FanFiction Bewertung - hier können Sie Bewertungen ansehen und eine Bewertung abgeben

Retelling a Story (Abzweigung 04)

Kapitel 16 - Kleine Schätze

Geschrieben von Ulrich Alexander Schmidt

Legal Boilerplate:
Sämtliche Fehler in der Charakterisierung sind ganz allein mir selbst zuzurechnen.

Dieser FanFic enthält:
Spoiler, endlose langweilige Dialoge, Warm and Fuzzy Feelings, Asuka in Bestform, Sex, Drogen und sinnlose Gewalt

Nein, es gibt keine anderen Versionen.

Alle Figuren, die nicht Eigentum von GAINAX sind, sind frei erfunden, jede Ähnlichkeit mit lebenden, toten oder sonstigen Personen ist unbeabsichtigt und daher rein zufällig. Mich verklagen zu wollen, würde nichts bringen, schließlich habe ich kein Geld
Zu riesigen Problemen essen Sie bitte die Packungsbeilage und fragen Sie den Arzt Ihres Apothekers.

Nach ihrem Gespräch mit Hikari hatte Rei das Schulgebäude verlassen und wartete nun am Eingangstor auf Shinji, wobei sie in ihrem Büchlein die während der Unterhaltung mit der Klassensprecherin eilig hingekritzelten Notizen noch einmal durchging.
Demnach gab eine ganze Reihe von Stadien in einer zwischenmenschlichen Beziehung, begon-nen bei einer Bekanntschaft, fortfolgend mit einer Freundschaft, welche eve Ach ja, dies ist die FSK 16 - Version !
ntuell zu einer Freundschaft anderer Art werden konnte... weshalb benutzten die Menschen eigentlich den gleichen Begriff, obwohl sie verschiedene Dinge meinten? Einmal Freund im Sinne von Kame-rad oder Kumpel, wie Mitschüler Suzuhara es wohl ausgedrückt hätte, dann Freund im Sinne von jemandem, mit dem man Zärtlichkeiten austauschte... Zärtlichkeiten, der nächste Begriff, bei dem sie Schwierigkeiten hatte, und bei dem auch die Klassensprecherin wieder ins Stottern gekommen war... und was den Begriff ´Liebe´ anging, so war sie immer noch so schlau wie zu-vor. Daß Hikari schließlich gequält die Ansicht geäußert hatte, sie würde es schon erkennen, wenn sie in jemanden verliebt war, war nicht gerade ergiebig gewesen, ebenso daß sie sich rundum geweigert hatte, ihr Auskunft zu geben, ob sie selbst einen solchen Zustand bereits er-lebt hatte.
Wäre es Rei möglich gewesen, hätte sie wahrscheinlich alle diese Überlegungen einfach gelas-sen und sich mit einfacheren Dingen beschäftigt, zum Beispiel den Grundlagen der Thermody-namik oder ähnlichem.
Schließlich erschien Shinji-kun, der sie verlegen anlächelte.
Sein Lächeln hatte etwas, das ihr Herz erwärmte.

„Tut mir leid, daß es solange gedauert hat.“

Sie nahm seine Entschuldigung nickend zur Kenntnis, unterließ die Bemerkung, daß sie ja gar keine Zeit vereinbart hatten.
Zum ersten Mal in wachen Zustand fielen ihr die hellen Verbände an seinen Händen auf.
„Wie geht es deinen Händen?“

Shinji hob die Hände ein Stück, präsentierte ihr die bandagierten Handinnenflächen.
„Es schmerzt nicht mehr.“
Er mußte ihr ja nicht erzählen, daß Toji und Kensuke sich wegen des starken Erdbeergeruches fast totgelacht hatten, als sie seine ´Kriegsverletzungen´ begutachtet hatten.
„Wo wollen wir hingehen?“

Sie blinzelte.
Wieder etwas, worüber sie nicht nachgedacht hatte.
„Ich soll mich um drei Uhr zur Nachuntersuchung bei Doktor Akagi melden.“

„Dann haben wir noch fast zwei Stunden. Uhm, wir könnten einfach... ahm... spazierengehen.“

Spazierengehen...
Rasch holte sie ihr Notizbuch hervor, blätterte in den zuletzt beschriebenen Seiten herum.
Spazierengehen... Hikari hatte doch etwas dazu gesagt... in Verbindung mit Händchenhalten und Romantik... ersteres hatte sie noch verstanden, was sich hinter dem Begriff Romantik aller-ding verbarg, entzog sich ihr völlig.
„Gut, einverstanden.“
Sie steckte das Büchlein wieder weg, welches Shinji-kun neugierig beäugt hatte. Doch selbst wenn es ihm gelungen wäre, einen Blick in das Buch zu werfen, hätte er mit ziemlicher Sicher-heit ihre Kurzschrift nicht entziffern können.

Shinji deutete auf die andere Straßenseite.
„Laß uns da lang gehen, dann kommen wir in einem großen Bogen zur Bahnstation zurück.“

Sie nickte, den vorgeschlagenen Weg in Gedanken nachvollziehend.

Auf der anderen Seite befanden sich mehrere Geschäfte, die meisten standen allerdings leer, nach den Engelangriffen vor drei Wochen hatte eine ganze Reihe von Zivilpersonen die Fe-stungsstadt wieder verlassen, wie Rei bekannt war, es gehörte zu jener Art von Wissen, wel-ches man beiläufig aufnahm, ohne ihm größere Bedeutung beizumessen.
Shinji-kun achtete zwar darauf, an ihrer Seite zu bleiben, machte aber keine Anstalten, ihre Hand zu nehmen, oder ihr seinen Arm zum Einhaken anzubieten, was laut Hikari auch eine Möglichkeit war, wenn Freunde zusammen spazieren gingen - Freunde der zweiten Art wohl-gemerkt, obwohl es sie auch nicht gewundert hätte, wären ihnen die Mitschüler Suzuhara und Aida Arm in Arm über den Weg gelaufen, schließlich hockten die beiden ständig zusammen. Oder wartete Shinji-kun darauf, daß sie die Initiative ergriff? Initiative... sie war es gewohnt, Befehle auszuführen, da war keine Initiative gefragt...

Shinji verharrte vor dem Schaufenster eines Geschäftes, welches unter anderem Sportartikel führte. Ein großes Schild verkündete, daß bis zum Monatsende ein Räumungsverkauf wegen Geschäftsaufgabe stattfand.
Er seufzte. In den letzten Tagen hatte er öfter vor diesem Schaufenster gestanden. Sein Inte-resse galt allein einem Fahrrad, welches im Preis extrem herabgesetzt war. Es sah so aus wie jenes, daß er damals im Straßengraben gefunden hatte, nur war es größer, eben genau seine Größe. Ob er Misato fragen sollte, ob sie ihm das Geld gab? Sie hatte vor ein paar Tagen fast schuldbewußt erklärt, daß er natürlich Taschengeld bekommen würde, allerdings hätte die Ver-waltung von NERV bisher bei ihrem Gehalt nicht berücksichtigt, daß ihr die Vormundschaft für ihn übertragen worden war, weshalb seine Bezüge als Pilot auch nicht auf ihr Konto ver-bucht worden waren, sondern irgendwo quasi als Aktenleichen herumlagen. Falls er irgendet-was kaufen wollte, konnte er dazu zwar mit Misatos Erlaubnis ans Haushaltsgeld gehen, aller-dings hatte sie wahrscheinlich eher an ein Comic-Heft oder ähnliches dabei gedacht, als an ein Fahrrad, auch wenn der Preis erneut gesenkt worden war. Und sein Geburtstag rückte auch nä-her, nur schien das Misato nicht bekannt zu sein, jedenfalls hatte sie das bisher nicht angespro-chen und ihm selbst war es irgendwie unangenehm, so ein Thema anzuschneiden, er wollte nicht klingen, als fordere er etwas...

Rei beobachtete Shinji-kuns Verhalten, sah, wie seine Schultern langsam nach vorn sanken.
Was mochte ihn bekümmern?
Das Geschäft, vor dem sie standen, würde Ende des nächsten Woche schließen, wieder ein Händler, der sich entschlossen hatte, die Stadt zu verlassen.
Welchem Objekt in der Auslage galt Shinji-kuns Interesse? Er schien direkt auf einen Fahrrad-bausatz zu blicken.
„Was siehst du?“

„Ich... ah... nichts.“

Sie antwortete nicht, war es inzwischen von ihm gewohnt, daß er bei manchen Dingen aus-wich.

„Laß... laß uns weitergehen.“

Rei nickte.
Wieder gingen sie nebeneinander, ohne ein Wort zu wechseln.
Was war der Nutzen, wenn sie tatenlos durch die Straßen gingen? Das war doch eigentlich nur Zeitverschwendung... andererseits konnte sie sich auch nicht dazu durchringen, sich vorzeitig von ihm zu verabschieden und zum Hauptquartier zu gehen.

„Rei... wir hatten vorhin über die EVAs gesprochen... und über diese... Dunkelheit...“

Sie nickte nur.
Die Fakten waren ihr bekannt.
Dann verstand sie, er wollte ein Gespräch beginnen, indem er an die Unterhaltung vom Vor-mittag anknüpfte.
„Ja. Und du warst gerade dabei, mir zu erklären, weshalb du rot geworden bist, Shinji-kun.“

„Uhm... ah... das... äh...“

„Es ist gut. Ich habe nicht den Wunsch, dich in Verlegenheit zu bringen.“

„Nicht? Äh, ja... also Rei... es ist, weil... hm... ich meine, uh... ich glaube, die Antwort könnte... ähm, sie könnte dich in Verlegenheit bringen, und...“

„Du reagierst verlegen, weil du befürchtest, mich in Verlegenheit bringen zu können?“
Der nähere Gehalt seiner Aussage entzog sich ihr. Gut, seinen Worten war zu entnehmen, daß er ihretwegen so reagierte, aber warum glaubte er, sie in Verlegenheit bringen zu können?

„Ja... uhm... ja, genau.“

„Warum glaubst du, mich in Verlegenheit zu bringen?“
Er war nicht mehr an ihrer Seite, war abrupt stehengeblieben.
Sie kehrte um, blieb vor ihm stehen.
„Wie meinst du das?“

„Können wir... können wir ein andermal darüber sprechen?“
Shinji blickte Rei flehend an.
Er konnte ihr doch nicht auf offener Straße sagen, daß sie hübsch war! Dazu kannte er sie gar nicht lange genug! Vielleicht trat er ihr damit zu nahe, vielleicht würde sie es falsch auffassen... Außerdem ging das alles viel zu schnell... auch wenn ihm jedesmal ein wohliger Schauder den Rücken herablief, wenn sie ihn ´Shinji-kun´ nannte. Misato nannte ihn auch so, doch bei Rei war es irgendwie anders...

„Wie du wünschst.“

„Ja... äh...“
Worüber hatte er mit ihr reden wollen - ach ja, die böse Ausstrahlung, die von den EVAs aus-ging, wenn sie in Kampfhandlungen verwickelt wurden... die Dunkelheit, so beängstigend sie auch war, dieses Thema war um einiges sicherer als manche andere...
„Du hattest mir etwas über das Betriebssystem der EVAs erzählt... wie... uhm... wie kann von einem Computer ein solcher Haß ausgehen?“

„Nicht von dem Computer selbst, von der Grundprogrammierung. Die EVAs sollten ursprüng-lich mit künstlicher Intelligenz ausgestattet werden, so daß sie imstande waren, begrenzt eigen-ständig zu handeln... sie sollten über Reflexe verfügen.“

„Reflexe?“

„Ja, etwas, das ein Roboter nicht besitzt. Ein Roboter agiert stur nach seinem Programm, die künstliche Intelligenz sollte für eine gewisse Flexibilität sorgen.“

„Ja. Das... hm... das kann ich nachvollziehen.“

„Für die Grundprogrammierung der KI wurde ein menschliches Persönlichkeitsmuster verwen-det, welches von Doktor Naoko Akagi im Rahmen ihrer Forschungstätigkeit digitalisiert wor-den war.“

„Die... die EVAs denken also wie Menschen?“ stieß Shinji überrascht hervor.

„Nein, Shinji-kun. Die künstliche Intelligenz wurde nie aktiviert, weil sie sich während der Testläufe als zu instabil herausgestellt hat. Möglicherweise beeinflußt sie aber dennoch die künstlichen Gehirne der EVAs.“

„Weißt du... weißt du, wessen... uhm... Persönlichkeit benutzt wurde?“

„Das ist mir nicht bekannt.“

„Ich glaube... uhm... ich glaube, daß sie immer dann... erwacht, wenn der EVA beschädigt wird.“

„Wenn das Schmerzzentrum angesprochen wird... das ist möglich. Es würde der Programmie-rung entsprechen, in einer solchen Lage aktiv zu werden.“

„Du weißt eine ganze Menge über die EVAs.“

„Ja.“

„Uhm, du bist ja auch schon sehr lange bei NERV, oder? Misato meinte, daß man dich schon sehr lange zur Pilotin ausgebildet hätte...“

„Das ist... korrekt.“
Sie hätte ihn korrigieren können, hätte ihm mehr über sich erzählen können, doch dann hätte er die Wahrheit über sie erfahren, etwas, wovor sie plötzlich Angst bekam...
Sie wollte ihn nicht verlieren...

„Und was... kann man tun? Ich meine, könnte man vielleicht... uhm... die Festplatte des Steuer-computers neu formatieren? Soetwas müßte doch gehen, oder?“

„Das entzieht sich meiner Kenntnis. Ich glaube nicht, daß es möglich ist.“

„Dann... dann können wir gar nichts tun?“

„Doch. Darauf achten, daß die EVAs nicht beschädigt werden.“

„Das...“
Rei mußte scherzen - darauf achten, daß die EVAs nicht beschädigt wurden, natürlich, nichts einfacher als das... und wer sollte das den Engeln sagen?
Er runzelte die Stirn.
Nein, Rei machte keine Scherze, er wußte nicht einmal, ob sie Humor besaß. Ihre Antwort ba-sierte ganz einfach auf dem Grund, daß sie auch keine andere Möglichkeit sah...
„Rei... ich möchte dich um etwas bitten...“

„Was?“

„Das, was du heute nacht getan hast... als du EVA-00 benutzt hast, um den Angriff des Engels von mir abzuwehren... bitte, mach das nie wieder.“

Wie meinte Shinji-kun das? Legte er keinen Wert darauf, daß sie ihn beschützte? Glaubte er, ohne sie auszukommen?
Plötzlich ergriff er ihre Oberarme, hielt sie fest, sah ihr in die Augen.

„Bring dich nie wieder in so eine Gefahr... nicht wegen mir!“

Jetzt verstand sie... er sorgte sich um sie...
Nicht wegen ihm...
„Wegen wem denn sonst?“ fragte sie leise.

Shinji ließ Rei los, sah sie nur an, unfähig, etwas zu sagen.

„Doktor Akagi erwartet mich. Unser Tag zusammen war... schön.“
Damit wandte sie sich ab und eilte zur Bahnstation.

*** NGE ***


Ritsuko Akagi streifte ihre Handschuhe ab.
„Du kannst dich anziehen, Rei, ich kann nichts feststellen.“ es klang beinahe, als bedauerte sie dies.

Schweigend schlüpfte Rei in ihre Sachen.

„Die Schäden an Einheit-00 werden mich die nächsten Wochen beschäftigen“, fuhr Akagi fort. Schließlich mußte sie die Pilotin des EVAs den Vorschriften gemäß über den Zustand des EVAs in Kenntnis setzen, einen Zustand, den Gendos Puppe selbst zu verantworten hatte. Gendos Vorschriften... Gendos Puppe... sie haßte da Mädchen nicht, aber in ihren Augen war es auch kein Mensch, eher eine Maschine, ein gefühlsloses Ding. - Und Rei war Gendos Lieb-ling, für ihn schien sie sehr wichtig zu sein, wichtig genug, daß er sich in Gedanken sogar mit ihr zu beschäftigen schien, wenn er bei ihr, Ritsuko Akagi, war und sich wie ein Automat holte, was ihm seiner Ansicht nach zustand. Akagi hätte es sich nie eingestanden, doch sie fürchtete den Tag, an dem Rei alt genug war, um dem Kommandanten nicht nur als Protegé, sondern als Frau ins Auge zu fallen - ab diesem Tage würde sie selbst abgemeldet sein... Und dieser Zeit-punkt war nicht mehr allzu fern.
„Die Brustpanzerung muß ausgewechselt und das Gewebe darunter regeneriert werden. Außerdem hat es eine Reihe von Kurzschlüssen im Computersystem gegeben.“

Rei nickte, schloß den obersten Knopf ihrer Bluse.
„Doktor Akagi, ist es möglich, das System neueinzurichten?“

„Schon... aber der Aufwand wäre nicht verhältnismäßig. Die Biokomponenten im Schädel müßten ausgetauscht werden... warum fragst du?“

„Es...“
Rei zögerte. Die Stimme des Doktors drückte Unwillen aus. Sie schien sie so schnell wie mög-lich loswerden zu wollen.
„Es war nur eine Frage.“

Ritsuko runzelte die Stirn.
Normalerweise stellte Gendos Puppe keine solchen Fragen... normalerweise stellte sie über-haupt keine Fragen.
„Du solltest besser hoffen, daß EVA-00 innerhalb der nächsten acht Wochen nicht benötigt wird, solange dauert es nämlich, die Einheit wieder flott zu machen. Ich mußte extra einige Komponenten von der deutschen Zweigstelle anfordern.“

„Es tut mir leid.“

Ritsuko zuckte zusammen.
Hatte Gendos Puppe tatsächlich gerade gesagt, es täte ihr leid? Das Mädchen hatte noch nie etwas derartiges gesagt...
„Ich plane daher verschiedene Kreuztests, um das System von EVA-01 gegebenenfalls so schnell wie möglich auf dich umschreiben zu können, falls es wieder Schwierigkeiten mit Shinji gibt.“

„Es wird keine Schwierigkeiten mit Shinji-kun geben.“

Shinji-kun... So...
„Rei, gibt es etwas, über das du mit mir reden möchtest?“

„Nein, Doktor Akagi.“

„Das... Gut, du kannst gehen.“
Irgendetwas war anders...

„Ja.“
Rei trat an die Tür, verharrte dort, den Blick auf etwas gerichtet, das in dem Regal neben der Tür lag - ein Paar dunkelblauer Handschuhe, die zu einer PlugSuit gehörten.
Zögernd streckte die Hand aus, nahm die Handschuhe auf. Das Material war an der Handfläche starker Hitze ausgesetzt gewesen.
„Sind das Shinji-kuns?“

Akagi zuckte zusammen.
Gendos Puppe war ja immer noch da... und sie hatte die PlugSuit-Handelemente in der Hand, welche sie im Inneren des EntryPlugs von EVA-00 gefunden hatten.
„Das stimmt, es sind Shinjis, die Schäden am Material passen zu seinen Handverletzungen.“

Rei betrachtete wieder die Handschuhe, versuchte, von den Schäden auf Shinji-kuns Verletzun-gen zu schließen.
„Sind Shinji-kuns Verletzungen schwer?“

Das Mädchen interessierte doch sonst nicht für andere... das wurde ja immer interessanter...
„Der Stoff hat das meiste abgehalten, den Rest erledigt meine regenerative LCL-Mischung.“

„Erdbeere...“ murmelte Rei.

„Ah, ja... Willst du die Handschuhe als Andenken behalten? Ich schätze, es ist passiert, als er die Einstiegsluke geöffnet hat... muß verdammt wehgetan haben.“

Daher also rührten Shinji-kuns Verletzungen... sie hatte ihn nicht nach der Herkunft gefragt, hatte nur die Bandagen zur Kenntnis genommen... hätte sie ihn fragen müssen, wo er sich die Verletzungen zugezogen hatte? Hätte ein Freund so gehandelt?
Wieder war er wegen ihr zu Schaden gekommen, wenn sie ihn dazu gebracht hätte, den EVA zu steuern... Das Handrad, es war nicht einfach zu drehen, benötigte viel Kraft... Shinji-kun... weshalb hatte er das getan? Nicht, weil jemand ihn dazu gezwungen hatte... Also hatte er es... ihretwegen getan...
„Ja.“
Sie steckte die Handschuhe in die Tasche.
Ein Andenken...

Akagi sah sie überrascht an.
Hatte sich das ´Ja´ von Gendos Puppe auf die Handschuhe oder Shinjis Verletzungen bezogen? Das Mädchen verhielt sich wirklich anders.
„Rei, was... hm, was denkst du von Shinji?“

„Wir sind Freunde.“

„Ah... ja...“
Freunde... Soweit es Akagi bekannt war, war derartiges nicht vorgesehen, entsprechend ihre genetischen Struktur und der Konditionierung, welcher Gendo sie unterzogen hatte, hätte Rei außerstande sein müssen, irgendwelche Gefühle zu entwickeln... zum Beispiel ausreichend Sympathie für jemand anders, um diesen als Freund bezeichnen zu können...
Gendos Puppe hatte also begonnen, eigenständig zu denken... interessant... Das stellte Gendos Kontrolle über sie in Frage - unzweifelhaft würde er innerlich toben, wenn er e erfuhr... und dann würde er einen neuen Klon aktivieren und den jetzigen aus dem Weg schaffen, dabei er hatte er soviel Mühe investiert, daß Rei nur ihm allein vertraute... nein, sie würde es ihm nicht verraten, würde ihm nicht sagen, daß seine Puppe dabei war, ihre Fäden zu kappen, jedenfalls nicht vor der nächsten routinemäßigen Übertragung von Reis Erfahrungswerten auf das Dum-myPlug-System, dann würde eine Beseitigung von Rei keinen Sinn mehr machen, weil die Er-innerungen von Gefühlen verseucht sein würden...

„Haben Sie noch weitere Fragen?“

„Nein, geh nur... das heißt, sei in zwei Stunden im Testcenter, ich möchte einen Synch-Test si-mulieren.“

„Ja. Ich werde pünktlich sein.“
Ein simulierter Synch-Test lief allein über die MAGI-Rechner, sie würde mit dem EVA-Be-wußtsein nicht in Kontakt kommen, etwas daß sie sehr beruhigte.

Rei verließ Ritsukos Labor. Ohne daß sie es wußte, hatte sie in der Wissenschaftlerin eine Art Verbündete gefunden...

*** NGE ***


Reis Wohnung war immer noch düster und chaotisch, als sie sie betrat, dabei registrierte, daß ihre Anfrage beim NERV-Quartiermeister, ob jemand das Türschloß richten könnte, offen-sichtlich noch nicht ausgeführt worden war.
Aber das war nicht besorgniserregend, sie hatte nichts von Wert in ihrem Apartment, außerdem hielten sich laut Aussage des Kommandanten stets wenigstens zwei Agenten des internen Si-cherheitsdienstes unter dem Kommando Leutnant Ishirens im Haus auf.
Sie hatte keine Schätze... nein, das stimmte nicht ganz, doch das, was sie als wertvoll ansah, war in den Augen anderer nur eine zerbrochene Brille.
Sie trat an das Schränkchen neben dem Bett, öffnete die Jalousie ein Stück, damit etwas Licht in die Wohnung fiel.
Zum ersten Mal fiel ihr auf, wie schmutzig die Fensterscheibe war, obwohl draußen noch heller Tag war, drang kaum Licht hindurch. Aber das war egal. Ihre Wohnung bedeutete ihr nichts, e war der Ort, den man ihr zugewiesen hatte, ebenso wie man ihr befohlen hatte, die Schule zu besuchen. Es war egal, daß die Heizung ebenso wenig wie die Deckenbeleuchtung im Hauptraum funktionierte, ebenso daß es kein warmes Wasser gab und die Toilettenspülung je-desmal undefinierbare Laute machte, wenn man sie betätigte. Ihre besondere Physiognomie verhinderte Erkältungen und sorgte dafür, daß sie grippale Erkrankungen binnen weniger Stun-den auskurierte.
Rei zog die oberste Schublade des Schränkchens auf, wo sie ihre Socken aufbewahrte, neun Paare, das zehnte trug sie zur Zeit. Es war noch ausreichend Platz...
Zögernd nahm sie das Brillenetui und legte es in die Schublade.
War es richtig, ihren Schatz derart fortzulegen? Aber dort drinnen war die Brille des Komman-danten davor geschützt, herunterzufallen und weitere Schäden zu erleiden...
Mit einer entschlossenen Geste schob sie die Lade wieder zu.
Auf der Oberseite des Schränkchens war ein heller Flecken in der ansonsten ungestörten Staubschicht, der einzige Hinweis auf das Etui, welches dort seit Wochen gelegen hatte.
Sie holte die Handschuhe aus der Tasche, wollte sie auf den Schrank legen, zögerte, wischte dann mit dem Unterarm über die Fläche, bevor sie die Handschuhe mit beinahe feierlicher Langsamkeit auf dem Schränkchen plazierte.
Der Kommandant hatte sie ebenso wie Shinji-kun aus dem EntryPlug geholt, doch für ihn war sie nur ein Werkzeug in seinen Plänen, so wie jeder andere auch... doch Shinji-kun... Shinji-kun war ihr Freund...
Rei trat einen Schritt zurück, betrachtete das Paar Handschuhe einen Moment lang.
Es würde sie daran erinnern, daß jemand bereit gewesen war, für sie Schmerzen zu erleiden, je-mand, mehr in ihr sah, als nur die Pilotin von EVA-00, ein Freund...
Dann verließ sie das Apartment wieder, kehrte ins Hauptquartier zurück.

*** NGE ***


Ritsuko Akagi hockte in der patentierten Ikari-Haltung an ihrem Terminal und betrachtete die Bildübertragung aus dem EntryPlug der Testanlage über den Grat ihrer gefalteten Hände hin-weg.
Schon nach kurzer Zeit begann ihr Rücken zu schmerzen. Wie hielt Gendo das nur stundenlang aus? Vielleicht würde sie ihn fragen, wenn er heute abend nach Tokio-3 zurückkehrte, wie Fu-yutsuki hatte verlauten lassen. Weiß der Geier, wo Gendo gewesen war, was wichtiger gewe-sen war, als der Engel, der sich fast bis in die Geofront hindurchgebohrt hatte... Feigheit war es nicht gewesen, dazu glaubte sie ihn ausreichend zu kennen. Gendo Ikari wäre imstande gewe-sen, den Engel durch die getönten Gläser seiner Brille mit seinem eiskalten unbarmherzigen Blick anzusehen und ihm zu erklären, welche Enttäuschung er für ihn war... und wahrscheinlich hätte er damit sogar Erfolg gehabt und den Engel zu einer Selbstzerstörung aufgrund von De-pressionen verleitet... Gendo hatte eine solche Wirkung auf Leute...
Reis Gesicht erschien ihr nicht mehr puppenhaft starr wie noch vor einigen Tagen, die Haut war immer noch blaß, schien aber leichte Farbe im Vergleich zum letzten Mal erhalten zu ha-ben, ebenso wie ihr Mund keine exakt gerade Linie mehr zu formen schien... oder bildete sie sich das nur ein? Suchte sie nach Anzeichen dafür, daß Rei mehr war, als sie bisher den Ein-druck vermittelt hatte?

Die MAGI begannen mit der Auswertung des Tests.

Ritsuko streckte sich, stöhnte auf, als sie die Verspannung bemerkte, die sich in ihrer Schulter-partie ausgedehnt hatte.

„Kaffee?“ fragte Misato von der Seite.

„Ja, bitte - Moment, den hast doch nicht du gekocht, oder?“
Wenn Katsuragi etwas zusammenkochte, schmeckte das in der Regel am Ende immer irgend-wie nach Bier...

„Nein, das war Maya.“ erwiderte Misato und stellte eine der beiden Tassen, die sie trug, vor Ritsuko ab. Maya Ibuki kochte ganz passablen Kaffee, das fand Misato jedenfalls, auch wenn sie nicht verstehen konnte, was an ihrem eigenen Gebräu auszusetzen war, immerhin kochte sie ihren Kaffee nicht so stark, daß der Löffel steckenblieb oder sich gar in der tiefschwarzen Brü-he auflöste, wie es Ritsuko einmal passiert war, damals auf der Uni, als sie zusammengewohnt hatten... das waren Zeiten gewesen... Ritsuko, sie und Kaji...
Unwillkürlich verdüsterte sich ihr Gesicht.
Kaji... welchem Rock er wohl gerade hinterherlief?

„Gott, Maya ist die beste Assistentin, die ich je hatte, mit den MAGI kommt sie schon jetzt fast besser klar als ich selbst.“

„Makoto Hyuga von der Brückencrew scheint ein Auge auf sie geworfen zu haben.“

„Ach? Hm, vielleicht sollte ich ihr am Wochenende freigeben, sie läuft sonst wieder nur ständig hier herum und sucht nach Arbeit.“

„Ritsuko, Ritsuko, in dir steckt ja doch ein Mensch... Vielleicht könnte ich den Dienstplan der Brückencrew etwas überarbeiten...“

„Du alte Kupplerin!“

„Nimm das ´alt´ zurück, Ritsuko!“ lachte Misato.

„Hm, da kommen die Testergebnisse... Donnerwetter...“

„Was? Ist Reis Synchratio gefallen? Wenn man bedenkt, daß sie in den letzten achtundvierzig Stunden kaum geschlafen hat...“

„Nein, nein, heb dir die Entschuldigung für ein andermal auf - ihr Synch-Wert ist um null kom-ma zwei Punkte gestiegen, sie liegt momentan einen ganzen Punkt über ihrem Standardwert.“

„Das ist gut, oder?“

„Ja. Ein Synch-Wert von 25,0 ist nötig, um mit dem EVA überhaupt in Kontakt treten zu kön-nen. Ein Ratio von 30,0 bedeutet, daß einfache Handlungen möglich sind. Shinjis Ratio liegt im Moment genau bei 61, Rei befindet sich bei 42,7.“

„Und was passiert bei 100?“

„Völlige Verschmelzung von EVA und Pilot, keine Verzögerung mehr, weil die Gedankenbe-fehle erst übersetzt werden müßten, totale Koordination von Mensch und Maschine - aber ein solcher Wert wurde erst zweimal erreicht und einmal sogar überschritten, in beiden Fällen mit tödlichem Ausgang für den Piloten.“

„Oh... das höre ich zum ersten Mal.“

„Das ist während der ersten Testphasen des Synchron-Systems geschehen... vor meiner Zeit bei NERV. Deshalb ist ein Synchratio von 98,5 auch der Maximalwert, dann schreiten mehrere Sicherheitsschaltungen ein, und drosseln die Synch-Verbindung auf Seiten des EVAs.“

„Ach herje, dann sind die Dinger ja gefährlich für die Piloten!“

„Nicht gefährlicher als eine Maschine, die sich überhitzt, wenn sie nicht beaufsichtigt wird.“

„Uhm... Also... weshalb ich eigentlich zu dir gekommen bin - Shinji hat in zwei Wochen Ge-burtstag und ich wollte nur abklären, daß du ihn an dem Tag nicht für irgendwelche Tests be-nötigst. - Ich hatte mir überlegt, eine kleine Überraschungsparty zu veranstalten.“

„Moment, ich mache mir eine Notiz... Gut, dann kann ich mich den ganzen Tag mit EVA-00 beschäftigen. Rei möchtest du doch sicher auch freigestellt haben, oder?“

„Rei? Wieso?“

Ritsuko blickte Misato mit hochgezogenen Augenbrauen an.
„Laut ihrer Aussage sind sie und Shinji Freunde, vielleicht solltest du sie auf die Gästeliste se-tzen?“

„Wirklich? Stimmt, das hat er mir heute nacht auf der Heimfahrt erzählt... aber Freund und Freund sind zweierlei Schuhe, wenigstens... Hm, danke für den Hinweis jedenfalls... Ob Shinji wirklich schon eine kleine Freundin hat?“

„Oh, Misato, frag mich nicht, ja? Ich möchte in solche Dinge nicht hineingezogen werden. Die beiden scheinen miteinander klarzukommen und es wirkt sich anscheinend positiv auf Rei Synchratio aus, das ist alles, was mich interessiert. Und solange Shinjis Synch-Werte nicht fal-len, werde ich mich auch nicht weiter äußern.“

„Aber vielleicht macht Kommandant Ikari Probleme, ich bin zwar noch nicht so lange bei NERV wie du, aber ich weiß auch, wie er sich immer um sie hat, als wäre sie sein Kind und nicht Shinji.“

„Wirf mal bei Gelegenheit einen Blick in Reis Apartment - wenn es soetwas geben würde, dann wäre im Lexikon unter dem Eintrag ´Rabenvater´ Gendo Ikari Bild.“

„Wirklich?“

„Der einzige Mensch, der ihm wichtig ist, ist er selbst... alle anderen manipuliert er, wie es ihm paßt.“

„Das klang bitter.“

„Tja...“ Akagi öffnete die Sprechverbindung zum EntryPlug. „Rei, du kannst den Plug verlas-sen, wir sind fertig. Dein Wert ist wieder gestiegen - du bist jetzt bei 42,7.“

„Das ist... erfreulich...“

Ritsuko schaltete den Ton wieder ab.
„Siehst du, was ich meine?“

„Nicht ganz. Das Mädchen klingt manchmal wie ein Roboter.“

„Früher hätte sie höchstens genickt, viel wahrscheinlicher sogar nur starr geradeaus geblickt, als hätte sie es gar nicht zur Kenntnis genommen. Es ist, als... hm... al hätte sie ein Update be-kommen.“

„Wie ein Computer? Ritsuko, du solltest öfters ´rausgehen, du verbringst viel zuviel Zeit in die-sen Labors und Werkstätten.“

„Dafür werde ich auch bezahlt... Ah, komm mal mit, ich will dir ´was zeigen...“

Misato trottete hinter Ritsuko her. Sie verließen das dem Hangar angegliederte Test-Areal und wechselten in den Trakt mit den Labors und Werkstätten über, welche ebenso wie die Kran-kenstation und die Hangar-Sektion Akagi unterstanden.

„Hier...“
Ritsuko öffnete mit ihrer Paßkarte die Tür zu einer Werkstatt und machte Licht im dahinterlie-genden Raum.
Auf einem großen Tisch lag ein Gewehr.

„Und? Ein Gewehr, doppelläufig, Laserzielerfassung...“

„Nicht irgendein Gewehr.“
Akagi nahm die Waffe an sich.

„He, paß auf, wohin du damit zielst!“

„Es ist nicht geladen. Das hier ist einer der Prototypen des von den EVAs benutzten Positro-nengewehres. Der zweite Lauf war für richtige Geschosse gedacht statt für Energieladungen, aber Kugeln in der entsprechenden Größe wären nicht machbar gewesen.“

„Ja, toll. Und?“

„Wir haben zuerst ein funktionierendes Gewehr in normalen Maßstäben konstruiert, bevor wir die gleichen Prinzipien im EVA-Format angewandt haben - aber das Teil hier funktioniert.“

„Nur dürfte es bei den Engel nicht mehr bewirken als ein Mückenstich – lästig, aber unbedeu-tend.“

„Korrekt, solange wir mit solchen Riesen zu tun haben. Allerdings könnten wir es auch mit En-geln zu tun bekommen, die sich an Orten bewegen können, an welche ihnen die EVAs nicht folgen können.“

„Wie meinst du das jetzt?“

„Die MAGI glauben, in den bisherigen Angriffen ein Schema entdeckt zu haben.“

„Sie glauben? Das sind Computer!“

„Aber mit einer organischen Komponente. Außerdem sind es drei Einheiten - und wenn sie bei einer Aussage nicht zu 100% übereinstimmen, kann man durchaus sagen, daß sie glauben, die-se Aussage könnte zutreffen.“

„Äh, ja... okay, okay, ich will gar nicht mit dir diskutieren, auf solchen Gebieten bist du ohne-hin jederzeit in der Lage, mich mit Fremdwörtern zu erschlagen. Also, was... glauben... deine MAGI?“

„Die Engel scheinen zu lernen. Der erste war physisch sehr stark, doch sein Herz war quasi ungeschützt. Der zweite hingegen schützte sein Herz durch seine Haltung, ferner lag e unter einer Art Panzerung, die Shinji nur mit dem PROGESSIVE-Messer durchdringen konnte.“

„Ja, verstehe...“

„Und der dritte ließ niemanden an sich heran. Die Oberfläche war rundherum gepanzert, dazu kam eine nahezu perfekte Verteidigung.“

„Hm, ja... Wir konnten ihn nur aus der Entfernung knacken. Wie eine Evolution der Abwehr-mechanismen Erlaubt das schon Rückschlüsse auf den nächsten Gegner?“

„Leider nicht. Wir wissen nicht, wozu die Engel insgesamt fähig sind, wo die Grenzen ihres Potentials liegen. Der nächste könnte ganz aus Energie bestehen, so daß die EVAs ihn nicht greifen können, oder es ist eine stark gepanzerte Schildkröte, die sich langsam bis in die Geo-front durchgräbt...“

„Oder ein menschengroßer Engel, der seelenruhig in die Geofront spaziert...“

„Genau. Und für diesen Fall haben wir das hier.“
Akagi klopfte auf den Abzug des Gewehrs.
Es ging los...
Begleitet von einem tiefen Summen löste sich ein tiefroter Energiestrahl, schlug in die Wand ein, hinterließ ein kreisrundes Loch von einem Meter Durchmesser.
„Ups...“

Misato schluckte.
„Ja, das kannst du laut sagen... ups...“
Sie trat an das Loch, blickte hindurch. Das Strahl hatte nicht nur diese, sondern auch die fünf nächsten Wände durchschlagen, glücklicherweise war die benachbarte Werkstatt leer und die danebengelegenen sanitären Einrichtungen gerade unbenutzt gewesen.
„Pack es bitte wieder auf den Tisch.“

„Ja, ja... Dabei war ich mir sicher, daß es nicht geladen war...“

*** NGE ***


Misato wartete vor dem Umkleideraum.
Der Schreck steckte ihr immer noch in den Knochen, Ritsuko hätte genausogut sie treffen kön-nen... ob sie dann auch ´ups´ gesagt hätte? Jedenfalls hatte sie ihr ersteinmal gezeigt, wo die Waffe gegen derartige Unfälle gesichert werden konnte, im Gegensatz zu ihr hatte Ritsuko we-der Waffenschein noch besondere Übung mit Schußwaffen, aber sie war ja auch Wissenschaft-lerin und nicht taktischer Offizier... trotzdem sollte eigentlich jeder wissen, daß man nicht ein-fach mit irgendwelchen Waffen herumfuchtelte... aber wenigstens war das Gewehr nicht explo-diert, im Gegensatz zu anderen Experimenten während ihrer gemeinsamen Studienzeit. Misato erinnerte sich nur an die Sache mit dem Mixer, den Ritsuko meinte, repariert zu haben... Erneut lief ihr ein kalter Schauder über den Rücken. Akagi hatte etwas von einem verrückten Wissenschaftler, genial, aber verrückt...

Rei verließ die Umkleidekabine.
Ihr haftete immer noch der Geruch des LCLs an, da konnte es auch nicht helfen, so oft und so lange zu duschen wie man wollte, der Geruch setzte sich in der Haut fest, schien sich regel-recht hineinzufressen. Was man loswerden konnte, war das Aroma, mit welchem Doktor Akagi das LCL-Gemisch versetzte, damit der Grundgeschmack übertüncht wurde, aber nicht den Grundgeruch selbst, den Geruch von Blut... das Blut LILITHs, des Engels, der im Terminal-Dogma gefangen war...
Wenigstens trockneten ihre Haare schnell...
Der Captain wartete auf dem Gang auf sie.
Hatte sie etwas falsch gemacht? Stand eine kurzfristig angesetzte Besprechung an? Wollte der Kommandant sie sprechen? Oder war etwas mit Shinji-kun?
„Captain Katsuragi?“

Misato lächelte freundlich.
„Rei, ist dir bekannt, daß Shinji in zwei Wochen Geburtstag hat?“

„Ja.“
Ebenso wie ihr seine Größe, sein Gewicht, sowie seine Schuh- und Kleidergröße bekannt wa-ren, schließlich hatte sie sich seine Akte angesehen, nachdem sie erfahren hatte, daß der Sohn des Kommandanten nach Tokio-3 kommen würde.
Warum wollte der Captain wissen, ob es ihr bekannt war, daß Shinji-kun in Bälde Geburtstag hatte? Aus der Frage ging hervor, daß Captain Katsuragi das Datum bekannt war. Oder sollte es sich eher um eine rhetorische Frage handeln, eines dieser Konzepte der Sprache, die sie noch nicht wirklich verstand - warum stellten Menschen Fragen, wenn sie gar keine Antwort erwarteten?

„Ähm, ja, gut...“
Misato fragte sich, ob es wirklich ein so guter Einfall war, sich an Rei wenden zu wollen...
„Also, ich überlege, ihm eine Überraschungsparty zu geben.“

„Überraschungsparty.“ wiederholte Rei.
Das Wort beinhaltete, daß sie die Information Shinji-kun gegenüber geheimhalten sollte.

„Genau. Und da ihr beide befreundet seid, dachte ich, du könntest mir vielleicht etwas helfen.“

Der Captain wußte, daß sie befreundet waren... sie selbst hatte es ihr nicht mitgeteilt, also mußte sie es von Shinji-kun erfahren haben. Und das bedeutete, daß Shinji-kun zu ihrer Freundschaft stand...
Sie verspürte ein angenehm warmes Gefühl in der Bauchgegend, welches definitiv nicht auf eine Erkrankung hinwies.
Wenn diese Überraschungsparty für Shinji-kun war, bedeutete die Anfrage des Captains, daß sie letztendlich etwas für Shinji-kun tat.
„Wie kann ich Ihnen helfen, Captain Katsuragi?“

„Zunächst einmal wüßte ich gern, welche von Shinjis Mitschülern ebenfalls zu seinen Freunden zählen - ich bin da etwas im Hintertreffen.“

Rei überlegte.
Der Captain konnte nicht meinen, mit wem Shinji-kun noch so befreundet war wie mit ihr. Sonst gab es niemanden, der mit ihm teilte, was sie mit ihm teilte, sie waren beide EVA-Piloten... sie wußten beide um die Dunkelheit... und sie hatten beide füreinander Schmerzen erlitten.
Also konnte es nur um Freunde der anderen Art gehen.
„Mitschüler Suzuhara und Aida.“

„Ja, von den beiden hat er mit schon erzählt. Sonst noch jemand?“

„Nein.“

„Nur die beiden? - Na gut, wir haben ohnehin nicht soviel Platz.“

Nicht soviel Platz... Dann bedeutete das wohl, daß sie zu dieser Überraschungsparty nicht erscheinen sollte... Schade...

„Und könntest du dir vorstellen, was er sich wünschen könnte?“

Was Shinji-kun sich wünschen könnte... ach ja, Menschen beschenkten sich zu verschiedenen Gelegenheiten, Geburtstage gehörten dazu... sie hatte noch nie etwas geschenkt bekommen... aber andererseits hatte sie auch keinen Geburtstag im Sinne des Wortes, es gab den Tag, an dem ihre erste Existenz begonnen hatte, und es gab den Tag, an dem ihre zweite Existenz, die momentane, angefangen hatte. Dann gab es den Tag, an dem die Klone erstmals Reaktionen gezeigt hatten... alles Daten, die sie aus den Logbüchern des Klontanks kannte.
Also gab es auch keinen Grund, ihr etwas zu schenken...
Aber es ging um Shinji-kun...
Ihr fiel der lange Augenblick ein, den er vor dem Schaufenster gestanden hatte.
Was hatte er sich angesehen?
Sie ging die Artikel im Schaufenster durch, erinnerte sich an die Reflektion in der Scheibe.
„Er hat heute mittag eine Zeit lang seine Aufmerksamkeit einer Schaufensterauslage gewid-met.“

„Ja, und? Was hat er sich angesehen?“

„Einen Fahrradbausatz... glaube ich.“

„Ein Fahrrad?“
Misato runzelte die Stirn.
Da war doch etwas in Shinjis Akte bezüglich eines Fahrrades gewesen... hm...
Natürlich, Shinji war ein Junge, ein Fahrrad gehörte zu den Dingen, die Jungen sich wünschten.
„Welches Geschäft?“

Rei gab bereitwillig Auskunft. Schließlich stand es in Shinji-kuns Interesse.

„Gut, Rei. Vielen Dank, das hat mir sehr weiter geholfen.“

Das Mädchen mit den roten Augen nickte.
„Benötigen Sie weitere Informationen?“

„Im Augenblick nicht. - Falls du an dem Termin noch nichts vorhast - ich denke, Shinji würde sich freuen, wenn du kommen würdest.“

„Ich muß zuerst mit Doktor Akagi sprechen, ob sie Tests für den Tag eingeplant hat.“

„Tu das, aber ich denke, sie hat an dem Tag etwas anderes zu tun.“

Rei blinzelte.
Wie meinte sie das jetzt wieder?
„Ja.“

„Und ansonsten...“
Misato legte den gestreckten Finger an die Lippen.
„... bleibt es unser Geheimnis, okay?“

„Ja.“

*** NGE ***


Kozo Fuyutsuki, stellvertretender Kommandant von NERV, wartete am Rand des Hubschrau-berlandefeldes.
Gerade war eine dunkelgraue Militärmaschine gelandet.
Eine einzelne Person war ausgestiegen, kam jetzt mit weitausholenden Schritten auf Fuyutsuki zu.
Gendo war zurückgekommen...

Der ältere Mann wartete, bis Ikari herangekommen war, sah ihn fragend an.

Der NERV-Kommandant kam geradewegs aus der Region der früheren Antarktis.
„Sie haben endlich die Lanze gefunden...“

4. Zwischenspiel:

Möwen umkreisten einen Felsen, der sich aus dem Wasser erhob, es waren wenigstens zwei Dutzend Vögel.

*Blamm*

Wenigstens zwei Dutzend weniger eins.

*Blamm*

Der nächste Vogel verwandelte sich schlagartig in einen Ball aus blutigen Eingeweiden und Federn und stürzte ins Wasser.

*Blamm*
*Blamm*
*Blamm*
*Blamm*

Vier weitere Vögel stürzten ab, zwei davon mit einem letzten Kreischen, während die anderen Möwen aufgeregt flatternd die Flucht in Richtung der Küste ergriffen.

Asuka Soryu Langley blies den Rauch von der Mündung der Waffe und lud ihren Revolver in aller Seelenruhe nach.
Es handelte sich um einen alten sechsschüssigen Colt, der während des US-amerikanischen Bürgerkrieges einem Südstaatenoffizier gehört hatte. Ihr Onkel hatte ihr die Waffe, die Teil seiner recht umfangreichen Sammlung gewesen war, zu ihrem zwölften Geburtstag geschenkt und sie im Gebrauch unterrichtet, damit sich eine Sache wie mit Pietter nicht wiederholte...
Das rothaarige Mädchen preßte die Lippen zusammen, bis nur noch zwei weiße blutleere Stri-che sichtbar waren. Es wollte sich nicht daran erinnern...
Und wie so oft zuvor gelang es ihr auch an diesem Tage, die Erinnerung zu verdrängen.
Sie lebte nicht in der Vergangenheit, aber sie dachte auch nicht an die Zukunft, lebte nur für den Augenblick.
Asuka trug einen Rollkragenpullover, dazu Jeans und Turnschuhe, sie befand sich auf dem Hauptdeck des Flugzeugträgers ´Over the Rainbow´, welcher den UN-Konvoi anführte, wel-cher sie und EVA-02 nach Japan bringen sollte.

„Asuka, was machst du da?“

Sie drehte sich nicht um. Natürlich kannte sie die Stimme, zu einer anderen Zeit hätte ihre gan-ze Aufmerksam Ryoji Kaji gehört, doch gerade lagen die Prioritäten anders.
„Schießübungen.“

„Auf arme Möwen?“

„Warum nicht? Es sind nur Vögel.“
Nur Vögel... in der Arkologie, in der sie aufgewachsen war, gab es keine Vögel in freier Wild-bahn, der Himmel bestand aus einer Plexiglaskuppel.
Ihre Tante Ann hatte ihr zu ihrem achten Geburtstag einen Kanarienvogel geschenkt... der Vo-gel war vier Tage später tot gewesen... vielleicht hätte sie ihn füttern sollen...

Kaji schüttelte stumm den Kopf.
Einerseits mochte er Asuka, sonst hätte er es wahrscheinlich nicht ausgehalten, von NERV-Deutschland zu ihrer Sicherheit abgestellt worden zu sein, doch in gewisser Weise war da Mädchen schlimmer als ihr Onkel, und das war nur teilweise darauf zurückzuführen, was ihr von Pietter Fresenhark angetan worden war... etwas, wofür er sich die Hauptschuld gab, hätte er damals nur eher gehandelt... dann wäre das Verbrechen wahrscheinlich verhindert worden und Larsen hätte seine Nichte nicht zu einer... Killerin ausgebildet...
„Mit dem alten Ding?“

„Es fordert mein Können heraus.“
Sie hob die neu geladene Waffe, suchte nach weiteren Zielen, doch der Himmel war leer, rings um den Flugzeugträger waren nur Wasser und die anderen Schiffe des Konvois.
Asuka zuckte mit den Schultern, sicherte den Colt und steckte ihn in den Hosenbund.

„Aber der Admiral ist nicht gerade begeistert.“

„Pffft. Was interessiert mich der Admiral?“

„Immerhin ist es sein Schiff.“
Nicht gerade begeistert war die sehr geschönte Version, Admiral Horner war regelrecht an die Decke gegangen, als er gesehen hatte, daß auf seinem Schiff eine vierzehnjährige mit einer Waffe herumballerte.

Wieder zuckte sie nur mit den Schultern.
Was ging sie der Admiral an? Auch er erhielt seine Anweisungen letztlich von NERV.
Der Konvoi war am gestrigen Abend aufgebrochen und befand sich inzwischen auf Höhe der iberischen Halbinsel. Sobald die Schiffe die Riffe und Sandbänke der früheren europäischen Küstenlinie hinter sich gelassen hatten, würden sie Fahrt aufnehmen und den Atlantik überque-ren. Der Admiral hatte sich für die Strecke durch den Panamakanal entschieden, da ihm die Suez-Region derzeit aufgrund dortiger militärischer Streitigkeiten zwischen Israel und - wie üblich - allen anderen zu unsicher für seine Fracht erschienen war. Für die Reise war eine Zeit von insgesamt zweieinhalb Wochen veranschlagt worden.
„Hast du irgendwelche Neuigkeiten?“
Sie duzte den älteren Mann schon seit einiger Zeit. In ihren Augen war Ryoji Kaji ein richtiger Mann, kein Mistkerl wie ihr Vater... oder ein Vergewaltiger wie Pietter...

„Nein.“
Er wußte, worauf sie sich bezog.
„Ich habe nichts von deinem Onkel gehört.“

„Ja...“
Sie senkte den Kopf, starrte über die Reling ins Wasser.
Seit fast drei Wochen galt Onkel Wolf als verschollen.
Und sein direkter Vorgesetzter, der stellvertretende Direktor, war vor zwei Wochen bei einem Flugzeugabsturz getötet worden, der insgesamt 183 Menschenleben gefordert hatte.
Am gleichen Tag hatte sie die Mitteilung erhalten, daß EVA-02 in Japan benötigt wurde...

„Er wird sich schon melden.“

„Nein, wird er nicht.“

„Wieso nicht? Commander Larsen ist ein zäher Hund.“

„Aber das hilft ihm doch nichts, wenn er... wenn er tot ist!“

„Wie kommst du darauf? Solange wir nichts Näheres wissen...“

„Weil alle mich früher oder später verlassen und sterben, Kaji.“ entgegnete Asuka ohne jedes Gefühl in der Stimme.
Sie löste sich von der Reling und setzte sich in den Liegestuhl, der an Deck stand, den sie von daheim mitgebracht hatte. Eigentlich hatte sie ihn nur an Deck aufgestellt, um Admiral Horner zu provozieren, der Brite ging sehr leicht in die Luft, wie sie schon am vorherigen Abend fest-gestellt hatte, zudem hielt er überhaupt nichts davon, einem Kind, wie er sich ausgedrückt hat-te, eine Waffe wie den EVANGELION anzuvertrauen. Als ob sie sich darum scherte, was er meinte, dafür war sie nicht ausgebildet worden, sie war als Pilotin ausgewählt und trainiert worden, um den Engeln in den Arsch zu treten!
Und wenn das dem Admiral nicht paßt, konnte er ruhig daran ersticken!
Sie nahm die Mappe mit den Dossiers der anderen beiden Piloten, die sie noch von ihrem On-kel erhalten hatte, bevor er zu seinem letzten Einsatz aufgebrochen war, und schlug sie auf.
Asuka konnte die anderen beiden Piloten jetzt schon nicht leiden.
Ganz klar hatten sie ihre Positionen nur aufgrund von Beziehungen, das First Children war der Protegé des NERV-Oberkommandierenden und das Third Children sein Sohn, da mußte doch einfach familiäre Bevorzugung vorliegen, auch wenn es hieß, Shinji Ikari hätte gleich im ersten Anlauf einen EVA kontrollieren können - das war doch gar nicht möglich, sie selbst hatte Jahre gebraucht, um die Minimalanforderungen der Synchronverbindung zu schaffen, da wurde doch etwas schöngeredet. Und dazu sein Persönlichkeitsprofil, einen solchen Waschlappen hatte sie bisher noch nicht gesehen, dem Jungen stand das Wort ´Loser´ in dicken Lettern praktisch auf die Stirn tätowiert! Aber das Mädchen war noch schlimmer, angeblich immer kontrolliert und ohne Gefühle, wie eine Maschine... oder eine Puppe... und Puppen haßte sie aus tiefsten Her-zen. Diese unnatürlich roten Augen und die blasse Haut... dabei war diese Rei Ayanami gar kein Albino, sonst wäre auch ihr Haar weiß gewesen. Wahrscheinlich nur Kontaktlinsen, ge-färbtes Haar und der Versuch, auf den längst wieder abgefahrenen Gothic-Zug aufzuspringen, an dem Mädchen war wahrscheinlich gar nichts echt. Und was ihr Synchratio anging - bisher war sie bei jedem Einsatz verletzt worden, so gut konnte sie also gar nicht sein. Und beim letz-ten hatte sie sogar ihren EVA fast geschrottet!
Nein, diesen beeiden Nieten konnte man beim besten Willen nicht das Schicksal der Mensch-heit anvertrauen. Aber dafür hatte man ja sie, Asuka Soryu Langley, nach Japan gerufen, damit jemand die Sache in die Hand nahm! Ihr wäre das jedenfalls nicht passiert, sie hätte die Engel, die bisher aufgetaucht waren, im Handumdrehen erledigt, dessen war sie sich sicher...

Copyright of the Charakter by GAINAX / Text by Ulrich Alexander Schmidt