Die beiden, Shinji Ikari und Rei Ayanami, hatten sich bis zum Abend mit den Aufgaben be-schäftigt, ehe Shinji schließlich aufgebrochen und heimgefahren war. Irgendwelche
Zwischen-fälle hatte es nicht gegeben - auch wenn Shinji dies ein wenig bedauerte, er hätte durchaus nichts gegen einen Abschiedskuß gehabt.
Als er heimkam, fand er Misato vor dem Fernseher sitzend vor, das obligatorische Bier in d Ach ja, dies ist die
FSK 16 - Version !er Hand und ein weiteres Sechserpack in Griffweite.
Sie blickte demonstrativ auf die Uhr.
„Noch eine Stunde, und ich hätte angefangen, mir Sorgen zu machen.“
„Uhm, ich war noch bei Rei, wir haben zusammen Hausaufgaben gemacht.“
Misato nickte und lächelte.
„Gut, aber vielleicht kannst du mir das nächste Mal eine Nachricht hinterlassen, wozu haben wir schließlich den Anrufbeantworter.“
„Ja, versprochen. Äh... ich werde uns dann mal etwas zu essen kochen.“
„Hm-m.“
Sie ließ gerade den Inhalt einer Dose nonstop ihre Kehle hinablaufen - aufgrund ihres hohen und regelmäßigen Konsums hatte sie längst den Bogen ´raus, wie man eine
Dose in einem Zug leerte, ohne zwischendurch zu schlucken.
„Und, war´s schön?“
„Ugh...“
Fast automatisch lief er rot an, obwohl sie sogleich ein Lachen folgen ließ.
Wenn sie doch nur damit aufhören würde...
„Ich find´s schön, daß ihr beide euch versteht... aber macht bitte keine Dummheiten... du weißt doch, wovon ich spreche, oder?“
„Ich... ahm... glaube schon.“
„Hm-m. Aber falls du irgendwelche Fragen haben solltest...“
„Uhm, nein, nein, ich habe keine Fragen, ah...“
Er wäre wahrscheinlich eher gestorben, als daß er sich mit ihr darüber hätte unterhalten kön-nen... auf der anderen Seite bekam er ohnehin schon mehr mit, als ihm lieb
war, wenn er nur Toji und Kensuke zuhörte, während diese in den Pausen Mädchen beobachteten... obwohl Toji sich in letzter Zeit deutlich zurückhielt.
Shinji war ganz froh, als Misato sich wieder dem Fernseher zuwandte, der US-Sender brachte alle drei Teile irgendeines Mafiafilmes um eine Gangsterfamilie namens Corleone oder so ähn-lich
und sie hatte sich bereits seit Wochen darauf gefreut. Er selbst konnte dem Thema nicht viel abgewinnen, obwohl er insgeheim dachte, daß sein Vater ganz gut in diese Runde abge-brühter
Killer gepaßt hätte...
*** NGE ***
Am nächsten Morgen fuhr er wieder mit seinem Fahrrad zur Schule.
Auf dem Gang vor dem Klassenraum begegnete er Kensuke, der gerade einer Gruppe Jungen aus anderen Klassen, die alle eine gewissen Ähnlichkeit mit ihm aufwiesen, nicht äußerlich,
sondern vielmehr auf der intellektuellen Ebene, von seiner Fahrt in Misatos Sportwagen erzähl-te, wobei er die Fahrt, welche eigentlich keine fünf Minuten gedauert hatte, zu einer
wahren Langstreckenreise ausdehnte, indem er Fahrmanöver beschrieb, die so waghalsig klangen, daß Misato sie wahrscheinlich nicht einmal sturzbetrunken versucht hätte.
Shinji winkte dem anderen Jungen kurz zu und betrat dann den Klassenraum, lief fast in Toji und Hikari hinein, die direkt neben der Tür standen, wobei Toji gegen die Wand lehnte und Hi-kari
näher bei ihm stand, als dies eigentlich schicklich war.
Rei saß bereits an ihrem Platz, den Kopf auf die Hände gestützt.
Shinji steuerte direkt auf sie zu, begrüßte sie mit einem strahlenden Lächeln, welches jedoch nicht die gewünschte Reaktion hervorrief, blieb ihr Gesicht doch völlig
ausdruckslos, als sie ihm zunickte.
„Guten Morgen, Shinji-kun.“
„Uhm...“
Er stellte seine Tasche auf den Boden und schwang sich auf das Fensterbrett, setzte sich neben ihr in die Fensterbank.
„Shinji-kun, ich muß dich darauf aufmerksam machen, daß dies kein regulärer Sitzplatz ist.“
Shinji lachte.
„Ich wollte fragen, ob wir uns heute wieder treffen wollen - ich meine, in den sechs Stunden heute werden wir nur in vieren über den Second Impact unterrichtet, ahm, natürlich
nur, wenn es dir recht ist.“
„Es wäre mir recht. Aber ich habe heute Tests.“
„Ist dein EVA schon wieder soweit repariert?“
„Nein, Doktor Akagi simuliert die Synchronverbindung über die MAGI-Rechner.“
„Ach so. Schade...“
„Wir könnten uns jedoch vorher im Hauptquartier treffen, ich schlage den Erholungsbereich vor.“
„Erholungsbereich?“
Davon hatte er noch nichts gehört - andererseits kannte er von den Einrichtungen in der Geo-front auch nur den Hangar, das Test-Areal und die große Halle, in der Akagi den zweiten
En-gel hatte sezieren lassen, sowie den Besprechungsraum. Rei meinte doch nicht etwa das Dampfbad?
„Das Hauptquartier ist weitestgehend autark. Es verfügt neben einer eigenen Stromversorgung über Gewächshäuser, Wohnquartiere und auch einen größeren
Freizeitbereich mit Einrichtun-gen zur körperlichen Betätigung.“
„Eine Sporthalle?“
„Und ein Schwimmbad. Wir könnten uns dort treffen, Tische und Sitzgelegenheiten sind vor-handen.“
„Ja, gern... Uhm, was macht dein Finger?“
Sie hob die Hand so, daß er die Stelle, an welcher sie sich die Verbrennung zugezogen hatte, begutachten konnte. Die Haut war völlig makellos.
„Es ist verheilt.“
„Das ist gut... ahm, ja... sagt mal, Rei...“
Ihr fiel die Pause auf, die er machte; sie wußte mittlerweile, daß diese Pausen endlosen anhal-ten konnten, wenn sie nicht reagierte.
„Ja?“
„Ich habe gesehen, daß... ahm, das Schuljahr dauert ja nur noch sechs Wochen... und...“
„Und in vier Wochen sind Abschlußprüfungen. Falls du fragen wolltest, ob wir zusammen ler-nen wollen, so bin ich damit einverstanden.“
„Uh, nein, nicht ganz, obwohl, ahm, das wäre wohl meine nächste Frage gewesen, ja...“
Gut, er hatte nicht soweit gedacht. Himmel, in vier Wochen konnte viel passieren, vielleicht fanden ja ausgerechnet an den Prüfungsterminen Synchrontests statt... es mußte ja nicht
gera-de ein Engel sein, der vorbeischaute, nur so ein paar klitzekleine Tests...
„Ja, ähm, die älteren Schüler werden ja direkt vorher entlassen... und am Wochenende nach den Prüfungen findet der Abschlußtanz statt und ich dachte...
ahm...“
Abschlußtanz... wollte Shinji-kun sie fragen, ob sie ihn zu diesem Tanz begleitete? Die Anwei-sungen des Kommandanten... nein, es war ja keine Überraschungs- und auch keine
Geburts-tagsfeier... aber sie würde ihm keine genügende Partnerin sein können...
„Es wird nicht möglich sein, daß ich dich begleite.“
„Nein?“
Er setzte jene Miene auf, die einem leidenden Dackelblick am nächsten kam.
„Wirklich nicht?“
„Ich kann nicht tanzen.“
Vielleicht konnte sie die Klassensprecherin um Rat fragen, aber diese war offensichtlich mit Suzuhara-kun beschäftigt...
„Ahm, das macht nichts, wirklich nicht... ich kann nämlich auch nicht tanzen.“
„Weshalb möchtest du dann zu dieser Veranstaltung?“
„Nun, uhm, ich war noch nie zu sowas, an meiner alten Schule gab es keine Feiern...“
Jedenfalls hätten seine Pflegeeltern ihn nicht gehen lassen...
„Und, ahm, naja...“
Die Stundenglocke ertönte.
„Ich sollte wohl besser...“
Kensuke kam hereingeflitzt.
„Der Lehrer!“
*** NGE ***
Das Schwimmbad war riesig, das Becken war größer als das der Schule, das blau schimmernde Wasser völlig ruhig, da sich niemand darin aufhielt.
Es gab mehrere Tische mit Stühlen darumherum, die an einer hohen Fensterfront standen, hin-ter der sich einer der Hydroponischen Gärten befand, in denen NERV Obst und Gemüse
für den Kantinenbetrieb züchtete - irgendwie hätte Shinji sich auch nicht gewundert, wenn er er-fahren hätte, daß in der Geofront vielleicht auch Viehzucht betrieben
wurde, genug Platz gab es ja; wenn er darüber nachdachte, hätte er die Stadt in der großen Höhle errichtet anstatt an der Oberfläche, wo die Engel doch des öfteren
vorbeikamen.
Die beiden Teenager saßen an einem der Tische über den Aufgaben, beide waren barfuß, die Schuhe mit den Strümpfen darin standen neben dem Eingang. Der Fußboden war
angenehm warm.
Shinji streckte sich und sah zur Uhr an der Wand.
Sie hatten noch eine gute halbe Stunde, bis Rei zu den Tests mußte.
Er zuckte zusammen, als sein Fuß Reis Bein streifte, zog ihn vorsichtig zurück.
„Uhm, entschuldige.“
Sie blickte von ihren Aufzeichnungen auf.
„Das macht nichts.“
Ein feines Lächeln umspielte ihre Mundwinkel.
Kurz darauf spürte Shinji, wie ihre Zehen die seinen berührten, langsam über die Oberfläche seines Fußes und dann wieder zurück wanderten.
„Ah...“
Rei blickte nicht auf, schaffte es sogar das Zucken ihrer Mundwinkel zu unterdrücken, wäh-rend sie unter dem Tisch zum zweiten Versuch überging und ihn diesesmal leicht
kitzelte.
Shinji grinste und tastete blind nach ihrem Fuß, kraulte ihn mit dem großen Zeh an der Seite.
Sie nahm seinen Fuß mit ihren beiden in die Zange, doch er befreite sich, indem er sie nun unter der Fußsohle kitzelte.
So ging es eine ganze Weile, während sie über dem Tisch vorgaben, sich den Aufgaben zu wid-men, sich dabei allerdings gegenseitig versteckt fixierten, er breit grinsend, sie mit leicht
zuk-kenden Mundwinkeln.
Plötzlich gab Rei ein leises anhaltendes Geräusch von sich, welches Shinji nach Vergehen einer sehr langen Sekunde als Kichern identifizierte. Schließlich jedoch stand sie ohne
Vorwarnung auf und räumte ihre Sachen zusammen.
„Ich muß los.“
„Ja.“ murmelte er mit Bedauern. „Dann sehen wir uns morgen in der Schule.“
„Nein. - Du hast Tests.“
„Ach ja, stimmt...“
Ups, das hatte er doch ganz vergessen, zur Abwechslung hatte Doktor Akagi ihn vormittags eingeplant...
„Aber ich nehme für dich Unterlagen mit.“
„Danke.“
*** NGE ***
Wieder verging ein Tag ohne weitere besondere Ereignisse.
Auf dem Rückweg ging Shinji bei Kensuke vorbei, der ihn schon vor Tagen eingeladen hatte, ihn zu besuchen und ein paar neue Videospiele auszuprobieren.
Shinji war zum ersten Mal bei seinem Freund zuhause, Aidas bewohnten ein kleines Haus am Stadtrand von Tokio-3, Kensukes Vater leitete eine Computerfirma, die mit der Wartung ver-schiedener
Anlagen in der Stadt beauftragt war.
Kensukes Zimmer war genauso, wie Shinji es sich vorgestellt hatte, in Kisten stapelten sich Comic-Hefte bis unter die Decke, die freien Wandflächen waren mit Postern zugehangen und auf dem
Boden bildeten CDs und Videokassetten ein richtiges Durcheinander.
Er blieb gute zwei Stunden dort, hatte aber den Eindruck, daß Kensukes Mutter, welche mehr-mals in dieser Zeit in das Zimmer ihres Sohnes blickte, ihn nicht mochte und seine Anwesenheit
mißbilligte, so daß er sich schließlich verabschiedete und heimging, um Essen zu kochen und die Wohnung etwas zu putzen.
*** NGE ***
In jenem heruntergekommenen Stadtviertel, in dem Rei wohnte, gab es einen großen Super-markt, der in einer ebenfalls heruntergekommenen Lagerhalle untergebracht war.
Den Verkäufern bot sich an diesem Abend ein unerwarteter Anblick, schob doch ein Mädchen mit scharlachroten Augen, blauem Haar und blasser Haut, das eine Schuluniform trug und wel-che
das Geschäft vorher noch nie betreten hatte, einen der Einkaufswagen durch die Gänge und füllte diesen mit verschiedenen haltbaren Lebensmitteln wie Packungen mit losem Tee in
verschiedenen Geschmacksrichtungen, Getränkedosen mit Limonade und Packungen mit diver-sen Keksen und anderen Knabbereien - schließlich wollte Rei das nächste Mal, wenn Shinji-kun
sie besuchte, vorbereitet sein und ihm etwas mehr anbieten können als schwarzen Tee, der bereits seit Jahren in der Schublade gelegen hatte...
*** NGE ***
Etwa zur selben Zeit empfing Gendo Ikari in seinem riesigen Büro einen Besucher, der sich äußerst beeindruckt von der Lokalität zeigte - Ryoji Kaji.
„So, Herr Kaji, Sie haben es also endlich geschafft, herzukommen...“
Kaji nickte ernst, stellte den Koffer, der über eine Kette mit seinem Handgelenk verbunden war, auf den Schreibtisch.
„Ich mußte erst sichergehen, daß Asuka gut untergebracht ist.“
„Herr Kaji, Ihre Verantwortung liegt in erster Linie bei NERV, vergessen Sie das nicht.“
Ikari öffnete das Schloß der Kette.
Kaji rieb sich das befreite Handgelenk.
„Natürlich.“
„Die deutsche Abteilung ist der Ansicht, daß Sie für den Posten des Chefs des Strategischen Planungsstabes im Hauptquartier bestens geeignet sind, Major.“
Kaji hob die Schultern.
„Es ist Ihre Entscheidung, Sir.“
„Sie haben den Job.“
„Danke.“
„Sie können gehen.“
Ryoji Kaji verließ das Büro und wandte sich in Richtung des Labortraktes.
*** NGE ***
Ritsuko Akagi saß in ihrem Büro an ihrem Schreibtisch und brütete über ihren Unterlagen, als jemand sie von hinten stürmisch umarmte.
„Immer noch Workaholic?“ flüsterte eine vage bekannte Stimme in ihr Ohr.
Sie befreite sich aus der Umarmung und sah auf.
„Kaji! Lange nicht gesehen... wie lange ist das jetzt her?“
„Oh, ein paar Jährchen sind schon vergangen, seit wir drei zusammen auf der Uni waren... du, ich und Misato... Bist du immer noch solo?“
Akagi nickte.
„Keine Zeit für Beziehungen. Ich hörte, du hast bei NERV-Deutschland Karriere gemacht?“
„Ja.“
Er salutierte breit grinsend.
„Major Ryoji Kaji zur Stelle! Ab heute Leiter des Strategischen Planungsstabes.“
„Ikari hat dich zum Chef des NERV-Geheimdienstes gemacht?“
„Da staunst du, was? Himmel, Ritsuko... ist wirklich soviel vergangen?! Du hast dich kaum verändert... deine Kollegen hier müssen blind, taub und dumm sein, eine Schönheit
wie dich zu übersehen!“
Akagi lachte.
„Immer noch der gleiche alte charmante Kaji...“
Sie bemerkte auf der reflektierenden Scheibe ihres abgeschalteten Computermonitors, daß je-mand hereingekommen war.
„Vielleicht sollte ich dich erobern, was meinst du?“
„Hm, das wäre einen Gedanken wert... aber wir sind leider nicht allein...“
„Ja?“
Kaji sah sich um, blickte direkt in das wütende Gesicht Misatos.
„Oh, hi, Katsuragi-chan!“
„Verdammt noch mal!“ brüllte Misato. „Änderst du dich eigentlich nie? Immer rennst du jedem Rock nach!“
„Hey, hey!“ Er hob abwehrend die Hände. „Ich bin nun mal so...“
„Ja, ja, immer das gleiche Lied“, seufzte Ritsuko und suchte in ihrer Schublade nach Ohrstöp-seln.
„Natürlich, das ist ja auch eine prima Ausrede, was?“
„Katsuragi, wir sind nicht mehr zusammen, schon lange nicht mehr...“ Kaji lächelte schelmisch. „Oder möchtest du das ändern?“
Misato knirschte mit den Zähnen.
„Die Zeit mit dir war der wahrscheinlich größte Fehler meines Lebens!“
„Ah, komm, reg dich nicht auf, du bekommst noch Falten!“
„Halt´s Maul!“
Ritsuko war inzwischen fündig geworden. Nachdem sie die Stimme der beiden Streithähne ausgesperrt hatte, konnte sie sich wieder ihrer Arbeit zuwenden...
„Was machst du hier überhaupt?“
„Dienstreise aus Deutschland - ich habe Asuka hierherbegleitet.“
„Na, da sie sicher angekommen ist, kannst du jetzt ja wieder gehen.“
„Nein, Katsuragi-chan, du wirst schon noch etwas mit mir auskommen müssen. Ich wurde ge-rade zum Chef des Planungsstabes ernannt.“
„Aha...“
„Nun schau mich nicht so finster an.“
„Nein? Nach fast acht Jahren tauchst du wieder auf und erzählst mir, ich soll dich nicht so fin-ster ansehen? Verdammt noch mal, ich sehe finster an wen ich will!“
*** NGE ***
Die Synchrontests am nächsten Tag verliefen komplikationslos, Shinjis Synchratio war um null komma einen Punkt gestiegen, seiner Ansicht nach nichts, worum es sich gelohnt hätte, ein
großes Aufheben zu machen, doch Ritsuko Akagi sah dies anders und trug ihn für weitere Tests in den nächsten Tagen ein.
Das hatte er nun davon, er hatte sich verbessert und wurde auch noch dafür bestraft...
Aber wenigstens liefen die Tests allesamt als Simulationen über das MAGI-Rechner-Dreige-stirn.
Shinji grummelte immer noch leise vor sich hin, als er aus dem Umkleideraum kam und sein Handy leise summte.
„Ja?“
„Shinji, wo bist du?“
Es war Misato.
„Im Gang vor dem Umkleideraum.“
„Bist du schon umgezogen?“
„Ja.“
Sollte er jetzt vielleicht wieder in die PlugSuit steigen? Immerhin hatte er ja inzwischen mehre-re...
„Dann komm mal in den Hangar ´rüber, ich möchte dir und Rei jemanden vorstellen.“
„´Bin schon unterwegs.“
Jemanden vorstellen... Misato mußte die neue Pilotin meinen, die heute eintreffen sollte, diese Asuka Soryu... wenn er sich doch nur ihren zweiten Nachnamen merken könnte! Er wollte
schließlich nicht unhöflich erscheinen... und Rei war anscheinend auch da... gut, das verringerte die Gefahr, dumm dazustehen, seine Freundin würde ihm notfalls helfen, dessen war
er sich ganz sicher.
*** NGE ***
Zu Shinjis EVA - an EVA-00 arbeiteten Ritsuko Akagi und ihr Team in der benachbarten Halle - hatte sich der rote EVANGELION gesellt, den er schon aus dem Film kannte, welchen Misa-to ihnen zwei
Tage zuvor gezeigt hatte. Ebenso wie Einheit-01 befand EVA-02 sich in einer der käfigartigen Konstruktionen, die die Roboter in deaktivierten Zustand aufrecht hielten.
Beim Eingang stand Misato, bei ihr waren Rei, welche wie übliche ihre Schuluniform trug, so-wie ein rothaariges Mädchen in einem knallroten Frühlingskleid und Schuhen derselben
Farbe - das mußte die neue Pilotin sein, diese Asuka Soryu... Langzahn oder so...
Sie hatte ein strahlendes Lächeln auf dem Gesicht, welches einen starken Kontrast zu Reis aus-druckslosem Gesicht lieferte. Sie war ganz hübsch, diese Asuka Soryu Lambley... oder so...
schlank und durchtrainiert, lange Beine, sonnengebräunte Haut und blaue Augen von der Farbe des Meeres... und mit einer Oberweite, bei der Shinji sich sofort fragte, ob diese Asuka Soryu
Lumpli... oder so... wirklich erst vierzehn war... natürlich war ihr ihre nicht-japanische Her-kunft auf den ersten Blick anzusehen, vielleicht hatten ja auch alle Mädchen in
Deutschland ei-nen so großen Busen... Toji und Kensuke hätte es in diesem Fall dort sicherlich gefallen, wobei er sich bei Toji da gar nicht mehr so sicher war...
„Ah, da kommt er ja... Damit wären wir komplett.“
Misato winkte Shinji zu.
„So, also - das ist Asuka, die Pilotin von EVA-02. Und dieser junge Mann hier...“
Das rothaarige Mädchen trat auf Shinji zu, ergriff seine Hand und schüttelte sie.
„Du mußt Shinji Ikari sein!“
„Uh, ja, das stimmt, aber...“
„Ich habe die Aufzeichnungen deiner bisherigen Einsätze gesehen - wirklich toll!“
„Uhm... also... aber...“
Er lächelte verlegen. So eine Begrüßung hatte er nicht erwartet.
„Du kannst seine Hand wieder loslassen, Soryu. Shinji-kun benötigt sie noch.“ erklärte Rei von der Seite mit einer Stimme, in der man Eiswürfel klirren zu hören
vermeinte.
„Oh, ja, natürlich. Tut mir leid.“
Asuka lächelte Shinji freundlich an, zeigte blitzend weiße Zähne.
„Und das hier ist Rei.“ stellte Misato endlich auch die letzte Person im Hangar vor.
„Das First Children, nicht wahr?“
„Ja.“
Asuka lächelte wieder strahlend.
„Wollen wir Freunde sein?“
Sie streckte die Hand aus.
Rei blickte auf die ausgestreckte Hand, dann wanderte ihr Blick nach oben, bohrte sich in Asukas Augen.
Da war etwas... als ob man einen kurzen Blick hinter einen Vorhang warf... ihre Freundlich-keit war nur gespielt, dahinter lag Berechnung und Abwarten, wie ein Jäger, der auf seine Beute
lauert... Das Second Children war gefährlich...
„Nein.“
Rei wandte sich ab.
„Shinji-kun, ich habe Kopien für dich mitgenommen, komm nachher bei mir vorbei.“
Damit verließ sie den Hangar.
„Oi, die ist aber übel drauf!“
Asuka schüttelte den Kopf.
„Also wirklich, dabei habe ich es doch nur nett gemeint, wir müssen schließlich alle zusam-menhalten...“
Sie schluchzte.
Shinji schluckte.
Warum hatte Rei sich so verhalten? Wie hatte sie Asuka nur so vor den Kopf stoßen können?
Die neue Pilotin schien zu weinen, jedenfalls verbarg sie schluchzend ihr Gesicht in den Hän-den... warum hatte Rei das getan, sie hatte doch gar keinen Grund gehabt!
Auch Misato machte eine bedrückte Miene, so hatte sie sich das nicht vorgestellt.
Mit einer fast mütterlichen Geste - denn irgendwie kam niemandem in Verbindung mit Misato Katsuragi darauf, sie als mütterlich zu bezeichnen - legte sie Asuka den Arm um die
Schultern.
„Komm, ich bringe dich zum nächsten Waschraum... ich wollte das nicht... Rei ist normaler-weise... ah... also, sie ist nicht so...“
„Tut mir leid“, flüsterte Shinji, als die beiden ihn passierten.
Von Asuka kam nur ein bestätigendes „Hm-m“, welches in ein Schluchzen überging.
Wie hatte Rei nur so gemein sein können...
Plötzlich hatte er definitiv keine Lust mehr, ihr an diesem Tag noch einmal zu begegnen, die Kopien konnte sie ihm auch morgen in der Schule geben... er hatte selten erlebt, wie jemand
derart gemein gewesen war... sie war ihm beinahe vorgekommen wie sein Vater...
*** NGE ***
Misato wartete draußen vor der Tür des Waschraumes.
Auch sie fragte sich, was Rei zu einer solchen Reaktion veranlaßt hatte, so wie sie das Mäd-chen kennengelernt hatte, hätte es Asukas Freundschaftsangebot nicht einfach zu kalt
ablehnen dürfen... die beiden waren sich auch nie zuvor begegnet, weshalb hatte Rei sich also derart... ja, feindselig verhalten?
Im Waschraum nahm Asuka langsam die Hände herunter.
Ihre Wangen trugen weder feuchte Tränenspuren, noch wirkten ihre Augen verweint, im Ge-genteil, sie grinste ihr Spiegelbild breit an.
„Und so beginnt das Spiel...“ flüsterte sie.
*** NGE ***
Nachdem Asuka sich einigermaßen wieder beruhigt hatte, gab Misato ihr eine Führung durch das Hauptquartier in Begleitung von Shinji, der Rundgang endete in der Cafeteria, wo Misato den
beiden Saft und ein Stück Kuchen spendierte.
„Asuka, ich habe deinen Kampfstil auf Band gesehen, du wirst deinem Ruf wirklich gerecht - nicht zu vergleichen mit unserem Greenhorn Shinji hier!“
Dabei fuhr sie ihrem Schützling neckisch durch das Haar.
Shinji seufzte.
Asuka lachte.
„Oh, sagen Sie doch soetwas nicht - immerhin hat er schon drei Engel besiegt. Ich muß noch soviel lernen!“
Shinji grinste breit.
Bewunderung gehörte zu den letzten Dingen, mit denen er gerechnet hatte.
„Ach, das war doch nur Glück.“
*** NGE ***
Misato hatte sich wegen Reis Auftritt derart geschämt, daß sie Asuka im Anschluß zu sich in die Wohnung einlud. Shinji hatte sich bereitwillig einverstanden erklärt zu
kochen - nicht, daß er nicht ohnehin gekocht hätte, doch Asuka reagierte auf seine Erklärung, er werde kochen, mit einem wahren Begeisterungssturm.
Während Shinji in der Küche stand, unterhielten Asuka und Misato sich über Asukas Heimat-land. Wie sich herausstellte, hatte Misato Deutschland einmal während der Sommerferien
be-sucht, als sie noch studiert hatte.
Shinji gab sich noch mehr Mühe als sonst, auch er wollte dafür sorgen, daß Asuka Reis Verhal-ten vergaß, auch wenn er sich ständig fragte, warum Rei so reagiert
hatte.
Und ihre Worte ihm gegenüber... ´komm bei mir vorbei´... als wäre er ein Hund, den man nur zu rufen brauchte... hatte er sich vielleicht in ihr getäuscht? Steckte mehr
von seinem Vater in ihr, als er zu vermuten gewagt hätte? Vielleicht hätte er ihr folgen und sie zur Rede stellen sol-len. Asuka jedenfalls schien ihm die Antwort auf seine Bitten um
eine Mitstreiterin zu sein, mit der er auskam.
Asuka jedenfalls äußerte sich nur bewundernd über Shinjis Essen; während sie später am Tisch saßen und speisten, behielt sie die ganze Zeit ihr strahlende
Lächeln bei, mit dem sie Shinji re-gelrecht hypnotisierte. Dann zupfte sie ab und an an ihrem Kleid und brachte ihren Busen zur Geltung, daß Shinji sich jedesmal fast verschluckte.
Und ab und an fragte sie wieder in traurigem Tonfall, weshalb Rei sie denn nicht mochte, wo-raufhin Shinji sich jedesmal genötigt sah, ihr ein Kompliment zu machen.
Am späten Abend brachte Misato Asuka zurück ins Hauptquartier, wo diese ein Quartier hatte.
Asuka verabschiedete sich freundlich und verschwand dann in ihren Räumen.
Kaum hatte sich die Tür hinter ihr geschlossen, als das Lächeln von ihrem Gesicht verschwand.
Das Third Children war genauso ein Versager, wie sie ihn sich vorgestellt hatte... auch wenn er wirklich gut kochen konnte... trotzdem war dieser Shinji Ikari definitiv ein Weichei - und wie er
immer wieder auf ihren Busen gestarrt hatte!
Und was die andere Pilotin anging... möglicherweise hatte das First Children ihre Vorstellung durchschaut... dieser stechende Blick aus den blutroten Augen... direkt unheimlich... aber
daß sie ihr Freundschaftsangebot ausgeschlagen hatte, zeugte in jedem Fall von großem Mut oder großer Dummheit - oder beidem... Rei Ayanami würde schon noch sehen, was sie
davon hat-te...
Sie, Asuka Soryu Langley, würde die beiden anderen Piloten sehr schnell übertrumpfen. Und dann war sie der Star bei NERV, nicht dieser ewig stotternde Shinji, der wahrscheinlich nur
hier war, weil sein Vater den Laden leitete, und auch nicht dieses blauhaarige Albinomädchen mit dem starren Blick, welches schon noch bereuen würde, nicht zu ihr nett gewesen zu sein,
als es die Gelegenheit hatte!
Überhaupt war das Willkommen gar nicht so abgelaufen, wie sie es erwartet hatte - Kaji war gleich nach der Ankunft in Matsushiro ins Hauptquartier berufen worden und hatte sie nicht
mitnehmen wollen, die erwartete Parade hatte auch nicht stattgefunden und dieser alte Sack von einem Admiral hatte sie regelrecht von seinem Schiff werfen lassen, als ob sie auf diesem
Seelenverkäufer ohnehin auch nur noch eine Minute länger als nötig verbracht hätte!
Und NERV-Oberbefehlshaber Gendo Ikari hatte es nicht einmal für nötig befunden, sie per-sönlich zu begrüßen, hatte stattdessen diese seltsame Frau geschickt, die sich
mit dem Third Children die Wohnung teilte... vielleicht war diese Misato ja die Geliebte vom alten Ikari...
Aber Shinji Ikari war der Schlüssel... wenn sie erst sein Vertrauen besaß, würde er sie sicher auch bald seinem Vater vorstellen - und der mußte dann einfach eingestehen,
daß sie die beste EVA-Pilotin war, die es gab, je gegeben hatte und jemals geben würde!
*** NGE ***
Anstatt des Weckers wurde Shinji am nächsten Morgen von den Alarmsirenen aus dem Schlaf gerissen. Ungewaschen und ohne Zähne zu putzen hetzte er mit Misato los, die ihn zum
Haupt-quartier fuhr, auch groß umgezogen hatte er sich nicht, trug nur seine Hose über den Sachen, in denen auch geschlafen hatte.
Während Shinji sich umzog und in seine PlugSuit stieg, fiel ihm an einem der Spinde ein großes Vorhängeschloß auf, in dessen Vorderseite westliche Schriftzeichen eingraviert
waren - Asuka.
Also war sie bereits fertig...
Im Besprechungsraum wartete bereits Subcommander Fuyutsuki.
Shinji fand den älteren Mann, der laut Misato früher Professor an einer Universität gewesen war, gar nicht so übel, jedenfalls war er nicht so unnahbar wie sein Vater und ihm
schien das Wohl der Piloten nicht ganz egal zu sein.
Ebenfalls bereits anwesend waren Misato und Asuka, deren Anblick in ihrer roten PlugSuit sei-ne Wirkung auf Shinji nicht verfehlte. Nicht zum ersten Mal war er froh, daß das Material
sei-ner PlugSuit in der Lendengegend starr war und nicht so hauteng anlag wie sonst überall, er hätte sonst wahrscheinlich Atemnot bekommen und wäre früher oder später
vor Scham gestor-ben.
Fast hätte er Rei nicht bemerkt, die in ihren Alltagssachen - besaß sie überhaupt andere Sa-chen? - gegen die Wand lehnte und Asuka nicht aus den Augen ließ.
„Einer der Patrouillienkreuzer vor der Küste hat ein Unterwasserobjekt geortet, welches sich der Küste nähert. Laut MAGI handelt es sich um einen Engel, Kodename des Zieles:
Israfel. Die beiden uns zur Verfügung stehenden EVAs werden umgehend starten und den Engel ab-fangen, bevor er japanischen Boden betreten kann. Noch Fragen? - Keine? Gut, viel
Glück!“
Fuyutsuki nickte ihnen mit ernster Miene zu.
Bei ihm hatte Shinji das Gefühl, daß er sie ernstnahm.
„Hoffentlich ist das nicht wieder so ein blöder Fisch!“ erklärte Asuka und rauschte an Shinji vorbei zum Hangar.
„Los, los!“ trieb Misato die beiden übrigen Piloten vor sich her. „Rei, du bleibst hier.“
„Ja.“ bestätigte Rei.
Wohin hätte sie schon gehen sollen? Im Alarmfall war ihr Platz im Hauptquartier, jedoch war ihr EVA immer noch nicht einsatzfähig.
„Shinji-kun, warte einen Moment.“
„Uhm...“
Er wurde langsamer.
„Du hast doch gehört...“
„Ich habe gestern auf dich gewartet, ich muß dir etwas sagen...“
„Rei, der Engel...“
Damit rannte er die Treppe hinauf, die zu dem Steg führte, von welchem aus er in seinen En-tryPlug steigen konnte.
Der Startvorgang wurde umgehend eingeleitet.
In seiner ComPhalanx leuchtete einer der kleinen Monitore auf, es war Asuka.
„Hi, Shinji! Hör mal, das ist mein erster Einsatz in Japan, quasi mein Debüt - überlaß mir den Engel, ja?“
„Uhm, Asuka, der Engel ist sicher gefährlich, wir sollen zusammen...“
„Ach komm, sei ein Schatz, ja? Du konntest schon drei Engel erledigen, während ich nur einen großen doofen Fisch hatte, ich muß doch zeigen, daß die ganze Ausbildung
nicht umsonst war. Also, ja?“
Sie sah ihn mit ihrem Engelsgesicht bittend an, Shinji fiel es schwer, an eine Ablehnung auch nur zu denken.
„Äh...“
„Ja? Super!“
Misato schaltete sich in die Verbindung ein.
„Da ihr euer Vorgehen schon abgesprochen habt, ohne auf meine Anweisungen zu warten...“
Sie klang etwas stinkig. Wenn ein Ernstfall vorlag, haßte sie es, übergangen zu werden.
„Uhm, entschuldige, Misato.“
„Ja, tut mir auch leid!“
„Okay, okay, ihr müßt ohnehin zusammenarbeiten. Asuka, wir rüsten dich an der Oberfläche mit einer PROGRESSIVE-Lanze aus, spieß den Engel einfach auf, wenn er an
Land geht. – Shinji, du wirst ihr mit einem Positronengewehr Deckung geben.“
„Klar.“
„Der Engel ist schon so gut wie erledigt!“
„Nicht übermütig werden, Asuka!“ warnte Misato.
Dann wurden sie von den Aufzügen an die Oberfläche getragen...
*** NGE ***
Die Endpunkte der Aufzüge lagen am äußersten Stadtrand von Tokio-3, jenseits der Lagerhalle und der Oberflächenindustrieanlagen, auch jenseits der Hügel, welche die
Stadt von drei Seiten umgeben.
Vor den beiden EVAs erstreckte sich der blaue Ozean, sie befanden sich an der Küste, verein-zelt ragten die Spitzen von Gebäuden aus dem Wasser, die Region war beim Second Impact
überflutet worden und der Wasserspiegel hatte sich seitdem nur unwesentlich gesenkt.
Hinter sich wußten sie die Verteidigungslinien der Stadt, Misato war gerade dabei, Streitkräfte aus den anderen Randsektoren zur Küste zu verlagern, da die dortigen Linien seit
dem Angriff Shamsiels noch nicht wieder vollständig hergestellt worden waren.
Die angekündigte Ausrüstung traf ein, ein Gewehr für EVA-01 und eine Lanze mit einer lan-gen PROGRESSIVE-Klinge an der Spitze.
„Ich übernehme den Engel!“ erklärte Asuka noch einmal. „Wo bleibt er denn?“
Da meldete der taktische Computer die rasche Annäherung des Zielobjektes.
„Er kommt!“ warnte Shinji.
Das Meer schien in Bewegung zu geraten. Eine meterhohe Welle kam auf sie zugeschossen, gekrönt von schaumiger Gischt.
Und mit der Welle kam der Engel, der Shinji von der Farbe her an seinen ersten Gegner erin-nerte. Auch dieser Engel war von schwarzer Farbe, auch er hatte keinen Kopf und überlange Arme, nur
endeten diese in dreifingrigen Klauenhänden. An der Oberseite des Rumpfes befand sich eine Art Yin-Yang-Symbol. Der taktische Computer identifizierte diese Stelle als den Sitz des Herzen
des Engels.
„Ach, das ist ja kindereinfach!“ rief Asuka und stieß mit der Lanze zu, als der Engel in ihre Reichweite kam.
„Asuka, noch nicht! Laß erst Shinji...“
Misato fluchte, als sie EVA-02 losstürmen sah.
„Shinji, gib ihr Deckung!“
„Klar!“
Shinji riß das Gewehr hoch und deckte den Engel mit einem wahren Hagel an explodierenden Positronenladungen ein.
Er ließ den Computer den Bereich, unter dem das Herz lag, näher auf dem Monitor heranzoo-men.
Da waren zwei Energiesphären... was bedeutete das denn...?
EVA-02 sprang hoch in die Luft, senkte die Lanze zum Stoß, zerteilte den Engel in der Mitte.
„Ja!“
Shinji stellte den Beschuß ein, wartete darauf, daß die Reste des Engels explodierten, wie es eigentlich zu erwarten war, die Engel waren halt schlechte Verlierer...
Asuka war verflixt schnell... sicher würde sie eine große Bereicherung für das kleine Piloten-team sein...
Moment, da tat sich doch etwas...
„Er bewegt sich noch!“
„Unsinn, ich habe ihn doch...“
Da wurde ihr EVA auch schon von den Beinen geholt und klatschte ins Wasser.
Die beiden Hälften des Engels richteten sich auf, verformten sich, bildeten zwei separate Kör-per, welche äußerlich dem ursprünglichen Engel entsprachen, nur etwa
kleiner waren.
„Z-zwei?“ stieß Shinji überrascht hervor.
EVA-02 rappelte sich wieder auf, kam auf die Beine.
„Was? Zwei? Was ist denn das? So was von unfair!“
Asuka packte die Lanze mit beiden Händen.
Shinji lud in fieberhafter Eile das Gewehr nach.
Vielleicht konnten sie die beiden kleineren Engel ja rasch besiegen... vielleicht kam es zu kei-nem Nahkampf... vielleicht...
„Paßt auf, ihr beiden!“ brüllte Misato.
Die beiden Engelszwillinge setzten sich in Bewegung.
Shinji feuerte in der Hoffnung, daß vielleicht auch ihr AT-Feld nur die halbe Stärke besaß, wurde aber von den wirkungslos verpuffenden Explosionen eines Besseren belehrt.
„Asuka, ziel auf sein Herz!“
Wenn Asuka erst einen der Gegner erledigt hatte, konnten sie sich den anderen zusammen vor-nehmen...
EVA-02 hob wieder die Lanze, stieß zu, doch der Engel wischte die Klinge einfach zur Seite, packte den Lanzenschaft und zog EVA-02 an sich heran.
Zugleich machte sein Zwilling einen Satz nach vorn durch den Geschoßhagel, mit dem Shinji ihn immer noch überschüttete, umklammerte EVA-01 und hob ihn hoch.
„Nein...!“ flüsterte Shinji, als sein EVA wie ein Blatt angehoben wurde.
Zugleich meinte er wieder ein leises Wispern zu hören, das direkt von seinem EVA ausging, ei-ne Aufforderung, die Kontrolle abzugeben. Er spürte wieder diesen Durst nach Lebenskraft,
stemmte sich gegen den dunklen Zorn, der auf ihn zuwogte.
Daß der Engel ihn durch die Luft warf, bekam er fast gar nicht mit, auch nicht, daß es EVA-02 ähnlich erging.
Die beiden EVANGELIONs kollidierten in der Luft, stürzten dann schlagartig zu Boden und krachten in eine Häuserruine.
„Sofort Rückzug!“ befahl Misato.
Shinji hatte Schmerzen am ganzen Leib, auf Händen und Knien krabbelte er auf den Aufzugs-schacht zu. Sein EVA weigerte sich, sich aufzurichten, der Schadensmonitor blinkte nur noch in einem
tiefen Dunkelrot, daß sein Versorgungskabel gekappt worden war, fiel da kaum ins Gewicht.
„Asuka...“
EVA-02 setzte sich ebenfalls langsam in Bewegung, folgte ihm.
„Wir lenken die Engel ab! Beeilt euch!“
Eine Bomberstaffel tauchte am Himmel auf und ließ ihre Fracht auf die Zwillingsengel fallen, Explosionen peitschten das Wasser auf, schienen die Engel aber nicht zu beeindrucken, so sie sie
überhaupt wahrnahmen.
Shinji schleppte sich weiter.
Über die Synchronverbindung kamen nur Schmerzimpulse.
Der EVA litt...
Die Wahrnehmung flackerte, das Bild auf dem Hauptmonitor war unscharf.
Shinji hatte kaum Gefühl in den Gliedmaßen.
Mit letzter Kraft erreichte er die Liftplattform, ließ sich einfach fallen.
*** NGE ***
Die meisten Schmerzen waren verschwunden, sobald die Synchronverbindung getrennt worden war, die übrigen resultierten von diversen blauen Flecken, die Shinji sich während der Kollision
und des folgenden Sturzes zugezogen hatte.
Nachdem er den EntryPlug verlassen hatte, konnte er sehen, daß sein EVA einen reichlich ver-beulten Eindruck machte. Akagis Techniker waren bereits damit beschäftigt, an verschiedenen
Stellen die Panzerung zu entfernen, um an die darunterliegenden technischen Elemente zu kommen.
Asukas EVA sah auch nicht besser aus, der rechte Arm war merkwürdig verdreht, als ob er ge-brochen war. Die Rothaarige, welche ebenfalls ihren Plug verlassen hatte, rieb sich den Arm, sah
dabei Shinji einen Augenblick lang böse an.
Gerade als er ansetzte, sie zu fragen, was er in ihren Augen falsch gemacht hatte, normalisierte sich ihr Gesichtsausdruck wieder - sie hatte gesehen, daß Misato herangehetzt kam.
„In den Besprechungsraum!“
Sie folgten ihr.
In dieser Sekunde bebte kurz die Erde.
„Was war das?“ rief Asuka, bekam aber keine Antwort.
Im Besprechungsraum wartete bereits der Subkommandant und sah sie mit ernster Miene an.
Neben ihm saß Gendo Ikari, die Hände gefaltet, und blickte die beiden Piloten durch seine dun-klen Brillengläser ohne zu blinzeln an.
Und neben dem Kommandanten saß Rei mit ausdrucksloser Miene.
Shinji wurde der Mund ganz trocken, während sein Vater ihn musterte, als wäre er ein lästiges Insekt.
„Die nördlich von Tokio-3 stationierten UN-Truppen haben gerade eben eine N2-Mine direkt über dem Zwillingsengel zur Explosion gebracht, sein Vordringen wurde vorerst
gestoppt.“ erklärte Fuyutsuki.
Der Bildschirm an der Wand zeigte die beiden Engel, welche im hüfthohen Wasser standen, beide ähnelten leblosen Statuen, ihre Oberfläche brodelte und dampfte, schwach war da
Flir-ren ihrer AT-Felder zu erkennen.
„Uh... Sind sie tot?“ flüsterte Shinji.
„Nein, die Explosion hat lediglich 28% der Körpermasse verbrannt, den Hochrechnungen zu-folge werden sie einige Zeit brauchen, um den Schaden zu regenerieren - und diese Zeit wer-den
wir auch bitternötig haben, denn auch eure EVAs wurden derart schwer beschädigt, daß Doktor Akagi ihrer ersten vorsichtigen Schätzung nach etwa fünf Tage braucht, um sie
wieder einsatzfähig zu bekommen.“
„Kann man nicht noch eine Mine draufwerfen?“ fragte Asuka.
Fuyutsuki sah sie fassungslos an.
„Wir hatten bereits Glück, daß diese hier keine Katastrophe verursacht hat! Weitere N2-Minen sind keine Option!“
Gendo Ikari holte Atem.
Im Raum schien die Temperatur um mehrere Grade zu fallen.
„Piloten!“
Shinji und Asuka zuckten heftig zusammen.
Die Stimme des älteren Ikari war kraftvoll.
„Ja?“
„Was ist eure Aufgabe?“
„Die EVAs steuern?“ fragte Asuka, was ihr einen finsteren Blick einbrachte.
„Nein. Die Engel zu besiegen! NERV existiert nicht, um sich mit solch erbärmlichen Auftritten zu blamieren!“
Abrupt stand der Kommandant auf und ging zur Tür.
„Kommandant...“ protestierte Asuka leise.
Rei warf Shinji einen kurzen Blick zu, dann folgte sie seinem Vater durch die Tür.
Sie hoffte, daß Shinji-kun die Warnung verstanden hatte.
Doch dem war nicht der Fall, Shinji war die Bedeutung ihres Blickes völlig entgangen, für ihn zählte nur, daß sie seinem Vater gefolgt war...
Auch Misato verließ eilig den Raum, so daß die beiden Piloten allein zurückblieben.
„Argh!“ schrie Asuka auf. „Das darf doch nicht wahr sein! Woher hätten wir denn wissen sol-len, daß soetwas passiert!“
„Asuka, beruhige dich!“ rief Shinji.
„Nein, das ist doch zum Heulen - mein erster Kampf in Japan und... und...“
Wieder sah sie ihn wütend an.
„Konntest du nicht ausweichen?“
„Uh, nein... tut mir leid...“
Weshalb entschuldigte er sich eigentlich? Den Zusammenstoß hatte er doch ebensowenig ver-meiden können wie sie.
„Und Kommandant Ikari war wütend... sogar First hat mich voller Verachtung angesehen! Sie halten mich für unfähig!“
Wütend stampfte sie mit dem Fuß auf.
„Das... das ist doch Unsinn...“
Rei hatte Asuka doch gar nicht angesehen... und wenn Asuka nicht so vorschnell gewesen wä-re, hätte die Situation vielleicht anders ausgesehen, auch wenn Shinji daran nicht sonderlich
glaubte.
„Nein? Ich sage dir aber... Sag mal, Shinji, kannst du nicht mit deinem Vater sprechen und das ganze geraderücken? Sicher wird er etwas anderes sagen, wenn ihr unter euch
seid...“
Shinji wurde speiübel.
„Da kennst du meinen Vater schlecht...“ murmelte er.
„Wieso denn?“ fuhr Asuka auf. „Willst du mir nicht einmal diesen kleinen Gefallen tun?“
„Na, na, wer streitet sich denn da?“ fragte eine Männerstimme von der Tür her, sie kam von einem hochgewachsenen dunkelhaarigen Mann mit Drei-Tage-Bart.
Asukas Augen leuchteten auf.
„Kaji!“
Sie lief zu ihm hinüber und hakte sich bei ihm ein.
„Es ist nichts.“
„Aha.“
Er sah Shinji an.
„Du mußt Shinji Ikari sein, nicht wahr?“
„Uhm, ja.“
„Ich bin Ryoji Kaji, Planungsstab. Freut mich, dich kennenzulernen.“
„Äh, ja, ich freue mich auch, Sie kennenzulernen...“
„Habe gehört, du wohnst bei Misato.“
„Kennen Sie sie?“
„´türlich. Wir waren zusammen auf der Uni, ist aber schon lange her... Gehen wir essen? Ihr müßt doch Hunger haben, oder?“
„Klasse! Abendessen mit Kaji!“ jubelte Asuka und himmelte den älteren Mann von der Seite her an.
„Uhm, Herr Kaji, was ist mit Misato?“
„Tja, sie hat anderes zu tun... Verantwortliche müssen nunmal die Verantwortung tragen, nicht wahr?“
*** NGE ***
In seinem Büro blickte Gendo Ikari über den Grat seiner Fingerknöchel seinen Stellvertreter schweigend an.
Kozo Fuyutsuki stand auf der anderen Seite des Schreibtisches und fühlte sich unwohl.
Er mochte dieses riesige Büro nicht, dabei wußte er, daß es noch ein Kompromiß gewesen war, denn Gendo hatte es ursprünglich viel größer geplant.
Überhaupt dachte der andere ei-gentlich nur in großen Maßstäben...
Ikari räusperte sich.
„Ich muß fort.“
Fuyutsuki gelang es, die Augenbrauen nicht mißbilligend zu heben.
In der gegenwärtigen Situation mußten alle Kommandooffiziere anwesend sein!
„Die Bergung der Lanze hat begonnen, ich will die Überführung persönlich beaufsichtigen, damit es zu keinen Zwischenfällen kommt.“
„Rechnest du mit einer Aktion von Seiten SEELEs?“
Ikari nickte.
„Den alten Männern ist alles zuzutrauen. Sie wollen ihren Plan vorantreiben, wenn wir die Lanze haben, gewinnen wir zugleich etwas Luft für mein Szenario.“
„Ja.“
Fuyutsuki ließ sich seine Gedanken nicht anmerken.
Ikaris Szenario... Ikaris Plan... wenn dieser Plan nicht miteingeschlossen hätte, Yui zurückzu-holen, hätte er sich niemals darauf eingelassen, sondern Gendo bereits vor über
zehn Jahren den Behörden übergeben, zusammen mit dem Wissen, welches er über ihn angesammelt hatte... stattdessen war er zu seinem Komplizen geworden...
„Kommst du hier allein klar?“
„Muß ich wohl... Wenn die Kinder die Engel nicht aufhalten können, ist es ohnehin egal, wo du zu diesem Zeitpunkt bist.“
Ikari ignorierte die verbale Spitze.
„Ich breche morgen auf. Katsuragi hat freie Hand.“
„Gut.“
Fuyutsuki selbst verstand ohnehin kaum etwas von Taktiken und Strategie, seine Stärke lag mehr in der Menschenführung und -motivation.
*** NGE ***
Misato schüttete eine Kiste mit Papieren auf einen der Tische in Ritsuko Arbeitszimmer.
„Weißt du, was das ist?“
„Fanpost?“
„Nein. - Beschwerdebriefe und Proteste der Ministerien und verschiedener Gruppen... Schadensberichte... und - meine Favoriten - Rechnungen und Kostenvoranschläge. Die UN wollen die
Kosten ihres Einsatzes ersetzt haben, wahrscheinlich rechnen sie damit, daß NERV nicht mehr lange existiert... Aasgeier!“
„Immerhin stehen diese beiden Engelszwillinge direkt vor unserer Haustür.“
„Und, wie lange werden sie brauchen, um sich zu regenerieren?“
„Fünf Tage.“
„Wie lange wirst du für die EVAs brauchen?“
„Auch etwa fünf Tage.“
Misato holte sich einen Kaffee.
„Also sind beide Seiten bewegungsunfähig...“
„Ja, es wird ein Wettlauf werden, unsere Techniker arbeiten in Doppelschichten rund um die Uhr.“
„Werdet ihr es schaffen?“
Ritsuko blickte Misato lange an, nickte dann.
„Ja.“ antwortete sie entschlossen. „EVA-01 und -02 werden rechtzeitig kampfbereit sein.“
„Und EVA-00?“
„Nein. Das schaffen wir nicht. Mit dem Konvoi sind zwar auch einige Ersatzteile gekommen, auf die ich gewartet hatte, aber ich habe einfach keine Leute, die ich entbehren kann, tut mir
leid, ich kann dir keinen zahlenmäßigen Vorteil verschaffen. Die Gen-Schmiede ist ebenfalls ausgelastet.“
Misato seufzte.
„Haben die MAGI bereits etwas zu dem Engel? Etwa, warum er sich teilen konnte?“
„Nein. Wenn du aber mich fragst... ich denke, es war eine Falle.“
„Eine Falle?“
„Ja. Die Engel lernen, wie ich schon gesagt habe. Der Fischengel sollte unsere Verstärkung vernichten... und dieser hier setzte auf Beweglichkeit und den
Überraschungsmoment.“
„Hm... Die Bewegungsmuster...“
„Die MAGI haben das bereits analysiert. Die beiden Hälften... oder Zwillinge... haben sich völ-lig gleich bewegt, nur spiegelverkehrt.“
„Also synchron...“
„Ja, als ob sie ein gemeinsames Gehirn haben. Mit ihrem Rhythmus haben sie unsere Piloten völlig überrumpelt."“
„Hm... man müßte sie also aus dem Takt bringen... nur wie...“
„Beim nächsten Fehlschlag wirst du sicherlich gefeuert... Ikari war stinksauer...“
„Sag mal, wie wäre es mit ein wenig Anteilnahme? Dafür, daß du meine älteste Freundin bist, fühle ich mich wirklich im Regen stehengelassen!“
„Ich hätte da etwas, um deine Stellung zu sichern...“
Sie zog eine Diskette aus der Tasche ihres Laborkittels.
„Was ist das? Gib her! Ist ja toll! Was ist da drauf? Was hast du dir einfallen lassen?“
Ritsuko lächelte.
„Die ist leider nicht von mir.“
„Nein? Von wem dann?“
„Von Kaji, er war vorhin hier und hat mit mir ein ähnliches Gespräch geführt.“
Misato starrte auf die Diskette in ihren Händen.
Ihr Blick umwölkte sich.
„Ich will sie nicht!“
Sie hielt die Disk Akagi hin.
Diese ignorierte die Diskette, welche sich direkt vor ihrem Gesicht befand.
„Du möchtest also lieber gefeuert werden, ja?“
Misato knirschte mit den Zähnen.
*** NGE ***
Kaji gab sich während des Essens die größte Mühe, das angeknackste Selbstvertrauen der bei-den Piloten wieder aufzubauen, wobei er die schmachtenden Blicke, welche Asuka ihm
zuwarf, gar nicht zu bemerken schien.
Dann kam über Lautsprecher die Mitteilung, daß Shinji und Asuka sich in Konferenzraum-2 einfinden sollten.
Kaji schickte sie auf den Weg, lächelte dabei, als wüßte er mehr.
Die beiden erwartete eine große Überraschung, Misato fing sie noch vor dem Konferenzraum ab.
“Kommt mit, ich glaube, wir haben einen Weg, wie wir mit dem Zwillingsengel fertig werden können!“
Sie führte sie in jenen Trakt des Hauptquartiers, in dem die Wohnquartiere lagen, und dort in ein größeres Zimmer, in welchem zwei Betten und eine Stereoanlage standen.
Das ganze sah aus wie ein Doppelzimmer.
„Was sollen wir hier?“ fragte Asuka.
„Ihr werdet hier die nächsten Tage zusammen wohnen.“
„Was?“ kam es aus zwei Kehlen.
„Ja, ihr habt richtig verstanden. Ihr werdet die nächsten Tage zusammen verbringen. Ihr werdet zusammen essen und zusammen schlafen - letzteres natürlich in getrennten
Betten.“
„Aber... aber das geht nicht!“ rief Asuka und lief puterrot an.
Auch Shinji wurde knallrot.
Nein, das ging doch wirklich nicht. Wenn Asuka kein Mädchen gewesen wäre, hätte er wohl keine Probleme damit gehabt, aber so...
„Es ist aber grundlegend für unsere Strategie - die beiden Engelszwillinge bewegen sich in ei-nem gemeinsamen Rhythmus, um diesen zu stören, werdet ihr eure Manöver ebenfall
syn-chron durchführen und mit eurem eigenen Rhythmus dagegenhalten. Morgen beginnen wir mit einfachen Übungen, damit ihr euer Tempo aufeinander abstimmen könnt. Doktor Akagi
ent-wickelt in der Zwischenzeit eine Choreographie für eure Manöver, dazu gehen wir in drei Ta-gen über. Am Nachmittag des vierten Tages finden Synchronisations- und
Reaktivierungstests statt, Ritsuko will bis dahin die EVAs lauffähig haben, in der folgenden Nacht werden sie dann wieder zusammenmontiert. Und am fünften Tag werdet ihr diesem Engel
die Leviten lesen!“
Shinji gab ein langgezogenes „Uh...“ von sich...
*** NGE ***
Bald darauf hatte Misato sie alleingelassen, damit sie sich einleben konnten.
Shinji stand vor seinem Bett und machte ein ratloses Gesicht.
Wie sollte er nur die nächsten Tage überstehen? Er kannte Asuka doch kaum. Sicher, sie schien ganz nett zu sein, doch wenn statt ihrer Rei seine Zimmergenossin gewesen wäre,
hätte er sich wahrscheinlich wohler gefühlt.
Auf so eine verrückte Idee konnte doch auch nur Misato kommen...
Plötzlich wurden ihm von hinten die Beine weggetreten.
Shinji erhielt einen kräftigen Stoß in den Rücken, der ihn auf das Bett warf, jemand packte sei-nen Arm und drehte ihn ihm auf dem Rücken.
„Au!“
Sein protestierender Schmerzensschrei brach ab, als eine kräftige Hand in seine Haare griff und ihn mit dem Gesicht ins Kopfkissen drückte.
„Hör mir gut zu, Shinji...“ zischte eine leise Stimme in sein Ohr.
Es war Asukas Stimme...
Ihr warmer Atem streifte sein Ohr.
Shinji wurde Angst und Bange.
Weshalb griff sie ihn an? Wollte sie ihn denn umbringen? Er bekam ja kaum Luft!
„Ich werde dir das nur einmal sagen. Ab sofort gelten hier ein paar Regeln. Regel Nummer Eins: Solltest du mir wieder auf den Busen starren, breche ich dir den Arm. Klar?“
Shinji spürte, daß der Druck auf seinen Hinterkopf nachließ, nickte heftig.
„Gut. Regel Nummer Zwei: Solltest du so etwas tun, wie versuchen, mich beim Duschen zu beobachten, breche ich dir den anderen Arm. Verstanden?“
Wieder nickte er, vor Panik unfähig, auch nur ein Wort herauszubringen.
„Sehr gut. Regel Nummer Drei: Du hast auf meiner Seite des Zimmers nichts verloren. Sollte ich dich dennoch dort erwischen, sei es, daß du meine Sachen durchwühlst, sei es,
daß du ein-fach nur dumm ´rumstehst, dann... nun, das wirst du dann schon sehen. Ist das bis hierhin klar?“
Er schaffte es, ein unterdrücktes „Ja“ über die Lippen zu quetschen.
„Brav so. Eines noch: Solltest du mich noch einmal so blamieren wie bei dem Kampf heute, ziehe ich dir die Haut ab, nur damit du es weißt.“
„A-Asuka, was soll das? Ich... ah...“
Im nächsten Moment schrie er auf, als sie den Druck auf seinen Arm verstärkte.
Zugleich spürte er, wie etwas kaltes seine Wange berührte. Er schielte danach, sah, daß sie ein langes Messer in der Hand hatte.
Ja, war sie denn verrückt geworden?
„Was hast du denn? Oh, das... ja, ich weiß mich zu wehren... nur damit du nicht auf dumme Gedanken kommst...“
„Ah... bitte... warum... ich habe dir doch nichts getan...“
„Ihr Jungs seid doch alle gleich.“ murmelte sie monoton.
Dann ließ sie ihn los und ging in ihre Hälfte des Raumes.
Shinji rollte sich zu einem zitternden Ball zusammen, wagte nicht einmal, auch nur zu ihr hin-überzusehen.
Asuka lächelte.
Dem hatte sie es gezeigt... Shinji hatte sich ja um ein Haar in die Hosen gemacht!
Immer noch zufrieden lächelnd legte sie das unterarmlange Messer unter ihr Kopfkissen, nur für den Fall, daß er sich nicht an die von ihr festgelegten Regeln hielt. Dann
würde sie ihm schon zeigen, wie gut sie mit der Klinge umzugehen verstand, wie gut ihr Onkel sie unterrich-tet hatte... kurz erinnerte sie sich an eine ihrer ersten Trainingsstunden im
Hinterhof des Hau-ses, in dem sie mit ihren Pateneltern gewohnt hatte, berührte die Kerbe in ihrem linken Ohr, wo sie sich damals selbst geschnitten hatte... soetwas war nie wieder
vorgekommen...
*** NGE ***
Als Misato sie am nächsten Morgen in aller Frühe weckte, um nach einem leichten Frühstück mit dem Synchrontraining beginnen zu können, verhielt Asuka sich wieder
völlig nett und freundlich. Shinji war fast gewillt zu glauben, daß er alles nur geträumt hatte, daß er sich ihre Drohungen nur eingebildet hatte. Dagegen sprachen
allerdings seine immer noch schmerzende Schulter und die Tatsache, daß er in seinen Sachen geschlafen hatte, weil er es nicht gewagt hatte, noch einmal aufzustehen und sich umzuziehen.
Jedenfalls warf er immer wieder ängstliche Blicke zu Asuka hinüber, ob diese vielleicht ihr Messer bei sich hatte.
„Shinji, was ist denn los?“ erkundigte Asuka sich zuckersüß.
Shinji schluckte.
Wenn er Misato von der Sache erzählte, würde sie diesen Alptraum vielleicht beenden... aller-dings... warum sollte Misato ihm glauben? Asuka verhielt sich ihr gegenüber doch
völlig brav, sie erwähnte sogar immer wieder, wie sehr sie sich darauf freute, mit Shinji zusammenzuarbei-ten.
„N-nichts... ich habe nur... nur etwas unruhig... geschlafen...“
„Nanu“, machte Misato. „Ich dachte, das hätte sich gegeben.“
„Uhm, das Zimmer ist ungewohnt... ja...“
Am liebsten hätte er ihr zugeschrien, ihn sofort hier ´rauszuholen, doch wer wußte schon, wo-zu Asuka imstande war... dieses Messer war wirklich riesig gewesen...
„Ah, ja. Gut, äh, dann können wir ja mit dem Training anfangen...“
Sie hatte in der vorderen Hälfte des Raumes zwei Matten ausrollen lassen, die ein buntes Punk-temuster aufwiesen. Vor den Matten stand jeweils ein Monitor.
„Also, aufgepaßt: Auf den Bildschirmen werden nacheinander verschiedene Farbmuster ge-zeigt, ihr müßt mit Händen und Füßen die entsprechenden Felder auf den
Matten berühren. Das Tempo ist zunächst langsam, so daß ihr euch eingewöhnen und die Position der einzelnen Farbfelder merken könnt, später beschleunigen wir dann.
Zieht euch erstmal um.“
Auf den Betten lagen farblich identische Kleidungsstücke, dabei handelte es sich jeweils um ei-ne schwarze knielange Stretchhose und ein ebenfalls schwarzes T-Shirt.
Asuka kicherte.
„Ich kann mich doch nicht im selben Zimmer umziehen wie Shinji.“
Misato grinste.
„Stimmt.“
Shinji hoffte, daß Misato Asuka ins angegliederte Badezimmer schicken würde, damit er mit ihr unter vier Augen sprechen konnte, leider erfüllte Misato seinen stummen Wunsch
nicht.
„Shinji, komm schon, sei ein Gentleman und geh nach nebenan.“
„Ja...“
Er preßte die Lippen zusammen.
*** NGE ***
Misato wollte gerade mit dem Training beginnen - die Kinder waren bereits in Startposition am unteren Ende der Matten -, als Kaji den Raum betrat, Asukas aufgeregtes „Kaji!“
ignorierte und sich direkt an Misato wandte:
„Ich muß kurz mit dir sprechen.“
„Wir haben zu tun.“
„Es ist wichtig.“
„Na, hoffentlich. Wir haben nicht viel Zeit!“
Sie folgte ihm auf den Flur.
„Also?“
„Katsuragi, ich habe gerade erst erfahren, daß du die beiden in einem Raum zusammengesteckt hast... glaub mir bitte, das ist nicht klug!“
„Wieso? Hast du Angst, Shinji würde über Asuka herfallen? Da brauchst du keine Sorge ha-ben, ich kenne ihn gut genug, um für ihn bürgen zu können, daß er
soetwas nicht einmal in Er-wägung ziehen würde.“
„Es ist nicht wegen Asuka... um die brauche ich keine Angst zu haben.“
„Ach, was dann?“
„Hör zu, ich darf nicht ins Detail gehen... aber das kann nicht gutgehen.“
„Du hast mir doch die Diskette geschickt!“
„Aber das“, er deutete auf die Tür, „war nicht Teil meiner Idee.“
„Geht es darum? Weil ich deine Idee ein wenig verändert habe?“
„Nein, Katsuragi...“
„Worum dann?“
Kaji schwieg.
Er erinnerte sich an jede Nacht vor über zweieinhalb Jahren, als er in seinen Pflichten versagt hatte, als er versagt hatte, Asuka zu beschützen. Er erinnerte sich daran, daß ihr
Onkel ihm das Versprechen abgenommen hatte, daß diese Nacht niemals erwähnt werden würde, nachdem sie die furchtbar zugerichtete Leiche Fresenharks beseitigt hatten...
Er durfte ihr nicht mehr sagen, wollte er sein Wort nicht brechen. Zugleich fürchtete er um den Jungen, der sicher nichts davon ahnte, daß Asuka eine atmende Zeitbombe war...
„Gut, dann gehe ich jetzt wieder ´rein. Wenn du das nächste Mal störst, dann bitte mit etwas wichtigem!“
„Katsuragi...“ setzte Kaji an, sprach aber bereits mit der geschlossenen Tür.
Drinnen atmete Shinji verhalten auf, als Misato zurückkam. Asuka hatte ihn die ganze Zeit über beobachtet wie ein hungriger Hai einen hilflosen Schwimmer im tiefen Wasser. Jetzt setz-te
sie wieder ihre freundliche Miene auf.
„Kann Kaji uns nicht Gesellschaft leisten?“
„Kaji ist beschäftigt“, erwiderte Misato gereizt.
„Och.“
„So, keine weitere Zeit vergeuden! Los geht´s!“
Sie aktivierte die Apparatur.
*** NGE ***
Bis zum Mittag waren sie keinen Schritt weitergekommen.
Die beiden schienen ihren jeweiligen Rhythmus einfach nicht aneinander anpassen zu können, entweder hinkte Shinji einen Augenblick hinterher oder Asuka war zu schnell.
Misato sah, daß der inzwischen heftig schwitzende Shinji sich alle Mühe gab, mit Asuka Schritt zu halten, doch es war Asuka, welche letztendlich das Tempo vorgab und Shinji hinter sich
zu-rückließ.
„Asuka, du mußt dich besser auf Shinji einstellen!“
„Natürlich!“ flötete sie zurück.
Wieder gab es nur eine leichte Mahlzeit, dann erlaubte Misato den beiden, zu duschen und sich etwas auszuruhen, wobei sie die von Kaji ausgesuchte Melodie, zu welcher Ritsuko und die MAGI
momentan eine an die Verhältnisse an der Oberfläche angepaßte Choreographie entwar-fen, spielte.
Shinji spielte mit dem Gedanken, sich einfach im Bad einzuschließen und nicht mehr herauszu-kommen, solange Asuka im Nebenraum war, konnte sich aber nicht dazu durchringen.
Nach einer zweistündigen Ruhepause, in der die beiden Piloten wie erschlagen auf ihren Betten lagen, setzte Misato das Training fort, ohne bis zum Abend nennenswerte Fortschritte zu
erzie-len.
Seufzend verkündete sie, daß sie morgen weitermachen würden, und verließ das Zimmer.
Kaum war Misato verschwunden, setzte Asuka sich auf und warf Shinji wahrhaft tödliche Blik-ke zu.
„Das ist alles deine Schuld!“
„Wieso? Ich... ich gebe mir alle Mühe...“
„Ja, sicher doch. Aber was kann ich auch von einer Pappnase wie dir erwarten? Erst versaust du mir mein Debüt in Japan, dann stehe ich vor dem Kommandanten wegen dir wie eine
An-fängerin da und jetzt muß ich mich auch noch mit dir und deinem Gejammer herumschlagen. Ich wette, dein Vater kritisiert dich nie!“
Damit löschte sie das Licht.
Shinjis Atem stockte.
Warum mußte sie immer wieder von seinem Vater sprechen? Glaubte sie wirklich, er und sein Vater würden miteinander klarkommen?
„Nein, das tut er nicht“, murmelte Shinji und drehte sich auf die Seite.
In diesem Moment war es ihm völlig egal, ob sie ihm im Schlaf vielleicht die Kehle durch-schnitt...
Stattdessen traf ihn etwas hartes am Kopf.
„Au!“
Er rollte sich seitlich aus dem Bett, ging in Deckung.
Doch alles blieb still.
Er tastete über seinen Hinterkopf, fühlte eine rasch anschwellende Beule.
Dann tastete er über sein Kissen, fand schließlich den Gegenstand, mit dem sie ihn getroffen hatte - einen Schuh...
In dieser Nacht tat er kaum ein Auge zu, wagte nicht, auch nur das geringste Geräusch zu ma-chen.
Asuka knirschte abwechselnd mit den Zähnen und gab laute Schnarchgeräusche von sich.
*** NGE ***
Misato setzte das Training nach demselben Schema wie am Vortag fort.
Doch wieder gab es kaum eine Verbesserung, jenseits einer bestimmten Geschwindigkeitsstufe gingen die Reaktionen der beiden Teenager derart auseinander, daß abzusehen war, wann sie
völlig unsynchron werden würden.
Diesesmal war auch Kaji anwesend, er hatte sich schweigend hinzugesellt und beobachtete das Geschehen, wobei Misato ihn nach Kräften ignorierte. Und er hatte Rei mitgebracht. Da Kom-mandant
Ikari nicht anwesend war, hatte niemand ihn daran hindern können, das First Children anzufordern, welches ihn mit überraschender Bereitwilligkeit begleitet hatte.
„Was denkst du?“ fragte Misato.
Kaji zog die Augenbrauen hoch.
„Du redest noch mit mir?“
„Ist ja sonst keiner hier außer dir und Rei.“
„Okay... ahm... das sieht aus, wie der Tanz von Affe und Kranich.“
„Ja, das trifft es. - Kinder, stop, stop! Shinji, du bist viel zu steif, höre mehr auf die Musik!“
„Ja, tut mir leid.“
Shinji blickte zu Boden.
„Und, Asuka, wie oft muß ich es dir noch sagen: Paß dich besser an Shinji an!“
„Wie, an diese Schnecke?“
Asuka schluckte, schüttelte in einer entschuldigenden Geste den Kopf.
„War nicht so gemeint. Aber wie soll ich denn mein Tempo senken, dann werde ich zu lang-sam!“
„Eine Kette ist immer nur so stark wie ihr schwächstes Glied! Also, noch mal!“
Diesesmal lief es etwas besser, jedenfalls ließ Shinji sich mehr von der Musik leiten und berühr-te intuitiv die richtigen Stellen auf der Matte. Jetzt kam ihm endlich seine
musikalische Bega-bung zugute.
Sogar Asuka wurde etwas langsamer, schien endlich eingesehen zu haben, daß sie sich an Shin-jis Tempo anpassen mußte. - Und dann glitt sie plötzlich aus und trat Shinji mit
voller Wucht in die Rippen...
Shinji sah nur noch Sterne, während er sich auf den Rücken wälzte und nach Luft schnappte.
Asuka kniete sogleich neben ihm und stammelte Entschuldigungen, welche Shinji jedoch alles andere als ehrlich vorkamen. Und nicht nur ihm...
Rei hatte die Augen zusammengekniffen und war bereits einen Schritt auf die beiden zugegan-gen, als sie von Kaji zurückgehalten wurde. Sie protestierte nicht, rief auch nicht, daß
Soryu absichtlich nach Shinji-kun getreten hatte, daß sie ihren Ausrutscher nur vorgetäuscht hatte, daß sie ihrem Shinji-kun wehgetan hatte... und sie stürzte sich auch
nicht auf die Rothaarige, um ihr das Genick zu brechen, wie sie es im ersten Augenblick vorgehabt hatte.
Niemand durfte Shinji-kun verletzen, nicht solange sie über ihn wachte... und doch war es ge-schehen... sie hatte versagt, sie hätte eher... nein, es wäre gar nicht möglich
gewesen. Und trotzdem fühlte sie sich verantwortlich.
Kaji ging an ihr vorbei, hockte sich neben Shinji, half ihm, sich aufzusetzen.
„Geht´s?“
„Shinji?“ fragte Misato.
„Ja, ja, es geht...“ murmelte Shinji mit verkniffenem Gesicht.
„Wir machen besser eine Pause...“
Kaji schüttelte den Kopf.
„Nein, Katsuragi, ich habe eine andere Idee. Asuka, mach mal Pause, Shinji bekommt Sonder-training!“
Asukas Mundwinkel zuckten.
Endlich hatte Kaji eingegriffen, sicher würde er dieses Weichei Ikari jetzt auf Touren bringen. Warum sollte sie schließlich ihr Niveau senken, das war ja absolut lächerlich und
noch dazu un-zumutbar...
„Sondertraining?“ japste Shinji und verdrehte die Augen.
„Ich glaube, mir... ah... mir geht es gar nicht gut...“
„Hör auf zu scherzen! Auf die Beine, wenn das alles vorbei ist, kannst du dich von mir aus so lange ausruhen, wie du willst!“
Ja, wenn er das überlebte!
„Rei, komm ´rüber. Hast du dir den Bewegungsablauf eingeprägt?“
„Ja.“
Rei setzte sich in Bewegung, nahm neben Shinji Aufstellung.
Überrascht sah Shinji sie an - und stellte fest, daß sie ihn aufmunternd anlächelte.
Ihr Lächeln verfehlte seine Wirkung nicht, er glaubte fast zu spüren, wie neue Energie durch seinen Körper schoß, wie der Schmerz in seiner Rippengegend verblaßte und
verkrampfte Muskeln sich lockerten.
„Kaji, was wird das?“ flüsterte Misato.
„Wart´s ab. Vielleicht müssen wir einfach nur ein Glied der Kette auswechseln...“
„Na gut... - Also, ihr beiden, los geht´s!“
Shinji bewegte sich wie im Traum, folgte nur der Musik, ließ sich tragen, bis es nur noch zwei andere Geräusche neben der Musik gab, seinen eigenen Herzschlag und einen weiteren, der
völlig synchron mit dem seinen war.
Misato staunte.
Shinji und Rei bewegten sich mit einer Präzision, welche sie die ganzen letzten anderthalb Tage vergeblich gesucht hatte. Die beiden berührten genau zeitgleich die jeweil
aufleuchtenden Farbfelder, verhielten sich, als ob ihre beiden Körper von einem einzigen Geist gesteuert wur-den.
„Kaji, das...“
„Katsuragi, damit habe ich auch nicht gerechnet... wie Spiegelbilder...“
Tatsächlich konnte dieser Eindruck entstehen, vergaß man die äußeren Unterschiede zwischen den beiden. Ihre Bewegungen jedenfalls waren völlig synchron, als ob sie seit
einer Ewigkeit nichts anderes getan hatten, als sich auf diesen Tag vorzubereiten.
„Ich muß Ritsuko fragen, wie lange es dauert, die Steuerung von EVA-02 auf Rei umzuschrei-ben...“
„Hey, das könnt ihr nicht tun!“ schrie Asuka dazwischen.
Sie sprang von ihrem Bett auf und stampfte auf Kaji und Misato zu, stellte Shinji dabei ein Bein und brachte ihn aus dem Takt.
Zugleich hielt Rei inne und richtete sich langsam auf, bereit bei einer weiteren Aktion gegen Shinji-kun mit der gebotenen Gewalt einzuschreiten.
„Das könnt ihr einfach nicht... vorhin... da hat die mich völlig gestört und aus dem Takt ge-bracht!“
Asuka deutete auf Rei.
„Die stört nur! Und EVA-02 gehört mir!“
„Einheit-02 gehört NERV“, korrigierte Misato.
„Dann gib mir noch eine Chance!“
„Asuka, du hattest deine Chance. Aber Shinji und Rei kommen einfach besser miteinander klar.“
„Das... Kaji, verhindere das!“
„Tut mir leid, Asuka. Katsuragi ist der Einsatzleiter.“
„Aber...“
Sie drehte sich um, warf Rei einen haßerfüllten Blick zu.
„Dann soll sie ihn doch nehmen!“
Asuka rannte an Misato und Kaji vorbei aus dem Raum.
„Ah...“ setzte Shinji an.
Misato preßte sich die Hände gegen die Schläfen.
„Warum...“
Kaji legte ihr die Hand auf die Schulter.
„Asuka kriegt sich schon wieder ein, ich werde mit ihr reden. - Und ihr solltet jetzt erstmal et-was essen, damit ihr fit seid für weitere Trainingsstunden.“ wandte er sich an
das neue Piloten-team.
Shinji nickte, wandte sich dann Rei zu, ergriff ihre Hand.
„Danke, daß du gekommen bist...“
„Major Kaji hat mich herbeordert, Shinji-kun.“ korrigierte sie ihn, wünschte sich zugleich, es wäre ihre Idee gewesen. Trotzdem drückte sie seine Hand und ließ
sie auch nicht los, als sie zur Tür ging, um dem Captain zur Kantine zu folgen, so daß Shinji-kun ihr folgen mußte.