„Der Feind hat die Verteidigungslinie bei Gora durchbrochen!“
Nickend nahm Misato die Mitteilung zur Kenntnis.
„Zehn Sekunden bis zum Start der EVAs!“
Sie konzentrierte sich auf den großen Hauptbildschirm, dieser zeigte einmal das Vorrücken der Engel, die schon das Stadtgebiet erreicht hatten und sich nun auf einer der
Ausfallstraßen dem Ze Ach ja, dies ist die
FSK 16 - Version !ntrum näherten, dann gab es zwei kleinere Bilder, das eine zeigte die beiden EVAs in den Käfigen, das andere eine taktische Darstellung des Kampfgebietes von
oben. Die beiden Engel waren zwei wandernde rote Punkte auf der Karte. Die Ausstiegsöffnungen der Liftschächte waren blau markiert.
„Fünf... vier... drei... zwei... eins...“
„Lift-off!“ rief Misato. „Viel Glück, ihr beiden!“
Unter hoher Beschleunigung rasten die beiden EVAs an die Oberfläche. Noch während des Aufstieges wurden die Halterungen gelöst, so daß die beiden Giganten in die Luft
geschossen wurden.
Einen langen Moment schwebten EVA-01 und -02 in der Luft hoch über den Engeln, die tak-tischen Computer nutzten die Zeit, um ihre Daten abzugleichen und zu aktualisieren.
Dann griff die Schwerkraft nach ihnen, zog sie zurück zum Boden.
„Musik starten!“ wies Misato an.
*** NGE ***
In ihren Cockpits schlossen die beiden Piloten die Augen und ließen sich von der Musik fort-tragen. Sie mußten nicht sehen, was die Bildschirme vor ihnen zeigten, über die
Synchronver-bindung konnten sie durch die Augen der EVAs sehen - und diese besaßen keine Lider.
Shinji wich nach rechts aus, Rei nach links.
Beide griffen in aufspringende Waffenbunker nach Positronengewehren, eröffneten das Feuer auf jeweils einen der Engelszwillinge, ließen sich dann zurückfallen, gingen hinter
schwer ge-panzerten Gebäuden in Deckungen, bewegten sich dann aufeinander zu, tauschten die Plätze.
Weitere Magazin wurden leergefeuert, eine Wolke von Staub umgab die Engel, während die EVAs große Bögen schlugen und sich in ihre Rücken brachten, während die
Abwehranlagen der Stadt den Beschuß übernahmen und von der Position der EVAs ablenkten.
Shinji spürte plötzlich wieder den Blutdurst in sich aufsteigen... nein, nicht in sich... der Drang zu töten ging von seinem EVA aus... ein leises Flüstern, aus dem Rhythmu
auszubrechen und endlich den Feind mit den eigenen Händen anzugreifen, sich für die Schmerzen zu rächen, die ihm zugefügt worden waren, sie dem Engel tausendfach
zurückzuzahlen...
Shinji preßte die Lippen zusammen.
Nein, er würde nicht nachgeben...
Das Flüstern wurde lauter, bekam etwas lockendes... doch das schlimmste war, daß es mit seiner eigenen Stimme sprach...
Töten... Zerreißen... Verstümmeln...
Wenn er nachgab, brach er aus dem Rhythmus aus... und dann würde er Rei im Stich lassen... und wenn es ihm gelang, die beiden Engel zu zerfetzen? Dann würde sie nicht in Gefahr
gera-ten... Dann mußte sie nicht kämpfen...
Dieses Flüstern... waren das noch seine Gedanken?
Oder waren es die Gedanken des EVAs?
Wollte er ihn dazu bringen, seine Partnerin zu verraten?
Das konnte er nicht... er konnte doch nicht...
Die völlig Leere in EVA-02 war beunruhigend, es fehlte der leichte Widerstand, den Rei von EVA-00 gewohnt war, ebenso der Eindruck von Kontakt.
Alles verlief nach Plan, sie befanden sich im Rücken der Engel, sobald die Abwehrsysteme das Feuer einstellten, würden sie in den Nahkampf gehen.
Rei machte ihr Messer bereit, mußte nicht zur Seite blicken, um zu wissen, daß Shinji-kun es ihr gleichtat. Sie spürte seine Gegenwart, vernahm seinen Herzschlag wie ein leise
Pochen in ihrem Hinterkopf, nicht das Pochen von Kopfschmerzen, nicht unangenehm... vielmehr das Wissen, daß er da war, daß sie nicht allein war, ein Gefühl, bei dem sie erst
begriffen hatte, daß sie sich immer danach gesehnt hatte, seitdem sie existierte, als sie es zum ersten Mal gespürt hatte.
Und dann brach diese Verbindung plötzlich ab.
„Rei, du kommst aus dem Takt!“ schrie Misato.
Doch Rei hörte sie nicht
In ihrem Kopf herrschte mit einem Mal ein unerträglicher Lärm wie von tausend Stimmen, schlimmer, als wenn alle Schüler der Klasse gleichzeitig durcheinander riefen. Es war
jedesmal ein und dieselbe Stimme, eine Frauenstimme... und es waren jedesmal ein und dieselben Wor-te... die Stimme schrie nach ihrer Tochter, verlangte nach ihrer Tochter... sie schrie nach
Soryu...
„Ich... bin... nicht... Soryu...“ stieß Rei hervor, während ihr Herz schneller und schneller zu schlagen begann, als die Panik, welche der EVA verspürte, auf sie
übergriff.
„Rei! Was ist bei dir los? Deine Werte spielen verrückt! Die Synchronrate fällt!“
Rei antwortete nicht, kämpfte gegen die Stimme in ihrem Kopf an.
„Schweigt doch endlich...“ flüsterte sie, preßte die Kiefer so fest zusammen, daß es schmerzte.
Wenn sie die Kontrolle verlor... wenn ihre Synchronrate zu stark sank... dann war sie hand-lungsunfähig... dann mußte Shinji-kun es allein mit den beiden Engeln aufnehmen... dann
würden sie ihn verletzen... oder schlimmeres...
„Ich kann das nicht zulassen...“
Ihr Herz schien kurz davor zu stehen, in ihrer Brust zu explodieren.
„Rei, wir versuchen, dir zu helfen! - Shinji, schnell... Ritsuko synchronisiert euch beide über die MAGI...“
So war es also zu sterben...
Das konnte nicht sein...
Sie konnte noch nicht sterben, selbst wenn der Doktor ihr Gedächnis auf eine ihrer Schwe-stern übertragen konnte... es würde nicht sie sein, sondern eine andere... die Dritte...
sie würde nie wirklich erfahren, wie es war, nicht mehr allein zu sein...
Schweigen... die Stimmen sollten schweigen... endlich schweigen...
Sie glaubte, ihr Kopf würde platzen.
„Rei! Rei, hör zu!“
Shinji-kun... Das war Shinji-kuns Stimme...
Sie stemmte sich gegen den Lärm, war überrascht, festzustellen, daß ihre beiden EVAs noch immer einigermaßen synchron agierten.
Gerade endete der Beschuß, begann der Staub sich zu legen.
Wenn sie noch handeln wollten, dann jetzt...
Aber der Lärm in ihrem Kopf... diese Stimme, die ständig nach Asuka schrie... das konnte doch nicht der EVA sein... sollte es sich mit Einheit-02 ähnlich verhalten, wie mit
Einheit-01? Sollten beide EVAs... beseelt sein...?
Shinji selbst kämpfte gegen die Impulse aus den Tiefen seines EVAs.
Der Blutdurst... der Haß... der Wunsch zu töten...
Rei steckte in Schwierigkeiten!
Er mußte ihr helfen, komme, was da wolle! Er mußte ihr helfen!
Da war noch etwas... er hatte es bereits einmal wahrgenommen, eine weitere Präsenz... nicht Haß... keine dunkle Kälte, sondern ein warmer Hauch, fast schon eine Berührung, so
als würde ihn jemand in die Arme schließen und gegen die Finsternis beschützen... jemand vertrautes
Das Flüstern verstummte...
Er konnte wieder klar denken...
„Rei...“
Wenn er versuchte ihr zu helfen... nur wie? ... dann verließ er den Rhythmus...
Was konnte er nur tun?
„Rei!“
„Shinji...“ drang es leise aus dem Lautsprecher.
Sie hatte ihn gehört...
Die Engel... sie tauchten aus der Staubwolke auf, der geringe Vorteil war vergeudet...
Aber die Musik lief noch... wenn er nicht im Rhythmus bleiben konnte... dann mußte er impro-visieren!
Shinji ließ EVA-01 zu EVA-02 hinüberspringen, umfaßte den roten Mecha um die Hüfte, zog ihn an sich heran.
Rei spürte die Berührung, als läge der Arm um ihre eigene Hüfte.
„Was tust du?!“
Sie stellte fest, daß ihre eigene Stimme imstande war, das laute Geschrei aus dem EVA zu übertönen, daß sie ihre eigenen Gedanken wieder zu hören imstande war,
daß Shinji-kuns Ge-genwart ihr die Kraft gab, die Panik niederzukämpfen, die nicht die ihre war!
„Nimm den linken!“
Shinji wirbelte Reis EVA herum, gab ihm Schwung, warf ihn auf den linken der beiden Zwillin-ge zu, raste selbst auf den anderen zu.
Jetzt waren sie wieder in Synchronität, handelten völlig spiegelverkehrt, deckten ihre Gegner mit Schlägen ein.
Die Engel schlugen zurück, doch die EVAs waren einen Sekundenbruchteil schneller, duckten sich unter den Krallenhieben zur Seite, unterliefen sie, schlugen kraftvoll zu, packten ihre
Geg-ner, schleuderten sie zur Seite, setzten sogleich nach.
Die beiden Engel prallten mit den Rücken gegeneinander.
Ihre AT-Felder überlappten sich, neutralisierten sich kurzfristig.
Die Zwillinge verschmolzen wieder, formten einen größeren, breiteren Engel.
Schon waren die EVAs mit gezogenen PROG-Messern heran, stießen die Klingen in die beiden Herzen des Engels.
Die folgende Explosion riß sie von den Beinen, Shinji und Rei fanden sich in einem Gebäude wieder, welches ihre EVAs zur Hälfte durchschlagen hatten, Arme und Beine miteinander
ver-knotet.
Dann erloschen die Bildschirme und Anzeigen in den Plugs, als die Akkus den letzten Rest ge-speicherter Energie abgegeben hatten. Schlagartig sank die Synchronisation der Piloten mit den EVAs auf
Null, verstummten die Schreie und das Flüstern völlig, verschwand auch die freund-liche Präsenz, welche Shinji wahrgenommen hatte.
Shinji öffnete den Kreuzgurt, beugte sich nach vorn zum Funkgerät hin.
„Oh, Mann...“ murmelte er. „Das wäre fast schiefgegangen... Rei, kannst du mich hören?“
„Ja, Shinji-kun.“
„Wir haben es tatsächlich geschafft.“
„Ja, Shinji-kun.“
Reis Stimme klang seltsam, so warm und freundlich...
„Bist du in Ordnung?“
„Ja.“
„Und du hast gesagt, du könntest nicht tanzen...“
*** NGE ***
Die EVAs wurden geborgen und in den Hangar zurückgebracht.
Ritsuko Akagi begann sofort damit, das ursprüngliche Betriebssystem zu reinstallieren und die Kommandodateien wieder auf Asuka umzuschreiben, doch dies war kein großer Arbeitsvor-gang,
schließlich hatte sie die alten Daten auf den MAGI hinterlegt.
Mehr Arbeit würde die Reparatur der neuen Beschädigungen machen, aber auch das hielt sich in Grenzen.
Die beiden Piloten erhielten die nächsten beiden Tage frei, mußten sich aber dennoch bereithal-ten, sollte ein weiterer Engel auftauchen.
Shinjis Jubel darüber wurde im Lift nach oben von Reis Bemerkung, daß sie nur noch drei Wo-chen hatten, um sich auf die Abschlußprüfungen vorzubereiten, erstickt.
Seine Freude wich Nachdenklichkeit.
Sie hatten in der Zeit, die er auf die Schule von Tokio-3 ging, nicht wirklich etwas gelernt, der alte Lehrer, bei dem sie die meisten Fächer hatten, erzählte ja immer wieder dasselbe
wie eine defekte Schallplatte, doch dies schloß nicht aus, daß ihre Prüfungen den eigentlich angesetzten Unterrichtsstoff behandeln würden, den sie sich ja auch mit Hilfe
der Bücher hätten anlesen können.
Als er seine diesbezügliche Vermutung Rei unterbreitete, nickte diese.
„Das ist sogar wahrscheinlich, Shinji-kun. Die Abschlußprüfungen werden von insgesamt drei verschiedenen Lehrern kontrolliert. Wir sollten heute noch mit Lernen
beginnen.“
„Uh... und ich hatte gehofft, daß wir wirklich ein freies Wochenende hätten...“
„Shinji-kun, ich bin mit dem meisten Stoff auf dem laufenden und muß lediglich die letzte Woche aufarbeiten, wir können jedoch alles noch einmal zusammen durchgehen.“
„Hm, ja.“
Rei hatte also im Gegensatz zu ihm keine Lücken... sicher würde sie die Prüfungen bestehen. Doch wenn er durchfiel, hieß das nicht nur, daß er die Klasse wiederholen
mußte, er würde auch mit anderen Schülern zusammenkommen und seine alten Freunde nicht sehen... und er würde nicht den halben Tag mit Rei in einem Raum verbringen
können, auch wenn zwischen ihnen doch eine gewisse räumliche Entfernung bestand... nein, das wollte er ganz und gar nicht.
“Ja, wir können heute anfangen. Bei mir?“
„Ich...“
Rei machte eine Pause, erinnerte sich an die Anweisung des Kommandanten, Captain Katsu-ragis Wohnung nicht mehr zu betreten. Außerdem war sie selbst ja jetzt auf Besuch vorberei-tet.
„Nein, wir gehen zu mir.“
„Ja, ahm, gut. Ich muß nur... uhm... ich muß nur kurz bei Misatos Wohnung vorbei und... uh... etwas erledigen... ich bin gegen... ahm, ist drei Uhr dir recht?“
„Natürlich, Shinji-kun.“
Sie hatte doch den ganzen Tag zu ihrer Verfügung und es gab nichts, daß sie sonst hätte tun müssen. Natürlich hatte sie Zeit!
„Ahm, ja, schön. Ich will mich nur umziehen und... uhm... etwas kochen... und Misato eine Portion kaltstellen... und meine Sachen holen... und, uhm, Toji und Kensuke kurz
anrufen...“
„Kriegsberichterstattung?“
„Wa...? Öh, ja, so kann man es wohl nennen... Kensuke quetscht mich nach jedem Einsatz im-mer so aus...“
Sie maß Shinji von oben bis unten. Er sah nicht sonderlich gequetscht aus - also wahrscheinlich wieder eine dieser Redewendungen. Vielleicht sollte sie bei Gelegenheit ein entsprechende
Le-xikon studieren...
„Keine vertraulichen Informationen.“
„Wie meinst du das?“
„Du darfst ihm keine vertraulichen Informationen am Telefon mitteilen, auch nicht über E-Mail oder mit der Post. Die Verbindungen werden von den MAGI überwacht.“
„Uh... gut, daß mir das auch schon jemand sagt...“
„Ja.“
„Ich will ihnen ja auch nur sagen, daß ich in Ordnung bin. Nach dem letzten Engel hatte Toji mich so besorgt angesehen... ich glaube, seit er bei mir im EntryPlug war, weiß er,
wie gefähr-lich es ist.“
„Suzuhara-kun scheint...“
Rei dachte nach, wie lautete doch gleich diese Redewendung...
„Er scheint eine harte Schale, aber einen weichen Kern zu haben.“
„Ja... ahm... du hast ihn sicher auch mit Hikari gesehen.“
„Das habe ich.“
Und sie hätte gerne mit der Klassensprecherin getauscht, aber natürlich nur, wenn es sich an-statt um Suzuhara-kun um Shinji-kun gehandelt hätte, der ihre Hand gehalten
hätte...
Sie trennten sich in der Bahnstation in der Nähe der Schule.
Während Rei in ihrem Zug in Richtung ihres Wohnviertels fuhr, saß sie nachdenklich auf der Bank, holte schließlich ihr Handy heraus und wählte aus dem Gedächnis eine
Nummer.
Es klickte in der Leitung, dann meldete sich eine junge Frauenstimme.
„Horaki.“
„Ist... Hikari zu sprechen?“
Es hatte sie ein wenig Überwindung gekostet, den Vornahmen der Klassensprecherin auszu-sprechen, doch im Nachhinein wußte sie, daß es so richtig war. Vielleicht hatte Shinji
recht, vielleicht sollten sie ihren Freunden ein Zeichen geben, daß sie den Einsatz überstanden hatten.
*** NGE ***
Misato marschierte im Eilschritt durch die Korridore des Hauptquartiers, öffnete mehrere Bü-rotüren, fand die Person, nach der sie Ausschau hielt, schließlich im Kommandoraum
des Test-centers.
Ryoji Kaji stieß gerade mit Maya Ibuki auf den Sieg an, in ihren Tassen schwappte schwarzer Kaffee, den Kaji mit einem Schuß aus seinem Flachmann versetzt hatte, welcher jetzt leer
auf dem Tisch stand. Der Alkohol hatte ihn - selbstverständlich in Maßen eingenommen - während der ersten Tage der Seereise warmgehalten, und nach dem Angriff des Engels, als sein
Hub-schrauber wieder auf dem Deck des Flugzeugträgers gelandet war, hatte er sich auch einen kräftigen Schluck gegönnt, schon allein, um seine Scheißangst
herunterzuspülen, die ihn beim ersten Anblick des Riesenfisches überkommen hatte.
Als Kaji Misato hereinkommen sah, legte er plötzlich den Arm um die verdutzte Maya.
„Spiel mit“, flüsterte er in ihr Ohr, während er sie an sich heranzog.
„Ryoji Kaji, du kannst es einfach nicht lassen!“ polterte Misato.
Kaji grinste jungenhaft und ließ Maya langsam los, zwinkerte ihr zu, wobei er darauf achtete, daß Misato dies nicht bemerkte.
„Ach, Katsuragi, wir wollten doch nur ein wenig feiern.“
„Das sehe ich. Und auch noch hier, wo euch jeder im Hangar sehen kann!“
„Du weißt doch, daß ich das Risiko mag.“
„Ja, ja... ich muß mit dir sprechen - sonst wäre ich schon längst wieder weg und hätte euch beide alleingelassen!“
Wieder zwinkerte Kaji Maya zu.
Es war schon seltsam, was für einen Aufstand Katsuragi machte, wo er ihr doch angeblich völ-lig egal war...
„Okay, Katsuragi-chan, was gibt´s? Möchtest du gerne mitfeiern?“
Das war wohl ein wenig zuviel des Guten gewesen, denn Misato lief vor Zorn rot an.
„Nein, verdammt! Es geht um Asuka!“
Schlagartig wurde Kaji ernst.
„Maya, entschuldige uns bitte.“
„Ähm, ich muß ohnehin weg... Sempai braucht mich sicher bei den EVAs...“
Maya Ibuki verließ den Raum, in dem mit einem Mal dicke Luft zu herrschen schien.
Kaji wartete, bis die Tür zugefallen war, dann wandte er sich wieder Misato zu.
„Setz dich.“
Er deutete auf den freien Stuhl neben sich.
„Nein, ich stehe lieber.“
„Was möchtest du wissen?“
„Ich möchte von dir erfahren, was mit Asuka ist. Kaji, was verheimlichst du mir? Was ist los mit dem Mädchen, warum wolltest du nicht, daß sie und Shinji...“
„Du solltest dich wirklich setzen.“
„So schlimm kann es schon nicht sein.“
„Hängt davon ab.“
„Dann fang endlich an zu erzählen. Ich muß wissen, woran ich bin. Shinji sagte, sie hätte ihn mit dem Messer bedroht.“
„Oh... das hätte ich nicht... andererseits...“
„Hör auf mit dem Gestotter und rede endlich.“
„Gut, gut, Katsuragi... konnte dir ja noch nie ´was abschlagen... Asuka, ja... schlimme Ge-schichte, wirklich schlimme Geschichte...“
„In Ordnung, spielst du jetzt den alten Jahrmarktswahrsager?“
„Nein... Ich fange am besten ganz vorn an... als Asuka vier Jahre alt war, starb ihre Mutter.“
„Steht in der Akte.“
„Aber nicht wie und warum.“
„Selbstmord.“
„Stimmt, aber in der Akte steht nicht die ganze Geschichte. Doktor Kyoko Soryu leitete die Forschungssektion von NERV-Deutschland, sie war für die Entwicklung der EVA-Serienmo-delle
zuständig - oder besser, den Grundlagen der Serienproduktion... sie war auch als Testper-son für die Synchronverbindung tätig. Und eines Tages erlitt sie einen schweren
Nervenzusam-menbruch während der Arbeit, ein gutes Vierteljahr lang war sie nicht ansprechbar, erst danach besserte sich ihr Zustand und die Ärzte ließen sie nach Hause in die
Obhut ihres Mannes. Dieser hatte sich in der Zwischenzeit eine jüngere Geliebte genommen und machte keine An-stalten, sein Verhältnis zu verbergen. An dem Tag, an dem das für die
Piloten-Auswahl zustän-dige MARDUK-Institut Asukas Befähigung, einen EVA zu steuern, feststellte, beging Kyoko Soryu Selbstmord... und Asuka war die erste Person, welche die Tote
fand... sie hatte sich an einem Deckenbalken ihres Zimmer erhängt...“
„Das ist furchtbar...“ murmelte Misato.
„Ja, allerdings. Nach der Beerdigung nahmen Asukas Patentante und ihr Mann die Kleine erst-einmal bei sich auf, denn Asuka weigerte sich, zu ihrem Vater zurückzukehren, der in ihren
Augen ihre Mutter verraten hatte und für ihren Tod verantwortlich war. Später kam es zu ei-nem richtigen Krieg um das Sorgerecht, bei dem ihre Pflegeeltern den längeren Atem
hatten... Asukas Onkel ist ein hohes Tier in der Kommandoetage des UN-Nachrichtendienstes, angeb-lich hat er Doktor Langley einen kleinen abendlichen Besuch abgestattet... aber das ist wohl nicht
so wichtig... Asuka kam dann auf eine Begabtenschule, wo sie letztes Jahr ihren Abschluß gemacht hat... sie hat den Stoff eines ganzen Jahres in der Hälfte der Zeit gelernt... da
Mäd-chen ist hochintelligent...“
„Hm, ja. Und weiter?“
„Das schlimmste kommt erst noch. Ich arbeite seit sechs Jahren für die deutsche NERV-Zweigstelle... seit Asukas zehntem Geburtstag war ich für ihre persönliche Sicherheit
zustän-dig. Und kurz nachdem sie zwölf wurde, habe ich versagt...“
„Was ist passiert?“
Misato zog sich nun doch den Stuhl heran.
„Asuka hatte gerade mit der Abschlußklasse begonnen... sie war die jüngste dort, die anderen waren alle wenigstens drei Jahre älter... aber sie kam sehr gut mit ihnen aus,
gehörte wirklich dazu, so schien es jedenfalls. Ihr bester Freund war ein sechzehnjähriger namens Pietter... Piet-ter Fresenhark, sein Vater ist im Stadtrat von Wilhelmshaven... sie und
die Clique, zu der Fre-senhark gehörte, haben oft zusammen für Prüfungen gelernt... deshalb hatte ich mir auch nichts dabei gedacht... ahm... Es war ein Dienstag nachmittag,
Pietter hatte Asuka angerufen, daß sie, also die Gruppe, sich treffen wollten, um noch ein paar Notizen durchzugehen... für die nächste Woche stand ein wichtiger Test an... ich
habe sie selbst hingefahren... die Fresenharks haben ei-ne große Villa in der Arkologie, fast schon eine eigene kleine Welt mit einem Park dahinter und allem... ich setzte sie vor dem Hau
ab, sie meinte, ich sollte nicht warten, hätte doch sicher wichtigeres zu tun, ihr Onkel würde sie schon abholen... also fuhr ich zurück... unterwegs fie-len mir ein paar Dinge ein
- ich hatte beim Vorbeifahren einen Blick ins Wohnzimmer gewor-fen, doch es war leer gewesen. Gut, hatte ich gedacht, vielleicht kommt der Rest ja später, oder vielleicht war Asuka zu
früh... trotzdem hielt ich an und wartete, ob noch jemand kam. Doch zehn Minuten lang tauchte niemand vor der Tür der Fresenharks auf. Plötzlich wurde mir... ich weiß nicht,
wie ich es beschreiben sollte... so ein Gefühl von Vorahnung... Instinkt... irgendetwas stimmte nicht... Ich sprang aus dem Wagen und lief zurück, klingelte an der Tür, doch
niemand öffnete. Also trat ich die Tür ein, zog zugleich meine Waffe. Das Wohnzimmer war leer, ebenso die Küche... aus dem ersten Stock kam ein leises Keuchen... ich rannte die
Treppe hinauf, trat die nächste Tür ein... und da fand ich die beiden... Pietter lag auf Asuka und... Katsuragi, er hatte sie vergewaltigt... Dieses verdammte Schwein...“
Misato sah die Tränen, die sich in Kajis Augenwinkeln sammelten, legte ihm die Hand auf die Schulter.
„Kaji, laß gut sein.“
„Nein, du sollst alles hören... Fresenhark hatte es geplant, er hatte alles vorbereitet... er hatte mit seinen Freunden gewettet, daß er bis zu den Prüfungen Asukas Unschuld
genommen haben würde... er hatte ihr gleich nach dem Eintreten etwas zu trinken angeboten... Limonade... darin war eine Droge gewesen, die sie schläfrig und willenlos gemacht hatte...
und dann hatte er sie in sein Zimmer gebracht und entkleidet und...“
Kaji verbarg sein Gesicht in den Händen.
„Wenn ich nur eher reagiert hätte... wenn ich doch nur gleich umgekehrt wäre... so konnte ich ihn von ihr herunter- und aus ihr herausziehen... ich habe ihm einen Schlag mit dem
Pistolen-griff verpaßt, der ihm die Nase gebrochen und mehrere Zähne ausgeschlagen hat... dann wik-kelte ich Asuka in die Decke und brachte sie ins Bad... und ich rief mein Büro
an... keine fünf Minuten später standen zwei weitere Leute von NERV im Hausflur und kümmerten sich um Asuka... und dann erschien Asukas Onkel... ich hatte diesen Mann noch nie
zuvor wütend er-lebt... ich hatte Pietter mit dessen Gürtel an einen Stuhl gefesselt... mir war hundeelend und übel... das Bettlaken war voller Blutflecken und... der Junge hockte
auf dem Stuhl, blutete aus Mund und Nase, hatte seine Hosen immer noch zwischen den Knien hängen... und Asukas On-kel... Larsen, Wolf Larsen... er schlug Fresenhark ins Gesicht und zwang ihm
ein Geständnis ab, ließ nicht locker, bis der Junge alles erzählt hatte... Pietter heulte dicke Tränen, es täte ihm alles so leid, er wüßte nicht, wa
über ihn gekommen sei... ich habe ihm nicht geglaubt... Larsen brüllte ihn an, Asuka sei noch ein Kind... und dann hat er ihn kastriert...“
„Kastriert?“ echote Misato.
„Ja.“
Kaji machte eine Handbewegung, als fuchtele er mit einem Säbel herum.
„Einfach alles abgeschnitten... gab eine verdammte Sauerei... und Fresenhark brüllte, als ob... naja... ich hatte kein Mitleid mit ihm, nicht nachdem, was er getan hatte, nicht nachdem
ich in Asukas Augen gesehen hatte... Larsen sah mich an, wies mich an, mich um den Jungen zu kümmern... dann ging er hinaus, um sich um Asuka zu kümmern...“
„Was hast du getan?“
„Ich habe ihm zwei Kugeln in den Kopf gejagt. Anschließend haben wir die Leiche in der Nordsee versenkt. Ein Aufräumteam des ODIN-Geheimdienstes hat das Haus wieder
herge-richtet. Stadtrat Fresenhark weiß bis heute noch nicht, was mit seinem Sohn passiert ist...“
„Das ist schrecklich... Das arme Mädchen...“
„Danach schwor sie sich, nie wieder wehrlos zu sein. Sie ließ sich von ihrem Onkel Schießun-terricht geben und im Messerkampf ausbilden. Deshalb hatte ich Sorge um Shinji...
daß er et-was falsches sagen könnte, daß er vielleicht etwas tun könnte, das bei Asuka die Erinnerung wieder aufwecken könnte. Sie reagiert auf eine wahrgenommene
Bedrohung mit der maxima-len zur Verfügung stehenden Gewalt, verstehst du?“
„Kaji, das hättest du mir schon vor Tagen sagen müssen... das hätte in der Akte stehen müs-sen!“
„Befehl von ganz oben, Kommandant Ikari selbst hat eine Löschung der entsprechenden Ein-träge befohlen.“
„Aber warum?“
„Ich weiß es nicht, Katsuragi. Warum hat Ikari seinen eigenen Sohn bei Verwandten abgege-ben, ihn nach zehn Jahren zu sich geholt und ignoriert ihn dennoch weiterhin? Warum gibt e
keine Unterlagen bezüglich des Todes von Yui Ikari, Shinjis Mutter? Warum gibt es keine Si-cherheitsaufzeichnungen von dem Tag, an dem Naoko Akagi starb? Warum lebt Rei Ayanami, das First
Children, in einer heruntergekommenen Wohngegend der Stadt, oder besser, warum hat Ikari das Mädchen in ein dortiges Quartier gesteckt? Was befindet sich im TerminalDogma, den Anlagen tief
unter uns, zu denen nur Ikari und Ritsuko Zutritt haben? Warum hat EVA-00 beim ersten Aktivierungslauf verrückt gespielt? Was ist so besonderes an Rei, daß ihre Verle-tzungen in
Rekordzeit heilen? Und warum... warum waren die MARDUK-Einrichtungen, die ich in den letzten Monaten überprüft habe, alles nur leere Gebäude? Warum ist Ikari die letzten beiden
Male, als das Hauptquartier direkt bedroht war, oder es zumindest sehr unklar war, ob die EVAs es schaffen würden, jedesmal spurlos verschwunden?“
„Kaji, das... das sind eine Menge Fragen...“
„Ja, Katsuragi. Und ich habe vor, darauf eine Antwort zu finden, auf jede einzelne. Möchtest du mich begleiten, wenn ich einen Weg finden sollte, ins TerminalDogma
vorzudringen?“
„Ich... ja, das würde ich gern. Ich möchte wissen, was hier wirklich geschieht...“
*** NGE ***
Shinji hatte die Wohnung aufgeräumt, den Pinguin gefüttert, Essen gekocht, eine große Por-tion für Misato in den Kühlschrank gestellt, selbst etwas gegessen, noch einmal
geduscht, sich umgezogen und erst mit Toji und dann mit Kensuke gesprochen, während er seine Schultasche gepackt hatte.
Er sah auf die Uhr, als er den Hörer auflegte.
Erst zwei Uhr...
Rei erwartete ihn erst um drei. Für die Fahrt brauchte er eine Viertelstunde... besser er ging noch etwas eher los zur Haltestelle... zwanzig Minuten...
Seine beiden Freunde hatten sehr erleichtert geklungen, daß er in Ordnung war. Die ganze Wo-che über war die Schule ausgefallen, für die Schüler in Tokio-3 allerdings kein
großer Grund zur Freude, bedeutete es doch, daß sie während eines Engelalarms die Bunker nicht verlassen durften. Aber wenigstens hatte es keine neuen Hausaufgaben gegeben...
Kensuke bestand na-türlich darauf, am nächsten Schultag über alles genauestens aufgeklärt zu werden... na, die bei-den würden staunen, wenn er ihr von der
messerschwingenden Asuka erzählte!
Asuka... das Gesicht eines Engels, doch dahinter das Herz eines Teufels...
Es wollte gar nicht später werden...
Ihm fiel sein Vorhaben ein, Rei etwas mitzubringen.
Schnell schrieb er Misato eine Nachricht, damit sie wußte, wo er war. Er hatte allerdings keine große Lust, ihr über den Weg zu laufen, noch zu deutlich erinnerte er sich an
ihren zweifelnden Blick, als er ihr von Asukas Drohungen erzählt hatte, ihre Vorwürfe hallten ihm immer noch in den Ohren nach.
*** NGE ***
Rei blickte zur Uhr, als es an ihrer Tür klopfte.
Auch in der letzten Woche war ihre Klingel nicht gerichtet worden, langsam fragte sie sich, ob der Hausmeister, der angeblich für den ganzen Block zuständig war, überhaupt
existierte.
Es war Punkt drei, das konnte nur Shinji-kun sein, er schien einen starken Hang zur Pünktlich-keit zu haben..
Sie ging nicht zur Tür, sie lief, riß die Tür auf...
Von einem Sekundenbruchteil zum anderen bremste sie ab, wechselte wieder zu ihrer normalen Geschwindigkeit über.
Draußen stand tatsächlich Shinji-kun... und er hielt ihr einen Strauß leuchtender bunter Blumen entgegen.
„Hallo, Shinji-kun“, hauchte sie.
Warum klang ihre Stimme so schwach und dünn...?
„Uhm, Rei, die sind für dich... und die hier auch...“
Er überreichte ihr die Blumen, sowie eine Vase, die er ebenfalls im Geschäft erstanden hatte.
Ursprünglich hatte er überlegt, ihr einen Strauß roter Rosen mitzubringen - sein Taschengeld hätte für ein halbes Dutzend gereicht -, aber das hätte sie falsch
verstehen können... also hatte er für sie einen großen bunten Strauß Wildblumen gekauft, frische leuchtende Blumen, die ihre Wohnung hoffentlich freundlicher gestalten
würden, dazu eine Vase für die Blumen, die recht preisgünstig gewesen war. Er glaubte nicht, daß Rei selbst eine Vase besaß - und die Teekanne war nun doch kein
geeigneter Platz in seinen Augen.
Zögernd nahm Rei die Blumen entgegen.
Wie bunt und farbenprächtig der Strauß war... und so viele Blumen... wenn sie von den Preisen der Artikel im nahen Supermarkt ausging, mußte Shinji-kun ein Vermögen für
sie ausgegeben haben, Blumen waren doch sicher teuer... und so viele... und wie sie dufteten... Erde... Gras... der Wind...
Es war das erste Mal, daß ihr jemand Blumen brachte. Und es war das erste Mal, daß jemand ihr etwas gab, das keinen eigenen Zweck erfüllte wie Nahrung, Kleidung und
Schulhefte...
Shinji stand immer noch auf der Schwelle, fühlte sich so nervös, wie er sich nicht einmal beim ersten Mal, als er in einen EVA gestiegen war, gefühlt hatte. Hoffentlich gefielen
ihr die Blu-men... hoffentlich hatte sie keine Allergie dagegen... hoffentlich mochte sie die Farben... hof-fentlich hatte er sich nicht zuviel herausgenommen...
„Ich... uhm... ich hoffe, sie... uh... gefallen dir.“
Rei blinzelte heftig, um die Tränenflüssigkeit zu vertreiben, die sich in ihren Augen angesam-melt hatte.
„Ja, sehr, Shinji-kun... Sie sind wunderschön...“
Sie schluckte.
„Komm doch herein...“
Shinji betrat das Apartment.
Sie mochte die Blumen... sie fand sie wunderschön... wunderschön... aber die Blumen waren bei weitem nicht so schön wie sie... und wenn er ein wenig Rückgrat besessen
hätte, hätte er ihr dies auch gesagt...
„Ahm, die müssen ins Wasser.“
„Ja.“
Rei verschwand in der Küche.
Shinji sah sich in ihrem Schlafraum um, der Raum war immer noch so spartanisch eingerichtet, wie er ihn in Erinnerung hatte, allerdings war er jetzt sauber und aufgeräumt und das Fenster war
offensichtlich geputzt worden. Er folgte Rei in die Küche, wo sie den Blumenstrauß gera-de in der Vase auf die Ablage neben der Spüle stellte.
„Vielen Dank, Shinji-kun.“
„Freut... uhm... freut mich, daß sie dir gefallen.“
„Du weißt gar nicht, wie sehr.“
„Ich dachte, ahm, etwas Farbe könnte... ähm...“
„Ja.“
Sie lächelte ihn an.
Shinji war, als würde er schmelzen.
Ja, vor ihm stand ein wahrer Engel, es fehlten nur fedrige Flügel.
„Ich koche uns Tee.“
„Soll ich nicht besser?“
Nicht, daß sie sich wieder verbrannte...
„Nein, das ist nicht nötig. Ich werde vorsichtig sein.“
„Ahm, ja.“
Er setzte sich auf den Platz unter dem schmalen Fenster, stellte seine Tasche neben sich und holte rein mechanisch seine Bücher und Unterlagen heraus, ohne den Blick von ihr abzuwen-den.
„Ich, ahm, ich habe mit Toji und Kensuke gesprochen, ahm, nur um sicherzugehen... uh, sie sa-gen, daß während des Alarms kein Unterricht stattgefunden hat...“
„Ja.“
Rei hatte ähnliches von der Klassensprecherin gehört. Hikari hatte sichtlich erleichtert geklun-gen, als sie erfuhr, daß Shinji-kun und sie selbst unverletzt geblieben waren,
hatte dann so-gleich nachgeschoben, daß es auch unter den Mitschülern keine Verletzten gegeben hatte.
Rei bereitete die Tassen vor und stellte die Kanne mit dem Wasser auf die Kochplatte.
„Wir können gleich beginnen. Oder hast du Hunger?“
„Uh, nein, ich habe gerade etwas gegessen...“
Shinji überlegte. Rei wollte ihm doch nicht etwa etwas kochen? Oder wollte sie sich selbst et-was machen? Er hätte ihr doch auch etwas mitbringen können... wenn er gewußt
hätte...
„Falls doch, habe ich hier etwas.“
Sie öffnete die Tür des Hängeschrankes, präsentierte ihrem Besucher ihre Einkäufe.
Shinji staunte nicht schlecht, als er die Kekspackungen, die haltbaren Kuchen und all die ande-ren Sachen sah.
„Das... das ist ja eine ganze Menge...“
„Ja. Wir werden auch viel zu tun haben, um uns auf die Prüfungen vorzubereiten... Tee ist doch das richtige, oder? Ich habe auch Limonade oder Fruchtsaft...“
Plötzlich fühlte sie sich wieder unsicher.
„Nein, nein, ich trinke gerne Tee.“
„Gut, ich habe jetzt verschiedene Sorten.“
Shinji lehnte sich zurück.
Rei hatte also eingekauft... und da sie selbst solche Sachen bisher nicht benötigt hatte, und da sie ansonsten keinen Besuch erhielt, konnte das ja nur bedeuten, daß sie die Sachen
eingekauft hatte, weil sie damit rechnete, daß er öfters vorbeikam... und das fand Shinji irgendwie absolut großartig!
*** NGE ***
Nach einem arbeitsamen Nachmittag kehrte Shinji in die Wohnung zurück, die er sich mit Mi-sato teilte. Sie war bereits da und erwartete ihn mit ernster Miene.
Shinji ahnte übles, jetzt kamen sicher neue Vorwürfe, vielleicht hatte Asuka ihr sogar irgend-welche neuen Märchen aufgetischt... so brav, wie die Rothaarige sich in Misato
Gegenwart gab, mußte diese ihr ja glauben!
„Shinji...“ setzte Misato an und konnte ihre ernste Miene nicht mehr aufrechterhalten, zog ein völlig trauriges Gesicht. „Shinji, ich muß mich bei dir
entschuldigen... Kaji hat mir alles er-zählt.“
Kaji-san... er hatte Misato über Asuka aufgeklärt... wunderbar! Dieser Kaji schien wirklich in Ordnung zu sein! Misato wußte jetzt, daß Asuka nur Theater spielte...
„Ist gut.“ murmelte Shinji und hoffte, daß es damit aus der Welt war, das ganze war ihm so schon peinlich genug.
„Nein, ist es nicht. Ich hätte dir zuhören sollen... du warst immer ehrlich zu mir und hättest es verdient gehabt.“
„Misato, bitte, vergessen wir es einfach, ja?“
„Ahm, gut... aber du darfst auch Asuka nicht böse sein, dieses Mädchen hat viel hinter sich... sie hat wirklich schlimmes durchgemacht...“
„Und deshalb bedroht sie mich?“
„Ich... ach, Shinji, vergib ihr das. Ich werde mit ihr sprechen, sicher kommt ihr miteinander aus.“
„Ja, vielleicht...“
... wenn die Hölle einfror...
Asuka hatte also viel hinter sich... und er? Er hatte seine Mutter vor zehn Jahren verloren und seinen Vater eigentlich auch... er war gezwungen worden, mit einem ihm völlig unbekannten
Mecha in den Kampf gegen einen Außerirdischen zu ziehen... und er hatte immer noch einen dicken blauen Fleck über den Rippen in der Form eines Schuhes! Asuka hatte wirklich Glück,
daß er nicht der nachtragende, rachsüchtige Typ war...
*** NGE ***
Am nächsten Nachmittag erzählte er Rei von Misatos Äußerung, sie würden nach einem klä-renden Gespräch sicher mit Asuka auskommen.
Reis Antwort fiel knapp und emotionslos aus:
„Wenn man es mir befiehlt.“
Dann warf sie einen Blick auf den Blumenstrauß, den Shinji-kun ihr an diesem Tag mitgebracht hatte und der auf dem kleinen Tisch in der Küche zwischen ihnen stand.
„Shinji-kun, du darfst nicht soviel für mich ausgeben.“
„Ich möchte es aber... ahm... ich möchte deine Wohnung in ein Blumenmeer verwandeln... ich möchte, daß du etwas hast, an dem du dich erfreuen kannst...
uhm...“
„Dann genügt es, wenn du herkommst.“
„Uhm...“
Sie wandten sich beide errötend wieder den Aufgaben zu, die sie an diesem Tag abzuarbeiten sich vorgenommen hatten.
*** NGE ***
Am nächsten Tag in der Schule traf Shinji sich mit seinen Freunden in der Mittagspause auf dem Dach der Schule, ebenfalls anwesend waren Rei und Hikari, woran eigentlich nur Kensuke
Anstoß zu nehmen schien, der auf einem reinen Jungentreffen beharren wollte, bis Toji ihm spaßeshalber die Faust unter die Nase hielt - schließlich war Rei Shinjis Freundin, und
Hikari versorgte ihn seit jüngstem mit Mittagessen, da durfte man sich schließlich nicht undankbar zei-gen!
Dafür horchte Kensuke Shinji dann bis ins kleinste Detail über den letzten Einsatz aus. Als Shinji erwähnte, daß er und Rei mehrere Tage und Nächte in einem Zimmer
verbracht hatten, bekamen die drei anderen - Toji, Kensuke und Hikari - rote Ohren und starrten erst ihn und dann Rei an. Shinji überging es und erzählte von den Tanzübungen und
dem dahinterstehenden Plan. Und er erzählte von Asuka.
„Bedroht hat sie dich?“ schimpfte Toji. „So ein Miststück! Die soll mir mal in die Finger kom-men... ach nee, das ist dumm...“
„Was denn?“ fragte Shinji.
Toji lächelte verlegen.
„Ich schlage keine Mädchen.“
„Das ist auch gut so!“ erklärte Hikari. „Aber wie sie mit dir umgesprungen ist, daß war wirk-lich nicht nett, als ob sie gleich das Kommando übernehmen
wollte.“
„Das trifft es wohl.“
„Naja, mein Alter, aber wenn sie schon einen Schulabschluß hat, hast du doch wenigstens hier vor ihr Ruhe, was? Da bekommen die langweiligen Unterrichtsstunden mit den Monologen zum
Second Impact ganz neue Qualität, oder?“
„Uh, ja, glaub schon...“
So ziemlich alles war besser, als einer messerschwingenden Irren ausgeliefert zu sein, egal wie schwer diese es gehabt hatte...
Sie gingen wieder nach unten in den Klassenraum. Dort erwartete sie eine Überraschung:
Der alte Lehrer war bereits anwesend, obwohl die Unterrichtsstunde noch gar nicht begonnen hatte. Grund dafür war die Vorstellung einer neuen Mitschülerin. Diese stand an der Tafel und
schrieb dort gerade ihren Namen auf.
Standard-Schuluniform...
Lange gebräunte Beine, die in den weißen Strümpfen noch mehr zur Geltung kamen...
Strahlend blaue Augen...
Feuerrotes schulterlanges Haar...
Asuka Soryu Langley...
„Kneif mich mal einer...“ murmelte Shinji.
„Wow, ist die hübsch!“ flüsterte Kensuke.
Toji knuffte ihn in die Seite.
„Shinji, ist sie das?“
„J-j-j-ja.“
„Ken, hör auf zu sabbern, das ist der Feind!“
„Was?“
Kensuke war damit beschäftigt, seine beschlagenen Brillengläser zu putzen.
„Ich will bis übermorgen umfassendes Bildmaterial. Wenn sie sich nur einen Schnitzer leistet, wenn sie unseren Freund auch nur böse ansieht... dann sorgen wir dafür,
daß sie von der Schu-le fliegt!“
Toji schlug sich mit der Faust in die offene Handfläche.
Asuka wandte sich den Neuankömmlingen zu.
„Oh, Shinji, da bist du ja... und du auch, Rei.“
Der erste Teil ihrer Aussage war voller Wärme und Freundlichkeit, die jedoch völlig aus ihrer Stimme verschwunden waren, als sie beim letzten Wort angelangt war.
„Ich bin so froh, in eure Klasse gekommen zu sein!“
„Uh, was... was machst du hier?“
„Ach...“
Sie zog ein trauriges Gesicht.
„Das japanische Schulministerium weigert sich, meinen deutschen Abschluß anzuerkennen. Und Kommandant Ikari ist immer noch nicht zurück, um diesbezüglich ein Machtwort zu
spre-chen.“
Ihre Stimme klang zuckersüß.
Doch diesesmal fiel Shinji nicht im Ansatz darauf herein, sondern wahrte Distanz, blieb dabei in Reis direkter Nähe, damit jeder Angriff von Seiten Asukas auf einen von ihnen vom anderen
abgeblockt werden konnte.
„Ist die süß!“ flüsterte Kensuke wieder verträumt und wurde von Toji mit einem Ellenbogen-stoß in die Realität zurückgeholt.
Hikari trat auf Asuka zu.
„Hallo, ich bin Hikari Horaki, die Klassensprecherin, wenn du Fragen hast, wende dich ruhig an mich.“
„Oh, ja, freut mich sehr, dich kennenzulernen. Ah, wo kann ich mich hinsetzen?“
„Such dir einen Platz auf, es sind genug frei.“
„Ja, danke. - Und ihr seid sicher Shinjis Freunde, oder?“
„Sie hat mich angesehen...“
„Schnauze, Ken!“
„Uhm, Asuka, das sind Toji und Kensuke.“
„Hi.“ grollte Toji und versuchte ihr mit einem finsteren Blick mitzuteilen, daß jeder Angriff auf Shinji ein Angriff gegen ihn war.
„Hallo! Ich bin Kensuke Aida...“ erklärte Kensuke mit schmachtendem Blick und fing sich da-für Ellenbögenstöße von zwei Seiten - von Toji und Hikari -
ein.
„Schön, schön...“ lächelte Asuka und sah sich um, steuerte dann zielstrebig den Platz hinter dem Pult an, auf dem Shinjis Tasche stand.
Das Blut wich aus Shinjis Gesicht.
Das konnte doch nicht sein... wie sollte er denn... wie sollte er den Tag überstehen mit ihr in seinem Nacken... Da half nur eins - schnelle Improvisation.
„Ich komme zu dir“, flüsterte er in Richtung Reis, machte mehrere große Schritte, riß seine Ta-sche von seinem alten Pult und schwang sie auf das Pult hinter Rei
Fensterplatz.
Der alte Lehrer beobachtete das ganze nur stirnrunzelnd.
Die Jugend von heute... das erinnerte ihn an die Zeit direkt vor dem Impact, als... und schon begann er mit seinem Monolog, als die Glocke läutete und die Stunde begann.
Asuka blickte wütend auf Shinjis Rücken, welcher Glück hatte, daß ihr Blick keine Löcher bohren konnte.
Third hatte sich gerade noch aus dem Staub gemacht. Und seine beiden bescheuerten Freun-de waren ebensowenig in ihrer Nähe wie die Klassensprecherin mit den vielen Sommerspros-sen... warum
hatte Misato nur darauf bestehen müssen, daß sie zur Schule ging, reichte es nicht, daß sie ihre Vorstellung durchschaut hatte? Mußte sie ihr jetzt auch noch daraus,
daß sie Probleme mit den japanischen Schriftzeichen hatte, einen Strick drehen? Aber wenigstens war ihr EVA nicht beschädigt worden.
Und wenigstens hatte First nichts von sich zurückgelassen...
*** NGE ***
Da nun drei Piloten zur Verfügung standen, war der Plan für die Tests geändert worden, so daß jeder Pilot nur noch zeitversetzt an jedem dritten Tag zum Synchrontraining
erscheinen mußte, solange Doktor Akagi keine Kreuztest oder ähnliches ansetzte.
An diesem Nachmittag war Shinji dran, sein Synchronwert blieb jedoch konstant, egal wie sehr Akagi ihn anspornte, sich zu konzentrieren.
Im Nachhinein war er froh, daß Rei und er sich das Wochenende über mit den Aufgaben be-schäftigt hatten, für den nächsten Tag plante Doktor Akagi die ersten
Reaktivierungstests für EVA-00, so daß ein gemeinsames Lernen erst am übernächsten Tag wieder möglich sein wür-de.
Shinjis Kopf schwirrte vor Wissensfetzen - mathematische Formeln, physikalische Grundsätze, Passagen aus literarischen Texten... vielleicht sollte er vorschlagen, bei der Benotung in Sport
mit EVA-01 auftauchen zu dürfen, dann würde er mit Sicherheit ein paar Rekorde schlagen...
Als er sich duschen und umziehen wollte, mußte er feststellen, daß im Umkleideraum Umbau-maßnahmen stattfanden: Die Seitenwand zum benachbarten Lagerraum war herausgebrochen
worden, so daß der Raum größer wurde, ferner war ein langer Wandschirm quer durch den Raum gespannt worden.
Anscheinend hatte endlich jemand erkannt, daß NERV EVA-Piloten beider Geschlechter hatte.
„Super“, murmelte Shinji sarkastisch und machte sich auf die Suche nach seinen Sachen und ei-nem freien Waschraum.
Das Abendessen mit Misato verlief schweigsam, Shinji stocherte in seinem Essen herum und Misato grinste immer wieder, als wüßte sie etwas, daß sie gerne mitgeteilt hätte,
aber nicht durfte.
Am folgenden Tag begann die Schule ganz normal, nur daß Shinji nun ebenfalls am Fenster saß und Hikari auch sogleich den Sitzplan entsprechend änderte.
Kensuke schlich mit bereiter Kamera durch die Schule, um von Asuka Bilder zu machen, so-bald diese auftauchte, wie sich herausstellte, hatte diese bereits nach dem ersten Tag einen Haufen
männlicher Verehrer, was wiederum Toji Shinji leise erzählte.
Toji und Kensuke planten, mit den Fotos ein Vermögen zu machen, indem sie sie an die Mit-schüler weiterverkauften.
„Sag mal, Shinji, so schlimm kommt sie mir gar nicht vor“, brummte Toji.
„Sie tut nur so, glaub mir.“
„Ich glaube dir alles - okay, fast alles. Wollte das nur mal erwähnen. Vielleicht hat sie ja eine Standpauke bekommen.“
Shinji hob nur die Schultern.
Kensuke kam hereingestürmt.
„Leute... auf dem Schulhof!“ keuchte er und lief zu seinem Platz, um den Film zu wechseln.
Wie auf ein geheimes Kommando hin stürmten die Schüler zu den Fenstern.
„Das ist ja die neue!“ - „Und dieser Schläger, Masamoto...“
„Sieh dir das an“, murmelte Toji.
*** NGE ***
Die Dinge liefen schlecht für Masamoto, dem früheren Tyrannen der Tokio-3-High.
Seinem Vater war die Geschichte von der Schlägerei zu Ohren gekommen und daß er Rei Aya-nami - diese bleiche Schlampe - angegriffen hätte. Und da sein Alter offenbar einen
gewaltigen Anschiß von seinem Vorgesetzten bei NERV bekommen hatte, hatte er diesen sogleich an sei-nen Sohn weitergegeben, ihm das Taschengeld gänzlich gestrichen und die
Schlüssel für sein Motorrad einkassiert.
Seitdem er von der rotäugigen Hexe fertiggemacht worden war, nahm ihn zudem kaum jemand noch ernst an der Schule, niemand ließ ihn mehr die Hausaufgaben abschreiben und die
jünge-ren Schüler taten sich zusammen und bildeten Blöcke, sobald er in ihre Nähe kam.
Wirklich zum Kotzen...
Und dieser blöde Suzuhara stolzierte mit seiner sommersprossigen Freundin, der Klassenspre-cherin der 2-A, händchenhaltend über das Schulgelände... wahrscheinlich war sie
genauso be-scheuert wie Suzuhara selbst.
Sobald er auch nur in die Nähe dieser Ayanami kam, tauchte auf seinem Oberkörper wieder der rote Punkt eines Laserzielgerätes auf, der ihm sagen zu wollen schien, daß er
besser wieder umkehrte. Die rotäugige Tusse sollte ihm nur an einem Ort über den Weg laufen, wo ihre Leib-wächter kein freies Schußfeld hatten... oder besser noch, wo sie sie
gar nicht sehen konnten...
Dann lief ihm diese neue Schülerin über den Weg... feuerrotes Haar, blaue Augen, sonnenge-bräunte Haut, Beine vom Boden bis zum Hintern und eine Oberweite, wie viele ältere
Mäd-chen, die Masamoto kannte, sie nicht besaßen. Daß er nicht zu sabbern anfing, war möglicher-weise einer der wenigen Anhaltspunkte dafür, daß er kein
schlechtgekleideter Gorilla, sondern ein Angehöriger der Spezies Homo Sapiens war. Allerdings zog er die Neue in Gedanken be-reits aus. Ob diese Bräune wohl nahtlos war...?
Und das beste daran war, daß sie seinen angeknacksten Ruf noch nicht kannte und deshalb problemlos einzuschüchtern sein dürfte!
Masamoto stellte sich ihr also gleich hinter dem Schultor in den Weg, bemühte sich, gleichsam lässig und furchteinflößend zu wirken, als er auf sie herabblickte.
„Hi, Süße, neu hier?“
Die Rothaarige blieb stehen, musterte ihn von oben bis unten, verzog dann verächtlich das Ge-sicht.
„Geh mir aus dem Weg, du Affe.“
Masamoto lief vor Zorn dunkelrot an.
Dieses kleine Miststück! Na, der würde er es zeigen, die würde schon sehen, was sie davon hatte! Der sah man doch schon von weitem an, daß sie keine reinblütige
Japanerin war...
Kraftvoll ließ er seine schmierige Pranke auf ihre Schulter sinken, übte genug Druck aus, daß die meisten Menschen vor Überraschung in die Knie gegangen wären.
„Nee, Kleine, wenn du hier durch willst, kostet dich das was... Wegezoll! Gib mir dein Essens-geld... du könntest mir natürlich auch dein Höschen zeigen, hätte ich auch
nichts ´gegen.“
Dabei lachte er kehlig.
Nur gab die Rothaarige nicht unter dem Druck seiner Hand nach...
Im nächsten Moment spürte Masamoto einen scharfen Schmerz im Knie, knickte ein, heulte auf vor Schmerz.
Sie hatte ihn getreten... tat das weh... das Miststück hatte ihn getreten... voll gegen sein Knie...
Der nächste Tritt folgte, landete wuchtig in Masamotos Kronjuwelen, ließ ihn noch lauter auf-heulen. Tränen verschleierten seine Sicht. Blind wischte er mit der linken Hand durch
die Luft, um sie zu packen zu kriegen, während er die andere gegen seinen schmerzenden Unterleib preßte.
Dann folgte ein dritter Tritt, als die Rothaarige mit einem hohen Kick ihre Schuhsohle mitten in seinem Gesicht plazierte, dabei seine Nase zerschmetterte und ihm den Kiefer brach.
Masamoto flog halb ohnmächtig zurück.
Asuka strich ihren Rock glatt.
„Zufrieden mit dem, was du gesehen hast?“ flüsterte sie, dann trat sie dem Fleischklops so kräftig wie sie konnte in die Rippen und bedauerte, ihm nicht ihre Initialen in
den Wanst schli-tzen zu können, aber Misato hatte ihr ja den Gebrauch ihres Messers strengstens untersagt...
Gemessenen Schrittes ging sie auf das Schulgebäude zu, ließ den größeren und breiteren und auch viel schwereren älteren Jungen, dessen Gesicht ein einziger blutiger
Matsch zu sein schien, achtlos liegen.
Drinnen wurde Asuka sofort von einer großen Zahl Zeugen ihrer Aktion umringt, darunter ihre Verehrer, welche sie nun mit einem Hauch von Unglauben anblickten, und viele frühere Opfer
Masamotos, vor allem Mädchen, die er belästigt und ihres Essensgeldes erleichtert hatte. Für diese war Asuka die Heldin der Schule.
Lachend und scherzend bahnte sie sich ihren Weg zum Klassenzimmer.
Endlich bekam sie die Aufmerksamkeit, die sie verdiente. Und wenn sie geahnt hätte, wie we-nig dazu nötig war, hätte sie dem Fleischkloß noch ein paar Schläge mehr
verpaßt... ihr Onkel hatte ihr schließlich nicht nur Tritte, sondern auch Handkantenschläge und Ellenbogenstöße beigebracht, die an der richtigen Stelle angebracht
fatale Wirkung entfalten konnten...
Wie eine Königin zog Asuka in den Klassenraum ein.
Sie hatte den gefürchteten Masamoto fertiggemacht! Die Schüler umringten sie auch hier wie eine Traube, umlagerten ihren Platz, wollten wissen, wo sie das gelernt hatte, ob sie den
Schwarzen Gürtel besaß, ob sie vielleicht schon auf Meisterschaften angetreten war und vieles mehr. Ganz bescheiden ließ Asuka die Bemerkung fallen, daß dies zu den Dingen
gehörte, die ihr während ihrer vieljährigen Ausbildung zur EVA-Pilotin beigebracht worden waren.
Ein Raunen ging durch die Menschentraube, einige Mitschüler blickten zu Ikari und Ayanami hinüber und fragten sich, ob diese beiden auch so derartigem fähig waren - aber wenn sie
es waren, warum hatte dann erst Asuka Soryu Langley an die Schule kommen müssen, um für Ordnung zu sorgen?! Daß Toji bereits mit dem Schläger aneinandergeraten war,
vergaßen sie dabei, ebenso wie sie bequemerweise vergaßen, daß Rei Masamotos Ruf bereits mit einer ein-fachen Handbewegung praktisch zerstört hatte, bevor Asuka aufgetaucht
war.
„Mensch, spielt die sich auf“, murmelte Toji.
Shinji nickte.
„Das genießt sie.“
„Bestätigt.“ kam es von Rei.
Hikari stand immer noch am Fenster und sah zu Masamoto hinunter, der immer noch auf dem Pflaster des Schulhofes lag, eine Hand gegen den Schritt gepreßt, die andere auf sein Gesicht, sein
rechtes Bein stand in einem Winkel ab, der nur bedeuten konnte, daß es gebrochen war.
„Ob er einen Arzt braucht?“
„Wahrscheinlich. Das war keine Schlägerei, sondern eine Hinrichtung.“
Toji trat neben sie, berührte sie sanft an der Schule und drehte sie um.
„Ich glaube, ich habe ein paar Zähne fliegen sehen. - Ah, da kommt schon die Schulkranken-schwester.“
Er verspürte kein Bedauern für den älteren Jungen, das war ohnehin mal fällig gewesen. Allerdings konnte er sich jetzt auch ein Bild von Soryus Fähigkeiten machen -
Shinji hatte wirklich nicht übertrieben.
Den ganzen Vormittag über saß Asuka mit strahlendem Lächeln an ihrem Platz, während der Pausen ließ sie sich von ihren Fans huldigen. In der zweiten Stunde wurde sie
zur Direktorin gerufen, kehrte aber schon bald zurück, ohne daß sich an ihrem Gesichtsausdruck etwas geän-dert hätte.
Kensuke teilte Shinji in der nächsten Pause mit, daß er Misato über den Hof hatte gehen sehen, bevor Asuka zum Direktor zitiert worden war.
Als die letzte Schulstunde vorbei war, schlenderte Asuka an Shinjis Pult vorbei, lächelte ihn an und flüsterte ihm fast zärtlich zu: „Wir sehen uns, Shinji-kun!“
„Urgh...“ machte Shinji. Sein Herz schien erst wieder schlagen zu wollen, als Asuka den Klas-senraum verlassen hatte.
Auf Reis Stirn bildete sich eine tiefe Falte, als sie die Augenbrauen zusammenzog.
Soryu stand es definitiv nicht zu, ihren Freund Shinji-kun zu nennen! Das durfte nur sie! Gut, auch Captain Katsuragi durfte ihn so nennen, Hikari vielleicht auch, solange sie nicht zu freundlich
wurde, aber Soryu nicht, wirklich nicht!
Ein leises Grollen entrann ihrer Kehle, welches ein aufmerksamer Zuhörer als den Namen der neuen EVA-Pilotin hätte interpretieren können.
„R-Rei... ist alles... in Ordnung?“
Rei blickte zu ihm, die Zornesfalte auf ihrer Stirn glättete sich.
„Ja, Shinji-kun.“
„Uh... ahm... gut... dann, äh, dann bringe ich dich noch ein Stück.“
Sie nickte, verließ Seite an Seite mit ihm den Klassenraum.
*** NGE ***
Auf dem Rückweg trödelte Shinji ein wenig, fuhr einige Umwege mit seinem Fahrrad, kaufte noch ein paar Dinge für das Abendessen ein, das er zuzubereiten gedachte, wenn Misato von
ihrer Schicht kam, griff dabei in eine Lache ausgelaufener Currysoße, weil er mit den Gedan-ken ganz woanders war.
Hoffentlich gab bei den Reaktivierungstests keine Komplikationen... andererseits war EVA-00 noch weit davon entfernt, wieder voll einsatzfähig zu sein, was die Gefahr eines Amoklaufes doch
stark reduzierte. Aber vielleicht könnte er ja gegen Abend noch einmal im Hauptquartier vorbeischauen und sich dann von Misato mit zurücknehmen lassen.
Schließlich kam er daheim an, fuhr mit dem Fahrrad im Aufzug nach oben - es paßte mehr schlecht als recht in die Liftkabine, aber er hatte keine Lust, es die Stufen in den vierten
Stock hochzuschleppen.
Seltsam... Rei wohnte auch im vierten Stock... diese Ähnlichkeit war ihm noch gar nicht auf-gefallen...
Das Rad konnte er im Hausflur stehen lassen, in seinem Zimmer wäre es auch etwas eng ge-worden. Er nahm die Einkäufe vom Gepäckträger und trug sie in die Wohnung, stolperte
noch im Korridor fast über einen großen Karton.
„Nanu?“ entfuhr es ihm.
Er stellte die Einkaufstüte auf den Tisch und sah sich um.
Der ganze Korridor war zugestellt mit Kartons und Kisten, alles noch zugeklebt oder zugena-gelt.
Was war denn hier los?
Mit einem schnellen Blick vergewisserte er sich, auch in der richtigen Wohnung zu sein, indem er die Zahl der Kühlschränke in der Küche feststellte.
Langsam ging er zwischen den Kartons hindurch, als er Wasserrauschen hörte.
Wahrscheinlich nahm der Pinguin ein Bad. Wenn PenPen doch nur hätte sprechen können... dann hätte er ihm erzählen können, was die ganzen Kartons hier sollten. Der Vogel
war schließlich sehr clever.
Seufzend öffnete Shinji die Badezimmertür, er mußte sich ohnehin die Hände waschen - blöde Currysoße...
„Hey, PenPen, was sollen denn die ganzen Kartons draußen?“ fragte er, ohne wirklich mit einer Antwort zu rechnen, die über ein ´Wark´ hinausging.
Der Spiegel über dem Waschbecken war beschlagen... merkwürdig, PenPen badete doch im-mer eiskalt...
Langsam drehte er den Kopf, sah die Gestalt hinter dem Duschvorhang... eine nackte Gestalt mit flammendrotem Haar...
„Perverser!“ brüllte Asuka Soryu Langley aus vollem Hals.
Dann sah Shinji eine Faust direkt auf sich zukommen. Und danach sah er erstmal gar nichts mehr.
*** NGE ***
Fußboden... er lag auf dem Fußboden...
Decke... die Decke des Wohnungsflures...
Schmerz... linkes Auge... wahrscheinlich am Zuschwellen...
Stimmen... Misato... und Asuka...
Ächzend setzte Shinji sich auf, tastete über sein Gesicht, ertastete eine nette Schwellung, zuck-te zusammen.
„Hier, drück das aufs Auge.“
Misato reichte ihm ein Tuch, das sie in kaltem Wasser getränkt hatte.
Neben ihr stand Asuka, barfuß, die Haare naß, in ein blau-weiß gestreiftes Badetuch gehüllt.
„Asuka, mußtest du gleich zuschlagen?“ ihrer Stimme war anzumerken, daß sie sich nur mit Mühe beherrschte.
„Ich habe mich erschreckt. Er stand plötzlich im Bad.“
„Genau deshalb kann man die Tür abschließen. - Shinji, warum bist du ins Bad gegangen?“
„Warum? Misato, ich wohne hier! Ich wollte mir die Hände waschen!“
Er verzog das Gesicht, als er sich den Lappen auf sein Auge drückte.
Wo war sein EVA, wenn er ihn brauchte?
„Siehst du, Asuka, keine Absicht. Wenn Shinji gewußt hätte, daß du im Bad bist, hätte er die Tür nicht einmal angesehen.“
„Na gut... Tut mir leid.“ sagte Asuka kleinlaut. „Ich hatte mich nur so erschrocken...“
Shinji nahm es ihr nicht ab. Und Misato war anscheinend auch nicht ganz so davon überzeugt.
„Misato, was macht sie hier überhaupt?“
Statt Misato antwortete Asuka - und gab einem von Shinjis übelsten Alpträumen mit ihren Worten Realität: „Ich wohne jetzt auch hier!“
Shinji schoß in die Höhe, war auf den Beinen und im Eingangsbereich schneller, als das menschliche Auge ihm hätte folgen können.
„Misato, das ist nicht wahr... sag, daß das nicht stimmt.“
„Ich wollte eigentlich vorher mit dir reden, Shinji, aber irgendwie warst du schneller hier als ich... Ich dachte, daß es für Asuka nicht schlecht wäre, mit uns wie in einer
Familie zu leben... sie kann doch nicht allein im Hauptquartier wohnen.“
Das war ein Traum... das mußte ein schlechter Traum sein...
Verzweifelt kniff Shinji sich in den Arm, doch er wachte nicht auf.
„Misato, das geht nicht! Ich wohne nicht mit ihr unter einem Dach!“
„Shinji, ich habe mit Asuka gesprochen, sie...“
„Ja, das hat sie, Shinji, ich wollte mich bei dir entschuldigen... ich wollte dich nicht bedrohen... es sollte ein Scherz sein, wirklich...“
„Sie hat es mir hoch und heilig geschworen. Du solltest ihr eine Chance geben, Shinji.“
Shinji sah von einer zur anderen, schüttelte nur den Kopf.
„Nicht mit mir... das mach ich nicht noch einmal mit!“
Sprach´s, stieg in seine Schuhe und war bereits im Flur.
„Warte, Shinji!“ rief Misato. „Wo willst du denn hin?“
„Irgendwohin, nur weg!“
Er packte sein Fahrrad und rannte die Treppe hinab.
Misato blieb mit offenstehenden Mund zurück, hinter sich Asuka, welche die Arme vor der Brust verschränkt hatte und lächelte. Das Lächeln verschwand schlagartig von Asuka
Lippen, als Misato sich umdrehte, machte Verwirrung und Besorgnis Platz.
„Misato, wenn ich gewußt hätte, daß er so reagiert, wäre ich nie hergekommen, das mußt du mir glauben... ich wollte mich doch mit ihm
versöhnen...“
„Ja, ja...“ murmelte Misato gehetzt.
Gut, Shinji würde sich schon wieder beruhigen, sicher brauchte er nur ein wenig Zeit, um sich an den Gedanken zu gewöhnen... vielleicht half es ihm, wenn er bei einem Freund
übernachtete...
Misato ging schweren Schrittes in die Küche, holte zwei Sechserpacks aus dem Kühlschrank, ließ sich auf ihren Stuhl fallen und öffnete die erste Dose...
Derweil überlegte Asuka, wann wohl der beste Zeitpunkt war zu fragen, ob sie Shinjis Zimmer bekommen könnte...
*** NGE ***
Völlig abgehetzt stand Shinji vor einer Wohnungstür in einem engen Hausflur, deren Klingel-schild verkündete, daß es die Wohnung der Suzuharas war. Toji wohnte in einem Haus,
wel-ches von der Bauweise her dem ähnelte, in welchem Rei ihr Apartment hatte.
Shinji drückte so lange auf den Klingelknopf, bis von drinnen ein brummendes „Komme doch, kein Grund für den Krach“ kam und sich schlurfende Schritte näherten.
Die Tür wurde geöffnet.
„Oh, Shinji, na, das ist ja eine Überraschung!“ rief Toji.
Seine Verärgerung über die Störung war sofort wie fortgeblasen.
„Was ist denn mit dir los... Mensch, wer hat dir denn das verpaßt?“
Er deutete auf Shinjis Auge, welches bereits fast zugeschwollen war.
„Das ist das größte Veilchen, das mir in diesem Jahr bisher untergekommen ist...“
„Ja, ja, Toji... Kann ich ´reinkommen?“
„Klar.“
Toji trat zur Seite.
Shinji betrat die Wohnung.
Der Korridor war noch schmaler als der Hausflur, an der rechten Seite gingen zwei Räume ab, am anderen Ende war eine Tür. Aus dem hinteren Raum kamen Geräusche wie von einer
Sportveranstaltung.
„Ja, ist nicht groß, aber wir kommen klar.“ murmelte Toji.
„Junge, wer ist es denn?“ krähte eine Stimme aus dem hinteren Raum.
„Nur wer aus meiner Klasse, Opa!“ schrie Toji.
„Ah, so. Er soll sich gut die Füße abtreten. Deine Großmutter haßt Schmutztapsen auf dem Teppich!“
Toji bedeutete Shinji nichts zu sagen.
„Klar, Opa!“ brüllte er.
Dann wandte er sich flüsternd an Shinji: „Mein Großvater, arbeitet als Wissenschaftler bei NERV... eigentlich voll das Genie, nur leider fast taub... und er glaubt, meine
verstorbene Oma wäre noch am Leben und könnte jeden Moment heimkommen. Ansonsten ist er aber voll in Ordnung.“
„Aha...“ murmelte Shinji.
„Stören wir ihn besser nicht, sonst hält er dich am Ende noch für irgendeinen meiner Cousins... passiert ihm ständig mit Kensuke... komm mit in die
Küche.“
Toji schob Shinji in den ersten Raum, der neben Spüle, Herd, Geschirr- und Vorratsschrank einen Tisch und ein schmales Bett enthielt.
„Ich schlafe hier, Opa und mein Vater nächtigen im Nebenzimmer... naja, wirklich nicht viel Platz...“
Shinji strich seinen Vorsatz, Toji zu fragen, ob er bei ihm übernachten könnte. Wahrscheinlich hätte Toji ihm sogar sein Bett überlassen und selbst auf dem Boden geschlafen,
aber das hätte Shinji nicht über´s Herz gebracht.
„Ah ja... ahm...“
„Also, wer hat dich so zugerichtet?“
Toji schob die Ärmel seines Trainingsanzuges hoch.
„Am besten gehen wir gleich bei ihm vorbei und nehmen ihn die Mangel... vorher holen wir noch Kensuke...“
„Das war Asuka.“
„Was? Verdammt...“
Toji ließ die Fäuste sinken, machte ein enttäuschtes Gesicht... er konnte doch nicht losgehen und Mädchen verprügeln...
„Alter, was ist passiert?“
„Ich... oh je... ich bin nach Hause gekommen... und ins Bad... und da stand sie unter der Du-sche... und dann ging ich auch schon zu Boden...“
„Unter der Dusche? Du hast sie nackt gesehen?“
„Uh, ja.“
„Und? Hat sie wirklich...?“
Toji machte eine bogenförmige Geste vor seinem Oberkörper.
„Oder ist ihr BH nur ausgestopft? Und sind die roten Haare echt?“
„Toji! Darauf habe ich doch gar nicht geachtet!“ entgegnete Shinji gereizt.
„Ahm, ja, klar, tut mir leid... manchmal geht´s noch mit mir durch... nichts Hikari davon sagen, ja?“
„Schon klar.“
„Und was jetzt? Willst du etwas hierblieben, bis die Furie bei euch aus der Wohnung ver-schwunden ist? - Ist kein Problem, wirklich...“
„Das könnte länger dauern... Misato hat sie bei uns einziehen lassen.“
„Echt? Mann, oh, Mann... Wenn Soryu nicht so fies drauf wäre, würde ich dich beneiden... zwei hübsche Frauen, die ständig um dich herum sind, vielleicht
leichtbekleidet...“
„Toji, vielleicht sollte ich doch mit Hikari sprechen...“
„Äh, nee, laß, bitte! War nur ein Scherz, Alter! Hm... willst du vielleicht hier übernachten? Du kannst mein Bett haben und...“
Shinji hob abwehrend die Hände.
„Nein, nein, wirklich, das ist nicht nötig. Ich... uh... ich kann im NERV-Hauptquartier schla-fen... muß mir nur ein Zimmer zuweisen lassen... uhm... mach dir bloß keinen
Aufwand mei-netwegen...“
„Na gut, ist wahrscheinlich auch bequemer. Soll Opa sich mal dein Auge ansehen? Versteht ei-ne Menge von Erster Hilfe, hat mich früher immer wieder zusammengeflickt, wenn ich in eine
Schlägerei verwickelt gewesen war...“
„Uhm... nein, es geht schon... ich war auch nur gerade in der Nähe... ahm... ich will gleich wie-ter...“
„Ja... hm... du willst wirklich nicht noch etwas bleiben?“
„Naja... ein bißchen kann nicht schaden... ein paar Minuten...“
*** NGE ***
Aus den beabsichtigten ´ein paar Minuten´ wurden mehrere Stunden. Draußen war es bereits dunkel, als Shinji aufbrach. In der Zwischenzeit war auch Tojis Vater heimgekommen,
hatte den Gast freundlich begrüßt und gefragt, ob er nicht zum Essen bleiben wollte, doch Shinji hat-te abgelehnt, er wollte den Suzuharas nicht irgendwie zur Last fallen.
Außerdem war es mit insgesamt vier Personen richtig eng in der Wohnung geworden, zudem der andere Raum eher einem Wandschrank ähnelte, in dem ein Etagenbett und ein Fernseher
standen.
Tojis Großvater hatte Shinji geraten, in Rindersteak auf das zugeschwollene Auge zu drücken, auf Tojis Frage, wo in Gottes Namen Shinji denn ein Steak hernehmen sollte, aber nur
gelacht.
Nun fuhr Shinji wieder durch die Straßen der Stadt und hakte im Kopf einen Namen nach dem anderen ab, wo er vielleicht hätte unterkommen können, die Liste war aber nicht sehr
lang.
Zu Kensuke konnte er nicht, der hatte zwar genug Platz, aber seine Mutter konnte Shinji nicht leiden... wahrscheinlich hätte sie ihn nicht fortgeschickt, aber Shinji wollte auch nicht,
daß sein Freund wegen ihm Ärger bekam...
Hikari schied gleich ganz aus, er wußte zwar vage, wo sie wohnte, aber plötzlich vor ihrer Tür zu stehen, wäre doch sehr dreist gewesen...
Ins Hauptquartier wollte er auch nicht wirklich, vielleicht war ja sein Vater inzwischen zurück, dem er wirklich nicht über den Weg laufen wollte...
Und ansonsten...
Rei...!
Vielleicht konnte er bei Rei übernachten...
Aber schickte sich das?
Sicher, sie würde es verstehen... und sie würde ihn auch sicher nicht wegschicken... und sie hatten auch schon in einem Zimmer übernachtet... aber...
Wenn er in der Küche schlief, sollte das kein Problem darstellen...
Kurz darauf stand er vor ihrer Wohnungstür, stellte fest, daß die Klingel immer noch kaputt war und klopfte laut.
Es dauerte einen Moment, bis die Tür geöffnet wurde.
Rei blickte ihn verschlafen an, sie trug nur ihre Badelatschen und ein zerknittertes weißes Hemd mit kurzen Ärmeln, welches ihre Oberschenkel halb bedeckte.
„Shinji-kun... was ist denn?“
Sie rieb sich die Augen, sah ihn dann genauer an. Ihr Blick blieb an seinem zugeschwollenen Auge hängen.
„Uh... Rei... hast du geschlafen?“
„Ja... wa...“
Warum war sein Auge zugeschwollen? Was war mit Shinji-kun passiert, seit sie sich in der Bahnstation getrennt hatten?
„Ah, tut mir leid“, unterbrach er sie. „Ich gehe besser...“
„Nein.“
Sie schüttelte den Kopf, ergriff seinen Oberarm und zog ihn in die Wohnung. Shinji folgte dem Zug willig.
„Das macht nichts. Komm erstmal rein.“
„Ahm...“
„Was ist mit deinem Auge?“
„Das... ahm... das war Asuka...“
Und er erzählte auch ihr die ganze Geschichte, verglich dabei in Gedanken die heutigen Ereig-nisse mit jenen in Reis Wohnung vor mehreren Wochen. Shinji schloß seinen Bericht mit den
Worten:
„... und daher wollte ich fragen, ob ich heute nacht hier schlafen kann... ich werde dir auch nicht zur Last fallen... bitte, wenn du mich in der Küche auf dem Boden schlafen
läßt... du wirst mich gar nicht bemerken...“
Rei sah ihn lange an.
Soryu hatte ihn verletzt... und auch noch aus seinem Heim vertrieben... und sie war wieder nicht dagewesen, um ihn zu beschützen... natürlich konnte Shinji-kun bei ihr übernachten,
da sprach gar nichts dagegen, das war doch viel sicherer als irgendwo auf einer Bank... aller-dings verstand sie nicht, weshalb er unbedingt auf dem Boden schlafen wollte, ihr Bett war doch um
einiges bequemer... aber wenn er es wünschte...
„Du kannst hier schlafen, Shinji-kun.“
Sie ging zu ihrem Bett und nahm eine der beiden Decken, die sie benutzte, an sich, ebenso das Kopfkissen, trug beides in die Küche und legte es in die hintere Ecke zwischen Schrank und
Tisch.
„Du willst wirklich auf dem Boden schlafen?“
„Äh, ja, Rei, wenn es dir nicht zuviele Umstände macht... uhm, danke, Rei, das... ah... ich hätte nicht gewußt, wo ich sonst hätte hingehen sollen... aber du
brauchst mir nicht dein Kissen ge-ben, die Decke genügt doch völlig.“
„Du nimmst es.“
Wenn er schon auf dem Boden schlafen wollte, sollte er es wenigstens so bequem wie möglich haben. Warum wollte er denn nicht bei ihr schlafen?
„Danke, ahm, ja, danke...“
„Benötigst du noch etwas, Shinji-kun?“
„Nein, Rei, uh, wirklich nicht.“
„Gut. Ich gehe wieder schlafen.“
Sie brauchten beide ihren Schlaf. Die Tests hatten sie mental ausgelaugt und Shinji-kun verfüg-te nicht über ihre Konstitution. Kurz zögerte sie, ob sie das Hemd wieder ausziehen
sollte, ei-gentlich schlief sie völlig unbekleidet, allerdings war es nicht gerade warm in ihrer Wohnung, die letzten Tage hatte es einen Temperatursturz gegeben, der dafür gesorgt
hatte, daß es in ih-rer Wohnung angesichts der defekten Heizung doch spürbar kühl war, deshalb auch die zweite Decke.
Hoffentlich hatte Shinji-kun es warm genug...
Sie löschte das Licht und kroch wieder unter ihre Decke.
Shinji war derweil aus Hemd und Hose gestiegen und hatte sich, nun noch mit Unterhemd, Shorts und Socken bekleidet, in die von Rei zur Verfügung gestellte Decke eingerollt.
Es war kalt in ihrer Wohnung... tagsüber war ihm das gar nicht aufgefallen, während sie hier gearbeitet hatten... aber da hatten sie ja auch warmen Tee gehabt...
Er zog die Decke noch enger um sich und versuchte zu schlafen...
*** NGE ***
Rei wurde mitten in der Nacht von einem unbekannten Geräusch geweckt, einem seltsamen Klappern... sie sah sich im Dunkeln um.
Nein, die Heizung war es nicht, die war so tot wie eh und je...
Das Geräusch kam aus der Küche...
Shinji-kun... vielleicht ging es ihm nicht gut... vielleicht hatte Soryu ihn härter erwischt, als er eingestanden hatte...
Sie schwang sich aus dem Bett, machte Licht in ihrem Schlafraum und ging in die Küche.
Shinji-kun lag immer noch in der Ecke, eingerollt in die Decke, die sie ihm gegeben hatte, aller-dings schien er stark zu zittern. Das Geräusch, das sie geweckt hatte, stammte vom Klappern
seiner Zähne...
Das konnte sie nicht weiter tatenlos mit ansehen! Wenn Shinji-kun weiterhin auf dem Boden schlief, konnte er krank werden, nein, das konnte sie nicht zulassen, egal wie sehr er darauf be-standen
hatte, auf dem Boden zu nächtigen!
Sie ging neben ihm in die Hocke und schüttelte ihn leicht, bis er aufwachte.
„Uh, was... Rei? Ah... äh... was ist? Uh... habe ich dich geweckt? Habe ich geschnarcht?“
„Nein... du kannst nicht hier schlafen.“
Sie zog ihn auf die Beine, ergriff im Ausstehen das Bettzeug.
„Uh... ahm... tut mir leid... ich...“
Ganz sicher hatte er sie geweckt... vielleicht hatte er geschnarcht... oder vielleicht hatte er im Schlaf gesprochen... jetzt würde sie ihn ´rauswerfen...
Doch stattdessen zog Rei den schlaftrunkenen Shinji nur in ihren Raum, warf das Kissen ins Bett und breitete die Decke darüber aus, schlüpfte dann unter die Decken und rutschte bis zur
Wand. Ihr Hemd behielt sie an, damit Shinji-kun keine falschen Schlußfolgerungen zog.
„Komm hierher, das ist wärmer.“
„Uh, Rei...“
Sie wollte doch nicht wirklich mit ihm in einem Bett schlafen... das mußte er mißverstehen...
Doch die Tatsache, daß sie die Bettdecken hochhielt und ihm Platz gemacht hatte, sprach für sich selbst.
Zögernd setzte er sich auf die Bettkante, schwang die Beine unter die Decke.
Rei ließ die Decke los, deckte ihn zu.
Shinji bemühte sich, ihr möglichst viel Platz zu lassen, rückte soweit zur Kante, wie er konnte, ohne aus dem Bett zu fallen.
„Uhm, ja... ahm...“
„Gute Nacht, Shinji-kun.“ flüsterte Rei neben ihm.
„Äh, ja, gute Nacht, Rei.“
Er schloß die Augen, doch das vertrieb die Nervosität nicht... nicht im geringsten...
Rei war so nahe...
Rei blickte auf Shinjis Rücken.
Sicher war ihm noch kalt... und so nahe, wie er an der Bettkante lag, lief er Gefahr, hinauszu-fallen, wenn er nicht acht gab...
Sie legte den Arm um ihn, rückte ganz nah an ihn heran, so konnte sie verhindern, daß er her-ausfiel und sich vielleicht verletzte, und ihm etwas von ihrer Körperwärme
geben... und sie konnte ihm nahe sein...
Shinji vergaß beinahe zu atmen, als Rei den Arm um ihn legte und er ihren warmen Atem im Nacken spürte. Sie war so nah... viel zu nah... Mit einem Mal war die Kälte aus seinem
Körper verschwunden, wurde von Hitze ersetzt, die ihren Ursprung in seinen Lenden hatte.
Doch er beherrschte sich, blieb, den Rücken ihr zugewandt, ruhig liegen, anstatt sich umzudre-hen und sie in die Arme zu schließen... vorerst jedenfalls...
6. Zwischenspiel:
„Israfel wurde besiegt“, wisperte die Stimme seines älteren Bruders.
Der jüngere signalisierte seine Kenntnisnahme.
„Wir sind nicht mehr viele, die in die Welt der Lillim vordringen können... nur noch eine Handvoll ist imstande, dort einen materiellen Körper zu formen.“
„Vielleicht gibt es einen anderen Weg... vielleicht kann man mit den Lilim reden.“
„Nein, Tabris“, grollte die Stimme eines anderen der älteren. Die Stimme verdeutlichte, über welche Kraft der Sprecher verfügte. „Die Lilim verstehen nur Gewalt,
das war Vaters Ge-schenk an sie, als er Mutters Werk zum ersten Mal verwüstete.“
„Mutter...“ flüsterte der jüngste.
Obwohl in ihrem Reich die vergangenen vierzehn Jahre nur ein Wimpernschlag gewesen wa-ren, vermißte er sie.
Der mächtige Zeruel wandte sich ab, die Anwesenden spürten, wie er ihre Runde verließ.
„Ihre Waffen sind stark“, flüsterte Satchiel, immer noch geschwächt von seiner Begegnung mit dem Wesen namens EVANGELION.
„Und sie bauen ständig neue“, fügte Israfel zweistimmig hinzu, der gerade eingetroffen war.
„Wenn sie uns doch nur verstehen könnten... könnten sie wirklich so grausam sein, unsere Mutter... und ihrer aller Mutter... weiterhin gefangenhalten zu wollen, wenn sie die
Wahrheit erkennen?“
„Lilim sind blind, sie wollen die Wahrheit nicht erkennen, Tabris.“
„Gerade du gibst auf, Arael?“
„Nenne mir eine Möglichkeit. Die Lilim wollen nur kämpfen. Satchiel und Shamsiel haben von der Wildheit und der Mordgier berichtet, die von ihnen ausgeht.“
„Von ihren Waffen, Bruder... wir müssen uns etwas anderes überlegen...“
„Da ist... spürt ihr es auch?“
„Ja, Sandalphon erwacht...“