Shinji wachte auf.
Es war wirklich kein Traum gewesen...
Er lag im gleichen Bett wie Rei. Sie hatte tatsächlich den Arm um ihn gelegt und schlief immer noch an ihn geschmiegt, war ihm so nah... Es fühlte sich wunderbar an...
Wie sie wohl aussah, wenn sie schlief? Welchen Ausdruck wohl ihr Gesicht hatte?
Er mußte sich nur vorsichtig umdrehen, um sie nicht aufzuwecken...
Dummerweis Ach ja, dies ist die
FSK 16 - Version !e reagierte sein Körper auf ihre Nähe auf eine Art und Weise, die ihm äußerst peinlich gewesen wäre, hätte sie es bemerkt. Sein Kopf mußte so rot
angelaufen sein, daß er vielleicht im Stande war, das Zimmer auszuleuchten, hätte dies nicht schon der bleiche Voll-mond getan, dessen Licht durch das Fenster hineinfiel.
Welchen Ausdruck hatte wohl ihr schlafendes Gesicht...
Während der Tage, die sie im gleichen Zimmer gewohnt hatten, hatte er nicht mehr als ihre Silhouette des Nachts gesehen...
Langsam und vorsichtig drehte er sich auf den Rücken. Und ebenso vorsichtig drehte er sich auf die andere Seite, zog zugleich die Knie an und stützte sich mit dem Ellenbogen auf, so
daß sein Hinterteil über die Bettkante hing, ohne daß er hinausfiel und ohne daß sie die Beule in seiner Hose bemerken konnte.
Der Anblick ließ seinen Atem stocken.
Rei lag auf der Seite, das Gesicht ihm jetzt zugewandt.
Das Licht des Mondes badete ihr Gesicht in einen fahlen Schein. Sie wirkte so friedlich, un-schuldig... Ihre sanft geschwungenen Lippen waren direkt vor ihm, er mußte eigentlich nur selbst
die Lippen spitzen, um sie zu berühren. Der Drang, sie zu küssen, war unglaublich stark... er mußte nur den Kopf leicht nach vorn bewegen... diese Lippen... nur kurz... nur ein
ganz kurzer Kuß... nur ein kurzer Kontakt... nur einmal diese Lippen berühren im Schein des Mondes...
Millimeter um Millimeter schob er den Kopf nach vorn.
Ihr warmer Atem strich über seine Lippen.
Er stoppte.
Wenn er das tat... egal, wie sehr er sich danach sehnte... was dann? Wenn er ihr einen Kuß raubte... was kam als nächstes... ihr Haar war ebenso verlockend, er wollte mit den Fingern
hindurchfahren, sein Gesicht darin vergraben, wollte ihre Wangen sanft streicheln... sein Blick glitt tiefer, zum offenstehenden obersten Knopf ihres Hemdes, zum schwach erkennba-ren Ansatz ihrer
Brüste... wenn er sie jetzt küßte, wußte er nicht, was dann geschehen könnte, wozu er imstande war, was er ohne ihr Einverständnis tun könnte...
Nein, er konnte es nicht, durfte es nicht, durfte sie nicht küssen ohne ihre Erlaubnis, ohne ihr Wissen, durfte ihr Vertrauen nicht mißbrauchen...
Langsam zog er den Kopf zurück, beschränkte sich darauf, sie anzusehen, trunken von ihrer Schönheit.
Wenn dieser Augenblick doch nur ewig anhalten konnte... wenn doch der Morgen nie anbre-chen würde, wenn er doch die Zeit anhalten und sie immer anblicken konnte... aber am näch-sten Tag
schon konnte ein weiterer Feind auftauchen... könnte er sie verlieren...
War das nicht schon ein Grund, sie doch noch zu küssen, solange er noch konnte?
Nein...
Ihr Anblick brachte ein Lächeln auf sein Gesicht.
Wie spät mochte es sein?
Er hob den Kopf ein Stück, blickte aus dem Fenster. Draußen war es immer noch dunkel, sah man vom Vollmond ab, dessen Licht in das Zimmer und auf Reis Gesicht fiel.
Shinji bemühte sich, die Augen solange wie möglich offenzuhalten, sie so lange wie möglich anzusehen, doch schließlich fielen ihm die Augen zu.
*** NGE ***
Wie üblich erwachte Rei mit der Morgendämmerung, öffnete die Augen.
Sie blickte in Shinji-kuns Gesicht. Er lächelte, es war das erste Mal, daß sie ihn lächeln sah, seit Soryu eingetroffen war. Das Veilchen schimmerte dunkelviolett. Rei
verspürte Wut bei dem Anblick, stellte sich vor, Soryu es mit gleicher Münze zurückzuzahlen... aber der Kommandant hatte ihr untersagt, ihre Kräfte jemals gegen einen Menschen
einzusetzen, ein Block, wie sie ihn bei dem älteren Schüler eingesetzt hatte, war bereits das äußerste des ihr erlaubten.
Wenn es ihr doch nur möglich wäre, seine Verletzungen zu heilen, wie ihre eigenen Schäden heilten...
Soetwas durfte sich nicht wiederholen! Sie mußte Shinji-kun vor Soryu beschützen!
Zögernd hob sie die Hand, strich vorsichtig eine Haarsträhne aus seinem Gesicht, wünschte sich, nicht an ihre Pflicht und die Mission gebunden zu sein...
Die Schule würde bald beginnen... sie mußte sich fertigmachen, Shinji-kun mußte sich fertig-machen... er mußte vorher etwas essen... ob ihm die Dinge in ihrem
Kühlschrank wohl zu-sagten?
Shinji-kun regte sich, sie hatte ihn doch nicht geweckt? Aber es war ohnehin Zeit...
Shinji schlug die Augen auf, blickte in ein Paar scharlachroter Augen, die seinen Blick erwiderten.
„Uh... Rei... ahm... Guten Morgen...“
Das war eine Hand auf seiner Wange, eine weiche, warme Hand... Reis Hand...
„Guten Morgen, Shinji-kun.“
Sie sah auf ihre Hand, die immer noch seine Wange berührte, als wäre sie nicht Teil ihres Kör-pers, zog sie rasch zurück.
Shinji fing ihre Hand ab, hielt sie fest, ohne dabei den Blick von ihrem Gesicht abzuwenden.
Sie gab dem Zug nach, ihre Fingerspitzen berührten wieder seine Wange.
„Rei... ich...“
Er ließ ihre Hand los, senkte den Blick.
Doch sie zog ihre Hand nicht wieder zurück, streichelte stattdessen zärtlich seine Wange.
„Shinji-kun, es ist an der Zeit aufzustehen. Wir dürfen die Schule nicht verpassen.“
„Uhm, ja... du hast recht... leider...“
„Leider?“
Er gab keine Antwort auf ihre Frage.
„Ich... danke, daß ich bei dir... ahm...“
Sie kletterte über ihn hinweg aus dem Bett, einen schier endlos langen Moment befanden sie sich in einer Lage, in welcher er sie nur hätte greifen und zu sich hinziehen brauchen, in der
sie lediglich den Kopf ein wenig hätte senken müssen, um ihn küssen zu können, doch obwohl beide in jenem Moment daran dachten, führte keiner den Gedanken aus.
Rei setzte sich auf die Bettkante und fuhr sich mit den Händen durch ihr Haar, welches danach viel lockerer um ihren Kopf zu liegen schien.
„Shinji-kun...“
Sie überlegte. Gestern abend hatte er vor ihrer Tür gestanden, weil er nicht gewußt hatte, wo-hin er gehen sollte, weil Soryu ihn aus seinem Zuhause vertrieben hatte. Doch wo
würde er heute abend hingehen? Sicher, auch in Tokio-3 gab es Hotels und Pensionen, doch es schien ihr fraglich, ob er über ausreichende Geldmittel verfügte. Eine Rückkehr in
Captain Katsuragis Apartment hingegen war in ihren Augen nicht akzeptabel, dort würde er Soryu ausgeliefert sein. Eine weitere Möglichkeit bestand darin, daß Shinji-kun sich eine
Unterkunft im Haupt-quartier zuweisen ließ... aber das wollte sie nicht... Um ihn zu beschützen, wäre es das beste, wenn sie in seiner Nähe blieb - oder er in der ihren...
Und dies ließ sich am besten bewerkstel-ligen, wenn sie sich auch weiterhin ein Quartier teilten... wenn er ihr weiterhin... nahe war...
„... wenn du möchtest... dann kannst du hier bleiben.“
Shinji setzte sich auf.
„Rei, ahm, das... uh... das geht doch nicht... du und ich... ich meine... das schickt sich nicht... und... uhm... wenn...“
„Wir haben zur Vorbereitung auf den letzten Einsatz bereits zusammengewohnt. Ich sehe kei-nen Grund, dieses Arrangement nicht fortzuführen.“
Der Kommandant würde dagegen sein... aber er war nicht hier, war nicht in Tokio-3, sondern in der Antarktis, um den Fortgang des Projektes zu überwachen... und solange er ihr keine
an-derslautenden Anweisungen gab, konnte sie Shinji-kun Asyl gewähren.
„Aber das hier ist deine Wohnung und... uhm... ich will nicht in deine Privatsphäre eindringen und...“
Sie legte ihm den Finger auf die Lippen, um ihn zum Schweigen zu bringen, dann zog sie ihn in ihre Arme, flüsterte in sein Ohr:
„Verstehst du nicht, daß ich dies längst zugelassen habe, Shinji-kun?“
Rei löste sich von ihm und stand auf, ging in die Küche.
„Ich setze Tee auf.“
„Ja...“
Sie wollte, daß er blieb...
Aber das ging doch nicht... und wenn sie gewußt hätte, welche Gedanken ihn in der Mitte der Nacht beschäftigt hatten, wäre ihr das auch klar gewesen!
Er sprang aus dem Bett und folgte ihr, ohne sie an seiner Seite war es ohnehin plötzlich furcht-bar kalt und leer.
„Aber... Rei, was ist, wenn... uh... wenn etwas passiert... zwischen uns beiden... und wenn... ahm...“
Sie drehte sich ihm zu.
„Du hast selbst gesagt, daß du nichts derartiges ohne meine Zustimmung tun würdest. Was ge-schieht, geschieht.“
„Das... uh...“
Das klang sehr logisch.
Er wäre wahrscheinlich auch gar nicht fähig gewesen, etwas mit ihr gegen ihren Willen zu tun, schließlich war ihre Körperkraft der seinen wenigstens entsprechend, wenn nicht
sogar höher...
„Aber der Platz... ahm... wäre es dir nicht zu eng? Wenn ich... uhm... auch noch meine Sa-chen...“
„Hast du viele Sachen?“
„Ähm, nein... etwas Kleidung, mein Fahrrad... und mein Cello.“
„Ich denke nicht, daß der Platz hier nicht ausreicht. Du spielst ein Instrument?“
„Ja...“
Rei kam aus der Küche, sofort trat er zur Seite, um sie durchzulassen. Sie setzte sich wieder auf das Bett, beugte sich vor, holte etwas darunter hervor - einen Geigenkasten.
„Ich spiele Geige.“
„Oh, das... das ist toll... ich wußte gar nicht...“
„Aber bisher hatte ich niemanden, der mir zuhörte.“
„Das... uhm... das würde ich gern... ja, ich würde dich gern spielen hören.“
„Dann mußt du hierbleiben.“
„Aber ich kann doch nicht... ich meine... dein Bett und...“
„War dein Schlaf unbequem?“
„Nein...“
„Bist du nicht ausgeruht?“
„Auch nicht...“
„Dann sehe ich keinen Grund für deine Ablehnung... außer, du möchtest nicht hier sein.“
Sie stand auf, blieb vor ihm stehen.
„Doch, ich... uh... es gibt keinen Ort, wo ich lieber...“
Er schluckte.
„Aber wir können doch nicht zusammenleben... wir sind... uh... wir sind zu jung dafür... und...“
„Shinji-kun, ist es dir unangenehm, dich in meiner Nähe aufzuhalten?“
„Nein“, flüsterte er.
Ganz im Gegenteil...
„Dann solltest du hierbleiben.“
„Aber... ahm... nicht ohne Gegenleistung.“
„Gegenleistung?“
„Ich... uhm... ich könnte für dich kochen... und die Wäsche waschen...“
Essen konnte sie in der NERV-Kantine, dort wurde extra für sie jeden Tag ein vegetarisches Menü zubereitet. Und ihre Wäsche reinigte sie im Waschsalon eine Haltestelle weiter...
doch wenn dies seine Wünsche waren... warum sollte sie an alten Gewohnheiten festhalten, die sich eher aus Mangel an Alternativen so eingefahren hatten...
„Einverstanden.“
„Dann... uh...“
Da kam er wohl nicht mehr heraus, selbst wenn er es gewollt hätte...
Er breitete die Arme aus.
„Erlaubst du?“
„Ja.“
Vorsichtig umarmte Shinji Rei.
„Ich bin nicht aus Porzellan.“ murmelte sie und schloß ihn ihrerseits in die Arme.
„Uhm...“
„Ist das unangenehm?“
„Nein...“
„Willkommen, Shinji-kun...“
*** NGE ***
Bibbernd kam Shinji aus dem Bad, Rei saß bereits am Frühstückstisch und wartete auf ihn.
„Das warme Wasser geht nicht.“ sagte er und ließ sich auf dem zweiten Stuhl nieder. Er trug wieder dieselben Sachen wie am Vortag, da er nichts zum Wechseln hatte.
„Ich habe bereits vor mehreren Wochen deswegen den Hausverwalter unterrichtet. Aber es ist keine Reaktion erfolgt.“
„Ja... und die Heizung?“
„Ebenfalls.“
Shinji sah sich um.
Vor ihm auf dem Tisch stand ein Teller, auf dem mehrere Scheiben Toast lagen, auf weiteren kleineren Tellern lagen Salatblätter und Scheiben verschiedener Früchte, wie Kiwis und
Pfir-sichhälften. An der Seite stand die Teekanne. Und dann gab es noch ein großes Glas Erdnuß-butter.
„Du ißt sowas?“
„Ja.“
Und wenn er mal davon ausging, daß sie ihre Weißbrotscheibe dick damit bestrich, dann mußte sie das Zeug sehr gern essen.
„Ich... uhm... ich weiß sonst gar nicht, was du magst.“
„Kein Fleisch, kein Fisch, keine tierischen Produkte. Keine Milchprodukte und keine Eier.“
„Das... ahm... das ist eine ganze Menge. Magst du es nur nicht, oder...“
„Ich darf es nicht essen. Ich kann derartige Stoffe nicht verdauen.“
„Uh, ja. Gut, ich werde es mir merken.“
„Aber es macht mir nichts aus, wenn du Fleisch oder Fisch essen möchtest.“
„Nein, nein... Rei... wir... ahm... es ist...“
„Was?“
„Es ist seltsam... ich meine... uhm... wir haben zusammen im gleichen Bett geschlafen... und jetzt sitzen wir hier am gleichen Tisch und frühstücken... und... ahm...“
„Worauf möchtest du hinaus?“
„Wir... uhm... wir sitzen hier beinahe wie... wie eine Familie...“
Sie errötete leicht.
„Ist es das, was du in mir siehst?“
Familie... was, wenn er in ihr nur soetwas wie eine Schwester sah? Hoffentlich nicht... hof-fentlich sah er mehr in ihr... hoffentlich...
Shinji selbst wurde knallrot, verschüttete etwas von seinem Tee.
„Es ist... weißt du... ahm... bei Misato war es ähnlich... sie hat sich viel Mühe gegeben, damit ich mich wie zuhause fühle... aber hier... es ist ähnlich und
trotzdem anders... ich... ich kann es nicht näher beschreiben...“
„Irgendwann kannst du es vielleicht.“
„Ja... Rei, wenn ich darf... kann ich bei der Hausverwaltung in deinem Namen anrufen? Vielleicht... vielleicht schicken sie jemanden vorbei... oder hat NERV niemanden, der das ma-chen
kann?“
„Du kannst es versuchen.“
Warmes Wasser wäre wünschenswert... auch daß die Toilettenspülung aufhören würde, Geräu-sche zu machen, als verdaue sie eine größere Mahlzeit... nur
die Heizung... wenn diese wieder funktionieren würde, hätte sie keinen Grund mehr, Shinji-kun nahe zu sein...
„Und... uhm... ein Türschloß? Und die Klingel und die Gegensprechanlage?“
Wieder nickte sie.
Es fiel ihr teilweise nicht leicht, ihm diese Dinge zu überlassen, hieß es doch, einen Teil des bißchens Freiheit aufzugeben, das sie besaß. Andererseits... seine Gegenwart
war ihr diesen Preis wert. Wenn sich seine Sachen ebenfalls in der Wohnung befanden, würde ein Türschloß nötig sein...
„Ja, dann... ich muß noch meine Sachen holen... uhm...“
„Wir können gemeinsam bei Captain Katsuragi vorbeigehen.“
„Ich würde, ahm, ihr gerne eine Nachricht hinterlassen, wo ich bin.“
„Ja, sie sollte darüber informiert sein. Soryu wird sich nachher in der Schule befinden. Das wäre eine Gelegenheit, zuerst deine Sachen zu holen und dann Captain Katsuragi im
Haupt-quartier aufzusuchen.“
„Ja...“
Während sie aßen, ging Shinji ein Gedanke nicht aus dem Kopf. Ihr Gespräch... als ob sie einen gemeinsamen Hausstand gegründet hätten... wie ein Ehepaar... und dieser
Gedanke hatte gar nichts absurdes oder unglaubwürdiges an sich...
*** NGE ***
Shinjis Fahrrad war in Reis Wohnung zurückgeblieben, sie waren mit der Bahn zurück in die Innenstadt gefahren, wo sich das Gebäude befand, in dem Misatos Apartment war.
An der Tür zögerte Rei.
Shinji deutete ihr Zögern falsch, er wußte ja nichts von den Anweisungen seines Vaters.
„Ich sehe schnell nach, ob jemand da ist...“ flüsterte er und trat ein.
Rei blickte in den Wohnungsflur.
Es war ihr untersagt worden, Captain Katsuragis Apartment zu betreten... allerdings nur, wenn dort eine Party stattfand... hier allerdings lag eine gänzlich andere Situation vor, hier ging
es um das Wohlergehen eines anderes Piloten! Also folgte sie ihm in die Wohnung.
Shinji war schnurstracks in sein Zimmer gegangen und hatte begonnen, seine Sachen aus dem Schrank in den Koffer zu stopfen, aus dem er sie nach seiner Ankunft herausgeholt hatte, machte sich
dabei nicht die Mühe, erst alles sorgfältig zusammenzulegen. Er hatte das Gefühl, dafür nicht genug Zeit zu haben, zugleich verspürte er Anflüge eines schlechten
Gewissens - Misato hatte ihn bei sich aufgenommen und nun schlich er sich fort wie ein Dieb in der Nacht. Doch ihn trieb auch die Sorge an, Asuka könnte sich noch in der Wohnung aufhalten.
Aber Rei hatte ja von der Tür aus den Korridor im Blick und konnte ihn rechtzeitig warnen...
Rei blickte in den kombinierten Wohn- und Eßraum, das Zimmer war dunkel, da das Licht nicht brannte und es kein Fenster gab. Dennoch sah sie die Umrisse einer Person am Tisch sitzen.
„Rei...“
Sie erkannte die Stimme, eigentlich hatte sie bereits vorher gewußt, wer dort im Dunkeln in einer Wolke von Bierdunst saß, denn die Umrisse paßten nicht zu Soryu.
„Captain Katsuragi.“
„Jetzt Major. Ich wurde... be-befördert, weil der Plan mit dem... dem Tanz geklappt hat... der Streifen hätte eigentlich Kaji zugestanden, aber er wollte nicht...“
Die Stimme des Cap... Majors klang unsicher, schwankend. Entweder stand sie unter dem Ein-fluß von Medikamenten oder Alkohol. Der Geruch, den Rei wahrnahm, deutete auf letzteres hin.
„Ja... Meinen... Glückwunsch zur Beförderung.“
Eine Beförderung war ein positives Ereignis... und bei einem positiven Ereignis gratulierten sich die Menschen...
„Du bist mit Shinji hier, oder?“
„Ja, Major.“
„Hat er... bei dir übernachtet?“
„Ja.“
„Und jetzt...? Holt er seine Sachen?“
„Ja. Er wollte noch eine Nachricht hinterlassen.“
Shinji kam aus seinem Zimmer.
„Rei, ist da jemand?“
„Ja, Shinji-kun, Major Katsuragi sitzt hier.“
„Major...“
Shinji schluckte. Er war an Misato vorbeigegangen und hatte sie nicht einmal gesehen. Sofort wuchs sein schlechtes Gewissen zu unglaublichen Proportionen an.
„Ahm, Misato...“
„Du brauchst nichts... nichts zu sagen, Shinji... aber laß bitte das Licht aus... Ich bin schuld an der ganzen Misere... ja, an der ganzen vertrackten Misere..., ´hätte
erst mit dir sprechen und dein Einver... Einverständnis einholen sollen, bevor ich Asukas Vorschlag, hier einzuziehen, zugestimmt habe.“
„Es... es war ihre Idee?“
„Ja. Nachdem ich ihr ins... ins Gewissen geredet und sie versprochen hatte, sich zu bessern und... und mit euch zu vertragen,, ja zu vertragen, sagte sie, sie wäre einsam, ganz dolle
ein-sam... und daß alles für sie fremd wäre... und ob sie nicht auch bei jemandem unterkommen könnte... Alles meine Schuld... Shinji-kun, ich wollte dich nicht
verjagen...“
Aus der Dunkelheit kam ein leises Schluchzen.
„Ich habe heute frei... muß nicht zum Dienst... und Asuka ist auch weg, dachte, ich könnte et-was bechern... ´ist gut, daß du jetzt gekommen bist...“
„Misato, ich...“
„Nein, nein... laß mich ausreden, weiß nicht, wie lange ich noch verständlich sprechen kann... ´war ein Fehler... aber Asuka braucht jemanden, der auf sie etwa
aufpaßt... eine weibliche Hand... hätte sie zu Ritsuko schicken sollen, ja, hätte ich tun sollen... wer weiß, wann ich mich wieder in aller Ruhe betrinken kann... Shinji,
wohin willst du?“
„Uhm, also, Misato...“
„Major, ich habe Shinji-kun angeboten, daß er bei mir wohnen kann.“
„Rei, das ist sehr... nobel von dir... ja, ist es... Hast du denn genug Platz?“
„Ja.“
„Dann ist es gut... aber macht keine Dummheiten, ja? Ich bin immer noch verantwort... ver-antwort... verantwortlich... Wenn ich wieder nüchtern bin... dann schaue ich bei euch
vorbei... paß auf Shinji auf, Rei, ja? Mach das... bist ein gutes Mädchen... paß auf ihn auf...“
„Das werde ich.“
„Und keine Dummheiten, ja... klar, Shinji?“
„Uh, ja. Ja, klar, Misato... uh... keine Dummheiten.“
„Gut. Soll ich euch fahren?“
„Lieber... ahm... lieber nicht.“
„Ist wohl auch besser so... ja... Bin nämlich betrunken, mußt du wissen...“
„Misato, falls... wenn du mich hier brauchen solltest, dann...“
„Nein. Geh du mit Rei... möchte nicht, daß... Asuka reagiert vorschnell... verpaßt dir vielleicht wieder eine... kann bei Rei nicht passieren... ist ein gutes Mädchen,
diese Rei... anständig... klug... wünschte, ich wäre noch mal in diesem Alter... aber macht keine Dummheiten...“
„N-nein.“
„Ich weiß doch... weiß doch, wie es ist, ein Teenager zu sein... war auch mal einer... da staunt ihr, was? Ja, Misato Katsuragi wurde nicht mit der Bierflasche in der Hand al
Erwachsene ge-boren... hätte meine Mutter sicher auch ganz schön aus dem... aus dem Häuschen gebracht... ja... aus dem Häuschen... Shinji, ich vertraue dich Rei an... sie kann
Verantwortung tragen... ist das First Children... ja... aber das weiß du schon, oder?“
„Ahm, ja, Misato.“
„Gut... dachte ich mir doch... ihr habt meine volle Unter... Unterstützung... aber keine Dumm-heiten, ja?!“
„Uh...“
„Jetzt geh und hol´ deine Sachen.“
„Ja...“
Shinji lief in sein Zimmer zurück und kramte das letzte zusammen, das ihm ins Auge fiel. Er bemerkte gar nicht, daß Tränen über seine Wangen liefen.
Durfte er Misato so überhaupt zurücklassen, nach allem, was sie für ihn getan hatte? Sie hatte ihm ein Heim gegeben, hatte sich um ihn gekümmert, vielleicht nicht wie eine
Mutter, aber doch wenigstens wie eine ältere Schwester...
Rei war zurückgeblieben.
„Major, benötigen sie etwas?“
„Nein, Rei, habe genug Bier in Reichweite... und der Vogel ist auch schon versorgt... Shinji und du... ihr paßt zusammen... laß nichts dazwischenkommen... Ich halte Asuka im
Griff... hät-te gleich dich und Shinji aufstellen sollen, hätte Ritsuko sagen sollen, sie solle gefälligst deinen EVA zusammenschrauben... und trotzdem kriege ich von Fuyutsuki
diesen Streifen angeheftet, ist schon seltsam... ja, seltsam...“
„Ich werde auf Shinji-kun aufpassen.“
„Gut... und versucht... versucht mit Asuka auszukommen, ja? Sie ist schwierig... aber sie ist auch eine EVA-Pilotin...“
„Ist das ein Befehl, Major?“
„Nein, Rei... eine Bitte... euer Überleben konnte davon abhängen...“
„Ja, Major.“
„Kennst ruhig Misato sagen, bin schließlich nicht im Dienst... und keine Dummheiten... das ist ein Befehl...“
„Ja, Major.“
Shinji trat wieder auf den Korridor, den Koffer mit dem Cello auf den Rücken geschnallt, den Koffer mit seinen Sachen hinter sich herschleppend und in der anderen Hand die Tasche mit seinen
Schulbüchern.
Rei kam ihm entgegen und nahm ihm die Bücher ab, half ihm, den großen Koffer in den Haus-flur zu bugsieren, wo er auch den Instrumentenkoffer erst einmal abstellte und dann noch
ein-mal in die Wohnung zurückkehrte.
„Misato, ich... wir gehen dann... außer du...“
Wenn sie ihn gebeten hätte zu bleiben, wäre er wahrscheinlich geblieben...
„Komm doch mal her, Shinji.“
„Uhm, ja...“
Er tastete sich durch den dunklen Raum, bis er vor ihr stand. Der Alkoholdunst war fast betäu-bend.
Misato umarmte ihn zum Abschied.
„Ich komme schon klar mit Asuka, keine Sorge... Paß auf Rei auf... gib ihr keinen Grund zu Kummer, immerhin nimmt sie dich auf... ach... ich klinge wahrscheinlich, als...
also...“
„Wie eine große Schwester.“
„Schwester? Ja? – Ich wollte immer einen kleinen Bruder“
Sie lachte.
„Dann hör jetzt gut zu, Shinji... macht keine Dummheiten... egal, wie nah ihr einander kommen solltet... egal, wie sehr dich der Hafer sticht... versteht du?“
„Ja... uh... keine Dummheiten...“
„Genau... nichts, was ihr später bereuen könntet... und wenn... naja... vergiß die Sicherheits-maßnahmen nicht... und falls du mich ´mal nicht erreichen kannst,
dann halte dich an Kaji... der nervt manchmal zwar ganz schön... aber er ist kein übler Kerl... kann nur nicht treu sein... ja... und meld´ dich mal...“
„Misato... ich... ich bin doch nur ein paar Minuten entfernt... und ich bin immer noch bei NERV.“
„Ach ja, NERV, ganz vergessen... die haben mir einen neuen Streifen verpaßt... bin jetzt Ma-jor.“
„Ich weiß.“
„Du weißt? Oh, Fuyutsuki hat sicher... hat sicher alles ausposaunt... Fuyutsuki kannst du auch trauen... mehr als deinem Vater jedenfalls... Fuyutsuki hält die Stellung... Ja,
Sir!...“
Wieder lachte sie.
„Wir... uh... wir gehen dann... Soll ich die Schlüssel hier auf den Tisch legen?“
„Nein, nimm sie mit... aber mach die Tür zu, ja?“
„Ja...“
Shinji verließ die Wohnung, schulterte sein Cello wieder und schleppte den Koffer zum Auf-zug.
„Major Katsuragi war betrunken.“ stellte Rei sachlich fest.
„Ja. So schlimm war es noch nie...“
Es mußte Asukas Schuld sein... und die seine, sicher hatte Misato sich Sorgen gemacht... hatte die ganze Nacht über kein Auge zugetan...
„Ich frage mich, ob... uhm... ob ich nicht besser zurückgehen sollte...“
„Shinji-kun, sie wollte dich in Sicherheit wissen. Wenn du umkehrst, wird sie sich um dich sor-gen müssen.“
„Ich wüßte nur zugern, warum Asuka sich so verhält.“
„Ich weiß es nicht, Shinji-kun.“
*** NGE ***
Der erste Tag war wahrscheinlich der seltsamste.
Shinji machte eine Bestandsaufnahme von Reis Haushalt und erstellte eine Liste, was sie be-nötigten, dann rief er bei der Hausverwaltung an. Als er seinen Namen nannte, herrschte am anderen
Ende der Leitung Stille. Rasch gab er ein Anliegen durch, ohne ins Stottern zu geraten oder sich zu verhaspeln. Und tatsächlich versprach man ihm, umgehend jemanden zu schicken, der sich um
Heizung und Warmwasser kümmern sollte.
Ihm ging nicht auf, daß es der Name Ikari gewesen war, der ihm den nötigen Respekt ver-schafft hatte, stattdessen schob er die bisherige Untätigkeit der Hausverwaltung darauf,
daß sie Rei wahrscheinlich nicht für voll genommen hatten.
Währenddessen machte Rei in ihren Schränken Platz für Shinjis Sachen, nur die oberste Schub-lade des Schränkchens ließ sie unberührt, er sollte immer noch nicht
wissen, daß sie seine Handschuhe aufbewahrt hatte.
Nachdem er alles verstaut hatte - soviel besaß er nun doch nicht, seine Hemden und der Anzug, den Misato ihm geschenkt hat, hingen auf einer Kleiderstange, welche an die Wand montiert war,
der Rest hatte problemlos in die beiden Schubladen gepaßt, die Rei für ihn freigemacht hatte -, wagte er einen letzten Anlauf, das in seinen Augen bestehende moralische Dilemma mit dem
Bett zu lösen.
„Ich könnte eine Luftmatratze kaufen.“
„Warum?“
„Dann würde ich darauf schlafen und...“
„Es ist genug Platz.“ erklärte sie mit einer Stimme, die keinen Widerspruch duldete.
In der Folge ging er die wichtigsten Dinge auf seiner Liste einkaufen - Kochgeschirr, Putzzeug, Lebensmittel. Zur Bezahlung benutzte er die in seine ID-Card integrierte Geldkarte - und
na-türlich kaufte er auch einen frischen Strauß Blumen...
Als er zurückkam, vollbepackt mit Taschen, kam ihm ein Mann in einer Hausmeisteruniform entgegen, grüßte knapp und ging an ihm vorbei. Wie sich herausstellte, hatte er die
Warmwas-serversorgung und die Heizung gerichtet.
Inzwischen war es früher Nachmittag.
Rei erwartete ihn in der Küche, wo sie bereits wieder über den Büchern hockte.
Shinji räumte einen Teil des Tisches frei und packte seine Einkäufe aus, verstaute sie teilweise gleich in den Schränken. Noch immer erschien es ihm schwer faßbar, daß
sie sich die Wohnung fortan teilen würden.
Sie beobachtete ihn schweigend mit undeutbarer Miene.
„Rei... ahm... bist du dir immer noch sicher, daß du mich hier haben willst?“
„Völlig sicher.“
„Dann... uhm... ich habe eingekauft...“
„Das sehe ich, Shinji-kun.“
„Uhm... also... ich dachte, ich koche uns etwas... ah... ist da irgendetwas darunter, das du nicht magst oder nicht essen darfst?“
Sie nahm die eingekauften Lebensmittel in Augenschein.
Reis... Gemüse... Currysoße... Pilze...
„Nein.“
„Gut... uh... dann... wenn ich jetzt anfange, können wir in einer guten halben Stunde essen.“
Eine halbe Stunde... in der Kantine des Hauptquartiers erhielt sie ihre Rationen stets sofort, mußte nicht einmal anstehen, weil man ihr Platz machte... daß Kochen zeitaufwendig sein
konnte, hatte sie bereits erfahren, als sie mit Hikari Shinji-kuns Geburtstagskuchen gebacken hatte... in ihrer Küche wurde zum ersten Mal seit ihrem Einzug gekocht...
„Eine halbe Stunde - ist das nicht zuviel Aufwand?“
„Ahm... naja, es gab auch Fertiggerichte, aber... uhm... wenn etwas gut sein soll, dann... ahm... dann braucht es schon seine Zeit.“
„Ja. Ich verstehe.“
Wenn etwas gut sein soll... ob das auch für zwischenmenschliche Beziehungen galt?
Sie stand auf, ging in den Nebenraum und suchte ein paar Kleidungsstücke zum Wechseln her-aus.
„Ich werde in der Zeit duschen.“
Shinji nickte abwesend, sah dann zu ihr hinüber, sah noch, wie sie im Bad verschwand, nur mit ihrer Unterwäsche bekleidet.
Kurz darauf hörte er Wasserrauschen.
Das Bad war nicht groß, wenn man aus der Dusche stieg, mußte man aufpassen, weder über die Toilettenschüssel zu stolpern, noch versehentlich die Ablage über dem
winzigen Wasch-becken abzuräumen, wie Shinji aus eigener Erfahrung wußte. Durch das Schlüsselloch müßte man eigentlich in der Lage sein, jemanden, der unter der Dusch
stand, zu beobachten...
Wie erstarrt blickte Shinji auf die geschlossene schmale Tür, starrte auf das Schlüsselloch, durch welches Licht fiel. Ein kurzer Blick nur... nur ein Blick auf Rei... nein... sie
vertraute ihm. Wenn er soetwas tat, würde er ihr nicht mehr in die Augen sehen können!
Er schluckte trocken, riß sich von der Tür los und wandte sich wieder dem Herd zu.
Als Rei das Bad wieder verließ, war sie in einer Art Hochstimmung.
Zum ersten Mal seit über einem Jahr hatte sie wieder warmes Wasser zum Duschen gehabt, so daß es der reinste Genuß gewesen war und sie länger unter den Wasserstrahlen
verweilt hatte, als eigentlich für die Reinigung notwendig gewesen wäre. Sicher, auch im Hauptquartier gab es warmes Wasser, doch in den eigenen vier Wänden war es etwa
gänzlich anderes. Und schon dadurch, daß Shinji-kun dafür gesorgt hatte, war ihre Übereinkunft mehr als lohnend.
Er stand immer noch am Herd und bereitete die Mahlzeit vor, in der Küche roch es appetitan-regend nach Essen, daß ihr das Wasser im Munde zusammenlief, eine Reaktion, welche da
Kantinenessen bisher nur im Ausnahmefall hervorgerufen hatte.
Shinji hörte, daß Rei das Bad verlassen hatte, und drehte unwillkürlich den Kopf.
Ihr Anblick ließ ihn alles um ihn herum vergessen, wie sie da an der Tür stand in frischer Un-terwäsche, die alte unter dem Arm, das Haar noch naß, die Haut noch leicht
glänzend vor Feuchtigkeit.
Sie bemerkte seinen Blick, las die Bewunderung in seinen Augen, sah, wie er geistesabwesend mit einem Kochlöffel umrührende Bewegungen in der Luft machte.
„Shinji-kun, das Essen...“
„Wie? Uh... ah... uh... ja...“
Errötend wandte er sich ab, während sie in den Nebenraum überwechselte, um sich fertig anzu-kleiden.
„Ich... uh... ich bin gleich fertig.“
*** NGE ***
Während sie aßen, versicherte Shinji sich immer wieder, daß es ihr auch schmeckte, äußerte selbst ab und an Kritik an seinen Kochkünsten.
„Shinji-kun, die Mahlzeit schmeckt vorzüglich. Es gibt keinen Grund, daß du dein Können in Frage stellst.“
„W-Wirklich? Ich dachte nur, daß ich noch etwas hätte nachwürzen können und...“
„Das, was du gekocht hast, übertrifft das Kantinenessen, an welches ich gewöhnt bin, bei wei-tem.“
„Dann... uh... dann bin zufrieden... Trotzdem werde ich... ahm... beim nächsten Mal wird es noch besser werden. Darf ich... uh... möchtest du noch etwas?“
Sie schob ihren Teller zur Seite.
Shinji-kun hatte wirklich viel gekocht, das, was sich noch den Töpfen befand, reichte unter Ga-rantie für zwei weitere Mahlzeiten.
„Nein, danke. Es war eine sehr gute Mahlzeit.“
„Gut... ah, dann packe ich den Rest weg... in den Kühlschrank...“
„Ja. Die nächsten beide Tage werden wir kaum Gelegenheit haben, gemeinsam und in Ruhe zu essen.“
„Tests...“ murmelte er, gar nicht angetan von der Vorstellung.
Es freute ihn zu hören, daß Rei geschmeckt hatte, was er gekocht hatte. Doch die nächste Ge-legenheit, für sie zu kochen, würde sich erst wieder in drei Tagen ergeben,
wenn sie beide kei-ne Tests hatten...
*** NGE ***
Am späten Nachmittag, nachdem sie gemeinsam den Abwasch erledigt hatten, machte Shinji sich daran, das neue Türschloß, welches er ebenfalls besorgt hatte, einzubauen. Leider war
es nicht so einfach, wie auf der schematischen Anleitung dargestellt; selbst Rei wirkte etwas rat-los, blieb aber bei ihm hocken und sah ihm bei der Arbeit zu.
Für sie war es seltsam anregend zu beobachten, wie Shinji-kun mit den Einzelteilen des Schlos-ses hantierte, wie vorsichtig er vorging, wie geschickt seine Finger waren... immer wieder
frag-te sie sich, wie es sich wohl anfühlen mochte, wenn er sie berühren würde...
„Ich glaube so... Verdammt...“
Shinji ließ die Schultern hängen.
Der Einbau hatte geklappt, der Schlüssel drehte sich im Schloß und alles schien zu funktionie-ren - nur hatte er die Türklinke falsch herum wiedereingebaut, so daß sie sich
nicht mehr nach unten drücken ließ, sondern nach oben gezogen werden mußte.
Nach kurzem Zögern legte Rei ihm die Hand auf die Schulter.
Ob sie nun die Türklinge nach oben oder nach unten bewegen mußte, was machte das schon aus?
„Ich finde, du hast es gut gemacht. Deswegen lohnt es sich nicht, alles wieder auseinanderzu-nehmen.“
Er seufzte.
„Es sollte perfekt sein.“
„Nichts ist perfekt... keiner von uns.“
Auch sie nicht... denn wenn sie perfekt gewesen wäre, hätte ihre Hand wohl kaum länger als nötig auf seiner Schulter geruht...
Shinji blickte in ihre scharlachroten Augen, glaubte darin zu versinken.
Langsam bewegte er den Kopf auf sie zu... und ebenso langsam kam sie ihm entgegen, nä-herten sich ihre Lippen einander an...
Es klopfte.
Erschrocken fuhren die beiden auseinander.
In der noch immer offenstehenden Tür stand Ryoji Kaji, der an den Türrahmen geklopft hatte, und grinste breit. Wenn er nicht Katsuragi versprochen hätte, nach den beiden zu
schauen, hät-te er sie nicht gestört, schließlich wußte er selbst, wie es in diesem Alter war. Er selbst war nur ein wenig älter als sie gewesen, als der Second Impact
stattgefunden hatte, doch bereits davor hatte er seine ersten Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht gemacht. Und die beiden sahen auch wirklich süß aus, wie Katsuragi-chan e
vermutlich formuliert hätte.
„Hallo, ihr beiden!“
„Uh... Kaji-san...“
Shinji sprang auf, stieß dabei mit dem Fuß gegen den Haufen aus Werkzeug und Teilen des al-ten Türschlosses, den er auf dem Boden errichtet hatte.
Rei hingegen richtete sich langsam und elegant auf.
„Major Kaji.“
„Darf ich eintreten?“
„Uhm...“
Shinji sah Rei an, schließlich war es immer noch ihre Wohnung.
„Ja.“
„Danke.“
Kaji trat über die Schwelle und bückte sich, um Shinji beim Einsammeln behilflich zu sein.
„Katsuragi schickt mich.“
„Mi-Misato...“
„Yupp. Sie hat wohl einen mächtigen Kater, hat mich deshalb gebeten, mal vorbeizuschauen.“
„Oh, das... uhm...“
„Ach, sie kommt schon klar, mach dir da mal keine Sorgen, Shinji, ist nicht das erste Mal, daß sie mehr getrunken hat. So, aber zu euch...“
Er reichte Shinji eine paar Schrauben und einen Schraubenzieher, zog dann ein Tuch aus der Hosentasche und wischte sich die Hände ab.
„Dein Gesicht sieht ja übel aus, schätze, das war Asuka.“
„Ja, Kaji-san.“
„Hm... Ja, sie hat diese Erst-Zuschlagen-Und-Dann-Fragen-Philosophie verinnerlicht... das mag ja gegen die Engel ganz nützlich sein, aber sonst... Gut, äh, eigentlich wollte ich
nur schauen, wie ihr klarkommt.“
„Alles ist in Ordnung, Major. Es gibt keinen Grund zur Beschwerde.“
„Ja? Schön...“
Die Hände in den Hosentaschen wanderte Kaji durch das Apartment.
„Wenn ihr etwas brauchen solltet, zögert nicht, mir Bescheid zu sagen... ich leite es dann an den Quartiermeister weiter.“
„Ahm, sehr... sehr freundlich von Ihnen.“
Kaji zuckte mit den Schultern.
Noch freundlicher wäre es seiner Ansicht nach gewesen, den beiden ein Flugticket ans andere Ende der Welt zu kaufen und sie persönlich in den Flieger zu setzen, anstatt sie weiterhin
als EVA-Piloten ihr Leben aufs Spiel setzen zu lassen...
„Ach, egal. Ich wollte euch noch sagen, daß ihr euch sehr gut gegen den letzten Engel geschla-gen habt.“
„Uh, danke.“
Shinji strahlte.
„Und, hm, Rei, ich muß mal kurz mit Shinji allein sprechen. - Komm mal mit auf den Flur.“
„Ja. Major.“
„Uhm, ich komme.“
Kaji zog die Tür hinter ihnen zu.
„Shinji, die Entwicklung der ganzen Sache hat mich auch etwas überrollt... wenn Katsuragi das ganze mit mir besprochen hätte, hätte ich ihr abgeraten, Asuka bei sich
aufzunehmen. Aber we-nigstens hast du einen Ort gefunden, wo du unterschlüpfen kannst. Wenn du jedoch zurück-willst, könnte ich Asuka kräftig ins Gewissen reden - ich glaube,
auf mich hört sie ein wenig."“
„Das, uhm, ist nicht nötig, Kaji-san. Rei und ich... uhm... ich glaube, wir kommen ganz gut miteinander aus.“
„Das hoffe ich. Manchmal erkennt man die ganzen Macken und Schwächen einer Person erst, wenn man sie näher kennenlernt... und manchmal gefällt einem das Gesicht, das man dann
sieht, gar nicht mehr...“
„Sie kennt meine Fehler... jedenfalls die meisten.“
„Das meinte ich doch gar nicht. Aber... hm... auch Rei könnte nicht so perfekt sein, wie du vielleicht denkst.“
„Nein, nein... sie... ich weiß, daß sie nicht perfekt ist, niemand ist das.“
„´Bist ein kluger Junge, Shinji. Aber euer... hm... Arrangement könnte dem Kommandanten gänzlich mißfallen.“
„Vater...“
Kaji erschrak über den Ausdruck von Haß, der kurz auf Shinjis Gesicht erschien.
„Ja, genau. Für ihn ist Rei sein ganz eigenes Projekt... die perfekte EVA-Pilotin... er hat sich immer gegen die Massenproduktion von EVAs ausgesprochen, wenn es nach ihm gegangen
wäre, hätte es nur den Prototypen und den Testtypen gegeben. Mit Hilfe des Prototypen wären die ganzen Macken und Fehler des Systems ausgemerzt worden und EVA-01 wäre ohne all
das dann konstruiert worden. Aber das Komitee hinter NERV wollte sicher gehen und ließ weitere Piloten rekrutieren und trainieren... sonst würde Rei Einheit-01 steuern... und als Gendo
Ikaris Mündel würde ihr Ruhm ein strahlendes Licht auf ihn werfen... aber das ist nur meine Deutung des ganzen.“
„Ahm, ja, Kaji-san.“
„Gut... Ich werde Katsuragi sagen, daß bei euch alles in Ordnung ist; werde in den nächsten Tagen ab und an mal vorbeikommen, wenn ich in der Gegend bin.“
Shinji nickte, obwohl ihm der Gedanke, daß der ältere Mann wahrscheinlich immer in ähnlichen Momenten hereinplatzen würde, mißfiel.
„Wie ich sagte, deinem Vater dürfte diese Konstellation mißfallen. Eigentlich gibt es eine Or-der, dernach er über jede Veränderung in Reis Verhalten unterrichtet
werden will... hat aber schon mein Vorgänger etwas lascher ausgelegt... ich glaube, ich habe sie überhaupt noch nicht gesehen... und wenn ich weiter darüber nachdenke, weiß
ich nicht einmal, ob es sie wirklich gibt, habe eigentlich wichtigeres zu tun, als irgendwelchen Gerüchten nachzugehen... wir ver-stehen uns, oder?“
Kaji zwinkerte.
„Ja, Kaji-san.“
„Ich werde das hier allerdings nicht ewig decken können. ´Keine Ahnung, wann der Komman-dant wohl wieder nach Tokio-3 zurückkehrt, aber zumindest solange wird er nicht
davon er-fahren, versprochen.“
„Kaji-san... warum... uhm... warum tun Sie das?“
„Tja, Junge, ein wenig erinnerst du mich an mich selbst. Und außerdem - wer weiß, wann ich dich vielleicht mal um einen Gefallen bitten muß, dann ist es doch besser, wenn
du in meiner Schuld stehst, oder?“
Sein breites Grinsen raubte seinen Worten den Ernst.
„Uhm...“
„Ganz meine Rede. Eins noch... mir ist aufgefallen, daß da drin... nun, wie soll ich es sagen... daß ihr nur ein Bett habt...“
Shinji wurde rot.
Kaji nickte, soetwas hatte er sich schon gedacht.
„Katsuragi hat schon gesagt, daß sie euch ermahnt hat, keine Dummheiten zu machen. ´Schätze, daß das etwas schwerfallen dürfte. Mal sehen, ich müßte
doch...“
Er begann in den Hosentaschen zu kramen, drückte Shinji schließlich zwei Tütchen in die Hand.
„Das soll keine Aufforderung sein, wirklich nicht. Aber ich war auch mal jung... hm, eigentlich fühle ich mich immer noch so... und weiß deshalb, wie das ist. Aber sicher ist
sicher, nicht ver-gessen, Shinji.“
Shinji starrte auf die beiden kleinen Tüten in seiner Hand.
Das waren definitiv keine Luftballons...
„Ah... ahm... danke, Kaji-san... aber ich werde... ich meine...“
„Aber wenn doch...“
Kaji zwinkerte wieder.
„Und vergiß eines nie - was ihr auch tut, ihr müßt beide damit einverstanden sein.“
„Ja... uhm... ja... das... das denke ich auch... uh...“
„Gut, ich muß dann weiter. Und nicht vergessen, ja?“
Shinji nickte hastig.
Kaji drehte sich um und ging leise pfeifend den Flur hinunter.
Shinji schluckte, stopfte die Tütchen mit den Kondomen in die Tasche, wollte nicht damit ge-sehen werden, schon gar nicht von Rei, die darauf vielleicht falsche Schlüsse gezogen
hätte.
Dann stellte er fest, daß er den Türschlüssel drinnen hatte stecken lassen.
„Rei?“ rief er laut und klopfte.
Einen Moment dauerte es, bis sie die Tür öffnete und ihn einließ.
Über die Türschwelle zu treten vermittelte ihm den Eindruck, nach Hause zu kommen, dabei war es trotzdem anders, als wenn er Misatos Apartment betreten hätte, oder das Haus seiner
Pflegeeltern, denn nur hier hielt sie sich auf...
*** NGE ***
Am Abend zögerte Shinji das Zubettgehen immer wieder hinaus, zuerst bereitete er noch einen Happen zu essen, dann wollte er noch schnell ein paar Aufgaben erledigen...
„Ohne ausreichenden Schlaf wirst du morgen unkonzentriert sein.“ stellte Rei fest. Während er noch über den Büchern gesessen hatte, hatte sie sich bereit
umgezogen.
„Ich... ah... ich dusche noch schnell.“
Sie nahm es mit einem Nicken zur Kenntnis und ging schon einmal zu Bett.
Als Shinji nach einer längeren kalten Dusche schließlich auf Zehenspitzen in den Schlafraum kam und bereits überlegte, ob er nicht besser wieder auf dem Boden schlafen sollte -
schließlich funktionierte die Heizung jetzt und erzeugte eine mollige Wärme -, setzte sie sich auf.
„Kommst du?“ fragte sie leise.
Das übliche „Uhm“ blieb in seiner Kehle stecken, als er sich neben sie legte und ihr den Rücken zudrehte, um die Versuchung so gering wie möglich zu halten.
Doch am nächsten Morgen, als sie erwachten, blickten sie einander wieder ins Gesicht.
So ging es gute zwei Wochen lang; wenn beide kein Synchron-Training hatten, kochte Shinji eine Riesenmahlzeit, deren Reste für die jeweils nächsten beiden Tage aufbewahrt worden. Die
knappe Freizeit verbrachten sie mit Lernen für die näherrückenden Tests, wobei sie sich selbst immer wieder dabei erwischten, den jeweils anderen bereits einen längeren
Zeitraum über still angeblickt zu haben, doch beide wahrten einen gewissen Abstand zueinander, selbst nachts, wenn der eine oder die andere mitten in der Nacht aufwachte und feststellte,
daß sie einander eigentlich näher waren, als unter solchen Umständen empfehlenswert, überschritten sie die Grenze nicht, welche zwischen enger Freundschaft und der
nächsten Stufe bestand.
In der Schule sonnte Asuka sich so lange wie möglich in ihrem Ruhm und grinste ansonsten stets zu Shinji hinüber, dem es mit der Zeit leichter fiel, sie zu ignorieren. An den Tagen, an
denen Rei zum Synchron-Training eingeteilt war, traf Shinji sich mit Kensuke und Toji, diese hatten in den letzten Tagen mit dem Verkauf von Fotos Asukas an ihre zahlreichen Verehrer ein kleine
Vermögen gemacht.
Bis zu den Prüfungen war es nur noch eine Woche und entsprechend panisch verhielten sich alle, selbst Toji hockte nun über seinen Büchern, allerdings tat er dies in einem kleinen
Park, wo er sich mit Hikari traf. Wieviel Zeit da also wirklich zum Lernen aufgewandt wurde, konnte weder Shinji noch Kensuke sagen. Letzterer machte immer öfter ein mißmutiges Gesicht
und murmelte vor sich hin, er hätte auch gerne eine Freundin. Shinji schlug sich den plötzlichen Einfall, Kensuke doch mit Asuka zu verkuppeln, im Interesse seines Freundes schnell
wieder aus dem Kopf.
Misato Katsuragi war am nächsten Tag auch wieder halbwegs nüchtern gewesen und hatte ihm in verschwörerischen Tonfall erklärt, sie würde ihn und Rei ebenfalls decken,
soweit es ihr möglich war, ermahnte ihn im selben Atemzug aber noch ebenfalls wieder, keine Dummheiten zu machen, vor allem nicht mit Rei. Als er sich nach Asuka erkundigte, nahm ihr Gesicht
kurz einen gehetzten Ausdruck an, ehe sie erklärte, sie würden sich schon zusammenraufen.
Gendo Ikari war immer noch nicht zurückgekommen von seiner Reise, stattdessen führte der Subkommandant Kozo Fuyutsuki weiterhin das Kommando im Hauptquartier. In dieser Zeit schienen
alle viel entspannter und weitaus weniger gestreßt, auch erkundigte Fuyutsuki sich öf-ters nach dem Befinden der Piloten und lud Shinji sogar einmal zum Essen in die Kantine ein, wo er
mit ihm ein Gespräch über die Schule und andere Alltagsthemen führte.
Ritsuko Akagi verkündete mit ungewohnter Freude, daß sich die Synchronwerte des First und Third Children kontinuierlich verbesserten, sie ging sogar soweit, im Testcenter ein schwarze
Brett anbauen zu lassen, auf dem sie jeden Tag die aktuellen Werte bekanntgab, nach einer Woche hatten Reis Werte sich denen Shinjis stark angenähert, welcher sich selbst nur langsam
verbesserte und sich im Schneckentempo der 65er-Marke näherte. Unerreichbar allerdings schien immer noch Asukas Synchronratio von 84,7.
Das LCL hatte inzwischen einen Beigeschmack nach Äpfeln, Gerüchten zufolge, deren Quelle Maya Ibuki war, experimentierte Doktor Akagi allerdings mit weiteren Geschmacksrichtungen.
EVA-00 war mittlerweile wieder voll einsatzfähig, dasselbe galt für die anderen beiden Einhei-ten. Eigentlich fehlte nur ein Gegner, an dem das Potential der drei EVANGELION
auspro-biert werden konnte.
Ryoji Kaji sah in diesen zwei Wochen dreimal bei Shinji und Rei vorbei und ließ sich jedesmal von Shinji schwören, daß immer noch alles in Ordnung war, auch Misato kam einmal zu
Be-such und brachte ein paar Leckereien mit, die sie an einem nahen Kiosk erstanden hatte, Stirnrunzeln verursachte nur die Tatsache, daß die beiden sich ein Bett teilten, was weitere
in-quisitorische Fragen zur Folge hatte.
In der letzten Nacht - bis zu den Prüfungen waren es noch genau sechs Tage - wurde Rei ge-weckt, weil Shinji in seiner Hälfte des Bettes unruhig schlief. Dazu bewegten sich seine Lippen
im Schlaf.
Sie brachte ihr Ohr näher an seine Lippen heran.
Er summte eine Melodie, dieselbe Melodie, zu der sie gegen den Zwillingsengel gekämpft hat-ten. Wahrscheinlich träumte er. Wie es wohl war zu träumen? Rei selbst hatte noch nie
ge-träumt, jedenfalls konnte sie sich nicht wirklich daran erinnern, ihr Schlaf war in der Regel tief und traumlos, nur manchmal erinnerte sie sich am nächsten Morgen an
unzusammenhängende Bilder, welche zumeist mit dem Amoklauf von EVA-00 zusammenhingen.
Und so unruhig wie Shinji war, hatte er keinen angenehmen Traum.
Dann flüsterte er leise abgehackte Worte.
„Rei... Rei, nein... Rei...“
Sie zuckte leicht zusammen, als er ihren Namen flüsterte.
Er träumte also von ihr... aber warum war er dann so unruhig?
„Nicht... geh nicht... Rei...“
Wovon träumte er?
„Rei... ich will dich nicht verlieren...“
Sie stieß hörbar die angehaltene Luft aus.
Vielleicht erlebte er in seinem Traum den letzten Einsatz noch einmal nach... nur schien sich seine Phantasie nicht an die Realität zu halten...
„Rei...“
Das letzte Flüstern glich mehr einem erstickten Schluchzen.
Nein, das war wirklich kein angenehmer Traum... doch was konnte sie tun? Shinji-kun schien zu leiden... und sie hatte geschworen, derartiges künftig zu vereiteln...
Also zog sie ihn an sich und schloß sie ihn in ihre Arme...
Schon bald beruhigte er sich und schlief den Rest der Nacht friedlich weiter.
Am folgenden Morgen stellte Shinji mit Beklommenheit fest, daß er nicht nur in Reis Armen aufgewacht war, sondern daß sein Kopf auch noch auf ihrer Brust ruhte. Sie hatten doch nicht
etwa... nein, daran konnte er sich nicht erinnern... das hätte er sicher nicht vergessen...
„Bist du wach, Shinji-kun?“
„Ja... Was...“
„Du hattest einen... Alptraum.“
„Uhm, das... das tut mir leid.“
Sie ließ ihn los, woraufhin er sich sogleich ein Stück von ihr fortschob.
„Das... ahm... ich wollte dir nicht...“
„Es war meine Entscheidung.“
Und sie konnte nicht verleugnen, daß es angenehm gewesen war, ihn in ihren Armen zu halten.
Sie setzte sich auf.
„Ist es dir unangenehm?“
„Ich... nein, aber... ich will dir nicht... ich will nichts tun, womit du nicht einverstanden bist...“
Rei lächelte.
„Das könntest du nicht.“
Dieses Gespräch hatten sie doch schon einmal geführt.
„Dann...“
„Wovon hast du geträumt?“
Shinji setzte sich ebenfalls auf.
„Uhm... ich habe geträumt... der Zwillingsengel wäre wieder da... nur...“
Er schluckte. Daß die beiden Hälften ausgesehen hatten wie sein Vater, verschwieg er besser.
„Nur hat der Plan nicht geklappt... und... sie haben uns besiegt... und...“
Wieder schluckte er, spürte, wie seine Augen feucht wurden.
Seine Stimme versagte.
Er hatte geträumt, daß Reis EVA zerstört worden war, daß sie den Kampf nicht überlebt hatte...
„Es war kein schöner Traum“, flüsterte er schließlich.
„Ja.“ antwortete sie und zog ihn wieder in ihre Arme. Willig ließ er es geschehen, erwiderte schließlich die Geste.
Als wäre sein Traum ein Omen gewesen, wurden sie keine halbe Stunde später beide per Han-dy benachrichtigt und zu einer Einsatzbesprechung ins Hauptquartier gerufen.
7. Zwischenspiel:
An der Westküste Nordamerikas, nördlich der Ruinen von Los Angeles, befand sich die US-amerikanische Zweigstelle von NERV, hier wurde zur Zeit Einheit-04 nach den Maßgaben der
Massenproduktion konstruiert. Im Gegensatz zum ersten Modell der Serie, EVA-02, sollte die Einheit jedoch mit einem sogenannten S2-Organ ausgestattet werden, einer Energiequelle nach dem Vorbild
der Herzen der Engel, welche imstande war, den EVA über längere Zeit hinweg einsatzfähig und unabhängig von äußerer Energieversorgung zu halten. Das Organ war au
Zellen gezüchtet worden, die aus dem Herzen des Leichnams des zweiten in Tokio-3 besiegten Engels entnommen worden waren. Da die Zellstruktur der Engel und der EVA praktisch iden-tisch war,
konnte das S2-Organ in den EVA integriert werden, ohne daß es zu einer Abstos-sung kam.
Als Pilot der Einheit sollte Kaworu Nagisa fungieren, das Fifth Children. Nagisa war Vollwai-se, geboren am Tag des Second Impact, sein Vater war am Tag seiner Geburt gestorben, seine Mutter
aufgrund mangelhafter medizinischer Versorgung ein paar Tage später. Seine ersten fünf Lebensjahre hatte er in einem Waisenhaus verbracht, da ihn niemand aufgrund seines selt-samen
Äußeren hatte aufnehmen wollen: Kaworu war ein Albino, seine Haut war schneeweiß, sein Haar etwas dunkler, eher schieferfarbengrau, seine Augen blutrot. Als er fünf Jahre
alt war, war vom MARDUK-Institut seine Befähigung, einen EVA steuern zu können, erkannt worden, woraufhin NERV ihn aus dem Waisenhaus geholt und fortan auf seine Aufgabe vorbe-reitet
hatte.
Noch wenige Tage und es war soweit, dann würden die ersten Aktivierungstest von EVA-04 mit dem S2-Organ beginnen...
Kaworu stand gerade vor dem Spiegel im Badezimmer seines Quartiers und war bemüht, sein widerspenstiges Haar zu bändigen, als ihm etwas auffiel - sein Spiegelbild machte ganz andere
Bewegungen!
Mit weit aufgerissenen Augen starrte er in den Spiegel.
Sein Spiegelbild lächelte ihn an.
„Wa-Wa-Wa...“ stammelte Nagisa und ließ den Kamm fallen.
„Keine Angst.“ flüsterte sein Spiegelbild - und kletterte aus dem Spiegel!
Kaworu warf sich herum und wollte den Raum verlassen, doch seine Beine bewegten sich wir-kungslos in der Luft, er schwebte eine Handbreit über dem Boden, kam keinen Millimeter vo-ran.
Er schrie, brüllte um Hilfe, gab lautstark Alarm.
„Das ist zwecklos, Lilim.“
Sein Spiegelbild... sein Doppelgänger stand jetzt direkt neben ihm, sein Körper schien aus fei-nem Nebel zu bestehen, den Eindruck hatte Kaworu jedenfalls, ging der andere doch
problem-los durch Hindernisse wie beispielsweise die Toilettenschüssel.
„Wer bist du?“
Kaworus Herz hämmerte vor Furcht.
„Mein Name lautet Tabris. Ich benötige deine Hilfe, Lilim.“
„Wie... warum...“
„Es wird nicht wehtun... ich leihe mir nur deinen Körper aus.“
„Nein... nein... das... das geht nicht... das erlaube ich nicht...“
„Es muß sein, zum Wohle meiner und deiner Art...“
Und sein Spiegelbild trat auf ihn zu und in ihn hinein...
Im nächsten Moment verlor Kaworu den Boden unter den Füße und stürzte hin, oder besser, verschwand das unsichtbare AT-Feld, das ihn bisher in der Luft gehalten hatte. Er
stand auf, richtete seine Kleidung, sah noch einmal in den Spiegel.
Das Gesicht, welches er sah, machte einen panischen Eindruck, preßte sich mit aller Kraft ge-gen das Gas.
„Es ist nicht von Dauer, Lilim... sofern ich meine Mission erfüllen kann...“ versuchte er, den eigentlichen Besitzer dieses Körpers zu trösten, dessen Platz er
eingenommen hatte...