Auf so ziemlich jeder Schule gibt es einen Schüler, welcher seine Mitschüler drangsaliert. Nicht, weil er mit ihnen Streit hat, sondern weil er es kann, weil er größer und
stärker als die anderen ist und ihnen leicht Furcht einzuflößen vermag.
In der Schule von Tokio-3 hieß dieser Schüler Masamoto und ging in die 4-D. Er war auf-grund des Umstandes, daß er mehrere Klassenstufen hatte wiederholen müssen, bereit
acht-zehneinhalb, doch die Tatsache, daß sein Vater ein hochdekorierter Offizier war, dem zur Zeit die West-Verteidigung von Tokio-3 unterstand, hatte starken Einfluß darauf,
daß Masamoto wegen seines Betragens immer noch nicht von der Schule geflogen war, sondern vielmehr qua-si mitgeschleift wurde, da auch die meisten Lehrer ihn fürchteten.
Masamoto rauchte, fuhr ein Motorrad und schwänzte wenigstens die Hälfte des Unterrichtes, da er viel lieber mit anderen Gleichaltrigen aus der Region herumhing, wenn Frauen dabei
wa-ren, umso besser. Sein Vater reagierte auf die verhaltenen Beschwerden mit Standpauken, die ignoriert wurden, sowie mit Streichung des Taschengeldes. Letzteres traf Masamoto schon härter,
schließlich brauchte er das Geld für Bier und Sprit
Seit dem letzten Engelangriff war mittlerweile über eine Woche vergangen und Masamoto war wieder einmal knapp bei Kasse. Inzwischen war er längst dazu übergegangen, den anderen
Schülern dessen Taschen- und Essensgeld abzupressen. Niemand legte sich mit ihm an, der noch klar bei Verstand war.
Nur um einige Schüler der 2-A hatte er bisher einen weiten Bogen gemacht, so auch um Shinji Ikari und Rei Ayanami, das rotäugige Mädchen machte ihn einfach nervös - wenn diese
Augen nicht gewesen wären, hätte sie garantiert nicht von der Bettkante gestoßen, wenn sich eine ent-sprechende Gelegenheit ergeben hätte - und der Junge war der Sohn de
NERV-Oberbosses, mit dem man sich besser auch nicht anlegte, schließlich kontrollierte NERV letztendlich die ganze Stadt. Eine weitere Person, mit der Masamoto nichts zu tun haben wollte,
war Toji Su-zuhara, da dieser fast so groß war wie er selbst und um einiges durchtrainierter, wie Masamoto hatte erfahren müssen, als er Suzuharas Kumpel Aida hatte ausnehmen wollen...
aber der Kampf war auch nicht fair gewesen, schließlich hatte er Suzuhara nicht von hinten anspringen können!
Jetzt war er wieder auf der Suche nach einem Opfer, welches er um seine Barschaft erleichtern konnte.
Sein Blick fiel auf Hikari Horaki, die während der Mittagspause den Schulhof verließ und in der Mädchentoilette an der Sporthalle verschwand.
Verdammte Schlampe... die Klassensprecherin der 2-A tat immer furchtbar wichtig, der hätte er schon längst mal Bescheid stoßen müssen... aber hübsch war sie, ohne
Zweifel.
Er legte sich auf die Lauer.
Als Hikari den Waschraum verließ, wuchs plötzlich vor ihr ein unrasierter und übel nach Bier und Zigarettendunst stinkender Bursche aus dem Boden, der ihr flüchtig von Sehen
bekannt war - Masamoto, der Rüpel aus der 4-D...
Sie zuckte heftig zusammen, wollte zurück in den Waschraum, doch der größere schlug die Tür zu.
„Nix da, du bleibst hier.“
„Was...“
„Was ich will? Gib mir dein Geld.“
Hikari schluckte. Ihre Knie schlotterten.
„Ich... ich... ich schreie!“
Masamoto grinste breit.
„Mach doch. Wirst schon sehen, was du davon hast... wäre schade um dein Gesicht, Kleine. Also, her mit der...“
Weiter kam er nicht, denn da wurde er an der Schulter gepackt, herumgerissen und blickte im nächsten Moment in das wütende Gesicht von Toji Suzuhara.
„Du schon wieder“, knurrte Toji. „Ich habe dir doch gesagt, den Scheiß zu lassen!“
Hikari konnte nur zusehen, obwohl ihr Verstand ihr zuzurufen schien, sie solle laufen.
Suzuhara war ihr zu Hilfe geeilt...
Kensuke Aida tauchte neben ihr auf und zerrte sie zur Seite.
Er hätte viel lieber den Kampf beobachtet, aber Toji hatte ihm aufgetragen, ´Hikari in Sicher-heit zu bringen´, während er den Schläger beschäftigte. Kensuke hatte
zwar gewußt, daß sein Freund eigentlich ein Herz aus Gold hatte - außer er war stinksauer - und daß er die Klassen-sprecherin mochte - auch wenn er das nie gesagt hatte,
aber das breite Grinsen, mit dem er sie manchmal betrachtete, wenn die Unterrichtsstunden ihren Tiefstpunkt erreicht hatten, sprach Bände -, aber daß er soweit gehen würde,
hätte er doch nicht gedacht.
Dabei waren sie einfach um die Ecke gebogen, als Toji plötzlich stehen geblieben war und Kensuke rasch Anweisungen erteilt hatte, ehe er auf Masamoto losgegangen war.
„Suzuhara... Noch mal überraschst du mich nicht“, zischte Masamoto und schlug ansatzlos zu, hämmerte dem anderen die Faust in den Magen.
Toji blähte die Backen auf, als ihm die Luft aus den Lungen getrieben wurde, besaß aber noch ausreichend Geistesgegenwärtigkeit, nach hinten auszuweichen und so dem Folgeschlag zu
entgehen.
„Glück... nur Glück, Mistkerl...“
Er konterte, verpaßte dem größeren einen kräftigen Schlag gegen das Kinn, den dieser jedoch grinsend wegsteckte.
Dafür schmerzte jetzt Tojis Hand.
Dann krachte er auch schon mit dem Rücken gegen den Unterstand der Mülltonnen, dessen Tür nachgab.
„Ich stopf dich in den Schrank und dann in eine Tonne, Großmaul!“
Masamoto holte mit der Faust aus, zielte genau auf Tojis Nase, der sich nicht richtig bewegen konnte, weil er in der Tür eingeklemmt war.
Die Faust erreichte nie ihr Ziel...
Jemand packte Masamotos Unterarm, nutzte dessen eigenen Schwung aus und drehte ihm den Arm auf den Rücken.
„Argh...“
Der Schläger ging in die Knie, blickte über die Schulter, wer ihn da eiskalt erwischt hatte, sah in ein Paar wütend funkelnde scharlachrote Augen.
„Nie wieder.“ flüsterte Rei Ayanami, gab Masamoto dann einen Stoß, der ihn zu Boden beför-derte und wandte sich Suzuhara zu.
„Bist du in Ordnung, Mitschüler Suzuhara?“
Toji schüttelte benommen den Kopf.
„Etwas angeschlagen. Wow, gute Aktion, Ayanami!“
Er befreite sich aus seiner mißlichen Lage und sah auf Masamoto herab.
Der stemmte sich gerade wieder auf die Ellenbogen.
„Das wird euch noch leid tun! Suzuhara, dich Schwuchtel nehme ich mir noch vor!“
Toji trat ihm in die Seite.
„Schwuchtel? Wenn nennst du hier eine Schwuchtel?“
„Au! Wenn dich die kleine Schlampe nicht...“
Rei hielt ihn von weiteren Tritten ab.
„Es genügt, Mitschüler Suzuhara.“
Kurz sah er sie wütend an, nickte dann.
„Okay. - Hey, Masamoto, sieht so aus, als ob Ayanami dich gerade vor den Prügeln deines Le-bens bewahrt hat!“
Er wandte sich ab, ging zu Kensuke und Hikari, die an der Ecke standen.
Rei folgte ihm.
„Suzuhara, bist du in Ordnung?“ fragte Hikari besorgt.
„Klar doch.“
Toji versuchte zu grinsen, schaffte aber nur eine Grimasse.
„Wenn es nur nicht so weh tun würde“, flüsterte er.
„Uh, der erste Hacken war wirklich mörderisch.“ meinte Kensuke.
„Aber ich hab´s ihm zurückgezahlt. So ein blödes Schwein.“
Toji blickte Ayanami an, die teilnahmslos bei ihnen stand.
„Danke, Ayanami, ich habe doch leicht in der Klemme gesteckt.“
Sie nahm seinen Dank mit einem Nicken zur Kenntnis.
„Warum bist du eigentlich dazwischengegangen?“ wollte Kensuke wissen.
„Ich schulde der Klassensprecherin etwas.“
„Oh, echt?“
Der Junge mit der Brille sah Hikari an.
„Was denn?“
„Äh... nichts besonderes...“ wich Hikari aus. „Suzuhara-kun, tut es sehr weh?“
Tojis Augen leuchteten auf, als er mitbekam, wie sie ihn nannte.
„Nicht mehr so. - Wobei, vielleicht könntest du ja mal Handauflegen oder so...“
„Suzuhara, das...“
„Ah, war doch nur ein Spaß.“
Er grinste breit.
„Uhm, ja... ich könnte einen Eisbeutel von der Schulkrankenschwester holen.“
„Das... ähm... das wäre sicher eine gute Idee... und sehr... uhm... nett von dir.“
Reis Augenbrauen wanderten unmerklich einen halben Millimeter nach oben.
Mitschüler Suzuhara verhielt sich anders als üblich, jedoch nur gegenüber der Klassenspre-cherin.
„Ich hole ihn dir schnell.“
Hikari warf Toji ein Lächeln zu und eilte zum Hauptgebäude.
„Toji, du Hengst! Ich wußte gar nicht, daß du so gut mit Mädchen kannst!“ grinste Kensuke.
„Schnauze, Ken! Das ist nichts, worüber man sich lustig macht!“
„Hui, ist ja gut. Äh... - Hey, Ayanami, wo ist Shinji?“
„Tests.“
„Wegen des EVAs? Oh, ich wäre auch so gerne ein Pilot, es muß toll sein, mit so einem Mecha...“
„Hm, sei dir da mal nicht so sicher“, brummte Toji, dem Shinjis Gesichtsausdruck nur allzu gut noch im Gedächnis war, als dieser mit ihnen in der Kapsel gegen den zweiten Engel
gekämpft hatte.
Suzuharas Worte überraschten Rei, er schien eine seltsame Weisheit mit ihnen an den Tag zu legen.
„Suzuhara-kun hat recht, die Gefahr überwiegt alles andere.“ erklärte sie und fragte sich im nächsten Moment, weshalb sie Mitschüler Suzuharas Namen gerade mit dem
familiären Suffix für ´Freund´ versehen hatte. Suzuhara und Aida waren Shinjis Freunde, wenn auch auf einer anderen Ebene als sie. Und sollte sie Shinjis Freunde nicht auch
als ihre Freunde betrachten, nur eben daß Freund und Freund nicht zwangsläufig dasselbe bedeuten mußte... ?
Und darin lag auch der Grund, der sie zum Handeln veranlaßt hatte...
„Ich muß gehen.“
Ihrer Ansicht nach genügte diese Mitteilung als gleichzeitiger Abschiedsgruß.
Sie ließ die beiden stehen und ging auf das nächste Tor zu, welches vom Schulgelände zur Straße führte.
Masamoto war inzwischen wieder auf den Beinen.
Seine Rippen schmerzten höllisch von dem Tritt, den er kassiert hatte, doch viel stärker war sein Stolz verletzt worden - schließlich hatte ihn eine Tussi aufs Kreuz gelegt. Er
hatte keine Ahnung, wie das rotäugige Miststück das geschafft hatte, vielleicht mit einem Judo-Griff oder einfach nur Glück, aber es würde ihr kein zweites Mal gelingen. Mal
sehen, wie ihr Gesicht mit ein paar blauen Flecken, Prellungen und Schnittwunden aussah...
Bei diesem Gedanken zog er sein Springmesser aus der Hosentasche und ließ es aufschnappen, während er Ayanami vom Schulgelände folgte.
Und danach würde er sich den großmäuligen Suzuhara und dessen Kumpel vornehmen - und dann die kleine Schlampe von Klassensprecherin...
Er grinste breit, entblößte ein tiefgelbes schadhaftes Gebiß.
Und dann verging ihm plötzlich das Grinsen und blieb er wie angewurzelt stehen, als er des ro-ten Lichtpunktes gewahr wurde, der auf seiner Jacke direkt über dem Herzen erschienen
war.
Er sah nach schräg oben, die Fassade des gegenüberliegenden Hauses hinauf, ohne sehen zu können, woher der Lichtpunkt kam.
Zwei weitere erschienen auf seinem Oberkörper, tanzten über seine Brust, vereinten sich mit dem ersten, gingen bei jedem Atemzug leicht auseinander, nur um sogleich wieder
zusammen-zufinden.
Masamoto brach der kalte Angstschweiß aus.
Scharfschützen... Scheiße! Das rotäugige Miststück gehörte ja zu den EVA-Piloten... und war damit für NERV wichtig...
Wieder starrte er auf die drei Lichtpunkte.
Einer der drei wanderte langsam aufwärts.
Masamoto hob ein Hand, hielt sie schräg in den Lichtstrahl, verfolgte den Lauf... der Licht-punkt wanderte weiter, bis er auf seiner Stirn zur Ruhe kam.
Die Warnung war eindeutig.
In dieser Sekunde verlor Masamoto, Tyrann des Pausenhofes und Schrecken aller schwächeren Mitschüler, die Kontrolle über seine Blase...
*** NGE ***
Shinji war deprimiert.
Nicht nur deprimiert wie üblich, sondern regelrecht geknickt.
In diesem Zustand befand er sich seit dem gestrigen Nachmittag, als er von Misato sein Ta-schengeld für diesen Monat erhalten hatte. Er war sofort zu dem Geschäft gegenüber der
Schule gelaufen, nur um festzustellen, daß das Fahrrad aus dem Schaufenster verschwunden war. Und der Laden hatte auch kein weiteres mehr auf Lager gehabt.
Da hatte er endlich das nötige Geld und dann war es fort...
Und deshalb war er deprimiert, da hatten auch Misatos aufbauende Worte nichts genutzt, als er nach mehrmaligen Fragen ihrerseits schließlich damit herausgerückt war.
Aber immerhin war gestern mit der Post sein Cello angekommen... das verdammte Teil... wenn es nicht ein Geschenk gewesen wäre, hätte er es längst zum Feuermachen benutzt!
Sein Gemütszustand wirkte sich auch auf die Testergebnisse aus - Doktor Akagi hatte die für den Vormittag angesetzten Synchrontests schließlich mit einem tiefen Seufzen
abgebrochen und ihn zum Duschen geschickt. Für den Nachmittag standen weitere Tests an, die ominösen Kreuztests, wie der Doktor gesagt hatte.
Dafür hatte Shinji dann entdeckt, daß es im Hauptquartier ein frei zugängliches Dampfbad gab. Wenn es einen Ort gab, an dem er sich richtig entspannen konnte, dann war das in der
Bade-wanne. Und da sonst niemand anwesend war, kam das fast auf das gleiche heraus.
Das einzige, das störte, waren die sich ständig wiederholenden Bilder auf dem großen Fernseh-bildschirm unter der Decke, Ton gab es keinen, doch es schien eine Art Werbefilm
für NERV zu sein. Wozu sollte NERV Werbung machen? Wenn es um Finanzierungsbeihilfen ging, konnte sein Vater doch einfach verschiedene Leute in Grund und Boden starren...
Es war alles so deprimierend...
„Shinji-kun?“
Diese Stimme... Rei, es war Reis Stimme. Aber was machte sie hier?
Wie spät war es? Viel zu spät... Sicher wollte sie ihn holen... er hatte sie gar nicht hereinkom-men hören...
Er war nackt!
„Argh! Rei!“
Hastig bedeckte er seine Blöße und drehte sich noch immer im Wasser sitzend um.
Rei stand am Eingang, sie trug weder Schuhe noch Strümpfe und sah ihn fragend-erschrockend an.
Er hatte sie erschreckt... das hatte er nicht gewollt...
„Rei, was... was machst du hier?“
Die Antwort brauchte eine Weile, wenn auch nur Sekundenbruchteile länger als gewöhnlich.
„Doktor Akagi sagte, ich solle dich holen. Sie will mit den Kreuztests beginnen.“
„Uh... ja... Geh doch schon mal... ahm... geh doch schon mal vor...“
„Ich soll dich mitbringen, Shinji-kun.“
„Rei, ich... ich bin nackt.“
Sie blinzelte, wie jedesmal, wenn sie eine Situation nicht auf Anhieb verstand und darüber nachdenken mußte, um sie einordnen zu können.
Shinji-kun war nackt, ja, daß er keine Kleidung trug, zumal er im heißen Wasser saß, war ihr bereits aufgefallen. Mit Kleidung zu baden hätte auch auf eine seltsame
Veranlagung hingedeu-tet. Weshalb also legte er solche Betonung darauf? Die Anweisung, die sie erhalten hatte, lau-tete doch, ihn mitzubringen... Oder lag es daran, daß er sich ihr nicht
unbekleidet zeigen woll-te? Seltsam, wirklich seltsam... Wenn sie die Zeit gehabt hätte, hätte sie wahrscheinlich sogar in Erwägung gezogen, sich zu ihm zu gesellen,
schließlich empfand sie das warme Wasser als äußerst entspannend. Aber sie hatte keine Zeit dazu.
„Das sehe ich.“
„Du... was?“
Er sah nach unten, um sich zu vergewissern, daß seine Hände immer noch alles bedeckten, was er für bedeckenswert erachtete.
„Uhm... könntest du vielleicht... ahm, draußen warten, bis ich mir etwas übergezogen habe?“
„Natürlich, Shinji-kun.“
Shinji atmete bereits auf, als sie anstelle sich umzudrehen eine Frage stellte:
„Warum?“
Er zuckte zusammen, hätte beinahe die Hände gehoben, um seine Worte mit Gesten zu unter-streichen.
„Weil... uhm... weil ich ein Junge und du ein... ah... ein Mädchen bist.“
„Die anatomischen Unterschiede sind mir bekannt. Ist es dir unangenehm, von mir so gesehen zu werden?“
Darauf wahrheitsgemäß mit einem ´Ja´ zu antworten, wäre ihm schwergefallen, zumal sich hin-ter der Schutzmauer seiner Hände etwas zu regen begann, als einen
Moment lang die Erinne-rung an den Anblick in ihrem Apartment seine Wahrnehmung überlagerte.
„Uhm... ich... Rei, bitte.“
Shinji sah sie mit einem flehenden Dackelblick an.
Shinji-kuns Blick bewirkte etwas bei ihr. In Verbindung mit diesem Blick fühlte sie sich unfähig ihm seine Bitte abzuschlagen, auch wenn er ihr immer noch keine Antwort gegeben hatte,
je-denfalls keine direkte. Andererseits war es doch offensichtlich, daß es ihm peinlich war. Aber warum? Sie hatte ihn bereits in der Umkleidekabine gesehen, als er seine PlugSuit angelegt
hat-te... sie würde wohl die Klassensprecherin danach fragen müssen, das hatte sie ohnehin vorge-habt, nur war die Angelegenheit mit Suzuhara-kun und Aida-kun dazwischengekommen.
Rei nickte ruckartig und verließ das Bad.
„Puh...“
Shinji stieß die Luft aus. Dann sah er sich nach einem Handtuch um.
Seine PlugSuit lag bereits an der Seite, es war sein Reserveanzug, der andere war nach den Tests in der Reinigung, da das LCL dazu neigte, sich an den Gelenken abzulagern und das Ge-webe generell
an Flexibilität verlor, wenn die LCL-Flüssigkeit auf dem Stoff eintrocknete.
Seltsamerweise waren seine Depressionen wie fortgewischt...
*** NGE ***
Die Kreuztests waren eigentlich gewöhnliche Synchrontests, nur daß zum einen zwei Piloten gleichzeitig getestet wurden und daß zum anderen sie den EntryPlug des jeweils anderen
be-nutzten, über den Grund dafür hatte Akagi sich nicht ausgelassen.
Die Plugs würden auch nicht in die Steuernerven der EVAs eingeführt werden, sondern waren über einen dicken Strang aus unzähligen Kabeln mit dem Computer des Testcenters und
über diesen mit den MAGI-Rechnern verbunden, welche die Testbedingungen simulieren würden.
Der EntryPlug von EVA-00 war fast identisch mit dem von EVA-01, Shinji hatte nur die Sitz-einstellungen etwas ändern müssen.
Es saß er ruhig und abwartend in dem Pilotensitz, während um ihn herum das LCL anstieg - er war immer noch der Ansicht, daß Menschen nicht dazu gemacht waren, unter Wasser zu
exi-stieren, sonst hätten sie Kiemen statt Lunge, aber es wurde von Mal zu Mal einfacher, den Würgereflex zu unterdrücken und die Flüssigkeit einfach in die Lungen
strömen zu lassen, an-genehmer wurde es allerdings nicht.
„Wir fangen jetzt an. Zuerst bist du dran Shinji.“ erklärte Akagi über ComLink.
Shinji konzentrierte sich.
Da war etwas... ein seltsamer Sinneseindruck...
Ein Geruch...
„Es riecht nach Rei...“ murmelte er.
„Hm, was hast du gesagt?“
„Ich... nichts...“
Da war noch mehr... Bilder... Gedanken... alles strömte auf ihn ein...
„Shinji, abbrechen!“
„Was?“
Er fühlte sich benommen.
„Da war eine Rückkopplung. - Maya, rekonfigurieren. - Shinji, ich komme gleich auf dich zu-rück, ja?“
„Äh, ja.“
Eine Rückkopplung? Aber er war doch gar nicht mit einem EVA verbunden!
Und diese Bilder... das mußten Reis Erinnerungen gewesen sein... aber alles war undeutlich gewesen, wie durch den Boden einer Glasflasche...
*** NGE ***
„Rei?“
„Bereit.“
Es war nur ein Test... kein Kontakt mit einem EVA, kein Risiko, der Dunkelheit zu begegnen...
Sie spürte die simulierten Signale, die über die Synchron-Verbindung bei ihr eingingen.
Dieser Geruch...
Es roch nach Shinji-kun...
Nein... kein Geruch... ein Bewußtseinsrückstand... etwas von Shinji-kun war im Kurzzeitge-dächnis des EntryPlugs zurückgeblieben, wie ein Schatten... verschwommene
Erinnerungen... da war... sie selbst...
Sie war in seinen Erinnerungen.
In seinen Erinnerungen war sie unbekleidet... die Erinnerung stammte aus ihrem Apartment...
Und da waren Gefühle, die den Eindruck begleiteten... Shinji-kun hatte Erregung verspürt...
Sah er sie so? Als... Lustobjekt? Hatte sie sich so in ihm geirrt?
Aber da war noch etwas... es war ihm peinlich gewesen... er hatte sich geschämt, sie so gese-hen zu haben... also doch nicht...?
Eine weitere Erinnerung... die Nacht auf dem Berg...
Sie hörte sich selbst ´Leb wohl´ sagen, spürte den inneren Schmerz, den Shinji-kun dabei ver-spürt hatte. Dabei waren es doch nur zwei Worte gewesen, hatte sie sich von
ihm verabschie-den wollen, falls einer von ihnen den Kampf nicht überlebte...
Wenn sie gewußt hätte, wie er darauf reagierte...
Und dann... sah sie sich lächeln.
So sah sie also aus, wenn sie lächelte... oder besser, so sah Shinji-kun sie...
Sympathie... Begehren... Freundschaft...
Es verwirrte sie, sie konnte die Fülle an Eindrücken nicht verstehen oder verarbeiten.
Hatte eine solche Freundschaft Zukunft? Sie waren ähnlich und doch verschieden...
An dieser Stelle einfach einen Schlußstrich zu ziehen, einfach alles wieder unter Befehlen und Gewohnheiten vergraben... die Versuchung existierte. Weiterzumachen würde viel Mut
erfor-dern, wahrscheinlich mehr Mut als sie besaß...
´Du bist stark, Ayanami...´
Shinji-kuns Stimme, die Stimme seiner Erinnerungen, die ihr Mut zuzusprechen schien...
Selbst der Schatten seiner Gegenwart vermittelte ihr ein Gefühl von Geborgenheit, die Gewiß-heit, nicht allein zu sein.
Mut...
Würde sie diesen Mut besitzen?
„Gut, Rei, wir sind fertig.“
„Ja.“
*** NGE ***
„Shinji, wir sind fertig.“
„Uhm, ja, gut.“
Beim zweiten Anlauf hatte es keine Schwierigkeiten gegeben.
Zwar waren wieder verschwommene Bilder auf ihn eingeströmt, doch er hatte weder versucht, sie zu verstehen, noch sie abzublocken. Ihm war gewesen, als wäre Rei ihm so nahe wie in der
Nacht nach dem Kampf, als er sie festgehalten hatte. Zum ersten Mal war der Aufenthalt in ei-nem EntryPlug für ihn angenehm, konnte er sich einfach gehenlassen in seinen Gedanken.
Rei... war sie das? Lag das an dem Schatten ihrer Gegenwart?
In Gedanken versunken verließ er den EntryPlug und wechselte in die Umkleidekabine über. Gerade, als er den Dekompressionsschalter am Handgelenk betätigen wollte, bemerkte er,
daß er nicht war. Rei hockte auf der anderen Bank - wenigstens trug sie ihre PlugSuit - und starrte ein Loch in die Wand.
„Rei? Ich... ah... ich wollte dich nicht stören... uhm... ich nehme nur meine Sachen und dann...“
Schon hatte er das Bündel mit seiner Kleidung aus seinem Spind geholt und wollte den Raum wieder verlassen - sicher fand er im Hauptquartier irgendwo einen anderen Duschraum, wo er sich da
LCL von der Haut waschen konnte... doch Rei zeigte keine Reaktion, schien ihn gar nicht wahrzunehmen.
Was war mit ihr los? Stimmte etwas nicht?
Wenn er in ihrem Plug ihre Erinnerungen gesehen hatte... dann hatte sie womöglich in seinem Plug... seine Erinnerungen wahrgenommen... seine Gefühle... vielleicht seinen Haß auf
seinen Vater... oder seine Erinnerungen an ihre nackte Haut... Vielleicht hielt sie ihn jetzt für ein Mon-ster... weil sie gesehen hatte, was in ihm vorging...
Was sollte er tun?
Er öffnete und schloß die Faust immer wieder, während er ansonsten reglos vor ihr stand und überlegte.
Wenn seine Erinnerungen sie verwirrt hatten, konnte er vielleicht noch etwas richtigstellen... verhindern, daß sie ihn haßte... er wollte sie nicht verlieren...
Langsam setzte er sich neben sie.
„Rei?“
Wieder antwortete sie nicht.
„Uhm... also... ich weiß nicht, was du in dem Plug gesehen hast... ich habe... nein, ich habe ei-gentlich nichts gesehen... äh... ich meine, also, gesehen habe ich schon etwas,
aber nicht ver-standen... und... ahm...“
Sie reagierte immer noch nicht.
Vielleicht...
Vorsichtig nahm er ihre Hand, hielt sie in den seinen, spürte die Wärme ihrer Haut sogar durch die Handelemente beider Suits.
„Rei, bitte, sag etwas...“
Sie drehte den Kopf, blickte ihn an.
„Shinji-kun... wie lange sitzt du dort schon?“
„Uhm...“
Rei senkte den Blick auf ihre Hand, zog diese aber nicht weg.
„Was siehst du?“
„Rei? Ich, ahm, ich verstehe nicht.“
Sie hob den Blick, sah ihm in die Augen.
„Shinji-kun, was siehst du?“
Er begriff nicht, was sie meinte, sah zur Seite.
Rei hob die andere Hand, legte sie auf seine Wange, übte sanften Druck aus, bis er sie wieder ansah.
„Was siehst du?“
„Rei, ich...“
Shinji blinzelte.
„Ich sehe dich... ich meine... uhm... ich sehe dich... und den Raum und...“
Er hob die Schultern.
„Ja.“ erwiderte sie mit leichter Enttäuschung in der Stimme.
Warum konnten Menschen nicht einfach sagen, was sie dachten, was sie fühlten... aber sie sagte es ja auch nicht...
*** NGE ***
„Klassensprecherin?“
Hikari mußte nicht aufblicken, um zu wissen, wer vor ihr stand, die ruhige Stimme war ein-malig.
„Rei?“
„Könntest du mir... ich habe noch weitere Fragen...“
Hikari seufzte unhörbar.
Sie wollte helfen, jedoch war Ayanamis Art, Fragen zu stellen, wirklich entnervend.
„Ist das Dach frei?“
„Ich denke schon.“
Hikari nickte.
„Gehen wir ´rauf und reden unter vier Augen.“
Innerlich stählte sie sich gegen alle denkbaren Fragen, egal wie peinlich diese sein mochten, während sie Ayanami auf das Dach der Schule folgte.
„Worüber möchtest du mit mir reden?“
„Ich... ahm...“
Rei senkte den Blick.
Hikari hielt den Atem an.
Ayanami schien nicht so kontrolliert und ruhig wie gewöhnlich, eher aufgewühlt.
„Was?“
„Jungs.“ stieß Rei hervor und wurde rot.
„Geht es dir gut?“
„Ja. Ich bin nur... verwirrt... Klassensprecherin... Hikari... woran kann man bemerken, daß ein Junge einen mag?“
Hikari holte tief Atem.
„Das ist nicht leicht zu erklären.“
„Das hast du bereits bei unserem letzten Gespräch gesagt.“
„Ja... das hängt wohl mit dem Thema zusammen.“
Sie trat bis an die Brüstung und lehnte sich dagegen.
„Schau mal, dort drüben... auf dem Sportplatz.“
„Dort trainiert das Läuferteam der Schule.“
„Ja. Toji... Suzuhara-kun... gehört dazu.“
„Bekannt. Er trägt ständig die Teamkleidung.“
Weshalb sprach die Klassensprecherin über Mitschüler Suzuhara?
Sollte sie vielleicht...
„Weißt du... da denkt man eine halbe Ewigkeit, der freche Bursche in der vorletzten Reihe schneidet ständig Grimassen in deinem Rücken oder macht in einer Tour dumme
Witze... daß er nur Muskeln hat und kein Hirn und immer nur Unfug macht... und dann steckst du in Schwierigkeiten und plötzlich steht er da wie ein Ritter in glänzender
Rüstung und hilft dir... oder versucht es zumindest..."“
Nur daß dieser ´Ritter´ ohne ihr Eingreifen Prügel bezogen hätte...
„Du sprichst von dir und Suzuhara-kun.“
„Ja... wir waren gestern nach diesem... Zwischenfall zusammen ein Eis essen. Er ist ganz nett... und er kann ganz witzig sein, wenn er will.“
„Du magst ihn.“
„Äh...“
Jetzt war es an Hikari, rot zu werden.
„Ich denke schon. Er bringt mich zum Lachen.“
„Shinji-kun bringt mich zum Lächeln.“
Eine Feststellung. Mußte Shinji-kun sie erst zum Lachen bringen, damit sie sicher sein konnte, ihn zu mögen, oder war die Äußerung der Klassensprecherin nur ein
Beispiel?
„Das klingt, als würdest du ihn mögen.“
„Ja. Aber ich weiß nicht, wie er mich sieht.“
„Wie er... ah... wie er von dir denkt.“
„Ja.“
„Das ist wirklich schwierig... Er ist recht still... Soll ich mal für dich vorfühlen?“
„Das würdest du... nein, ich benötige zunächst nur einen Rat.“
Und sie berichtete kurz von der geplanten Überraschungsparty.
„Soweit ich weiß, ist es üblich, zu einem Geburtstag ein Geschenk mitzubringen.“
„Ja. Hm, das richtet sich natürlich danach, wie ihr zueinander steht... oder wünscht er sich etwas... nein, du kannst ihn ja nicht fragen, sonst wäre es keine
Überraschung mehr... hm...“
„Genau. Ich bin mir unsicher, was für Shinji-kun geeignet wäre.“
„Du möchtest ihm zeigen, daß du ihn magst, nicht wahr?“
„Ja.“
„Also sollte es etwas von dir sein... du könntest ihm einen Kuchen backen.“
„Nein.“
„Nein? Hast du keinen Ofen?“
„Nein.“
„Hm, vielleicht... wenn du bei mir vorbeikommst...“
„Ich weiß nicht, wie man einen Kuchen herstellt.“
„Das ist doch ganz einfach.“
„Ich habe keine Kenntnisse, wie man Nahrung zubereitet.“
„Äh... Moment... du willst mir sagen, daß du nicht kochen kannst?“
„Korrekt.“
„Oh... Dann muß das Kantinenessen bei NERV ja ausgezeichnet sein.“
Oder vielleicht kochte jemand anders für sie.
„Nein.“
Hikari entschied sich, nicht weiterzufragen, sonst taten sich womöglich weitere Abgründe auf.
„Oder du schenkst ihm etwas handgemachtes, ein Taschentuch, in das du seinen Namen ge-stickt hast, oder so.“
„Auch in dieser Beziehung besitze ich keine Fähigkeiten.“
„Auch nicht? Ahm, Ayanami, was kannst du eigentlich?“
„Ich kann einen EVA steuern.“
„Also... außer du willst ihm zum Geburtstag die Stadt zerstampfen, ist das nicht gerade hilf-reich... Paß auf, du kommst nächste Woche am Tag vor dieser Party bei mir
vorbei und ich zei-ge dir, wie man einen Kuchen backt. Einverstanden?“
„Ja... danke.“
„Ich schreibe dir vorher eine Einkaufsliste, du besorgst die Zutaten.“
„Einverstanden.“
Hikari lächelte.
Es tat ihr gut, jemandem helfen zu können, auch wenn sie das Gefühl nicht loswurde, daß sie auf irgendeine Katastrophe zusteuerte. Außerdem wäre sie durchaus ebenfall
gerne zu dieser Party gegangen, aber dazu war ihr Draht zu Shinji Ikari wohl doch nicht gut genug... man konnte wohl nicht alles haben... Aber immerhin konnte sie einer Mitschülerin helfen,
und das war doch ihr Job als Vorsteherin des Klassenverbandes.
*** NGE ***
Shinjis Geburtstag rückte näher wie eine dunkle Wolkenwand, die am Himmel zusammenzog.
So sah er es jedenfalls. Morgen würde es soweit sein.
Er wollte gar nicht im Mittelpunkt stehen - auch wenn es natürlich seinem Selbstbewußtsein einen gewissen Kick gab -, allerdings befürchtete er, daß man ihn ganz einfach
vergessen wür-de. Sein Vater hatte sich in den letzten Jahren nicht um den Termin geschert, seine Pflegeeltern hatten ihm zum zwölften Geburtstag das Cello gekauft und ihm dann
erklärt, daß er jetzt ja groß sei und deshalb zu den Fest- und Feiertagen nichts mehr bekommen würde.
- So war mehr von dem Unterhaltsgeld, das sein Vater überwies, für sie übriggeblieben...
Misato war wahrscheinlich viel zu beschäftigt, um es überhaupt zu wissen, bei ihr fiel nur alle zwei Wochen ein freier Tag an, an dem sie erst ihr Auto wusch und sich dann mit Bier
zuschüt-tete, aber generell recht fröhlich war - angeblich nahm sie diese Tortur auf sich, um Extrabezü-ge für Überstunden und Zusatzschichten zu erhalten, die sie
für später ansparte.
Toji konnte man immer häufiger in der Nähe der Klassensprecherin antreffen, wo er sich als gänzlich anderer Mensch gab. Shinji hatte von der Sache auf dem Schulhof gehört,
auch daß Rei letztlich die entscheidende Rolle gespielt hatte.
Und damit waren seine Gedanken wieder bei dem Mädchen angelangt, das schräg vor ihm saß und wie üblich aus dem Fenster blickte. Unwillkürlich formten seine Lippen ein
kleines Lä-cheln, zugleich erinnerte er sich wieder an ihre Frage, was er sehe.
Er hatte öfters in den letzten Tagen über ihre Worte nachgedacht, aber den tieferen Sinn noch nicht herausgefunden. Was sollte er denn sehen? Wenn er sie anblickte, sah er Rei und sonst
niemanden, auch wenn sie ihn ein wenig an seine Mutter erinnerte, deren Gesicht er noch ver-schwommen in Erinnerung hatte. Aber diese Ähnlichkeit war rein äußerlich und auch nur
mehr ein Gefühl denn Wissen. Nein, wenn er sie ansah, sah er nur Rei Ayanami... wen denn sonst?
In letzter Zeit hatte er sie mehrmals mit der Klassensprecherin reden sehen, was ihn doch über-rascht hatte, doch er respektierte Rei zu sehr, als daß er sie gefragt hätte,
worüber sie sich un-terhalten hatten. Außerdem machte sie auf ihn seit einigen Tagen einen verschlossenen Ein-druck, so als wollte sie Gespräche kurzhalten... als ob sie vermeiden
wollte, daß er bestimmte Themen ansprach... sicher hatte es mit dem Kreuztest zu tun... was mochte sie nur gesehen ha-ben...?
Der alte Lehrer brach seinen endlosen Monolog über die Zeit direkt vor, während und nach dem Second Impact ab und sammelte seine Sachen zusammen. Mit dem Läuten zum Ende der Stunde
verließ er den Klassenraum.
Im Zimmer kam Lärm auf, als die Schüler aufstanden, ihre Taschen packten und sich zu unter-halten begannen.
Shinji stand rasch auf und trat zu Reis Pult hinüber.
„Uhm, Rei...“
„Shinji-kun?“
Was mochte er wollen? So sehr sie seine Gegenwart auch erwünschte, sie mußte sich beeilen, um die von der Klassensprecherin aufgeschriebenen Zutaten für den Kuchen noch
einzukaufen.
„Ich wollte nur fragen... ahm... weißt du, ich habe morgen Geburtstag und ich wollte dich fra-gen, uh, fragen, ob wir vielleicht morgen nachmittag etwas zusammen unternehmen wollen.
Wir könnten, ähm...“
Ja, was könnten sie? Ins Kino gehen? Das konnte sie falsch auffassen, konnte annehmen, ihm ginge es darum, mit ihr im Dunkeln allein zu sein, um... Nein, keine gute Idee... Spazierengehen?
Wenn es in Tokio-3 soetwas wie größere Parkanlage gegeben hätte anstelle des gelegentlichen etwas breiteren Grünstreifens... vielleicht ein Eis essen... bei Toji und Hikari
schien es ja funktioniert zu haben... Kensuke war richtig eifersüchtig gewesen, weil sie ihn nicht mitgenommen hatten...
Rei schien immer noch auf seine Antwort zu warten... es gab wahrscheinlich keinen Menschen sonst auf der ganzen Welt, der eine solche Geduld mit ihm besessen hätte...
„Uhm, wir könnten eisessengehen... oder etwas anderes... äh...“
„Ich kann nicht.“
Hoffentlich fragte Shinji-kun nicht nach dem Grund... sie konnte ihn nicht belügen, aber sie konnte ihm auch nicht sagen, was der Captain für ihn geplant hatte...
„Oh.“
Shinjis Schultern sanken soweit nach unten, wie es ihnen möglich war, ohne zu brechen.
„Ja... vielleicht ein anderes Mal...“
„Ja. Ein anderes Mal.“
Daß sie es als Versprechen meinte, schien er nicht zu erkennen, so geknickt, wie er den Raum verließ.
Rei schluckte.
Er hatte mit ihr Zeit verbringen wollen... und sie hatte ihn einfach zurückgewiesen...
Sie war versucht, ihm nachzulaufen, doch sie bremste sich selbst. Zuerst mußte sie wissen, was er sah, wenn er sie anblickte... und wen... ob sie sah oder die Person, nach deren
Äußeren der Kommandant sie geformt hatte, deren DNA dafür verantwortlich war, daß sie menschlich aus-sah und nicht wie das Wesen, von dem der weitaus größere Teil
ihres genetischen Codes stammte...
Der Klassenraum war bis auf sie und die Klassensprecherin leer.
Hikari kam zu Rei hinüber.
„Bleibt es bei nachher?“
„Ja. Ich werde pünktlich sein.“
„Schön, ich freue mich.“
„Klassensprecherin... Hikari...?“
„Ja?“
„Ich möchte mich... bedanken... für die Zeit, die du dir für mich nimmst.“
„Kein Problem. - Übrigens, ich habe ihn lächeln gesehen.“
„Wen?“
„Na, Shinji.“
„Shinji-kun hat gelächelt?“
„Genau, er hat dir förmlich ein Loch in den Rücken gestarrt und dabei gelächelt. Also, ich glaube, er mag dich.“
„Shinji-kun...“
Und sie hatte ihm den Eindruck vermittelt, sie wollte nichts mit ihm zu tun haben... aber jetzt gab es kein Zurück mehr... sie konnte nur versuchen, das Beste daraus zu machen und mit der
Hilfe Hikaris den schönsten Kuchen zu backen, den er jemals gesehen hatte...
*** NGE ***
„Shinji-kun, würdest du mir den Rücken eincremen?“
Er sah sich um. Neben ihm im weißen Sand des endlosen Strandes lag Rei ausgestreckt auf dem Bauch, ihre einzige Bekleidung bestand aus einem winzigen Tangahöschen und einer
Sonnenbrille, die sie in die Stirn geschoben hatte.
„Ja, natürlich“, erwiderte er eilfertig und griff nach dem Sonnenschutzmittel, warf einen kur-zen Blick auf das Etikett. Sonnenschutzfaktor 5 Millionen. Gut, dann dürfte da
wohl ihre zar-te helle Haut schützen! Sie sollte ja keinen Sonnenbrand bekommen!
Er verteilte die Sonnenschutzcreme großzügig auf ihrem Rücken, ihren wohlgerundeten Po-Backen und ihren straffen Schenkeln, begann dann, sie in kreisenden Bewegungen
einzurei-ben.
Rei gab ein genießerisches Schnurren von sich.
Ja, das hätte er ewig tun können...
„Mega-Playboy-Action!“ rief ein dreistimmiger Chor von der Seite.
Shinji blickte auf.
Auf einem großen Podest, welches ihm zuvor nicht aufgefallen war, standen Toji, Kensuke und... sein Vater...
Kensuke trug ein Faschingskostüm, in dem er aussah wie eine verkleinerte Version von EVA-01, den dazugehörenden Helm hatte er sich unter den Arm geklemmt. Toji trug eine
schwarz-weiße PlugSuit, sein rechter Arm steckte in einem Gipsverband. Und sein Vater trug ein rosa Ballettkleid...
Shinji begann zu schreien...
... und wachte auf.
Er setzte sich in seinem Bett auf und fuhr sich mit den Händen durchs Haar.
Es war nur ein Traum gewesen... dabei hatte es so angenehm begonnen, wie auch die Beule in seinen Boxershorts bestätigen zu wollen schien.
Und dann... den Anblick seines Vaters in einem rosa Kleidchen würde er wahrscheinlich nie vergessen... wie kam er nur auf soetwas? Wie kam sein Unterbewußtsein auf solche Bilder? Diese
haarigen Beine... brrr...
Wie zur Bestätigung fiel seine Erektion in sich zusammen.
Shinji blickte zur Uhr, die dunkelroten Ziffern der LCD-Anzeige zeigten vier Uhr nachts.
Er mußte zur Toilette... und wenn er schon einmal wach war, konnte er auch still und leise den Tisch decken, damit Misato, wenn sie von ihrer Nachtschicht kam, sich nicht alles selbst
´raus-holen mußte - und dabei ein gewaltiges Chaos verursachte.
Gähnend trat er auf den Flur.
Da war doch etwas gewesen... oder? Eine huschende Bewegung in der Dunkelheit... oder?
Vielleicht hatten ihn auch nur seine müden Augen getrogen
Oder vielleicht war es nur der Pinguin gewesen, vielleicht schlafwandelte PenPen ja...
Er schlurfte ins Bad...
Misato stieß die angehaltene Luft aus.
Weshalb hatte Shinji gerade in dem Moment aus seinem Zimmer kommen müssen, als sie den Fahrradbausatz in ihren Raum schaffen wollte, den sie die letzten Tage über in ihrem Büro im
Hauptquartier versteckt hatte, damit er ihn beim Putzen nicht zufällig fand...?
*** NGE ***
Am anderen Ende der Stadt starrten zwei scharlachrote Augen in die Dunkelheit, fixierten den großen Schokoladenkuchen unter der Klarsichthaube, welche Hikari Rei geliehen hatte. Sie hatte
nie zuvor einen Kuchen gebacken und sich auch nicht dafür interessiert, deshalb fehlte ihr die Vergleichsmöglichkeit, auch wenn Hikari ihr versichert hatte, daß der Kuchen perfekt
war.
Hoffentlich würde er auch Shinji-kun gefallen... und hoffentlich würde niemanden auffallen, daß eine kleine Ecke fehlte, wo Hikari und sie ein Stück herausgebrochen hatten,
um den Ge-schmack zu überprüfen...