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Retelling a Story (Abzweigung 04)

Kapitel 18 - Überraschungen

Geschrieben von Ulrich Alexander Schmidt

Legal Boilerplate:
Sämtliche Fehler in der Charakterisierung sind ganz allein mir selbst zuzurechnen.

Dieser FanFic enthält:
Spoiler, endlose langweilige Dialoge, Warm and Fuzzy Feelings, Asuka in Bestform, Sex, Drogen und sinnlose Gewalt

Ach ja, dies ist die FSK 16 - Version !
Nein, es gibt keine anderen Versionen.

Alle Figuren, die nicht Eigentum von GAINAX sind, sind frei erfunden, jede Ähnlichkeit mit lebenden, toten oder sonstigen Personen ist unbeabsichtigt und daher rein zufällig. Mich verklagen zu wollen, würde nichts bringen, schließlich habe ich kein Geld
Zu riesigen Problemen essen Sie bitte die Packungsbeilage und fragen Sie den Arzt Ihres Apothekers.

Misato hatte noch - oder besser schon - geschlafen, als Shinji aufgestanden war.
In der Schule mußte er feststellen, daß Toji fehlte, laut Kensuke besuchte er seine Schwester im Krankenhaus.
Mari Suzuhara befand sich auf dem Wege der Besserung, allerdings war immer noch unklar, ob sie Zeit ihres Lebens auf einen Rollstuhl angewiesen sein würde. Tojis Familie verfügte nicht über die Geldmittel, um die nötige Operation zu finanzieren und die Versicherung hatte kate-gorisch jede Übernahme abgelehnt und auf freiwillige Selbstgefährdung verwiesen, da die Su-zuharas in Kenntnis der Gefahr nach Tokio-3 gezogen seien.
Kensuke Aida grinste die ganze Zeit über das ganze Gesicht, wollte aber nicht mit der Sprache herausrücken, weshalb.
Rei fehlte ebenfalls. Shinji ging davon aus, daß sie Synchron-Tests hatte, die wohl den ganzen Tag andauern würden, schließlich hatte sie ihm ja mitgeteilt, heute keine Zeit zu haben. Er konnte ja nicht ahnen, daß sie daheim geblieben war, weil sie sich nicht sicher gewesen war, ob sie die anstehende Party weiterhin geheimhalten konnte, wenn er sie noch einmal mit diesem verletzten Blick ansehen würde.

Hikari Horaki sah während des Unterrichtes immer wieder verstohlen über die Schulter.
Shinji Ikari hockte zusammengesunken hinter seinem Pult und starrte ins Leere, während der Lehrer seinen Monolog hielt. Er tat ihr leid, so spannend sie auch die Idee einer Überra-schungsparty fand, so grausam kam ihr die damit verbundene Geheimhaltung vor. Und Shinji schien überhaupt nichts zu ahnen...

Der Vormittag zog sich dahin wie eine zähe Masse, bis endlich die letzte Unterrichtsstunde be-endet war.
Shinji erhob sich mit langsamen Bewegungen, sortierte rein mechanisch seine Sachen in seine Tasche.

„Also, mach´s gut, Ikari. Bis dann!“ rief Kensuke und lief an ihm vorbei.

„Ja, dir auch...“
Shinji verstummte, sein Freund war bereits fort.
Natürlich, früher oder später ließen ihn alle im Stich, sobald sie erkannten, was für eine Art Mensch er war, anders konnte es gar nicht sein...
Er widmete sich wieder seiner Tasche. Je mehr Zeit er dafür aufwandte, den Inhalt zu sortie-ren, umso eher würde der Tag umsein.

„Ikari-kun...“

Eine Mädchenstimme...
Rei? Nein... auch wenn er es sich gewünscht hätte, sie war es nicht, die ihn angesprochen hatte.
Vor ihm stand die Klassensprecherin und lächelte zaghaft.
Hatte er etwas falsch gemacht? Wollte sie ihn ermahnen? Vielleicht weil er den Unterricht vor zwei Wochen geschwänzt und immer noch keine schriftliche Entschuldigung eingereicht hatte?
„Uhm, ja?“

„Ich habe gerade... äh... im Klassenbuch gelesen, daß heute dein Geburtstag ist. Und deshalb... Herzlichen Glückwunsch und alles Gute!“
Sie hielt ihm die Hand entgegen, welche er zögernd nahm.

„Ahm, danke, das...“
Wenigstens ein Mensch, der ihn nicht vergessen hatte... der ihm gratulierte...
Plötzlich war ihm zum Heulen zumute, aber er konnte doch nicht vor der Klassensprecherin in Tränen ausbrechen...
„Vielen Dank“, stieß er hervor und ließ ihre Hand los, während er sich bemühte, die aufstei-genden Tränen zurückzukämpfen.

„Ja, dann... ich muß los.“
Hikari verließ im Laufschritt den Klassenraum, ehe sie noch ungewollt verraten hätte, was ihn am Nachmittag erwartete.

*** NGE ***


Shinji schlurfte durch die Wohnung, ging nach kurzem Aufenthalt im Bad in sein Zimmer.
Misato würde sich schon melden, wenn sie ausgeschlafen hatte, es lohnte sich nicht, nur für ei-ne Person Essen zu kochen und außerdem war ihm nicht danach, sich an den Herd zu stellen.
In einer Ecke des Zimmers stand sein Cello, kurz überlegte er, ob er nicht ein paar Stunden mit Üben totschlagen sollte, doch das hätte wahrscheinlich seine Mitbewohnerin aufgeweckt.
In der Kiste, mit der das Instrument gekommen war, hatte sich auch sein SDAT-Player gefun-den, bei dem es sich um einen alten, leicht aufgemotzten MP3-player handelte, den er gebraucht auf einem Flohmarkt erstanden hatte - sein gewöhnliches Taschengeld, welches er von seinen Pflegeeltern bekommen hatte, hätte nie im Leben für ein neues Gerät gereicht. Die Oberfläche des Apparates war zerkratzt, die LCD-Anzeige an der Seite kaum noch erkennbar. Aber er funktionierte noch. Shinji stellte die letzten beiden Tracks ein und schaltete auf Endlosschleife.
Dann legte er sich auf sein Bett, schloß die Augen und ließ sich von der Musik treiben...

*** NGE ***


Auf Zehenspitzen huschte Misato durch die Wohnung, vergewisserte sich kurz, was ihr Schutzbefohlener machte, stellte fest, daß Shinji anscheinend ein kleines Schläfchen hielt.
Gut, dann würde er ihr nicht in die Quere kommen...
Zuerst stellte sie den Klingelton des Telefonapparates im Korridor so leise, daß Shinji ihn nicht hören würde - sie hatte Rei angewiesen, den anderen beiden Gästen mitzuteilen, vor dem Haus zu warten, bis alle vollzählig waren. Rei sollte dann bei ihr oben anrufen, so daß die Türklingel nicht betätigt wurde.
Dann spannte sie mehrere Girlanden durch den Wohnraum, darunter eine mit dem Schriftzug: Alles Gute zum Geburtstag. Als nächstes kam die gute Tischdecke auf den Tisch, den sie so-dann mit dem besseren Geschirr deckte, nicht mit den zerkratzten Plastiktellern, von denen sie normalerweise aß, weil sie insgeheim befürchtete, das gute Geschirr, welches sie von ihrer Mutter geerbt hatte, in angetrunkenem Zustand zerbrechen zu können.
Kurz betrachtete sie ihr Werk, nickte dann zufrieden mit sich selbst.
Im Kühlschrank standen hinter einer Mauer aus Bierdosen diverse andere Getränke, allesamt alkoholfrei, während PenPen seine Behausung seit gestern mit einer Tiefkühltorte teilen mußte. Der Pinguin schien sogar verstanden zu haben, worum es ging, jedenfalls schwang die Tür sei-nes Kühlschrankes auf und er kam mit der Torte auf den Stummelflügeln heraus.

„Wark!“

„Psst!“

„Wark.“

„Ja, ganz leise“, flüsterte Misato und nahm ihm die Torte ab. Bis die Gäste eintrafen, hatte sie noch eine gute Stunde, Zeit genug, damit die Torte vollends auftaute, sie Kakao und Tee ko-chen, sowie die Geschenke für Shinji auf dem Sofa deponieren konnte.
Es waren insgesamt drei hübsch eingepackte Pakete, die Tatsache, daß das Papier mehrere Ris-se aufwies, die großzügig mit Klebeband nachgebessert worden waren, fiel nicht sonderlich auf. Das größte Paket war natürlich der Fahrradbausatz, Misato hatte länger darüber nachge-dacht, ob sie das Fahrrad nicht zusammenbauen und mit einer Schleife versehen ins Wohnzim-mer stellen sollte, war allerdings zu dem Schluß gekommen, daß Shinji das vielleicht selbst er-ledigen wollte. Die andern beiden Pakete enthielten Kleidungsstücke, da in ihren Augen Shinji nicht gerade über viel Zeug verfügte, darunter einen Anzug für wichtige Anlässe - vielleicht gab NERV ja tatsächlich mal eines Tages eine Siegesfeier -, sowie zwei neue Hosen. Aus eige-ner Erfahrung wußte sie, daß Kleidungsstücke nicht gerade Freudenstürme auslösten, aller-dings sollten sie ja auch eher als Füllwerk dienen, damit der Bausatz nicht so allein herumstand.
Vor lauter Aufregung hatte sie den ganzen Tag noch keinen Tropfen Alkohol zu sich genom-men und war daher so nüchtern wie schon lange nicht mehr.

PenPen schwang sich mit Anlauf auf die freie Sofafläche und beobachtete das Treiben des weiblichen Menschen, der sich um ihn kümmerte.

Die Zeit verging relativ schnell, immer wieder warf Misato einen raschen Blick in den Korridor zu Shinjis Zimmertür hin, überlegte, ob sie nicht irgendwie die Tür verrammeln sollte, damit er nicht vielleicht frühzeitig dazukam.
Dann summte das Telefon.

*** NGE ***


Rei Ayanami stand vor dem Apartmentkomplex, in dem Shinji-kun und Captain Katsuragi wohnten. Die Unterschiede zu dem Gebäude, in dem sich ihr Apartment befand, waren nur all-zu offensichtlich. Dieses Haus war neu und machte einen sauberen, gemütlichen Eindruck. Es war gut, daß Shinji-kun hier untergekommen war, allein schon die Tatsache, daß in ihrem Ge-bäude ständig die Heizung ausfiel, hätte seine Gesundheit gefährdet.
Auf ihren Armen trug sie vorsichtig die Platte mit dem Kuchen unter der Haube, über welche sie noch eine undurchsichtige Plastiktüte gezogen hatte.
Hoffentlich würde Shinji-kun zu dem gleichen Ergebnis kommen, wenn er ihn probierte, was den Geschmack anbelangte, wie die Klassensprecherin.
Sie wartete bereits eine ganze Weile, war direkt nach der Schule von ihrem Apartment aus her-gekommen, hatte Shinji-kun noch im Hauseingang verschwinden sehen.
Die Anweisungen des Captains waren klar, die Überraschungsparty begann erst um drei Uhr. Sie sollte sich telefonisch melden, sobald die Mitschüler Suzuhara und Aida eingetroffen wa-ren.
In der Zwischenzeit hatten mehrere Personen das Gebäude betreten und verlassen, hatten ihr seltsame Blicke zugeworfen, sie aber nicht angesprochen. Überhaupt fiel ihr in letzter Zeit auf, daß die Leute sie merkwürdig anblickten, worauf sie zuvor gar nicht geachtet hatte. Sah sie derart anders aus mit ihrer blasser Haut, den roten Augen und dem blauen Haar? Diese Kombi-nation kam unter Menschen nicht vor, jedenfalls nicht natürlich. Was sahen sie, wenn sie sie an-blickten... und was sah Shinji-kun?

„Hey, Ayanami!“ - „Yo, Rei!“
Kensuke und Toji kamen aus Richtung der Bahnstation, Toji trug eine Plastiktüte.

Rei begrüßte die beiden mit einem Nicken, holte ihr Handy heraus, während sie den Kuchen auf dem anderen Arm balancierte, wählte die Nummer von Captain Katsuragis Wohnung, die ihr ebenso bekannt war wie ihre Handy- und Piepernummern, schließlich war der Captain der taktische Offizier von NERV und damit ihr direkter Vorgesetzter, solange der Kommandant nicht anderes bestimmte.

*Ja? Rei?*

„Wir sind vollzählig.“

*Augenblick, ich mache euch auf. Vierter Stock, die zweite Wohnung auf der linken Seite.*

„Bestätigt.“

Im gleichen Moment ertönte auch schon der Türsummer.

Rei stieß die Haustür mit dem Fuß auf, ihre Hände waren damit beschäftigt, sicherzustellen, daß der Kuchen in waagerechter Position blieb.
„Wir können eintreten.“

Toji und Kensuke wechselten einen vielsagenden Blick.
Ayanami war schon etwas seltsam - aber immerhin standen sie auf derselben Seite, so daß dies nicht viel ausmachte. Viel interessanter wäre es gewesen, zu erfahren, was sie mitgebracht hat-te...

„Und, Ayanami, was schenkst du Shinji?“ fragte Kensuke, als sie im Aufzug nach oben fuhren. - Natürlich hatte Toji darauf bestanden, den Lift zu nehmen und nicht die Treppen, seiner An-sicht nach stieg er bei sich schon genug Stufen, da das Haus, in dem er mit seinem Vater und Großvater ein Apartment bewohnte, über keinen Lift verfügte.

„Es ist eine Überraschung.“

„Ja, aber uns kannst du es doch sagen!“

„Es ist eine Überraschung für Shinji-kun.“ wiederholte sie. Sie traute den beiden einfach nicht zu, daß sie schweigen würden, bis Shinji-kun den Kuchen als erster gesehen hatte.

Wieder sahen sich die beiden Jungen an.
Eine Überraschung für Shinji-kun... und sie wollte es ihnen weder sagen noch zeigen... in dem Behälter, den Ayanami so vorsichtig trug, befand sich doch wohl nicht etwa feine Spitzenun-terwäsche, die sie ihm später vorzuführen gedachte...

Der Aufzug hielt.

Misato stand bereits in der offenen Wohnungstür und winkte ihnen hektisch zu, legte dann den Finger auf die Lippen, um ihnen zu verdeutlichen, leise zu sein.

„Guten Tag, Frau Katsuragi!“ begrüßten die beiden Jungen Misato aufgeregt.

„Pssst! Nicht so laut! Er weiß noch von nichts!“
Sie trat von der Tür zurück, damit die drei eintreten und ihre Schuhe abstreifen konnten.
„Rei, soll ich dir das abnehmen?“

„Nein, Captain Katsuragi. Das ist für Shinji-kun.“

Misato grinste.
„Na, der wird Augen machen. Los, ins Wohnzimmer mit euch, ich sage ihm Bescheid.“

*** NGE ***


„Shinji, komm doch mal schnell!“ rief Misato durch die geschlossene Tür.

Shinji öffnete erst ein Auge, dann das andere.
„Was ist denn?“
Er schaltete den SDAT-Player ab.

„Ich brauche mal deine Hilfe. Mein Reißverschluß klemmt!“

„Urgh... Und... ah... wie soll ich...“

Misato riß die Tür auf, grinste ihn breit an.
„Reingefallen! Aber du solltest trotzdem langsam aufstehen. Ich habe Hunger!“

„Ich komme... ich komme...“
Bevor er Misato wieder kochen und in der kleine Küchennische einen Ausblick auf Armaged-don anrichten ließ, stand er lieber auf und kümmerte sich selbst darum.
Daß sie immer noch breit grinste, während sie hinter ihm herging, fiel ihm zwar auf, doch er schob es auf ihre Freude über den in ihren Augen sicherlich gelungenen Scherz... ständig mach-te sie soetwas...
Da kicherte doch jemand... das klang wie Aida... oder hatte Misato den Fernseher laufen?
„Äh, Misato, ist da noch...“

Misato schob ihn das letzte Stück vor sich her.
„Sieh selbst!“

Shinji blieb abrupt stehen und riß die Augen auf.
Das geschmückte Wohnzimmer... der gedeckte Eßtisch... die Kerzen und die Torte... und die drei Gleichaltrigen, die vor dem Tisch standen... Kensuke, der ihn breit angrinste... Toji, dessen Mundwinkel zuckten... und Rei...
Rei...
Er wandte sich voller Überraschung Misato zu.
„Was...?“
Weiter kam er nicht, denn da hatte sie ihn schon so kräftig umarmt, daß er keine Luft mehr be-kam, doch so schlimm erschien ihm das gar nicht, wenigstens nicht im ersten Augenblick, steckte sein Kopf doch genau zwischen ihren Brüsten.

„Alles Gute zum Geburtstag, Shinji-kun!“ rief Misato und ließ ihn wieder los.

Shinji war einen Moment lang benommen - aber diese Wirkung hatte Misato auf die meisten Angehörigen des männlichen Geschlechtes.
„Dann... ahm... dann hattet ihr das alles geplant?“

„Klar, war gar nicht so einfach.“

Toji und Kensuke kamen zu ihm, drückten ihm eine Tüte in die Hand.
„Herzlichen Glückwunsch“, brummte Suzuhara und knuffte Shinji gegen den Arm, während Aida ihm die Hand schüttelte.

„Danke, Freunde, das...“
Zum zweiten Mal an diesem Tag wurden seine Augen feucht.
„Ich hatte schon nicht mehr... schnüff...“

„Hier.“
Kensuke reichte ihm ein Taschentuch.

„Schau mal in die Tüte.“ grinste Toji.

„Ja, äh...“
In der Tüte befanden sich zwei CDs, auf denen die Hits des vergangenen Jahres gesammelt wa-ren.
„Das... ah... das ist toll...“
Shinji strahlte über das ganze Gesicht.
„Danke.“

„Ich hab´ doch gesagt, daß es ihm gefallen wird“, sagte Toji in Kensukes Richtung.

Shinji sah Rei an.
„Du also auch... Wie... wie lange habt ihr das schon geplant?“

„Fast zwei Wochen, Shinji-kun. Es war nicht leicht, Geheimhaltung zu bewahren.“ erklärte sie und hielt ihm den Behälter mit dem Kuchen hin.
„Hier, für dich.“

„Uhm, was ist das denn?“
Er nahm den Behälter entgegen und stellte ihn auf den Tisch.
„Ein... ein Kuchen... hast du den gebacken?“

„Unter Anleitung der Klassensprecherin.“

„Hikari? Uh... ist sie auch hier?“

„Nein, Shinji-kun.“
Warum erkundigte er sich nach Hikari? Hätte er lieber sie hier gesehen anstelle ihrer?

„Hätte ich sie auch einladen sollen?“ erkundigte sich Misato.

„Uhm... also...“

„Captain Katsuragi, vielleicht ist sie zuhause, ich könnte sie anrufen und fragen, ob sie kom-men möchte.“

„Tja, hm, Shinji?“

„Uh, ja...“

„Dann gib mir einfach die Nummer, Rei. Ich mach das schon.“

Rei nannte die Zahlen und der Captain verschwand wieder im Korridor, um dort zu telefonie-ren. Ihr fiel ein, daß sie Shinji-kun noch gratulieren mußte, schließlich hatten die anderen das auch getan. Aber wie? Seine Freunde hatten ihm die Hand geschüttelt. Die Geste erschien ihr unzureichend. Andererseits konnte sie ihn auch nicht umarmen wie der Captain, sie hätte ihn möglicherweise verletzt. Und für zärtlichere Berührungen war nicht die Zeit, dazu waren zu-viele Personen anwesend, jedenfalls war sie während ihre Gespräche mit der Klassensprecherin zu diesem Ergebnis gekommen. Aber es gab ja noch andere Optionen.
„Shinji-kun?“

„Äh, ja?“ fragte Shinji und riß sich vom Anblick der drei Pakete auf dem Sofa los. Misato woll-te sicher dabeisein, wenn er sie öffnete.

Da trat Rei rasch auf ihn zu und berührte leicht seine Wange mit den Lippen.
„Alles Gute zum Geburtstag, Shinji-kun.“

„Ah... ah...“
Er berührte seine Wange mit den Fingerspitzen. Eine Ewigkeit schien zu vergehen, bis sein Ge-hirn die weiche Berührung ihrer Lippen analysiert hatte und er zu dem Schluß kam, daß sie ihn geküßt hatte...

„Mega-Playboy-Action!“ krähten Toji und Kensuke.

„Rei... was...“

Sie war bereits wieder einen Schritt zurückgewichen und verhielt sich völlig unbeteiligt, so daß Shinji sich unwillkürlich fragte, ob er es sich nicht nur eingebildet hatte.

Misato kam zurück.
„Sie ist unterwegs, ich schlage vor, wir warten mit dem Essen noch etwas. - Hübscher Kuchen, übrigens. - Was ist denn mit euch los?“
Shinji stand wie zur Salzsäule erstarrt da, während die beiden anderen Jungs lachten und sich auf Reis Wangen eine zartrosane Verfärbung ausbreitete.

„Ayanami hat Shinji geküßt!“ stieß Kensuke hervor und fing sich dafür einen Ellenbogenstoß von Toji in die Rippen ein, welcher der Ansicht war, daß er es nicht gleich hätte hinausposau-nen müssen.

„Oh... was? Shinji?“

„Auf... auf die Wange...“ stammelte Shinji und war davon überzeugt, daß er bei einem Kuß auf die Lippen wahrscheinlich einfach gestorben wäre.

„Es war nicht meine Absicht, dich in Verlegenheit zu bringen, Shinji-kun.“ erklärte Rei. Sie senkte den Blick. „Ich sollte besser gehen.“

„Uh, nein.“
Shinji trat ihr in den Weg.
Er wollte nicht, daß sie ging.
„Bitte, Rei, bleib.“ Er senkte seine Stimme zu einem Flüstern. „Die beiden sind doof.“

„Du bist nicht verärgert, Shinji-kun?“

„Nein... ahm... das... uh... so hat mir noch niemand zum Geburtstag gratuliert.“

„Aber von mir kriegst du keinen Kuß!“ rief Toji und krümmte sich wieder vor Lachen.

Rei nahm seine Aussage mit einem Anflug von Befriedigung hin.
Und anscheinend hatte sie doch keinen Fehler gemacht, wie anfangs befürchtet.
Der Captain grinste auch wieder.

„Also, nachdem das geklärt ist...“ Misato kicherte kurz. Anscheinend hatte Rei doch einen Sinn für Humor, sonst hätte sie Shinji wohl kaum geneckt... das es anders war, konnte sie sich nicht vorstellen.
„Shinji, willst du nicht deine Geschenke auspacken?“

Shinji erwiderte ihr Grinsen.
Dabei wären Geschenke gar nicht nötig gewesen, die Tatsache, daß sie an ihn gedacht und sich solche Mühe gemacht hatte, genügte ihm völlig - was aber auch nicht heißen sollte, daß er auf seine Geschenke verzichtet hätte...
Er öffnete das erste Paket. Die Verpackung wies derart viele Beschädigungen auf, daß er gar nicht erst den Versuch machte, das Geschenkpapier zur Wiederverwendung bewahren zu wol-len. Es war ein dünner rechteckiger Karton, der einen dunklen Anzug enthielt.

Misato war gleich bei ihm und hielt ihm die Jacke an.
„Ja, paßt!“

Toji pfiff leise.
„Ikari, siehst spitze aus!“

„Ja, Mega-Playboy!“ rief Kensuke.

Toji verdrehte die Augen. Daß Aida aber auch gar nichts ernst nehmen konnte...

„Uhm, ja? Rei?“

Sie blinzelte.
Shinji-kun fragte nach ihrer Meinung... Dabei hatte sie überhaupt keine Ahnung, was das The-ma Mode betraf. Sie musterte ihn und die Jacke, pflichtete Mitschüler Suzuhara stumm bei. Shinji-kun würde in diesem Anzug sehr vorteilhaft wirken.
„Die Jacke scheint zu passen.“

„Komm, sieh dir auch die anderen an.“ forderte Misato Shinji auf.
Dabei schob sie das größte Paket, jenes mit dem Bausatz zur Seite. Das beste zum Schluß...

Zwei Hosen später hatte Shinji schließlich das dritte Geschenk in Händen.
„Misato... das... das ist ja...“
Es war das Fahrrad, beziehungsweise der Fahrradbausatz, den er im Schaufenster gegenüber der Schule gesehen hatte.
„Du hast es gekauft?“

„Naja, Rei meinte, du würdest dir ein Fahrrad wünschen - und die Gelegenheit war ja günstig.“

Shinji fiel Misato um den Hals.
„Das ist das beste Geschenk, das ich jemals bekommen habe!“ jubelte er.
Dann lächelte er Rei an. Seine Lippen formten ein leises ´Danke´.

Sie nickte nur, ließ sich ihre Freude nicht anmerken, richtig gehandelt zu haben, freute sich da-rüber, daß er sich freute. Das Glücksgefühl, welches Shinji-kun verspürte, schien auf sie über-zuschwappen.

Gute zwanzig Minuten später traf Hikari ein, verbeugte sich vor Misato und bedankte sich für die Einladung. Dann wandte sie sich Shinji zu, gratulierte diesem zum zweiten Mal an diesem Tag und erklärte mit Bedauern, daß sie kein Geschenk für ihn hätte.

Shinji schüttelte den Kopf.
„Rei hat mir gesagt, daß ihr beiden den Kuchen für mich gebacken habt, das genügt.“

Rei wußte nicht, was sie davon halten sollte.
Warum legt Shinji-kun soviel Wert auf die Gesellschaft der Klassensprecherin? Weil sie beide an dem Kuchen gebacken hatten? Oder war es mehr?
Dieses nagende Gefühl in ihrer Brust... konnte das Eifersucht sein?
Aber die Klassensprecherin war doch eine Freundin, oder? Oder wollte sie sich zwischen sie und Shinji drängen?

Misato zündete die Kerzen an, die teilweise leicht schief in der Torte steckten, und erklärte die Feier für eröffnet.
„Los, Shinji, auspusten!“

„Ja, auspusten!“ rief Kensuke.

„Und vergiß nicht, dir etwas zu wünschen!“

„Uhm...“
Shinji holte tief Luft und begann zu pusten, schaffte es tatsächlich, alle Kerzen auszublasen, ehe er Atem holen mußte.

„Und, Ikari, was hast du dir gewünscht?“

„Das erzählt man doch nicht, Aida!“ erklärte Hikari. „Dann geht der Wunsch nicht in Erfül-lung!“
Sie saß neben Toji, auf dessen anderer Seite Kensuke saß, während Shinji zwischen Misato und Rei saß.

Rei sah ausdruckslos zu Hikari hinüber, welchen den Blick mit fragend hochgezogenen Augen-brauen erwiderte.

Misato schnitt die Torte an.
„Okay, wer will ein Stück?“

„Uhm, könnte ich wohl ein Stück von Reis Kuchen haben?“ fragte Shinji leise.

Reis Mundwinkel zuckten leicht.
Shinji-kun wollte zuerst ihren Kuchen probieren.
Und er hatte ´Rei´s Kuchen´ gesagt...
Sie nickte Hikari unmerklich zu.

Diese glaubte, das Nicken bezog sich auf die Qualität des Kuchens und nickte zurück.

Alle starrten Shinji an, nachdem Misato ihm ein großes Stück Kuchen abgeschnitten und vor die Nase gestellt hatte.

„Ahm, was schaut ihr denn alle so?“

„Nun probier schon und sag uns, ob er gut ist!“ ergriff Toji das Wort und zuckte gleich darauf zusammen, als seine Nachbarin ihm vor das Schienbein trat.
„Au! Wofür war das denn?“

„Natürlich ist er gut! Ayanami hat sich alle Mühe gegeben!“

„Uh. Ich wollte nicht andeuten, euer Kuchen wäre...“

„Nicht unser Kuchen! Ich habe nur den Ofen im Auge behalten!“

Rei öffnete den Mund, um die Aussage der Klassensprecherin zu korrigieren, schließlich klang diese, als hätte sie den Kuchen allein fertiggemacht und lediglich den Herd der Horakis zum Backen benutzt. Doch da zwinkerte Hikari ihr zu und machte eine knappe Handbewegung, nichts zu sagen. Und Rei verstand - die Klassensprecherin war nicht gewillt, daß jemand von den Dingen erfuhr, die sie ihr anvertraut hatte, auch nicht, daß sie nicht kochen konnte.
So verhielt sich eine Freundin... also war Hikari eher wegen Suzuhara hier als wegen Shinji... oder vielleicht auch, weil, wie sie ihr am Vortag erzählt hatte, niemand sie zu irgendwelchen Partys einlud, weil sie kaum Kontakte mit den Mitschülern hatte, die über das schulische hin-ausgingen...
Das Gefühl von Eifersucht erlosch schlagartig, machte Reue über die Fehleinschätzung Platz.
Plötzlich nahm sie Shinji-kuns Hand wahr, die schwach ihren Unterarm berührte.

„Rei, das ist der beste Kuchen, den ich je gegessen habe!“ erklärte Shinji im Brustton der Über-zeugung. Gegenüber diesem Kuchen verblaßten die Kuchen aus dem Supermarkt, welche seine Pflegemutter bei Feierlichkeiten immer massenhaft gekauft hatte, um soviel Auswahl wie mög-lich bei möglichst geringem Aufwand zu haben.
Er schwebte regelrecht im siebten Himmel. Das war einfach wunderbar!
Seine erste Überraschungsparty... sein erstes Fahrrad... der wahrscheinlich erste selbstgebacke-ne Kuchen seines Lebens... und der erste Kuß...
Schon an letzteres zu denken ließ sein Herz schneller schlagen und ihn erröten, sobald er zur Seite blickte und Rei ansah, welche an einem schmalen Stück des von ihr gebackenen Kuchens knabberte. Daß sie hier war, daß sie ihm einen Kuchen gebacken hatte - und daß sie ihn geküßt hatte, wenn auch nur sacht und auf die Wange - hieß da nicht, daß sie ihn mochte, daß er sich die letzten Tage ganz umsonst gesorgt hatte?

Der Nachmittag verging wie im Fluge und eigentlich viel zu schnell.
Nach dem Essen hatten sich die Jungs mit dem Fahrradbausatz nach unten und vor das Haus begeben, um ihn dort zusammenzumontieren.
Toji brachte seine Kraft ein, wenn es darum ging, Teile zusammenzuschrauben oder zusam-menzuhalten, damit sie mittels Schrauben verbunden werden konnten, während Kensuke be-wies, daß er mit dem zum Bausatz gehörenden Werkzeug umgehen konnte, und Shinji freude-strahlend jedes Teil zuerst in die Hand nahm und jede angezogene Schraube regelrecht zu seg-nen schien.

Die beiden Mädchen waren ihnen nach unten gefolgt, während Misato oben den Tisch abräum-te und PenPen ein Stück der Geburtstagstorte vor die Tür seiner Behausung stellte.
Das hatte bestens geklappt... und Shinji war so glücklich, wie sie ihn bisher noch nicht erlebt hatte. Es war eine gute Idee gewesen. Und sie kam nicht umhin festzustellen, daß Shinji und Rei in ihren Augen ein süßes Paar abgegeben hätten.

Unten sahen Hikari und Rei von einer Bank aus den drei Jungen zu, welche mit Eifer das Fahr-rad zusammenschraubten und bereits ihre erste gemeinsame Radtour planten.

„Und, Ayanami, zufrieden?“

„Womit, Klassensprecherin?“

„Na, Ikari-kun scheint sich sehr gefreut zu haben.“

„Das hat er.“

Hikari blickte zur Seite, sah mit Erstaunen, daß Rei lächelte.

„Es ist schön, daß er glücklich ist.“

„Ja. Jetzt schau dir das an - die drei tun ja gerade so, als ob von diesem Fahrrad das Schicksal der Welt abhängt...“
Hikari lachte.
„Und Toji... sein Gesicht...“

Tatsächlich machte Toji ein recht verkniffenes Gesicht, während er zwei Teile des Rahmens in-einanderschraubte, die ihm einen gewissen Widerstand entgegensetzten.
Kensuke gestikulierte wild mit Händen und Füßen und Shinji wich dem Schraubenzieher aus, den der bebrillte Junge in der Hand hatte.

„Ayanami, Frau Katsuragi sagte, du hättest erwähnt, daß ich dir geholfen hatte...“

„Ja. War das falsch?“

„Nein. Danke.“

„Wofür?“

„Daß du mich nicht einmal unter den Tisch hast fallen lassen.“

Rei überlegte.
Es hatte doch gar keine Situation gegeben, bei welcher die Klassensprecherin in Gefahr geraten war, unter einen Tisch zu fallen, egal ob in der Schule oder eben in der Wohnung.
Es mußte sich also um eine weitere Redewendung handeln.
„Ich habe nur die Fakten dargelegt.“

„Ja. Mir ist noch kein ehrlicherer Mensch begegnet als du.“

Wieder setzte Rei zu einer Korrektur an, unterließ es aber, es brachte nichts, wenn sie Hikari erklärte, daß es viele Dinge gab, über die sie nicht reden durfte, entweder weil es ihr befohlen worden war, oder weil sie sonst Shinji-kun verloren hätte...
Also schwieg sie.

Hikari wartete eine Weile auf eine Antwort, während vor ihnen das Fahrrad langsam Formen annahm. Shinji hatte inzwischen die Reflektoren in die Räder eingesetzt, die Radschläuche auf-gezogen und aufgepumpt, während die anderen beiden den Rahmen fertigmontiert hatten und Kensuke jetzt den Lenker anbaute.

„Shinji mag dich.“ flüsterte Hikari schließlich verschwörerisch, als die Stille für sie unerträglich wurde.

„Woher...“ stieß Rei leise hervor, während sich ihre Wangen heiß anzufühlen begannen.

„Ich habe ihn beobachtet. Als er den Kuchen probiert hatte, schien es mir, als wollte er dir um den Hals fallen. Er wirkte so glücklich, daß es fast schon unnatürlich war.“

„Alles wegen... eines Kuchens?“

„Kennst du nicht das Sprichwort ´Liebe geht durch den Magen´?“

„Nein... Aber jetzt schon. Willst du mir damit sagen, ich sollte öfter für ihn kochen?“

Hikari kicherte.
„Schaden kann´s nicht. Ich könnte dir ein paar Rezepte geben und den einen oder anderen Kniff verraten... du könntest ihm etwas für die Mittagspause machen.“
Sie zwinkerte.
„Ich überlege, ob ich Toji nicht auch etwas machen sollte, er hat meistens nichts dabei, sondern kauft sich etwas in der Cafeteria - und das Essen dort ist scheußlich...“

Das überzeugte Rei vollends - die Klassensprecherin hatte keine Empfindungen für Shinji-kun, die den ihren entsprachen, ihr Interesse galt Suzuhara-kun. Gut... Nur kurz fragte sie sich, wie weit zu gehen sie bereit gewesen wäre, wäre es anders gewesen.

Ein freudiges Jauchzen riß die beiden aus ihrer Unterhaltung - Shinji drehte auf dem fast leeren Parkplatz seine ersten Runden, zuerst noch mit dem rennenden Toji neben sich, der das Rad am Gepäckträger festhielt, um Shinji im Gleichgewicht zu halten, dann aber schließlich losließ und keuchend stehenblieb, ohne daß Shinji umstürzte.

„Rei, schau mal!“ rief Shinji, als er in einer weiten Kurve an ihnen vorbeifuhr.

Der Anblick erwärmte ihr Herz...

*** NGE ***


Der Tag ging rascher vorbei, als irgendeiner der Beteiligten es sich gewünscht hätte.
Misato ließ zum Abendessen etwas von einem Bringdienst kommen, es gab Pizza, wobei sie sich des Eintrages in Reis Akte erinnert und für diese vegetarisch geordert hatte.
Toji proklamierte, sein neues Leibgericht entdeckt zu haben und alle hatten generell jede Men-ge Spaß, einschließlich Rei, auch wenn sie es gut verbarg und sich nur ein schmale Lächeln dann und wann erlaubte. Für sie war es nicht nur die erste Party, zu der sie eingeladen worden war, sondern das erste Fest überhaupt, an dem sie teilnahm, die Einweihungsfeier des NERV-Hauptquartieres hatte sie über Monitor von der Reifungskammer aus verfolgt.
Nach dem Essen holte Misato mehrere Brett- und Kartenspiele aus dem kleinen Zimmer am Ende des Korridors, das eher die Qualitäten eines Einbauschrankes als eines Raumes hatte, und in dem sie ihre nicht genutzten Sachen lagerte.
In der Folge stellte sich heraus, daß Rei kaum zu schlagen war, wenn es um Logik, Gedächnis-leistungen und Taktieren ging - bei letzterem konnte nur Misato sie übertrumpfen, welche von Toji und Kensuke bekniet worden war, mitzuspielen.
Draußen wurde es langsam dunkel, als Misato schließlich erklärte, die Gäste heimfahren zu wollen. Die fünf sahen sich enttäuscht an, wobei Rei ihre Enttäuschung gut verbarg - auch sie wäre gerne geblieben, doch sie konnte die Entscheidung des Captains nachvollziehen, schließ-lich war am nächsten Tag Schule und Doktor Akagi wollte ferner einige Tests durchführen, Shinji-kun benötigte also seinen Schlaf.

„Ich könnte Rei nach Hause bringen“, erklärte Shinji zögernd. „Wenn ich mein Fahrrad mitneh-me, bin ich auch ganz schnell wieder zurück.“

Misato überlegte und nickte.
Sollte Shinji ruhig noch ein paar Runden mit dem Rad drehen.
„Aber keine großen Umwege! Und du bleibst auf den Radwegen!“

„Natürlich.“

„Ich wohne nicht weit von hier“, erklärte Hikari. „Sie brauchen mich nicht zu fahren.“

„Und ich sorge schon dafür, daß ihr nichts passiert.“ meldete Toji sich zu Wort.

Misato grinste.
„Wie ihr wollt. Und du, Kensuke?“

Aidas Augen funkelten. Er hatte schon immer in Misatos Sportwagen mitfahren wollen, seit er ihn zum ersten Mal gesehen hatte.
„Wenn Sie mich mitnehmen, sage ich nicht nein.“

Die anderen lachten.

Als sie vor dem Haus in verschiedene Richtungen auseinandergingen, reichten sie Shinji noch einmal die Hand und bedankten sich für die Einladung, dann machten Shinji und Rei sich auf den Weg zur Bahnstation, wobei Shinji sein neues Fahrrad neben sich herschob.

Der Abend war angenehm, zwar immer noch kühl, aber nicht mehr so kalt wie noch vor eini-gen Wochen. Dieser Zustand würde noch etwa zwei Monate anhalten, ehe der kurze, aber heiße Sommer über sie hereinbrechen würde.

Schweigend gingen sie nebeneinander her bis zur Bahnstation.
In der Bahn setzte Rei sich auf die Bank, während Shinji mit dem Rad im Türbereich stehenblieb.
Erst als sie schließlich das Gebäude, in dem Rei wohnte, erreichten, brachte Shinji die Zähne auseinander.
„Ich bin sehr froh darüber, daß du gekommen bist, Rei.“

„Ja?“

„Ja. Ohne dich wäre es... etwas hätte gefehlt... so war es jedoch perfekt.“

„Shinji-kun, was siehst du?“

Ihre Frage überrumpelte ihn völlig.
„Rei, ich...“

„Bitte... schau mich an... und sage mir, was du siehst...“

Er sah sie an, lange und eingehend.
Was konnte sie nur meinen...
„Rei, ich... ich sehe dich... ich sehe Rei Ayanami...“

„Sonst nichts?“

„Was sollte ich denn sehen? Ich sehe ein Mädchen... ein hübsches Mädchen in meinem Alter...“
Er zuckte heftig zusammen und biß sich auf die Zunge. Das war falsch, falsch, falsch... Wenn er ihr sagte, daß er sie mochte, würde sie ihn nur zurückweisen, so wie er schon so oft zurück-gewiesen worden war, wie alle Menschen, die ihm etwas bedeutet hatten, ihn zurückgewiesen hatten... war es da nicht viel besser, sein Herz zu verschließen?

„Shinji-kun, siehst du nur mich?“

Die Frage übertraf nun wirklich alles.
Er war doch nicht Misato, bei der man von der Zahl der Sixpacks, die sie in der letzten Stunde geleert hatte, darauf folgern konnte, wie oft sie jemanden sah...
„Natürlich sehe ich nur dich. Rei, was soll das alles?“ fragte er verzweifelt.
Doch seine Verzweiflung zerstob, als sie ihn umarmte und ihm ein leises „Danke, Shinji-kun“ ins Ohr flüsterte. Dafür übernahm eine anders geartete Verwirrung ihren Platz.

Dann trat sie auf die Haustür zu.

„Uhm, ja, Rei, also, öh, dann, äh, bis morgen“, stotterte er jetzt wieder verwirrt.

„Ja. Bis morgen.“
Dennoch wandte sie sich nicht ab um hineinzugehen, blickte ihn stattdessen an.
Shinji-kun mochte sie... er hatte gesagt, sie sei hübsch...
Und er hatte ihr dabei nur ins Gesicht geblickt, genau in die Augen, die Fenster zur Seele...
„Warte...“
Mit zwei raschen Schritten überwand sie die Entfernung zwischen ihnen. Dann hauchte sie ihm einen Kuß auf die Wange, den zweiten an diesem Tag, nur diesesmal auf die andere Wange.
„Gute Nacht. Und fahr vorsichtig.“

„Uh, ja. Dir auch eine... eine gute Nacht.“

Im Dunkeln - die Straßenlaterne in der Nähe funktionierte nicht und der Hauseingang war auch unbeleuchtet - sah er nur ihre scharlachroten Augen, die in der Nacht wie die Augen einer Ka-tze zu leuchten schienen. Das Lächeln auf ihren Lippen hingegen fühlte er mehr, als daß er es sah...

*** NGE ***


„... und dann hat Ayanami Shinji geküßt“, beendete Toji gerade seinen Bericht darüber, was vor der Ankunft Hikaris auf der Party geschehen war.

„Wirklich?“
Hikari staunte. Das hätte sie Ayanami nun wirklich nicht zugetraut, so verschlossen, wie diese sich immer verhielt.

„Ja, auf die Wange. Ich hatte richtig Angst um Shinji, er könnte explodieren, so rot ist er ge-worden.“

So, auf die Wange... Hikari schüttelte stumm den Kopf. Sie erinnerte sich, Rei erzählt zu ha-ben, daß in manchen Ländern die Menschen einander mit Küssen auf die Wangen begrüßten und verabschiedeten, während sie am gestrigen Tag mit dem Kuchenteig beschäftigt gewesen waren. Anscheinend war Ayanami eine sehr aufmerksame Zuhörerin...
Sie standen vor dem Haus, in dem Hikari mit ihrem Vater und ihren Schwestern wohnte, ein kleines Reihenhaus in einer Seitenstraße.
„Schade, daß ich das nicht sehen konnte.“

„Tja... was die beiden jetzt wohl gerade machen?“

„Wahrscheinlich dasselbe wie wir.“
Hikari lächelte.
„Vor der Tür stehen und reden.“

„Wahrscheinlich. Ikari ist nicht gerade ein Draufgänger.“

„Aber du, was?“

Toji schüttelte ernst den Kopf.
„Nein. Sicher, wenn mich der Zorn packt, bin ich schwer zu stoppen... und dann sage ich Din-ge, die mir hinterher leid tun... aber eigentlich suche ich keinen Streit.“

„Toji...“

„Nun... ich sollte mich wohl langsam auf den Weg machen, sonst macht sich bei mir jemand Sorgen.“

„Ja...“

„Also...“
Er reichte ihr die Hand.

Hikari trat auf ihn zu, in der nächsten Sekunde hielten sie einander an den Händen, sahen sich lange in die Augen. Dann stellte sie sich auf die Zehenspitzen und küßte ihn auf den Mundwin-kel.
„Gute Nacht, Suzuhara-kun.“

„Ich... ja, gute Nacht, Klassensprecherin...“

„Du siehst süß aus, wenn du rot wirst.“

„Äh...“
Toji grinste verlegen, wartete noch, bis sie im Haus verschwunden war, ehe er sich selbst auf den Weg machte.

Copyright of the Charakter by GAINAX / Text by Ulrich Alexander Schmidt