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Retelling a Story (Abzweigung 04)

Kapitel 22 - Herz und Seele

Geschrieben von Ulrich Alexander Schmidt

Legal Boilerplate:
Sämtliche Fehler in der Charakterisierung sind ganz allein mir selbst zuzurechnen.

Dieser FanFic enthält:
Spoiler, endlose langweilige Dialoge, Warm and Fuzzy Feelings, Asuka in Bestform, Sex, Drogen und sinnlose Gewalt

Ach ja, dies ist die FSK 16 - Version !
Nein, es gibt keine anderen Versionen.

Alle Figuren, die nicht Eigentum von GAINAX sind, sind frei erfunden, jede Ähnlichkeit mit lebenden, toten oder sonstigen Personen ist unbeabsichtigt und daher rein zufällig. Mich verklagen zu wollen, würde nichts bringen, schließlich habe ich kein Geld
Zu riesigen Problemen essen Sie bitte die Packungsbeilage und fragen Sie den Arzt Ihres Apothekers.

Asuka blickte mit zornverzerrtem Gesicht zu Einheit-01 hinüber. Sie stand auf dem Metallsteg, welcher vor der Brust von EVA-02 verlief.
Es war doch alles die Schuld des Third Children! Wenn dieser Ikari schneller gewesen wäre, wenn er sich ihr hätte anpassen können, wie man es doch wohl von einem EVA-Piloten erwar-ten konnte, wäre es nicht soweit gekommen!
Und jetzt - was blieb ihr?
Sie war von dem Einsatz nicht nur ausgeschlossen worden, nein, diese Katsuragi-Schlampe hatte auch noch bestimmt, daß das First Children ihren EVA-02 steuern würde. Und sie konnte gar nichts dagegen tun, das hatte sie bereits erfahren müssen, als sie versucht hatte, den roten EVANGELION vom EntryPlug aus zu aktivieren. Offensichtlich hatte der NERV-Hauptrech-ner ihre Aktivierungsbefehle überbrückt.
Das First Children würde ihren EVA steuern... allein schon der Gedanke verursachte bei Asuka Übelkeit. Sicher würde sie ihren Liebling beschädigen... überhaupt war EVA-02 auch der einzi-ge Grund, daß sie den beiden anderen Piloten kein Scheitern wünschte, doch wenn ihr eine Möglichkeit eingefallen wäre, wie First während des anstehenden Kampfes verletzt oder gar getötet werden könnte, ohne daß der EVA zu Schaden kam, sie hätte Himmel und Hölle in Be-wegung gesetzt, daß es auch soweit kam.
Wenigstens hatte sie ihre Sachen aus dem Zimmer holen können... noch so eine unfaire Unver-schämtheit, welche dieser Captain sich ihr gegenüber geleistet hatte. Ihrer Ansicht nach gehör-te Katsuragi unehrenhaft entlassen, die Frau war doch völlig unfähig...
Und Third... Ikari war doch ganz klar ein Versager, er hätte aus dem Team ausgeschlossen werden müssen, nicht sie... sie hätte ihn härter treten sollen, am besten tiefer... oder gleich mit dem Messer einen neuen Haarschnitt verpassen sollen...

„Das wird euch noch leid tun...“ flüsterte das Mädchen mit den roten Haaren. „Sehr leid...“
Mit langsamen Schritten verließ sie den Hangar, ganz in Gewaltphantasien versunken, deren Mittelpunkt die anderen beiden Piloten waren, die ihr ihr Debüt in Japan verdorben hatten.

Vielleicht gab es noch andere Möglichkeiten...

*** NGE ***


„Misato, das war wirklich knapp“, seufzte Shinji während des Essens.

„Wieso? - Gut, zwischen Asuka und dir stimmt die Chemie einfach nicht, obwohl ich nicht ganz verstehe, warum sie sich nicht an dein Tempo anpassen konnte, trotzdem ist das jetzt auch nur eine Notlösung.“

„Das... ah... das meinte ich nicht...“
Shinji biß sich auf die Lippe. Sollte er Misato erzählen, wie Asuka wie verhalten hatte, wenn sie allein gewesen waren? Würde sie ihm denn glauben? Offensichtlich hielt sie immer noch große Stücke auf Asuka, dieses Mädchen mit dem Engelsgesicht, hinter dem sich ein wahrer Satan verbarg.

„Nein? Was ist es dann? Weil sie dich getreten hat?“

„Uhm...“

„Komm, das war doch nicht Absicht.“

„Misato, da...“
Er schluckte seinen Protest hinunter, als Rei ihn unter dem Tisch mit dem Fuß anstieß.

„Captain Katsuragi, weshalb bezeichnen Sie mich als Notlösung?“ fragte Rei ruhig.

„Rei, nichts gegen dich, aber EVA-02 wurde bisher nur von Asuka gesteuert, die gesamte Software ist im Hinblick auf sie entwickelt worden.“

Shinji verschluckte sich, begann zu husten.
Wenn EVA-02 Asuka ähnelte, dann konnte er jederzeit im Hangar amoklaufen!

Rei blickte zur Seite, beobachtete Shinji, wie dieser mit rotangelaufenen Gesicht hustete.
Shinji-kun schien keine Luft zu bekommen!
Sie hob die Hand und klopfte ihm auf den Rücken.

Shinji flog nach vorn, konnte sich mit den Händen abfangen, als seine Nasenspitze bereits seinen Teller berührte.
Jetzt schlug Rei ihn auch noch... was hatte er denn bloß getan?
Aber wenigstens konnte er wieder atmen.

„Besser, Shinji-kun?“
So stark hatte sie ihn gar nicht treffen wollen!
„Entschuldige.“

„Schon... schon gut...“
Shinji atmete tief durch.
Rei hatte ihn nicht absichtlich so hart geschlagen... aber sie war halt stark, obwohl man es ihr nicht ansah.

Misato stand auf.
„Alles klar bei dir? - Gut, dann treffen wir uns in einer Stunde wieder in eurem Zimmer zum Training. - Rei, ich lasse dir gerade passende Sachen besorgen. - So, ah, ich denke, ich schaue mal bei Ritsuko vorbei und frage an, wie es mit dem Umschreiben der Steuerung aussieht.“
Sie verließ die Kantine.

„Shinji-kun, ist wirklich alles in Ordnung?“

„Ja, Rei. Ich war nur überrascht, das ist alles.“
Shinji war über alle Maßen erleichtert. Der Alptraum der letzten zwei Tage war vorerst ausge-standen.
„Es ist gut, daß Misato Asuka gegen dich ausgetauscht hat.“

„Wir arbeiten besser zusammen.“

„Nicht nur das... ahm... dir vertraue ich.“

Rei nickte, drückte seine Hand, allerdings nur schwach.
Wenn Shinji-kun ihr vertraute, würde sie sein Vertrauen nicht enttäuschen...

Sie kehrten in das Zimmer zurück, welches sie die nächsten Tage zusammen bewohnen wür-den. Dort erwartete sie ein Chaos, welches sich hauptsächlich auf die linke Hälfte des Raumes beschränkte, die Hälfte, welche Asuka zu ihrem Territorium erklärt hatte.
Auf dem Boden lag die Tanzkleidung hingeworfen, daneben das Bettzeug. Das Laken war von der Matratze heruntergerissen worden, die Matratze selbst lag nicht mehr auf dem Lattenrost des Bettes, sondern quer auf dem Bett.
Shinjis Sachen lagen in einer Ecke, vermittelten den Eindruck, gegen die Wand geworfen wor-den zu sein.

Mit einem leisen Aufschrei stürzte Shinji sich auf sein Zeug, sammelte es ein und legte es vor-sichtig auf sein Bett.
Sein SDAT-Player war zerbrochen, die Rückwand aufgeplatzt und das elektronische Innenle-ben quoll heraus.
„Asuka...“

Rei sah sich mit unbewegter Miene um, trat dann an das Bett, welches nun ihr Bett sein sollte, heran und richtete die Matratze, warf dann das Bettzeug darauf. Dann wandte sie sich Shinji zu und ihr Gesicht verlor alle Härte und Ausdruckslosigkeit, als sie sah, mit welch verletztem Ge-sichtsausdruck er auf die Teile des Gerätes in seinen Händen blickte, so als ob er selbst zu Schaden gekommen wäre.
Sie ging zu ihm, setzte sich neben ihn.
„Shinji-kun?“
Das Gerät mußte ihm etwas bedeutet haben, sonst würde er nicht so reagieren...

„Sie hat es kaputtgemacht...“ murmelte er.

„Vielleicht kann man es reparieren.“

„Nein, sieh doch...“
Er hielt ihr die Überreste des SDAT-Players unter die Nase.

Rei sah, daß das Gerät schwere Schäden aufwies.
Und sie verspürte Wut in sich aufsteigen auf das Second Children.

„Du hattest es gewußt...“

„Nein, nur geahnt, daß mit Soryu etwas nicht stimmte... ihre Freundlichkeit war zu übertrie-ben.“

„Ja... und ich bin voll auf sie hereingefallen...“
Shinji ließ den Kopf hängen.

Rei legte ihm den Arm um die Schultern und zog ihn an sich.
„Sollte sie noch einmal versuchen, dich zu verletzen, werde ich da sein, um sie aufzuhalten.“

„Rei...“ kam es dumpf von Shinji, „sie besitzt ein Messer... sie ist gefährlich...“

„Das kann ich auch sein.“

Eine einfache Feststellung... doch Shinji lief es kalt den Rücken hinab.

Misato betrat den Raum, sah die beiden Teenager auf dem Bett sitzen, wobei Rei den Arm um Shinji gelegt hatte und dieser den Kopf auf ihrer Schulter ruhen ließ.
„Ä-hem... Als ich sagte, die Piloten müßten bei diesem Einsatz ein Herz und eine Seele sein, meinte ich das eigentlich nicht sprichwörtlich.“

„Uhm... Misato...“

„Captain Katsuragi, Shinji-kun benötigte Trost.“

„Was ist denn passiert?“

Shinji präsentierte ihr die Reste seines SDAT-Players.
„Das war Asuka“, fügte er mit Bitterkeit hinzu.

„Asuka? Habt ihr sie gesehen?“

„Nein, Misato, aber das kann nur sie gewesen sein!“

„Aber sicher doch nicht mit Absicht. Okay, sie ist wütend, weil sie nicht in den Einsatz kann, aber deswegen wird sie doch nicht deine Sachen mutwillig zerstören, dazu ist sie doch viel zu nett.“

Shinji sprang auf, ließ dabei die Trümmer fallen.
„Misato, das stimmt nicht! Asuka ist nicht nett! Asuka ist gefährlich! Sie hat ein Messer!“

„Ein Messer?“

„Ja, wenigstens so lang.“
Er deutete die Länge seines Unterarmes an.
„Sie hat mich damit bedroht!“

„Ach, komm! Warum sollte sie denn soetwas tun? Du hast sicher etwas falsch verstanden.“

In diesem Moment platzte Asuka hinein und baute sich vor Misato auf. Ihre Augen schimmer-ten feucht.
„Captain, ich muß mit Ihnen sprechen!“

„Ah, das trifft sich, Shinji hat mir gerade etwas von einem Messer erzählt, mit dem du ihn be-droht haben sollst.“

„Was, ich?“
Asuka blickte Misato verwirrt an.
„Ich soll ihn bedroht haben?“
Jetzt nahm ihr Gesicht einen verletzten Ausdruck an.
„Wie kann er soetwas nur behaupten!“

„Asuka, sicher war es ein Mißverständnis. Aber ich muß dich trotzdem fragen: hast du ein Messer?“

„Ja, sicher... mein Taschenmesser... hier.“
Sie holte ein Schweizer Taschenmesser aus der Hosentasche, klappte die Klinge heraus, klapp-te dann eine Feile, einen Schraubenzieher und eine zweite kürzere Klinge heraus.

„Also, Shinji, das sieht mir kaum nach“, sie wiederholte seine eigene Längenangabe mit den Händen, „aus.“

„Aber sie hat soetwas.“

Asuka schniefte.
„Warum verbreitest du solche Lügen über mich, Shinji? Ich habe dich bewundert!“
Wieder zog sie die Nase hoch.
„Ist es, weil ich dich versehentlich getreten habe?“

„Shinji, also, ich weiß nicht. Wann soll das denn gewesen sein?“

„Am ersten Abend, Misato. Glaub ihr kein Wort!“

„Aber ich habe doch gar nichts gemacht!“ rief Asuka.

„Könntest du das vielleicht geträumt haben, Shinji?“

Misatos Stimme klang nicht so, als ob sie ihm glaubte...
„Und mein SDAT-Player? Den hat sie auch kaputtgemacht!“

Misato seufzte.
„Asuka, was kannst du dazu sagen?“

„Das... ich war vorhin so wütend...“

„Aha!“ stieß Shinji aus.

„Und als ich meine Sachen holte... weil ich ja nicht mehr im Team bin... und sicher jetzt Rei hier einziehen will... ich wollte schnell machen, weil ich keinem von euch in die Arme laufen wollte... und da muß ich ihn ´runtergeworfen haben... es tut mir leid, Shinji... ich kaufe dir auch einen neuen... aber warum erzählst du nur solche Lügen?“

„Uh...“
Shinji ließ die Schultern hängen, fing sich aber schon im nächsten Moment wieder.
Nein, noch einmal würde sie ihn nicht täuschen!

Doch auch Misato hatte seine Reaktion bemerkt und für sich interpretiert.
„Shinji, ich bin wirklich sauer!“
Zugleich strich sie Asuka über den Kopf.
„Ist ja gut...“

„Captain, ich bin... ich bin eigentlich nur hergekommen, um Sie zu bitten, es sich noch einmal zu überlegen...“

„Ja, nach dieser Szene hier... ich könnte dich gegen Shinji auswechseln und Rei nimmt EVA-01...“

„Nein.“

Misato sah auf.
Es war nicht Shinji gewesen, von dem dieses ´Nein´ gekommen war...
Rei stand mit verschränkten Armen zwischen Shinji und ihr und fixierte sie mit ihren roten Au-gen, als wollte sie Misato durchbohren.
„Rei?“

„Ich werde keinen Einsatz mit Soryu durchführen.“

Misato blinzelte heftig.
Das konnte doch nur ein schlechter Traum sein... erst Shinji, der sich völlig unverständlich auf-führte, dann Rei, die offen Widerworte gab...

„Misato, ich habe die bessere Ausbildung, ich gehöre in dieses Team, sonst scheitern wir!“ flüsterte Asuka mit tränenerstickter Stimme.

„Ich werde keinen Einsatz mit Soryu durchführen.“ wiederholte Rei.

„Rei, ich befehle dir...“

„Captain Katsuragi, überprüfen Sie bitte folgenden Sicherheitscode: Sigma-Sigma-Delta-Drei-Neun-Eins. Sie werden feststellen, daß ich Ihnen gleichrangig bin, wobei ich natürlich Ihre Fachkenntnisse und Ihre Qualifikation als Senior Offizier während eines Einsatzes anerkenne.“

Misatos Unterkiefer klappte nach unten.
Was hatte Rei ihr da gerade gesagt? Sie hätte denselben Rang?
„Ich bin gleich wieder da...“

Asuka blieb zurück, starrte die anderen beiden Piloten haßerfüllt an.
Wenn die Angaben von First stimmten, nutzte ihr auch ihr eigener Rang nichts.
„Das werdet ihr noch bedauern!“
Sie trat auf Rei zu, hob die Hand zum Schlag.

Rei tat nichts, um dem Schlag auszuweichen, oder ihn abzufangen, jedenfalls nichts, was bemerkbar war.

Shinji allerdings fing Asukas Hand am Gelenk ab.
„Das reicht... Wag. Das. Nicht. Noch. Einmal.“
Seine eigene Wut und die Stärke, die in seinen Worten lag, überraschten ihn selbst, sofort ließ er sie wieder los.
Seine Finger hinterließen rote Abdrücke auf Asukas Haut.

Mit geweiteten Augen stolperte Asuka rückwärts.
„So ist das also...“
Asuka stürmte aus dem Raum, rannte an Misato vorbei, die an einem Computerterminal stand und dort den von Rei genannten Code überprüfte, ohne diese zu beachten.
Das erklärte doch alles... First und Third waren ein Paar, sonst würde der kleine Schwächling sich nicht für diese blasse Porzellanpuppe stark machen... wahrscheinlich genügte schon ein kleiner Schlag, um ihr den Kopf von den Schultern zu hauen, das erklärte auch die hohe Verle-tzungsrate des First Children... aber denen würde sie es schon noch zeigen... solange der Cap-tain auf ihrer Seite war... und Kaji...

Misato sah der davonlaufenden Asuka hinterher, verzichtete aber darauf, sie anzurufen, statt-dessen wandte sie sich wieder dem kleinen Monitor zu, der eigentlich zum InterKom-System de Hauptquartiers gehörte, dort war ein Bild von Rei Ayanami erschienen, über welches lang-sam Daten scrollten.

Ayanami, Rei... Codename: First Children... Funktion: EVA-Pilotin, derzeit Einheit-00 zuge-wiesen... Rang: Captain, nur dem Kommandanten gegenüber Rechenschaft schuldig...

Misato schluckte.
Kommandant Ikari hatte ihr also eine Laus in den Pelz gesetzt... damit hatte sie wirklich nicht rechnen können, daß Rei mit vierzehn Jahren ihr gleichrangig war... und warum hatte sie das nicht eher erfahren...
Sie kehrte in das Doppelzimmer zurück, kämpfte mit ihrer Beherrschung.
„Rei, deine Angaben stimmen.“

Rei verzichtete darauf, die Worte des Captains zu bestätigen.
Genau für derartige Fälle hatte sie ihren Rang erhalten, daß sie sich nur dem Kommandanten gegenüber zu verantworten hatte, bedeutete nicht weniger, als daß sie gewissermaßen mit sei-ner Stimme sprach. Doch bisher hatte es keinen Grund gegeben, von diesem Privileg Gebrauch zu machen.

„Ihr... ihr werdet das Training fortsetzen... Ritsuko ist fast mit der Choreographie fertig... - Und, Shinji, was dich betrifft, so werde ich mir überlegen müssen, was nach diesem Einsatz ge-schieht...“

„Misato, ich...“

„Kein Wort darüber, nicht jetzt... Deine Lüge hat unserer Freundschaft schwer geschadet, das ist dir hoffentlich klar.“

„Shinji-kun hat nicht gelogen.“

„Ja, genauso, wie du es schon früher mal vielleicht erwogen hast, mich über deinen Rang zu in-formieren.“ murmelte Misato mit ätzendem Sarkasmus.
Sie mußte hier raus... Kaji konnte das Training weiter überwachen...

Shinji beobachtete Misatos Abgang und verspürte einen Stich im Herzen.
„Sie glaubt mir nicht...“

„Shinji-kun, sie wird Asuka noch durchschauen. Ich habe in Asukas Augen geblickt und dort die Dunkelheit gesehen...“

„Wenn ihr EVA wie sie ist...“

Rei nickte.
Ihre Kehle wurde trocken.
„Shinji-kun... Danke.“

„Wofür?“

„Daß du mich verteidigt hast.“

„Ich konnte doch zulassen, daß... ahm...“
Er wandte sich ab, damit sie nicht bemerkte, wie er errötete.
„Du... du bist wirklich ein Offizier bei NERV?“

„Ja. Der Kommandant hielt es für notwendig, damit innerhalb der Gruppe der Piloten eine Be-fehlshierarchie besteht.“

Der Kommandant... sein Vater... irgendwie fiel es ihm leichter, über seinen Vater in seiner Rol-le als Oberbefehlshaber von NERV nachzudenken, seine Gedanken waren dann viel weniger haßerfüllt.
„Also... uhm... also bist du mein... äh... meine Vorgesetzte?“

„Shinji-kun, ich beabsichtige nicht, von meinem Rang dir gegenüber Gebrauch zu machen. Aber es war nötig, die Tatsache zu erwähnen, um Captain Katsuragi von weiteren Umbese-tzungen abzuhalten.“

„Glaubst du wirklich, daß sie Asukas Vorstellung durchschauen wird?“

„Ja. Soryu kann das nicht ewig durchhalten.“

*** NGE ***


Misato betrat Ritsuko Akagis Büro und ließ sich auf einen freien Stuhl fallen.
„Wir haben ein Riesenproblem.“

„Stimmt.“

„Asuka ist... - Moment, was stimmt bei dir nicht?“

„Also, erstmal: Die Choreographie für den Kampf ist fertig, liegt da drüben. Die Reparaturen an den EVAs gehen auch gut voran, wir werden rechtzeitig fertig sein. Aber ich habe Schwie-rigkeiten, die Steuerung von Einheit-02 umzuschreiben, die Kommandodateien sind codiert...“

„Mit sowas wirst du doch fertig, du hast schließlich die MAGI.“

„Stimmt schon, aber dieser Code ist recht kompliziert, das wird etwas dauern. Auch die MAGI brauchen etwas Zeit für einen Kaskadencode. Dazu ist das ganze Betriebssystem auf Asuka ausgerichtet, ich werde jedes Unterverzeichnis und jede Datei einzeln überprüfen und manuell umschreiben müssen. Außer...“

„Außer?“

„Außer ich erstelle eine Sicherungskopie und überschreibe das komplette System mit den Da-ten von EVA-00, die müßte ich dann zwar auch noch anpassen, aber da dürfte schneller ge-hen, weil ich mich mit dem Aufbau auskenne... das System von EVA-02 hingegen geht noch auf Doktor Soryu zurück, sie und meine Mutter waren immer völlig verschiedener Ansichten über die Systemarchitektur.“

„Doktor Soryu?“

„Asukas Mutter, verstorben 2004, etwa ein halbes Jahr vor meiner Mutter.“

„Oh... ja, stimmt, das hatte ich in ihrer Akte gelesen...“

„Dann mache ich das so, ist wohl der beste Weg. Und was ist dein Problem?“

„Shinji...“
Misato seufzte.
„Er kommt nicht mit Asuka aus, dabei sah es am Anfang ganz gut aus, doch jetzt hat er sich ei-ne haarsträubende Geschichte ausgedacht, sie hätte ihn mit einem Messer bedroht.“

„Oh... Misato, bist du sicher, daß es nur eine Geschichte war?“

„Weshalb? Soetwas macht doch keine Vierzehnjährige!“

„Hm, weiß nicht. Schau mal, hier...“
Sie rief ein Diagramm auf ihren Monitor.
„Das sind die Daten von Asukas Synchrontests aus Deutschland... das ganze ist so gut lesbar wie ein Diagramm ihrer Gehirnströme... diese Kurve hier deutet auf erhöhte Gewaltbereitschaft hin... und hier... starke innere Wut...“

„Du meinst, Shinjis Geschichte könnte stimmen?“

„Es ist zumindest möglich.“

„Mein Gott... und ich habe ihn gleich abgebügelt... und dann noch Rei...“

„Was ist mit Rei?“ fragte Ritsuko interessiert.

„Als ich sie und Asuka als Team aufstellen wollte, hat sie mich darüber in Kenntnis gesetzt, daß sie mir gleichrangig ist - und schlimmer noch, sie muß keine Befehlskette beachten, son-dern untersteht Kommandant Ikari direkt.“

Ritsuko stellte ihre Kaffeetasse ab.
Das überraschte sie nun doch, wenn auch nicht so sehr wie offenbar Misato, schließlich hätte sie damit rechnen können, daß Gendo dafür sorgte, daß Rei ein Ass im Ärmel hatte.
„Misato, ich denke, du solltest Asuka genau im Auge behalten. Und wer kümmert sich jetzt eigentlich um das Training?“

„Ich habe Kaji gefragt... der sitzt doch ohnehin nur nutzlos in seinem Büro. - Und in der ande-ren Sache... hoffentlich habe ich keinen gewaltigen Fehler begangen...“

*** NGE ***


Kaji tauchte bald bei Rei und Shinji auf und ließ die beiden mit dem Synchrontraining beginnen.
Der stoppelbärtige Mann war derart beeindruckt davon, daß die beiden Teenager selbst unter der höchsten Geschwindigkeitseinstellung sich noch völlig gleich, wenn auch spiegelverkehrt bewegten, daß er das Training eine Stunde eher beendete, als eigentlich vorgesehen. Seiner Ansicht nach konnten die beiden sich gar nicht mehr verbessern - und man konnte e mit dem Üben auch übertreiben, niemandem lag etwas daran, wenn die beiden Piloten vor Erschöpfung ihre EVAs nicht starten konnten.
Allerdings überließ sie nicht sich selbst, sondern zog sich einen Stuhl heran und setzte sich auf Höhe der Bettenden und bedeutete den beiden, sich doch auf die Betten zu setzen.
Kaji ließ einen Moment vergehen, bevor er sich räusperte.
„Shinji, Katsuragi hat mir da eine haarsträubende Geschichte erzählt. Asuka hätte dich be-droht...“

„Hat sie auch!“

„Hey, kein Grund zu schreien. Erzähl mir einfach, was vorgefallen ist.“

„Ahm, ja...“
Shinji berichtete von den Ereignissen des ersten Abends, als Asuka sich zuerst noch ganz freundlich gegeben und ihn dann plötzlich attackiert hatte, erzählte Kaji von den ´Regeln´, die Asuka aufgestellt hatte und den damit verbundenen Drohungen. Und er ließ auch das furchtbar lange Messer nicht aus, mit dem sie seine Wange berührt hatte.

Kaji saß schweigend da und hörte zu, nickte schließlich.
„Ich glaube dir.“

„Sie... sie glauben mir, Kaji-san?“
Endlich jemand, der ihm glaubte, der sich nicht von Asukas freundlichem Getue um den klei-nen Finger wickeln ließ!

„Ja. Ich kenne Asuka etwas näher und das entspricht ihrer... Art.“

„Aber worum tut sie soetwas?“

„Shinji, Asuka wurde übel mitgespielt... das soll keine Entschuldigung sein, nur eine Erklärung. Und viel mehr kann ich dir auch nicht sagen, da ich an ein Versprechen gebunden bin. Aber ich gebe dir mein Wort, daß ich mit Katsuragi darüber sprechen werde. Ansonsten kann ich euch beide“, er blickte in die Runde, „nur warnen und bitten, achtsam zu sein. Ich glaube zwar nicht, daß Asuka auf euch losgehen würde, aber sicher ist sicher. Ich werde auch selbst ein paar Vor-kehrungen treffen.“
Dann stand er auf und stellte den Stuhl an die Wand zurück.
„Wascht euch, eßt etwas, ruht euch aus. Morgen geht´s erst richtig los. Und daher“, Kaji zwin-kerte, „keine kraftraubenden Aktivitäten.“
Er ging hinaus.

Shinji ließ sich nach hinten fallen.
„Ich hatte schon befürchtet, niemand würde mir glauben.“

„Ich glaube dir.“ erwiderte Rei leicht pikiert. Zählte ihre Unterstützung denn nicht?

„Ich weiß. Ich meinte doch auch die Erwachsenen.“

„Ja.“

„Was hat Kaji-san nur mit ´kraftraubenden Aktivitäten´ gemeint? Ich könnte jetzt keinen 1000m-Lauf mehr schaffen oder sowas.“

„Ich denke nicht, daß er derartiges meinte.“

Shinji hob den Kopf, sah Rei neben seinem Bett stehen.
„Sondern?“

„Sex.“

„Argh...“
Sofort setzte er sich auf, wurde wieder rot.
Wie konnte sie nur so offen dieses Wort sagen...

„Ich gehe duschen.“

„Uhm...“

Rei ließ ihn allein.

Shinji schüttelte den Kopf.
Mit Rei in einem Zimmer... über Nacht... hoffentlich ging das gut...
Er saß immer noch auf der Bettkante, als sie zurückkam.

Sie trug einen Pyjama, an dem noch das Preisschild klebte. Ihr Haar war naß.
„Du kannst jetzt das Bad benutzen, Shinji-kun.“

Shinji stand auf, blieb aber vor ihr stehen.
„Rei... hast du gar keine Sorge? Ich, uhm, ich meine... mit mir in einem Raum zu schlafen und so... ahm... ich könnte schließlich... uhm... ah... was, wenn ich über dich herfallen würde...“

Rei blickte ihn völlig ernst an.
„Würdest du das, Shinji-kun? Ziehst du ein derartiges Vorgehen in Erwägung?“

„Ich? Ahm... nein, natürlich nicht.“

„Dann brauche ich auch keine Sorge zu haben. Wir müssen uns beide auf einen Einsatz vor-bereiten. Sexuelle Kontakt sind in einer derartigen Situation der NERV-Charta nach streng-sten untersagt.“

„Wa... uh... ja... ähm, ich bin im Bad... uh...“

*** NGE ***


Gekleidet in Shorts und T-Shirt kam er zurück aus dem Bad.
Rei saß auf ihrem Bett und beobachtete ihn.
Rechnete sie etwa damit, daß er...

„Shinji-kun, würdest du bitte dein T-Shirt ablegen?“

„Uh, was?“

„Captain Katsuragi und Major Kaji haben beide unterlassen zu überprüfen, ob deine Rippen durch Soryus Tritt verletzt wurden.“

„Ah, Rei, das... äh, das ist schon in Ordnung.“

„Shinji-kun, ich möchte sichergehen, daß du voll einsatzfähig bist.“

„Uh, ich könnte noch zu Doktor Akagi...“

„Muß ich doch von meinem Rang Gebrauch machen?“

„Ahm...“
Er schluckte.
Gut, es war ja nur das T-Shirt... wenn Asuka ihn nun in tiefergelegene Regionen getreten hät-te...
Zögernd schob er den Stoff nach oben.

„Setzen.“ orderte Rei und stand auf.

Shinji ließ sich auf der Bettkante nieder.

Rei nahm neben ihm Platz und schob das T-Shirt noch etwas höher.
Ihre Finger fühlten sich kühl auf Shinjis Haut an, schienen sie zugleich zu verbrennen, denn ihm wurde ganz heiß unter ihrer sanften Berührung, jedenfalls bis sie die bläulich verfärbte Stelle über seinen Rippen berührte, wo Asuka ihn getroffen hatte.

„Das... Au!... Rei, muß das sein?“

„Ich kann keine Verletzung der Rippenknochen fühlen. Es ist wirklich nur eine Prellung.“

„Sag ich doch“, murmelte er und bedauerte im nächsten Augenblick, daß sie ihre Hand zurück-zog und aufstand.

Rei setzte sich wieder auf ihr Bett und gab vor, konzentriert der Musik zu lauschen, die mit lei-ser Lautstärke immer noch aus verborgenen Lautsprechern drang.
Wenn sie nicht aufgestanden wäre... wenn sie ihn auch nur eine Sekunde länger berührt hät-te... dann wären ihr die Vorschriften allesamt egal gewesen...

*** NGE ***


Shinji lag in seinem Bett und lauschte Reis regelmäßigen leisen Atemzügen.
Da es im Zimmer nicht ganz dunkel war - unter der Türritze fiel Licht hindurch -, konnte er schwach ihre Umrisse sehen. Sie lag auf dem Rücken, die Decke bis zum Hals gezogen, trotz-dem zeichnete die Decke weich die Konturen ihres Körpers ab - und seine Phantasie arbeitete ebenfalls auf Hochtouren.
Für ihn war Rei ein Engel, keines der Wesen, gegen die sie kämpften, sondern ein wahrer En-gel. Hinter der meist starren Maske ihres Gesichts verbarg sich eine sanfte, aber sehr starke Seele.
Noch immer vermeinte er, die Berührung ihrer Finger zu spüren, doch nicht in Verbindung mit dem Schmerz, den die Berührung des Blutergusses über seinen Rippen verursacht hatte...
Gern wäre er aufgestanden und zu ihr hinübergegangen, um einmal durch ihr Haar zu streichen oder über ihre Wange, doch angesichts ihres Gespräches am Abend hätte sie da vielleicht falsch auffassen können, dabei hätte er niemals etwas getan, mit dem sie nicht einverstanden war...
So blieb er liegen und wartete, bis ihm die Augen zufielen und ihn der Schlaf übermannte.

*** NGE ***


Die nächsten beiden Tage vergingen wie im Fluge. Die erforderlichen Bewegungen und Kampfmanöver hatten sie schnell verinnerlicht, so daß Kaji rasch zur nächsten Stufe übergehen konnte: In einer großen Halle war ein maßstabgerechtes Modell des Küstenabschnittes errich-tet worden, einschließlich der Modelle der beiden Zwillingsengel, wobei Shinji und Rei anstatt ihrer EVAs agierten und Kaji die beiden mit Rollen und Motor versehenen Modelle über Fern-steuerung bewegte. Nach Ablauf des dritten der vier Tage, die sie für das Training hatten, er-hielt die Choreographie einen letzten Feinschliff und während der Generalprobe am Vormittag des vierten Tages, bei welcher sowohl Misato und Ritsuko wie auch Subcommander Fuyutsuki anwesend waren, erfüllten die beiden Piloten die Vorgaben innerhalb der Fünf-Minuten-Frist. Die EVAs würden ohne ihre Versorgungskabel in den Kampf ziehen, da diese die Beweglich-keit der Einheiten einschränkten, das Ziel würde es sein, die beiden Zwillingen zuerst aus ihrem Rhythmus zu bringen und dann gegeneinander zu schleudern, so daß sich ihre AT-Felder kurz-fristig gegenseitig neutralisierten. Und dann würden beide EVAs gleichzeitig den Todesstoß anbringen.
Den Proben nach war es möglich...
Der Nachmittag des vierten Tages war Reaktivierungstests vorbehalten, wobei noch längst nicht wieder alle Systeme der EVAs arbeiteten, Ritsuko Akagi jedoch die Nacht durchzuarbei-ten beabsichtigte, um gegen Morgen die letzten Feinabstimmungen vornehmen zu können.

Rei ließ es sich nicht anmerken, doch als ihr EntryPlug mit dem Steuernerv von EVA-02 ver-bunden wurde, verspürte sie Furcht. Allerdings geschah nichts, weder tauchte der Schatten Asukas plötzlich über ihr auf, womit sie fast gerechnet hatte, noch verweigerte sich ihr der EVA, was Doktor Akagi wiederum befürchtet hatte.
EVA-02 war völlig still, als die Synchronverbindung geschlossen wurde, nahm Rei weder das geistige Rauschen wahr, welches sie von EVA-00 gewöhnt war, noch das für EVA-01 typische dumpfe Grollen. Ihre Synchronrate hielt sich jedoch im gewöhnlichen Bereich. Dennoch war da etwas, das sie nicht näher bestimmen konnte, etwas, das dafür sorgte, daß sie der Einheit nicht vertraute.

Alle Beteiligten waren sehr zufrieden mit dem Erreichten, wurden allerdings auch nervös, wenn sie an den morgigen Tag dachten, welcher die Entscheidung bringen würde.

Shinji und Rei waren am Abend schweigend in ihre Betten gekrochen, doch Schlaf wollte sich nicht einstellen.

„Rei?“

„Ja, Shinji-kun?“

„Glaubst du, daß wir es schaffen werden?“

„Das ist keine Frage des Glaubens. Wir müssen es schaffen.“

„Ja... Rei, sei vorsichtig. Sollte mir ein Fehler unterlaufen, dann versuche nicht, mir beizuste-hen... Wenn jemand diese beiden Engel allein besiegen kann, dann bist du das.“

„Shinji-kun... du irrst dich. Und ich könnte dich nicht im Stich lassen.“

„Ahm... Rei...“

„Du solltest schlafen, Shinji-kun.“

„Ja.“

*** NGE ***


Kurz nach vier Uhr morgens schlugen die Überwachungssysteme Alarm.
Misato, die in der Kommandozentrale auf einem Stuhl genächtigt hatte, schreckte hoch, ebenso wie die meisten Brückenoffiziere, ebenso wie Kozo Fuyutsuki, der zusammengesunken an ei-nem Terminal gehockt hatte, anstatt oben im Kommandositz.

„Einer der Zwillinge hat sich etwas bewegt!“ vermeldete Shigeru Aoba.

Misato stellte eine Verbindung zu Ritsukos tragbaren ComLink her.
„Ritsuko, wie sieht es aus? Oben rührt sich ´was!“

„Oh, von mir aus kann´s losgehen. Wir sind gerade fertiggeworden - über eine Stunde vor dem Zeitplan.“

„Ich werde dich loben, wenn wir das hier überleben.“

*** NGE ***


Mechanisch, völlig in Synchronität und ohne einen Blick zur Seite zu werfen, waren Shinji und Rei aus ihren Betten geklettert, hatten sich noch im Zimmer umgezogen und waren Seite an Seite in ihren PlugSuits den Korridor zum Hangar entlanggerannt.

An einer Abzweigung hatte Asuka gelauert, um Rei zu Fall zu bringen, in einem Büro einzu-schließen und ihren Platz einzunehmen, doch das Auftauchen Ryoji Kajis hatte sie von der Ausführung ihres Planes abgehalten.

Die beiden Piloten erreichten den Hangar, stiegen in die EntryPlugs, zögerten kurz, blickten einander gleichzeitig an... vielleicht zum letzten Mal...

Copyright of the Charakter by GAINAX / Text by Ulrich Alexander Schmidt