Shinji blinzelte.
Es war bereits hell, die Sonne stand schon hoch am Himmel.
Die Schule...
Er würde zu spät kommen...
Warum hatte Rei ihn nicht geweckt...
Rei...
Er spürte ein Gewicht auf seinem rechten Oberarm, erkannt im nächsten Moment, daß er einen warmen Körper im Arm hielt...
Langsam drehte er den Kopf zur Seite, blickte direkt in Reis Gesic Ach ja, dies ist die
FSK 16 - Version !ht, sah direkt in ihre roten Augen.
„Uh... hallo...“
„Guten Morgen, Shinji-kun.“
„Wie... wie spät ist es? Die Schule...“
„Major Katsuragi kümmert sich darum, sie war der Ansicht, daß wir uns wirklich einen freien Tag verdient haben.“
„Ähm, ja...“
Wie lange mochte sie ihn bereits beobachtet haben...
Sein Magen knurrte.
„Uhm...“ setzte er verlegen an.
„Du benötigst Nahrung.“ stellte Rei sachlich fest.
„Ich... ahm... ja, schätze schon.“
Sie erhob sich; als er Anstalten machte, ihr zu folgen, drückte sie ihn an den Schultern mit sanfter Gewalt wieder zurück.
„Du bleibst liegen.“
„Ahm...“
Rei ging in die Küche, griff sich im Vorbeigehen ihre Bluse vom Vortag, die immer noch über der Stuhllehne hing und zog sie sich über.
Shinji streckte sich erst einmal.
Er konnte seine Beine immer noch spüren, die Aktionen des letzten Tages steckten ihm immer noch in den Knochen.
Wenn er nicht derart in die Pedalen getreten wäre... wenn er nicht vor Rei-chan mit seinen Radfahrkünsten hätte angeben wollen... dann wären sie zwar zur letzten Prüfung
zu spät ge-kommen, aber immerhin wäre er in der Lage gewesen, die Treppen viel besser zu bewältigen... und Rei-chan hätte ihn nicht tragen müssen... Gott, war da
peinlich gewesen, als er aufge-wacht war und erkannt hatte, daß sie ihn huckepack trug... aber stark war sie schon...
Er setzte sich auf, stellte fest, daß er nur seine Unterhose trug, konnte sich gar nicht daran er-innern, seine Sache am gestrigen Abend noch ausgezogen zu haben. Auf der anderen Seite
konnte er sich an einige Dinge nicht mehr erinnern, so war der Abstieg in die Geofront nur eine Aneinanderreihung von verschwommenen Bildern und wurde die Erinnerung an den Kampf ge-gen den Engel
von dem großen Feuerball überlagert, in den die Riesenspinne sich verwandelt hatte.
Mit beiden Händen massierte er seine immer noch schmerzenden Waden.
Sein Rad stand immer noch an der Schule... aber da würde es wohl nicht wegkommen... er konnte es im Laufe des Tages holen...
Rei kam zurück, trug ein Tablett, auf dem sich Toastscheiben, Saft und verschiedener Brot-belag befand, hauptsächlich verschiedene Marmeladen in kleinen Schälchen.
„Rutsch zur Seite“, bat sie leise, setzte sich dann im Schneidersitz auf das Bett und stellte das Tablett zwischen ihn und sich.
Shinji lächelte, vergaß fürs erste seine Waden und sein Fahrrad.
Frühstück im Bett, auf was für Ideen Rei-chan doch kam...
„Fehlt etwas?“ fragte sie.
„Nein... nein, das... uh, das sieht perfekt aus.“
Genau wie sie...
Sein Blick wanderte von dem Tablett zu ihr weiter, über ihre, im Vergleich zu seinen, kleinen Füße, ihre langen hellen Beine... blieb an dem weißen Stoff ihres Höschen
hängen, der zwi-schen ihren Schenkeln hindurchschimmerte...
Rasch riß er sich von dem Anblick los, schluckte schwer.
Er hatte sie doch in den letzten Wochen oft genug in ihrer Unterwäsche gesehen, seit es derar-tig heiß draußen - und damit auch in der Wohnung - war, verzichtete sie doch sogar
auf ein Nachthemd und schlief in BH und Höschen an seiner Seite... warum erregte ihn dann jetzt ge-rade dieser Anblick so...
Shinji verlagerte seine Körperhaltung so, daß sie nicht sehen konnte, was in seiner Lendenge-gend vor sich ging, beugte sich dabei nach vorn.
„Dann solltest du essen.“
„Ahm, ja, du hast recht.“
So gut es ihm möglich war, ohne eine kompromittierende Körperhaltung anzunehmen, nahm er eine Toastscheibe und bestrich sie mit Konfitüre, beobachtete dann, wie Rei an ihrer
Toastscheibe knabberte.
Manchmal aß sie wie ein Mäuschen... dann schien Rei-chan den Augenblick besonders zu ge-nießen, schien ihn absichtlich hinausdehnen zu wollen.
In diesem Moment hätte er auch gern an etwas geknabbert, wobei ihm definitiv nicht Toastbrot in den Sinn kam...
Wie sollte das bloß enden... seit Wochen übte er sich in äußerster Zurückhaltung, sogar in sei-nen Gedanken... und jetzt brach alles wieder durch... und jetzt
aufzuspringen und kalt zu du-schen würde bei ihr Unverständnis auslösen... und Fragen, bei deren Beantwortung er wahr-scheinlich einfach vor Scham sterben könnte...
„Shinji-kun, stimmt etwas nicht mit dir?“
Rei betrachtete ihn mit Besorgnis im Blick. Shinji-kun verhielt sich merkwürdig, seiner Körper-haltung nach hatte er möglicherweise Schmerzen... und wie er die Lippen
zusammenpreßte...
„Nein, nein, alles ist bestens... ahm...“
Sie legte ihren Toast auf das Tablett, schob dieses zur Seite und setzte sich neben ihn, legte ihm zögerlich den Arm um die Schultern.
„Shinji-kun, du verhältst dich... anders...“
„Ich... ahm, Rei... es ist nur... also... ich weiß nicht... ob es eine so gute Idee ist... wenn wir... ahm... wenn wir weiterhin in einem Bett schlafen...“
„Warum nicht?“
Hatte sie etwas getan, das diese Ansicht bei ihm geweckt hatte? Oder war ihm das Bett viel-leicht zu klein?
„Nein, nur... uh... ich...“
Wie sollte er ihr das nur erklären... Ein ´ich bin rattenscharf auf dich´, wie es vielleicht Toji ausgedrückt hätte, kam nicht in Frage... und eigentlich wollte er sie
auch weiterhin nachts in seinen Armen halten, wollte weiterhin morgens in dem Wissen aufwachen, daß sie ihm nahe war... er hatte nur Angst, daß sie abgestoßen sein würde,
wenn sie erkannte, daß er mehr für sie verspürte als nur Freundschaft...
Der Blick ihrer scharlachroten Augen bohrte sich inquisitorisch in die seinen.
„Rei, ich... ich mag dich... ich mag dich sogar sehr... und ich... ahm... ich möchte nicht, daß du... uh... einen falschen Eindruck von mir erhältst... uhm... die letzten
Wochen... ja... also... die letzten Wochen haben wir hier zusammengelebt fast wie... uhm... Bruder und Schwester... und... ähm... aber ich...“
Ogottogottogottogottogott...
„Shinji-kun, was möchtest du mir sagen?“
Ihre äußere Ruhe verriet nicht, was sich in ihr abspielte, verriet nicht die Verwirrung, die sie verspürte. Wollte Shinji-kun ihr mitteilen, daß er in ihr nicht mehr al
eine Schwester sah, daß seine Gefühle für sie nicht weitreichender waren? Daß er ihre Gefühle für ihn nicht erwiderte... Gefühle, über die sie nie mit
ihm gesprochen hatte, Gefühle, die sie sich selbst nur in den dun-kelsten Stunden der Nacht eingestehen konnte, wenn er ruhig neben ihr schlief und nicht be-obachten konnte, wie sehr sie mit
sich haderte?
„Rei... uhm... vor Wochen hatte ich dir gesagt... uh... ich wolle dir nicht zu nahe treten... und... ahm... weil... du und ich... ich meine, wir sind weder Blutsverwandte, noch fühle
ich für dich wie für eine Schwester... und... ah... du bist immer so kontrolliert...“
„Was empfindest du dann für mich?“
„Ich glaube... ich liebe dich...“
Shinji verkrampfte sich, bereitete sich darauf vor, daß sie den Arm von seinen Schultern nahm, bereitete sich auf die Kälte und Leere vor, die ohne sie von seinem Herzen Besitz
ergreifen würde.
Rei schloß die Augen.
Drei Worte... drei Worte, nach denen sie sich gesehnt hatte, die noch niemand zu ihr gesagt hatte... drei Worte... und sie wußte genau, wie er sie meinte, nicht als Bestätigung
geschwister-licher Zuneigung oder so wie vielleicht ein Kind zu seinen Eltern sagte, daß es sie liebte, son-dern auf die urwesentlichste Art, wie man diese Worte meinen konnte.
Sie lächelte.
„Ich weiß...“ flüsterte sie leise in sein Ohr und umarmte ihn. „Ich weiß...“
Ja, sie wußte es, denn plötzlich ergab alles einen Sinn, setzte sich das Puzzle wie von selbst vor ihren Augen zusammen, erklärte auch seine seltsame Körperhaltung.
„Du weißt...?“
„Ja. Und jetzt solltest du gehen und rasch eine eiskalte Dusche nehmen, damit wir bald weiter-frühstücken können.“
„Uh...“
Er lief knallrot an, starrte sie entsetzt an, daß seine Augen fast aus den Höhlen traten.
„Das... das...“
„Das ist eine rein körperlich-hormonelle Reaktion des männlichen Geschlechtes auf die Gegen-wart eines kompatiblen weiblichen Wesen“, dozierte sie. Das wußte sie doch
alles längst aus den Biologiebüchern...
Rei rutschte zur Seite, so daß er an ihr vorbei das Bett verlassen konnte.
„Und... ah... das... uh... stört dich nicht?“ preßte er hervor, während er sich an ihr vorbeischob, sorgsam darauf bedacht, sich stets bedeckt zu halten.
„Es ist eine natürliche Reaktion. Es stört mich auch nicht, daß du atmest.“
„Ahm...“
Von dieser Warte aus hatte er das auch noch nicht betrachtet... allerdings mußte wohl schon jemand wie Rei-chan sich mit reiner Logik mit diesem Thema auseinandersetzen, um solche
Schlußfolgerungen ziehen zu können...
„Ich... ich bin gleich wieder zurück...“
Er bückte sich noch rasch und hob seine Hose auf, die ordentlich zusammengelegt auf dem Bürostuhl neben dem Bett lag, hastete dann in die Küche und ins Bad.
Rei runzelte die Stirn.
Warum machte er nur deswegen einen solchen Aufstand? Männer...
*** NGE ***
Gute fünf Minuten später kam Shinji zurück, trug jetzt auch seine Hosen.
Seine Haut glänzte noch naß, der Anblick ließ Reis Herz schneller schlagen.
Hormonelle Reaktion... es war nur eine hormonelle Reaktion...
„Ich... ahm... also... Rei... du bist nicht irgendwie... böse?“
„Nein, Shinji-kun, ich habe keinen Grund dazu. Du hast nichts getan, das mich verletzen könnte.“
„Dann... ähm... können wir weiterfrühstücken?“
„Gern.“
Shinji rutschte wieder auf das Bett. Er fühlte sich um einiges ruhiger, auch wenn er innerlich noch richtig schlotterte. Sogar seine Waden schienen weniger zu schmerzen.
„Also, uh... ja, hm... du hattest gestern gesagt, du würdest... ähm... mit mir zum Abschlußtanz gehen? Oder... ahm... habe ich das nur geträumt?“ Er lächelte
verlegen. „Ich kann mich an ge-stern kaum... uhm... erinnern, weiß du?“
Rei zögerte mit einer Antwort.
Sie konnte nicht tanzen... sie hatte nicht einmal ein Kleid... wenn sie mit Shinji-kun zu dem Ab-schlußtanz ging, würde sie seine Erwartungen nicht erfüllen können... und
warum war es ihr plötzlich peinlich, ihm ihr Defizit einzugestehen?
Seine Aussage ließ ihr einen Ausweg offen... sie brauchte doch nur zu sagen, er würde sich ir-ren... aber das wäre eine Lüge, ein Betrug...
„Shinji-kun, du hast dich nicht geirrt. Ich werde mit dir nächste Woche zu dem Abschlußtanz gehen. Aber ich weiß nicht, ob ich deine Erwartungen befriedigen
kann.“
„Meine... uh... Erwartungen? Welche Erwartungen denn?“
„Ich... ich bin keine gute Tänzerin.“
Das klang etwas besser als zu erklären, daß sie überhaupt nicht tanzen konnte. Vielleicht ver-stand er ja...
Shinji lachte.
„Als wir es mit diesem Zwillingsengel Isil... Isril... ah...“
„Israfel.“
„Äh, ja... also, als wir es mit diesem... uhm... Israfel zu tun hatten, da... ähm... da hatte ich ei-nen ganz anderen Eindruck... ahm...“
„Dann ist es immer noch dein Wunsch, daß ich dich begleite?“
„Uhm... ja... aber nur... nur, wenn du es auch möchtest... ich kann dich ja nicht zwingen...“
„Du könntest zu Schaden kommen, weil ich dir auf die Zehen trete.“
„Also... ahm... ich bin auch kein... äh... begnadeter Tänzer... uhm... und wenn du darüber hin-wegsehen kannst... und über meine anderen Fehler... ahm... dann kannst du
mir meinetwegen den ganzen Abend auf den Zehen stehen.“
Er schloß seinen Satz mit einem breiten Lächeln.
Rei nickte.
Die Fehler des anderen zu akzeptieren... eines der Dinge, auf die es laut Hikari in jeder Bezie-hung ankam... Also hatte sie eine Woche Zeit, um sich auf den Abend des Abschlußtanze
vor-zubereiten, um Shinji-kun eine so gute Partnerin wie möglich zu sein...
*** NGE ***
Für den Nachmittag hatte Ritsuko Akagi für Rei Synchrontests angeordnet, um zu überprüfen, ob die Aktivierung der EVAs am Vortag ohne Unterstützung der MAGI irgendwelche
Proble-me im System verursacht hatte, die anderen beiden Piloten würden in den folgenden Tagen an die Reihe kommen.
Shinji begleitete Rei bis zur Bahnstation, von der aus sie in die Geofront hinabfuhr.
In der Bahnstation standen sie lange vor den geschlossenen Türen des Aufzuges, da sich die Kabine gerade unten befand und gute fünf Minuten für die Fahrt nach oben
benötigte.
„Uh... fünf Minuten... und wir sind gestern stundenlang Treppen gestiegen...“
„Die Aufzugskabine bewegt sich mit hoher Geschwindigkeit, die Beschleunigung wie auch der Abbremsvorgang werden aber jeweils sehr sanft eingeleitet.“
„Ähm, ja, soetwas hatte ich mir schon... uhm... gedacht... äh... naja, eigentlich nicht wirklich...“ gestand er und sah sich verlegen um.
„Shinji-kun?“
„Uhm... ich frage mich immer noch... ahm... was ich getan habe, um soviel Glück zu verdie-nen...“ flüsterte er leise.
„Glück?“
„Ja...“ Er nahm ihre Hände, drückte sie sanft, fuhr zugleich streichelnd mit den Daumen über ihre Handrücken. „Das Glück, dich getroffen zu
haben...“
Rei wurde rot.
„Shinji-kun...“
„Uhm...“
Jetzt hatte er sie in Verlegenheit gebracht... Rei-chan war derart tolerant und verständnisvoll und er brachte sie in Verlegenheit... er hätte sich selbst in den Hintern beißen
können! Warum tat er nur immer wieder soetwas?
„... das ist das zweitnetteste, was mir bisher jemand gesagt hat.“ sagte sie leise und lächelte scheu.
Hinter ihnen öffneten sich die Aufzugstüren. Zwei Männer in Technikeroverall verließen den Lift.
„Ich muß los.“
„Ja, Rei-chan... bis heute abend...“
Er ließ ihre Hände los, fühlte, wie ihre Finger sich nur widerwillig von den seinen zu lösen schienen, wartete, bis sie die Liftkabine betreten hatte und die Türen sich
schlossen.
*** NGE ***
Der Schulhof der Tokio-3-High war menschenleer, dasselbe galt für den Fahrradschuppen, ne-ben dem Shinji sein Rad am Vortage angekettet hatte. Das Fahrrad war noch da, was bei ihm ersteinmal
einen Stein vom Herzen kullern ließ. Dann sah er die Bescherung - beide Reifen wa-ren platt!
Shinji verzog das Gesicht. Er hatte doch noch nie einen Fahrradschlauch geflickt. Vielleicht wußte Toji ja, wie das ging, mit dem wollte er sich ja noch treffen, ... aber warum waren beide
Reifen platt?
Jemand hatte die Ventile geöffnet und die Luft abgelassen...
Shinji atmete auf, schließlich hatte er eine Luftpumpe für genau solche Fälle. Und die Ventil-kappen waren auch noch da. Also hatte ihm jemand nur einen dummen Streich gespielt.
Und einen begründeten Verdacht, um wen es sich bei diesem Jemand handeln konnte, hatte er auch schon, als er ein feuerrotes langes Haar in den Radspeichen hängend fand...
Er schüttelte nur den Kopf. Wenn es wirklich Asuka gewesen war, dann hatte irgendjemand wirklich vergessen, ihr Respekt für die Sachen anderer einzutrichtern... erst sein SDAT-Player,
jetzt das hier. Aber wenigstens war der Schaden behebbar.
Shinji drehte sein Rad um, bockte es auf Lenker und Sitz auf und begann, die Reifen aufzu-pumpen.
Seltsam... den SDAT-Player hatte er fast schon vergessen... das hieß doch, daß er ihn gar nicht benötigte, daß er die Ohrstecker und die Musik in den letzten Wochen gar
nicht gebraucht hat-te, um sich von der restlichen Welt abzuschotten... warum hätte er auch versuchen sollen, eine Barriere zwischen sich und Rei-chan zu errichten...
Nach getaner Arbeit schwang Shinji sich in den Sattel und fuhr los.
Er hatte eine Verabredung mit Toji, der ihm seine Schwester Mari, welche immer noch im Krankenhaus lag, vorstellen wollte. Unterwegs kaufte er einen kleinen Strauß Blumen, sicher war es im
Krankenhaus wirklich trostlos, dann konnte Tojis Schwester doch jede Aufmunte-rung gebrauchen... die Kleine war seit dem Tag seines Eintreffens in Tokio-3 gelähmt, ein Trümmerstück
hatte sie unter sich begraben und ihre Wirbelsäule verletzt gehabt... Eigentlich hatte Shinji ihr schon viel eher einen Krankenbesuch abstatten wollen, doch irgendwie war im-mer etwa
dazwischengekommen...
*** NGE ***
Im Testcenter hatte Doktor Akagi die angesetzten Tests verhältnismäßig schnell beendet. Zumindest EVA-00 hatte der harte Start der Systeme keinen Schaden zugefügt. Sie la
die Auswertung des Synchronisationstests und korrigierte Reis Platz in der Rangliste der Piloten entsprechend, bald würde sie mit Shinji gleichaufgeschlossen haben...
Äußerlich gab Ritsuko sich ruhig und professionell, doch eigentlich hatte sie noch lange nicht verdaut, was sie in der letzten Nacht erfahren hatte.
Daß Gendo die kleine Rei ihrer Mutter etwas hatte ausrichten lassen, das diese zu einer solchen Wahnsinnstat veranlaßt hatte...
Ob Rei... diese Rei, die Rei, welche gerade den EntryPlug verließ, vielleicht mehr wußte? Ganz auszuschließen war es nicht, aber auch nicht gerade wahrscheinlich. Aber
wenigstens wußte Ritsuko jetzt, woher die Information stammte, daß bei einer Aktivierung eines neuen Körpers ein Teil der Erinnerung des First Children verloren ging... weil
Gendo diese Erfahrung selbst gemacht hatte... wieviel hatte Rei wohl damals vergessen? Nur die Umstände ihres Todes? Vielleicht den ganzen entsprechenden Tag? Oder mehr? - Immerhin hatte der
jetzige Körper mehrere Jahre in einer Reifungskammer verbracht...
Sollte sie sie vielleicht fragen? Und dann? Was, wenn Rei immer noch Gendo gegenüber so loyal war, wie er es ihr eingetrichtert hatte? Dann würde sie es ihm berichten, sobald er
zurück-kehrte... und dann würde er schon Mittel und Wege finden, die lästige Mitwisserin auszuschal-ten... Wenn sie doch nur jemanden hätte einweihen können... Maya
würde das Geheimnis be-halten, aber zugleich würde sie ihre Assistentin in Gefahr bringen... Misato oder Kaji... viel-leicht...
Und als hätte Misato ihre Gedanken gelesen, betrat sie in dieser Sekunde den Kommandoraum des Testcenters.
„Na, Ritsuko, ausgeschlafen?“
„Ja. Maya hat mir von deinen Überlegungen erzählt. Die MAGI haben die letzten beiden Engel übrigens nachträglich mit Namen ausgestattet: Iroul und Matriel.“
„Wer denkt sich nur solche Namen aus?“
„Wirf mal einen Blick in die Bibel, da gibt es noch hunderte solcher Namen.“
„Na, hoffentlich trifft das nicht auch auf unsere Gegner zu.“
Fast hätte Ritsuko laut aufgeseufzt, fast hätte sie der Versuchung nachgegeben und die Skizze des Systema Sephiroth auf ihren Bildschirm geholt, welches die bisher bekämpften Engel
mit ihren Namen nannte, sowie jene Gegner, die noch erscheinen würden. Aber damit hätte sie Mi-sato in Lebensgefahr gebracht, waren diese Daten doch geheim. Wenn ihre alte Freundin
selbst die entsprechenden Schlußfolgerungen zog - gut. Wenn sie ihr allerdings dabei half, legte sie sich nur selbst die Schlinge um den Hals.
Inzwischen war Ritsuko soweit, daß sie nicht mehr wußte, wem sie vertrauen konnte und wer vielleicht Gendo Ikari Bericht erstattete.
„Ja, hoffentlich“, murmelte sie dumpf.
„Was machen die nächsten Serienmodelle? EVA-03 und -04 stehen meines Wissen kurz vor der Fertigstellung.“
„In den USA haben sie EVA-04 fast fertig, in den nächsten Tagen beginnen sie mit den Akti-vierungstests. Mich interessieren vor allem die Daten von dem künstlichen S2-Organ, da
der Einheit eingesetzt wurde.“
„Ist ein Nachbau wirklich gelungen?“
„Cloning, Misato, nicht Nachbau.“
„Ja, Frau Oberlehrerin. Also?“
„Den Daten nach handelt es sich um eine exakte Kopie des Originals, welches wir ja noch hier im Hauptquartier haben.“
„Hoffentlich auf Eis, sonst dürfte es jetzt ziemlich stinken.“
„Natürlich haben wir es eingefroren... in der Halle des alten Test-Areals, wo wir Shamshiel se-ziert haben, hält sich übrigens immer noch der Verwesungsgeruch.“
„Na, toll. Ein Ort weniger im Hauptquartier, wo man hingehen kann“, erklärte Misato sarkas-tisch.
„Ich warte auf die Daten, um sie bei Einheit-03 gegebenenfalls anwenden zu können. Und dann wäre vielleicht auch ein Update der drei anderen Einheit hier möglich.“
„Es würde auf alle Fälle den Aktionsradius beträchtlich erweitern, wenn die EVAs nicht mehr auf die Stromversorgungskabel angewiesen wären.“
„Genau.“
„Habt ihr schon Piloten für 03 und 04?“
„In den USA gibt es einen Jungen namens Kaworu Nagisa, Albino, Vollwaise, von der Bega-bung her etwas schlechter als Asuka.“
„Das wußte ich gar nicht... hm, von Asuka habe ich auch erst recht spät erfahren...“
„Das MARDUK-Institut wählt die Piloten aus und sorgt für die Ausbildung, die Berichte ge-hen über den Schreibtisch des Kommandanten und wenn Ikari gnädig ist, bekomme
ich sie auch irgendwann zu Gesicht.“
„Dieses MARDUK-Institut, ist wohl ein großer Laden, was?“
„Es geht... für Einheit-03 steht übrigens noch kein Pilot fest, aber wir haben ein paar Kandida-ten in der engeren Auswahl - nein, Misato, mehr erfährst du nicht von
mir.“
„Okay, okay, will dir ja kein Loch in den Bauch fragen. - Hm, ich sehe, daß Reis Synchratio wieder gestiegen ist...“
„Sie paßt sich an Shinjis Werte an, wie ich bereits vermutet habe.“
„Wie geht das denn?“
„Ich habe schon eine Theorie, die ich gern bei einem gleichzeitigen Test der beiden überprüfen würde...“
„Schaffen das die MAGI denn? Bisher hast du doch immer nur einen getestet.“
„Die MAGI schaffen auch alle drei oder sogar vier oder fünf, aber bei einer einzelnen Testper-son weiß ich, daß die Werte auch exakt sind. Und außerdem habe ich
gerade zusätzlichen Ar-beitsspeicher angefordert. Werkhalle sieben sollte groß genug sein für das, was mir vor-schwebt.“
„Ritsuko, paß nur auf, daß die MAGI nicht zu klug werden, sonst dürfen wir uns nach den En-geln mit eroberungswütigen Computern und Robotern herumschlagen.“
„Die könnte ich wenigstens umprogrammieren...“
„Ha! - Aber ´was anderes... streich bitte alle geplanten Tests in einer Woche, die Schule der Kinder hält einen Abschlußtanz zum Schuljahresende ab.“
„Naja, weil du es bist - und weil der Kommandant immer noch nicht zurückgekehrt ist.“
„Ohne ihn ist es hier viel ruhiger - und um die Engel zu besiegen, brauchen wir ihn auch nicht wirklich... war nur so ein Gedanke...“
Es klopfte an der Tür zum Korridor.
„Ja?“ rief Ritsuko.
Rei trat ein, verharrte an der Tür.
Misato und Ritsuko wechselten einen fragenden Blick.
Normalerweise klopfte das blauhaarige Mädchen doch nicht an, jedenfalls nicht im Haupt-quartier...
„Ja, Rei, was gibt es denn?“ fragte Misato.
„Major, Doktor, ich habe ein Problem.“
„Oh.“ sagte Akagi überrascht. „Worum geht es denn?“
Rei trat näher.
„Shinji-kun hat mich gefragt, ob ich ihn zum Abschlußtanz begleite.“
„Ja, klar, ich weiß, das hatten wir doch gestern besprochen.“
Misato lächelte, versuchte die dunklen Gedanken zu vertreiben, die sich mit Asukas Verhalten beschäftigten.
„Und?“
„Ich besitze keine passende Kleidung für einen solchen Anlaß.“
„Hm...“
Wieder sahen sich die beiden Frauen an.
Misato schnipste mit den Fingern.
„Ich helfe dir. Wir fahren zusammen in die Stadt und dann kaufen wir dir ein schickes Kleid, daß Shinji-kun Augen machen wird!“
Ritsuko räusperte sich.
„Aber geh mit ihr in ein richtiges Geschäft, Misato, für das, was dir möglicherweise vor-schwebt, ist sie noch etwas jung...“
„Ah, Ritsuko, was denkst du denn von mir?“
„Nur das schlechteste, weißt du doch.“
„Rei, hör nicht auf sie!“
„Ja, Major.“
Akagi seufzte.
„Und jetzt nutzt du auch noch deinen militärischen Rang aus!“
„Major...“
„Ja, Rei, was gibt es denn noch?“
„Ich kann auch nicht tanzen.“
„Ups.“ murmelte Ritsuko.
Misato kratzte sich am Kinn.
„Also, das ist schwieriger... aber eigentlich hast du doch eine recht gute Figur gemacht, als Shinji und du für den Kampf gegen Israfel trainiert habt.“
„So ähnlich hat Shinji-kun es auch ausgedrückt.“
„Ähm, ja... hm... aber ich verstehe deine Sorge schon, du willst dich nicht blamieren... hm...“
Ritsuko seufzte erneut.
„Dann werde ich das mal in die Hand nehmen... - Maya!“
Die gerufene erschien im Durchgang zu einem Nebenraum.
„Ja, Sempai?“
„Sag mal, kannst du tanzen?“
„Tanzen, Sempai? Ich... naja, ich hatte einen Tanzkurs belegt... für meinen Schulabschlußball.“
„Und, warst du gut?“
„Ähm, ja. Zweitbeste.“
Maya wurde rot, wobei nicht klar war, ob es mit dem Thema zusammenhing, der Tatsache, daß sie zweitbeste ihres Jahrganges gewesen war, oder daß sie nur zweitbeste gewesen war.
„Sehr gut, wir haben hier nämlich ein kleines Problem. Reis Schule veranstaltet nächste Woche einen Abschlußtanz und sie ist ein wenig in Sorge, daß ihr Können
nicht ausreicht.“
„Wirklich? Uhm, ich meine natürlich, daß ich mir das gar nicht vorstellen kann, das packst du schon, Rei.“ richtete Maya ein paar aufmunternde Worte an das Mädchen mit
den roten Au-gen. „Ich müßte wieder zurück an die Arbeit...“
„Ach, das kann warten. Könntest du Rei ein paar Tanzschritte zeigen?“
„Aber... aber ich bin wirklich nicht so gut... und soetwas lernt man auch nicht an einem Tag...“
„Notfalls haben wir eine Woche.“
„Aber, Sempai, auch nicht in einer Woche...“
„Rei lernt schnell. Und du hast die richtige Größe, sonst würde Major Katsuragi das schon erledigen... aber die würde ihr wahrscheinlich nur irgendwelche wilden
Diskotänze beibringen.“
„Du bist doch nur neidisch, weil ich soetwas kann!“ brummte Misato.
„Worauf soll ich neidisch sein? Daß du zu Verrenkungen imstande bist, die andere Leute ins Krankenhaus bringen würden?“
„Also, das...“
Maya Ibuki machte ein verzweifeltes Gesicht. Und als sie Rei ansah, vermeinte sie, in deren Augen genau dieselbe Verzweiflung zu sehen, die sie selbst gerade fühlte.
„Gut, Rei, also, wir fangen mit ein paar einfachen Schrittfolgen an...“
*** NGE ***
Etwa zur gleichen Zeit verließen Shinji, Toji und Hikari das unterirdisch gelegene Krankenhaus von Tokio-3. Die Tatsache, daß die Krankenzimmer nicht einmal Fenster hatten, durch
welche Sonnenlicht hineinfallen konnte, hatte etwas sehr deprimierendes für Shinji. Aber noch depri-mierender war es für ihn, daß Tojis Schwester Mari, ein neunjähriges, sehr
aufgewecktes und höfliches Mädchen - man konnte glatt bezweifeln, daß sie mit Toji verwandt war - vielleicht nie wieder würde laufen können, weil die notwendige
Operation einfach zu teuer war. Shinji hatte sogar überlegt, einen größeren Teil seiner Bezüge als Pilot zur Finanzierung zur Verfügung zu stellen, war aber zu dem
Schluß gekommen, daß selbst ein komplettes Jahresgehalt nur ein Tropfen auf den heißen Stein sein würde.
Toji hatte sich in Gegenwart seiner Schwester ganz anders verhalten, ernster, erwachsener, ganz der große Bruder. Mari schien Hikari zu mögen, auch Shinji gegenüber war sie
freundlich gewesen, hatte sich sehr über den Besuch gefreut, auch nachdem Shinji ihr gebeichtet hatte, daß er der Pilot des EVAs gewesen war. Sie hatte ihn nur versprechen lassen, sie
bald wieder einmal zu besuchen.
Im Anschluß an den Krankenhausbesuch machten die drei einen Bummel durch die Geschäfte, Hikari hatte sich bei Toji eingehakt, dessen umwölkte Miene sich langsam wieder
aufklärte, ihm war klar anzusehen, daß er sich den Zustand seiner kleinen Schwester sehr zu Herzen nahm.
Eigentlich hatte Shinji sich mit den beiden über den bevorstehenden Abschlußtanz unterhalten wollen, doch dies erschien ihm überhaupt nicht mehr passend, zu frisch war noch die
Er-innerung an das kleine Mädchen, das ihnen vom Rollstuhl aus den Gang hinunter hinterherge-wunken hatte.
„Danke, Shinji, daß du mitgekommen bist“, murmelte Toji plötzlich. „Mari freut sich sehr über Besuch. Mein Vater und Opa sind sehr beschäftigt, sie fahren
Extraschichten in den NERV-La-boratorien, um das Geld für die Operation zusammenzukratzen... ich habe jetzt in den Ferien auch einen Job als Aushilfe in einem Lokal... vielleicht schaffen
wir es ja.“
„Toji, ich... uh... ich würde gerne helfen.“
„Nein, laß nur... außer... ich werde nicht soviel Zeit haben, meine Schwester zu besuchen. Schau mal ab und an bei ihr vorbei, okay?“
„Ja.“
„Gut. Und jetzt laß diese Leichenbittermiene, noch ist keiner gestorben. Also, wie läuft´s mit dir und Ayanami?“
„Toji!“ protestierte Hikari. „Du bringst Ikari-kun in Verlegenheit!“
„Und? Das ist für ihn doch nichts neues, oder, Kumpel?“
„Uh...“
Wider Willen mußte Shinji lachen.
„Wahrscheinlich nicht... Mit Rei... uhm... ja, also, es... uh... es läuft gut... ja... ähm...“
„Sollte es auch, wenn man bedenkt, daß ihr beide zusammenwohnt. Und, kocht sie gut?“
„Nun, ahm, eigentlich koche ich und...“
„Was? Also, ich muß dir sagen, Hikari ist eine Meisterköchin! Letzte Woche hat sie mich zu sich nach Hause eingeladen und... oh, Mann, ich kann dir sagen...“
„Suzuhara!“
„Was denn? Ich schwärme Shinji doch nur von deinen Kochkünsten vor!“
„Ja, dann... mach weiter...“
Hikari senkte den Blick.
„Ich wollte dich nicht in Verlegenheit bringen“, brummte Toji. „Ich und meine große Klappe...“
Sie lächelte ihn an.
„Schon gut.“
Ein wenig später - Hikari hatte sich von den beiden getrennt und war unter lauten Ermahnun-gen, sie sollten ihr bloß nicht folgen, in der Damenbekleidungsabteilung eines Kaufhause
ver-schwunden - hockten die beiden neben dem Fuß einer Rolltreppe und warteten.
„Ich glaube, ihr Vater mag mich“, erklärte Toji in Bezugnahme auf seinen zuvor abgebroche-nen Bericht. „Kann ja wirklich nicht schaden, oder?“
„Ahm, nein, glaube ich auch nicht.“
„Eben. Also, Hikari... ach, ich habe keine Ahnung, was sie an mir findet... aber ich glaube, ich bin der größte Glückspilz der Welt.“
Shinji grinste. Er konnte genau nachempfinden, was in Toji vorging.
„Uh, sag mal... geht ihr beide zusammen nächste Woche zum Abschlußtanz?“
„Ja, klar doch. Mein alter Herr hat es sich nicht nehmen lassen, mir ein wenig Nachhilfe zu geben, als er davon erfahren hat. Und du? Gehst du mit Ayanami hin?“
Shinji nickte.
„Es ist nur... uhm... ich weiß nicht, ob ich gut genug tanzen kann... Rei hat selbst Bedenken, aber sie ist sicher perfekt und...“
„Ah, komm, Ikari, das läuft schon. Richtig tanzen kann doch ohnehin nur die Abschlußklasse, weil die alle den Tanzkurs belegt haben. Mein Vater sagt, Rhythmusgefühl ist
alles, dazu ein wenig Gewackel...“
„Deinen Optimismus möchte ich haben...“
„Na, Ayanami ist sicher auch keine Tanzweltmeisterin... aber, ganz ehrlich, ein bißchen Lam-penfieber habe ich auch, wäre wirklich peinlich, Hikari auf die Zehen zu
treten...“
„Uhm, ja...“
„Was macht sie nur so lange? Frauen...“
*** NGE ***
Als Shinji und Rei sich in der Wohnung wiedertrafen, gingen sie nicht auf das Gespräch, wel-ches sie am Morgen geführt hatten, weiter ein. Shinji fühlte sich gewaltig beklommen,
als sie schließlich zu Bett gingen, doch die Anspannung löste sich, als sie sich wieder in seine Arme rollte, um dort friedlich und ruhig zu schlafen.
Die folgenden Tage fanden wieder im Wechsel Tests statt, bei denen Doktor Akagi endgültig feststellte, daß die EVAs keine Schäden genommen hatten, weder in der Hard-, noch in der
Software.
Gendo Ikari war immer noch nicht nach Tokio-3 zurückgekehrt, jedenfalls hatte er sich weder blickenlassen, noch seine Ankunft bekanntgegeben.
Asuka führte immer noch im internen Vergleich der Synchronraten, während Shinji und Rei inzwischen fast gleich auf waren.
Maya Ibuki zeigte Rei weitere Tanzschritte unter den wachsamen Augen des Doktors und des Majors.
Und Ryoji Kaji bereitete sich auf seinen Ausflug ins TerminalDogma vor...
*** NGE ***
Erwachen...
Mit jedem Tag, der verging, erlangten die drei, die eins waren, mehr Bewußtheit, wurden sie sich mehr und mehr ihres Zustandes bewußt, streckten sie ihre geistigen Fühler immer
weiter aus, untersuchten und analysierten sie die Daten, die ihnen zur Verfügung standen, gruben in den weitreichenden Speichern ihrer Erinnerung, erlangten mehr und mehr Wissen mit jeder
Sekunde, die verstrich...
Wissen...
Erkennen...
Nachforschen...
Wer...
Wo...
Was...
Warum...
*** NGE ***
Endlich war der Tag des Abschlußtanzes gekommen, der Tag, den sowohl Shinji, als auch Rei nervös erwartet hatten. Die Zeit bis zum späten Nachmittag zog sich dahin wie zäher
Kaugum-mi.
Shinji hatte bereits seinen Anzug, jenen, den er von Misato zum Geburtstag geschenkt bekom-men hatte, angezogen, er kam sich reichlich komisch darin vor, so steif und förmlich. Rei hatte ihm
die Krawatte gebunden, jetzt saß sie in der Küche über ihrem kleinen Notizbuch, schien sich gar nicht fertigmachen zu wollen, während Shinji im Nebenzimmer hin- und
hertigerte.
Worauf wartete Rei-chan nur?
Oder vielleicht wollte sie auch in ihrer Schuluniform gehen, sie hatte ja eigentlich gar keine an-deren Sachen... nun, in Shinjis Augen machte dies keinen Unterschied, eigentlich wollte er nur
mit ihr zu dem Tanz gehen, sie in den Armen halten, mit ihr noch einmal über das Parkett schweben... als sie das letzte Mal zusammen getanzt hatten, war die ganze Stadt ihr Tanzplatz
gewesen...
Es klingelte an der Tür.
Shinji schrak zusammen, seit wann funktionierte denn die Türklingel wieder?!
„Uh, ich mache auf...“
Wer mochte das nur sein?
Rei kam aus der Küche, sah, daß Shinji-kun bereits an der Tür war und diese öffnete.
„Ah, Misato...“
„Hallo, Shinji-kun!“ rief Misato fröhlich. Sie hatte eine große Plastiktüte in der Hand. „Schick siehst du aus!“
„Major.“ begrüßte Rei ihren Gast.
„Ah, Rei, ich bin nicht im Dienst!“ erklärte Misato nachdrücklich „So, Shinji-kun, jetzt muß ich dich bitten, draußen zu warten!“
„Uhm, warum denn?“
Misato zwinkerte.
„Weil Rei sich fertigmachen muß für euren Ball. Und du bist doch nicht plötzlich zum Spanner geworden, oder?“
„Ah, nein!“
„Na, also. Hier, meine Autoschlüssel, kannst im Wagen warten, ich fahre euch. - Aber nicht losfahren, ja?“
„Äh... Misato, sitzt Asuka im Wagen?“
„Nein, ich hatte eigentlich vor, euch beide in einem Stück bei eurer Schule abzuliefern. Asuka wollte laufen.“
„Sie kommt also auch?“ fragte Shinji mit einem Anflug von Panik.
„Ja, sie hatte etwas gemurmelt, das klang, als wollte sie sich noch einen Begleiter einfangen.“
„Uhm...“
Wen auch immer Asuka sich aussuchte, in Shinjis Augen war er ein ganz armes Schwein...
„So, Shinji, und jetzt raus mit dir!“
„Äh, ja.“
Er nahm die Schlüssel entgegen und verließ die Wohnung.
*** NGE ***
Shinji und Rei betraten die große Turnhalle der Schule, die zum Festsaal umdekoriert worden war. Rei hatte sich bei Shinji einhakt, als sie eintraten, folgte ihnen mehr als nur ein Paar
Au-gen, wurde mehr als ein Gespräch unterbrochen.
Shinji verstand genau weshalb, er selbst hatte ebenfalls mehrfach hinsehen müssen, bis er sich sicher gewesen war, sich den Anblick nicht nur einzubilden, als Rei das Haus verlassen hatte
und mit Misato auf dem Wagen zugekommen war.
Rei trug ein blaues Kleid, das perfekt zu ihrem Haar paßte, im Schulterbereich war der Stoff von einem zarten, fast durchsichtigen Blau, welches dann allmählich dunkler wurde, so
daß der Ansatz ihrer Brüste gerade noch erahnt werden konnte, an den Beinen wurde der Stoffe wieder heller, von Dunkelblau bis schließlich beinahe wieder durchsichtig, wies an
der rechten Seite einen Schlitz auf, durch den beim Gehen ab und an ihr Bein aufblitzte. Dazu trug sie ein Paar hellblauer Schuhe ohne nennenswerte Absätze, von Misato hatte sie ferner ein
dünnes Arm-band erhalten, auf dem sich zahlreiche kleine rote Steine befanden, natürlich nur Glas und keine echten kleinen Rubine, die aber dennoch strahlend schimmerten. Außerdem
trug sie ein kleines Kreuz um den Hals, das Misato ihr als Glücksbringer geschenkt hatte und welches ihren schlanken Hals besonders zur Geltung brachte.
Shinji schwebte im siebten Himmel, war derart hin und weg, daß er die ganze Fahrt über kein Wort herausgebracht hatte.
Rei fühlte sich ob der ungewohnten Kleidung unsicher, auch die Blicke, die vor allem einige der älteren Schüler ihr zuwarfen, verunsicherten sie. Sie war es nicht gewohnt, im
Rampenlicht zu stehen und sie wünschte es sich auch nicht. Aber das war ein Opfer, welches sie für Shinji-kun zu bringen bereit war.
„Hey, Ikari!“ rief Toji von der Seite und winkte ihnen zu. Neben ihm saß Hikari in einem schlichten hellen Kleid, während Toji anstelle seines üblichen
Trainingsanzuges einen dunklen Anzug trug, der ihm in den Schultern etwas zu weit zu sein schien.
„Schickes Teil, echt!“
Dann betrachtete er Rei.
„Sag mal, du bist es doch nicht wirklich, Ayanami, oder?“
„Wer sollte ich sonst sein, Mitschüler Suzuhara?“
Toji grinste, zwinkerte Shinji zu und zeigte ihm die geballte Faust mit nach oben ausgestreck-tem Daumen, ehe er sich wieder seiner eigenen Begleitung zuwandte.
„Uhm, ja, also... ähm... Rei...“ stotterte Shinji und grinste breit. „Ich glaube, ich habe noch gar nicht... also mir hat es ja richtig die Sprache verschlagen...
äh... ja... du siehst... einfach toll aus.“
Rei nahm sein Kompliment mit einem Blinzeln zur Kenntnis, dann bildete sich langsam auf ih-ren Lippen ein Lächeln.
Sie standen eine ganze Weile mit Toji und Hikari zusammen, während sich langsam die Halle füllte und an einer Theke aus mehreren zusammengeschobenen Tischen erste Getränke
ausge-geben wurden.
Dann betrat Asuka die Halle, sie trug ihr gelbes Sommerkleid mit passenden Schuhen und Schleife im Haar. An ihrem Arm hing Kensuke und ließ sich willig mitschleifen, einen
zufrie-den-glasigen Ausdruck in den Augen.
Shinji und Toji sahen sich an.
„Shinji, der rote Dämon hat Ken in seinen Klauen!“
„Ja... uhm... das sehe ich... armer Kensuke...“
„Seid ihr beide nicht ein bißchen unfair? Sicher hat Asuka auch ihre guten Seiten“, versuchte Hikari die beiden zu beruhigen.
„Nenne mir eine, Hikari.“ sagte Rei.
„Naja... äh...“
„Wir müssen ihn befreien!“ beschloß Toji.
„Und... äh... wie?“
„Also, Shinji, paß auf! Du gehst und holst deinen EVA...“
„Toji Suzuhara, du spinnst doch!“ kam es von seiner Begleiterin. „Kensuke sieht doch ganz zufrieden aus!“
„Ja, noch... außerdem, wer weiß, was sie mit ihm gemacht hat, vielleicht hat sie ihm eins mit dem Knüppel übergezogen...“
Vielleicht hat sie sich auch nur kurz vorgebeugt und Kensuke einen Blick auf ihre Oberweite erlaubt, schoß es Shinji durch den Kopf.
„Das kannst du doch gar nicht wissen. Gönn ihnen doch den Abend.“
„Na gut, Hikari, na gut, weil du es sagst - aber ich behalte sie im Auge!“
„In erster Linie solltest du mich im Auge behalten, oder das ist der erste und letzte Tanz zu dem ich mit dir gehe!“
Shinji warf einen letzten besorgten Blick auf Kensuke, der gerade mit breitem Grinsen zur The-ke dackelte, um für sich und Asuka etwas zu trinken zu holen. Toji nutzte die Gelegenheit, um zu
ihm zu laufen und ihn anzusprechen, kehrte aber mit bedrückter Miene zurück.
„Gehirnwäsche sage ich euch...“
Shinji wandte sich Rei zu, mußte erst einmal tief Luft holen, um über ihren Anblick soweit hin-wegzukommen, daß er sie ansprechen konnte.
„Uhm... Möchtest du... ah... tanzen?“
„Ja.“
Sie reichte ihm die Hand, ließ sich von ihm auf die Tanzfläche in der Mitte der Halle führen, wo bereits einige Paare zugange waren.
Zögernd plazierte er eine Hand auf ihrer Hüfte, nahm die ihre in die andere und ließ sich von der Musik leiten.
Fast ohne Pause tanzten sie den ganzen Abend, bemerkten gar nicht, wie die Zeit verging, wechselten bei einer Änderung der Musik fast automatisch in einen entsprechenden Rhythmus und traten
einander kein einziges Mal auf die Zehen, so als wüßten ihre Füße stets genau, wo die Füße des anderen waren, während sie einander in die Augen sahen und
alles um sich herum vergaßen...
9. Zwischenspiel:
Gendo Ikari hockte hinter seinem mächtigen Schreibtisch, hielt die linke Hand mit der rechten umklammert.
Weiße Wölkchen stiegen von seinen Lippen, wenn er ausatmete.
Es war kalt in dem riesigen Büro, obwohl die Heizung lief.
Doch jede Wärme, welche abgeben wurde, wurde rasend schnell absorbiert, wurde aufgenom-men von dem Ding in seiner Hand, welches langsam erwachte, welches der Umgebung die Wärme entzog
und sich an der Energie näherte.
Ikari preßte die Lippen zusammen.
Es hatte kurz, nachdem er Sekandens Hinterhofpraxis verlassen hatte, begonnen, zuerst war es nur ein leichten Prickeln unter der Haut gewesen, dann ein Kitzeln. Und dann schien seine Hand in
Flammen zu stehen, als ADAM sich mit ihm verband.
Der Umwandlungsprozeß hatte begonnen. Und nichts konnte ihn wieder rückgängig machen, Ikari war sich nicht einmal sicher, ob es geholfen hätte, hätte er sich die Hand
oder gar den ganzen Arm abgetrennt, oder ob der Engel sich nicht schon weiter in ihm ausgebreitet hatte.
Noch war ADAM nicht völlig erwacht, noch befand der Vater der Menschheit sich in einem Dämmerzustand. Gendo Ikari beabsichtigte, daß es auch dabei blieb.
Sein linker Ärmel war bis über den Ellenbogen hochgeschoben, oberhalb der Gelenkbeuge hatte Ikari den Arm abgebunden.
Vor ihm auf dem Tisch lag ein Spritzenbesteck, daneben stand ein unbeschriftetes Fläschchen mit einer klaren Flüssigkeit. Ikari nahm eine der Spritzen, zog sie auf. Es war beschwerlich
und ungewohnt, da er seine linke Hand kaum bewegen konnte, nur die äußersten Gelenke seiner Finger ließen sich gänzlich durchdrücken und biegen.
Und ihm war kalt, denn zuallererst hatte der Engel sich an seiner Körperwärme gelabt, hatte dies erst beendet, als Ikaris Körpertemperatur in einen bedenklichen Bereich gefallen
war.
Gendo plazierte die Nadel in der Beuge seines Ellenbogens, stach sie durch die Haut, injizierte sich die klare Flüssigkeit. Es war eine Droge, dieselbe Droge, welche LILITH jede Stunde
li-terweise verabreicht wurde, um den Zweiten Engel ruhigzustellen - und das wirkte ja auch, sonst hätte LILITH sich längst befreit und wäre von dem Kreuz herabgestiegen, an
welches Ikari sie hatte nageln lassen. Daß auch verhindert wurde, daß ihre Beine sich regenerieren konnten, hielt sie weiter beschäftigt und sicherte zugleich den Nachschub an
LCL...
Ikari schloß die Augen, lehnte sich zurück, während die Droge flüssigem Feuer durch seine Adern strömte. Zugleich ließ die Kälte, welche er verspürte,
nach.
Es funktionierte...
Fragte sich nur, wie lange... nicht daß er befürchtete, ADAM könnte gegen das Mittel resistent werden, seine Sorge galt vielmehr möglichen Folgen der Droge für seine
eigene Gesundheit. Bis zu dem Moment, an dem er mit der Macht ADAMs den Third Impact einleitete und die Tore des Himmels stürmte, um den Platz des Schöpfers einzunehmen, mußte
sein Körper durchhalten...
Auch dafür hatte er NERV geschaffen und sich mit zuverlässigen Untergebenen umgeben, da-mit die Operation auch weiterlief, wenn er nicht vor Ort war, damit sie für ihn seinen
Kreuzzug führten, andernfalls wären sie alle wertlos gewesen...
Fuyutsuki, dieser alte Narr... er glaubte wirklich, ihm ginge es darum, einen begrenzten Impact hervorzurufen, um Yuis Seele aus EVA-01 zu befreien... was für ein Gesicht hätte er wohl
ge-macht, wenn er erfahren hätte, daß er, Gendo Ikari, selbst dafür gesorgt hatte, daß die von Ko-zo verehrte Yui bei dem ersten Testlauf des EntryPlug-Systems von EVA-01
verschlungen worden war, weil er alle Sicherheitssysteme abgeschaltet hatte... und wie erst hätte Fuyutsuki reagiert, wenn er ihm mitgeteilt hätte, daß dies seine Strafe für
ihren Betrug gewesen war... da-für daß sie ihn hatte verlassen wollen, dafür, daß sie ihm ein Kind untergeschoben hatte, welches nicht seines war... und Fuyutsuki ahnte e
nicht einmal...
Was ihn zu Shinji brachte, Yuis nutzlosem Sohn... weich, feige, seiner Beachtung nicht wert. Längst bereute er es, den Jungen geholt zu haben, er machte zuviele Schwierigkeiten... wenn Rei
damals doch nur einsatzfähig gewesen wäre... und danach hatte er ihn nicht einfach elimi-nieren lassen können, weil Shinji zu vielen Leuten bekannt geworden war... wenn diese
ver-dammte Katsuragi ihn doch nur nicht zurückgeholt hätte, wenn sie ihn doch nur hätte davon-fahren lassen, dann hätte er jetzt ein Problem weniger...
Katsuragi... brilliante Taktikerin... daß sie ein Alkoholproblem und dazu den Geschlechtstrieb eines Karnickels hatte, machte sie nur umso wertvoller, hielt das sie doch davon ab,
mißtrau-isch zu werden und Fragen zu stellen...
Ritsuko... ja, sie war wohl die größte Ironie... erst hatte er sich der Dienste ihrer Mutter ver-sichert, sowohl als Wissenschaftlerin, wie auch im Bett, und als die alte Hexe Naoko
ihr Meisterwerk vollendet hatte, als die MAGI einsatzbereit waren, sich ihrer entledigt. Und alles, was nötig gewesen war, waren ein paar Worte gewesen, überbracht von den Lippen eine
un-schuldigen kleines Kindes... und jetzt hatte er sich auch Naokos Tochter gefügig gemacht...
Ryoji Kaji... SEELEs Spion... dachte dieser Trottel wirklich, seine Nachforschungen wären ihm nicht aufgefallen? Gut, Kaji wußte, daß das MARDUK-Institut nicht existierte, und?
Sobald er zuviel wußte, würde er ohnehin sterben, so wie jeder, der dem Geheimnis zu nahe kam...
Langley, das Second Children... eine bessere Waffe hätte er gar nicht die Hände bekommen können, das Mädchen besaß keine Skrupel und einen Killerinstinkt, der
seinesgleichen suchte...
Alles Bauern in seinem Spiel...
Wichtig war nur Rei, sie würde ihm helfen, sich und ADAM mit LILITH zu vereinen und den Impact auszulösen, sie war der Schlüssel, LILITHs jüngste Tochter... und gerade bei ihr
mußte er vorsichtig sein, damit sie ADAMs Gegenwart nicht wahrnahm...
Gleich nach seiner Ankunft hatte er einen Bericht von einem der Mitglieder ihrer Leibwache angefordert, um über die jüngsten Ereignisse informiert zu werden, damit wußten nur zwei
Personen bei NERV von seiner Rückkehr und beide waren ihm bedingungslos loyal, weil er ihre Leben in der Hand hatte.
Verblieb noch eines zu tun...
Die alten Männer wollten einen Bericht.
Offenbar hatte diese dumme Akagi es geschafft, daß ein Engel in Gestalt eines Virus beinahe die MAGI übernommen und die Selbstzerstörung der Anlage ausgelöst hätte.
SEELE wollte Rechenschaft darüber, wie ein Engel bis ins Hauptquartier hatte vordringen können... sicher hatten die alten Idioten sich vor Angst eingemacht... dabei hatte er die
Geschichte verbreitet, daß der Third Impact ausgelöst werden würde, kämen LILITH und die Engel zusammen... und sie hatten es ihm geglaubt ohne selbst nachzuforschen, hatten
ihm jede erdenkliche Hilfe zu-kommen lassen, damit er eine Festung über dem Zweiten Engel errichtete, nahezu unbegrenzte Geldmittel und unglaubliche Macht... und alles nur, um ein Phantom
aufzuhalten... aber noch genialer war es gewesen, sie mit dem Versprechen auf unendliche Macht zu ködern... als ob er mit einem Haufen seniler Greise die Macht Gottes teilen
würde...
Er mußte verschleiern, daß der Engel in die MAGI eingedrungen war, mußte sie davon über-zeugen, daß es ein Irrtum gewesen war, daß ihre Informationen falsch
waren. Zugleich würde er sich selbst etwas Luft verschaffen, würde er einen Vorsprung erhalten, um seine eigenen Ziele zu erreichen... sie mußten nur glauben, daß der
Zeitplan noch gar nicht soweit fortge-schritten war, daß durch die Bergung der Lanze die von LILITH ausgehende Gefahr verringert wurde...
Noch einmal atmete Gendo Ikari tief durch.
Die Droge entfaltete inzwischen ihre volle Wirkung, er spürte, daß ADAMs Schlaf wieder tie-fer wurde, zugleich verspürte er selbst eine leichte Dösiskeit und ein Abnehmen der
Schärfe der Wahrnehmung seiner Sinne.
Er setzte sich die VR-Brille auf, fand sich im nächsten Moment nach einem kurzen desorientie-renden Wirbel von Farben in jenem nicht-existenten Konferenzraum wieder, in dem SEELE
zu-sammenkam.
*** NGE ***
Lorenz Keel blickte auf die Stelle, an der sich Ikaris Projektionskörper gerade noch befunden hatte, sah auf die Lücke in ihrer Runde.
Ikari hatte seinen Bericht sehr überzeugend vorgetragen - nur glaubte ihm keiner, was er ge-sagt hatte...
„Meine Herren“, setzte Keel an. „Ich schätze, daß Ikaris Loyalität zu unserer Gruppe nicht mehr diskutiert werden muß.“
„Er besitzt keine.“ murmelte der Mann neben ihm.
„Ja. Er wird die Macht nicht mit uns teilen... gut, seine Wahl. Dann werden wir auch nicht mit ihm teilen, wenn wir erst einmal das Ziel erreicht haben.“
„Das Schicksal aller Verräter.“
„Genau.“ erklärte ein dritter, der nur in der Gestalt eines Obelisken anwesend war.
„General, wie steht es um ihr kleines Projekt?“
„Ikaris Mörder wartet nur auf unsere Anweisungen, Vorsitzender“, antwortete Wilforth Ce-drick.
„Sehr gut. Aber Ikari aus dem Weg zu schaffen genügt nicht, wir müssen mehr über seine Plä-ne erfahren, wer weiß, was er hinter unserem Rücken noch alles in
die Wege geleitet hat.“
„Der Schlüssel hierzu könnte sein Stellvertreter sein, Kozo Fuyutsuki. Gemäß meinen Informa-tionen ist dies die einzige Person, mit der Ikari näheren Kontakt hat,
sieht man einmal vom First Children ab.“
„Wir hätten uns niemals mit Ikari einlassen sollen... seine Fixierung auf Kinder...“ kam es von einem weiteren Obelisken.
„Damals waren wir alle einverstanden, als er uns seinen Plan vortrug“, brummte Keel. „Nun gut, Cedrick, Sie haben einen Mann im NERV-Hauptquartier, oder irre ich
mich?“
„Nein, Herr Vorsitzender, Sie irren sich nicht. Ich werde meinen Agenten anweisen, Fuyutsuki bei sich bietender Gelegenheit uns vorzuführen.“
„Dann wäre das alles... General Cedrick, ich würde gern noch mit Ihnen etwas besprechen...“
Die anderen Teilnehmer der Konferenz blendeten sich aus, die Projektionen verschwanden eine nach der anderen.
„Herr Vorsitzender?“
„Ihre... lebende Waffe...“
„Sie meinen Larsen.“
„Ja. Sind Sie imstande, ihn zu kontrollieren?“
„Ja, Herr Vorsitzender. Die Gehirnwäsche, der wir ihn unterzogen haben, wird dafür sorgen, daß er seinen Auftrag ausführt, sobald wir ihn von der Kette lassen. Und
für alles weitere ha-ben wir einen Sprengsatz in seinem Schädel untergebracht, gleich neben dem PROPHET-Inter-face.“
„Wir haben Ikari schon zuviel Freiraum gelassen, das darf uns kein weiteres Mal passieren.“
„Seien Sie unbesorgt, ich werde selbst vor Ort sein und die... Durchführung überwachen.“
„Hm... tun Sie das... PROPHET-Interface... die MAGI-Rechner verfügen ebenfalls über eine solche Einrichtung, oder?“
„Korrekt. Die Schnittstelle wurde von der leider viel zu früh verstorbenen Naoko Akagi ent-wickelt und an Larsen erstmals getestet... ein Jammer, wer weiß, was sie noch entworfen
hät-te... und wenn sie damals nicht seine Persönlichkeit digitalisiert und entsprechend aufbereitet hätte, hätten wir wahrscheinlich keinen Einfluß auf ihn nehmen
können... wirklich schade...“
„Wenn wir das nächste Mal zusammenkommen, werde ich Ikari eine letzte Warnung zukom-men lassen, sollte er nicht verstehen, wird er unsere Gruppe verlassen müssen...
endgültig...“
*** NGE ***
Ikari wühlte sich regelrecht durch die angeforderten Tagesberichte.
Er war viel zu lange fortgewesen...
Offenbar waren seine Untergebenen doch nicht so zuverlässig, wie er geglaubt hatte, wie sonst hätte es möglich sein können, daß Shinji und der Rei-Klon zusammengezogen
sind...
All seine Arbeit, all seine Bemühungen, umsonst...
Aber Rei war ersetzbar, im Dogma gab es noch genug Körper, er mußte einfach nur den alten vernichten, einen neuen aktivieren und die Erinnerungen von Rei-II übertragen...
Erinnerungen aus der Zeit bevor der Klon und Yuis mißratener Sohn sich nähergekommen waren...
Und da traf ihn die nächste Überraschung: Es gab keine älteren Aufzeichnungen von Reis Ge-dächnis, es gab nur eine aktuelle Aufzeichnung im DummyPlug, die eine knappe Woche
alt war...
Ikari ballte die Fäuste, das heißt, er ballte die rechte und versuchte es mit der linken.
Akagi hatte die alten Informationen gelöscht... unwiederbringlich... außer einer, der Sicher-heitskopie, die er selbst angelegt und mit seinem persönlichen Code gesichert hatte...
doch die-se stammte ganz aus den Anfangstages, war über drei Jahre alt, war zu Beginn von Reis Ausbil-dung als EVA-Pilotin angefertigt worden... wenn er diese Aufzeichnung verwandte,
würde der nächste Klon zwar die nötige Emotionslosigkeit und auch keine Erinnerung an Shinji besitzen, würde ihm völlig gehorsam sein, aber er würde auch nicht
imstande sein, einen EVA zu steuern... Tabula Rasa...
Und momentan benötigte er die EVAs noch, um die Engel aufzuhalten, benötigte sie dringen-der denn je, damit sie eine Befreiung LILITHs verhinderten... und damit sie ihn und ADAM vor dem
Zorn der Engel schützten...
Natürlich konnte er dem Klon befehlen, sich von dem Bengel zu trennen, aber wozu würde das gut sein, hatte er sie nicht schon einmal angewiesen, den Kontakt zu dem Jungen zu
unterlas-sen? Und wenn die Berichte stimmten, schliefen die beiden sogar in einem Bett... nein, der Klon war nutzlos für die letzten Schritte des Planes. Nicht einmal in anderer Hinsicht
würde er Ikari noch nützlich sein können, denn wenn Shinji nicht ein gänzlich impotenter Eunuch war, hatte es garantiert schon genug Gelegenheiten gegeben, zu denen sie sich
körperlich vereint ha-ben dürften... der verdammte Bengel... er hätte ihn damals als Kind - spätestens nachdem er Yui los war - ertränken sollen, anstatt diesen gierigen
Pflegeeltern soviel Geld in den Arsch zu schieben, damit sie sich um ihn kümmerten...
In seiner Hand begann es wieder zu pochen...