Die nächsten sechs Tage vergingen wie im Fluge, waren erfüllt von Streß, der aus Synchron-training und Lernen für die Abschlußprüfungen bestand.
Im Laufe der Woche war es wärmer geworden, die Temperaturen stiegen derart, daß es tags-über in der Wohnung kaum noch auszuhalten war und Rei und Shinji zum Lernen nach draus-sen
in eine verwilderte Grünanlage einige Blöcke weiter ginge Ach ja, dies ist die
FSK 16 - Version !n, wo sie im Schatten eines gro-sen Baumes über den Büchern im Gras saßen.
Und schließlich waren es nur noch wenige Stunden...
Shinji wartete seit dem Mittag auf Rei, eigentlich war heute ihr gemeinsamer freier Tag und in ihrer Gesellschaft ging ihm das Lernen viel leichter von der Hand. Insgeheim allerdings rauchte ihm
der Kopf und er fragte sich, wie er den ganzen Stoff behalten sollte, die Tatsache, daß in den Pausen sogar Toji wie ein Geist durch die Schule lief und völlig abwesend Vokabeln,
For-meln und Definitionen vor sich hin murmelte, war auch nicht geeignet, ihn aufzuheitern.
Draußen wurde es inzwischen dunkel, so daß in den nächsten Stunden bis Mitternacht wenig-stens auch die Temperaturen auf ein halbwegs angenehmes Maß fallen würden,
welches erlau-ben würde, ein wenig Schlaf zu finden.
Die beiden Fenster der Wohnung standen weit offen, allerdings hatte Shinji am Tag nach ihrer Rückkehr aus den Bergen feinmaschiges Mückengitter in den Rahmen befestigt, um
geflügelte Blutsauger und dergleichen draußenzuhalten.
Wenn er es richtig bedachte, war es eigentlich kaum zu glauben, daß er noch vor einem guten Monat in der Küche auf dem Boden geschlafen hatte und dabei fast erfroren wäre.
Wo Rei nur blieb...
Nach der Schule hatte sie einen Anruf aus dem Hauptquartier bekommen und sich sofort auf den Weg gemacht. Es könnte länger dauern, er solle schon ohne sie mit den letzten
Wiederho-lungen des Stoffes beginnen... das hatte er getan, bis es begonnen hatte zu dämmern, dann war er in die Wohnung zurückgekehrt und hatte Essen gekocht.
Die Mahlzeit war längst kalt...
Wo sie nur blieb...
Ohne Rei war das Apartment leer und kalt... egal, wie heiß es draußen war...
Shinji sah wieder einmal auf seine Armbanduhr, entschloß sich dann, vor dem Zubettgehen noch rasch zu duschen. Vielleicht kam sie ja in der Zwischenzeit heim...
Doch auch eine Viertelstunde später, als er das Bad verließ, war er die einzige Person in der Wohnung. Er legte sich auf das Bett und schloß die Augen...
*** NGE ***
Rei gab sich Mühe, ihr Apartment so leise wie möglich zu betreten.
Sie war müde, erschöpft und kaum in der Lage, einen klaren Gedanken zu fassen.
Doktor Akagi hatte sie nach der Schule ins Hauptquartier beordert, um das DummyPlug-Sy-stem mit ihren Erfahrungen auf den neuesten Stand zu bringen. Sie hatte den ganzen Tag in der mit LCL
gefüllten Röhre verbracht und sich bemüht, die Synchronverbindung mit dem Plug aufrechtzuerhalten. Eigentlich war alles komplikationslos verlaufen, bis der Kommandant im Labor
erschienen war... Doktor Akagi war wahrscheinlich genauso von Kommandant Ikaris Auftauchen überrascht gewesen, hatte dieser seine Rückkehr doch weder bekanntgegeben, noch
angekündigt.
Die Verbindung zwischen ihr und dem Plug war beinahe zusammengebrochen, als ihre Gedan-ken sich mit der Frage zu beschäftigen begannen, ob der Kommandant wußte, daß Shinji-kun
bei ihr wohnte, ob er bereits Schritte eingeleitet hatte, um sie zu trennen.
Der Doktor hatte ihn von ihrem Zustand abgelenkt, der Kommandant hatte sich zuerst verhal-ten, als wäre ihm Reis Gegenwart gar nicht bewußt, hatte fahrig und sehr in Eile gewirkt,
hatte dem Doktor gegenüber erklärt, ein Hubschrauber warte oben auf ihn.
Dann hatte er sich der Röhre zugewandt und Rei lange betrachtet... hatte sie angesehen wie ei-ne Sache... wie etwas, daß ihm gehörte... schien jeden Quadratzentimeter ihre
Körpers in Au-genschein zu nehmen... voller Gier...
Der Doktor hatte alle Hände voll zu tun gehabt, die Synchronverbindung aufrechtzuhalten, während Rei Panik und Angst verspürt hatte... Angst vor dem Kommandanten... Angst vor der
Gier in seinen Augen...
Noch vor kurzer Zeit hatte sie dem Kommandanten bedingungslos vertraut, hätte sich auf seine Anweisung hin in eine Messerklinge gestürzt... noch nun nicht mehr... sie war nicht mehr
be-reit, für den Kommandanten zu sterben...
Und zugleich hatte ihre Existenz einen wichtigen Halt verloren. Jetzt hatte sie nur noch Shinji-kun...
Sie schloß die Wohnungstür hinter sich, stolperte durch den Vorraum, wollte Shinji-kun nicht wecken, er brauchte seinen Schlaf, um morgen am ersten von drei Prüfungstagen fit zu
sein.
Doch Shinji-kun schlief nicht, im Gegenteil, sie konnte im Licht des zunehmenden Mondes se-hen, wie er sich aufsetzte.
„Rei, bist du das?“
„Ja, Shinji-kun.“
Er seufzte.
Endlich war sie zurück...
„Wie... uhm... wie ist es gelaufen?“
„Es...“
Sie setzte sich aufs Bett.
„Shinji-kun, ich...“
Sie suchte nach Worten.
Nein... sie konnte es ihm nicht sagen, er würde Fragen stellen. Und diese Fragen würden zu weiteren Fragen führen... und dann würde sie entweder lügen, schweigen oder ihm
alles erzäh-len müssen. Und sie wußte nicht, wie er auf die Wahrheit reagieren würde... sie wollte ihn nicht verlieren...
Ihr war kalt, eiskalt...
„Ich gehe duschen. Du solltest schlafen, du mußt morgen konzentriert sein.“
„Uh... und du nicht?“
Sie stand auf und ging ins Bad, riß sich die Kleidung vom Leib, drehte das heiße Wasser auf, versuchte, sich die Erinnerung an den begehrlichen Blick des Kommandanten von der Haut zu
waschen.
Warum hatte er sie so angesehen... warum hatte ihr Schöpfer sie so anblicken können?
Er hatte sie schon früher so angeblickt, doch sie hatte es nicht bemerkt... hatte es nicht bemer-ken wollen, es nicht bemerken können, weil sie in ihrem blinden Vertrauen dazu nicht
imstande gewesen war...
Sie stellte das Wasser ab, verspürte den Drang, sich einfach fallen zu lassen, einfach in der Du-sche zusammenzusinken...
Mechanisch trocknete sie sich ab, stieg in ihre Unterwäsche, verließ das Bad.
Shinji-kun war immer noch wach, schien auf sie zu warten.
„Warum schläfst du noch nicht?“
„Ich... uhm... ich kann nicht schlafen.“
Nicht, solange der Platz neben ihm leer war...
Er machte ihr Platz.
Rei legte sich neben ihm, drehte sich nach wenigen Herzschlägen auf die Seite und sah ihn an.
Sie fühlte sich so schwach, ohne jeden Antrieb, hatte den Eindruck, nur noch zu fallen.
„Rei... was ist denn?“ flüsterte Shinji.
Ihr Gesicht hatte einen solchen verzweifelten, hilfesuchenden Ausdruck im fahlen Mondschein.
Langsam und zögernd streckte er den Arm aus, legte die Hand auf ihre Schulter.
„Uh... Rei?“
Sie rückte näher an ihn heran auf der Suche nach einem Halt.
„Shinji-kun, würdest du... würdest du mich heute nacht festhalten?“
„Festhalten...“ wiederholte er, schien dann erst zu verstehen, was sie von ihm wollte, nahm sie fest in den Arm, hielt sie, als wollte er sie nie wieder loslassen.
Rei preßte ihr Gesicht gegen seine Schulter, wollte nur noch schlafen und vergessen.
*** NGE ***
Sie stand in Kommandant Ikaris gewaltigem Büro.
Mit Erschrecken stellte sie fest, daß sie unbekleidet war, bedeckte hastig ihre Blößen, wußte, daß es ihr nicht egal war, wer sie so sah, wußte, daß sie
so nicht vom Kommandanten gesehen werden wollte.
Plötzlich war der Kommandant da, hatten sich die Wände in Spiegel verwandelt, die hundert-fach sein Abbild reflektierten. Wohin sie sich auch wandte, sie blickte stets in da
ausdrucks-lose Gesicht des Kommandanten, sah sich selbst in seinen reflektierenden dunklen Gläsern. Und sie sah für einen Augenblick das Aufflackern von Gier und Begehren, sah einen
Aus-druck in seinen Augen, der nur eines auszudrücken schien: Du gehörst mir...
„Wer bist du?“ dröhnte es von allen Seiten her.
„Rei Rei Ayanami“
„Was ist deine Aufgabe?“
„EVA zu steuern Die Engel zu bekämpfen“
Ob ihre Antwort ihn zufriedenstellte, konnte sie seinem Gesicht nicht entnehmen, sah nur sich selbst in seinen Brillengläsern.
Sie begann zu zittern.
Er sollte sie nicht so ansehen...
Hatte sie nicht immer alles getan, was er von ihr verlangt hatte?
War sie nicht sogar bereits für ihn gestorben?
Warum starrte er sie so an?
Warum erniedrigte er sie derart?
Sein Blick war überall...
Ihre Knie zitterten immer stärker, gaben nach, sie sackte zu Boden, rollte sich zu einem Ball zusammen...
„Rei...“
Sie blickte auf.
Die Spiegel zersprangen, einer nach dem anderen.
Und mit ihnen zersprangen die Abbilder des Kommandanten, blieben nur leere Rahmen zu-rück, dunkle Rechtecke in den Wänden... dunkel bis auf eines, dunkel bis auf einen Licht-schimmer,
der aus einem plötzlich freigelegten Gang fiel.
„Rei...“
Die Stimme... das war Shinji-kun...
Eine Berührung... an ihrer Schulter... doch da war keine Hand...
„Rei, wach auf...“
*** NGE ***
Endlich schlug Rei die Augen auf.
Normalerweise war sie es, die zuerst erwachte, doch ausgerechnet am ersten Tag der anstehen-den Prüfungen war sie nicht wie gewohnt mit dem Sonnenaufgang erwacht, sondern hatte im-mer noch
in Shinjis Armen geschlafen. Die ganze Nacht über hatte sie fest geschlafen, bis sie in den Morgenstunden unruhig geworden war.
Shinji hatte sie nicht wecken wollen, hatte versucht, sie zu beruhigen, indem er nach langem Zögern vorsichtig mit den Fingerspitzen ihre Wange gestreichelt hatte, doch schließlich
hatte er sich darauf verlegt, leise in ihr Ohr zu flüstern.
Rei blickte in Shinji-kuns Gesicht, verspürte den Drang, einfach wieder die Augen zu schließen und noch ein wenig in seinen Armen zu verharren. Shinji-kun gab ihr ein Gefühl von
Sicherheit, das sie seit ihrer Zeit im Klontank nicht mehr verspürt hatte, als sie noch kein Bewußtsein ge-habt hatte, das sogar jenes Gefühl von Geborgenheit überstieg,
welches sie verspürt hatte, als er sie nach dem Kampf auf dem Fugotoyama im Arm gehalten hatte.
Allerdings...
„Shinji-kun, wie spät ist es?“
„Ahm... wenn wir uns etwas beeilen, können wir noch schnell frühstücken.“
„So spät...“
Einen Moment lang wollte sie vorschlagen, die Prüfungen einfach zu vergessen, doch das wür-de bedeuten, daß Shinji-kun und sie die Klasse wiederholen mußten, daß der
Kommandant möglicherweise enttäuscht sein würde... warum kümmerte sie sich noch darum? Aber der Kommandant konnte befehlen, daß Shinji-kun sie verlassen mußte...
solange er mit ihr zufrie-den war, gab es vielleicht eine Chance...
Ohne es zu wissen, nahm Shinji Rei die Entscheidung ab, indem er sie aus seinen Armen entließ und aufstand, um in der Küche Frühstück zu machen.
Sie blieb noch einen Moment sitzen, bis auch der Schatten seiner direkten Nähe verschwunden war.
*** NGE ***
Während an der Oberfläche die EVA-Piloten bereits mit ihren Prüfungen beschäftigt waren, sah Doktor Ritsuko Akagi sich in der Geofront mit ganz anderen Problemen
konfrontiert.
Es hing nicht mit Gendo Ikaris Rückkehr zusammen, der NERV-Oberbefehlshaber hatte das Hauptquartier bereits am gestrigen Abend wieder mit unbekanntem Ziel verlassen, war eigent-lich nur
gekommen, um etwas zu holen, das sich in jenem Koffer befunden hatte, den Ryoji Kaji ihm nach seiner Ankunft in Japan übergeben hatte. Ikari hatte weder Zeit noch Lust ge-habt, sich
näher mit Akagi zu beschäftigen, worüber diese recht froh gewesen war, so groß die Abwechslung von ihrer Arbeit auch war, es blieb bei ihr stets ein bitterer Nachgeschmack
zu-rück, wenn Gendo sie wieder verließ... dabei unterhielten sie ihre Affäre bereits seit Jahren, fast schon so lange, wie sie für NERV arbeitete. Und niemand ahnte es auch
nur...
Nein, Akagis Probleme waren gänzlich anderer Art.
Die drei MAGI-Computer, welche zusammen den Kern der NERV-Rechneranlage bildeten und welche auch die meisten Vorgänge in der Stadt kontrollierten, begonnen bei den Ampelan-lagen und endend
bei den Verteidigungssystemen, reagierten äußerst merkwürdig.
Daten wurden von einer Einheit zur anderen und wieder zurückkopiert, teilweise wurde von den Rechnern aus die Verbindung zu verschiedenen Subsystemen einfach unterbrochen.
Ritsuko ließ derzeit mehrere Diagnose-Programme von ihrem Terminal aus laufen, um die Ur-sache des Fehlers zu finden, auf den dieses seltsame Verhalten zurückging.
„Das letzte Mal hatten wir soetwas, als wir versuchten, das Betriebssystem windowskompati-bel zu machen...“ murmelte sie und trank einen Schluck Kaffee aus ihrer Tasse.
„Und was habt ihr damals gemacht?“ fragte Misato, die neben ihr stand.
„Ich mußte MELCHIOR komplett neu formatieren.“
„Also, wenn ich mir diesen Zeichensalat auf deinem Bildschirm so ansehe, würde ich sagen, daß es mal wieder dafür Zeit ist.“
„Aber dieses Mal ist das ganze System betroffen - alle drei Rechner. Und wir haben kein voll-ständiges Backup.“
„Nicht?“
„Aus Gründen der Sicherheit; bisher dachte ich, es genügt, wenn die jeweils anderen beiden MAGI-Rechner als Sicherheitskopie fungieren. Aber wenn ich mir das so ansehe...
Verdammter Mist!“
Auf ihren Ausruf hin wandten die anderen Offiziere der Brückencrew sich ihr zu.
„Was denn?“
„Misato, das ist ein Virus! Die MAGI haben sich einen Virus eingefangen! Aber nicht mit mir... so!“
„Was hast du gemacht?“
„Alle Virenscanner gestartet, die ich habe. Das...“
Der Monitor begann zu flackern, in rasender Eile wurden Daten angezeigt.
„Das darf doch nicht wahr sein...“
Misato sah zu Fuyutsuki hinüber.
„Sir, wir haben ein Problem... ein sehr großes Problem...“
Da ging auch schon der Alarm los.
Die MAGI hatten die Anwesenheit eines blauen Musters festgestellt.
Im Hauptquartier...
Im Kommandoraum...
In der MAGI-Einheit CASPAR...
Der NERV-Zentralrechner war vom Feind infiltriert worden...
*** NGE ***
Akagis Finger tanzten über die Tastatur, gaben ein schier endlose Kette an Befehlen ein, star-teten Programme zur Virenbekämpfung, riefen andere auf, schrieben sie um.
Der Hauptmonitor verkündete derweil den Status der MAGI und informierte über das Fort-schreiten der Übernahme.
Demnach war CASPAR bereits übernommen und griff der Virus nun auch auf die MAGI-Ein-heit BALTHASAR über.
Ritsuko konzentrierte sich ganz auf den dritten Rechner, bemühte sich, MELCHIOR mit für den Engel in Gestalt eines Computervirus´ undurchdringlichen Wällen auszustatten.
„Doktor Akagi“, zischte Fuyutsuki. „CASPAR hat soeben Anweisung zur Selbstzerstörung der Basis gegeben!“
„Ja, ist mir bekannt“, antwortete Ritsuko ohne aufzusehen. „Aber dafür müssen die MAGI sich einig sein. Solange BALTHASAR sich wehrt, kann ich MELCHIORs Verteidigung
auf-bauen...“
„BATHASAR zu 50% übernommen!“ rief Shigeru Aoba. „51%! BALTHASAR unterstürzt jetzt den Befehl zur Selbstzerstörung.“
Akagi stand ruckartig auf.
„Ich muß Direktkontakt mit MELCHIOR herstellen.“
Sie eilte zu den Rechnern, wies Aoba an, einen Teil der Verkleidung der einen MAGI-Einheit zu entfernen.
Dahinter befand sich ein Hohlraum, in dem ein erwachsener Mensch in gebückter Haltung si-tzen konnte - allerdings nur, sofern ihn die Umgebung nicht störte, denn an den Wänden und
unter der Decke des Hohlraumes befand sich eine pulsierende graue organische Masse.
„Du willst doch da nicht wirklich rein“, flüsterte Misato, als Ritsuko mit ihrem Laptop in der Hand Anstalten machte, sich durch die Öffnung zu schieben.
„Misato, das da ist MELCHIOR. Über das PROPHET-Interface erhalte ich direkten Zugang. - Aoba, leuchten Sie mir!“
Der Mann tat wie geheißen und leuchtete den Hohlraum mit seiner Taschenlampe aus.
„Da hängen Zettel...“
Tatsächlich befanden sich über die Oberfläche der synthetischen, mit Elektroden gespickten Gehirnmasse verteilt quadratische Notizzettel, die mit langen Kunststoffnadeln
ähnlich aufge-spießten Insekten befestigt waren.
„Das sind Mutters Notizen“, murmelte Ritsuko, ließ sich die Taschenlampe geben und kroch in die MAGI-Einheit hinein, überflog die Notizen in der hintersten Ecke und
stöpselte ihren Lap-top ein.
„Jeder der drei MAGI wurde von meiner Mutter mit einem ihrer Charakterzüge versehen... Frau, Mutter und Wissenschaftlerin... BALTHASAR verkörpert ihren Mutterinstinkt... deshalb
kämpft er immer noch, anstatt einfach aufzugeben... MELCHIOR hingegen ist der Wissen-schaftler, mit seiner Hilfe sollte ich am besten gegen den Engel vorgehen können...“
„CASPAR ist nicht zu 100% unter der Kontrolle des Gegners.“
„Natürlich nicht... meine Mutter war stur...“
Wieder flogen ihre Finger über die Tastatur.
„BALTHASAR zu 65% übernommen!“
„Ich habe das Muster...“ murmelte Akagi. „Analysiere die Struktur...“
Wieder las sie die Notizen auf diversen Zetteln.
„Wir haben immer noch die Möglichkeit, die MAGI zu zerstören... Mutter hatte Vorkehrungen getroffen...“
„Ich lasse den Stützpunkt und die Geofront evakuieren.“ raunte Kozo Fuyutsuki Misato zu.
„BALTHASAR zu 77% unter der Kontrolle des Engels!“ rief Aoba.
An Akagis Terminal saß mittlerweile Maya Ibuki und gab selbst Kommandos ein.
„Der Engel verliert an Boden! BALTHASAR nur noch zu 73% infiziert!“
„Mach weiter, Maya! Ich bereite von MELCHIOR aus den Gegenangriff auf CASPAR vor!“ rief Ritsuko.
„Was tun Sie, Doktor?“
„Ich nehme die MAGI gerade vom Netz. Der Engel darf keine Rückzugsmöglichkeit haben, wenn ich ihn aus CASPAR vertreiben kann - außer jener, die ich ihm biete.“
„Eine Falle... genial...“
Fuyutsuki nickte.
Jetzt mußte es nur noch gelingen...
„BALTHASAR noch zu 61% infiziert.“
„Er sitzt in CASPAR und breitet sich von dort aus weiter aus... aber seine Wurzeln sind in CASPAR...“
„Sir, Selbstzerstörungssequenz wurde gestartet! - Fünf Minuten!“ schrie Makoto Hyuga.
„Was?“ schrie Fuyutsuki.
„Er hat die Protokolle umgangen... der Engel lernt schnell...“
„Ich dachte, alle drei MAGI müßten mit der Vernichtung einverstanden sein...“ flüsterte Misa-to, deren Gesicht eine wächserne Blässe angenommen hatte.
Nur gut, daß die Kinder nicht im Hauptquartier waren, sondern in der Schule, wo sie von den ganzen Problemen wahrscheinlich nicht einmal etwas ahnten.
„Genau das nimmt die Selbstzerstörungsautomatik auch an... er hat die Signale verfälscht...“
„Dann halt ihn auf!“
„Den Countdown können nur alle drei Rechner stoppen.“
„Toll... Also kann ich nicht einfach die befallene Einheit sprengen?!“
„Nein, das wäre unser Ende...“
„Dann mach ´was, Ritsuko!“
„Bin ich doch schon ´bei... Maya, wie sieht es bei dir aus?“
„Ich habe ihn gleich aus BALTHASAR vertrieben, Sempai!“
„Danach unterbrichst du alle Verbindungen zwischen BALTHASAR und CASPAR, verstan-den?!“
„Sempai, ein Angriff von zwei Seiten...“
„Unterbrich die Verbindung. Schließe stattdessen einen Laptop an CASPARs D4-port an.“
„Ich... verstanden, Sempai. BALTHASAR noch zu 42% befallen. 39%... 31%...“
„Selbstzerstörung in drei Minuten!“
Ritsuko hielt kurz inne.
„Das müßte funktionieren...“
„Müßte?“ echote Misato.
„Ein Gegenvirus. Ich prügle diesen Engel aus dem System. - Maya?“
„Gleich... 11%... 7%...“
„Laptop angeschlossen und online“, vermeldete Aoba.
„Bereithalten, ihn auf mein Kommando abzukoppeln.“
„Bereit, Doktor.“
„Gut...“
„Sempai, BALTHASAR ist frei... und vom Netz...“
„Noch neunzig Sekunden, Beeilung!“ rief Fuyutsuki.
„Start...“ flüsterte Ritsuko und drückte die Enter-Taste, startete das selbstgeschriebene Virus-programm, überließ den Rest MELCHIOR, welcher unter Ausnutzung
seiner ganzen Kapazitä-ten in CASPAR vordrang.
„Reaktion bei CASPAR. Grad der Infiltration geht zurück. CASPAR selbst wehrt sich!“
„Mutter...“ murmelte Ritsuko und lächelte versonnen. „Gib´s ihm!“
Weiterhin gab sie Befehle ein, sicherte MELCHIOR gegen einen Gegenangriff des Engels, deckte dem Computer den Rücken.
„CASPAR zu 74% infiziert.“ - „Noch eine Minute!“ - „50%!“ - „Vierzig Sekunden!“
Akagi startete ein weiteres Programm, diesesmal einen normalen Virenscanner, der sich um mögliche Reste des Engels kümmern und hinter der von MELCHIOR aufgemachten Front für
Ordnung sorgen sollte.
„35%.“ - „Zwanzig Sekunden!“
„Ritsuko...“ setzte Misato an. „Ich wollte dir nur sagen...“
„Jetzt nicht!“
„CASPAR ist frei!“
„Aoba!“ brüllte Akagi.
„Laptop abgetrennt!“ kam die Antwort.
„Sofort sichern!“
„Countdown angehalten bei zwei Sekunden...“ flüsterte Hyuga.
„Das war knapp...“
Fuyutsuki fuhr sich mit dem Uniformärmel über die Stirn.
„Ich hatte noch eine Sekunde“, murmelte Ritsuko. „Danach wäre es knapp geworden...“
Misato schüttelte den Kopf.
„Mensch, Ritsuko...“
Akagi kletterte aus der MAGI-Einheit, streckte sich, sah Misato müde an.
„Also, um ehrlich zu sein, jeden Tag möchte ich das nicht machen müssen... was wolltest du mir eben sagen?“
„Nichts, Ritsuko, nichts von Bedeutung.“
„Ja, gut...“
Sie ging zu Aoba hinüber, welcher den Laptop wie ein rohes Ei in den Händen hielt.
„Doktor, ist der Engel da drin?“
„Alles, was von ihm entkommen konnte, ja. Das war der einzige Ausweg...“
Funken schlugen plötzlich aus den Lüftungsschlitzen an der Seite des Gehäuses.
„Aoba, wegwerfen!“ rief Misato.
Das ließ der Offizier sich nicht zweimal sagen, weit schleuderte er den Computer von sich. Noch in der Luft verwandelte sich das Gerät in einen Feuerball.
Ibuki und Hyuga waren rasch mit Feuerlöschern zur Stelle.
„Selbstvernichtung“, sagte Ritsuko leise. „Als er bemerkte, daß er in der Falle saß, hat er sich lieber selbst getötet...“
Misato inspizierte die Überreste des Laptops.
„Und wie ist er in den MAGI gekommen?“
„Über die normalen Wege, schätze ich. Die MAGI sind gegen jeden bekannten und die meisten denkbaren Computerviren geschützt... und sie sind fähig, sich selbst zu
verteidigen, wie wir bei BALTHASAR gesehen haben. Allerdings ist die Aktion nicht ohne Folgen geblieben, die Kur war fast so schädlich wie die Krankheit selbst.“
„Heißt das, die MAGI sind hinüber?!“
„Nein, aber ich muß jeden der drei Rechner genau untersuchen; wenn ich mit MELCHIOR anfange, kann ich auf die Systemressourcen zurückgreifen... hm... das wird ein wenig
dauern...“
„Aber du mußt doch nicht gleich anfangen, oder? Ich könnte jetzt in der Kantine ein Bier ver-tragen...“
„Misato, wir sind im Dienst.“
„Gehen Sie ruhig.“ erklärte Fuyutsuki. „Der Schreck dürfte jedem hier in den Gliedern stek-ken.“
„Na also, Ritsuko, wir haben grünes Licht!“
„Ich bleibe hier und nehme lieber gleich die Arbeit auf, umso eher sind die MAGI wieder ein-satzbereit. - Subkommandant, ich werde den Rechnerverbund heute abend ´runterfahren, die
Redundanzsysteme sollten imstande sein, für etwa zwei Tage die Aufgaben der MAGI zu über-nehmen.“
„Einverstanden, Doktor, ich lasse weitergeben, daß in den nächsten zwei Tagen mit Engpässen zu rechnen ist.“
„Hey, habe ich etwas verpaßt?“
Kaji betrat die Zentrale.
„Eben hieß es noch, das Hauptquartier würde evakuiert.“
„Ich bin in einer Stunde zurück“, erklärte Misato. „Nein, Kaji, nichts besonderes - Ritsuko hat die MAGI im Go geschlagen und sie wollten sich dafür revanchieren,
indem sie das Hauptquar-tier sprengten, aber jetzt ist alles klar.“
Ritsuko Akagi gab ein dumpfes ´Hrrmpf´ von sich, während Katsuragi Kaji am Arm packte und mit sich zog.
*** NGE ***
„Also, Katsuragi-chan, was ist wirklich losgewesen?“ fragte Kaji auf dem Weg in die Kantine.
„Ein Engel.“
„Was? Hier im Hauptquartier?“
„Im MAGI-System.“
„Ach du heilige...“ Kaji schüttelte den Kopf. „Das darf doch nicht wahr sein. Bisher waren die Engel doch alle solche Brecher... und jetzt dringt einer in unsere Computer
ein?!“
„Genau. Aber Ritsuko hat ihn erledigt - sonst würden wir uns jetzt schon die Radieschen von unten ansehen.“
„Verstehe.“
Er zog ein Notizbuch aus der Hosentasche.
„Hier, sieh dir das an.“
Sie schlug das Buch auf, blickte auf eine Liste von Adressen, bei der jede einzelne durchgestri-chen war.
„Was ist das?“
„Eine Liste der Einrichtungen des MARDUK-Institutes.“
„MARDUK - die wählen doch die Piloten aus.“
„Genau. Ich habe alle eingetragenen Niederlassungen in und um Wilhelmshaven, Tokio-3 und Matsushiro untersucht. Jedes der Gebäude stand leer, von den angeblichen Laboratorien bis zu
den Lagerhallen und den Personalunterkünften. Und zwar nicht leer im Sinne von gerade ver-lassen oder aufgegeben, Katsuragi, ich hatte Staubschichten gesehen, die darauf hindeuten, daß
die Einrichtungen noch nie benutzt worden sind. Das MARDUK-Institut scheint überhaupt nicht zu existieren, es ist mir nicht einmal gelungen, auch nur einen Mitarbeiter zu finden, dabei
beschäftigt MARDUK angeblich mehrere hundert Personen - Menschen, die es gar nicht zu ge-ben scheint. Und die UN bezahlt Löhne, Mieten, laufende Kosten, finanziert
Forschungsprojek-te... also, für mich stinkt das schon nach einer Tarnung für Schwarze Konten. Ich frage mich nur, wo das Geld wirklich landet.“
„Nicht bei NERV, sonst müßte ich mich wohl nicht ständig mit den Finanzen und den Kosten für die Reparaturen an den EVAs und den Gebäuden der Stadt
beschäftigen.“
„Das dachte ich mir schon. Und die zweite und wohl auch wichtigere Frage lautet, wer wählt dann die Piloten aus und wie? Wie wird bestimmt, wer zum EVA-Piloten geeignet ist? Unsere
drei mal in allen Ehren, aber es gibt wirklich geeignetere Personen für eine solche Aufgabe, Be-rufssoldaten mit trainierten Reflexen und dem nötigen Killerinstinkt, warum also
müssen es Kinder sein?“
„Sowohl Shinji, als auch Asuka und Rei wurden nach dem Second Impact geboren, und zwar wenigstens neun Monate danach, vielleicht hängt es damit zusammen.“
„Möglich. Wenn ich nur einen Weg finden könnte, um das TerminalDogma zu betreten, viel-leicht befinden sich dort die Antworten.“
„Ich habe Zweifel, daß Ikari im Keller seine handschriftlichen Notizen aufbewahrt.“
„Nein, aber wenn er irgendwelche sprichwörtlichen Leichen im Keller hat...“
„Ritsuko will heute abend die MAGI ´runterfahren, vielleicht wäre das die Gelegenheit.“
„Ikari wird sich nicht nur auf die MAGI verlassen, um seine Geheimnisse zu sichern, nein, ins Dogma kommt man nur, wenn man allen System weismachen kann, daß man legitimiert ist. Ich
müßte eine Direktleitung zu den MAGI haben, wenn Akagi sie wieder startet.“
„Du willst dir eine Hintertür einrichten...“
„Hey, verrat mich nicht.“ grinste Kaji.
„Du gehst immer noch auf volles Risiko.“
„Ich habe sonst nicht viel... außer, du willst mich davon abhalten...“
„Fang nicht damit an, zwischen uns ist es vorbei.“
„Ich weiß, war ja meine Schuld, daß es in die Brüche ging... bist du Ritsuko deswegen immer noch böse?“
„Daß sie mit dir geschlafen hat? - Nein, darüber bin ich hinweg. Und über dich ebenfalls.“
„Gut... Also, hilfst du mir?“
„Ich werde sehen, was ich tun kann. Aber du mußt mich mitnehmen.“
Er zögerte lange, ehe er nickte.
*** NGE ***
Zwei schriftliche Prüfungen und dann noch die Sportprüfungen am späten Nachmittag hatten Spuren bei Shinji hinterlassen. Er wollte nur noch schlafen. Morgen würden nochmal
zwei Tests anstehen und übermorgen schließlich ein weiterer. Und eine Woche später würden sie die Ergebnisse erfahren.
Shinji konnte sich nicht mehr genau erinnern, was er im einzelnen geschrieben hatte, eigentlich waren ihm nicht einmal mehr die genauen Aufgabenstellungen geläufig. Dafür glaubte er, in
seinem Körper Muskeln zu spüren, von deren Existenz er am Morgen noch nicht einmal etwas geahnt hatte. Aber immerhin, ein Gutes hatte der ganze Streß gehabt - er war in der Lage
ge-wesen, die finsteren Blicke, welche Asuka ihm zuwarf, zu ignorieren. Das Auge der Rothaari-gen war immer noch dick angeschwollen und sie war in den letzten Tagen mehrmals nahe da-ran gewesen,
Mitschüler, die darüber gelacht hatten, krankenhausreif zu schlagen, jedoch hatte sie sich zurückgehalten, so daß es nur zwei weitere blauen Augen und eine aufgeplatzte Lippe
gegeben hatte.
Shinji fand erst wieder in die Realität zurück, als er die Hand nach dem Griff der Badezimmer-tür ausstreckte und feststellte, daß Rei dasselbe getan hatte, so daß
seine Hand auf der ihren auf der Klinke lag.
Natürlich wollte sie ebenfalls duschen...
Er ließ los, trat einen halben Schritt zurück, mehr war nicht möglich, ohne über das Mobiliar der Küche zu stolpern.
„Uhm, du zuerst.“
Rei senkte den Blick, errötete.
„Shinji-kun, wir können die Dusche auch beide gleichzeitig benutzen.“
„Uh... ahm... ich glaube... ahm... ich glaube nicht, daß... ahm... wir beide da Platz haben wer-den... und... uh...“
Sie nickte, verschwand im Bad, fragte sich, was möglicherweise passiert wäre, wenn Shinji-kun ihren Vorschlag akzeptiert hätte, fragte sich, warum sie ihm diesen Vorschlag
unterbreitet hat-te...
Shinji ließ sich auf einen Stuhl sinken, es dauerte eine Weile, bis er wieder normal atmen konn-te.
In dieser Nacht schlief sie wieder in seinen Armen, hatte sich ohne Worte an ihn gekuschelt, war anscheinend sofort eingeschlafen.
Er betrachtete lange ihr schlafendes Gesicht, ehe er sich schließlich dazu durchrang, ihr einen kurzen Gute-Nacht-Kuß auf die Stirn zu hauchen.
„Schlaf gut, Rei-chan“, flüsterte er und schloß die Augen.
Ebenso verlief es in der folgenden Nacht, so daß es Shinji langsam als selbstverständlich er-schien. Morgens fühlte er sich viel ausgeruhter als gewöhnlich, wunderte sich
eigentlich insge-heim nur über das Ausmaß seiner Selbstbeherrschung, vor allem als er erwachte und feststellte, daß einer der Träger von Reis BH von ihrer Schulter gerutscht
war und er eigentlich nur ein wenig hätte nachhelfen müssen, um ihre Brust freizulegen; stattdessen hatte er vorsichtig den Träger wieder nach oben geschoben. Er würde nicht
tun, mit dem sie nicht einverstanden war...
Als sie am dritten Prüfungstag auf dem Weg zur Schule befanden, stellten sie fest, daß die Straßenbahn nicht fuhr.
Während Rei ihre äußere Ruhe behielt, verfiel Shinji bereits in leichte Panik. Sicher würde man nicht mit dem letzten Test auf sie warten... und zu Fuß würden sie
zu lange brauchen, außer sie rannten die ganze Strecke.
Dann hatte er einen Einfall.
„Wir nehmen mein Fahrrad!“
Rei reagierte überrascht, ihrem Gesichtsausdruck war klar zu vernehmen, daß sie nicht ver-stand.
Hastig rannte Shinji zurück in die Wohnung, holte sein Rad.
„Rei, setz dich auf den Gepäckträger und halt dich an mir fest!“
„Was hast du vor, Shinji-kun?“
Er klang so entschlossen... das war irgendwie... aufregend...
„Ahm... Wir fahren zur Schule!“
Das zusätzliche Gewicht war ungewohnt, doch Shinji hatte in den letzten Wochen sich genug Routine mit dem Rad angeeignet, daß es kein Problem darstellte. Rei saß mit angezogenen
Bei-nen hinter ihm und hatte die Arme um seinen Leib geschlungen. Es fühlte sich gut an...
Mit einem Affenzahn schoß er durch die Straßen, nahm dabei zahlreiche Abkürzungen.
Ihnen fiel auf, daß die Ampelanlagen auf dem Weg allesamt ausgefallen waren und daß Strei-fenpolizisten den spärlichen Verkehr regelten.
Genau mit dem Läuten der Schulglocke erreichten sie das Schulgelände, kamen mit quiet-schenden Reifen zum Stehen.
Rei stieg ab, ein wenig wackelig in den Knien.
„Uhm, Rei, alles in Ordnung? Ich wollte nicht... ahm...“
Sie lächelte ihn an, ihre Frisur war völlig vom Fahrtwind zerzaust, verlieh ihr einen wilden Aus-druck.
„Nein, Shinji-kun, ich fühle mich bestens. Das sollten wir wiederholen.“
„Ahm...“
Er erwiderte ihr Lächeln.
„Dann... uhm.. wir sollten wohl...“
„Wir sollten keine weitere Zeit verlieren.“ sagte sie leise, strich sich durchs Haar und ging auf das Gebäude zu, während Shinji noch rasch sein Rad ankettete.
*** NGE ***
In der ganzen Schule gab es keinen Strom.
Besser noch, die Hälfte der Lehrer fehlte, darunter auch jener Lehrer der 2-A, welcher die Prü-fungen hätte beaufsichtigen sollen.
Zum ersten Mal begegnete Shinji an diesem Tag der Direktorin der Tokio-3-High, einer älteren grauhaarigen Dame, welche die schriftliche Prüfung absagte und sie stattdessen mündlich
über den Unterrichtsstoff befragte - Theorie des Kabuki-Theaters.
Rei glänzte mit präzisen Antworten, so daß die Direktorin sehr schnell zum nächsten Kandida-ten überging.
Shinji quälte sich mit zahllosen Äh´s und Uh´s durch seine Antworten, was einige seiner Mit-schüler mit Gekicher quittierten, stieß jedoch bei der Prüferin
auf Geduld und Wohlwollen.
Kensuke sprach weitschweifig und erging sich regelrecht in verschiedensten Auslegungen und Aussagen.
Toji ging das Thema von einer eher flapsigen Seite an, was ihm ein Stirnrunzeln der Direktorin einbrachte.
Hikari nannte Fakten und historische Entwicklungen.
Asuka schließlich brummte ein paar kurze knappe Antworten, denen zu entnehmen war, daß sie sich nicht sonderlich für diese Form des Theaters interessierte.
Die Prüferin machte bei jedem Kandidaten Notizen in ihr Heft, lehnte sich schließlich zurück.
„Meine Damen und Herren, wie ich sehe, haben Sie sich auf den Stoff vorbereitet. Ich will des-halb Gnade vor Recht ergehen lassen“, sie sah dabei Toji und Asuka scharf an, „und
erkläre, daß Sie alle die heutige Prüfung bestanden haben, die einen besser, die anderen nicht so gut. Doch angesichts der Lage, in welcher wir uns befinden, verstehe ich,
daß Sie nicht die Zeit und Gelegenheit hatten, sich so umfassend auf die Prüfungen vorzubereiten, wie es vielleicht erfor-derlich gewesen wäre. In einer Woche erhalten Sie Ihre
Zeugnisse, ich wünsche Ihnen allen Glück und Bestehen.“
Damit war die Prüfung beendet.
Shinji konnte es kaum fassen.
Vor allem war ihm definitiv nicht nach Aufstehen, nachdem er noch kurz zuvor so kräftig in die Pedalen getreten hatte, hatte er nun einen üblen Muskelkater in den Waden.
Kaum hatte die Direktorin den Raum verlassen, als die Schüler auch schon ausgelassen auf-sprangen und größtenteils hinausrannten, nur Shinji blieb aus bekannten Gründen
sitzen, grin-ste dafür über das ganze Gesicht.
„Ja, wir haben´s hinter uns!“
Toji schlug Shinji kräftig auf die Schulter.
„Na, Alter, wollen wir feiern gehen?“
„Toji, noch haben wir nicht die Ergebnisse“, warf Hikari ein, woraufhin er ihr locker den Arm um ihre Hüfte legte und sie zu sich heranzog.
„Aber immerhin diese Prüfung haben wir bestanden, hast es doch gehört.“
„Und wenn du vernünftig gelernt hättest, hättest du wahrscheinlich besser abgeschnitten, oder ist dir der Blick der Direktorin nicht aufgefallen?“
„Ach, Hauptsache bestanden, so kann bei mir daheim keiner meckern.“
Kensuke kicherte.
„Habt ihr gesehen, wie beeindruckt sie von meinem Vortrag war?!“
„Ja, Ken, woher hast du das alles gewußt?“
„Meine Mutter hat mich zum Lernen verdonnert.“
„Ach herrje...“
Shinji hörte nicht mehr richtig zu.
Rei war inzwischen aufgestanden und stand jetzt neben ihm.
„Shinji-kun, wollen wir aufbrechen? Wir sollten uns nach den Tests im Hauptquartier melden.“
Er nickte.
„Uhm, aber sicher haben wir noch etwas Zeit, oder?“
„Doktor Akagi ist davon ausgegangen, daß die Prüfungen bis zum Mittag andauern.“
„Dann haben wir noch eine knappe Stunde, oder?“
„Ja, Shinji-kun.“
„Gut... Rei...“ Er verfiel in einen flüsternden Tonfall. „Uhm... Ich... ah... kann nicht aufstehen.“
„Wieso, Shinji-kun?“
Er lächelte verlegen.
„Nur... uhm... ein Krampf im Bein.“
Und dann umfaßte er sie ähnlich, wie Toji es bei Hikari tat, nur zog er sie nach unten, so daß sie plötzlich auf seinem Schoß saß.
„Shinji-kun...“
„Ahm... entschuldige, das... ahm... ist einfach so... über mich...“
Sofort löste er die Hände von ihr.
Doch sie stand nicht auf, legte stattdessen die Arme um seinen Hals, schließlich mußte sie sich ja irgendwie Halt verschaffen, um nicht hinunterzufallen.
„Yo, Ikari, geh ran!“ rief Toji.
„Ahm...“
Shinji lief rot an. Die anderen hatte er ganz vergessen...
Rei blickte Toji finster an.
Hikari stieß ihm den Ellenbogen in die Rippen.
„Okay, okay...“ brummte Suzuhara. „Geht mich ja auch gar nichts an.“
„Wir... ahm... wir haben es tatsächlich hinter uns...“ flüsterte Shinji. Im Nachhinein erschien ihm ein guter Teil des Stresses, den sie sich gemacht hatten, unnötig,
waren die Prüfungsfragen doch um einiges leichter ausgefallen als erwartet.
Und dafür hielt er jetzt Rei-chan im Arm, die immer noch keine Anstalten machte, aufzustehen, sondern ihn nur auf undefinierbare Weise anblickte. Er sah ihr in die Augen, glaubte in ihnen zu
versinken. Scharlachrote Augen... geheimnisvoll... schön... anziehend...
„Hey, Erde an Shinji! Erde an Shinji!“ lachte Kensuke und riß Shinji zurück in die Gegenwart. „Ich möchte wirklich gern wissen, was ihr so den ganzen Tag... und
die ganze Nacht... in Aya-namis Apartment anstellt.“
Shinji biß sich auf die Lippe, hätte er doch nur nicht erwähnt, daß er bei Rei-chan untergekom-men war... Toji war ja inzwischen über derartige Gedankengänge
erhaben, dafür sorgte schon Hikari, doch Kensuke hatte jetzt dafür umso mehr Zeit, um gewagte Schlußfolgerungen zu zie-hen.
„Shinji-kun und ich wohnen zusammen.“ erklärte Rei. „Und was geschieht, geschieht.“
„Ui!“
„Uhm, Kensuke, es... ah... es ist nicht so, wie du... ahm... wie du denkst...“
Und trotzdem tat er nichts, um etwas daran zu ändern, daß Rei-chan auf seinem Schoß saß und die Arme um ihn gelegt hatte.
„Shinji-kun hat recht.“ bekräftigte Rei.
Noch war es nicht so... noch fühlte sie sich zu diesem Schritt nicht bereit...
Sie stand auf.
„Wir sollten aufbrechen. Wie geht es deinem Bein?“
Shinji nickte, massierte kurz seine Wade und stand dann ebenfalls auf.
*** NGE ***
In Tokio-3 lief nichts mehr.
Bahnen standen auf offener Strecke oder steckten in den Tunneln, der Verkehr war nach meh-reren Crashs zum Erliegen gekommen, die Angehörigen der städtischen Polizei bemühten sich
nach Kräften, für Ordnung zu sorgen. Und natürlich funktionierte auch der Aufzug in die Geo-front nicht. In der Bahnstation, von der aus sie normalerweise in die Geofront
hinabfuhren, brannte nur die Notbeleuchtung.
„Uhm, ein Stromausfall?“ äußerte Shinji seinen ersten Gedanken.
„Bei einem Stromausfall wären nach fünf Minuten die Reservesysteme angelaufen. Es muß et-was tiefergehendes sein.“ antwortete Rei.
„Misato sagte, daß Ritsuko die Computer abgestellt hat!“
Shinji und Rei drehten sich um, sahen sich Asuka gegenüber, die offenkundig auch nach unten hatte fahren wollen.
„Ein Versagen der MAGI könnte derartige Komplikationen zur Folge haben.“ bestätigte Rei.
Shinji sah Asuka nervös an.
Sicher wollte sie sich bei ihm für ihr blaues Auge rächen, dachte, daß er die Seife absichtlich nach ihr geworfen hatte... wenn Rei-chan nicht bei ihm gewesen wäre...
„Ah... und was jetzt?“
„Es gibt andere Wege in die Geofront.“
„Ja, Rei, uhm, aber die Bahnen fahren auch nicht... und der Cartrain dürfte ebenfalls...“
„Es gibt Treppen.“
„Treppen?“ schrie Asuka. „Bist du verrückt, First? Das sind doch garantiert eintausend Stock-werke! Und durch die halbe Geofront müssen wir dann auch noch! Da sind wir
ja Stunden un-terwegs!“
„Deine Einschätzungen sind korrekt, Soryu.“
„Gibt es keinen anderen Weg?“
„Nein.“
„Dann vergeßt mich!“
Asuka stürmte aus der Bahnstation.
„Uhm...“ setzte Shinji an.
Mit seinen schmerzenden Waden konnte er sich auch nicht wirklich vorstellen, unzählige Stu-fen hinabzusteigen.
„Dein Bein?“ fragte Rei knapp.
„Naja, ich... ähm...“
„Ich könnte dich tragen.“
Shinji schluckte.
Er war doch garantiert zu schwer für sie, wog sicher das anderthalbfache ihres Gewichtes. Und außerdem war er ein Mann, er konnte sich doch nicht von ihr tragen lassen, egal wie wenig
er seine Beine noch spürte.
„Nein.“ stieß er hervor. „Ich laufe selbst.“
„Wie du meinst.“
Sie öffnete eine halbversteckte Tür, hinter welcher sich ein enger Gang erstreckte.
Der Gang endete an einer weiteren Tür, die sich nur mittels eines Handrades öffnen ließ.
Und dahinter lag die von Rei angekündigte Treppe in völliger Dunkelheit, denn das Treppen-haus war unbeleuchtet und das schwache Licht der Notbeleuchtung reichte nur bis in den Gang
hinein.
Rei verschwand in der Dunkelheit, tastete sich an der Wand entlang, bis sie auf eine kleine Me-talltür stieß, hinter der sich ein Werkzeugschrank befand. Im nächsten Moment schon
hatte sie eine Taschenlampe eingeschaltet und reichte eine weitere an Shinji.
Die Treppe führte in eine schwarze Unendlichkeit...
*** NGE ***
Leise vor sich hinschimpfend verließ Asuka die Bahnstation, den Blick auf das Display ihres Handys gerichtet.
„Kein Netz... was heißt hier ´kein Netz´... wir sind doch nicht am Arsch der Welt, sondern mit-ten in Tokio-3... verdammtes Teil!“
Es war eigenartig still, aber das fiel ihr noch nicht auf, zu sehr war mit ihrem Ärger über das Handy, die anderen beiden Piloten und die Welt im Allgemeinen beschäftigt.
Shinji Ikari hatte ihr auf dem Asamayama das Leben gerettet. Sie schuldete ihm also einiges, auch wenn sie ihn nicht darum gebeten hatte. Doch der Ehrenkodex, den ihr Onkel ihr zu ver-mitteln
versucht hatte, war in einer solchen Beziehung sehr klar, andernfalls hätte sie ihm schon mit Heller und Pfennig das blaue Auge zurückgezahlt, das war sicher. Und daß sie ihm
selbst ein Veilchen verpaßt hatte, zählte nun wirklich nicht, immerhin hatte er im Bad nichts zu su-chen gehabt, während sie duschte!
Ein großer Schatten fiel auf sie.
Endlich hob sie den Blick - und erstarrte.
Ein mächtiger insektoider Leib, getragen von acht haarigen Beinen, marschierte direkt über ihr durch die Straßen der Stadt.
Eine Riesenspinne...
Das konnte nur ein Engel sein...
*** NGE ***
Shinji und Rei hatten gerade die ersten einhundert Stufen hinter sich gebracht und machten eine kurze Pause auf dem Treppenabsatz.
Eigentlich war die Situation verführerisch - nur sie beide, ganz allein, niemand der sie störte...
Reis Augen wirkten im Licht der Taschenlampe noch geheimnisvoller, noch anziehender.
„Rei-chan...“ flüsterte Shinji beklommen.
„Ja?“
„Uhm... ich...“
Wieder trafen sich ihre Blicke. Und ganz langsam verringerte sich die Distanz zwischen ihnen, bis jeder den Atem des anderen auf der Haut spüren konnte.
„Shinji-kun, wir...“
Was wollte sie sagen? Daß sie noch viele Treppenabsätze vor sich hatten? Daß die Situation nicht angemessen war? Daß man im Hauptquartier auf sie wartete?
Die Treppen würden auch später noch dort sein. Und im Hauptquartier hatte man wahrschein-lich anderes zu tun, als nach ihnen Ausschau zu halten...
Schon berührten sich ihre Lippen, strichen gegeneinander...
... als über ihnen Schritte laut wurden.
„Shinji! Wondergirl!“
Asuka...
Die beiden fuhren auseinander, senkten synchron den Blick, schwiegen jedoch. Vielleicht ging Asuka wieder, wenn sie nichts sagten.
„Seid ihr da unten? Ich sehe doch ein Licht!“
„Wir sind hier, Soryu.“ gab Rei schließlich auf.
„Wir müssen uns beeilen... die EVAs müssen bereitgemacht werden...“ keuchte Asuka.
„W-was ist denn los?“
Asuka sah ihn weit aufgerissenen Augen an.
„Du kannst wirklich blöd fragen, Shinji! Oben in der Stadt läuft ein Engel frei herum! Ein Rie-senbiest, sieht aus wie eine Spinne!“
„Dann müssen wir uns beeilen.“ erklärte Rei.
„Wow, schön, daß du mir zustimmst.“ murmelte Asuka sarkastisch. „Also, keine falsche Mü-digkeit vorgetäuscht!“
8. Zwischenspiel:
„Und Sie sind sich immer noch sicher, daß ich die Operation durchführen soll?“
Gendo Ikari blickte den Mann im weißen Chirurgenkittel durchdringend an.
„Natürlich, Doktor, sonst wäre ich nicht hier.“
„Und auch nur bei örtlicher Betäubung?“
„Ja. Fangen Sie endlich an!“
Ikari saß in einem bequemen Sessel, den linken Arm zur Seite ausgestreckt, die geöffnete Hand auf einem schmalen Tisch mit dünnen Bändern fixiert. Neben dem Tisch befand sich
ein Roll-tisch, auf dem chirurgische Instrumente lagen, sowie der Koffer, den er aus dem Hauptquartier geholt hatte.
Die andere Person war ein kleiner gedrungener Mann in mittleren Jahren mit schütterem Haar und Adlernase. Ikari kannte ihn schon eine ganze Weile, hatte ihn schon gekannt, als er noch den
Namen Rokubungi getragen hatte. Doktor Fuyuu Sekanden besaß schon lange keine ärztli-che Lizenz mehr, sie war ihm vor dem Second Impact wegen unmoralischer Experimente aber-kannt
worden, doch das änderte nichts an seiner Qualifikation. Der Arzt hatte Ikari schon frü-her geholfen, hatte ihn mehrmals nach Schlägereien wieder zusammengeflickt, hatte sogar
ein-mal eine Kugel aus seiner Schulter geholt. Früher war er hauptsächlich in der Forschung tätig gewesen, nach Verlust seiner Lizenz hatte er als Unterweltarzt gearbeitet. Und er
hatte Ikari nach dem Impact, in den Anfangsjahren von NERV, geholfen, die notwendigen Voraussetzun-gen zu schaffen, daß eines Tages Piloten für die EVANGELIONs rekrutiert werden
konnten, auch wenn von einhundert Testkandidaten nur einundzwanzig überlebt hatten, auch wenn von den einhundert schwangeren Frauen, denen Sekanden das Medikament zur DNA-Veränderung
der Ungeborenen verabreicht hatte, über 90% an den Nebenwirkungen gestorben waren. Aber die Erfolgsquote hatte Ikaris Erwartungen sogar übertroffen.
„Gut, ich beginne.“
Der Arzt positionierte ein Laserskalpell über dem Operationstisch.
Der Einschnitt mit dem Skalpell war nicht mehr als ein heißes Kitzeln.
Vorsichtig schnitt Sekanden Ikaris Handfläche auf, klappte dann einen dreieckigen Hautlappen zur Seite.
„Noch kann ich abbrechen; wenn ich dieses Ding erst einmal eingepflanzt habe, werden Sie Ih-re Hand nur noch eingeschränkt benutzen können.“
„Machen Sie weiter!“ knurrte Ikari.
Was kümmerte es ihn, ob er als Rechtshänder seine linke Hand nicht mehr richtig würde ver-wenden können, wenn der Preis, den es zu erringen galt, die Macht eines Gottes war?
Hatten nicht auch die Götter der Mythologie Opfer gebracht, um ihre Macht zu vergrößern, hatte nicht der nordische Gott Odin sich selbst ein Auge ausgerissen, um aus dem Brunnen
der Weisheit zu trinken?
Sekanden seufzte leise, wandte sich dem Koffer zu, klappte den Deckel auf, entnahm den In-halt, einen handspannenlangen Zylinder, dessen Inhalt sich in einem tiefgefrorenen Zustand be-fand. Er
öffnete den Zylinder. Feiner Nebel stieg zischend auf.
„Richtig so?“
„Ja.“
Mit einer Zange holte der Arzt den Inhalt des Zylinders heraus.
„Das... sieht aus wie ein Fötus... nicht menschlich, würde ich sagen...“
„Pflanzen Sie ihn endlich ein!“
„Ich habe soetwas noch nie...“
Sekanden schluckte und plazierte das Objekt in der von ihm geschaffenen Wunde.
Ikari spürte eisige Kälte in seinem Arm aufsteigen. Und dann glühendes Feuer, als das, was von ADAM nach dem Impact übriggeblieben war, sich mit ihm verband, als die Macht de
schlafenden Engels durch seine Adern zu pulsieren begann.
„Stimmt etwas nicht?“ fragte Sekanden, als er Ikaris angespannten Gesichtsausdruck bemerkte.
„Nein, alles ist bestens.“
„G-Gut. Eigenartig... das fremde Gewebe verbindet sich mit dem Ihren...“
„Reden Sie nicht soviel, nähen Sie die Wunde wieder zu!“
Wieder trat der Laser in Aktion, doch diesesmal, um die Ränder des wieder zurückgeklappten Hautlappens mit den Wundrändern zu verschweißen.
„Erstaunlich...“ murmelte der Arzt nach Abschluß der Operation. „Wirklich erstaunlich...“
Ikari drehte sich, besah sich seine Hand näher.
Noch immer hatte er kein Gefühl in den Fingern, auch nach Abklingen der Betäubung würde er nie wieder etwas in der Hand spüren. Der Schnitt war nicht mehr zu sehen,
ebensowenig wie Spuren des Lasers. ADAMs Regenerationskräfte wirkten bereits...
„Rokubungi, könnten Sie mir das erklären?“ fragte Sekanden immer noch kopfschüttelnd.
„Ich könnte...“ murmelte Ikari und entfernte die Bänder, die seine Hand an den Tisch gefesselt hatten. „Aber Sie würden es nicht verstehen.“
Und damit zog er seine Pistole. Der eingebaute Schalldämpfer vereitelte jede größere Ge-räuschentfaltung, die Kugel stanzte ein Loch in Sekandens Kittel und sein Herz. Ohne
einen weiteren Laut kippte der Arzt nach hinten.
Ein lästiger Mitwisser weniger...