernom-men. Nur hatte niemand es ihr geglaubt...
Ihre zweite Begegnung mit der Dunkelheit hatte stattgefunden, als EVA-00 während des An-griffes des ersten Engels reaktiviert worden war, um die Ankunft des Piloten von Einheit-01 zu decken.
Die Synchronverbindung hatte sich auf das Minimum beschränkt, dennoch hatte EVA-00 sich gewehrt... sonst hätte der Engel nicht so leichtes Spiel mit ihr gehabt...
Sie sah auf, begegnete Shinji-kuns Blick, sah... Freude in seinen Augen.
Weshalb verspürte er Freude darüber, daß sie dieselben Erfahrungen gemacht hatte wie er?
„Und ich dachte, ich wäre verrückt...“ murmelte der Junge, gab ihr damit die Antwort auf ihre stumme Frage.
„Rei, was ist der Grund? Warum empfinden die EVAs solchen Haß gegen uns... nein, nicht nur gegen uns... ich hatte den Eindruck, daß der Haß sich gegen alles Leben
richtet...“
Sie hätte ihm mehrere Möglichkeiten nennen können, hätte ihm erklären können, daß die EVAs letztendlich geschaffen worden waren, um während des Third
Impact eine Kettenreaktion her-beizuführen, hätte ihm sagen können, daß sie zwar nach menschlichem Vorbild erschaffen wor-den waren, aber keine Seele besaßen, sie
deshalb nach Leben hungerten, um es zu verschlin-gen, um sich selbst zu vervollkommnen, doch all dies waren klassifizierte Informationen, über die sie selbst nur verfügte, weil sie
einen wichtigen Teil in Plan des Kommandanten spielen sollte, über den sie selbst noch nicht näher aufgeklärt worden war.
Allerdings hätte das die Umstände möglicherweise auch nicht erklärt, unterschieden sich die beiden EVANGELIONs doch in einer Einzelheit absolut, hatte EVA-01 doch bereits eine
Seele verschlungen, während EVA-00 mit der Simulation einer solchen abgespeist worden war. Aber es gab eine grundlegende Gemeinsamkeit, eine mögliche Quelle des Hasses.
„Vielleicht... Shinji-kun, es muß unter uns bleiben. Niemand sonst darf davon erfahren, sie würden uns für verrückt halten.“
„Ja... Unser... uhm... unser Geheimnis. Was weißt du?“
„Das Betriebssystem. Die EVAs waren ursprünglich als Roboter geplant, die ohne Piloten ope-rieren sollten. Dann wurde eine Fernsteuerung angedacht, schließlich jedoch hat man
sich für die gegenwärtige Version mit einem Piloten entschieden, nachdem Tests des japanischen Mili-tärs mit der sogenannten Jet-Alone-Einheit, einem ferngesteuerten Roboter,
beinahe zu einer Katastrophe geführt hatten. Captain Katsuragi hat damals schlimmeres verhindert.“
„Misato...“
„Ja.“
„Und... ah, was hat es nun mit diesem Betriebssystem auf sich?“
„Die EVAs verfügen über eine gehirnähnliche Zusammenballung synthetisch erzeugter Zellen im Schädel, das PROPHET-Interface. Das Konzept geht noch auf Doktor Naoko Akagi
zu-rück, die Entwicklerin der MAGI-Computer.“
„Akagi? Eine Verwandte von Ritsuko Akagi?“
„Ihre Mutter. Gestorben 2004.“
„Wie meine Mutter...“
Eine bestätigende Antwort lag ihr auf der Zunge, doch Shinji-kuns schwermütiger Tonfall hielt sie davon ab. Im Jahr 2004 war sie selbst erstmals erweckt worden, doch ihre erste Existenz
hatte nur kurz gewährt, war bei der Ausführung eines Auftrages für den Kommandanten been-det worden... Naoko Akagi hatte die Botschaft, die sie ihr hatte überbringen sollen,
nicht ver-arbeiten können, was zum Ende ihrer ersten und Akagis eigener Existenz geführt hatte.
Aber auch dies waren klassifizierte Informationen.
Wenn sie sich nur hätte erinnern können, was der Kommandant ihr damals aufgetragen hatte, der Wissenschaftlerin mitzuteilen...
„Es handelt sich nicht um ein wirkliches Gehirn, vielmehr um einen organischen Computer, welcher unter anderem die Sinneseindrücke des EVAs so konvertiert, daß der Pilot sie
über die Synchronverbindung teilen kann. Sowohl bei EVA-00 wie auch bei EVA-01 wurde dasselbe Betriebssystem verwendet...“
Der Zug hielt.
Es war die Haltestelle nahe der Schule.
„Shinji-kun, wir müssen hier aussteigen.“
„Äh, ja.“
Er stand auf, ging zur Tür.
„Rei...“
Sie verließen die Bahn.
„Ja?“
„Ich habe keine Lust auf den Unterricht... ich meine, heute wird uns doch ohnehin nur wieder den ganzen Tag lang vom Second Impact erzählt...“
Ikari-kun hatte keine Lust... wie sollte sie das verstehen? Lust... wahrscheinlich hier in der Be-deutung von Interesse. Dem konnte sie nur zustimmen, der Unterricht war uninteressant. Nicht
einmal die Fakten stimmten, entsprachen lediglich der offiziellen Version, mit der die Bevölke-rung abgespeist worden war, erwähnten weder den ersten Engel namens ADAM, welcher im Jahre
2000 in der Antarktis entdeckt worden war, noch die Experimente, die an ihm durchge-führt worden waren - oder gar den zweiten Engel, LILITH, der unvermittelt aufgetaucht war und ADAM in
einen Kampf verwickelt hatte, bei dem die Folgeereignisse des Second Impact schließlich ausgelöst worden waren...
Rei blinzelte. Da war noch etwas... eine Information, die mit den Ereignissen in Zusammen-hang zu stehen schien, etwas, das sie eigentlich hätte wissen müssen, sich ihr jedoch entzog,
immer schwammiger und unschärfer wurde, je stärker sie sich darauf konzentrierte...
ADAM, der sich aufrichtete... die Bereitschaft ihn anzugreifen und für seine früheren Beleidi-gungen und Verfehlungen zu bestrafen... und ein großer Schatten, der plötzlich
zwischen ihnen stand...
Das angestrengte Nachdenken rief bei ihr Kopfschmerzen hervor.
Rei war stehengeblieben, schien nachzudenken. Shinji sah sie fragend an, so schwer konnte es doch nicht sein, angesichts des heutigen Stoffes, oder des Fehlens selbigens, sich dazu ent-scheiden,
den Unterricht zu schwänzen.
„Rei?“
Als sie nicht reagierte, streckte er die Hand aus, um sie sacht am Oberarm zu berühren.
„Shinji-kun?“
Shinji blinzelte.
Einen Moment lang hatte sie ihn an eine Maschine erinnert, deren Batteriereserven zu Ende gingen.
„Uhm... also, was ist?“
Sie zögerte immer noch, seinem Ersuchen zu folgen.
Es war ihr befohlen worden, zum Unterricht zu gehen, damit sie besser in der Gesellschaft an-derer funktionierte. Allerdings erschien ihr die Begründung unlogisch, da man sie nicht zu-gleich
angewiesen hatte, mit anderen zu interagieren. Jedoch interagierte sie nun mit Shinji-kun. Und dies war ihrer Funktion unter anderen Menschen dienlich...
„Wohin willst du gehen?“
„Ahm... nun...“
Er überlegte.
„Wir könnten hoch aufs Dach der Schule gehen und uns dort unterhalten.“
Rei nickte.
Der Aufenthalt auf dem Flachdach der Schule besaß eine gewisse Gefährlichkeit trotz der um-laufenden Brüstung. Und sie hatte versprochen, Shinji-kun zu beschützen. Dies,
verbunden mit den anderen Gründen, sollte genügen, die Anweisung, den Unterricht zu besuchen, wenigstens einmal zu ignorieren.
„Einverstanden.“
*** NGE ***
Kurz darauf standen sie auf dem Dach der Schule.
Shinji trat an die Brüstung und stützte sich auf die Ellenbogen.
„Von hier aus kann man sehen, wo der Engel explodiert ist.“
Er sah sich weiter um, entdeckte weitere Spuren von Kämpfen, die sich narbengleich durch die Stadt zogen.
„Worum bloß greifen die Engel die Stadt an...“
Rei trat neben ihn, bleib jedoch still.
Auch diese Information unterlag höchster Geheimhaltung.
„Der letzte Engel wollte sich in die Geofront durchbohren... und der erste hat große Löcher in den Asphalt geschlagen, als ob er sich hindurchgraben wollte... Rei, was immer sie
suchen, es liegt in der Geofront!“
Er sah sie fragend an, erwartete eine Reaktion.
Shinji-kun hatte die richtigen Schlußfolgerungen getroffen...
„Ich darf dir nichts sagen.“
„Du... du darfst nicht?“
„Nein. Es sind geheime Informationen.“
„Und du kannst es mir nicht sagen?“
Shinji trat einen Schritt zurück.
Welches Spiel trieb sie mit ihm? Erst akzeptierte sie seine Freundschaft und jetzt sagte sie ihm gewissermaßen, daß sie mehr wußte als er, es ihm aber nicht mitteilen
durfte...
„Ich darf nicht... Vielleicht kann der Captain... Ich bin nicht befugt, es dir mitzuteilen.“
Sie stotterte, verhaspelte sich... das war ihr vorher noch nie passiert. Sie wollte ihm ja sagen, daß die Engel auf der Suche nach ihresgleichen waren, daß sie vom Sirenenruf LILITH
ange-lockt wurden, die im TerminalDogma eingekerkert war und als Lieferant des LCL diente, aus deren Gewebe EVA-00 geklont worden war... und sie selbst...
„Du darfst nicht...“
Sein Gesicht verdüsterte sich. Er glaubte genau zu wissen, wer Rei befohlen hatte, über die Dinge, die sie bei NERV gesehen hatte, Stillschweigen zu bewahren.
„Vater...“
Sie konnte es nicht ausstehen, wenn Shinji-kun in ihrer Gegenwart schlecht über den Komman-danten sprach, das wurde ihr in diesem Augenblick bewußt. Vielleicht wäre es besser,
wenn sie einfach ging... aber dann würde sie ihn allein zurückzulassen und er würde glauben, sie hätte sich von ihm abgewandt und dann würde er nicht mehr ihr Freund sein
und...
Es war alles so kompliziert!
Tu, was man dir befiehlt... ja, wenn Shinji-kun ihr befohlen hätte, ihm zu sagen, was sie wußte, das wäre einfach gewesen, schließlich war er der Sohn des Kommandanten. Aber
er tat es nicht und sie konnte ihn ja schlecht auf diese Option hinweisen...
Rei stieß einen leisen Seufzer aus und ließ sich an der Brüstung nach unten gleiten, bis sie mit angezogenen Knien auf dem Zementboden saß.
Der Seufzer fuhr Shinji durch Mark und Bein, hatte etwas von einer scharfen Klinge, die direkt an seinem Herzen vorbeistrich. Betroffen blickte er nach unten, wo Rei neben ihm hockte, ver-stand
ansatzweise den Gewissenskonflikt, in dem sie sich befand.
Er ging neben ihr in die Hocke.
„Es... uhm... es ist kein Problem... Dann sag mir... ah... sag mir einfach, was du sagen darfst.“
Er öffnete seine Tasche, entnahm ihr die Frühstücksbox und schloß sie wieder, benutzte die Tasche dann als Sitzkissen, als er sich neben sie setzte.
„Ich darf dir nicht sagen, was sich im TerminalDogma befindet, nur, daß man eine sehr hohe Sicherheitseinstufung benötigt, um es zu betreten.“
Wenn sie es ihm schon nicht direkt sagen durfte, konnte sie ihm vielleicht ein paar Hinweise geben...
„TerminalDogma? Das... hm... das ist der Keller unter dem Hauptquartier, oder?“
„... Ja.“
„Und wer hat diese Sicherheitseinstufung? Misato?“
Rei dachte nach.
Nein, der Captain war nicht befugt, das TerminalDogma zu betreten.
Stumm schüttelte sie den Kopf.
„Shinji-kun, ich muß... ich muß dich bitten, nicht weiterzufragen. Ich möchte nicht, daß du in Gefahr gerätst.“
Bitte... sie hatte bitte gesagt... vorher hatte sie noch nie jemanden um etwas gebeten... und in der Nacht... dunkel erinnerte sie sich, daß sie sich im Halbschlaf für sein Kompliment
bedankt hatte...
Was geschah nur mit ihr? Wurde sie vielleicht... menschlich? Brachen durch den fortgesetzten Kontakt mit Shinji-kun die in ihrer Genstruktur befindlichen menschlichen Anlagen durch?
„Ich soll nicht... Rei, du machst dir um mich... Sorgen?“
Wieder blieb sie stumm, nickte nur.
Shinji lehnte sich mit dem Rücken gegen die hüfthohe Mauer.
Das war das erste Mal, daß jemand ihm sagte, sie würde sich um ihn sorgen, das erste Mal, daß jemand ihm ihre Gefühle für ihn offenbarte...
Wow...
Eine halbe Ewigkeit saßen sie so da und schwiegen, doch diesesmal erschien das Schweigen ih-nen nicht als unüberwindbare Mauer. Schließlich war es Shinji, der das Schweigen
brach, als die Schulglocke zur Pause läutete und kurz darauf Lärm vom Schulhof her an ihr Ohr drang.
„Hast du Hunger?“
Rei blickte ihn fragend an.
Da hatte er bereits die Frühstücksbox geöffnet und hielt sie ihr entgegen.
Sie schüttelte den Kopf.
Wurst... Käse... alles tierische Produkte, welche sie nicht vertrug. Aufgrund ihrer besonderen Physiognomie konnte sie keine tierischen Fette verdauen. Schon der bloße Genuß
solcher Pro-dukte stellte ihre Funktionsfähigkeit in beunruhigender Weise in Frage, weshalb ihr befohlen worden war, selbige niemals und unter keinen Umständen zu sich zu nehmen.
„Ich esse kein Fleisch.“
„Oh.“
Er hatte nicht gewußt, daß sie Vegetarierin war.
„Und Käse?“
„Auch nicht. Kein Fleisch, keinen Fisch.“
„Salat?“
„Salat ist akzeptabel.“
Rasch vertauschte er die Belege seiner Brote, so daß er ihr wenigstens zwei reine Salatbrote anbieten konnte.
Zögernd nahm Rei eines der Brote aus der Schachtel und betrachtete es nachdenklich.
„Danke.“
Shinji stellte die Schachtel zwischen sie, kaute selbst auf einem Wurstbrot herum.
Die Situation kam beiden seltsam friedlich und entspannt vor.
Der Junge blickte zur Seite, beobachtete das blauhaarige Mädchen beim Essen.
„Stimmt etwas nicht?“
„Ahm, nein...“
Schnell blickte Shinji wieder weg.
Er konnte ihr ja schlecht sagen, daß er sie attraktiv fand, daß sogar die Art, wie sie den Salat mümmelte, in seinen Augen etwas anziehendes und faszinierendes hatte...
„Und weshalb wirst du dann rot?“
Jetzt wollte sie es endgültig wissen. Schließlich konnte sein ständiges Erröten auch ein Zeichen für funktionsgefährdenden Bluthochdruck sein und war gerade in
Verbindung mit der Tatsa-che, daß er am gestrigen Tag kurzfristig einen Herzstillstand erlitten hatte, nicht zu ignorieren.
Und wenn es - wie sie glaubte - doch mit ihr in Verbindung stand, dann wollte sie es ebenfalls wissen. Menschen wechselten schließlich nicht andauernd die Farbe und dann auch noch derart
extrem!
„Ich... ah... uhm... öh... also... das... äh...“ stotterte er, versuchte sich in Gedanken eine plausi-ble Antwort zurechtzulegen, wurde dann aber anderweitig durch da
Auftauchen von Toji und Kensuke gerettet. Die beiden Mitschüler tauchten im Treppenaufgang auf und kamen zu ihnen.
Für Rei war es damit vorbei mit Frieden und Entspannung.
Daß Shinji-kun viel redete, konnte sie problemslos akzeptieren, wenn allerdings mehrere Per-sonen gleichzeitig sprachen, konnte sie dies nicht mehr mit ruhiger Atmosphäre
gleichsetzen...
„Yo, Ikari!“ rief Toji. „Hab´ ich mich doch nicht geirrt, als ich meinte, euch beide an der Sta-tion gesehen zu haben. - Äh, hi, Ayanami.“
Rei nahm die Begrüßung mit einem Nicken zur Kenntnis, fragte sich zugleich, ob er sie auch angesprochen hätte, wenn sie nicht mit Shinji-kun zusammengewesen wäre.
„Hey, Shinji...“ Kensuke hockte sich neben Shinji. „Was habt ihr heute nacht gemacht?“
„Äh...“
Shinji schnappte nach Luft.
Er hatte Rei im Arm gehalten...
Er hatte ihre Hand gehalten...
Er hatte ihre nackte Brust gesehen...
„Wir haben euch beide gestern abend mit den EVAs ausrücken sehen“, erklärte Toji und brach-te Shinjis Gedanken wieder in etwas geordnetere Bahnen. „Ihr habt´
dem Engel doch hoffent-lich richtig gegeben, oder? Seit der Sache vor ein paar Wochen hat man uns richtig auf dem Kieker, die Klassensprecherin persönlich hat dafür gesorgt, daß
wir im Bunker waren, bevor die Aktion losging.“
„Ich kann die Vernichtung des Engels bestätigen.“ sagte Rei mit ruhiger Stimme und stand auf. Suzuharas Worte hatten sie an eine Idee erinnert, die sie am Morgen gehabt
hatte.
„Shinji-kun, wir treffen uns nach der Schule.“
Damit ging sie zur Treppe und verließ das Dach.
Toji sah ihr nach, starrte dann Shinji an.
„Ihr trefft euch nach der Schule? Und eben habt ihr die ganze Zeit hier oben gesessen, was? Ikari... Alter! Du und Ayanami?“
Der größere Junge grinste breit.
„Zuhause die hübsche Misato und jetzt auch noch eine Begleitung für den Schulweg! Kensuke, was hältst du davon?“
„Mega-Playboy-Action!“ erklärte der kleinere Junge mit der Brille.
„Muß wohl an dem Roboter liegen, daß ihm die Mädchen zu Füßen liegen!“
Toji knuffte Shinji gegen die Schulter. „Und, was habt ihr hier oben gemacht? Geknutscht?“
„Ah... nein...“
„Na, komm, Ikari, das...“ setzte Kensuke nach.
Toji hielt seinen Freund zurück, schüttelte nur mit dem Kopf.
„Ken, er sagt die Wahrheit. Traurig, traurig. Ikari, weshalb wolltest du auch von mir keine Tips annehmen?!“
Dann fiel sein Blick auf die Brote in der Schachtel.
„Hmm, darf ich?“
„Uh, klar doch.“
„Super, ich schaffe es nämlich morgens nie, mir etwas einzupacken.“
„Weil du ein fauler Sack bist, der lieber noch ein paar Minuten schläft!“ warf Kensuke ein.
„Eh, ich brauche meinen Schönheitsschlaf.“
Kensuke und Shinji blickten einander an und begannen zu lachen.
„Worüber gackert ihr denn so?“
„Über nichts, Toji, über nichts. Also, Shinji, jetzt erzähl doch mal!“
„Was denn?“
„Na, wie ihr den Engel erlegt habt, Ayanami und du!“
„Uhm, also...“
*** NGE ***
Rei warf einen kurzen Blick zurück über die Schulter, betrachtete die drei Jungen.
Shinji-kun und die Mitschüler Suzuhara und Aida... auch sie waren Freunde, selbst wenn Rei noch immer nicht ganz nachvollziehen konnte, wie Shinji-kun sich mit jemandem hatte anfreun-den
können, der ihm noch vor kurzer Zeit Schmerzen zugefügt hatte... andererseits... auch sie hatte ihm Schmerzen zugefügt, indem sie ihn dazu gebracht hatte, wieder in EVA-01 zu
stei-gen... gehörte auch das zu einer Freundschaft - vergeben können?
Trotzdem ging Shinji-kun mit seinen anderen Freunden auf eine andere Art und Weise um als mit ihr, lag das vielleicht daran, daß sie dem weiblichen Geschlecht angehörte? Wurde er
des-halb immer rot, sobald gewisse Dinge zur Sprache kamen?
Sie bog in den Flur ein, von dem aus man in den Klassenraum der 2-A gelangen konnte. Wie erwartet sah sie die Person, zu der sie wollte. Die Zielperson stand vor dem Schrank mit Lehr-materialien
und sortierte ungenutzt gebliebene Unterlagen wieder ein.
Rei blieb in zwei Schritten Abstand stehen.
„Klassensprecherin Horaki.“
Die angesprochene zuckte leicht zusammen, wandte sich Ayanami zu.
„Ja?“
Hikari fühlte eine starke Unsicherheit, es war, soweit sie sich erinnern konnte, das erste Mal, daß die blauhaarige Mitschülerin sie ansprach.
„Ich habe ein Anliegen... ein Ersuch um Informationen.“
Hikari schloß den Schrank.
„Worum geht es, Ayanami?“
Irgendwie schien es ihr unpassend, die Mitschülerin mit ihrem Vornamen anzusprechen, Aya-nami schien großen Wert auf ihre Privatsphäre zu legen, jedenfalls vermied sie jeden
Kontakt mit anderen Schülern - außer mit Shinji Ikari, aber das lag wahrscheinlich an ihrer gemeinsa-men Tätigkeit als Piloten bei NERV.
„Ich benötige Informationen über menschliche Paarungsrituale.“
Hikaris Mund klappte auf.
Ihre Sommersprossen schienen an Farbe zu verlieren.
„Menschliche... Paarungs-ri-tu-a-le...“ zog sie die Worte in die Länge.
„Korrekt.“
„Ähhhh...“
Hikari gewann die Kontrolle über ihren Unterkiefer zurück.
Hatte Ayanami sie gerade wirklich um Informationen über... Sex gefragt?
Sie rief die Erinnerung der letzten halben Minute ab, konzentrierte sich auf jede Silbe.
Ja, sie hatte sie tatsächlich auf menschliche Paarungsrituale angesprochen...
Hikari schluckte.
Warum geschah soetwas ausgerechnet ihr?
„Uhm... das können wir schlecht hier besprechen.“
„Warum nicht?“
„Weil... weil man so ein Thema nicht... nicht in der Öffentlichkeit bespricht.“
Rei legte den Kopf schrägt.
Interessant... Klassensprecherin Horaki reagierte ähnlich wie Shinji-kun, indem sie tomatenrot anlief und plötzlich ein vergleichbares Sprachmuster benutzte.
„Wo dann?“
„Ahm... laß uns aufs Dach gehen.“
„Dort halten sich zur Zeit Shinji-kun und die Mitschüler Suzuhara und Aida auf.“
„Oh...“
Wäre Hikari nicht mehr mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt gewesen, wäre ihr der warme Unterton aufgefallen, mit dem Ayanami den Namen Shinji Ikaris aussprach.
„Dann... die Mädchentoilette. Dort sind wir recht ungestört.“
„Akzeptabel.“
„Warum ich?“
„Was meinst du, Klassensprecherin Horaki?“
„Warum fragst du gerade mich? Es ist doch nicht so, daß wir gute Freunde wären, oder so...“
„Ich habe mich dafür entschieden, dich zu fragen, weil du dem Klassenverband vorstehst und daher über ein ausreichendes Maß an Lebenserfahrung verfügen
mußt.“
„Argh... weil ich Klassensprecherin bin?“
„Korrekt.“
Am liebsten hätte Hikari die Flucht ergriffen, doch sie wußte, daß Ayanami schneller war als sie.
„Und deshalb denkst du, ich könnte... ich hätte...“
„Ja.“
„Oh, nein...“
Irgendwie hatte sie geahnt, daß ihre Position sich eines Tages zu einem Alptraum entwickeln würde, aber sie hatte eher mit Krankenbesuchen bei verletzten Mitschülern und
Schüleraufstän-den wegen des miserablen Essens in der Kantine gerechnet.
„Ayanami, weißt du eigentlich, wie ich Klassensprecherin geworden bin?“
„Du wurdest wahrscheinlich gewählt.“
„Ja...“
„Ich war an dem Tag nicht anwesend.“
„Hm... das... Ich war der einzige Kandidat. Ich habe mich nicht einmal freiwillig gemeldet, son-dern wurde vorgeschlagen.“
„Sicher aufgrund deiner Kompetenz.“
„Nein, weil es kein anderer machen wollte.“
„Aber du erfüllst deine Aufgaben gewissenhaft und zufriedenstellend.“
„Das... äh... danke.“
„Das war eine Feststellung.“
„Uhm, aber das erste Mal, daß mir jemand gesagt hat, daß ich es richtig mache.“
Sie erreichten die Toiletten, Hikari schloß die Tür der Mädchentoilette hinter ihnen, klappte den Deckel einer der insgesamt fünf Toiletten herab und setzte sich.
„Ayanami, was ich damit meine - nur weil ich Klassensprecherin bin, bedeutet dies nicht, daß ich... wie sagtest du... ein ausreichendes Maß an Lebenserfahrung
besitze.“
Rei blinzelte.
Das kam unerwartet. Sie hatte vorausgesetzt, daß die Klassensprecherin ihr Auskunft geben konnte, hatte Horakis Position als Leiterin des Klassenverbandes mit der des Kommandanten al
Leiter von NERV assoziiert.
„Bei wem kann ich dann Informationen einholen?“
Hikari bemerkte Ayanamis Enttäuschung.
Ihr selbst fiel niemand ein, denn Ayanami hätte fragen können. Ihr eigener Vater ging solchen Themen stets geschickt aus dem Wege, das Lehrerkollegium war derart überaltert,
daß die Lehrer wahrscheinlich reihenweise Herzanfällen zum Opfer fallen würden, sollten sie sich damit beschäftigen, und von den Mitschülern taten manche zwar furchtbar
wichtig und kenntnisreich, doch Hikari war sich sicher, daß sie ihre anatomischen Kenntnisse auch nur aus den Schmud-delheften bezogen, die sie heimlich unter der Bettdecke lasen oder in
ihren Spinden aufbewahr-ten... sie selbst war eigentlich von ihrer älteren Schwester Nozomi aufgeklärt worden, welche ihr Wissen wiederum von ihrer Mutter kurz vor deren Tod erhalten
hatte.
Hikari seufzte.
„Ayanami, setz dich, das könnte länger dauern...“
„Also bist du doch imstande, mir Auskunft zu geben?“
„Ähm, in gewisser Weise, ja. Was möchtest du wissen?“
Rei setzte sich auf den Klodeckel zu Hikaris linken.
„Klassensprecherin Horaki, woran erkenne ich, ob ich verliebt bin?“
Wieder klappte Hikaris Unterkiefer herab.
Gerade hatte sie sich gedanklich darauf vorbereitet, die biologischen Abläufe der Fortpflanzung zu erklären, wie sie im Biologielehrbuch standen, und das ganze mit den Erfahrungen
anzurei-chern, die sie durch ihre inzwischen volljährige Schwester mitgeteilt bekommen hatte, da kam eine solche Frage.
„Verliebt...? Das ist schwierig...“
Ihr fiel Nozomis Vorliebe für Liebesromane wieder ein.
„Uhm, also... du könntest in jemanden verliebt sein, wenn... ah... wenn dein Herz in seiner Ge-genwart schneller schlägt und du ein seltsames Kribbeln in der Bauchregion hast
und...“
„Die gleichen Symptome deuten auch auf eine Lebensmittelvergiftung hin“, warf Rei ein.
Hikari stöhnte auf.
Nein, das würde wirklich nicht einfach werden...
*** NGE ***
Nachdem Hikari ihrer Mitschülerin sämtliche ihr bekannten Begleiterscheinungen des Zustan-des ´Verliebtsein´ aufgezählt und teilweise erklärt hatte, fühlte
sie sich um Jahre gealtert. Jedes einzelne Anzeichen konnte laut Ayanami genausogut als Symptom irgendwelcher leichten bis tödlichen Erkrankungen gewertet werden.
„Ja, fühlst du dich denn krank?“
Rei lauschte in sich hinein.
Alle Körperfunktionen erschienen ihr normal.
„Nein, Klassensprecherin.“
„Gut... Und hör auf damit, mich Klassensprecherin zu nennen, Hikari genügt.“
Rei blickte ihre Mitschülerin an. Bedeuteten die Worte der Klassensprecherin, daß sie ihr ihre Freundschaft anbot? Oder wollte sie einfach Zeit sparen? Eigentlich war e
nebensächlich...
„Akzeptiert. Und wenn man zu dem Schluß gekommen ist, daß man verliebt ist, was soll man dann tun?“
Hikari vergrub ihr Gesicht in den Händen und gab ein langgezogenes Seufzen von sich.